Bob Dylan, der Frieden, und der Krieg in der Ukraine

Der Songwriter großer Friedenslieder und seine jüdischen Wurzeln in Odessa

Copyright: Barry Feinstein

Es ist schwer in diesen Tagen, nicht an diesen verdammten Krieg zu denken. Und es ist auch unsere verdammte Pflicht, uns damit zu beschäftigen. So schreibe ich nun also auf diesem Blog einen Artikel mit Bezug zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. So wie ich es im Americana-Konzert am Abend des russischen Überfalls gesagt habe, so halte ich es mit diesem Blog auch. Ich will unterhalten mit Haltung. Nicht umsonst beschäftige ich auf meine Weise mit Bob Dylan und Americana: Die gesellschaftlichen Hintergründe und politischen Entwicklungen sind für mich wichtige Bezugsgrößen für das Werk eines Künstlers. Selbst wenn er sich explizit nicht als politischen Künstler sieht, so ist sein Werk doch immer auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und das macht es für mich gerade spannend.

Die Haltung des Blog-Autors

Der Autor dieses Blogs verurteilt den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf das Schärfste. Es gibt keine Rechtfertigung dafür. Die brutal und menschenverachtend umgesetzten Großreichsfantasien eines ehemaligen KGB-Geheimdienstlers lassen sich nicht durch falsche politische Entscheidungen auf NATO oder EU-Ebene entschuldigen. Die Ukraine hat alles Recht der Welt, sich zu verteidigen und sollte darin auch unterstützt werden. Gleichwohl darf kein Automatismus des Militarismus gelten. Es muss auch weiterhin nach einer diplomatischen Lösung gesucht werden. Das Primat der Politik und zivile Konfliktlösungsstrategien sind weiterhin notwendig und unabdingbar. Dies jedoch ist nicht zu verwechseln mit Appeasement zu jedem Preis. Denn wir wissen ja, dass bei Putin sich ideologische Verblendung mit abseitigen Charakterzügen paart.

Jedes Land muss sich verteidigen können. Die Bundeswehr aber mal schnell mit 100 Milliarden auszustatten, muss kritisiert werden und hinterlässt die Frage, warum für Gesundheitswesen, Infrastruktur und Sozialpolitik keine Gelder in dieser Größenordnung da sind. Die Probleme der Bundeswehr liegen in erster Linie nicht an zu wenig Geld, sondern an dem Umgang mit den finanziellen Mitteln, an Bürokratie und Vergabepraxis.

Aber: Auch die jahrzehntelange Abwesenheit des Krieges zwischen Nationen hat Europa nicht einem Hort des Friedens gemacht. Bürgerkriege, ethnische Konflikte oder der Umgang mit Flüchtlingen an den europäischen Grenzen sind alles andere als friedfertig. Auch das gilt es zur Kenntnis zu nehmen und in unsere Anti-Kriegsproteste einzuschließen.

Dylan, der Frieden und die Sache des Friedens

Bob Dylan und Joan Baez 1984, Copyright: Wikimedia Commons

Ich habe mir für diesen Beitrag die Aufgabe gestellt, über das ebenso naheliegende wie notwendige Thema Dylan-Songs zu Krieg und Frieden, auch auf die Wurzeln seiner Familie Väterlicherseits, die aus Odessa aus der heutigen Ukraine stammen, zu sprechen zu kommen.

Bob Dylan hat unvergängliche Songs geschrieben, die zum Soundtrack jeder Anti-Kriegskundgebung gehören: Masters Of War, A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Blowin‘ In The Wind natürlich. Die sind in der Zeit der Kuba-Krise und Vietnamkrieg entstanden, als Dylan noch Teil der linken, jungen Protestbewegung war, die sich in der Folkszene sammelte. Später wandte er sich bekanntermaßen von der politisierten Folkszene ab. Er wollte kein Anführer einer politischen Jugendbewegung sein und trat schon gar nicht bei politischen Veranstaltungen auf.

Ausgerechnet während der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die sogenannte NATO-Nachrüstung tritt Dylan dann aber 1982 beim „Peace Sunday“ in Pasadena, Kalifornien zusammen mit Joan Baez auf. Und sein Album „Infidels“ enthält mit „License To Kill“ einen Song, den Günter Amendt damals als „schönstes zeitgenössisches Friedenslied“ bezeichnete.

Umso größer dann die Entrüstung, als Dylan sich bei der 1984er Tour auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Friedensbewegung sich keineswegs mit den Demonstrationen beschäftigen will, und gelangweilt auf entsprechende Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz in Hamburg antwortet. Er hätte angeblich nur gehört von der aktuellen Friedensbewegung und hätte sicher auch nicht gerne Missiles in seinem Hinterhof. Und überhaupt, er sei vielleicht mal ein Protestsänger gewesen, aber er wäre nicht so tief im politischen Geschehen drin.

Die Person Dylan ist im Gegensatz zu den Songs einfach nicht zu gebrauchen für politische Demonstrationen. Von ihm ist auch die interessante Aussage überliefert, dass er sehr wohl sich für den Frieden einsetze, aber nicht für die „Sache des Friedens“. Auch hier wieder keine Bereitschaft, sich von irgendwelchen Organisationen oder Bündnissen für den Frieden einspannen zu lassen.

Zudem ist auch klar, dass Dylan keineswegs Pazifist ist. Eher ein Antimilitarist, der nicht noch die andere Wange hinhalten will, sondern ein Recht auf Selbstverteidigung anerkennt. So ganz klar für den Staat Israel im Song „Neighbourhood Bully“ und Dylans eigene Autobiographie „Chronicles“ zeigt, dass er auch keineswegs Schusswaffen verurteilt. Einer seiner neueren Songs, „Mother Of Muses“ zeugt auch für seine Anerkennung von Kriegen, wenn sie der Abschaffung der Sklaverei oder der Befreiung von Hitler-Deutschland dienen:

„Sing of Sherman – Montgomery and Scott
Sing of Zhukov and Patton and the battles they fought
Who cleared the path for Presley to sing
Who carved out the path for Martin Luther King
Who did what they did and then went on their way
Man, I could tell their stories all day“

Dylans klassische Protestsongs sind großartige Hymnen gegen den Wahnwitz des Krieges, der im Übrigen überall auf der Welt tobt. Sie sind aber nicht die Gedanken eines Pazifisten.

Bob Dylans Wurzeln in Odessa

Odessa, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylans Familie, also Robert Allen Zimmermans Familie väterlicherseits, stammt aus Odessa im russischen Reich, später erst Teil der Volksrepublik Ukraine, dann der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine und schließlich seit Dezember 1991 Teil des unabhängigen und souveränen Staats Ukraine. 1907 flohen Dylans Großeltern vor den russischen Pogromen aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Mit fast 40 Prozent Juden unter der Einwohnerschaft war Odessa damals ein kulturelles Zentrum der Juden in Osteuropa. Und ein politisches dazu. Teils waren die ansässigen Juden Zionisten, die ja später den Staat Israel gründeten, andere Kommunisten. Manche auch beides. Es gab eine starke jüdisch-progressive Arbeiterbewegung – der Singer-Songwriter Daniel Kahn erinnert in seinen spannenden  Projekten an dieses Erbe – und auch die zionistische Kibbuz-Bewegung hat kommunistisch-sozialistische Elemente.

Es ist anzunehmen, dass aus dieser familiären Odessa-gestützten Prägung heraus der junge Robert ins zionistische Jugendcamp geschickt wurde und Dylan bis heute sowohl den Demokraten und dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit als auch dem Staat Israel nahe steht.

Der amtierende Präsident des souveränen Staates Ukraine, der gerade völkerrechtswidrig vom Putin-Russland überfallen wurde, Wolodymyr Selenskyj, ist ukrainischer Jude und als Schauspieler und Regisseur sicher auch ein weiteres Glied in der Kette jüdischer Kulturschaffender in Osteuropa. Von einer Ent-Nazifizierung der Ukraine als Kriegsgrund zu sprechen, wie es Putin gerade tut, ist eine einzige monströse Lüge. Es geht ihm einzig und allein um die Wiederherstellung des Russischen Reiches.

Bob Dylans Kunst hat – auch wenn sie nach Form und Inhalt amerikanisch ist – sicher auch mit den familiären Wurzeln in der jüdischen Kulturmetropole Odessa zu tun. Dylan Poesie, sein Judentum, sein Menschenbild, seine gesellschaftliche Sichtweise ist in der westlichen Hemisphäre verortet, und doch führen die Spuren auch in die kulturelle Vielfalt des Odessas Anfang des 20. Jahrhunderts. Vor wenigen Jahren fand in Odessa sogar eine Kampagne statt, die an die Wurzeln des Literatur-Nobelpreisträgers in der Stadt erinnerte. Ehrlicherweise mit nicht übermäßig großer Aufmerksamkeit versehen. (Siehe: https://www.timesofisrael.com/poetry-and-revolution-searching-for-bob-dylan-in-ukraine/)

Die Juden waren sowohl im Zarenreich, als auch in der Sowjetunion immer Gefahren ausgesetzt. Daher sind sie immer wieder in den Westen geflohen und haben dort wichtige kulturelle Spuren hinterlassen. Auch wenn Putin die Juden gerne umarmt, um seine geostrategischen Ziele zu erreichen, sollte man sich nicht täuschen lassen. Putin träumt von einem erneuten russischen Großreich. Da steht zu befürchten, dass er jederzeit auch wieder die Karte des Antisemitismus ziehen kann.

Eine Antwort to “Bob Dylan, der Frieden, und der Krieg in der Ukraine”

  1. HPT Says:

    Aktuell ist es wirklich besonders wichtig daran zu erinnern, dass 100 Milliarden weitaus besser investiert werden können (von der weltweiten Ressourcen-Verschwendung für Militärisches ganz zu schweigen) – gerade wenn der neue common sense uns belehren will, dass die Friedensaktivisten eigentlich nur nützliche Idioten für die Kriegstreiber dieser Welt waren. (Auch wenn es weltweit an vielen Orten furchtbare Kriege gab und gibt: Für mich und meine Generation hat sich das Bemühen um Frieden gelohnt. Zu meinen Lebzeiten gab es auf deutschem Territorium keinen Krieg – anders als zu Lebzeiten meiner Eltern und Großeltern, die gleich zwei oder drei mörderische Kriege zu ertragen hatten).
    Viele Kriege dieser Welt wären durch eine gerechtere Verteilung des Wohlstands sicher zu verhindern gewesen (der Putin-Krieg vielleicht nicht, der wäre vielleicht – vielleicht auch nicht – durch eine andere Politik gegenüber dem Verlierer des Kalten Krieges, also gegenüber Rüssland, zu vermeiden gewesen, was Putins Verbrechen aber nicht entschuldigen kann)
    Pazifist kann man übrigens auch sein, wenn man das Recht auf Selbstverteidigung bejaht (In dem Zusammenhang erinnere ich mich an die Gewissensprüfung für Kriegsdienstverweigerer, die u.a. absurd befragt wurden, ob sie aufgrund ihrer pazifistischen Überzeugung der Vergewaltigung ihrer Freundin tatenlos zusehen würden).
    Zugegen haben wir inzwischen Alten damals vielleicht zu blauäugig eine friedfertige Welt herbeigesehnt. Und vielleicht gibt es anders als erhofft keine Alternative zu einer für die Landesverteidigung ausreichend gerüsteten Bundeswehr. Ganz sicher ist aber, dass wir noch mehr Kraft in Friedensprojekte stecken müssen.
    Ja, Putin wäre durch friedensbewegte Aktivitäten nicht zu stoppen gewesen, er ist es zur Zeit ganz sicher nicht. So ist das vielleicht mit von absurden Ideen Besessenen (wir haben davon einige auch in unserem Land). Aber perspektivisch ist es sicher nicht sinnvoll, ausschließlich auf Militär zu setzen.
    Und zu Bob – bei aller Begeisterung für sein aktuelles Album und für die aktuelle Setlist: Er muss keine Rede halten, er sollte es vielleicht auch gar nicht. Ich würde es aber begrüßen, wenn er seine Routine unterbrechen würde und angesichts der Opfer „Masters of War“ oder einen anderen Song gegen die Kriegstreiber und -gewinnler (die es mit absoluter Sicherheit auch in diesem Krieg geben wird – s. schon jetzt, welche Kurssprünge die Aktien der Rüstungsindustrie gemacht haben) und für die Menschen in der Ukraine spielen würde. Schließlich und endlich hat er im letzten Tourabschnitt schon einiger Künstler des jeweiligen Auftrittsorts gedacht, er hat auch schon verstorbener Künstler öffentlich gedacht. Warum also nicht auch der Menschen in der Ukraine?!
    Aber bekanntlich macht Bob was Bob machen will!
    HP

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