Dylan, Lennon und die Beatles

Zwei neue Bücher geben Auskunft über die Beziehungen zwischen den Ikonen der Pop- und Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre

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Von den Beatles die Musik, von Dylan die Texte. Auf diese einfache Formel scheint man immer noch die größten Einflüsse der westlichen Popmusik der 1960er und 1970er Jahre bringen. Und doch ist das Zusammenspiel und die Wirkung der Fab Four vom Mersey River und dem Songwriter-Papst aus Hibbing, Minnesota, gleichwohl verschränkter und komplexer.

Wer dem nachgehen will, dem sind zwei kürzlich erschienene Bücher empfohlen. „One, Two, Three, Four. Die fabelhaften der Jahre der Beatles“ von Craig Brown erzählt die eigentlich schon auserzählte Geschichte der Pilzköpfe auf’s Neue. Und das in so gekonnter Weise, das man dann doch staunt, was man über die „Fab Four“ so alles nicht wusste.

Browns Kaleidoskop entdeckt die Beatles neu

Denn Brown erzählt nicht chronologisch die Geschichte nach, sondern geht schlaglichtartig vor, in dem er Anekdoten, Geschichten und Reflexionen verbindet, aus Tagebucheinträgen, Fanbriefen und Partylisten zitiert und so ein buntes Kaleidoskop des Beatles-Kosmos vorlegt, der stets unterhaltsam und oftmals auch witzig ist. Die verschiedenen Collageteile ergeben dann am Ende doch eine Geschichte. Die menschliche, manchmal rührend, manchmal wundersame Geschichte einer Band aus vier Jungs aus Liverpool, die die (musikalische) Welt verändert haben.

Bob Dylan kommt hier nicht so oft vor, aber wenn, dann stets beziehungsreich. Dass Dylan die Beatles an Marihuana herangeführt hat, ist natürlich nix neues. Aber wie der Autor hier die erste Begegnung der Pop-Großmeister schildert – natürlich mit „I get high“ statt „I can’t hide – ist schon sehr fein notiert. Ganz klar sehen die Beatles in Dylan ihren Meister und Lennon ahmt ihn Aufnahmen dieser Zeit sogar unbewusst nach. Kein Wunder, dass Lennon da später von Dylan enttäuscht sein musste.

An einer anderen Stelle erwähnt dann Brown, dass Dylan bis in die jüngste Vergangenheit Lennon nicht losgelassen hat. Am Rand eines Konzerts besuchte er Mendips, Lennons Childhood Home. Und natürlich wird auch nicht Lennons spätere Kritik an Dylans Songwriting – „man sagt nicht was man meint, sondern erzeugt den Eindruck von etwas“ – unterschlagen.

Ein in vielerlei Hinsicht gelungenes Buch, das die Beatles-Geschichte in einer etwas anderen Form wieder spannend und entdeckenswert macht.

Ganz dem komplexen Verhältnis von Dylan und Lennon widmet sich Jon Stewart in seinem Buch „Dylan, Lennon, Marx And God“. Er erforscht die Beziehung der beiden, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand der Perspektive dreier Schlüsselthemen: Protest, Geschichte und Spiritualität.

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Zu Protest, Geschichte und Spiritualität bei Dylan und Lennon

So arbeitet Stewart heraus, dass im Grunde Lennons Songs viel kompatibler für politische Bewegungen sind als die von Dylan. Lennon verkündet vermeintliche Wahrheiten und klare Meinungen wo Dylan Fragen stellt und den Hörenden überlässt, Schlüsse zu ziehen. Ironie der Geschichte: Der große Dylan-Kritikaster Lennon, der dies Dylan immer vorgeworden hatte, distanziert sich sogar in seiner „Hausmann-Phase“ von seiner Agit Prop-Attitüde.

Im Kapitel zur Historie führt Stewart das Geschichtsverständnis von Lennon zurück auf das Bewusstsein über seine migrantische Herkunft aus Irland und der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse, während Dylan hier auf dem Amerikanischen Transzendentalismus von Thoreau und Emerson und dessen Einfluss auf Melville und Whitman fußt. Auch hier wieder die ironische Entwickung. Mit dem Erfolg des Sgt. Pepper-Album wird EMI-Records zu einer globalen Marke und die Beatles zum Imageträger von „Swingin‘ London“ während sich das „British Empire“ eigentlich in Auflösung befindet. Währenddessen spielt Dylan einfach, schlichte amerikanische Roots-Musik („John Wesley Harding“), die aufgrund ihrer Retro-Simplizität keine Blaupause für globalen Erfolg bietet und damit eher quer zur kapitalistischen Verwertbarkeit steht. Lennon wie Dylan gebührt jedoch gleichermaßen der Verdienst, die Widersprüche des Spätkapitalismus und die Verlorenheit des Individuums in dieser modernen, verwalteten Welt mittels ihrer Musik dargestellt zu haben.

Im Abschnitt zur Spiritualität der beiden weist er nach, dass sowohl Lennons Sinnsuche in Marxistischen Zusammenhängen, als auch Dylan Studien der jüdischen Orthodoxie oder des evangelikalen Fundamentalismus den Fundus der Sinnzusammenhänge westlicher Popmusik verbreitert hat. Auch hier haben sie – bei aller Umstrittenheit ihrer Konversionen – grundlegendes geleistet.

Stewart kommt dann am Ende des Buchs zum Schluss, dass Lennon und Dylan wie keine anderen Musikerpersönlichkeiten unser Zeit, die Spannungen und Brüche der Gesellschaft und der Kultur benannt und große Knust daraus geschöpft haben. Und auch wenn wir heutzutage vor ganz anderen Problemen stehen wie in letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, so sieht Stewart die Relevanz der beiden ungebrochen, wenn es darum geht sich an ihrer Kunst ein Beispiel zu nehmen.

Fazit: John Stewarts Buch ist eine Fleißarbeit, aus der man auch einigen Kenntnisgewinn zieht. Man merkt aber immer wieder, dass es eine wissenschaftliche Arbeit ist, dass ein sehr ernsthafter Antrieb dahintersteckt. Jon Stewart, Gitarrist bei der Britpop-Band „Sleepers“ und den Indie-Rockern von „Wedding Present“ ist hier manchmal etwas zu akademisch unterwegs. Beide Bücher haben aber ihre Berechtigung und ihren Wert. Das von Stewart, weil es sehr fleißig und profund wissenschaftlich gehalten ist, das von Brown, weil es gut unterhält, und eine lebensnahe Farbigkeit hat. Zwei Bücher mehr, die man als Dylan oder Beatles-Fans gelesen haben sollte.

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