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Voices of Mississippi

1. Juni 2018

Von dieser CD/DVD-Box konnte ich bislang nur Kostproben hören. Aber die haben es in sich. Beste schwarze Blues- und Gospelmusik, dazu Wortbeiträge wie die von Ray Lum – seines Zeichens weißer Maultierhändler und Geschichtenerzähler – zeichnen ein lebendiges Bild der Populärkultur der US-Südstaaten. Alle Aufnahmen sind Field Recordings des US-Folkloristen William R. Ferris. Dazu eine DVD mit Filmen über die Kunst und Musik aus Mississippi.

Der heute 76-jährige Ferris war der Mitbegründer des „Center For Southern Folklore“ in Memphis, Tennessee und Gründungsdirektor des „Center For The Study Of Southern Culture“ an der University Of Mississippi. Er hat sich um die Erforschung der Alltags- und Populärkultur der Südstaaten verdient gemacht. Und dabei hat er die im Süden immer noch landläufige Spaltung in Schwarz und Weiß geflissentlich ignoriert. Ihm war stets das verbindende wichtig. Dass in Mississippi so unterschiedliche und für die Musikgeschichte so wichtige Künstler wie Jimmie Rodgers, Elvis Presley oder B.B. King geboren wurden. Dass man in der Old Time Musik von Plattenaufnahmen nicht unterscheiden konnte, ob Weiße oder Schwarze hier Singen und Musizieren. Dass sich die Musiken der Weißen und der Schwarzen mischten. Ferris selber ist als Sohn einer weißen Pflanzerfamilie geboren worden, die auf einer Farm zusammen mit anderen schwarzen Familien das Land bewirtschaftete. Da gab es keine Segregation. Beste Voraussetzungen also, um ohne Rassismus aufzuwachsen.

Für viele Europäer sind der US-Süden und der Staat Mississippi eine große Unbekannte. Die Touristen zieht es nach New York, nach Kalifornien, Florida, in die Nationalparks oder auf die Route 66. Mississippi liegt da ab vom Schuss, ist jedoch so etwas wie der Geburtsort der amerikanischen Musik. Im Mississippi Delta wurde der Blues geboren. Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, brachte weiße Hillbillymusik und schwarzen Blues zusammen und wurde dadurch zum „Vater der Countrymusik“.

Aber dennoch: Auch uns blieb auf unseren Reisen in den Süden vieles dort fremd. Wir erinnern uns an die windschiefen Holzhäuser der Schwarzen in Clarksdale, Mississippi. Dort wo sich die Highways 61 und 49 kreuzen. Wir erinnern uns an fremde Tänze in Morgan Freemans Blues Club und das Geheimnisvolle eines noch ursprünglicheren Juke Joints im Ort.

Diese Box erscheint in einer Zeit, in der die herrschende politische Klasse in den USA die Gräben der Spaltung wieder tiefer zieht. Der Kampf um den Referenzrahmen tobt. Gerade ist Roseanne Barr richtigerweise wegen eines rassistischen Tweets gefeuert worden. Man wünschte diese Box würde gerade den Weißen aufzeigen, dass Weiße und Schwarze mehr eint als trennt.
Vielleicht eine der wichtigsten musikalischen Neuerscheinungen dieses Jahres.

Ein kleine Kostprobe von der DVD: Vier Künstlerinnen aus Mississippi

Die Kriegsflagge der Konföderierten

28. Juli 2015

Als wir vor wenigen Wochen in den USA waren – noch vor den Ereignissen in Charleston – da nahmen wir zweimal die Flagge der Konföderierten als ganz besonders prominent hervorgehoben wahr. Ein obskurer Motorrad-Rocker hatte sie auf seinem Arm eintätowiert, verbunden mit dem Statement „Wenn Du diese Flagge nicht achtest, brauchst Du Geschichtsunterricht!“ und dann riesig am Rande des Highways in den Smokey Mountains wehend, gestiftet von den „Söhnen der Konföderation“.

Sicher, die Südstaatenflagge, die konföderierte Kriegsflagge, die hat man zuletzt halt hingenommen, auch wenn es einem schon irgendwie nicht richtig vorkommt, dass sie propagiert wird. Denn es war die Fahne einer Bundesstaatengemeinschaft, deren Zusammenhalt und wirtschaftlicher Macht auf der Sklaverei gegründet war. Und sie ist später immer wieder von denen genutzt worden, die die Niederlage der Konföderation und das Ende der Sklavenhaltergesellschaft nicht einsehen wollten. Und sie war eben immer auch Bestandteil der Repression, der Gewalt und der rassistisch motivierten Morde gegen Schwarze.

Für viele weiße Südstaatler ist sie zum Symbol der Südstaaten-Kultur geworden. „Lynyrd Skynyrd“ greinen beispielsweise nun auf diese Weise herum, man könne doch dieses Zeichen des Südstaaten -Erbes nicht verdammen. Im Bürgerkrieg wäre es um die Rechte von Staaten gegangen. „Oh Freunde, mehr Empathie bitte!“ Es ging vor allem auch um die Aufrechterhaltung der Sklaverei. Und zum Erbe des Südens gehörten auch die Jim Crow-Gesetze zur Rassentrennung. Ist das das Erbe der Südstaaten, das verteidigt werden soll? Die konföderierte Kriegsflagge ist zum Zeichen von Ku Klux Klan und Hate Groups geworden. Ist es so schwer nachzuempfinden, wie Schwarze fühlen, wenn sie sie sehen?

Bei einer Veranstaltung mit der schwarzen Bürgerrechtlerin Lecia Brooks in Mainz, erinnerte sie uns kürzlich daran, dass die Konföderierten-Flagge in South Carolina erst in den Sechzigern über Staatsgebäuden aufgezogen wurde. Eine klares Statement gegen die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung!

Ja, es gibt ein kulturelles Erbe der Südstaaten, das Weiße und Schwarze leben können und wollen. Das ist die Musik – Blues, Country, Bluegrass, Gospel, Jazz und Rock’n’Roll. Das sind die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung. Das sind Soulfood, Catfish, Gumbo und Jambalya, Cornread and Butterbeans and Black Eyed Peas, Limonade und Sweet Tea. Das sind Höflichkeit, Nachbarschaftshilfe und Gemeinsinn, Gastfreundschaft und wunderbare Landschaften. Die großartige Rhiannon Giddens singt in ihrem Song „Country Girl“ davon, dass sie als Schwarze, trotz der unseligen Geschichte und schweren Gegenwart, ganz bewusst im Süden bleibt, weil Sie hier zu Hause ist, den anderen das Feld nicht überlassen will und einfach den Lebensstil dieses Landstrichs mag.

Dieses Erbe, diese Kultur, dieser Lebensstil braucht die Kriegsflagge der Konföderierten nicht, sie schadet ihm, weil sie weiterhin schwarz und weiß spaltet. Zuletzt sind auch wichtige Stars der Countryszene auf Distanz gegangen. Also: Holt endlich die Fahnen runter und wickelt sie ein, sie haben schon lange ausgedient.