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Der Vater von Country und Americana

21. November 2009

Jimmie Rodgers (1897 – 1933) wird allgemein als Vater der Country-Music bezeichnet. Er adaptierte den althergebrachten Hillbilly-Stil des armen weißen Südens, kombinierte ihn mit dem schwarzen Blues, ergänzte die Fusion mit den traurigen „Blue Yodels“ und zeigte sich offen auch für Einflüsse aus Jazz- und Schlagermusik. Dazu sang er Texte, die vom wirklichen Leben handelten. Die Melange zeigte ihre Wirkung: Rodgers war der erste populäre „Country-Star“ – den Begriff gab es damals noch nicht – und Vorbild für viele Künstler bis hin zu Bob Dylan.

Der hat bereits 1997 seinem Idol mit der „All-Star“-CD „The Songs of Jimmie Rodgers – A Tribute“ ein Denkmal gesetzt. Er selber steuerte die Liner-Notes sowie das Cover von „Blue Eyed Jane“ bei. Bereits 1985 äußerte sich Dylan voller Bewunderung über Rodgers: „The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. He recorded at the same time as Blind Willie McTell but he wasn’t just another white boy singing black. That was his great genius and he was there first… he sang in a plaintive voice and style and he’s outlasted them all.”

Bereits 1969 hatte  „Bakersfield- Rebel“ Merle Haggard dem „Singin’ Brakeman“ ein Tribut-Album gewidmet. Haggard war aufgrund seines Hippie-Spottlieds „Okie from Muscogee“ und seinen Besuchen bei Nixon und Reagan nicht unumstritten, ist aber als Chronist amerikanischer Lebensrealität ein eben solcher kritischer Freigeist wie seine Freunde Willie Nelson, Keith Richards und Johnnny Cash. Dass ihn sogar Joan Baez gecovert hat, beweist seine Anerkennung im Kollegenkreis. Haggard zeigt mit diesem Album ebenso wie bei seinen eigenen Songs sein Gespür für das Leben der einfachen Menschen und steht damit eindeutig in der Tradition von Jimmie Rodgers.

Auf Rodgers folgten Country-Sänger wie Lefty Frizell und Merle Travis, die sich sehr an Jimmie Rodgers Stil orientierten. Der eine – Lefty – soll ihn so gut imitiert haben, dass auf so manche Rodgers-Kompilation auch schon mal eine Frizell-Version rutschte, der andere – Merle – hat Jimmies Sangeshaltung abgeschaut und übernimmt in der Instrumentierung so manche Anregung Rogers’. Travis wiederum war einer der ersten Country-Musiker, der eine elektrische Gitarre benutzte. Damit wiederum inspirierte er den Kreis der Musiker aus Bakersfield, die dem milden Nashville-Sound den elektrisch aufgeladenen eher rockigeren Bakersfield-Sound entgegen setzten, der wiederum Grundlage für Merle Haggards Stil war.

Bob Dylan wiederum ist ein großer Verehrer von Querkopf Haggard. Zweifach erwies er ihm Tribut. 2005 ließ er ihn sein Vorprogramm bestreiten, 2007 setzte er ihm mit seinem direkt auf  Haggard bezogenen „Working Man’s Blues #2 ein Denkmal. Und es ist sicherlich mehr als eine Fußnote, dass die neuen Sterne am Americana-Himmel, die Felice Brothers, als eine ihrer wenigen Coverversionen Jimmie Rodgers’ „T for Texas“ eingespielt haben.

Bleibt festzuhalten: Mit Jimmie Rodgers fing wirklich vieles in der amerikanischen Populärmusik an. Im Grunde ist er mehr als der Vater der Country-Music. Er ist der Vater des Americana überhaupt.

Neue Sterne – The Felice Brothers

28. Oktober 2009

Felice_Long_06bManchmal soll man bewusst die Superlative sein lassen. Manchmal ist das verdammt schwer. So auch in diesem Fall. Bringen wir es so nüchtern wie möglich auf diesen Satz: „The Felice Brothers“ sind die neuen viel versprechenden Sterne am Americana-/Folk-Rock-Himmel.

Wer sie in diesem Herbst live in Deutschland live erlebt hat – so wie am Dienstagabend in der Frankfurter Batschkapp – der hat keine Musiker gesehen, sondern echte Musikanten. Die Jungs haben ihr Handwerk auf den Straßen und in den Metrostationen New Yorks gelernt. Und ihr Musikkonzept ist überzeugend, denn so bleibt Americana frisch, behält seine Rauheit und stirbt nicht als Kunstlied.

Erst einmal steht Truppe eindeutig in der Tradition von Bob Dylan & The Band, vielleicht mit einem Schuss Tom Waits. Das wäre nichts besonderes, wenn sie es nicht mit einer überzeugenden Kunstfertigkeit an den Instrumenten verbinden würden. Zudem haben sie drei fast archetypische Frontleute in ihren Reihen. Leadsänger und Gitarrist Ian Felice ist die dylaneske charismatische Zentralfigur, spindeldürr und zerbrechlich wirkend. James Felice besetzt die Rolle des Virtuosen an den Tasteninstrumenten und ist zugleich der freundliche Tanzbär, ein Garth Hudson unserer Tage. Greg Farley an Waschbrett und Geige spielt die Rolle des Joker. Während die in den Traditionen wurzelnde Musik der Gruppe deutlich macht, dass hier klassisches Americana  um Einflüsse des Punk, New Wave und Indie-Rock erweitert wurden, bricht der Joker gleichzeitig mit dem traditionellen Habitus des weißen Rockmusikers, indem er sie mit Ausdrucksformen der schwarzen Hiphop-Künstler kombiniert. Ergänzt werden Musik und Performance durch eine fast schon Irish-Folk-mäßige berauschte Spielfreude.

Das alles zusammen ergibt eine wundervolle, mitreißende, explosive Musikmischung und Live-Performance. Es gibt im Moment niemand Anderen, der im Americana-Bereich so geschickt und selbstverständlich die Fallen der ehrgeizlosen Traditionalisierung auf der einen– Bluegrass und Old Time  wie anno dunnemals, sehr schön aber so what? – und der Weltmusik-Kunstklang-Schönspielerei auf der anderen Seite umgeht und das Genre dadurch weiterentwickelt.

Vor kurzem konnte ich mit der Nitty Gritty Dirt Band und Rosanne Cash Künstler erleben, die bereits Jahrzehnte im Geschäft sind. Die Felice Brothers sind – hoffentlich – am Anfang einer großen Karriere. Spannend wird in den nächsten Jahren sein, zu beobachten, ob sie in der Lage sind, auch auf Dauer ihre Versprechen zu erfüllen.

Anspieltipp: CD „The Felice Brothers“, Song „Frankies Gun!”.

Er muss nichts mehr beweisen

3. Mai 2009

Dylans neues Album Together Through Life – ausführlich von mir auf country.de besprochen – zeugt von großer Spielfreude, wirkt aber hier und da gleichsam wie ein noch unfertiger Entwurf und beweist dadurch aber auch die große Souveränität des alten Meisters.

Der Mann muss nichts mehr beweisen. Entgegen dem Boulevard-Gossip-Scheiß von spiegel-online „brauchte“ er keinen Co-Autor, sondern arbeitete aus freien Stücken mit Robert Hunter zusammen. Und warum „Jolene“ und „Shake, Mama, Shake“ bei Dylan „erschreckend schwache“ (Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeier) Bluesschema-Fingerübungen sein sollen, während sie jedem anderen Künstler mit „authentisch“ und „vom schwarzen Blues durchdrungen“ – Gefasel abgenommen würden, hängt natürlich mit der einmaligen Stellung Dylans in der Popmusik zusammen.

Dylans neue Platte ist sicher weder textlich so komplex, musikalisch so dicht und konzeptionell so ausgearbeitet wie die drei Vorgängerplatten. Aber dennoch ist sie alles andere als trivial und eindimensional und schon gar nicht ist sie zu vergleichen mit Dylans B-Werken wie Knocked Out Loaded oder Self Portrait.

Together Through Life gibt genügend Stoff für alle Dylan-Freunde: Musik hören, über Texte Nachdenken, musikalische Querverweisen nachgehen. Eine Platte, die uns alle vielleicht mal wieder ein bisschen erdet nach all den Heiligsprechungen, Mystifizierungen und Auszeichnungen der letzten Jahre.

Wer in den 90er Jahren sich zu Dylan bekannte, dem wurde mitleidsvoll, manchmal auch geringschätzig begegnet. Dass Dylan momentan Everybodies Darling zu sein scheint und voraussichtlich wieder eine Platte als Nummer 1 in die Charts bringt, macht einem eher misstrauisch. Schließlich kennt man die Gesetze der Medien. Wir hoffen und wünschen, dass Dylan seine Souveränität beibehält. Es wäre gut für uns alle.