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Shadows In The Night – Erste Annäherungen

24. Januar 2015

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightDylan, der alte Unberechenbare, hat nun erstmals seit einigen Jahren wieder ein großes Interview gegeben, um seine Platte „Shadows In The Night“ zu bewerben. Und da er – oder sein Beraterstab – mittlerweile die PR-Maschine perfekt beherrschen, gab er das Interview nicht dem Rolling Stone, sondern dem Magazin der mächtigen US-Interessensorganisation der Senioren, AARP. Dies ist sowohl zielgruppengerecht, als auch vertriebswegorientiert, denn gleichzeitig verteilt Dylan 50.000 Kopien seines Album mittels der Print-Ausgabe des Magazins. Wow! Wieder so in Dylan-Coup.

Doch kommen wir zum musikalischen. Neues über den Menschen Dylan oder seiner Sicht der Welt gibt uns dieses Interview nicht, sondern es zeigt noch einmal sehr schön deutlich auf, welche Wurzeln Dylans Musik hat und vor allem zeigt es seine große Liebe, sein immenses Wissen und sein tiefes Verständnis für alle Formen der amerikanischen Populärmusik.

Ein Freund, ein großer Kenner der texanischen Country-Singer-Songwriter und auch sonst ein kluger Kopf, mahnte in der Beschäftigung mit „Shadows In The Night“ an, dass uns das Sinatra-Ding auf die falsche Fährte locken würde. Der Antrieb für „Shadows In The Night“ wäre ein anderer.

Und in der Tat, er hat nicht ganz Unrecht. Sinatra führt hier der Fragesteller ein. Dylan schafft es, das aufzugreifen und weder zu bestätigen noch zu dementieren, wie es so schön heißt. Natürlich sind die Songs alle schon von Sinatra gesungen worden. Doch sie gehen zum Teil zeitlich weiter zurück. Dylans „Shadows In The Night“  ist vielmehr eine erneute Hommage an „The Great American Songbook“, an den traditionellen urbanen amerikanischen Popsong, verwurzelt im Jazz und Swing der 20er, 30er und 40er Jahre. Erneut deshalb, weil das auch – allem vordergründigen Weihnachts-Sentiment zum Trotz – schon bei „Christmas In The Heart“ mit-swingte.

Dylan hat sich im Laufe seiner Karriere allen seinen Wurzeln gestellt. Er wurde bekannt durch Folk- und Protestsong, berühmt und legendär durch seine Verbindung von Folk-Rock mit surrealen Songtexten. Er sorgte für Verwirrung durch Liaisons mit Country und Gospelmusik. Und schon einmal, in frühen Zeiten Anfang der 70er, verschreckte er seine Anhänger auf „Self-Portrait“ mit dem amerikanischen Popsong. In diesem Interview erzählt er nochmal ausführlich, dass er groß geworden ist mit der Musik, die ihm die Radiostationen im hohen Norden der Vereinigten Staaten boten: Country, also Hank Williams und die Grand Ole Opry, ebenso wie die den frühen Rock’n’Roll, den Blues, Soul und Gospel. Und eben die Musik der großen Big-Bands wie der von Glen Miller.

Nun also die Beschäftigung mit dem Great American Songbook ganz systematisch, kreativ befreit und lässig souverän. Was man bislang im Netz oder live hören konnte klang sehr interessant. „Full Moon And Empty Arms“ konnte mich nicht vollauf begeistern – Dylans Stimme wirkte wie sediert. „Stay With Me“, das schon im letzten Abschnitt seiner Tour stets der letzte Song des Abends war, klingt dagegen berührend, großartig und, wie ich empfinde, überirdisch schön.

Noch wenige Tage, dann ist die Platte raus. Dann können wir uns mit dem Gehörten, mit den Arrangements, den Songtexten und der Song-Reihenfolge des Albums auf die Suche nach dem inneren Zusammenhang des Albums machen. Werkdeutung – die Lieblings-Disziplin der Dylanologen  – ist angesichts von „Shadows In The Night“ nun wieder angesagt. Frisch ans Werk!

Auszüge aus Dylans Interview sind hier nachlesbar:
http://www.aarp.org/entertainment/style-trends/info-2015/bob-dylan-aarp-magazine.html?intcmp=AE-HP-BB1-BOBDYLAN

Und hier kann man sich „Stay With Me“ anhören:
http://www.npr.org/blogs/allsongs/2015/01/19/377744951/song-premiere-bob-dylan-stay-with-me?utm_campaign=storyshare&utm_source=twitter.com&utm_medium=social

Retro und Spaß dabei!

21. September 2011

Kitty, Daisy & Lewis begeistern in der Centralstation

Begeistertes Publikum, zufriedene Gesichter und überall gute Laune. Und das nur weil drei Geschwister Musik gemacht haben? Manchmal kann es eben so einfach sein, wenn es gut gemacht ist.

Kity, Daisy & Lewis schwimmen auf der Retro-Welle und dies gekonnt. Spielen Blues, Swing, Rockabilly und ein bisschen Country und nehmen dies mit altem, analogem Equipment auf. Wären sie Amerikaner, so hieße ihre Musik „Americana“ und wäre sicher hierzulande schwer zu vermarkten. Da sie aber Engländer sind und ihre Eltern feste Größen im britischen Musikbusiness sind, segelt das Ganze eben auf der „Retro-Welle“ und wird bei den jungen Leuten als „hip“ eingestuft.

Spielen Ryan Bingham oder Holly Williams dann sind die Sääle kleiner, das Publikum gemischt, mit dem Schwerpunkt von 35-50 Jahren. In der Centralstation war es deutlich jünger. Eindeutiges Indiz dafür, dass die Band bei den Kids angesagt ist.

Den Auftakt machte wieder mal ein Phänomen, dass eigentlich kaum noch auszuhalten ist. Eine Vorgruppe, die irgendwo im Bereich Soft-Gothic-Pop einzuordnen ist und die eigentlich keiner sehen will, nimmt uns in künstlerische Geiselhaft. Dann folgt eine (zu) lange Umbaupause. Und danach dauert es – kein Wunder – doch einige Titel bis Künstler und Publikum auf Betriebstemperatur sind. Ausgerechnet als wir uns über den Trompeter aus Jamaica und die scheinbar unerwartete Wendung des Konzertes wundern, kommen die Schwestern und der Bruder richtig in Fahrt. und bald haben sie den Saal im Griff.

Wenn Lewis unnachahmlich altertümlich die große E-Gitarre spielt, als wäre er gerade in den Sun Studios in Memphis/Tennessee, Kitty ein schier endloses, wahnwitziges Mundharmonika-Solo bläst und Daisy anmutig und beschwingt die Snare Drum spielt, beginnt das Publikum schier in Ekstase zu fallen. Dann wird ausgelassen getanzt und vor Entzückung gejuchzt. Immer wieder wechseln die Drei die Instrumente, Lewis geht an die Drums, Daisy an das E-Piano und Kitty wechselt zum Banjo. Alles geht hin und her. Sie spielen alle ihre bekannten Titel und gehen nach 5 Songs als Zugabe unter großem Jubel ab.

Der Americana-Freund ist zufrieden, diese Musik bekommt man hierzulande nicht oft geboten. Stellt sich nur die Frage: Warum hat keiner den Mut mal ein Konzert-Package zusammenzustellen, das musikalische Traditionslinien berücksichtigt. Wenn Kitty, Daisy & Lewis bei den Kids funktionieren, dann doch bestimmt auch das Western-Swing-Trio Shotgun Party oder die Bluegrass-Jazzer von The Toy Hearts. Doch schnell ist die Antwort parat. Dem Musikbusiness geht es nicht um das bewusste Musik hören. Daher weiß man auch nicht wie lange die Geschwister aus Kent dieser Musik treu bleiben können. Spielen und fühlen können sie sie auf alle Fälle. Prädikat: Outstanding!