Greil Marcus: Folk Music. A Bob Dylan Biography in Seven Songs

Das neue Buch des Popkritik-Altmeisters erfreut und erhellt, hat aber nicht die Dichte und Stärke früherer Werke

Greil Marcus ist der vielleicht legendärste lebende Popmusikjournalist. Sein ganzes Arbeitsleben lang hat er immer wieder über die Musik von Bob Dylan geschrieben (in der nächsten Ausgabe von Key West beschäftige ich mich systematisch damit). Wohlgemerkt über die Musik und weniger über Dylans Leben. Und so ist diese neue Bob Dylan-Biografie in sieben Songs ebenso wenig eine Biographie wie Dylans 66 Essays über Songs eine Philosophie darstellen. Und beides ist auch überhaupt nicht schlimm. Gut lesbar und erhellend sind beide.

Musik im geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext

Greil Marcus ist ein Meister seines Fachs, wenn es darum geht Musik in einen gesellschaftlichen, historischen, oder ideengeschichtlichen Kontext zu stellen. „Lipstick Traces“, „The Dustbin Of History“ oder „Invisible Republic“ sind popjournalistische Meisterwerke und haben mich stark geprägt in meiner Art, über Musik zu schreiben. Vielleicht war daher die Erwartung an den „neuen Marcus“ dann auch zu hoch. Denn so vergnüglich und erhellend das Buch ist, am Ende hätte ich mir doch mehr erwartet in Sachen Einblick in Dylans Werk und seiner Verbundenheit mit den Zeitläufen. Oder über seinen „Work in Progress“, an dem er Abend für Abend musikalische Revisionen seiner Werke vornimmt, so dass bei gleicher Setlist trotzdem kein Abend dem anderen gleicht. Hätte mir mehr erwartet, warum gerade diese Songs so wichtig sind, um daraus eine (Pseudo-)Biografie abzuleiten.

Stattdessen erzählt er uns zwar wieder interessante Geschichten und schenkt uns waghalsige Gedankensprünge, die mal zwingend, mal abseitig sind. Doch während Dylan die kurze Form gewählt hat, bleiben Marcus‘ abenteuerliche Exkursionen mitunter zu lose verknüpft mit den Dylan-Songs als Forschungsgegenständen und führen manchmal etwas weitschweifig weg von ihnen. Ganz so weit wie der Kritiker Daniel Gewertz auf der Website „the arts fuse“ würde ich dann aber nicht gehen: „An manchen Stellen kann Greil Marcus’ abschweifender Stil wie nervöse Brillanz wirken, an anderen wie eitle Launenhaftigkeit“, schreibt er, um dann aber versöhnlich zu werden: „Was das Buch adelt, ist die Liebe des Kritikers zu seinem zugrunde liegenden Thema: die seelenvolle Suche nach einem wahrhaftigeren Amerika.“

Keine Dylan-Biographie, sondern Gedanken zur amerikanischen Folkmusik

Und im letzteren treffen wir uns dann eben alle. Möglicherweise wäre Marcus besser beraten gewesen, hätte er den übergroßen Bob Dylan-Bezug aus dem Buchtitel genommen. Denn er schreibt keine Biographie über Dylan, sondern äußert frei und assoziativ seine Gedanken über die amerikanische Folkmusik im 20. und 21. Jahrhundert und dabei über die vielleicht wichtigste musikalische Ausdrucksform des „anderen Amerikas“. Und dabei sind die Dylan-Songs mehr verbindende Elemente als eigentliche Betrachtungsgegenstände.

Sehr gut startet das Buch mit der Beschäftigung mit „Blowin‘ In The Wind“. Von der Vorgeschichte mit „No More Auction Block“ über die Geschichte des Songs als musikalischer Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren bis hin zur pessimistischen gesellschaftspolitischen Conclusio im Angesicht der Ermordung George Floyds und den „Black Lives Matter“-Protesten.

Doch schon im zweiten Kapitel verirrt man sich in Marcus‘ Gedankenläufen. Um welchen Song geht es hier? „The Lonesome Death Of Hattie Caroll“ oder „The Times Are A-Changin‘“? Und was haben „Fleetwood Mac“ und „Rumours“ damit zu tun? Too Much!

Eines der interessantesten Kapitel im Buch behandelt „Desolation Row“. Denn es zeigt die Stärken und Schwächen des Buches wie im Brennglas auf. Sehr gut erzählt Marcus über die „versteckte Geschichte“. Der dreifache Lynchmord von Duluth, Minnesota im Jahre 1920 ist schon zwei Jahre kein öffentliches Thema mehr in der Stadt. Aber hinter vorgehaltener Hand wird erinnert, geraunt, geflüstert. Und Marcus sinniert, inwieweit Abe Zimmerman, Dylans Vater, der acht Jahre alt war, als der Mob die schwarzen Zirkusarbeiter ermordete, seinem Sohn Bob davon erzählt hat.

Es spricht schon einiges dafür, dass in der Familie Zimmerman, die vor den antijüdischen russischen Pogromen 1905 in die USA geflohen waren, diese Morde Thema waren. Denn auch im vorgeblichen Land der Freiheit erlebte man nun rassistischen Terror. Dies wird nicht spurlos an der Familie Zimmerman vorbeigegangen sein. Hier bleibt Marcus überraschend unbestimmt.

Greil Marcus, Foto: Wikimedia Commons

„Jim Jones“ und „Murder Most Foul“ zeigen Dylans Schaffensprozess und seine Stellung in der Folkmusik

Am nächsten kommt das Buch Dylans Schaffensprozess und wird damit stark, wenn Marcus den Song „Jim Jones“ zum Anlass nimmt, um Bob Dylans Wurzeln im Folk und im Greenwich Village zu erzählen. Er nimmt Mike Seeger, Bruder des weitaus berühmteren Pete Seeger und Frontmann der „New Lost City Ramblers“ als Referenzkünstler zu Dylan. Dylan konnte die Folksongs nicht so spielen wie Mike Seeger, er konnte sie besser spielen, weil er nicht nur ihre Tradition respektierte, sondern auch der Tradition etwas Neues, eigenes hinzufügte, schreibt Marcus sinngemäß in diesem Abschnitt des Buches. Und kommt darauf zu sprechen, dass Dylan als er seinen künstlerischen Kompass zu verlieren schien, sich anhand alter Folksongs auf Album und im Studio wieder selbst aus dem Sumpf zog.

Mit Spannung erwartet wurde natürlich das Kapitel über „Murder Most Foul“.  Und es ist tatsächlich der krönende Abschluss auf hohem Niveau, dass Marcus während des Buches nicht immer durchhalten konnte. Wie er hier Dylans eigene Verwobenheit in der Rezeption des Kennedy-Mordes mit dessen verunglückter Tom Paine Award-Rede in Verbindung herausstellt, zeigt, dass Dylan der Kennedy-Mord nie losgelassen hat, so dass er 2020 mitten im Lockdown den 17-minütigen Song „Murder Most Foul“ veröffentlicht hat. Und dieser Song erzählt von Amerika, und dieser Song ist auch gleich zwei Songs in einem. Erzählung über das Kennedy-Attentat und amerikanische Popgeschichte zugleich. Er ist aber auch das Echo der alten topical Folk Songs. Und Dylan ist plötzlich Clarence Ashley oder Sara & Maybelle Carter. Oder Mike Seeger.

In diese Reihe stellt Marcus Bob Dylan. Dylan hatte noch diese alten Folksänger spielen sehen und gesehen was mit ihnen aus der Welt gegangen sei.  Und Greil Marcus stellt die abschließende Frage: Was wird dereinst mit Bob Dylan aus der Welt gehen?

Fazit:  Ein „Must Have“ für jeden Bob Dylan und Folkmusik-Interessierten. Auch wenn es nicht die Stärke und Dichte früherer Arbeiten hat, bleibt Greil Marcus‘ Ansatz die Musik zu erklären weiterhin spannend und unverzichtbar.

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