Stephen Foster: Nelly Was A Lady

Bob Dylan nimmt den Song in seine Essay-Sammlung „Die Philosophie des modernen Songs“ auf

Stephen Foster, Copyright: Wikimedia Commons

Klar, dass das irgendwann passieren musste. Die Inhaltsangabe des mit Spannung erwarteten Dylan-Buches „Die Philosophie des modernen Songs“ wurde „geleakt“. Und die Dylan-Welt hat wieder einiges zu diskutieren. Und die Bandbereite der ausgewählten Songs ist typisch Dylan und erinnert uns an seine „Theme Time Radio Hour“.

Es geht quer durch alle Genres. Von Country zu Blues, von Bluegrass zu Swing. Johnny Cash und Waylon Jennings sind genauso vertreten wie Ray Charles, Little Richard und die Temptations. Auch alte Folksongs sind dabei. Und „Nelly Was A Lady“ von Stephen Foster. Einem wirklich wichtigen Stück amerikanischer Musikgeschichte. Das Dylan sicher ganz bewusst aus Fosters Fundus ausgewählt hat.

Nelly Was A Lady

Down on de Mississippi floating,
Long time I trabble on de way,
All night de cottonwood a toting,
Sing for my true lub all de day.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Now I’m unhappy, and I’m weeping,
Can’t tote de cottonwood no more;
Last night, while Nelly was a sleeping,
Death came a knockin‘ at de door.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

When I saw my Nelly in de morning,
Smile till she open’d up her eyes,
Seem’d like de light ob day a dawning,
Jist ‚fore de sun begin to rise.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Close by de margin ob de water,
Whar de lone weeping willow grows,
Dar lib’d Virginny’s lubly daughter;
Dar she in death may find repose.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Down in de meadow, ‚mong de clober,
Walk wid my Nelly by my side;
Now all dem happy days am ober,
Farewell, my dark Virginny bride.

Nelly was a lady,
Last night she died,
Toll de bell for lubly Nell,
My dark Virginny bride.

Dylan verehrt Stephen Foster, der als erster US-amerikanischer populärer Songwriter gilt. Foster hat Songs für Minstrel Shows geschrieben, aber bald – unter dem Einfluss von Harriet Beecher Stowe („Onkel Toms Hütte) – entwickelte sich Foster zu einem Gegner der Sklaverei- und schrieb Lieder, die in den Minstrel Show nicht zu Rassismus, sondern zum Mitgefühl mit den versklavten Schwarzen führen sollten.

Foster schreibt Minstrel Songs voller Mitgefühl für die Schwarzen

Der von Dylan ausgewählte Song zeigt dies deutlich auf. Ken Emerson schreibt in „Doo-Dah! Stephen Foster and the Rise of American Popular Culture“: „‚Nelly was a Lady‘ war ein Meilenstein in Stephen Fosters Entwicklung … Indem er das Minstrel-Liedchen mit der Parlor-Ballade verschmolz, überwand und löste er nicht nur einige seiner eigenen musikalischen Ambivalenzen und Konflikte – das Hin und Her zwischen Seriosität und Rebellion, das Bourgeoisie und das Derbe – er versöhnte auch Schwarz und Weiß und rettete Blackface vor dem offenkundigen Rassismus, der es von Anfang an geprägt hatte.“ Abgesehen, dass Blackface trotz Fosters Wirken weiterhin rassistisch war, und die „Versöhnung“ hier eine übertriebene und falsche Kategorie ist, war des Komponisten Haltung zur Sklaverei von Ablehnung und zur Lage der Schwarzen in den USA von Mitgefühl geprägt.

Denn Foster macht in diesem 1849 veröffentlichten Song schwarze Menschen zu Subjekten, zu liebenden Ehemännern und Ehefrauen. Er bezeichnet eine schwarze Frau gar als „Lady“. Bis dahin undenkbar, gerade in den US-Südstaaten.  Zwar war er auch Kind seiner Zeit – er veröffentlichte den Song in der Sammlung „Foster’s Ethiopian Melodies“ und die Christy Minstrels machten ihn zum Hit. Aber die Haltung von Foster zu den Afroamerikanern ist eine andere, als die herabwürdigende, rassistische vieler seiner Kollegen in den Minstrel Shows.

Klagesong für eine schwarze Frau

Der Song ist der Klagesong eines alten schwarzen Sklaven, dessen Ehefrau im Schlaf gestorben ist. Die kenntnisreiche Website www.secondhandsongs.com zählt zehn Versionen des Songs auf Tonträgern. Von den frühesten Aufnahmen – Frank Coombs 1910 und Alma Gluck 1919 bis zur jüngsten Aufnahme von Norma Waterson und Eliza Carthy aus dem Jahr 2018. Nicht dabei ist sie schöne Version der Gruppe River Wheel von 2010, die den Song folkig anlegt, während die meisten anderen ihn als Parlor (Salon)-Song interpretieren. So wie das Dylan selbst mit Fosters „Hard Times“ 1992/93 so faszinierend gemacht hat. Interessanterweise gibt es mit Alvin Youngblood Harts Fassung von 2004 auch eine Version, die von einem Afroamerikaner und Bluesmusiker aufgenommen wurde. Aber auch er bleibt beim Parlor Song.

Dylan als Kenner amerikanischer Populärmusik

Dylan zeigt uns mit seiner Songauswahl, so wie auch beim jüngsten „Whiskey Special“ seiner Radio Show ganz selbstverständlich auf, dass es die amerikanische Populärmusik ohne ihre afroamerikanischen Beiträge gar nicht geben würde. Ebenso wenig wie ohne kulturelle Aneignung. Doch dazu hatten wir ja gerade erst an dieser Stelle den Versuch einer differenzierten Betrachtung gemacht.

Es bleibt die sich steigernde Vorfreude auf das Dylan’sche Buch. Denn Dylan ist nicht nur einer der größten Künstler unserer Zeit. Er ist auch einer der größten Kenner der amerikanischen Populärmusik und hat dazu immer etwas erhellendes zu sagen. Und das meist auch noch sehr kurzweilig, wie seine MusiCares Speech von 2015 bewiesen hat: Ach, wäre es nur schon November…

Alvin Youngblood Harts Version von Nelly Was A Lady:

https://sonichits.com/video/Stephen_Foster/Nelly_Was_A_Lady-Alvin_Youngblood_Hart?track=1

2 Antworten to “Stephen Foster: Nelly Was A Lady”

  1. Norbert Schmidt Says:

    Hallo
    Danke – sehr erhellender Beitrag (wie immer)
    im letzten Absatz – Denn Dylan ist nur einer der größten Künstler unserer Zeit – fehlt vermutlich ein ’nicht‘ vor dem ’nur‘

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