Dunkelgraue Dekonstruktionen

Berliner Bob Dylan-Tagebuch I (Konzert vom 5. Oktober 2022)

Dylans letzte vorherige Konzertreise durch Deutschland fand 2019 statt und wir erlebten einen aufgeräumten, spielfreudigen, bisweilen sogar sehr gut gelaunten Künstler. Drei Jahre später, eine Pandemie, eine Reihe apokalyptischer Naturkatastrophen infolge der Erderwärmung, und ein Krieg mitten in Europa mit Weltenbrand-Potential inklusive, ist wieder einmal – und jetzt erst recht – alles anders.

Dylan ist gebrechlicher, noch wackeliger geworden. Nur dreimal verlässt er beim ersten Berliner Konzert seine sitzende Position hinter dem Klavier, um sich zu zeigen und die Andeutung einer Verbeugung zu vollführen. Es dauert auch eine ganze Weile bis man ihn erstmals über sein sperriges Klavier lunsen sieht. Anfangs im sehr langen Instrumental-Intro von „Watching The River Flow“ fragt man sich sogar, ob er denn auf der Bühne ist, bis man seinen linken Arm erkennt, dessen Ende die Tasten bearbeitet.

Auch die Stimme ist am Anfang noch nicht richtig da, sowohl von ihm, als auch vom Soundingenieur scheint es da noch Anlaufschwierigkeiten zu geben. Doch irgendwann sind die alle überwunden und Dylans Kopf ist zumindest beim Singen sichtbar. Und dieses Singen ist dann einmal mehr und noch entschiedener zwischen deklamieren und predigen angesiedelt. Man versteht jedes Wort und erlebt die Texte voller Spannung mit, hört wie die Songs und Erzählungen sich entwickeln. Der Songwriter, der ein Bildermaler und kein Storyteller ist, hat uns einiges mit auf den Weg zu geben.

Die Stimmung der Songs ist dunkelgrau. Dylan 2022 hat seinen Songs von „Rough And Rowdy Ways“ auch noch den letzten optimistischen Ton ausgetrieben. Wo „Key West“ frische Seeluft und den Geist der Utopie atmete, wirkt es nun desillusioniert. Dylan glaubt seiner Utopie nicht mehr. In der Welt der „Zeitenwende“ absolut verständlich.

Aber Dylans Stimmung dieser Jahre ist ohne hin von Dunkelheit, Schatten und was dort geschieht, geprägt. Auch die alten Songs wie „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „To Be Alone With You“ – im Original von unbekümmerter Vitalität und Lebensfreude, werden von Dylan auf die dunkle, problematische Seite von Liebe und Begehren, und damit in die inhaltliche Nähe zu „Soon After Midnight“ von Tempest gerückt. Selbst „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ erlangt in Berlin eine gewisse Doppelbödigkeit. Alleine „Every Grain Of Sand“ scheint an diesem Abend ein positiver Ausdruck von Dylans Liebe und Glauben.

Musikalisch erleben wir also ein Kammerspiel in Moll, das mit einem Rock- oder Folk-Konzert nicht mehr viel zu tun hat. Denn Dylan dekonstruiert diese Musiken, indem er sie verlangsamt und sie Schritt für Schritt gut hörbar in ihre Einzelteile zerlegt. Er legt die Wurzeln frei: In dunklen, langsamen, schweren Bluestönen bei „Goodbye Jimmy Reed“. Er findet bei „Masterpiece“ ein musikalisches Gewand, das mit einem fernen Echo an Wiener Schrammel-Volksmusik erinnert. Die Baccharole von Offenbach bei „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“, und die Menuett-artigen Klaviertöne, die in ein paar Stücke eingestreut werden, zeigen ebenfalls die Verwandtschaft zur europäischen Unterhaltungsmusik auf. Und „Mother Of Muses“ wird zu einer Art „Parlor-Song“, dessen Klassiker wir „Hard Times“ von Stephen Foster ja zu Folksongs wurden.

Dylan bleibt bei allen dunklen Stimmungen ein Musikhistoriker. Seine derzeitigen Vorlesungen sind nicht leichtfüßig oder hip, sondern schwer und tiefgründig. Aber sie sind faszinierend und spannend. Nächste Lektion in der Verti Music Hall folgt.

Setlist Berlin, Verti Music Hall, 5. Oktober 2022

1.         Watching The River Flow

2.         Most Likely You Go Your Way (and I’ll Go Mine)

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version of You

8.         I’ll Be Your Baby Tonight

9.         Crossing The Rubicon

10.       To Be Alone With You

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       Gotta Serve Somebody

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       That Old Black Magic

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

—         Band introductions

17.       Every Grain of Sand

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