Musik für die Seele

Biber Herrmann spielt – unterstützt von Anja Sachs – in Jugenheim ein ganz feines Folk- und Blueskonzert und trifft dabei im doppelten Wortsinn genau die richtigen Töne in Zeiten von Krieg und Pandemie

Copyright: Thomas Waldherr

Man dachte schon, man könne es gar nicht mehr hören: „Blowin‘ In The Wind“. Bob Dylans Meisterwerk, über die Zeit dermaßen an Lagerfeuern zerschrammelt oder andernorts pathetisch aufgeladen, so dass es der Meister selbst jahrelang nur ironisch gebrochen oder gar lustlos nölend zum Besten gegeben hat. Dass dieser Song dennoch zu einem der vielen Höhepunkte in Biber Herrmanns Konzert am vergangenen Samstag in Jugenheim wurde, liegt alleine an der Intention und dem musikalischen Können des Interpreten.

Melancholie und ein Schuss Ungläubigkeit

Biber Herrmann verschob nur ein paar Töne und Akkorde, und hatte die in diesen Zeiten richtige Haltung zum Song entwickelt. Nicht triumphal, pathetisch, selbstvergewissernd, auch nicht lyrisch-messianisch wie auf einem Kirchentag. Nein, Herrmann, einer der besten und wichtigsten Folk- und Bluesmusiker hierzulande, spielte es leise, mit Melancholie und einem Schuss Ungläubigkeit. Immer wieder Kriege, Blutvergießen, Verbrechen und Rüstungsspirale wegen Machtspielen, Territorialansprüchen, geo-politischen und wirtschaftlichen Interessen. Man hält es einfach nicht mehr aus und ist ein Stück weit ratlos.

„Last Exit Paradise“

Copyright: Happy Owl Records

Der aus dem Rheingau stammende Herrmann stellte Songs aus seinem neuen Album „Last Exit Paradise“ vor, welches wie so vieles, in der durch die Pandemie bedingte Konzertpause entstanden ist. Der Gitarrenvirtuose Herrmann scheint in dieser Zeit noch besser geworden zu sein, und ist gleichzeitig als Songwriter, als Texter, auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Und geht neue Wege. Spielt zwei Songs erstmals am Klavier. Seine Songs scheinen ein Stück weit persönlicher geworden zu sein. So erzählt er auf Englisch in „Place To Die“ über seine Mutter und leitet “Wie ein Leuchten in der Ewigkeit“ mit Erinnerungen an den Vater ein. Das seine Eltern aus der Kriegsgeneration stammen und sein Vater im Krieg traumatisiert war und wie so viele Väter dieser Zeit ihre Gefühle nicht teilen konnten, bekommt unter den Umständen des Krieges in Europa beklemmende Aktualität.

Mal nachdenklich, mal fröhlich

Aber Herrmann schafft es mit seiner ruhigen, freundlichen und humorvollen Art aber auch die Menschen im Saal für zwei Stunden raus aus der Welt zu holen und zu unterhalten. Sein fröhlicher Blues über die Krötenwanderung (!), „Toddy’s Toad Migration“, lässt die Leute schmunzeln und sein Song „Northern Light“ über einen gemeinsamen Urlaub in Dänemark mit seiner Partnerin Anja Sachs gibt einem die Freude an der Welt zurück. Liedermacherin Anja Sachs hatte mit drei Stücken ihres aktuellen deutschsprachigen Albums „Mu“ das Konzert eröffnet und mit ihren schönen, mal nachdenklich, mal fröhlichen Songs den Boden bestens bereitet. Später unterstützte sie Biber Herrmann dann auch bei ein paar Stücken gesanglich.

Copyright: Thomas Waldherr

Neben den eigenen Songs spielt der Sänger an diesem Abend auch Stücke von Bluesgrößen wie Robert Johnson, Muddy Waters und Willie Dixon, erzählt von seinen Jahren auf Lesereise mit Fritz Rau, und lässt sein ganzes musikalisches Können aufblitzen, wenn er nur mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang eine ganze sechsköpfige Band erklingen lässt.

Musik für die Seele

Es war genau das richtige Konzert in diesen Zeiten. Humorvoll und unterhaltsam, ohne zu laut zu sein und menschlich und nachdenklich angesichts der Krisen unserer Zeit, ohne in absolute Wahrheiten zu verfallen.

Auch an diesem Abend hat Biber Herrmann wieder bewiesen, warum ihn Fritz Rau zu Recht einmal als „Soulbrother“ bezeichnet hat. Denn Biber macht Musik für die Seele.  

Biber Herrmann spielt am Donnerstag, 29. September, bei „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ in der Bessunger Knabenschule in Darmstadt.

Eine Antwort to “Musik für die Seele”

  1. Bernd Hoelzel Says:

    Hallo Thomas, kann dir nur zustimmen. War ein sehr schönes Konzert und der aktuellen Situation angepasst
    Leider haben die Lilien nicht so ganz mitgespielt. Sonst wäre es ein perfekter Abend geworden
    Gruß Bernd

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