Archive for September 2023

Wenn der Teufel fischen geht

29. September 2023

„Sir“ Oliver Mallys „heilendes“ Konzert an einem warmen Vollmond-Abend in Darmstadt/ Eigene Bluessongs und mehrere Dylan-Titel

Offiziell ist heute am 29. September Vollmond. Doch in Darmstadt konnte man ihn schon am Abend zuvor am Himmel sehen. Und der österreichische Bluesvirtuose „Sir“ Oliver Mally erzählte seinem Publikum während dieses Americana-Konzerts in der Bessunger Knabenschule, dass er schon tagelang vorher und tagelang hinterher den Vollmond spüre. Also spüre er ihn ohnehin die meiste Zeit des Monats. Wenn das mit ursächlich für seine überbordende Kreativität, seine virtuosen Performances und sein komödiantisches Talent sein sollte, dann sei es dem Vollmond gedankt. Denn auch bei seinem zweiten Auftritt in der Darmstädter Americana-Reihe zog er das Publikum in seinen Bann und beendete sein Konzert beifallumtost.

Die Erschöpfung weggespielt

Es war der Abend eines ungewöhnlich warmen Herbsttages. Und so konnte man zu Beginn des Konzerts den Eindruck gewinnen, das Darmstädter Publikum war aufgrund der ungewohnten Hochsommer-Temperaturen etwas erschöpft. Doch Oliver Mally wäre nicht der „Sir“, wenn wer es nicht trotzdem geschafft hätte, die Erschöpfung wegzuspielen und das Publikum zu Jubelstürmen hinzureißen.

Faszinierendes „Like A Rolling Stone“

In seiner ganz eigenen Art mit virtuosen Gitarrenläufen, engagiertem Gesang und mit der Musik schmachtenden Seufzern spielt Mally ein abwechslungsreiches Programm aus eigenen Bluessongs mit ein paar eingestreuten Covern. Mehrere Dylan-Titel wie „Girl From The North Country“, „One Too Many Mornings“ und ein faszinierendes „Like A Rolling Stone“ (mit „La Bamba“-Einstieg für Dylankenner!)  bezeugen seine Liebe zum legendären Songschmied. 2019 hat er unter dem Titel „Mally plays Dylan“ ein ganzes Album mit Dylan-Titel ausgenommen. Aber auch „Dead Flowers“ einem der Countrysongs vom Stones-Album „Sticky Fingers“ oder „Time“ von Tom Waits wurden von ihm kongenial interpretiert.

Am Haken des Teufels

Seine eigenen Kompositionen bilden das Zentrum seines Auftritts. In ihn zeigt sich: Der Mann hat, fühlt und versteht den Blues. Die Themen seiner Songs stellen das halsbrecherische und gefährliche im Leben dar und sind doch oft humorvoll und anarchisch, denn der „Sir“ lässt sich von keinem schrecken. Außer vielleicht vom Leibhaftigen. Über den singt er das eine oder andere Mal an diesem Abend. Er singt „Devil’s Gone Fishing“ und spürt, dass er am Haken des Teufels hängt und keiner sich drum schert. Er hängt an der Angel und wie es weitergeht lässt der Song offen. Denn wenn der Teufel einen im Besitz hat, dann kann er ihn noch ganz schön lange zappeln lassen.

Du kannst den Teufel nicht schlagen!

Und auch an diesem Abend wieder einer der Höhepunkte: „You Can’t Beat The Devil“. Du kannst den Teufel nicht schlagen! Aber Du kannst versuchen, ihm am Schwanz zu packen. Oder zu trinken. Man trinkt, weil man besessen ist oder man trinkt, um den Teufel und alle bösen Geister zu vertreiben und das kann ja wiederum auch böse enden. Wie Mally diesen Song inszeniert – einschließlich der gesungenen Whiskykarte mit American Whiskeys, Irish Whiskeys und schottische Single Malts – ist grandios.

Blues heilt

Und so kommt die ganze Konzertgesellschaft im zweiten Teil – entsprechend der Außentemperaturen – auch in der Halle der Knabenschule auf hohe Betriebstemperatur und Mally wird nicht ohne Zugaben von der Bühne gelassen. Und er beendet mit dem in seiner Lyrik an Bob Dylan geschulten „Time“ von Tom Waits sein Konzert mit einem langsamen und nachdenklichen Stück und entlässt das Darmstädter Publikum in diese ungewöhnlich warme Vollmondnacht. Und alle fühlen sich besser als vorher. Der „Sir“ und seine Musik hatten an diesem Abend eine durchaus „heilende“ Wirkung und man ist sich daher schnell einig. Die Mally’sche Musiktherapie wird in der Americana-Reihe eine Fortsetzung finden.

„You Can’t Beat The Devil“:

Michael Kleff-Sammlung geht nach Eisenach

18. September 2023

Lippmann+Rau-Archiv ist das Zentrum der deutschen Forschung zu Americana und American-Folk

Copyright: Lippmann+Rau-Stiftung

Über 100 Sammlungen zur Geschichte von Rock, Folk, Blues und Jazz beherbergt das Lippmann+Rau Musikarchiv in Eisenach bereits. Im September 2024 wird eine bedeutende Sammlung hinzukommen: Die Michael Kleff Research Collection (MKRC). Sie enthält Materialien aus der über 35 Jahre langen beruflichen Tätigkeit des Radiojournalisten, Autors und ehemaligen Folker-Chefredakteurs Michael Kleff an der Schnittstelle von Musik und Politik. Dies wurde der Öffentlichkeit mit einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche mitgeteilt.

Kenner des American Folk

Kleff, der im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag feierte, ist einer der profundesten deutschen Kenner der amerikanischen Folk-Musik. Er lebt als Journalist und Autor in Bonn und New York und ist mit Nora Guthrie, der Tochter von Woody Guthrie verheiratet. Er war von 1998 bis 2014 Chefredakteur der Musikzeitschrift Folker. 2002 veröffentlichte er bei Palmyra als Herausgeber „Hard Travelin´ – Das Woody Guthrie Buch“. 2017 war er maßgeblich an der CD-Box „Woody Guthrie – The Tribute Concerts“ beteiligt.

Im MKRC-Audioarchiv finden sich rund 2.000 zwischen 1983 und 2021 entstandene Tondokumente –hauptsächlich Interviews und Rundfunksendungen bzw. -beiträge.  Zu den Schwerpunkten im Bereich Musik gehören u.a. Themen wie Folk und Singer/Songwriter in den USA (u. a. Pete Seeger, Woody Guthrie, Harry Belafonte, Phil Ochs). Zu den Schwerpunkten im Bereich Gesellschaft und Politik gehören Themen wie die multikulturelle Gesellschaft in Kanada, die Geschichte der US-Bürgerrechtsbewegung, Medien und Politik in den USA.

Bestandteil der Sammlung sind auch mehrere tausend historische und zeitgenössische Musikzeitschriften, vor allem aus den USA, von denen viele außerhalb des MKRC nicht in vollständigen Auflagen verfügbar sind.

Michael Kleff mit Joan Baez auf dem Newport Folk Festival 1985, Quelle: MKRC

Harold Leventhal Collection eines der Herzstücke

Eine Sonderstellung der MKRC nimmt die darin aufgenommene Harold Leventhal Collection (HLC) ein. Der US-Amerikanische Musikproduzent Harold Leventhal (1919-2005) begann seine fast 70 Jahre lange Tätigkeit in den 1930er Jahren als song plugger für Irving Berlin. Besonders verbunden war Leventhal mit Pete Seeger und Woody Guthrie. 1963 produzierte er Bob Dylans erstes Konzert in der New Yorker Town Hall und er war auch maßgeblich am Woody Guthrie-Tribute-Konzert 1968 beteiligt, bei dem Bob Dylan & The Band einen der wenigen Live-Auftritte dieser Jahre absolvierten.

Eisenach als Recherchezentrum für American Folk in Deutschland

Mit der Michael-Kleff-Sammlung hat sich das Lippmann+Rau Musikarchiv nun wohl endgültig zu dem deutschen Archiv- und Forschungsinstitut für Americana und American Folk entwickelt. Wer hierzulande zur deutschen Rezeption von Werk und Wirken von Pete Seeger, Woody Guthrie, Joan Baez und Bob Dylan tiefgehend recherchieren und forschen will, für den ist ein Aufenthalt in Eisenach künftig Pflichtprogramm.

Memories of Budokan…

7. September 2023

Wenn die 4-CD-Box „The Complete Budokan“ am 17. November erscheint, dann wird der Blogger und Dylan-Fan Feiertage vor sich haben.

Copyright: Sony Music

Mit „Hurricane“ und „Desire“ hat bei mir die ganze Dylan-Sache angefangen. Aber „Live At Budokan“ war etwas Besonderes. Die umfangreich bebilderte Doppel-LP mit Booklet (Texte in japanisch und englisch) und Poster war eine Einladung. Eine Einladung zur Beschäftigung mit den Texten und zum Mitsingen. Auch wenn manch anderer Dylan-Fan über Budokan die Nase rümpft. Ihr müsst jetzt stark sein, denn mir gefällt diese Musik total. Mag sein, dass die Musik der späteren Europatournee noch besser war und wir alle uns auf eine Veröffentlichung des „Jahrhundertkonzerts“ in Nürnberg gewünscht hätten. Ich freue mich dennoch sehr auf „The Complete Budokan“. 

Packende Songversionen auf „Live At Budokan“

Das 1979 erschiene „Live At Budokan“ berührt mich auch nach 44 Jahren unvermindert. Schon die ersten Sekunden der Einleitung von Mr. Tambourine Man sind für mich ikonographisch. Das Gitarrenriff am Anfang bevor die Band einfällt, die Flöte als tragendes Element dieser Version. Das vorher und nachher von Dylan nie süßer gesungene „Love minus Zero“. Der Klage/Gospelgesang von „Oh Sister“ oder „Shelter From The Storm“. Die Reggae-Versionen von Don’t Think Twice (passender spöttischer Duktus!) und „Knockin‘ On Heaven’s Door (fröhlicher Fatalismus!) , die aufwühlenden Fassungen von „It’s Alright Ma“ und „Like A Rolling Stone“. Packende Versionen allüberall. Jetzt noch mehr dieser Songversionen in bester Klangqualität zu haben, elektrisiert mich geradezu.

Tolle Arrangements

In den Budokan-Konzerten zeigt sich endgültig Bob Dylans großes Talent als Arrangeur. Er verändert Melodien und Rhytmen seiner Songs wie er es gerade braucht. Er baut sich eine Big Band samt Background-Chorsängerinnen zusammen. Alle ziehen sich Showklamotten an. Es ist Dylans radikaler ästhetischer Bruch mit Folk und Folk-Rock, die seine Musik bis dahin in den 1970ern geprägt hat. Während die Japaner:innen noch höflich sind und applaudieren, sind es die Deutschen im Sommer nicht.  Bei den Konzerten in Dortmund gibt es Pfiffe, in Berlin das ganze Konzert über Buhrufe und es landen Wurfgeschosse auf der Bühne. Deutschland hat 13 Jahre nach Newport 1965 noch nicht verstanden, dass Dylan kein Wandergitarre klampfender Protestsänger mehr ist. Die in die Jahre gekommene und in den Institutionen angekommene 68er Generation wirft Dylan vor in die Jahre gekommen und sich angepasst zu haben. Sehr lustig.

Copyright: Sony Music

Bruch mit der Folk-Rock-Ästhetik

Anfang 1979 erschien „Budokan“, im August 1979 kam dann „Slow Train Coming“ raus. Seine Jesus-Phase traf mich ungleich härter als die Showklamotten und die Big Band-Ästhetik. Wo „Budokan“ noch den anarchischen Geist des großen Veränderungskünstlers Bob Dylan atmete, waren „Slow Train“ und vor allem „Saved“ von Text und Haltung her bornierte Statements eines trotz vorgeblicher „froher Botschaft“ schlecht-gelaunten Predigers. Dass da tolle Livemusik und Performances entstanden waren, entdeckte ich erst viele Jahre später.

„The Complete Budokan“ – meine Bestellung ist schon raus!