Archive for Januar 2024

1980/81 – Dylan befreit sich aus der Kirche

29. Januar 2024

Mit der Sommertour in Europa und dem Album „Shot Of Love“ wendet sich Dylan wieder weltlicheren Sichtweisen zu/ Neues Buchprojekt

Bob Dylan, Toronto 1980, Copyright: Wikimedia Commons

Natürlich war es für die Dylan-Welt ein Schock, als ausgerechnet der große Individualist und Verwirrkopf Bob Dylan, sich ab 1979 freiwillig in ein festes Glaubens- und Gedankengebäude einmauern ließ. Ausgerechnet einer der großen kritischen und nonkonformistischen Stimmen der westlichen Welt fügte sich voll und ganz in die fundamental-evangelikale Vineyard Fellowship ein und ordnete sein gesamtes künstlerisches Schaffen der öffentlichen Darstellung seines neu gefundenen Gottesglaubens unter. 1979 und auch zu Beginn des Jahres 1980 erklangen nur neue, religiöse Songs auf Dylans-Konzerten.

Absatzbewegungen im Frühjahr 1980

Doch Dylan wäre nicht Dylan und wäre heute wohl ein zweifelhafter Sakro-Pop-Held in der evangelikalen Szene, wenn ihm dann nicht doch irgendwann das ganze Gedanken- und Organisationsgebäude der Evangelikalen zu einengend geworden wäre. „1980…hatte er die Fesseln der evangelikalen Orthodoxie bereits gelockert mit den beiden Songs, die er in jenem Frühjahr in jedem Konzert aufführte – „Ain’t Gonna Go To Hell“ und „Cover Down“. Nun war es an der Zeit, die Fesseln vollends zu zerreißen und die Empfindungen der Vergangenheit mit seiner neugefundenen Glaubensgewissheit zu verschmelzen“, schreibt Clinton Heylin in „Dylan.Gospel. Die rauen Töne der wahren Geschichte“.

Neue Themen im Sommer

Copyright: Lippmann+Rau

Den Sommer 1980 verbringt er zu einem großen Teil in der Karibik wo er bei den Bahamas mit seinem Boot segelt. Möglichweise eine wohl kalkulierte Absatzbewegung von der Enge der Vineyard Fellowship. Dort schreibt er mit „Caribbean Wind“ eines der zentralen Werke, dass seine Abkehr vom evangelikalen Fundamentalismus und dessen engstirniger Songmoral kennzeichnet. „Ich habe damit in St. Vincent begonnen, als ich in der heißen Sonne aus einem seltsamen Traum erwachte … Ich habe aus den falschen Gründen darüber nachgedacht, mit jemandem zusammenzuleben“, sagt Dylan in einem Interview für die Album-Box Biograph von 1985 zu Cameron Crowe. Und Paul Robert Thomas schreibt auf seinem Blog dazu: „Die Synthese aus apokalyptischer Einbildung und seinem vertrauten Thema der unzufriedenen Liebe war für seine Fans ein vertrauteres Terrain als alles, was er auf seinen beiden vorherigen Alben erkundet hatte, was darauf hindeutet, dass er zumindest lernte, seine Arbeit vor „Born Again“ zu assimilieren, anstatt sie zu ignorieren.

Alte und neue Lieder nebeneinander

Und Ende 1980 geht er schließlich mit seiner Band und den Sängerinnen auf die erste Retrospective-Tour. Er mischt neue und alte Songs. Danach schreibt Dylan wieder Songs und nimmt von März bis Mai 1981 das Album „Shot Of Love“ auf. Es ist gerade, weil es so merkwürdig zweigeteilt wirkt, ein Dokument des Übergangs. Songs wie „Heart Of Mine“, der Titelsong „Shot of Love” oder das für Dylan recht luftige “Watered-Down Love” künden von seinen Gedanken rund um falsche und echte Liebe, Lügen und Begehren. Und der Song „Lenny Bruce“ zeigt auf, dass er sich wieder an seine jüdisch-intellektuellen Wurzeln besinnt. Doch ausgerechnet das oben genannte „Caribbean Wind“ nimmt er nicht auf das Album. Stattdessen sind mit „Property Of Jesus“ und „Dead Man, Dead Man“ auch hier noch selbstzufrieden-religiöse Songs mit dabei.

„Shot Of Love“ als Wendepunkt”

Copyright: Columbia Records

Aber wie auch immer: „Jedenfalls markierte ‚Shot of Love‘ Dylans ‚Wendepunkt‘, die langsame Abkehr von allzu rascher Bekehrung“, attestiert Dylan-Kenner Günter Amendt Dylans 1981er Album (in: The Never Ending Tour, Hamburg 1991, S. 42). Denn hier zeigt Dylan endlich nicht mehr die Selbstzufriedenheit und Absolutheit des Finders, sondern den Zweifel und die Zerbrechlichkeit des Suchers. Er sucht den Trost bei Gott. Gott ist seine persönliche Angelegenheit. Dylan will uns hier nicht mehr missionieren. Das spürt man in seinem schönsten christlichen Song „Every Grain Of Sand“. Und das ist allemal besser, als der Duktus „Ich habe Gott gefunden und wenn Du das nicht auch tust, wird es Dir schlecht ergehen“ seiner vorangegangen Platte, und leider auch noch der Hälfte von „Shot Of Love“. Dylan wendet sich nun wieder anderen Geisteshaltungen zu, scheint sich wieder kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und entdeckt seine Empathie für die Menschen wieder.

Neues Buch im Laufe des Jahres

Mit dieser Haltung geht er dann auf seine nächste Tour, die ihn nach ein paar Warm Up-Gigs in den Staaten, dann im Juni und Juli 1981 nach Europa und schließlich auch nach Deutschland führt. Was er da so spielte, mit welcher Haltung und künstlerischer Ambition er da auftrat, wie Fritz Rau das alles organisierte, wie man ihn hierzulande aufnahm und rezipierte – all das das wird Thema meines neuen Dylan-Buches über die Deutschland-Tour 1981 sein, das im Laufe des Jahres erscheinen soll. Seid gespannt!

Ausblick 2024

14. Januar 2024

10 Jahre Americana in Darmstadt, neues Buchprojekt, Reise in die USA und was macht eigentlich Bob Dylan? 2024 wird aus vielerlei Gründen ein spannendes Jahr

Thomas Waldherr blickt voraus auf ein spannendes Jahr, Foto: Americana

Die Stimmung im Land könnte schlechter nicht sein. Ein eigentlich von vorne herein mühsam gedrechselte Ampel-Koalition hat einfach keine gemeinsame gesellschaftliche Perspektive – im Gegenteil, die FDP steht in allen Zukunftsfragen den Partnern inhaltlich völlig entgegen – und bringt mit Kanzler-Scholzomat an der Spitze alle gegen sich auf. Und stärkt die AfD immer mehr, die Republik könnte am Ende des Jahres eine andere sein.

Die Stimmung in den USA könnte schlechter nicht sein. Der Kulturkampf tobt aller Orten und der zu alte demokratische Präsident wirkt leider weniger vital als der orangene Widersacher, der zusammen mit seiner Partei die amerikanische Demokratie gefährdet. Der Ausgang der Wahlen im November und die Folgen sind ungewisser denn je. Die USA könnte ein anderes Land werden.

Trotz alledem: Das „andere“ Amerika vermitteln

Und dennoch: Ich bleibe dabei, dass Deutschland und die USA einen neuen New Deal brauchen. In Deutschland mit dem Abschied von der Schuldenbremse und mit einer der höheren Besteuerung der Besserverdienenden, Millionenerben, Reichen, Superreichen, damit sie endlich ihren solidarischen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Damit der Staat in öffentliche Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Digitalisierung, den ländlichen Raum und soziale Gerechtigkeit im gesamten Land investieren kann. Das wäre auch die beste antifaschistische Politik.

Und dennoch: Ich bleibe dabei, mich mit Amerika, seiner Kultur und seiner Musik zu beschäftigen. Amerikanische Tradition ist nicht nur Egoismus, Ausgrenzung, ungezügeltes Kapital und Kulturkampf. Von Walt Whitman über Mark Twain und Upton Sinclair bis zu Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan gibt es amerikanische Traditionslinien, die Vielfalt, Respekt, Toleranz, Gemeinsinn und Demokratie zum Inhalt haben. Das ist das „andere“ Amerika. Das will ich weiterhin mit Publikationen, Konzerten und Seminaren & Vorträgen vermitteln.

10 Jahre Americana in Darmstadt

Daher werden drei Aktivitäten dieses Jahr für mich entscheidend prägen. Seit 10 Jahren kuratiere ich die Darmstädter Americana-Reihe. Mit einer Reihe von Premieren im ersten Halbjahr und einer großen Jubiläumsgala mit Freunden und Weggefährten im Herbst möchte ich dieses Jubiläum würdig begehen. Die Reihe ist zu einer echten Marke in Darmstadt und Rhein-Main geworden. Darauf bin ich schon stolz. Auch wenn jedes Konzert Kraft kostet, besonders um Menschen dafür zu gewinnen, sich auf das Live-Erlebnis einzulassen. Um so schöner ist es, wenn das Programm gefällt und Publikum und Künstler:innen zusammen einen schönen Abend haben und nach dem Konzert sich noch anregende Gespräche ergeben. Daraus ziehe ich dann die Kraft für die nächsten Konzerte und mache immer weiter damit. Ende nicht absehbar. Infos und Tickets zu den Konzerten: http://www.knabenschule.de .

Reise in die USA

Im April werden wir erstmals seit 2019 wieder durch die USA reisen. Diesmal allerdings ohne Stationen im Deep South. Uns steht derzeit nicht der Sinn nach langen Autofahrten und Small Towns in den Südstaaten. Wir gehen vor den US-Wahlen bewusst auf die Spurensuche der progressiven amerikanischen Traditionslinien. Wir werden uns in New York City mit dem Thema Einwanderung (Ellis Island), afroamerikanischer Kultur (Harlem, Apollo Theater) und den Spuren von Bob Dylan und Woody Guthrie im „Big Apple“ beschäftigen.

Wir werden Letztere in Tulsa, Oklahoma, „wieder treffen“, wenn wir dort erstmals den Bob Dylan Center und ein zweites Mal den Woody Guthrie Center besuchen. Aber auch das Tulsa-Massaker von 1921 und die Morde im Osage County (siehe Scorseses Meisterwerk „Killers Of The Flower Moon“: https://cowboyband.blog/2023/10/29/die-um-das-olgeld-tanzen/) werden auf unserer Agenda stehen.

Und unsere dritte und letzte Station wird dann Woodstock, NY, sein. Und das weniger wegen des legendären Festivals, das gar nicht dort, sondern im 70 Meilen entfernten Bethel stattgefunden hat, sondern es seit jeher als Künstlerkolonie für das progressive Amerika steht. Dort hat Bob Dylan gewohnt und dort im legendären Big Pink haben er und „The Band Musikgeschichte“ geschrieben. Klar, dass wir das aufsuchen werden. Daneben haben Woodstock und die angrenzenden Orte eine hohe dichte an Musiklocations. So wie beispielsweise die Levon Helm Studios und das Bearsville Theater. Den ersten Musikevent haben wir schon gebucht. Am 14. April werden wir im nur 30 Autominuten entfernten Kingston die Old Crow Medicine Show sehen. Da die Jungs selten nach Europa und leider schon gar nicht nach Deutschland kommen, werden wir sie nach Amsterdam 2017 erst das zweite Mal sehen. Mal schauen, was wir in NYC, Tulsa und Woodstock noch an Konzerten sehen können.

Neues Buchprojekt

Und dann steht ein neues Buchprojekt an. Nachdem ich die Wurzeln von Bob Dylan in der Countrymusik und in der Musik der Black Community erforscht habe, möchte ich diesmal meine eigene Dylan-Geschichte mit der Zeitgeschichte verknüpfen. Es geht um Dylans Deutschland-Tour 1981. Da habe ich mein erstes Dylan-Konzert in Mannheim gesehen. Das war die Zeit der Rückkehr von Dylan aus bornierter Frömmelei hin zur Weltoffenheit früherer Tage. Die Setlists waren eine Mischung aus alten Songs, religiösen Songs und dem neuen, durchaus schon weltlicheren Material seines neuen Albums „Shot Of Love“. Ich werde den Zeithintergrund beleuchten, die künstlerische Situation Dylans 1981 schildern, an mein eigenes Konzerterlebnis erinnern und anhand der Recherchen im Lippmann+Rau-Musikarchiv (vielen Dank an meinen Freund und „Key West“-Mitherausgeber Richard Limbert!), damaligen Presseberichten und Zeitzeugen eine Chronik und Bewertung dieser Tour vornehmen.

Was macht Bob Dylan 2024?

Also schon einiges los in diesem Jahr. Und dazu noch die Fragen nach neuen Dylan-Konzertterminen oder gar einem neuen Album. Da wird wieder einmal an die Wand gemalt, dass Bob Dylan sich zur Ruhe setzen könnte. Ja, das könnte kommen, aber bestimmt nicht vor Ende der „Rough And Rowdy Ways Tour 2021-2024“. Einmal noch Dylan in Deutschland sehen, das sollte klappen. Ein neues Album? In den Dylan-Foren wird nach Hinweisen wie angeblichen Studiozeiten hier und dort geforscht, anonyme Quellen bemüht und und und.  Dabei wissen wir doch: Am schönsten ist es doch, wenn uns der alte Verwirrkopf auf dem falschen Fuß erwischt und uns alle mit Neuigkeiten verblüfft, die wir nicht in der Lage waren, vorherzusehen. Ich denke da beispielsweise an die überraschende Veröffentlichung von „Murder Most Foul“.

Also bleiben wir gespannt und mein Americana-jahr 2024 wird eines der spannendsten werden, ganz getreu dem alten Motto „Keep On Keeping On!“

Wenn Bob Dylan aus der Zukunft grüßt

7. Januar 2024

„Lola“ von Andrew Legge ist ein faszinierender, vielschichtiger Film, gespickt mit Zitaten aus der Popkultur

Copyright: Signature Entertainment

Der Film „Lola“ ist das sehr gelungene vielschichtige Spielfilm-Debüt des Iren Andrew Legge. Der Film hat Kultpotential, denn er ist ein wahres Eldorado für Filmliebhaber. Er hat mit Martha „Mars“ und Thomasina „Thom“ Hanbury eines der hinreißendsten und interessantesten Schwesternpaare der Filmgeschichte. Er erzählt eine großartige, packende Geschichte vom „in-die-Zukunft-schauen-und-sie-beeinflussen-können“ und ist gespickt mit Popkulturzitaten.

Die Zukunft verändern

„Lola“ ist die Maschine mit der man Film, Funk- und Fernsehschnipsel aus der Zukunft empfangen kann. Ihr Name ist eine Referenz von Legge an all die anderen Lolas der Popkulturgeschichte: Der „Lola“ Marlene Dietrichs aus „Der blaue Engel“, der „Lola“ der „Kinks“ oder Tom Tykwers „Lola rennt“. Thom und Mars, die frühe ihre fortschrittlichen Eltern verloren haben, haben die Maschine erfunden. Dient sie im Jahr 1941 zuerst kulturellen Ausflügen in die Zukunft– die Schwestern begeistern sich für Bob Dylan, David Bowie und „The Kinks“ – nutzen die beiden später die Maschine für den britischen Geheimdienst im Kampf gegen die deutschen Aggressoren im zweiten Weltkrieg. Erst beeinflussen sie den Kriegsverlauf positiv im Sinne der Briten, dann gehen sie einer deutschen Täuschung auf den Leim. Es kommt zu einer Kette von dramatischen Ereignissen. Die beiden werden zum Tode verurteilt, Thom wird zu Nazi-Kollaborateurin, Mars geht mit ihrem Freund in den Widerstand. Großbritannien wird eine faschistische Diktatur und statt David Bowie steht ein brachialer Sänger mit „The Sound Of Marching Feet“ in den Popcharts.

Mehrere Bob Dylan-Referenzen

Regisseur Andrew Legge hat den dystopischen Film bewusst als „Found Footage Film“ konzipiert. Er ist in Schwarz-Weiß gehalten, und „Wackel-Kamera“-Bilder sind kunstvoll verwoben mit Original-Wochenschau-Bildern der 1940er Jahre. Während Thom die technische Erfinderin ist, hat Mars eine kreative Ader. Die filmt ständig, begeistert sich für Musik und komponiert Song im Bob Dylan-Stil.

Dass mit Bowie und Dylan ausgerechnet die beiden größten Chamäleons der Musikgeschichte im Film ihren Platz haben, passt natürlich ganz genau in diese Geschichte um Veränderungen und das Eingreifen in die Geschichte. Und sicher hat Andrew Legge auch die Direct Cinema-Filme eine D.A. Pennebaker gesehen, dessen „Don’t Look Back“ die England-Tour von Bob Dylan 1965 filmisch verarbeitet hat. Denn dessen Filmweise und Ästhetik sind durchaus verwandt mit diesem Found Footage Film.

Beachtenswertes Spielfilm-Debüt

Die Geschichte ist packend erzählt, atemlos verfolgt man die immer tragischeren Ereignisse. So vergehen die gerade mal 79 Minuten wie im Flug und man möchte sich den Film am liebsten gleich nochmal ansehen, so viel steckt in ihm. Ein beachtenswertes Debüt von Andrew Legge. Wir sind gespannt, was von ihm noch kommen wird.

Vor 50 Jahren: Bob Dylans zwiespältiger Triumphzug

5. Januar 2024

Die 1974er Comeback-Tour war für den legendären Musiker ein großer Erfolg in Sachen Publikumsbindung und Einnahmen. Künstlerisch bewertete er das Ereignis eher kritisch

Bob Dylan & The Band 1974, Copyright: Wikimedia Commons

Die Comeback-Tour von Bob Dylan im Januar und Februar 1974 war seine triumphale Rückkehr nach acht Jahren Tourpause. Seine letzte Tour war die Welttour 1966, die er mit den damals noch unbekannten „Hawks“, aus der später „The Band“ werden sollten, absolviert hatte. In der Zwischenzeit hatte Dylan nur noch sporadisch in der Öffentlichkeit musiziert, wie 1968 beim Tribute für den verstorbenen Woody Guthrie, 1969 beim Festival auf Isle of Wight oder 1971 bei George Harrisons „Concert für Bangladesh“. Seine Bedeutung für seine Generation und sein Mysterium wuchsen trotzdem oder gerade deswegen immer mehr. Währenddessen wurden „The Band“ zu einer der stilbildenden und erfolgreichsten amerikanischen Rockgruppen ihrer Zeit.

Der große Dylan-Hype

Die Nachricht, dass beide Acts nun wieder zusammen auf Tour gingen, schlug ein wie eine Bombe. Die Nachfrage war immens, der Hype in Publikum und Medien für die damalige Zeit fast beispiellos. Am Ende waren alle 40 Konzerte, die zwischen dem 3. Januar und 14. Februar stattfanden – teilweise wurden zwei Shows an einem Tag gespielt – restlos ausverkauft.

Die Shows hatten ein Standardformat: Ein Eröffnungsset mit sechs Liedern von Dylan mit Band, dann ein Set mit fünf Liedern von The Band, darauf folgten drei weitere Dylan & The Band-Auftritte, dann spielte Dylan ein Akustikset mit fünf Liedern, ein drei bis vier Lieder umfassendes Set von The Band und am Ende ein gemeinsames Finale. Das Publikum war hingerissen, da es alle die Songs hören konnte, die es schon so lange von Dylan nicht mehr gehört hatte: „Like A Rolling Stone“, „It Ain’t Me Babe“, „Just Like A Woman“, „Don’t Think Twice, It’s Alright“ usw. Und dazu noch der aktuelle Hit „Knockin‘ On Heaven‘s Door“ aus dem im Juli 1973 erschienenen Film „Pat Garrett & Billy The Kid“.

Die Stimmung der Konzerte gibt der am 20. Juni veröffentlichte Live-Mitschnitt sehr gut wieder. Die Begeisterung des Publikums war riesig, die Leute waren förmlich elektrisiert. Und als Dylan die plötzlich inmitten der Watergate-Affäre so aktuell gewordenen Zeilen „But even the president of the United States must have to stand naked“ aus „It’s Alright Ma“ sang, die da war der Jubel groß. Ein Moment für die Ewigkeit. Die älter gewordene Protestgeneration noch einmal ganz fest vereint mit ihrer musikalischen Leitfigur, der mittlerweile den Messias-Rang eingenommen hatte. In der Zukunft sollte das nicht mehr so oft passieren.

Dylan hatte die Dylan-Maske auf

Innenseite der LP „Before The Flood“, Copyright: Sony Music

Aber hier hatte Dylan ja auch seine Bob Dylan-Maske aufgesetzt und seine Stadion-Stimme für die großen Sporthallen intoniert. Die Musik mit The Band war druckvoll, dynamisch, mitreißend. Dylans Soli waren schnell und hart gespielt und zornig herausgeschrien. Ein großes Dylan-Fest. Alle waren am Ende zufrieden mit der Rückkehr Dylans. Nur Dylan und die Jungs von The Band nicht. Levon Helm erinnerte sich später: „Manchmal hatte ich das komische Gefühl, dass wir die Rollen von Bob Dylan und The Band spielten und das Publikum dafür bezahlte, um zu sehen, was es vor vielen Jahren verpasst hatte.“ Auch Dylan hatte Probleme mit der Rolle, die er in dieser Tour spielte, und sagte nachdenklich 1980 in einem Interview: „Als Elvis 1955 ‚That’s All Right, Mama‘ spielte, war es Sensibilität und Kraft. 1969 war es einfach pure Kraft. Dahinter steckte nichts anderes als nur Gewalt. Ich bin auch in diese Falle getappt. Nehmen Sie die Tour von 1974. Es ist ein sehr schmaler Grat, den man beschreiten muss, um mit etwas in Kontakt zu bleiben, wenn man es einmal erschaffen hat … Entweder es hält einem stand oder nicht.“

Dylan hatte gemerkt wie äußerlich ihm diese Konzerte wurden. Hatte er anfangs noch einige Songs seiner aktuellen Platte „Planet Waves“ gespielt, so blieb davon mit der Zeit nur noch das heute sich im Klassiker-Status befindliche „Forever Young“ übrig. Es war die letzte Aufführung des 1960er-Dylans.

Danach: Dylans ständige Neuerfindungen

Fortan sollte Dylan immer wieder versuchen, dieser Bob Dylan-Rolle zu entfliehen, und sich und seine Songs bei seinen Konzerten immer wieder neu erfinden. Entweder mit neuem Material und einer neuen Bühnenpersönlichkeit versehen wie bei der Rolling Thunder Review 1975/76 oder auch bei seinem aktuellen Rough & Rowdy Ways-Bühnenprogramm. Oder wenn schon retrospektiv, dann aber völlig auf links gedreht wie 1978 oder auf den Konzerten der sogenannten „Never Ending Tour“ seit 1989. Und doch bleibt diese Tour und ihr Mitschnitt „Before The Flood“ ein wichtiges Zeitdokument, das man auch heute immer noch gerne hört.