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Bob Dylan war nicht dabei

16. August 2019

Bob Dylan und 50 Jahre Woodstock: Beschreibung eines Verhältnisses und Einordnung in die gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA.

Nein, ich kann mich nicht erinnern 1969 irgendetwas von Woodstock

Woodstock 1969, Photo Credits: Wikimedia Commons

miterlebt zu haben. Das liegt an meinem Alter – ich war noch nicht einmal sechs Jahre alt – als auch an meinen Eltern, die der Vor-Woodstock-Generation entstammten und mit den damaligen gesellschaftlich-kulturellen Umbrüchen nichts anfangen konnten. Aber ich habe mich auch in den Folgejahren nie sehr leidenschaftlich um Woodstock gekümmert. Ja, Woodstock war halt wichtig. Und bei den älteren, langhaarigen Schülern auf dem Gymnasium ließ man sich schon gerne mit dem Woodstock-Album sehen. Aber mich berührte das nicht sonderlich, auch wenn der eine oder andere Auftritt – Joan Baez mit Drugstore Truck Drivin‘ Man (gegen Ronald Reagan) oder Country Joe McDonalds Anti-Vietnam-Hymne „Fell Like I’m Fixin‘ To Die“ – mir schon imponierte.

Bob Dylan floh vor dem Woodstock-Festival
Als ich Mitte/Ende der 1970er Bob Dylan für mich entdeckte, bekam ich schon recht schnell mit: Der war ja gar nicht bei Woodstock dabei. Der floh regelrecht davor. Obwohl es ja in Woodstock stattfand, weil er ja da wohnte. Der Messias der Rockmusik, der zu dieser Zeit sich vor der großen Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, wollte mit den Hippies nichts zu tun haben. Den „Summer Of Love“ 1967 verbrachte er mit „The Band“ im Keller und spielte alte Folk, Blues, Country-, Gospel- und Rock’n’Roll-Nummern, die erst Jahre später als „The Basement Tapes“ veröffentlicht wurden. Und während draußen die Psychedelic-Rockwelle tobte, da schrieb er einfache, kleine Folk- und Country-Songs (im Vergleich zu seinen textlich-überbordenden Mittsechziger Werken) und veröffentlichte 1968 „John Wesley Harding“. 1969 ging er sogar ins konservative Nashville und veröffentlichte „Nashville Skyline“. Woodstock, so sagte er später, war für ihn „nur ein großer Markt für Batik-Shirts“.

Doch dieser Bob Dylan, der damals gerade seine Inkarnation als Familienvater durchlebte, war in der Tat ein Wegbereiter für die Gegenkultur, deren Ausdruck Woodstock auch war. Er kaperte Anfang der 1960er das Folk-Revival und befeuerte dessen Politisierung durch Protestsongs mit einer lyrischen Qualität und einer Dringlichkeit der Botschaften, die überwältigend war. Er komponierte den Soundtrack der rebellischen Jugend, die sich mit den benachteiligten Schwarzen solidarisierte und gegen die Kriegsgefahr protestierte. Seine Songs über „Hattie Caroll“ oder den „Masters Of War“ sind unerreichte Meisterwerke, die die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Punkt bringen, ohne sich in dumpfen Plakatismen und Wortdrechseleien zu ergehen.

Er war es aber auch, der der Vater aller Nonkonformisten wurde. Teils aus Eigenschutz, weil er als 22-Jähriger eben nicht die Kraft und den Willen besaß, zu einer politischen Führungsfigur – Che Guevara mit Gitarre? – zu werden, wie es einige gerne gesehen hätten und daher Druck auf ihn ausübten. Teils aus tiefer Überzeugung als autonomer Künstler, der sich seine Subversivität gegen alle mächtigen Institutionen erhalten wollte.

Er war es dann aber auch, der das Folk-Revival sprengte und die Bedeutung des Newport-Folkfestivals zum Implodieren brachte. Als er seine Gitarre 1965 einstöpselte, wurde er für die puristischen Folkies zum Judas. So schrie es einer 1966 in Manchester heraus. Gleichzeitig ebnete er der intelligenten Rockmusik den Weg. Er dichtete weiterhin gesellschaftskritisch, aber weniger tagespolitisch, weniger direkt politisch verwertbar. Dass die Botschaften dieser Songs wie „Subterranean Homesick Blues“ oder „It’s Alright Ma“ vielleicht noch radikaler waren, als die frühen Protestsongs, zeigten die Bereitschaft der linken militanten „Weathermen“ sich für ihren Namen bei einer Liedzeile von „Subterranean“ zu bedienen oder die Begeisterung von Black Panther-Anführer Huewy Newton für Bob Dylans Mittsechziger Rockmusik.

Er trug kulturell dazu bei, dass sich eine neue Linke entwickelte. Pete Seeger – bis heute ist nicht geklärt ob er wirklich mit der Axt bei Newport 1965 die Stromleitung kappen wollte – stand für die alte Linke. Dylan stand für eine individualistische, hedonistische und undogmatische Linke. Für sie war er einer der ihren, dessen Ruhm und Legende in seiner Abwesenheit nach seinem Motorradunfall und während seiner Elternzeit immer größer wurde, obwohl er jetzt andere, traditionellere Musik machte. Aber auch „All Along The Watchtower“ vom Album „John Wesley Harding“ war ja nichts anderes als das gegen die verwaltete Welt gerichtete „Sesam, öffne dich, ich will hinaus“, das sowohl gegen den westlichen Kapitalismus, als auch den gegen den Gesellschaftsentwurf des poststalinistischen Ostens rebellierte. Dylan war einfach nicht eins mit dieser Welt und lieferte so den Soundtrack des Generationenaufstandes Ende der 1960er.

Isle Of Wight statt Woodstock: Bob Dylan 1969

Woodstock-Generation und Neoliberalismus
In Woodstock – von jeher eine Künstlerkolonie – siedelten sich aus Verbundenheit zu ihrem Idol und Wegweiser Dylan, dann auch eine ganze Reihe weitere Musikerinnen und Musiker an. Und das war wiederum der Anlass für die Geschäftsidee von Michael Lang und Artie Kornfeld, die dort ein Tonstudio einrichten wollten, um von der Künstlerdichte zu profitieren. Sie fanden die jungen Finanzinvestoren John P. Roberts und Joel Rosenman und das Phänomen Woodstock ’69 nahm seinen Lauf. Von Anfang an war es beides. Sowohl ein Symbol der Gegenkultur, und der notwendigen Befreiung von überkommenen gesellschaftlichen Zwängen, als auch ihr Ende und der Anfang eines kommerzialisierten Mainstreams, der zumindest ein Jahrzehnt lang Glaube und Hoffnung gab, man könne die Gesellschaft verändern. Dann kamen Reagan (der Truckfahrer wurde US-Präsident), Thatcher, Kohl und begruben die Träume und in den 1990ern waren es Teile der Generation Woodstock, die mit dazu beitrugen, dass der Neoliberalismus auch in alten und neuen linken Organisationen seinen Siegeszug antrat. Clinton, Blair, Schröder, Fischer hatten sich mit dem Kapitalismus arrangiert.

Wie besinnungsloser Neoliberalismus die Globalisierung strukturiert, das konnte man schon in 1980ern sehen und spätestens mit Finanz-, Klima-, und Flüchtlingskrise ist unsere Art des Wirtschaftens kollabiert. Sie erfüllt nicht die Bedürfnisse der Menschen. Sie schafft Wohlstand nur in wenigen Zentren. Sie schafft Armut in der dritten Welt. Aber sie lässt auch in den wohlhabenden Zentren Wenige immer reicher werden. Und sie zerstört unseren Planeten.

Die Wohlstandsschere klafft immer weiter auf. Während soziale Ungleichheit für linksliberale Milieus aber so gut wie kein Thema ist, werden Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und Klimaschutz von einflussreichen Kreisen den Globalisierungsverlierern zum Fraß vorgeworfen. Trump, Johnson, Gauland sind Männer des alten weißen Establishments, die für ihre Spielchen genug verzweifeltes Stimmvieh und Fußvolk finden. Es sind Vertreter von bestimmten Kapital- und Oberschichtenfraktionen.

Deren Kampf gegen den Linksliberalismus ist aber auch ein Kampf gegen jede linke Utopie, weil sie die hassen und der Linken die Ausgangsbedingungen nehmen wollen. In rechten autoritären Systemen werden die Linken im Gefängnis sitzen. Daher muss die Linke erstmal mit den demokratischen Kräften gegen den Siegeszug der neuen Rechten angehen. Aber es muss auch immer klar sein: Alle diese Probleme – Klimakrise, Flüchtlingselend, soziale Ungleichheit, Rassismus und Sexismus sind direkte oder indirekte Folgen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrem ungezügelten Durchgriff auf alle gesellschaftlichen Bereiche: Arbeit, Freizeit, Familie, Kultur, Gesellschaft. Das muss breit in der Gesellschaft diskutiert werden. Es geht um mehr als um den Status Quo oder die vermeintlich „schöne Zeit“ vor 2015.

Bob Dylan als Globalisierungskritiker
Bob Dylan hat sich auch nach seiner Protestphase immer mal wieder konkreter zur politischen Situation geäußert. Er hat mit „Union Sundown“1983 frühe Globalisierungskritik geäußert und hat 1985 beim Heiapopeia-Live Aid auf die Existenzprobleme der US-Farmer aufmerksam gemacht. 1993 hat er für Clinton bei dessen Inauguration gespielt, weil er sich von ihm Verbesserung erhoffte. Wie enttäuscht er als Vertreter des alten New Deals vom Neoliberalismus der Baby-Boomer sein musste, bewies seine Weigerung, in den allgemeinen Obama-Hype miteinzustimmen. Sein Song „Workingman’s Blues #2“ von 2006 ist eine klare Analyse des Niedergangs des Proletariats in Zeiten der Globalisierung und sein „Early Roman Kings“ von 2012 zeigt auf, dass Banker, Mafia oder Gangsta nur verschiedene Seiten derselben kapitalistischen Medaille sind.

Seit 2012 hat Dylan keine neuen Lieder mehr veröffentlicht, keine aktuelle Textstelle, die sich als Reaktion auf Trump werten ließe. Doch Bob Dylan hat auch zu Trump in seinen Liedern schon alles gesagt. Dylan steht für ein anderes Amerika, als es Trump will.

Die Linke muss sich neu erfinden während Bob Dylan zeitlos ist
Michael Lang ist mit seiner Woodstock-Neuauflage krachend gescheitert. Dylan war 1994 dabei, dass funktionierte noch irgendwie während des Baby-Boomer-Optimismus der ersten Clinton-Jahre. 1999 beim 30-Jährigen wurde Woodstock zur Tragödie, als von massiven sexuellen Übergriffen und Desorganisation die Rede war. Nun wurde Langs letzter Anlauf zur Farce. Ohne Geld, ohne Künstler, ohne Festivalgelände.

Ein guter Anlass, über die heutige neue Linke in den USA nachzudenken. Die Woodstock-Generation und ihre Protest- und Lebensformen helfen nur bedingt in der politischen Auseinandersetzung für einen sozial-ökologischen New Green Deal. Über vieles ist die Zeit hinweg gegangen. Und viele aus der Woodstock-Generation gehören heute zum Establishment. Und es hat auch seinen Grund, dass das Silicon Valley in der San Francisco Bay Area zum Ursprung der absoluten Herrschaft von Apple, Google, Microsoft und Co wurde. Denn der Siegeszug des Neoliberalismus hat seine Ursachen auch in den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre. Deren Umbrüche führten zu einer gesellschaftlichen Modernisierung, die in einigen Teilen eben bestens kompatibel zum Kapitalismus war.

Und so ist auch über viele Protagonisten der damaligen Gegenkultur die Zeit hinweg gegangen. „Love and Peace“ reichte damals nicht und reicht auch heute nicht zu einer Strategie für tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen, die auch die Produktions- und Besitzverhältnisse in den Blick nehmen. Darum ist die ewige Beschwörung des Woodstock-Mythos auch so schal. Man muss Woodstock wichtiges Ereignis seiner Zeit mit einer gewissen Wirkung und Bedeutung würdigen. Man kann in Erinnerungen schwelgen und sich an der Musik erfreuen. Man muss aus dem Lernen, was es gewesen ist und was es nicht gewesen ist. Aber immer weiter eine nostalgieselige Überhöhung zelebrieren muss man nicht. Die Welt hat sich in 50 Jahren weitergedreht.

Bob Dylan hat damals nicht dazugehört. Und das macht ihn heute aktueller denn je. Er ist aktueller, weil er die universellen Fragen stellt, die seit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft von Shakespeare, Goethe, Brecht, von Marx, Marcuse und Adorno gestellt wurden. Er hat sich daher immer dem Zeitgeist entzogen – abgesehen von seiner christlichen Phase mit der ich nie ganz meinen Frieden schließen werde – war er ihm oftmals voraus und ist somit zeitlos geblieben. Bob Dylan war nicht bei Woodstock dabei gewesen und es war gut so!

„Von Newport nach Woodstock“-Tour gestartet

26. Juli 2019

Reges Interesse am Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des d.a.i. Tübingen

Vortrag in Tübingen, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Er war der Aufgalopp zu vier Veranstaltungen im zweiten Halbjahr 2019, die das Jubiläum „50 Jahre Woodstock“ zum Anlass nehmen, sich mit der Wirkung und der Perspektive der Protestkultur der 1960er Jahre zu beschäftigen und bei denen ich vortragen darf: Der Special Event „50 Jahre Pop & Protest“ des Deutsch-Amerikanischen Institutes in Tübingen am Freitag, 19. Juli. Im gut gefüllten Veranstaltungssaal des d.a.i Tübingen referierte ich zur Vorgeschichte, den Entstehungsbedingungen sowie Wirkung und Wirklichkeit des Woodstock-Festivals 1969. Katja Engelhardt und Vanessa Schneider berichteten über „Female Resistance in Pop Music“ heutzutage.

Vom Folk-Revival und „Dylan goes Electric“ über den „Summer Of Love“ zu Woodstock
Ausgehend von der These, dass die 1960er Protestkultur ihren Ursprung im Folk-Revival der späten 1950er Jahre hat, nahm ich das Publikum mit auf eine Zeitreise in die Hoch-Zeit der Protestsongs mit Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan. Mit seiner Hinwendung zum Folk-Rock verlor die Folkbewegung ihren Avantgarde-Status und die Rockmusik mit intelligenten Texten, aber auch der Psychedelic-Rock, der oftmals nicht mehr als der Soundtrack zum eskapistischen Trip war, bestimmten die progressive Musikszene in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Während sich im „Summer of Love“ 1967 ein kurzes Zeitfenster für eine wirkliche Gegenkultur zum kriegführenden, konsumistischen und kapitalistischen Amerika öffnete, war diese politische Hippiebewegung bei Woodstock schon an ihrem Ende angekommen. Nun war auch Love & Peace schon unverbindlich zu konsumieren, und gab den vier Jungs aus Musik- und Finanzszene, die Woodstock organisierten, damit die Gelegenheit ein Festival aus Kommerzinteresse zu veranstalten.

Der historische Witz dabei war, dass das Festival nicht gewollt, sondern aufgrund organisatorischer Unzulänglichkeiten zum „Free Festival“ wurde und somit auch erstmal zu einem finanziellen Desaster für die Beteiligten führte. Aber dennoch, es lebe die kapitalistische Verwertungskette – später rechnete sich das Festival dann wegen Film-, Musik- und Merchandising-Rechten dann doch noch.

Woodstock 1969: Gleichzeitigkeit von Gegenkultur und Konsumismus
Während Bob Dylan vor der Hippie-Seligkeit floh und einige großen Bands wie die Stones oder die Doors das Festival aufgrund der vielen Unwägbarkeiten mieden, waren doch eine Reihe von hochkarätigen Acts dabei. Während die Mehrzahl die Love & Peace-Gefühle streichelte, gab es auch einige dezidiert politische Augenblicke wie Country Joe McDonalds Anti-Vietnam Hymne „Fixin‘ To Die Rag“ oder Joan Baez‘ Spottlied auf Ronald Reagan „Drug Store Truck Drivin‘ Man“. Weitere Ironie des Festivals war, dass Jimi Hendrix das vermeintlich schärfste Statement zum Vietnam-Krieg – die mit E-Gitarre verzerrte Fassung der US-Hymne „Star Spangled Banner“ – später gar nicht so verstanden haben wollte.

Reges Interesse an der Veranstaltung „50 Jahre Pop & Protest“, Photo Credits: Deutsch-Amerikanisches Institut Tübingen

Bei der abschließenden Diskussion erinnerten sich einige Zeitzeugen, wie wichtig diese Jahre für ihre Entwicklung als kritische Menschen waren. Und so lautet das Resümee des Vortrags denn auch: Ja, Woodstock war auch ein Ausdruck der Gegenkultur, die für ein paar Jahre durchaus gesellschaftliche Kraft erlangte. Aber es zeigte auch an, dass die Rockkultur zum Mainstream wurde, und sich damit hervorragend kompatibel zur kapitalistischen Konsumgesellschaft erwies.

„Female Resistance in Pop Music“
Wie sich politisch-gesellschaftlicher Protest in der heutigen Popmusik zeigt, führten anschließend die beiden BR-Redakteurinnen Vanessa Schneider und Katja Engelhardt aus. In einem Live Podcast zeigten sie anhand von Beispielen von berühmten Mainstream-Künstlerinnen wie Lada Gaga oder Beyoncé, aber auch von dem großen Publikum weniger bekannten Musikerinnen wie Alynda Lee Segarra wie sich Botschaften gegen Rassismus, Sexismus oder Gentrifizierung mittels Popmusik verbreiten lassen. Ein spannender und hörenswerter Vortrag!

Lehren ziehen für heutige gegenkulturelle Strategien
So bleibt das positive Fazit: Veranstaltungen wie die vom d.a.i Tübingen helfen uns, angesichts unserer heutigen Situation mit dem Vormarsch von Autokraten und Rechtsextremen und deren Absicht, die Errungenschaften der 1960er Jahre wieder abzuschaffen, die Vergangenheit einzuordnen und aus den daraus folgenden Schlüssen, Ausgangsbedingungen für eine gesellschaftliche und kulturelle Gegenwehr zu diesen Tendenzen auszuloten sowie Strategien zu diskutieren und umzusetzen.

Weitere Veranstaltungen der „Von Newport nach Woodstock“-Tour sind dann vom 16. bis 20. September in der Gustav Heinemann Bildungsstätte in Malente, am 6. November in der Reihe „Americana im Pädagog“ in Darmstadt sowie am 6./7. Dezember im Weiterbildungszentrum Ingelheim.

Die 1960er mal zwei

23. November 2018

2019: Pete Seeger wird hundert – Woodstock wird fünfzig

Zum 100. Geburtstag von Pete Seeger veranstaltet „Americana im Pädagog“ ein großes Tribute-Konzert

Kommendes Jahr fallen zwei Jubiläen an. Beide haben zu tun mit dem „anderen Amerika“. Und doch könnte das, wofür sie stehen, unterschiedlicher nicht sein.

Pete Seeger soll das Stromkabel mit der Axt zu durchtrennen versucht haben, so die Legende. Doch wenn Bob Dylan nicht bei Newport 1965 eingestöpselt hätte, wären die E-Gitarrengewitter von Jimi Hendrix‘ Fassung von „Star Spangled Banner“ bei Woodstock 1969 möglich gewesen? Wäre Woodstock überhaupt möglich gewesen?

Legenden der Sixties
Beide – Seeger und Woodstock – sind Legenden der Sixties. Doch während Seeger aus der alten linken amerikanischen Arbeiterbewegung kam und das politische Folk Revival Anfang der 1960er entscheidend beeinflusste, steht Woodstock für ein recht luftiges Love & Peace der Rock-Generation. Dylan schrottete höchst selbst 1965 mit seiner E-Gitarre das Folk-Revival. Am Ende des Jahrzehnts war das große Rock-Hippie-Spektakel Woodstock und Dylan war nicht dabei. Während Seeger zwei Jahre zuvor plötzlich sich von einer elektrischen Band begleiten ließ.

Wie hängt das zusammen und wofür stehen diese Jubiläen? Ich will dies kurz hier anreißen, weil mich diese beiden Jubiläen das ganze nächste Jahr bei meinen Seminaren und Konzerten beschäftigen werden.

Zwei Seiten des „anderen Amerika“
In seinem klugen Buch „Dylan Goes Electric! Newport, Seeger, Dylan And The Night That Split The Sixties“ arbeitet Elijah Wald sehr schön heraus, wofür die beiden Personen Seeger und Dylan stehen. Während Pete die große Depression miterlebte, in der Solidarität eine Tugend war, wuchs Bob als Baby-Boomer inmitten der prosperierenden 1950er Jahre auf. Beide stehen, laut Wald beide für zwei Seiten des anderen Amerika: Seeger für den solidarisch-politischen, Dylan für den individualistischen Gegenentwurf. Beide können analytisch sein und die Ursachen der Probleme benennen, aber Dylan wird ab 1964 den Teufel tun, für irgendeine Organisation oder Bewegung öffentlich einzutreten. Wenn er ab da noch Protestsongs schreibt, so sind sie 1965 nicht mehr tagespolitisch, sondern befassen sich mit der Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt („Maggies Farm“), oder haben später in den 1970ern das Unrecht im Blick, das konkreten Personen wie „George Jackson“ oder „Hurricane“ Carter widerfahren ist.

1965 machte Dylan ein Fenster auf und eine Generation folgte ihm. Die Rock-Generation, die zu den herrschenden Zuständen opponierte, und größere Massen erreichte als die Folk-Generation. Mit dem Preis, weniger Präzise in der Kritik zu sein. Die Rock-Generation war heterogener als die Folk-Generation. Es gab politischen Underground, Sit- ins und neue Lebensformen, aber auch reines Partyfeeling, Pop und psychedelischen Spuk.

Woodstock ohne Dylan
Da war Dylan aber schon nicht mehr dabei. Er wurde Familienvater, spielte Countrymusik, und war entsetzt über die Pilgertourten der Freaks zu seinem Haus nach Woodstock. Sein individualistischer Protest richtete sich nun gegen den Love & Peace-Zeitgeist. Denn wenn er sich mit den gesellschaftlichen Zuständen wirklich beschäftigte, dann war er oftmals immer noch klarer als mancher Teilzeit-Hippie. Daher floh er regelrecht vor dem Massenereignis. Zwar hatte Woodstock seine klaren politischen Botschaften – man denke an Hendrix‘ Luftangriffsgewitter-Version von „Star Spangled Banner“, Joan Baez „Truck Drivin‘ Man“ und ihre Widmung des Liedes für Ronald Reagan sowie Country Joe McDonalds „I Feel Like I’m Fixin‘ To Die Rag“ – aber insgesamt überwogen Friede, Freude, Eierkuchen (der wackere Richie Havens mit „Freedom“) oder die Pose wie sie beispielsweise Janis „Rebel‘ Without a Cause“ Joplin zelebrierte.

Da war die ebenso bittere, wie fast schon logische Pointe, dass dem fröhlichen Woodstock-Spektakel die Katastrophe von Altamont mit den tödlichen Messerstichen der Hells Angels folgen musste, die diese Generation wieder in die Wirklichkeit führte.

Seeger und Baez bleiben politische Aktivisten
Während all dem aber machte Pete Seeger unerschütterlich weiter. Er schrieb Songs, protegierte Talente, leitete Singalongs an. Und das stets mit einer politischen Intention. Auf ihre Weise führte Joan Baez die Arbeit als Aktivistin und Musikerin in der großen Öffentlichkeit fort. Wie bezeichnend, dass Dylan und sie sich wenige Woche vor Newport trennten. Aber Dylan hatte beide verändert. Seeger akzeptierte die musikalische Ausdrucksform, auch wenn sie nicht die seine wurde, Baez stimmte sogar immer wieder sanfte Folk-Rock-Tönen an. Und ging mit Dylan 1975 sogar auf die rockig-rumpelnde Rolling Thunder Review, die ein allerletzter Abgesang auf die Sixties wurde. Da war Dylan – der lebende Widerspruch – wieder ganz engagiert.

Musikgeschichte verstehen, um Möglichkeiten für linke Politik zu beurteilen
Woodstock und Seeger stehen also für die alte und die neuere Linke in den 1960er Jahren. Während Seeger zwar persönlich als Symbol für ein linkes Amerika berühmt wurde, war er politisch marginalisiert. Die Generation Woodstock marschierte dagegen durch die Institutionen und verlor sich in ihnen, ein Teil begünstigte gar die neoliberalen Veränderungen der Gesellschaft. Beide, Seeger und die Generation „Woodstock“, sind mittlerweile Geschichte, doch sich mit ihrem Werdegang und ihrer Wirkung zu beschäftigen ist nicht nur ein spannendes Stück Musikgeschichte, sondern auch eine lohnende Auseinandersetzung, will man die Möglichkeiten linker Politik in den USA heute auf der Basis der Analyse früherer politisch-historischer Entwicklungen ausloten. Das ist letztendlich die kulturelle und politische Dimension und der Erkenntniswert der Gegenüberstellung dieser zwei Phänomene.

Jetzt, in den Zeiten von Trump, gibt es eine neue, junge Linke in den USA. Eines ihrer Gesichter ist Alexandria Ocasio-Cortez. Wie diese junge Linke im Verhältnis zu alter und alter neuer Linken in der USA steht, und welche Möglichkeiten zu einer linken Politik sie eröffnet- auch dies wird daher Thema in meinen Veranstaltungen im nächsten Jahr sein.