Archive for Mai 2024

Love Minus Zero/ No Limit

21. Mai 2024

Bob Dylans vielleicht zärtlichster und poetischster Love Song

Copyright: Columbia

Ich will hier gar nicht über Zen, jüdische Mystik oder Edgar Allan Poe referieren. Denn so funktioniert Musik nicht. Die Worte und die Musik müssen – egal woher sie kommen – den Hörenden ansprechen, ihn berühren. Love Minus Zero/ No Limit habe ich zuerst in der zuckersüßen Budokan-Version kennengelernt, dann in der Originalversion und in der Ambros’schen Variante „Wahre Liebe“. Und er war und ist einer der Dylan-Songs, die mich am meisten berührt haben.

Song über die „wahre Liebe“

Und tatsächlich habe ich das immer so empfunden: Dylan singt hier das hohe Lied der „wahren Liebe“. Auch dieser Song von 1965 ist seiner ersten Frau Sara gewidmet. Dylan ging in der Zeit hohes Risiko und war rauflustig. Er hatte sich schon mit „Another Side Of Bob Dylan“ mit der politischen Folk-Szene angelegt und war nun auf dem Weg zum Folk-Rock. Er war inmitten einer kritischen, diskussionswütigen GenerationEr teilte aus, er musste einstecken, er war ständig kreativ und ruhelos. Sara war tatsächlich so etwas wie ein Anke für ihn in dieser konfliktreichen Zeit.

“In the dime stores and bus stations,
People talk of situations,
Read books, repeat quotations,
Draw conclusions on the wall.
Some speak of the future,
My love she speaks softly,
She knows there’s no success like failure
And that failure’s no success at all.”

Doch so sehr ihn diese ewigen Diskussionen und Richtungsauseinandersetzungen nerven, zum alten Spießertum und der Herrschaft der besitzenden Klasse will er auch nicht zurück. Da gehört er nicht dazu. Ebenso wenig wie seine große Liebe, die kennt das alles zu genau.

“The cloak and dagger dangles,
Madams light the candles.
In ceremonies of the horsemen,
Even the pawn must hold a grudge.
Statues made of match sticks,
Crumble into one another,
My love winks, she does not bother,
She knows too much to argue or to judge.”

Sara als Anker und Schutz

In einem Teil des Landes da tobt der Sturm, die Brücken beben und der Landarzt gibt Geraune von sich, bereiten sich im anderen Teil, an den Küsten, die Nichten der Banker sich darauf vor, perfekte Ehefrauen von gut verdienenden Menschen zu werden. Der Sänger und seine Liebe müssen sich gegen Spießer, Besitzende und Debattierclubs wehren. Das übersteigt die Kräfte seiner Liebsten. Doch er nimmt nicht nur, er gibt auch zurück.

“The bridge at midnight trembles,
The country doctor rambles,
Bankers‘ nieces seek perfection,
Expecting all the gifts that wise men bring.
The wind howls like a hammer,
The night blows cold and rainy,
My love she’s like some raven
At my window with a broken wing.”

Copyright: Columbia

Im nächsten Augenblick und das weiß jeder, der das Lied hört, wird er sie in den Arm nehmen nud trösten, so wie er den Vogel mit dem gebrochenen Flügel hinein ins Zimmer nehmen wird.

Zwei gegen den Rest der Welt

Dylans Song ist der vielleicht zärtlichste, poetischste und auch individualistischste von Dylans Love Songs. Er und seine Liebe gegen den Rest der Welt. Sie wollen gar nicht kämpfen, sie müssen sich aber wehren. Im Januar 1965 nimmt Dylan den Song auf, der auf „Bringing It All Back Home“ im März 1965 veröffentlicht wird. Gut anderthalb Jahre und noch viel mehr Kilometer im Rattenrennen und Umdrehungen im Hamsterrad später, wird sich Dylan mit seinem Motorrad auf die Straße legen und streiken. Er wird fast acht Jahre nicht mehr auf der Tour gehen.

So wie seine Liebe zu Sara mit dem Lied über seine Liebe, seinen Anker beginnt, so wird diese Liebe fast 10 Jahre später mit der Rückschau auf diesen Schutz durch Sara in „Shelter From The Storm“ enden:

“’Twas in another lifetime, one of toil and blood
When blackness was a virtue the road was full of mud
I came in from the wilderness, a creature void of form
Come in, she said I’ll give ya shelter from the storm

And if I pass this way again, you can rest assured
I’ll always do my best for her, on that I give my word
In a world of steel-eyed death, and men who are fighting to be warm
Come in, she saidI’ll give ya shelter from the storm”

„The Love Songs Of Bob Dylan

Auch “Love Minus Zero” wird am kommenden Donnerstag bei „The Love Songs Of Bob Dylan“ in der Darmstädter Americana-Reihe zu hören sein. Auch diesmal, im letzten Teil der kleinen Love Song-Trilogie hier auf meinem Blog, wird der Interpret nicht verraten. Einfach hingehen und sich überraschen lassen. Karten gibt es unter www.knabenschule.de .

Thomas Waldherr präsentiert Americana, The Love Songs Of Bob Dylan, Darmstadt – Bessunger Knabenschule, 23. Mai, 20 Uhr. Tickets: www.knabenschule.de .

„I Believe In You“

17. Mai 2024

Kurz vor Pfingsten ein religiöses Liebeslied. Aber eines, dass man auch anders verstehen kann. Auch dieser Song erklingt am 23. Mai bei „The Love Songs Of Bob Dylan“ in Darmstadt

Copyright: Columbia/Sony

Wenn ich gefragt würde, welcher christliche Song mich am meisten beeindruckt hätte, würde ich „I Believe In You“ sagen. Drei andere Songs kämen mir noch in den Sinn: „Precious Angel“, „What Can I Do For You?“ und „Pressing On“. Erster hat aber neben der wunderschönen Melodie und dem zuckersüßen Gitarrenriff eben vor allem auch eine hanebüchene Message, der zweite ist bei weitem nicht so intensiv wie „I Believe In You“ und der dritte ist – obwohl so gut, dass er sogar von Alicia Keys gecovert wurde – zu eindeutig christlich.

Trotz Bekehrung bleibt die Uneindeutigkeit

Denn trotz absoluter Glaubenswahrheiten: Auch der Dylan der evangelikal-christlichen Phase operierte durchaus in einer gewissen Uneindeutigkeit. Einiger seiner Songs für Gott, konnten auch als an eine Frau gerichtet gehört werden. Nur so konnte ich Ungläubiger in dieser Zeit überhaupt bei Dylan bleiben.

Denn: „I believe in you even through the tears and the laughter/ I believe in you even though we be apart/ I believe in you even on the morning after/ Oh, when the dawn is nearing/ Oh, when the night is disappearing/ Oh, this feeling is still here in my heart“

Da kann man was missverstehen, oder? „Well, first of all, God is a woman, we all know that. Well, you take it from there“, sagte Dylan schon 1965 auf einer Pressekonfererenz in Austin. Die Liebe zu Gott und die Liebe zu einer Frau – für Dylan quasi das Gleiche. Die Liebe ist göttlich, ihr das geliebte Wesen menschlich. Viele Fragen, die sich einem stellen und die unsere alter und liebster Verwirrkopf uns da einpflanzt.

Ein Song über die Liebe zu Gott oder zu einer Frau?

Wie auch immer: „I believe in you“ ist zudem für mich so überzeugend, weil er hier nicht missioniert, sondern von seinem persönlichen Glaube singt. Und dass er dafür Freunde verliert:

“They show me to the door/ They say don’t come back no more/ ’Cause I don’t be like they’d like me to/ And I walk out on my own/ A thousand miles from home/ But I don’t feel alone/ ’Cause I believe in you“

Dass dieses Lied aber das „wohl am eindeutigsten sexuell aufgeladenes Liebeslied, das er je veröffentlicht hat“, wie es Robert Alexander in Michael Gross‘ „Bob Dylan – Der Messias der Rockmusik“ schreibt (München 1980, S. 230), das sehe ich nicht. Um diesen Titel streiten sich eher Songs „New Pony“, „Lay, Lady, Lay“ oder „I’ll Be Your Baby Tonight“.

Auf jeden Fall ist es auch ein grimmiges Lied, weil es nie versöhnlich wird. Wie so viele andere Songs dieser Zeit auch. Erst mit „Every Grain Of Sand“ von seinem dritten christlichen Album vermittelt er uns wieder ein positives, weil in sich ruhendes Bild vom Glauben. Keines, das Schwert, Flammen und Verdammnis braucht.

Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Zeit

Auf seinem vorerst letzten Album hat er uns wieder so einen ambivalenten Liebessong geschenkt. „I’ve Made Up My Mind to Give Myself to You“ erzählt mit den wunderschönsten Worten von der Liebe zu Gott. Man kann es aber auch hier wieder anders verstehen. Als Liebeslied an eine Frau. Oder beides vermischt sich in diesem Song. Aber auch hier: Dylans Glaube ist gefestigt, er ruht in sich selbst, er muss uns nicht mehr missionieren und allen Ungläubigen drohen.

Auch „I Believe In You“ wird bei „The Love Songs Of Bob Dylan“ am 23. Mai in Darmstadt zu hören sein. Wer es singt, wird noch nicht verraten.

Thomas Waldherr präsentiert Americana, The Love Songs Of Bob Dylan, Darmstadt – Bessunger Knabenschule, 23. Mai, 20 Uhr. Tickets: www.knabenschule.de .

I’ll Remember You

9. Mai 2024

Aus dem völlig überproduzierten Album „Empire Burlesque“ ragen zwei Songs heraus. Einer davon ist „I’ll Remember You“. Auch er wird bei „The Love Songs Of Bob Dylan“ am 23. Mai in Darmstadt erklingen

Copyright: Columbia Records/ Sony Music

Der Song hat mich sofort gefangen. Schon als ich das erste Mal „Empire Burlesque“ bei erscheinen 1985 gehört habe, ragte er für mich heraus. Nicht so verkompliziert wie „Tight Connection“ (das schräge Video dazu entdeckte ich erst viel später), nicht so totproduziert wie „When The Night Comes Falling“, nicht so verkitscht wie „Emotionally Yours“, dem Song für Elisabeth Burton.

Ein Song, der berührt

Neben „Dark Eyes“ war „I’ll Remember You” der Lichtblick auf dem Album. Das war wieder ein Song, den ich damals gerne vor mir her sang, dessen Lyrik mich berührte.

“I’ll remember you
When I’ve forgotten all the rest
You to me were true
You to me were the best”

Der Auftakt zu einem bitter-süßen Song, der eine Situation beschreibt, die viele kennen, mit Worten und Bildern erzählt, die sonst keiner findet und die dennoch so vertraut sind.

“When there is no more
You cut to the core
Quicker than anyone I knew
When I’m all alone
In the great unknown
I’ll remember you”

Der Sänger erinnert sich noch ganz genau an diese Liebe. Von der man nicht weiß, ob es eine längere Beziehung oder nur eine kurze Affäre war. Das macht auch keinen Unterschied. Dylan erinnert sich mit großem Respekt an diese vergangene Liebe. Eine Frau mit scharfem Verstand, denn sie bringt die Dinge auf den Punkt wie kein anderer.

“There’s some people that
You don’t forget
Even though you’ve only seen him one time or two”

Und diese Frau war auch sehr empathisch. Sie erinnerte sich an Leute, auch wenn sie die nur ein, zwei Mal gesehen hatte.

Warum das Ganze wieder gescheitert, so dass der Song ein trauriges Liebeslied werden musste, bleibt ganz Dylan-like mal wieder unklar. Aber wie sie mit der Trennung zurechtgekommen und umgegangen ist, da war sie besser drin als er.

“It was you who came right through
It was you who understood
Though I’d never say
That I done it the way
That you’d have liked me to”

Denn er leidet bis heute, wenn er sich an sie erinnert. Stellt sich quälende Fragen und findet zärtlich-mystische Bilder für die Frau und der Beziehung zueinander.

“Didn’t I, didn’t I try to love you?
Didn’t I, didn’t I try to care?
Didn’t I sleep, didn’t I weep beside you
With the rain blowing in your hair?

I’ll remember you
When the wind blows through the piney wood”

Und weil das alles so war. Weil die Beziehung so gut war, wie ihr Ende wohl zwangsläufig und hart, darum erinnert er sich immer wieder an sie. Bis zum Ende aller Dinge.

“In the end
My dear sweet friend
I’ll remember you”

Der ultimative Song für sentimentale Rückblenden. Ein Song, der berührt und der gleichzeitig auch immer ein bisschen Halt für die unglücklich Verliebten gibt.

Der Song für sentimentale Rückblenden

Ich sah diesen Song immer als den besseren im Vergleich mit dem weitaus (kommerziell) erfolgreicheren „Make You You Feel My Love“ von 1997. Ich höre eine Ähnlichkeit in der Melodie heraus. Vielleicht muss man „Make You Feel My Love“ als Prequel zu “I’ll Remember You” sehen. “Make You Feel” ist Anbahnung, “Remember” ist Rückblick“ nach der gescheiterten Umsetzung. Doch ich fand die Bilder beim von Adele, Garth Brooks und Billy Joel zum Hit gemachten 1997er Song, der irgendwie so wenig zum Rest von „Time Out Of Mind“ zu passen schien, immer zu naheliegend, zu einfach, zu wenig Dylan-like. Aber vielleicht war er gerade deshalb so erfolgreich?

Wer weiß, was mit „I’ll Remember You“ geschehen wäre, hätte ihn Dylan nicht in den für ihn verheerenden 1980er Jahren, sondern nach seinem Comeback 1997/98 veröffentlicht? Er hätte es verdient, solch einen Erfolg wie „Make You Feel My Love“ zu haben.

„I’ll Remember You“ und „Make You Feel My Love“

Beide Songs werden natürlich bei „The Love Songs Of Bob Dylan am 23. Mai in Darmstadt erklingen. Denn schließlich war es Bernd Hoffmanns Version von „Make You Feel My Love“ und seine Worte dazu, die mich auf die Idee des Love Songs-Abends brachten. Bernd Hoffmann wird ihn in einer Video-Einspielung zum Programm beisteuern.

Mit „Make You Feel My Love“ habe ich 2019 meinen Frieden gemacht. Bob Dylans Live-Darbietung in jenem Sommer auf dem Schlossplatz von Stuttgart hat mir gezeigt, dass jedes einzelne Wort wahr wirkt, wenn man es mit der richtigen Haltung singt. Das war neben „Girl From The North Country“ der Gänsehaut- und Tränenmoment des Konzerts.

The Love Songs Of Bob Dylan

Und so freue ich mich „I’ll Remember You“ wieder einmal live zu hören: Gut zwanzig Jahre lang, von 1985 bis 2005 hat Bob Dylan ihn immer wieder einmal gespielt. Einmal, in Wiesbaden 1993, durfte ich ihn live von Bobby hören. Am 20. Mai wird er als Duett erklingen. Mehr wird nicht verraten.

Thomas Waldherr präsentiert Americana, The Love Songs Of Bob Dylan, Darmstadt – Bessunger Knabenschule, 23. Mai, 20 Uhr. Tickets: www.knabenschule.de .

The Love Songs Of Bob Dylan

4. Mai 2024

Die Darmstädter Americana-Reihe feiert Bob Dylan am Vorabend seines Geburtstages mit einer Auswahl seiner Liebeslieder

Am Donnerstag, 23. Mai, feiert die Darmstädter Americana-Reihe wieder einmal Bob Dylan. Unter dem Titel „The Love Songs of Bob Dylan“ ehrt eine illustre Künstlerschar den Song-Großmeister bereits am Vorabend seines 83. Geburtstages mit einer Auswahl seiner Liebeslieder. Konzertbeginn in der Halle der Bessunger Knabenschule ist um 20 Uhr, der Eintritt beträgt 18 Euro, ermäßigt 15 Euro. Tickets kann man online unter http://www.knabenschule.de erwerben, unter der Telefonnummer: 06151/ 61650 sind telefonische Kartenreservierungen möglich.

Dan Dietrich

Die Love Songs des Literatur-Nobelpreisträgers sind ein oftmals unterschätzter Teil des Werkes der Musik-Legende. Bekanntes wie „Girl From North Country“, „Lay, Lady, Lay“ oder „Make You Feel My Love“ (aufgenommen u.a. auch von Adele, Billie Joel und Garth Brooks) wird ebenso erklingen, wie weniger vertraute Songs.

Alles wird vorgetragen mit großer Liebe zum Meister. Aber ohne falschen Respekt, stattdessen mit einem eigenen Stempel. Es teilen sich die Bühne: Der „Darmstädter Dylan“ Dan Dietrich, Wolf Schubert-K. & Friends, Martin Grieben und DanaMaria. Special Guest: Bernd Hoffmann.

Americana-Kurator Thomas Waldherr: „Bernd Hoffmann, der ‚Elder Americana Statesman‘ aus Weinheim an der Bergstraße brachte mich auf die Idee dieses Abends, als er beim letztjährigen Dylan-Geburtstag die Love Songs Dylans sehr eindringlich lobte. Leider kann er aus persönlichen Gründen nicht dabei sein, doch er wird per Videoeinspielung zur Veranstaltung beitragen.“

DanaMaria

In kurzen, unterhaltsamen Beiträgen wird Kurator Thomas Waldherr zwischen den Musikdarbietungen die vorgetragenen Songs in das Werk Dylans einordnen. „Es gibt die frühen Love Songs wie „Girl From The North Country”, die sogenannten „Anti-Love Songs“ wie „Don’t Think Twice“ oder auch die traurigen Liebeslieder von „Blood On The Tracks“ zu hören. Dazu sollen dann auch die Geschichten hinter den Songs erzählt werden“, erklärt der Bob Dylan- und Americana-Spezialist Waldherr das Konzept des Abends.