Archive for Oktober 2024

Die Kunst der Wiederholung

19. Oktober 2024

Bob Dylan konzertiert auch beim dritten Frankfurter Auftritt auf gutem Niveau

Copyright: Sony Music/ William Claxton

Im Ranking der drei Frankfurter Konzerte ist das zweite eindeutig die Nummer eins. Kompliziert ausgedrückt, aber auch nicht einfach so hingesagt. War Dylans erster Auftritt am Mittwoch ein mit ein paar Unebenheiten und Unschärfen behafteter ordentlicher Auftritt, so war das zweite Konzert ein großartiges Ereignis, an den das dritte Konzert, obwohl besser als das erste, nicht heranreichte.

Guter Auftritt

Dylan arbeitete sich wieder am Freitagabend durch sein Rough And Rowdy Ways-Repertoire. Er spielte wieder fleißig Mundharmonika wanderte vom Klavier in die Mitte und zurück. Da waren keine musikalischen Wackler wie noch am Mittwoch mit schiefen Tönen und ein paar Längen in den Arrangements. Die Band war gut eingestimmt und lief recht präzise. Alles war stimmig und routiniert – ein gutes Konzert. Doch der Meister hatte diesmal nicht die ganz großen magischen Momente, zu denen er immer mal wieder fähig ist.

Wer seit drei Jahren, außer in diesem Sommer, im Grunde mit der gleichen Setlist – im Mittelpunkt stehen neun RARW-Songs plus ein paar andere – agiert, der muss die Kunst der Wiederholung beherrschen. Und die besteht eben darin, keine identischen Konzerte abzuliefern, sondern jeden Moment etwas Neues schaffen zu können. Die Konzerte sind äußerlich gleich: Setlist, Band, Bühnensetting, Tourname  und Tourdesign. Doch innerlich, sprich mit welcher Haltung, Energie, Konzentration Dylan seine Lieder singt und spielt, das kann sich von Tag zu Tag ändern. Dylan beherrscht die Kunst der Wiederholung, kein Konzert ist gleich.

Wie geht es weiter?

Dylans Herbsttour verzichtet auf klangliche und musikalische Möglichkeiten. Er hat den Multiinstrumentalisten aus der Band gestrichen und setzt voll auf sein Klavierspiel. Dazu hat er auch richtig Lust. Er spielt jetzt auch wieder mehr Harp wie in den letzten Jahren und ist auf der Bühne unterwegs. Gut so, dass gewann den Songs nochmals neue Seiten ab. Und dennoch irgendwie ist da beim Zuhörer auch die Lust auf was Neues. Die Outlaw-Tour war wie eine Blaupause was noch so alles möglich ist.

Irgendwie ist für mich die RARW-Geschichte nach dieser Tour auserzählt. Sicher haben Songs wie „Key West“ oder „Mother Of Muses“ Bestand. Die große Frage aber, die über allem schwebt, ist doch: Will Dylan auch 2025 weiter auf Tour gehen? Gibt es irgendwann in nächster Zeit ein Album mit neuen Originalsongs? Oder müssen wir ein Retirement fürchten? Hier auf irgendetwas wetten zu wollen, wäre vermessen. Also warten wir ab, schauen wir hin was passiert und wissen doch zu gut: Der Künstler Bob Dylan muss zu seinem großen Lebenswerk nichts mehr hinzufügen. Damit könnten wir leben. Aber schöner wäre es halt doch, er würde weiter kreativ bleiben. Wir sind gespannt.

Setlist, Frankfurt am Main, 18. Oktober 2024

1.         All Along the Watchtower

2.         It Ain’t Me, Babe

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version Of You

8.         To Be Alone With You

9.         Crossing the Rubicon

10.       Desolation Row

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       It’s All Over Now, Baby Blue

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       Watching the River Flow

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

17.       Every Grain of Sand

Ähnlich, nur besser!

18. Oktober 2024

Bob Dylan führt bei seinem zweiten Frankfurter Konzert lose Enden zusammen/ Momente höchster Schönheit

Bob Dylan bei einem Konzert 2019, Copyright: Wikimedia Commons

Das Grundkonzept dieser Konzerte von Bob Dylans Europatour 2024 bleibt natürlich auch beim zweiten Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle gleich. Es funktioniert nur besser. Das ziellose Gefuddel bei „All Along The Watchtower“ ist ersetzt durch kürzere, konzentriertere Gitarrensoli des Meisters. Dylans unnachahmliches Gitarrenspiel auf zwei bis drei Tönen funktioniert diesmal bestens, keine schrägen Töne schleichen sich ein. Damit hat Dylan gleich am Anfang seine härteste Probe hinter sich, alles andere geht ihm scheinbar leichter von der Hand. Beeindruckende Klavierfiguren, kraftvolles und inspiriertes Mundharmonikaspiel. Da sind sie endlich zu erleben, diese Soli, die zu Momenten höchster Schönheit werden, so wie ganz am Ende bei „Every Grain Of Sand“, als wieder einmal mehr die Zeit still zu stehen scheint.

Dylans neues Konzertformat funktioniert

Dylan wirkt diesmal etwas introvertierter, seine Ansagen und die „Thank Yous“ sind sehr zurückhaltend, aber er legt die Konzentration voll auf die Musik, was ihr hörbar Gut tut. Auch die Band wirkt konzentrierter und homogener, die Musik dichter. Hatte Dylan gestern lose Enden in der Hand, so hat er sie an diesem Abend perfekt zusammengebunden. „It Ain’t Me Babe“, „Desolation Row“, „When I Paint My Masterpiece”, “Mother Of Muses”, “It’s All Over Now, Baby Blue” (unwiderstehlich!) und natürlich “Every Grain Of Sand” sind die absoluten Höhepunkte auch in diesem Konzert.

Dylan hat seine Konzertmusik nach den Änderungen im Sommer nun endgültig in ein neues Format transformiert. Man mag den fehlenden Instrumenten Lapsteel, Mandoline, Trompete und Geige nachtrauern. Doch Dylan elektrifiziertes Klavierkonzert funktioniert nun. Dylan trägt musikalisch den Abend, die Gitarristen Britt und Lancio scheinen konzeptionell (also ohne ihnen persönlich nahetreten zu wollen) Beiwerk zu sein, die langjährigen Weggefährten Garnier und Keltner (diesmal keine Scharmützel zwischen Bob und Jim!) bilden das sichere rhythmische Fundament. Doch Bob gibt den Ton an, spielt ganz selbstbewusst und expressiv Klavier. Er bläst die Mundharmonika so oft wie lange nicht mehr. Und er traut sich des öfteren singend hinter dem Klavier hervor. Freihändig und wacklig mit dem Mikro in der Hand, dann zum Klavier tänzelnd, danach ans Klavier gelehnt, dann wieder hinter das Klavier schleichend und dann über das Klavier gebeugt singend, zuweilen einhändig spielend.

Der Meister in Bestform

So entstehen immer wieder beeindruckende musikalische Momente. Das Publikum ist ergriffen, überrascht und erfreut, diesen Show and Danceman in Bestform zu erleben. Und morgen geht es weiter!

Setlist, Frankfurt am Main, 17. Oktober 2024

1.         All Along the Watchtower

2.         It Ain’t Me, Babe

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version Of You

8.         To Be Alone With You

9.         Crossing the Rubicon

10.       Desolation Row

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       It’s All Over Now, Baby Blue

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       Watching the River Flow

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

17.       Every Grain of Sand

Hummeln im Hintern, Ideen im Kopf

17. Oktober 2024

Bewegungsfreudiger Bob Dylan spielt beim ersten Frankfurter Konzert seine Songs wieder einmal ganz anders als noch im letzten Jahr

Die Vorfreude war schon im Sommer groß, Foto: Cowboy Band Blog

Nein, Bob Dylan will einfach nicht stehenbleiben, will sich nicht wiederholen. Auch mit 83 Jahren will er sein Werk immer wieder revidieren, neu erfinden und auf den Prüfstand stellen. Und so hat er nach 2022 und 2023, als er seine Songs in nahezu perfekt konzipierter und orchestrierter Kammerkonzertform dargeboten hat, in diesem Jahr mal wieder alles kräftig durchgeschüttelt.

Zurück zum Kern der Songs

Er verzichtet schon seit der Outlaw-Tour nach gut 20 Jahren auf Donnie Herron, dem Multiinstrumentalisten an Lapsteel, Madoline, Geige und Trompete. Geblieben sind die Gitarristen Doug Lancio und Bob Britt und natürlich Bassist Tony Garnier. Seit dem Sommer sitzt die Drummer-Legende Jim Keltner am Schlagzeug. Nach dem ins jazzige spielenden Charlie Drayton und dem Country-Drummer John Pentecost folgt mit Keltner jetzt ein traditioneller Rock-Drummer. All dies zeigt Dylans Wunsch, seine Musik in reduzierter Form zu spielen, auf den Kern zurückzukommen. Hatte er seit 2021 auf seiner Rough And Rowdy Ways-Tour ein ausgearbeitetes künstlerisches Konzept, so hat er nun nur eine Idee. Alles andere entsteht auch am ersten der drei Frankfurter Abende in der Bühnenarbeit.

So verlässt Dylan sich zunehmend auf sich selbst. Vorbei die Jahre als Dylan an der Seite der Bühne einer unter vielen der Bob Dylan-Band war. Er lieh ihr seine Stimme, Orgel/Keyboard oder Klavier waren aber manchmal kaum zu hören. Nun stehen er und das Klavier oder genauer das „Baby Grand Piano“ genauer  im Mittelunkt der Bühne. Hinter ihm stehen Keyboard und Gitarre bereit, die er vor allem in den ersten Songs des Abends mit dem Rücken zum Publikum spielt.

Bewegungsfreudig

Für diese doch schräge Darbietung entschädigt Dylan das Publikum später um so mehr, denn im Gegensatz zu den letzten Jahren wagt er sich auffällig oft auf die offene Bühne, in der Hand das Mikro. Er scheint Hummeln im Hintern zu haben, ist bewegungsfreudig. Dabei wirkt er aber etwas gebückt und unsicher, immer wieder schließt er diese Ausflüge ab, in dem er sich am Klavier festhält, dann wieder hinters Piano geht, sich dann singend über den Flügel beugt. Als wolle er in kleiner Runde in irgendeiner Bar singen. Und das passt auch zum ganzen Ambiente der Bühne, die Band wirkt, als würde sie zum Kehraus in einer Bar für wenige einsame Seelen spielen.

Die Jahrhunderhalle, der Ort des Geschehens, Copyright: Wikimedia Commons, GNU-Lizenz für freie Dokumentation, A. Köhler

Dylan spielt das Baby Grand Piano – ausführlich, fast ausschweifend – die Harmonika – fast ebenso ausschweifend, das Keyboard selten und die Gitarre nur ganz am Anfang. Sein musikalisches Vermögen steht im Mittelpunkt. Das Pianospiel ist überraschend gut, das Mundharmonikaspiel fleißig, ohne aber die ganz großen Soli-Momente zu schaffen. Der Gesang ist wechselhaft. Manchmal laut und energisch, dann wieder nachlässig und halbe Verse verschluckend. Aber wie auch immer – er hat alles im Griff.

Dazu gehört auch, dass die beiden Gitarristen kein musikalisches Eigenleben zugestanden wird. Fleißig tragen sie zu Melodie und Rhythmus bei, doch aus sich herausgehen dürfen sie nie. Dazu passt, dass sie in Frankfurt identisch mit dunklem Anzug und Schiebermütze gekleidet sind. Anonyme Mitspieler? Doch Dylan lässt sich nicht lumpen und stellt seine Musiker diesmal sogar einzeln vor. Bob Britt nach „I Contain Multitudes“, Doug Lancio nach „When I Paint My Masterpiece”, Tony Garnier nach “Back Rider” und Jim Keltner nach “My Own Version Of You”.

Musikalische Skizzen

Auch in Frankfurt spielt Dylan wieder neun Songs von RARW – auf die Uraufführung von Murder Most Foul müssen wir uns weiter gedulden – und dazu ein paar Klassiker. Der erste Song ist „All Along The Watchtower“, das natürlich als Kommentar zur Lage der Welt passender ist denn je. „It Ain’t Me Babe“ fügt sich wunderbar in die Selbsterklärungssongs „I Contain Multitudes“ und „False Prophet ein und „It’s All Over Now, Baby Blue“ erklingt im Umfeld der literarisch, historisch und religiös verankerten „philosophischen“ Dylan-Songs wie „Mother Of Muses“, „Key West“ und „Every Grain Of Sand“ schon etwas danach, dass dem Sänger die Endlichkeit seines Tuns bewusst ist.

Die Musik wirkt oftmals skizzenhaft, hier und da sind gerade am Anfang auch schräge Töne zu hören. Die Performance ist wichtiger als die Perfektion, Dylan experimentiert wieder. Das hört sich dann manchmal nicht so gut an – „Crossing The Rubicon“ erweist sich als langer, zäher Brocken und „Jimmie Reed“ wirkt etwas verloren und richtungslos – sorgt aber auch für schöne musikalische Momente. Höhepunkte des Abends sind „When I Paint My Masterpiece“ zur Melodie von „Istanbul (Not Constantinople)“. Was zu einem Song, in dem Dylan den Meisterwerken des alten Europas huldigt, durchaus passend erscheint. Dazu „Desolation Row“, mit einen Trommelrhythmus, den man sowohl von Buddy Hollys „Peggy Sue“, als auch von Dylans „Series Of Dreams“ kennt, dann „Mother Of Muses“, mit großer Hingabe gesungen, und natürlich das auch hier wieder überirdische „Every Grain Of Sand“.

Am Ende wird getanzt

Das Publikum reagiert durchgehend freundlich, ohne enthusiastisch zu sein. Am Anfang noch etwas reserviert, später dann immer wieder einzelne Zuschauer mit Standing Ovations, wieder etwas später tanzen einige an der Seite und sogar ein Paar direkt von der Bühne. Am Ende applaudieren alle stehend. Man hatte aber den Eindruck, als wäre ein großer Teil der ganz treuen Dylan-Enthusiasten und Stimmungsmacher nicht anwesend, so dass stimmungsmäßig noch Luft nach oben ist. Wir sind gespannt wie es heute weitergeht.

Setlist, Frankfurt am Main, 16. Oktober 2024

1.         All Along the Watchtower

2.         It Ain’t Me, Babe

3.         I Contain Multitudes

4.         False Prophet

5.         When I Paint My Masterpiece

6.         Black Rider

7.         My Own Version Of You

8.         To Be Alone With You

9.         Crossing the Rubicon

10.       Desolation Row

11.       Key West (Philosopher Pirate)

12.       It’s All Over Now, Baby Blue

13.       I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You

14.       Watching the River Flow

15.       Mother of Muses

16.       Goodbye Jimmy Reed

17.       Every Grain of Sand

“Ladies & Gentlemen, on piano, harp, keyboard, guitar and wrench – Mr. Bob Dylan!”

16. Oktober 2024

Was erwartet uns bei den drei Frankfurter Konzerten? Dylan spielt vom 16. bis 18. Oktober in der Mainmetropole

Nach dem dritten Prager und dem Erfurter Konzert war spätestens klar: Bob Dylan hat diesmal keinen Ehrgeiz, musikalisch perfekt zu sein. Waren seine Auftritte 2022 und 2023 durchchoreografierte Kammerkonzerte mit fast beängstigender Perfektion, so schlägt das Pendel nun ins Gegenteil: Auf einer der letzten Etappen seiner „Rough And Rowdy Ways-Tour 2021-2024 kommt wieder der experimentelle Dylan zum Vorschein.

Der experimentelle Dylan ist wieder da!

Diese Europa-Tour verblüfft wieder einmal mehr: Gerade noch hat die Bilder vorm Auge, als er bei seinem letzten Outlaw-Konzert den Rhythmus von „Desolation Row“ mit dem Schraubenschlüssel ans Mikrofon haut. Diesmal schnappt er sich in Berlin ganz am Anfang des Konzerts die Gitarre und spielt bei „All Along The Watchtower“ mit dem Rücken zum Publikum. „It Ain’t Me Babe“ streckt er mit langem Intro auf mehr als zehn Minuten. Mal spielt er ganz sparsam Klavier, dann wieder ausschweifend, teil mit großartigen Soli. Das trifft auch auf sein Harmonikaspiel zu.

Und der Gesang: Erst nuschelt die ersten Zeilen des Abends am Mikrofon vorbei, dann haut er ein paar Nummern später einen Gesangsvortrag der Extraklasse raus. Dylan ist bei dieser Tour kaum zu fassen. Als würden hier in einer großen Performance alle unterschiedlichen Versatzstücke seiner Art des Konzertierens aus allen Karriere-Jahrzehnten bunt gemischt und auf den Boden der Bühne ausgeschüttet.

Die Musik ist dunkel – Rhythm & Blues getränkt – aber einige erzählen auch von musikalischen Anleihen bei Schönberg oder Brecht. Kleiner, kultureller Gruß ans Gastgeber-Land? Dylan spielte in den USA seit der Herbsttour 2023 eine ganze Reihe von Coverversionen, manchmal auch mit Ortsbezug. Hier in Deutschland also der Verweis auf Expressionismus und Neue Musik?

Ungeschliffene Performance, klar konzipierte Setlist

So ungeschliffen die Performance auch erscheint: Jedenfalls ist die Setlist ganz klar konzeptioniert: Der Auftaktsong „All Along the Watchtower“ ist die Analyse unserer Gegenwart: „Es muss doch einen Ausweg geben, dem Unheil zu entfliehen.“ Dann folgen einige Songs, die Dylans persönliche Programmatik entfalten: „It Ain’t Me Babe“, „I Contain Multidudes“. Mit „When I Paint My masterpiece“ schließlich als Dreh- und Angelpunkt seines momentanen konzertanten Selbstverständnisses. Wenn das Meisterwerk gemalt ist, kannst Du dich zur Ruhe setzen. Er ist aber nie zufrieden damit, das treibt ihn an. Also übermalt er immer wieder sein großes Meisterwerk. Mal wird es gut, mal wird es grauslich, der Künstler aber bleibt lebendig.

Dann wendet er sich den Songs zu, die seine mittlerweile bekannte Vorliebe für böse und verstörende Geschichten: „Black Rider“, „My Own Version Of You“ und das umgeschriebene „To Be Alone With You“.

Im letzten Teil Key wird es schließlich philosophisch, historisch und göttlich: Bei „Key West“, „Mother Of Muses“ und „Every Grain Of Sand“ begegnen sich beim Meister der Song-Collage Ginsberg, Corso und Kerouac, Kalliope, General Sherman und Martin Luther King und Dylan sieht Gottes Hand in jedem Blatt und jedem Sandkorn.

Was geht ab zwischen Bob und Jim?

Zur Folklore dieser Tour gehören wohl auch mittlerweile die Scharmützel, die sich Beobachtern zufolge Dylan mit seinem Drummer Jim Keltner liefert. So richtig zufrieden scheint er mit der Arbeit seines alten Weggefährten Keltner wohl nicht zu sein. Aber diese Zufriedenheit scheint ohnehin nur schwer erreichbar. Seit George Receli von 2001 bis 2019 durchgehend für Dylan getrommelt hat, haben wir dann in den Jahren 2019 bis 2024 mit Matt Chamberlain, Charley Drayton, John Pentecost und Jim Keltner gleich vier verschiedene Drummer in Bob Dylans Band erleben dürfen. Mal schauen wie es mit Bob und Jim weitergeht.

Nürnberg soll dann ziemlich nahtlos an Berlin angeknüpft haben. Was dafür spricht, dass sich in Frankfurt Dylan wieder etwas neues Performatives ausdenken könnte. Wir können uns darauf freuen. Denn auch der alte experimentelle Verwirrkopf ist zurück. Das macht Lust auf mehr.

Margo & Bob

5. Oktober 2024

Margo Price singt „Hurricane“ auf dem Album „Better Than Jail“

Margo Price, Copyright Wikimedia Commons

Vielleicht die größte Überraschung auf dem neuen Album „Better Than Jail“ – hier spielt eine illustre Musikerschar aus Country und Americana legendäre Gefängnissongs und setzt sich für Gefängnisreformen und Haftverbesserungen ein – ist Margo Prices Version von „Hurricane“. Countrysängerin Margo Price interpretiert hier Dylans legendären Protestsong gegen die Inhaftierung des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Und das ist mutig. Nur wenige und dazu noch kaum bekannte Musiker haben sich bislang an dieses Stück gewagt.

Selten gecoverter Dylan-Song

Bei der Recherche stießen wir auf Namen wie Middle Class Rut (schöne punkige Version) oder Andy B & The World (temporeicher Ska-Folk-Hybrid) oder Pedro Javier Gonzalez (Gitarrenstück rein instrumental). Dazu natürlich die eine oder andere Dylan-Coverband. Die ganz großen Namen sind da nicht dabei, sieht man mal von den Highwomen, Wolfgang Niedeckens BAP und Phil Lesh & Friends ab.

Umso höher ist die Courage von Margo Price zu wertschätzen, die sich den vielleicht am wenigsten gecoverten bekannten Dylan-Song ausgesucht hat. Der Song ist zu eng mit Bob Dylan und Hurricane Carter und der damaligen Dylan-Phase verbunden. Dylan hat ihn nach dem 1976, nach dem Ende der Rolling Thunder Revue nie mehr gespielt. Und wenn er gespielt wird, dann meist musikalisch recht nah am Original.

Eigene Gefängniserfahrungen

Nun also die Countrysängerin Margo Price. Dabei ist sie gar keine so typische Countrysängerin. Zwar wurde sie ganz standesgemäß in einer Kleinstadt im Mittleren Westen geboren, doch bevor sie in der Countryszene den großen Durchbruch hatte, spielte sie u.a. in der Band „Secret Handshake“ politische und sozialkritische Songs. Und ihre Leben hatte schon auch seine Tiefen, in dem auch eine Gefängniserfahrung gehört. So sagte im Interview mit dem Onlinemagazin „Fader“ zu ihrem Song „Weekender“: „Gefängnislieder sind in der Country-Musik ziemlich verbreitet, besonders in den alten Sachen. Aber ich glaube, es gibt nicht viele Frauen, die Gefängnislieder geschrieben haben. Ins Gefängnis zu gehen ist nicht sehr weiblich. Ich war einfach sehr deprimiert und habe viele schlechte Entscheidungen getroffen, und so endete es. Es war so etwas wie ein Wendepunkt. Ich wusste nicht, dass es so enden würde, aber ich wusste, dass ich so deprimiert war, dass etwas passieren würde, ob ich mich nun in eine psychiatrische Anstalt sperren lassen würde oder was auch immer, und so endete die Depression irgendwie. Es ist egal, wie süß und unschuldig du aussiehst. Wenn du schlechte Dinge tust, wirst du irgendwann erwischt. Versuche nicht, der Polizei davonzulaufen, ramme dein Auto nicht vor den Augen der Polizisten gegen Dinge.“

Margo ist Bob-Fan

Möglicherweise erklärt das ihre Teilnahme am Better Than Jail-Projekt. Aber warum Bob Dylans „Hurricane“? Nun, Bob Dylan hat für die Country- und Americanamusikerin tatsächlich eine besondere Bedeutung. Dem Magazin Pitchfork sagte sie 2020, kurz nach dem erscheinen von „Rough And Rowdy Ways: „Ich habe ihn schon in jungen Jahren gehört, aber erst mit 19 hat es bei mir richtig Klick gemacht. Damals begann ich, mich in Dylan zu verlieben, wollte so sein wie er und in seine Gedankenwelt eindringen. Ich war gerade nach Nashville gezogen und hatte von einem Ex-Freund „The Essential Bob Dylan“ bekommen – es ist das einzig Gute, was er mir hinterlassen hat. Ich war auf mich allein gestellt und jagte einem schwer fassbaren Traum nach; ich wusste nicht, ob er aufgehen würde, und es gab Leute in meinem Leben, die mir sagten, ich solle ihm nicht folgen. In diesem Alter wurde seine Musik wichtiger als alles andere. Und das blieb so. Er ist mein Songwriter Nr. 1 aller Zeiten.“ Im gleichen Interview schildert sie auch, wie sehr sie die Veröffentlichung von „Murder Most Foul“ berührt hätte und das sie gerne „Like A Rolling Stone“ geschrieben hätte. Ein echter Fan.

Dylans großer Einfluss

Also ist damit klar, dass sie bei der Vorgabe, einen legendären Gefängnissong neu aufzunehmen, bei Bob Dylans „Hurricane“ landen musste. „Das Lied handelt von der Inhaftierung des Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Es fasst rassistische und kriminelle Handlungen gegen Carter zusammen, die zu einem falschen Prozess und einer falschen Verurteilung geführt haben. Meine Band und ich haben es aufgenommen, um das Bewusstsein und die Unterstützung für die dringende Notwendigkeit zu stärken, die Schäden des Strafrechtssystems zu reduzieren.“, sagte sie bei der Vorabveröffentlichung auf Instagramm.

Und wenn man ihre Worte zu ihrem aktuellen Album „Strays“ bedenkt, dann passen Price und Dylan von ihrem Selbstverständnis wirklich gut zusammen, scheint sie doch sehr von ihm beeinflusst zu sein: „Ich fühle diesen Drang immer weiterzugehen und dabei Neues zu schaffen. Ansonsten bleibt man immer an derselben Stelle stehen.“

Immer wieder Dylan-Songs im Repertoire

Bob Dylan, Copyright Wikimedia Commons

Und wenn man dann noch auf ihre Konzert-Setlisten und ihre Auftritte sieht: Coverversionen von Dylan-Songs sind immer wieder darauf. „Oh Sister“, „Things Have Changed“, „Rainy Day Women“ usw.

Und so singt sie mutig den bald 50 Jahre alten Klassiker voller Kraft und Überzeugung. Ihre Version ist gut hörbar und gewinnt dem Song durchaus neues ab. Wo Dylan rebellisch und dennoch cool war, da singt Margo Price mit weiblicher Empathie und kraftvollem Engagement. Eine der interessantesten und feinsten Dylan-Cover der letzten Jahre.

Wann kommt denn endlich das Dylan-Coveralbum, liebe Margo Price?