Dylan spricht!

Warum Dylans Interview im Wall Street Journal wieder sehr aufschlussreich ist und damit den passenden Abschluss eines großen Dylan-Jahres bildet

Bob Dylan, © Sony Music

Dylans großes Interview zum neu erschienen Buch im „Wall Street Journal“ ist schlichtweg genauso lesenswert und informativ wie das Buch selbst. Denn Dylan lässt uns hier an seinen Gedanken, seinen künstlerischen Antrieb und seinen Arbeitsprozess teilhaben. Und dabei wird – wie auch beim Buch – klar: der Mann ist auch mit 81 Jahren ungebrochen kreativ, dabei sicherlich mittlerweile auch etwas sehr abgeklärt. Und wenn er auch im Buch hier und da mal in misogynen Anwandlungen einen raushaut – so ist er grundsätzlich doch zutiefst emphatisch und human und der Kunst verpflichtet.

Selbstbewusstsein und ironische Distanz bezüglich der eigenen Bedeutung

Dabei zeigt auch dieses Interview, dass zwischen Information und Selbststilisierung beim alten Dylan oft nur ein schmaler Grat liegt. Wenn er erzählt, die Enkel dachten, er hätte „Oh! Susanna“ geschrieben und die Andrew Sisters gekannt, so kann das sowohl die Anekdote eines liebenden Großvaters, als auch eine Selbsteinordnung als amerikanischer Populärmusiker zwischen Stephen Foster und den Andrew Sisters sein. Und wenn er humorvoll plaudert, dass, wenn Ringo Starr sein Drummer gewesen wäre, dann hätte er auch noch die Beatles sein können, dann zeigt das sowohl ein ironisch distanziertes Verhältnis als auch ein großes Selbstbewusstsein bezüglich seiner immensen musikhistorischen Bedeutung.

Die interessantesten Passagen des Interviews betreffen die moderne Technik und die Corona-Zeit. Dylan ist weder ein rückwärtsgewandter Maschinenstürmer noch ein Schwurbler. Auch wenn sie ihm – wie vielen anderen auch merkwürdig vorkam – hat Dylan ganz pragmatisch die Lockdown-Zeit genutzt, war künstlerisch und handwerklich tätig.

Technologie kann helfen und schaden

„Denken Sie, dass Technologie den Alltag und insbesondere die Kreativität unterstützt oder behindert?“, fragt Interviewer Jeff Slate. Und Dylan antwortet: „Ich denke es geht beides. Es kann die Kreativität behindern, oder es kann eine helfende Hand reichen und ein Assistent sein. Schöpferkraft kann durch den Alltag, das gewöhnliche Leben, das Leben im Hamsterkäfig aufgestaut oder verhindert werden. Eine Datenverarbeitungsmaschine oder ein Softwareprogramm könnte Ihnen helfen, da auszubrechen, Sie über den Berg zu bringen, aber Sie müssen früh aufstehen.“ Und: „Technik ist wie Zauberei, sie ist eine Zaubershow, sie beschwört Geister herauf, sie ist eine Verlängerung unseres Körpers, wie das Rad eine Verlängerung unseres Fußes ist. Aber es könnte der letzte Nagel sein, der in den Sarg der Zivilisation getrieben wird; wir wissen es einfach nicht.“

Und dann erinnert Dylan daran, dass der technische Fortschritt immer schon janusköpfig war. Gutes wie Schreckliches bewirkt hat. Brücken gebaut und Atombomben entwickelt. Die Frage ist immer, was macht die Menschheit aus welchem Antrieb aus ihren jeweiligen technischen Möglichkeiten.

Jede Tour ein eigenes Kunstwerk

Seine Aussagen zum Songschreiben und zum kreativen Prozess zeigen einen 81-jährigen, der sowohl einen unbändigen kreativen Input und Output hat, aber wohl auch seine Ruhepausen braucht. Lesenswert sind auch seine Aussagen zum Tourleben: „Du bist der Herr deines Schicksals. Du manipulierst die Realität und bewegst dich mit der richtigen Einstellung durch Zeit und Raum. Es ist kein einfacher Weg, kein Spiel und Spaß, es ist kein Disney World. Es ist ein offener Raum mit Betonpfeilern und einem Eisenboden, mit Verpflichtungen und Opfern.“

Hier zeigt sich erneut Dylans Arbeitsethos. Eine Konzerttour ist für ihn nicht nur die Möglichkeit zur Reproduktion seiner Kunstwerke vor Publikum, sondern ist selbst ein Kunstwerk. Er gestaltet Raum und Zeit, indem er für mehrere Woche an den verschiedensten Orten seine Musik vor Menschen spielt, beeinflusst er die Realität des großen Ganzen und jedes einzelnen Zuhörers. Jede Tour von Dylan, jede Show von Dylan ist anders. Auch wenn die Setlist jeden Abend die gleiche ist.

Den Schlüssel dazu, warum das so ist, liegt in der Antwort auf die Frage nach seinem favorisierten Musikgenre. Was er nennt – „Western Swing, Hillbilly, Jump Blues, Country Blues, Doo-wop, The Ink Spots, The Mills Brothers, Lowland ballads, Bill Monroe, Bluegrass, Boogie-Woogie“- ist jeden Abend in anderer Mischung in seinen Songs zu hören. Und die Akzentuierung der Mischung kann in einem Song von Abend zu Abend wechseln.

Erklärer seiner selbst

Und so wird Dylan dann doch irgendwie im fortgeschrittenen Alter ein Erklärer seiner selbst. Aber wie er das in diesem Interview wieder macht, ist lesenswert und reiht sich neben großartigen Konzertabenden und der Veröffentlichung eines wundervollen Buches in die tolle Bilanz dieses Jahres ein. Und schafft Vorfreude auf das Dylan-Jahr 2023!

Der Cowboy Band Blog wünscht damit allen seinen Lesern frohe Weihnachten und einen guten Rutsch! Weiter geht es hier im neuen Jahr!

Und natürlich wieder viel Freude mit Must Be Santa!

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