Archive for Oktober 2023

Die um das Ölgeld tanzen

29. Oktober 2023

Martin Scorseses „Killers Of The Flower Moon“ ist ein vielschichtiges Americana-Meisterwerk, bündelt seine Lebensthemen und ist auch ein Gedenken an Robbie Robertson.

Copyright:  Paramount Pictures/ Apple TV+

Der Film ist Western, Gangsterfilm, Familientragödie und Justizdrama in einem. Martin Scorsese hat mit „Killers Of The Flower Moon“ ein episches Meisterwerk geschaffen, das als sein vorzeitiges Vermächtnis angesehen werden kann, da es im Grunde seine lebenslangen Themen Gier, Gewalt und (un)heilige Familie bündelt. Es geht um den Alptraum des gierigen Kapitalismus in Amerika, der nur funktionieren kann, weil er dort das Recht und Gesetz nach seinen eigenen Interessen ausrichten kann.

Western, Gangsterfilm, Familientragödie und Justizdrama

In diesem Film gibt es drei Hauptakteure, die gleichsam Archetype dieses Alptraums sind. Da ist der Mann, der die Strippen zieht: Robert de Niro spielt den Rinder-Tycoon William Hale. Er ist eine durchschnittliche Erscheinung, keine Chisholm oder McLintock-Figur á la John Wayne, die stets mit größer Körperlichkeit herrscht. Hale ist eher ein scheinbar freundlicher, aber in Wirklichkeit perfider intriganter Buchhalter der Gier. Um ihn herum sieht er, wieviel mehr die Osage verdienen können, da auf ihrem Land große Ölvorkommen vorhanden sind. Also entwickelt er einen legalen wie perfiden Plan um das Vermögen in weiße Hände zu bekommen.

Der Tycoon und sein Handlanger

Leonardo di Caprio spielt Ernest Burkhart. Ein Neffe von Hale. Ein typischer Handlanger, der mit der dafür notwendigen Mischung aus Charme, Dummheit und Gier agiert. Das schlimme dabei ist die äußere Harmlosigkeit, mit der er auftritt. Er wird von seinem Onkel zwar zu dieser Verbindung gedrängt und ist doch tatsächlich in die ausgewählte Molly, eine Osage, verliebt. Gleichzeitig unternimmt er nächtliche Streifzüge und raubt Stammesgenossen von Molly aus. Denn das Geld liebt er noch mehr. Er ist die Parabelfigur dafür, dass das Böse eben trivial ist und scheinbar aus der unauffälligen Mitte der Gesellschaft kommt. Am Ende macht er sich immer mehr schuldig, da er auf Anweisung seines Onkels Mordaufträge vergibt und seine Frau langsam vergiftet. Er ist eine einzige gefährliche Lebenslüge. Er ist der, der sich selbst und sein Gewissen verleugnet und verdrängt. Ein Mitläufer und Ausführender, wie es jedes Unrechtsregime braucht.

Loyal dem Stamm und dem Mann gegenüber

Molly ist vom Stamm der Osage und hat drei Schwestern, die allesamt mit Weißen verheiratet sind. Sie heiratet Ernest, gibt seinem Werben nach. Sie liebt ihn und versteht bis fast ganz zum Schluss nicht die Erbärmlichkeit und Gefährlichkeit von Ernest, seine bösen Verstrickungen. Sie ist ihm loyal gegenüber, auch als sie schon mit der Osage-Delegation nach Washington reist. Aber Molly ist eben auch eine gläubige Katholikin, die ihrem Mann gegenüber gehorsam ist. Sorcese überzeichnet hier bewusst das nicht-verstehen-wollen Mollys, damit sich das Böse in seiner Geschichte entfalten kann.

Dieses Böse ist aber hier nicht metaphyisch, also gleichsam unbeeinflussbar gottgewollt in der Welt. Das Böse hat seine realen Entstehungsbedingungen in der kapitalistischen Waren- und Finanzwirtschaft. Das Öl ist eine Ware, die großen Gewinn verspricht, wer diese Ware schon nicht besitzen kann, der will sein Vermögen damit auf andere Art und Weise machen. Also entwirft Hale den Plan seinen Sohn und seinen Neffen mit Osage-Frauen zu verheiraten. Bei deren Tod fällt das Vermögen an seine Familie. Die Tode werden möglichst als Unfälle oder Krankheiten inszeniert. Und viele andere Weiße handeln ebenso. Am Ende soll ein gigantischer Transformationsprozess vom Reichtum der Osage zum Reichtum der Weißen stehen.

Denn die Osage-Indianer sind durch die Ölvorkommen reich geworden. Doch die weiße Mehrheitsgesellschaft neideten ihnen diesen Reichtum. Daher verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten 1921 ein Gesetz, das vorsah, dass die Gerichte für jeden Osage, der mindestens zur Hälfte von ihnen abstammte, einen Vormund ernennen mussten, der ihre Tantiemen und finanziellen Angelegenheiten verwaltete, bis sie ihre „Mündigkeit“ unter Beweis stellten. Ein Einfallstor für die groß angelegte Verheiratung von Osage-Frauen mit weißen Männern.

Copyright: Thomas Dunne Books

Das Tulsa-Massaker als zeitgleiches, rassistisches Unrecht

Scorsese inszeniert auch den Reichtum der Osage als etwas Unangemessenes. Die kapitalistische Gier nach Reichtum, Status und deren Symbole – Kleidung, Autos, Dienerschaft – wird auch nicht besser, wenn sie bei den Native Americans angesiedelt ist. Scorsese gelingt es, den Zeithintergrund der 1910er und 1920er Jahre in Oklahoma einzufangen. Die Hale-Morde sind nur die Spitze des Eisbergs eines ausgeklügelten Systems, den Osage-Indianern ihren Besitz zu nehmen und den Weißen und damit in Folge den großen Ölfirmen zuzuführen.

So wird als Referenz für die Allianz von Kapitalismus und Rassismus das zeitgleich stattfindende Tulsa-Massaker im Film eingeführt. Ein ganzes afroamerikanisches Stadtviertel, Greenwood, die sogenannte „Black Wall Street“, wird von einem rassistischen Mob 1921 in Schutt und Asche gelegt. Auch hier spielen der Neid und die Gier eine Rolle. Und auch hier sind die weißen Brandschatzer nur die Handlanger von Interessen. Eine erfolgreiche, afroamerikanische Nebenwirtschaft dulden die Reichen und Einflussreichen in Tulsa nicht und daher haben sie auch kein Interesse die Schuldigen zu finden und das Verbrechen zu sühnen. Scorsese führt vor, wir tief rassistische Vorstellungen in der amerikanischen Gesellschaft in den 1920er Jahren verankert sind. Ganz selbstverständlich marschiert der Ku-Klux-Klan – angeführt vom örtlichen Banker – bei den Paraden in Fairfax mit, werden die Hales von den ärmeren Weißen schon mal als „Juden“ bezeichnet und der Hass gegen die Schwarzen ist ebenfalls da.

Breitwand-Film und Kammerspiel

Und auch deswegen bleibt die Polizei – bestens verbandelt mit Tycoon Hale – lange Zeit untätig. Erst nachdem eine Delegation der Osage nach Washington fährt, nimmt sich der neue, ehrgeizige FBI-Chef J. Edgar Hoover der Sache an und schickt Bundesagenten nach Oklahoma und die Sache wird verfolgt. Burkhart bleibt wankelmütig und di Caprio spielt dessen Verzweiflung des Nichtverstehens seiner Schuld, seine Verdrängungsleistung, großartig. Minutenlang hält die Kamera auf sein verkniffenes, ungläubiges Mienenspiel. Da wird der Breitwand-Film zum Kammerspiel.

Scorsese hat mit dem genialen Duo de Niro und di Caprio alias Hale und Burkhart zwei Protagonisten geschaffen, die man so schnell nicht vergessen kann. Ebenso Molly, die erst zu Mann und Stamm gleichermaßen loyal ist, dann als einzige initiativ wird, um auf in Washington auf die Morde aufmerksam zu machen, um schließlich aufgrund seiner Giftspritzen dahinsiecht. Als sie das ganze Maß seiner Verstrickungen begreift, versucht sie dennoch mit ihm die Wahrheit aufzuklären. Doch als Ernest sie belügt und abstreitet, ihre langsame Vergiftung geplant zu haben, wendet sie sich von ihm ab.

Copyright: Sony Classical

Die Filmmusik

Der Film ist dem Andenken an den verstorbenen Robbie Robertson gewidmet, der hier das letzte Mal für Scorsese die Filmmusik geschaffen hat. Er hat dies seit 1980 („Wie ein wilder Stier“) gemacht. Sein Score ist unaufdringlich, aber prägend. Ein momotoner Bass-Rhythmus steht für die latente Gefahr, die hier in Fairfax im Osage Country herrscht. Eine E-Gitarre in offener Stimmung für die vermeintliche Freiheit des Westens.

Gespickt ist der Film-Soundtrack zudem mit zeitgenössischen Old Time und Bluessongs. Da Scorsese bekanntermaßen auch ein großer Musikfreund ist – er verantwortet mit „The Last Waltz“ immer noch einen der besten Konzertfilme aller Zeiten und hat die wunderbare Bob Dylan-Mockumentary „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story“ inszeniert – spielt die Musik hier eine große Rolle. Zudem sind im Cast gleich vier bedeutende Americana-Musiker mit dabei. Jack White spielt den Host einer Radio Show Host, in der am Ende die Geschichte – samt Cameo-Auftritt von Scorsese – resümiert wird. Charlie Musselwhite spielt einen armen, alten Weißen, der mit zur Auflösung der Morde beiträgt. Sturgill Simpson spielt den Groß-Schwarzbrenner Henry Grammer und Jason Isbell ist Bill Smith, der auch mit einer Osage verheiratet ist, dem die Todesfälle suspekt sind und deswegen mit seiner Frau in die Luft gesprengt wird.

Fazit

Große Bildpanoramen, denkwürdige Charaktere, starke Typen, spannende Verwicklungen und starke Dialogszenen und ein bislang filmisch noch nicht behandeltes Thema – Scorsese hat ein Meisterwerk geschaffen, das Bestand hat und das bald zum Kanon amerikanischer Filmgeschichte gehören wird.

Bob und Hank und Thomas

20. Oktober 2023

Hank Williams, der jetzt in der Americana-Reihe geehrt wird, war auch für Bob Dylan ein Vorbild/ Der Dylanologe hat auch schon mal einen Hank Williams-Song aufgenommen

Thomas & Hank (im Hintergrund Bob)

Als mich der Frankfurter Musikjournalist Detlef Kinsler kürzlich fragte, warum der Dylanologe jetzt Hank Williams feiere, dann antwortete ich ihm sinngemäß, weil man bei der Beschäftigung mit Bob Dylan immer wieder auf dessen Wurzeln stößt. Und eine der wichtigsten davon ist Hank Williams.

Hank als Vorbild für Bob

Dylan hat sich von dem Südstaaten-Countrysänger Williams eine ebenso große Portion abgeschaut wie von den afroamerikanischen Bluesmastern und den weißen Folkies. Mehr noch: Er war sein erstes „Role Model“. Ein Gitarre spielender Singer-Songwriter. Er hörte Hank in ganz jungen Jahren im Radio, war begeistert und wollte später gar nicht glauben, dass er tot ist. Erst später hat Dylan begriffen, welche musikhistorische Bedeutung Williams hat. Er hat dazu in den Chronicles geschrieben: „Mir wurde bewusst, dass in Hanks aufgenommenen Liedern die archetypischen Regeln des poetischen Songwritings vorlagen.“

Und tatsächlich öffnete Hank die Tür für Singer-Songwriter, die subjektive Poesie dichten und vertonen und nicht kommerziell kalkulierte Massenware abliefern, wie es bis heute in Nashville viel zu oft der Fall ist. Dabei schaffte er es, als Songpoet und als Bühnenpersönlichkeit im armen Süden eine große Anhängerschaft zu finden. Mit seinen traurigen, sorgenvollen, manchmal aber auch übermütigen Liedern war er wirklich so etwas wie der „Hillbilly-Shakespeare“. In seinen 2:45-Songs steckten ganze Welten voller Liebe, Wahrheiten und Weisheiten ebenso wie Trauer, Schuld, Sünde, Sühne und Glauben.

Hank immer im Repertoire

So hatte Dylan immer Williams-Songs im Repertoire. „You Win Again“ war schon 1961 in seinen Konzerten zu hören und wurde auch bei den Basement Tapes-Sessions gespielt. Im Film „Don’t Look Back“ spielt Dylan abseits der Bühne „Lost Highway“ und bei seinen Konzerten war und ist immer auch mal ein Hank Williams-Stück zu hören.

In der jüngeren Vergangenheit wurde dann Dylan von vier Frauen, die sich mit den nachgelassenen Texten von Williams beschäftigten, ausgewählt, diese zu vertonen. Doch Dylan mochte das Projekt vielstimmig angehen und verschickte die Texte an Musiker:innen wie Jack White, Alan Jackson oder Norah Jones. 2011 schließlich erschien die Kompilation „The Lost Notebooks of Hank Williams“. Und schon im Jahr 2001 hatte Dylan dem Tribute-Album „Timeless“ eine schöne Version von „I Can’t Get You Off My Mind“ beigefügt.

Hank Williams begegnete mir also immer wieder bei Dylan und so übertrug sich die Faszination auch auf mich. Mittlerweile ist meine Sammlung von Hank-Alben, Bücher und Filmen auch schon nicht mehr so klein. Klare Sache, dass dann die Darmstädter Americana-Reihe in diesem Jahr den 100. Geburtstag der Country-Ikone feiert.

Auf den Spuren von Hank

Und als wir 2015 in den USA waren, da war in Montgomery, Alabama, der Besuch des Hank Williams-Museums Pflicht, auch wenn sich später herausstellte, dass im Vergleich zu den vielen anderen Blues- und Country-Museen im Süden leider sehr schlecht abschneidet. Zu rummelig, keine Ordnung und Didaktik. Einfach nur den Cadillac, ein paar Bilder und die Bühnenklamotten aufhängen, macht noch kein Museum.

Doch bereits ein paar Jahre vorher, 2010 in Nashville, spielte Hank Williams schon eine wichtige Rolle bei meinen Reiseaktivitäten. Denn nachdem ich im dortigen Welcome Center mit dem „Ambassador of the Music City“ David Andersen u.a. „Mr. Tambourine Man“ gesungen hatte, war der so begeistert, dass er mir den Tipp gab, im Ryman Auditorium eine CD aufzunehmen. Gesagt, getan. Doch da dort kein Bob Dylan-Song im Angebot war, sang ich den Text zur eingespielten Melodie von „Hey Good Lookin“. Der Erinnerung an „Thomas sings Hank im Ryman Auditorium“ ist eine, die ich immer in Ehren halten werde. Die Aufnahme möchte ich Euch daher nicht vorenthalten:

Thomas Waldherr singt „Hey Good Lookin'“ von Hank Williams

Hank-Tribute in Darmstadt

Doch keine Sorge,am 26. Oktober beim großen Hank William-Tribute werde ich allenfalls im Hintergrund mitsingen, denn da stehen die Hank Williams-Interpretationen der Künstler:innen Wolf Schubert-K. & Friends, Romie, Helt Oncale, Martin Grieben und Woog Riots im Mittelpunkt. Das wird ein toller Abend, jetzt Karten sichern unter http://www.knabenschule.de !

Eine Reise zu Bob Dylan und Amerika

13. Oktober 2023


Auf den Spuren von Dylan und Guthrie in New York, Tulsa und Woodstock/ Einwanderungsgeschichte und afroamerikanische Perspektive

2024 auf den Spuren Bob Dylans in Amerika: Thomas Waldherr im Juni am Rande der Dylan-Konzerte in Donostia, Foto: Cowboy Band Blog

Fast alles ist schon organisiert. Dem ersten USA-Trip nach 2019 steht nichts mehr im Wege. Von Anfang bis Mitte April kommenden Jahres werden wir in den Staaten auf den Spuren von Bob Dylan und Woody Guthrie, der afroamerikanischen Community und der Einwanderungsgeschichte wandeln.

Erste Station: New York City, N.Y

Wir waren fast 15 Jahre nicht mehr in New York zugunsten ausgedehnter Reisen durch die Südstaaten. Haben New Orleans gesehen, waren mehrmals in Memphis und Nashville, haben die Wurzeln von Folk, Blues, Country und Jazz besucht und waren gleichzeitig auch an Schauplätzen der Geschichte von Sklaverei und Rassismus. Diese Widersprüche haben die Südstaaten für uns so interessant gemacht. Diesmal wollen wir aber – auch angesichts der politischen Lage in den USA vor den Präsidentschaftswahlen 2024 – ganz konsequent auf den Spuren des progressiven Amerikas wandeln.

Greenwich Village

Im Greenwich Village werden wir Orte der linken Boheme- und Folkszene aufsuchen. Nächtigen im Washington Square Hotel, wo schon Bobby und Joanie im Zimmer 305 gewohnt haben. Das frühere Almanac House steht ebenso auf dem Plan wie verschiedene Stätten an denen Dylan, Guthrie und Seeger gewohnt haben. Aber auch Lokale wie die legendäre White Horse Tavern  – hier trank sich der Legende nach Dylan Thomas zu Tode – oder die fast ebenso legendäre Minetta Tavern  – die war öfters schon Kulisse für Mafiafilme wie „Micky Blue Eyes“ mit Hugh Grant – sind wichtige Stationen. Und natürlich die Musik-Clubs wie „The Bitter End“.

Harlem

Wie werden auch erstmals Harlem in Augenschein nehmen. Das afroamerikanische kulturelle Zentrum New Yorks. Angefangen hat das mit der durch die „Great Migration“ ausgelösten „Harlem Renaissance“, die etwa von 1920 bis 1930 andauerte. Für sie stehen Schriftsteller wie W.E.B. du Bois, Langston Hughes und Countee Cullen, visuelle Künstler wie Aaron Douglas und Palmer Hayden und natürlich Musiker und Entertainer wie Louis Armstrong, Josephine Baker, Duke Ellington und Cab Calloway. Dann fortgesetzt mit der Öffnung des Apollo Theatre für afroamerikanische Künstler und ihr Publikum. Der Theaterproduzent Sidney S. Cohen hatte das Apollo 1934 für das afroamerikanische Publikum geöffnet. Das Apollo wurde über die Jahrzehnte zum bekanntesten Aufführungsorte fast ausschließlich schwarzer Musik wie Jazz, Blues, Soul, Pop und Hip-Hop in den USA. Heute ist es leider nur noch ein museales Relikt für Führungen, es werden hauptsächlich Talent-Wettbewerbe veranstaltet. Große Konzerte stehen nicht mehr auf dem Plan. Die große Geschichte des US-Jazz bildet das ebenfalls in Harlem gelegene „National Jazz Museum“ ab. Im Bau befindet sich derzeit das in der Bronx gelegene „Universal Hip Hop Museum“ das u.a. von Kurtis Blow initiiert wurde. Es soll 2024 öffnen, ob wir es schon besuchen können, scheint weniger wahrscheinlich.

Ellis Island

Die Insel war lange Zeit Sitz der Einreisebehörde für den Staat und die Stadt New York und über 30 Jahre die zentrale Sammelstelle für Immigranten in die USA. Zwischen 1892 und 1954 durchliefen etwa 12 Millionen Einwanderer die Insel. Hier entschieden sich Schicksale. Hier wurden Träume begraben und Leben neu erfunden.  Bei alldem war Ellis Island alles andere als eine Servicebehörde. Der Prüfungsprozess ob jemand in den USA aufgenommen wurde, war streng und konnte einige Tage dauern. Teilweise wurden die Menschen auf der Insel interniert und Familien wurden dabei getrennt, Männer und Frauen wurden an unterschiedlichen Orten untergebracht. Viele Einwanderungswillige mussten erst noch einige Tage an Bord ihrer Schiffe verbringen, bevor sie an Land gelassen wurden. Der Großteil der Menschen musste einige Fragen beantworten und wurde dann streng gesundheitlich untersucht. Wer allerdings Geld und/oder Reputation vorweisen konnte, der wurde schnell nach Manhattan durchgeschleust. Heute beherbergt die Insel das „Ellis Island Museum of Immigration“. Wir werden es besuchen und auf dem Weg mit dem Schiff die Freiheitsstatue grüßen.

Bleibt noch anzumerken, dass es in diesen Tagen ein Problem in New York City mit dem Umstand gibt, dass von den Republikanern regierte Staaten in großem Stil Einwanderer aus Mexiko hierhin verfrachten. Das zeigt wieder einmal auf wie gespalten das Land auch in dieser Frage ist.

2. Station Tulsa, Oklahoma

Der Woody Guthrie-Center in Tulsa, Foto: Cowboy Band Blog

Endlich den 2022 eröffneten Bob Dylan Center sehen. 2019 waren wir das erste Mal in Tulsa beim großen Dylan-Kongress und haben damals schon den Woody Guthrie Center und das Gilgrease Museum besucht, das die umfassendste Sammlung von Artefakten des Amerikanischen Westens hat. Es bringt Objekte aus der Geschichte der hispanischen, der afroamerikanischen und der angelsächsischen Besiedlung des Westens zusammen mit der Perspektive der Native Americans.

Diesmal werden wir neben dem Dylan Center uns der Geschichte des großen „Tulsa Massacre“ von 1921 widmen. Damals wurde das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des afroamerikanischen Tulsas, das Stadtviertel Greenwood, von einem gewalttätigen, weißen, rassistischen Mob völlig zerstört und dabei dreihundert afroamerikanische Menschen getötet. Diese Geschichte geriet durch die weiß gefärbte Geschichtsschreibung in Vergessenheit. Erst 1997 (!) richtete das Stadtparlament von Tulsa einen Untersuchungsausschuss zu diesem Ereignis ein. Die Morde und die Zerstörung wurden als Unrecht gebrandmarkt, es wurden Gelder für „Wiedergutmachungsmaßnahmen“ zur Verfügung gestellt: Überlebende des Massakers bekamen Orden, schwarze Schüler Stipendien. Doch wirkliche Entschädigungen für die afroamerikanische communiaty gab es nicht. Ein in den 1980ern gegründetes Kulturzentrum, das sich in einer Austellung mit dem Massaker beschäftigt und ein 2008 errichteter Gedenkstein sind bis heute die einzigen sichtbaren Zeichen der Erinnerung. Ein 2020 angestrengtes Klageverfahren gegen die Stadt Tulsa von drei hochbetagten Überlebenden des Massakers wurde im Juli diesen Jahres von einer konservativen Richterin abgelehnt.

Somit bleibt auch hier William Faulkners Aphorismus unvermindert aktuell: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“. Auch Bob Dylan hat in „Murder Most Foul, dem Meisterwerk seines jüngsten Album „Rough And Rowdy Ways“ auf das Massaker Bezug genommen: „…Play tragedy, play ‚Twilight Time‘ / Take me back to Tulsa to the scene of the crime…“. Und diese Zeilen sind im Übrigen wieder eine besondere Collage Dylans. Denn „Take Me Back To Tulsa“ ist ein Titel der Western Swing-Legende Bob Wills, der in Tulsa in Cain’s Ballroom das Genre quasi aus der Taufe hob. In einer Zeile hat Dylan damit den ganzen tragischen Widerspruch Tulsas als Geburtsstätte eines Musikgenres und als Totenstätte eines ganzen, ehemals blühenden Stadtviertels zum Ausdruck gebracht. Das kann nur Dylan.

Und wenn man dann noch weiß, dass Bob Wills sogar ein Förderer örtlicher afroamerikanischer Musiker wie dem Jazz- und Swing-Bandleader Ernie Fields war, dem er in seinem Vorprogramm auftreten ließ, zeigt sich, dass es immer Spielräume gibt, falsche Regeln zu unterlaufen und die Welt eben nicht immer schwarz oder weiß ist.

3. Station: Woodstock, N.Y.

Woodstock fand in Bethel ohne Dylan statt. Foto: Cowboy Band Blog

Dann geht es über den Zwischenstopp New York hoch nach Woodstock. Die legendäre Künstlerkolonie, die dem 1969er Festival seinen Namen gab, obwohl es im rund 70 Meilen entfernten Bethel stattfand. Aber es sollte einfach Woodstock sein, denn da wohnte der Messias der Rock-Generation, Bob Dylan. Dieser jedoch war der Rummel und die Hippies zu viel. Er ergriff die Flucht nach Europa und trat lieber beim Isle of Wight-Festival auf.

In der Nähe von Woodstock, in West Saugerties nahmen Dylan und The Band die „Basement Tapes“ auf und schrieb The Band „Music From Big Pink“. Neben Dylan und den Jungs lebten Ende der 1960er u.a. zeitweise auch Van Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix dort.

Bis heute ist Woodstock ein Teil des „anderen Amerika“ geblieben. Immer Künstlerisch, oftmals durchaus politisch, manchmal aber auch ein bisschen esoterisch zeigen sich Woodstock und die nahe liegenden Dörfer und Städtchen als ruhiger Gegenentwurf nicht nur zu den hektischen Städten, sondern durchaus auch zu den konservativen Small Towns.

Und es ist natürlich ist es auch landschaftlich wunderbar gelegen. Mitten in den Catskill Mountains, einem Mittelgebirge, ähnlich wie dem Odenwald, das Ausläufer der Appalachen ist. Hier werden wir unsere USA-Reise mit viel Ruhe und Wanderungen beenden. Bleibt nur noch, dass, während wir da sind, in den Studios von Levon Helm oder im Bearsville Theatre schöne Livemusik zu hören ist.

In diesem Sinne beginnen jetzt die Detailplanungen: Was gibt es noch zu sehen? Wer tritt wo auf? usw. Und natürlich den Soundtrack zum Reise zusammenstellen. Über den weiteren Verlauf der Planungen und über die Reise werde ich selbstverständlich immer wieder hier mal was schreiben.