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Long And Wasted Years

18. Oktober 2013

Bob Dylans startet seine Europa-Tour bemerkenswert

DylanconcertBlicken wird doch zuerst einmal auf die Setlist der ersten Konzerte in Skandinavien. Denn schon da macht sich Dylan-typischer Humor breit. Die Konzerte beginnen mit „Things have changed“ der klaren Ansage, dass sein früher Klassiker „The Times They Are A Changin'“ schon seine unumstößliche Wahrheit hat, wenn auch anders als gedacht. Denn die Gesellschaft hat die Menschen verändert und nicht umgekehrt.

Und sie enden mit „Long And Wasted Years“! Also alle Jahre sinnlos verschwendet? Für Dylan trifft das vielleicht gerade einmal auf eines der fünf Jahrzehnte seiner Karriere zu, nämlich den 1980ern. Und so spielt er denn auch derzeit konsequent Songs aus den 60ern, den 70ern, den 90ern, den 2000ern und ganz viele seiner neuen Platte. Alleine die genialen Ausnahmen „Blind Willie McTell“  und „What Good Am I?“ finden den Weg aus dem von Ronald Reagan und Michael Jackson geprägten Jahrzehnt.

Kein Künstler dieser Bedeutung würde zudem es wagen, ein Konzert ohne seine größten Hits zu bestreiten und den Fokus auf das Alterswerk zu legen. Normalerweise wird das immer im ersten Teil des Konzerts erledigt, bei Dylan ist es umgekehrt, er reiht wie auf einer Schnur alleine drei Songs seines letzten Albums am Ende des zweiten Teils des Konzerts auf. Kein „Tambourine Man“, kein „Like A Rolling Stone“, kein „Times They Are A Changin'“, kein „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Erst bei den Zugaben hat er ein Einsehen. „All Along The Watchtower“ und „Blowin In The Wind“, letzteres in seiner seit einigen Jahren gespielten Gospel-Soul-Version.

Das bemerkenswerteste ist aber, und damit kommen wir wieder zum Beginn, ist die zentrale Bedeutung von „Long And Wasted Years“ im Konzert. Er war zwar einer meiner Favoriten auf „Tempest“, doch in der öffentlichen Wahrnehmung lag er hinter dem Titelsong, der John Lennon-Hommage „Roll On, John“ und „Duquesne Whistle“ klar zurück.

Und doch entfaltet sich hier Dylans Erzählkunst in ganz großer Weise. Wie er schonungslos negativ er ein Leben bilanziert ist ergreifend und demoralisierend zugleich. Liebe gab es in der Beziehung der Protagonisten nur damals ganz kurz am Anfang. Ansonsten eine einzige Folge von materiellen und immateriellen Verlusten. Und dann wacht man eines Tages auf und muss zusammen heulen wegen dieses elenden, verschwendeten Lebens. Grauslig. Dylans Gesangskunst (!) ist auf der Platte schon großartig. In der Bühnenperformance steigert sie sich nochmal in einen dramatischen Abgesang. Und wirkt als perfekter Verfremdungseffekt. Denn dieses kreative und geniale Künstlerleben – so stellen seine faszinierenden Konzerte wieder unter Beweis – war alles andere als „long and wasted“. Wir hoffen, es erfährt noch eine lange Fortsetzung.

Long And Wasted Years, Stockholm 2013:

25 Jahre Neverending Tour

12. Juni 2013

In diesen Tagen jährt sich der Auftakt der Never Ending Tour (NET) zum 25. Mal. Ging Dylan vorher im normalen Abstand von 2-3 Jahren –Thomas&Bob abgesehen von der 8jährigen Tourpause zwischen 1966 und 1974  – auf Konzertreise, so ist er seit dem  7.Juni 1988 jedes Jahr von Winter/Frühjahr bis Herbst weltweit unterwegs on Tour.

Nach erst zwei Dylan-Konzerterlebnissen 1981 in Mannheim und 1987 in Frankfurt, stieg ich 1991 in die NET ein. Zu erleben waren beinahe-Abstürze wie 1991 in Offenbach, Wiederauferstehungen wie 1997 in London, einen Crooner-Dylan wie 1995 in Aschaffenburg und wenige Monate später einen Gitarren-Gott-Dylan in Stuttgart. Wir sahen ihn in abgewanzten Stadthallen (nochmal Offenbach 1991), in gesichtslosen Mehrzweckhallen (2002 Oberhausen, 2005 Wetzlar) aber auch auf idyllischen Freilichtbühnen (1998 Hamburg, 2006 Gelsenkirchen, 2012 Bad Mergentheim). Wir sahen ihn in der Ferne (1997 London, 2008 Alicante, 2010 Linz) und alleine viermal in der wunderbaren Jahrhunderthalle in Frankfurt (2000, 2002, 2003, 2007).

Ich bin eigentlich kein Freund der Hitparaden und Rankings – das Beste, das Größte usw. – ich unterschiede lieber zwischen Konzerten, die mich besonders berührt haben und die für mich immer unvergessen bleiben werden, und denen, die recht schön und ganz in Ordnung waren. Hier die Liste meiner absoluten Favoriten:

1991 Offenbach (wegen Fall und Aufstieg in einem Konzert)
1993 Wiesbaden (wegen der wieder erlangten Präsenz)
1995 Aschaffenburg + Stuttgart (Vom Crooner zum Gitarren-Hero binnen weniger Monate!)
1998 Hamburg (wegen der Dramatik: Spielt er überhaupt? Und wie er spielt!)
2000 Frankfurt (Kommunikativ und spielfreudig wie selten)
2006 Gelsenkirchen (wegen der tollen Atmosphäre zu der Dylan sein Übriges getan hat)
2007 Frankfurt (wegen des überirdischen „Nettie Moore“)
2009 Saarbrücken (für ein sagenhaftes „Blowin‘ In The Wind“)
2012 Bad Mergentheim (wegen der Weltpremiere: Das gesamte Konzert am Grand Piano!)

Längst sind die Besuche von Dylan-Konzerten ein wichtiger Teil meines Lebens, den ich eigentlich nicht missen will. Irgendwann wird es aber enden, wird die NET abgeschlossen sein. Ich weiß nicht, wie lange Dylan noch auf der Bühne stehen wird. Hoffentlich noch lange. Willie Nelson ist Achtzig und tut es. B.B. King ist 87 und tut es. Chuck Berry ist 86 und tut es. Und Little Jimmie Dickens tritt auch mit 92 Jahren immer noch in der Grand Ole Opry auf.

Mach’s ihnen nach, Bobby!