„Sometimes Satan Comes As A Man Of Peace In The Long Black Coat“

Die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers und (Massen-)Verführers im Werk Bob Dylans

Copyright: Süddeutsche Zeitung

Einer der faszinierendsten Filme Robert Mitchums ist die „Nacht des Jägers“. Ein Film Noir-Western voll von düsterem magischem Realismus. Mitchums „Reverend Harry Powell“ variiert auf besonders gekonnte Weise die ur-amerikanische Figur des bösen Predigers, Scharlatans und (Massen-)Verführers. Genauso gekonnt, aber viel realistischer macht dies auch „Elmer Gantry“, das Film-Meisterwerk nach dem Roman von Sinclair Lewis. Bob Dylan, der wie kein anderer lebender Künstler so stetig an seinem Patchwork-Quilt des idealtypischen Amerikas und seiner populärer Mythen näht, kennt diese Figuren natürlich auch bestens und nimmt sie in seinem Werk immer Mal wieder in den Blick.

False Prophets

Zuletzt hat er dies auf seinem Album „Rough And Rowday Ways“ mit „False Prophet“ gemacht. Damals schrieb ich: „Auch „False Prophet“ ist nicht nur irgendwo zwischen Selbstporträt, Weltgeist und Teufel angesiedelt. Der „False Prophet“ steht auch für die in den USA wohlbekannte Figur des gefährlichen Predigers, des zur Gewalt anstiftenden Anführers. Robert Mitchum in „Die Nacht des Jägers“, Andy Griffith in „A Face In The Crowd“ oder William Shatner in „Weißer Terror“ haben ihm Gesichter gegeben. Dylan hat ihn in Songs wie „Man Of Peace“ oder „Man In The Long Black Coat“ verewigt. Diesmal scheint der amtierende Präsident als falscher Prophet benannt zu werden:

„Hello stranger, hello and goodbye
You rule the land but so do I
You lusty old mule, you got a poisoned brain
I’ll marry you to a ball and chain.“

Dass der Schatten des gehängten Mannes auf dem Cover von „False Prophet“ dem Orangefarbenen ähnelt, scheint ein weiterer Beleg dafür zu sein.“

Elmer Gantry und Donald Trump

Copyright: Metro Goldwyn Mayer

In der Zwischenzeit ist Trump abgewählt worden, hat den Mob dazu angestiftet, das Kapitol zu stürmen und nimmt trotzdem wieder Anlauf auf das Präsidentenamt. Er begeistert weiterhin die Massen. Wenn ein Film das Selbstverständnis und die Mechanismen dieser Verführer einfängt, dann ist das ohne Zweifel „Elmer Gantry“. Unwillkürlich muss man an Trump oder Boris Johnson denken, wenn Burt Lancaster mit wilden Haaren und großem Sendungsbewusstsein die evangelikale Religion als bestes Fundament für seinen Plan entdeckt, reich, mächtig und berühmt zu werden. „He knows every song of love that ever has been sung“, wie Bob Dylan in „Man Of Peace“ singt. Eben hier jeden Song der Liebe zu Gott.

Und obwohl letztendlich nur in sich selbst verliebt, üben Gantry wie Trump den Schulterschluss mit den Evangelikalen. Da darf man gespannt sein, wie es dann wird, sollte Mike Pence sich dazu entschließen, seinen Hut als Präsidentschaftskandidat in den Ring zu werfen. Pence ist quasi der William L. Morgan der Republikaner. So wie die Figur im Gantry-Film verachtete er den bösen Prediger, doch freute sich über die Macht und das Geld, das er seiner Kirche zuführte. Nun könnte er die „gemäßigteren“ Evangelikalen zu sich herüberziehen. Doch mittlerweile sind die Reihen der christlichen Nationalisten immer dichter und immer radikaler. Und stehen weiterhin zu Trump.

Ob Radiomoderator (Andy Griffith), falscher Prediger (Robert Mitchum, Burt Lancaster) oder Volkstribun des Hasses (William Shatner): Die Mechanismen sind immer dieselben. Und immer kommt das Böse im Gewand des Friedens: „Could Be The Fuhrer, could be the local priest, sometimes Satan comes as a man of peace.“

Copyright: Sony Music, Foto: William Claxton

Eine weitere Verführer-Figur bringt Dylan 1989 mit „Man In The Long Black Coat“ in sein Werk ein. Der unbekannte Mann im langen schwarzen Mantel nimmt die Frau einfach mit. Sie folgt ihm einfach.

„Not a word of goodbye, not even a note
She gone with the man
In the long black coat“

Und weiter:

„Somebody seen him hanging around
At the old dance hall on the outskirts of town
He looked into her eyes when she stopped him to ask
If he wanted to dance, he had a face like a mask
Somebody said from the Bible he’d quote
There was dust on the man
In the long black coat“

Ein Bild von Hörigkeit. Mit entsprechenden sexuellem als auch religiösem Kontext zwischen den Zeilen. So wie auch die Frau dem falschen Prediger Robert Mitchum verfällt, Elmer Gantry seine Affären hat und der Erweckungspredigerin die Unschuld raubt. So wie William Shatner in „Weißer Terror“ Frauen nachstellt: Macht, Sex und Religion sind in ihrer toxischen Mischung gerade im prüden evangelikalen Amerika ein böses Kontinuum.

Dylan weiß ein Lied davon zu singen:

„He’s a great humanitarian, he’s a great philanthropist
He knows just where to touch you, honey, and how you like to be kissed
He’ll put both his arms around you
You can feel the tender touch of the beast
You know that sometimes Satan comes as a man of peace“

Rough And Rowdy Ways

Auch die Wege der bösen Massenverführer sind „Rough And Rowdy Ways“. Dylan weiß um die Brutalität der amerikanischen Gesellschaft. Und wie nah Liebe und Hass, Verführung und Hörigkeit, Vergeltung und Mord einander sind. Die dunklen, bösen Songs auf seinem Album von 2020 sind daher möglicherweise die treffendsten Beschreibungen des neuen, gefährlichen Amerikas. Weil sie die Kontinuitäten und die Strukturen aufzeigen. Und Dylan nicht davor zurückschreckt, diese auch bei sich selbst zu finden.

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