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Vor 25 Jahren: Bob Dylan findet zurück zu starker Form

6. November 2019

Europa-Tour, Great Music Experience, Woodstock-Jubiläum und MTV Unplugged

2019 purzeln lustig die Jubiläen, da wollen wir daran erinnern, wie vorentscheidend das Jahr 1994 für Bob Dylans Rückkehr zu künstlerischer Stärke und allgemeiner öffentlicher Wahrnehmung und Akzeptanz war. It was 25 years ago…

Bob Dylan war Anfang der 1990er für viele vor allem eines: Ein „has been“. Dylan war mal groß gewesen, aber seine letzten Aktivitäten – das Album „Under The Red Sky“ und die 1991er Tour hatten vor allem ein zwiespältiges Echo hervorgerufen. Die Platte war seltsam unfokussiert und seltsam uninspiriert: Die Tour war eine Tour der Leiden. Im ersten Konzertdrittel versemmelte Dylan so ziemlich alles, erst die zweite Hälfte wurde hörbar, im letzten Drittel schwang er sich dann des öfteren zu Höchstleistungen auf. Seltsam blieb das alles aber schon.

Auch 1992 und 1993 wirkte Dylan etwas aufgeschwemmt, die ganze Motorik stark verzögert, die Stimme sediert. Dylan hatte deutlich mit sich zu kämpfen. Kein Wunder, dass die Konzertaufnahmen aus dem Supper Club vom Herbst 1993 nie veröffentlicht wurden. Klar hatten die ihre starken Momente, aber Dylan wollte so nicht beliebig oft reproduzierbar zu sehen sein. Zwar hatten die Aufnahmen zu „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ wieder zu einer Selbstvergewisserung und neuem Selbstvertrauen geführt, aber noch war er nicht soweit, dass er auch mit seinen Konzerten und in seinem öffentlichen Erscheinungsbild zufrieden war.

„The Great Music Experience“
1994 sollte sich das ändern. Dylan wirkte fitter, dünner und beweglicher auf seiner US-Frühjahrstour. Zwischen diesen Terminen und den Sommerkonzerten in Europa schaltete er noch drei Auftritte beim Mammutfestival „The Great Music Experience“ im japanischen Nara, das weltweit im Fernsehen übertragen wurde. Dort spielte er neben anderen Stars wie Joni Mitchell vier bis fünf seiner Songs, begleitet von japanischen Mönchen und einem klassischen Orchester. Für Dylan eine ungewöhnliche Aktion, von der vor allem in Erinnerung bleibt, wie präzise und diszipliniert Dylan singen kann. Sicher auch für ihn eine wichtige Erfahrung.

Im Sommer in Europa fand er dann auch so langsam zu einem Bühnenoutfit, dessen Idee im Grunde bis heute trägt. „Die Nacht des Jägers“ titelte die „Zeit“ über den Auftritt von 1994 in Dresden, eine von erstmals drei Stationen in der ehemaligen DDR. Er trug einen schwarzen Anzug mit Western-Schleife, so wie Robert Mitchum in dem gleichnamigen Film.

Woodstock wird zum Erfolg für Dylan
Wir haben ihn kurz vorher in Balingen gesehen beim SWF3 Open Air auf dem Messegelände. Das ganze Ding war ein Missverständnis, denn natürlich machte Dylan nicht das, was sonst von einem US-Musiker erwartet wird. Keine lustig-radebrechenden Sprüche für die Werbejingles, kein „Meet & Greet“, keine Interviews. Die Folge: Von Anfang an sorgte SWF3 völlig unprofessionell für schlechte Stimmung rund um den Auftritt ihres Headliners. Der war dann eher unspektakulär, konzentriert, aber ohne wirklich zu glänzen.

Der Durchbruch aber in der öffentlichen Wahrnehmung gelang ihm durch die Teilnahme beim Jubiläumskonzert „25 Jahre Woodstock“. „We’ve wait 25 years to hear this: Ladies & Gentlemen, Mr. Bob Dylan!“ hieß es in der Ansage am 14. August 1994, denn 1969 war Dylan gar nicht dabei. Und er nutzte die Bühne, die ihm alleine deswegen schon bereitet wurde. Dem jüngeren Publikum gefiel Dylans Auftritt sichtlich sehr, der ebenfalls konzentriert und präzise, dabei aber auch inspiriert und kraftvoll wirkte. Genau richtig, um sich zurück zu melden.

Zurück zu alter Form
Kein Wunder dass da die Verantwortlichen von MTV auf Dylan wegen eines Auftritts in der Reihe „MTV Unplugged“ zukamen. Dylans Freund Eric Clapton hatte die Reihe zum Trendsetter gepusht, da würde doch auch Dylan passen. Hatte der nicht die akustische Musik erfunden und dann auch wieder zerstört? Wie auch immer, das an Weihnachten 1994 ausgestrahlte MTV-Special wurde sowohl im TV, als auch auf CD, Dylans größter Erfolg seit langem. Zwar hatte er sich hinsichtlich der Songauswahl nicht durchsetzen können, die MTV-Chefs verlangten „Greatest Hits“, und er hatte noch nicht wieder die Macht, dass nach seinem Gusto produziert wurde. Doch der Erfolg war ein deutliches Zeichen, für die Rückkehr zu alter künstlerischer Kraft.

Auch 1995 und 1996 steigerte sich Dylan zu starken Tourneeauftritten, doch es sollte bis zu einer überstandenen lebensbedrohlichen Herzbeutelentzündung und der Platte „Time Out Of Mind“ dauern, bis man von einem wirklichen Comeback sprechen konnte. Die Grundlagen aber wurden 1994 gelegt, als Dylan nach längerem positiv überraschte und auf sich aufmerksam machte.