Archive for the ‘Folk-Rock’ Category

Warum ich mich weiter mit „Americana“ beschäftigen werde – jetzt erst recht!

12. November 2016

Der Wadsc01558hlsieg Trumps hat mich geschockt. Ich hatte gehofft, dass man mit einem blauen Auge und dem kleineren Übel davon kommen werde. Damit die Rechtssicherheit, die Gewaltenteilung, der Schutz von Minderheitenrechten und die Versammlungsfreiheit erhalten bleibt, damit ein in zentralen Bereichen auch gegen eine Präsidentin Clinton auftretendes amerikanisches demokratisches linkes Projekt unter Bernie Sanders überhaupt die Möglichkeit hat, sich zu formieren. Das wissen wir nun so nicht. Die USA sind in Aufruhr und Trump gibt ambivalente Zeichen. Aber wenn man sich die Männer und Frauen ansieht mit denen er sich umgibt, dann darf man sich keine allzu großen Illusionen machen. Amerika hat seinen Erdogan, seinen Putin gefunden. Dort kann man sehen wie mit einer kritischen Öffentlichkeit und oppositionellen Kräften umgegangen wird.

Es wird aber Trump nicht so einfach gelingen, sein Volk zu domestizieren, wie das dem neuen Sultan und dem neuen Zaren gelungen ist. Trump hat bei den Wahlen keine Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten. Er hat stattdessen die Mehrheit der Wahlmänner- und Frauen bekommen. Die Opposition ist in der Mehrheit. Aber ist sie auch strategisch in der Lage, geeint zu sein? Und zieht sie aus diesem Desaster auch die richtigen Schlüsse? Schließlich ist das ja das Ergebnis von 35 Jahren Neoliberaler Herrschaft, der sich ja auch die Demokraten seit Bill Clinton ergeben haben, indem sie die soziale Frage, die Verteilungsgerechtigkeit und die Besitzverhältnisse in keinster Weise mehr als zentrale Fragestellungen verfolgten. Ziehen sie also die richtigen Schlüsse? All das wissen wir im Moment nicht.

Was einem aber hilft, ist das Wissen, dass Amerika ja schon immer nicht nur das Land von Konzernen, Football, Hamburger und Coca-Cola war und ein Projekt des Konsums war, sondern dass es schon immer starke progressive Bewegungen hatte. Die alte linke Arbeiterbewegung, die zu den Zeiten des Roosevelt’schen New Deal einen vorher wie nachher nie dagewesenen gesellschaftlich-kulturellen Einfluss hatte, die Bürgerrechtsbewegung, die kritische Jugendbewegung und die Anti-Vietnam-Bewegung der 1960er, die LGBT-Bewegung und die ökologischen und konsumkritischen Grassroots-Bewegungen.

Diese alte und die neue Linke, „das andere Amerika“, hat einen kulturellen Überbau geschaffen, der auch über den Atlantik geschwappt hat und uns alle heute noch beeinflusst. Von der Musik der Klassiker wie Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan über Patti Smith und Bruce Springsteen bis hin zu Tom Morello, Ani di Franco, Rhiannon Giddens oder „Hurray For The Riff Raff“. Oder die Literatur von Ginsberg, Steinbeck und Kerouac, oder die Filme von Robert Redford und den Coen-Brüdern und die Dokumentationen von Michael Moore. Das ist mein Amerika. Das ist mein „Americana“. Und dabei bleibe ich.

Dieses Amerika kämpft derzeit und ist noch nicht untergegangen. So wie wir jetzt verstärkt gegen die Le Pens, Petrys und Wilders‘ kämpfen müssen. Und so wie ich politisch kämpfen werde, so werde ich mich auch weiterhin voller Enthusiasmus mit der Kultur des „anderen Amerika“ weiter beschäftigen. Jetzt erst Recht!

Dan Dietrich: Behind The Music/ Dan Plays Dylan

2. November 2016

Foto: Daniela Hillbricht

Foto: Daniela Hillbricht

Am 11. März diesen Jahres erfüllte sich der Darmstädter Dan Dietrich, seines Zeichen Songwriter und Dylan-Apologet, einen lang gehegten Wunsch. Im Hoffart-Theater lud er zu einem Abend der besonderen Art. Im ersten Teil stand er im Mittelpunkt einer Art Late-Night-Show, die so ziemlich alles umfasste aber auch persiflierte, was zu einer Late-Night-Show gehört. Das absolut unterhaltsame Format ging dann in ein besonderes Konzert über. Einem Live-Special von Dietrichs Programm „Dan Play Dylan“, mit der er im Herbst 2015 auf Solotour gegangen und Ende Februar auch zu Gast bei „Americana im Pädagog“ gewesen war. Der Clou: Hier trat er mit einer illustren Begleitgruppe auf, den Darmstädter-Kult-Balkan-Folk-Rocker „Besidos“.

Von diesem denkwürdigen Abend hat Dan nun eine Live-CD „Dylan plays Dylan“ sowie ein 2 DVD-Set veröffentlicht, das den gesamten Abend festhält. Das DVD-Set ist absolut sehenswert, aber hier möchte ich explicit für Dans Dylan-Interpretationen werben. Im November 2015 hatte ich an dieser Stelle geschrieben: „Selten habe ich Dylan-Titel in letzter Zeit so nah am Original und trotzdem ganz anders gehört wie bei dem Songwriter aus Südhessen. Seine Arrangements sind raffiniert einfach und eindringlich, seine Stimme ist voller Wärme, sein Gesang ausdrucksvoll. Da singt einer voller Überzeugung und ohne Überhöhung, mit Respekt aber ohne falsche Ehrfurcht die Songs seines berühmten Songwriterkollegen.“ Und die Live-Aufnahmen belegen dies erneut.

Dietrichs ist immer Dietrich. er schafft es, Dylan auf seine Weise zu spielen. Er gibt den Songs einen musikalischen Drive, der sie sicher für den einen oder andere zugänglicher macht, ohne dass das dem Wesen der Songs entgegenläuft. Und die Auswahl seiner Live-Band verstärkt dies noch einmal. Deren musikalische Basis passt bestens zu den Dylan-Songs. Die musikalischen Arrangements von Klassikern wie „I Want You“, „I Shall Be Released“ oder dem Meisterwerk „Man In The Long Black Coat“ erinnern manchmal an Dylans „Desire“-Phase und entwickeln einen unbeschreiblichen Sog, erfassen den ganzen Körper. So sehr, dass am Ende des Konzerts im März alle Gäste zu Bob Dylans/Dan Dietrichs/Besidos‘ Musik tanzten.

„Dan plays Dylan“ ist für mich eines der schönsten und gelungensten Dylan-Cover-Projekte der letzten Jahre. Möge Dan Dietrich in der Zukunft immer mal wieder darauf zurückkommen und es weiter entwickeln. Denn Dan Dietrich ist hierzulande einer der wichtigsten zeitgenössischen Bob Dylan-Interpreten.

Dan Dietrich ist auf facebook: https://www.facebook.com/dan.dietrich.186?fref=hovercard
Hier kann man auch mit ihm wegen CD und DVD Kontakt aufnehmen.

Einen Einblick in „Behind The Music/ Dan plays Dylan“ gibt es hier:

Americana-Pop

19. September 2016

magic-fireEin paar subjektive Gedanken darüber, was eine Platte zum perfekten Pop-Album macht

Im Zusammenhang mit „Magic Fire“ dem neuen Album des Americana-Trios „The Stray Birds“ habe ich auf country.de vom perfekten „Pop-Album“ gesprochen und geschrieben: „Es gibt Alben, in die verliebt man sich schon nach wenigen Takten und Tönen, und ist am Ende voller Seligkeit ob der Schönheit und Vollkommenheit des Gehörten. In dieser ausgeprägten Form ist mir das schon lange nicht mehr so passiert wie hier…“

In der Tat. Das letzte Album, welches das geschafft hat, war Willie Niles „American Ride“ (2013). Und vorher „Tempest“ von Bob Dylan (2012). Wie Bob Dylan und Pop? Na, ja Populärmusik macht Dylan ja schon seit 54 Jahren. Er macht eingängige Folk- und Rockmusik, die möglichst viele Leute erreichen soll. Daher veröffentlicht er seine Musik mittels Musikverlage und Tonträgerfirmen gegen Bezahlung, damit er und das Business dabei verdienen können. Das ist das Wesen der Popmusik. Sie versucht, möglichst viele Menschen zu erreichen und dabei zu verdienen. Ein Großteil der Popmusik will vor allem Herz, Bauch und Beine erreichen. Das ist Elvis gelungen, das ist den Beatles gelungen. Dylan war der erste, der auch den Kopf und den Verstand der Menschen erreichte. Dylans Musik Mitte der 60er – die Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ war Pop und beides: Avantgarde und Mainstream. Weil die Avantgarde damals Mainstream war. Seine Musik war später immer populär, Pop aber war sie nicht immer.

Was macht aber ein perfektes Pop-Album aus? Nun, es übersetzt gesellschaftliche Befindlichkeiten in Musik, die viele Menschen erreicht und bewegt. Zwei meiner ersten Alben, die ich besaß waren „Desire“ von Bob Dylan (1976) und „Rumours“ von Fleetwood Mac (1977) waren perfekte Pop-Alben. Beides waren die letzten Alben des Aufbruchs der 1960er und 1970er Jahre. Dylan beschwörte mit „Desire“ und der verbundenen „Rolling Thunder Review“ noch einmal die Kraft der Gegenkultur, der Gesellschaftskritik und der Utopie einer anderen, besseren Welt herauf. „Rumours“ ist das federleichte Dokument einer Band, deren Leben hinter der Platte als Hippiekommune in Eifersucht, Besitzansprüchen und Beziehungskämpfen zu explodieren droht. 1977 trieb der gewaltsame Kampf der RAF ihrem unrühmlichen Höhepunkt zu, die Linke hatte ihre Unschuld verloren, die Zeit des gesellschaftlichen Roll-Backs brach an, nur kurz unterbrochen durch die Anti-Strauß-Wahl 1980, bevor Kohls geistig-moralische Wende ausgerufen wurde. 1977 wurde Jimmie Carter Präsident, war bemüht, integer, aber glücklos, denn dahinter wartete schon Ronald Reagan darauf, ab 1981 mit seiner neoliberalen Wende den Grundstock für Probleme zu legen, die erst heute in ihrer ganzen Dramatik deutlich werden. Bereits 1979 wurde Maggie Thatcher britische Premierministerin und zerstörte die stolze britische Arbeiterbewegung. 1977 erschien übrigens kein Bob Dylan-Album. Stattdessen kam er 1978 zurück als Entertainer im Show-Anzug und wurde danach von 1979 bis ’81 vorübergehend ein christlicher, missionarischer Eiferer.

Zweitens: Ein perfektes Pop-Album muss eingängige Melodien haben, Geschichten erzählen, die Menschen bewegen und Texte, die im Kopf bleiben. Es muss mal tiefgründig, mal leichtfüßig, mal traurig, mal froh sein. Ein perfektes Pop-Album ist im besten Falle wie das Leben, Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Tony Marshall-Stimmungsalbum ist daher ebenso wenig ein perfektes Pop-Album wie „The Best Of Zwölftonmusik“.

Nicht entscheidend für ein perfektes Pop-Album ist allerdings sein kommerzieller Erfolg. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen seit Ende der 1970er Jahre hat sich auch die Musik wieder verändert. Mit dem Folk- und Bluesrevival und dem durch Dylan hervorgerufenen Erfolg der Singer-Songwriter-Kultur waren die alten kommerziell konstruierten Pop-Schlager und ihre Schöpfer ins Hintertreffen geraten. Erst als der Kraft des gesellschaftlichen Aufbruchs die Luft ausging kamen neue Musik-Konfektionierer ans Werk, die erst Disco und dann den 80er Jahre Plastik-Pop schufen. Nur absolute Superstars wie Springsteen, die Stones oder eben Dylan waren noch in der Lage, als freigeistige, einigermaßen unabhängige selbst Künstler auch kommerziell erfolgreich zu sein. Kommerziell erfolgreiche Musik entsteht heute in ihrem weitaus größten Teil auf dem Reißbrett. Großartige kreative Musiker und Singer-Songwriter bleiben Geheimtipps und spielen auf Kleinkunstbühnen und in Kneipen und leben von Konzerten und Direktvertrieb per Internet, weil es in Radio und Fernsehen keine Sendeplätze mehr für ihre Musik mehr gibt. Heute würde kein Dylan, kein Jagger und Lennon mehr zum Superstar. Es gibt daher wunderbare Alben, die die Verhältnisse, die Befindlichkeiten und den Zeitgeist perfekt treffen und dennoch im Grunde die Massen nicht erreichen, weil ihnen die entsprechenden Vertriebswege fehlen.

Und warum waren „Tempest“, „American Ride“ perfekte Pop-Alben, warum ist „Magic Fire“ ein solches? „Tempest“ war, wie alle Spätwerke Dylans auch ein kommerzieller Erfolg. Das liegt auch daran, dass das Dylan-Publikum durchaus ein wohlhabendes ist, das sich auch noch mehrere Editionen desselben Werks gönnt. „American Ride“ war nicht kommerziell erfolgreich, „Magic Fire“ wird hier sicher ein bisschen besser abschneiden.

Dylans „Tempest“ ist auch das Zeugnis des Alterungsprozesses eines Künstlers. Es geht Viralität, Potenz, Unglück Liebe und Gewalt, es geht um unglückliche Liebe und gewalttätige Liebe. Die Themen werden mit solch einer Erzählfreude, Text- und Musikkompositionskunst und in einem Bilderreichtum behandelt, dass es den mitgealterten Fans die Erinnerung an den jungen Dylan wieder gibt und den Jüngeren das Besondere an dem knorrigen alten Kerl verdeutlicht. Und sicher sind die Themen, die archaischen Bilder und die Roots Music genau das, was die Ü40er, die zu einem Großteil das Dylan-Publikum stellen, erreicht. Darüber hinaus zeigt es Dylans Können als Komponist, Arrangeur und Produzent. Das Album hat genau die richtige Mischung aus schnelleren und langsameren Stücken, deren Melodien und Arrangements und Genres deutlich unterscheidbar sind. Jeder Song ist ein Unikat und genau in dieser Reihenfolge machen sie zusammen ein großes Album aus „Tempest“. Auch wenn es aufgrund seiner vorherrschenden Grundstimmung durchaus die Ausnahme zur oben genannten Regel darstellt.

Willie Niles „American Ride“ ist das perfekte Beispiel für ein Album, das in einer besseren Welt überall im Radio zu hören wäre, aber im Format-Dudelfunk nicht stattfindet. Dabei sind Tempovariabilität, Themenmischung, Melodieneingängigkeit und Bildsprache einfach perfekt. Willie Nile ist ein perfekter Rock-Solokünstler auf einer Höhe mit Dylan, Springsteen oder Tom Petty. Nur leider ein zu spät gekommener, der noch dazu Probleme mit den Plattenfirmen hatte.
Und jetzt also „Magic Fire“ von „The Stray Birds“. „Mitreißende, eingängige Musik, eine Band mit Charisma, eine perfekte Produktion und Themen und Lyrics, die bewegen und ergreifen, ohne konstruiert oder bemüht zu wirken“, habe ich auf country.de geschrieben. Und tatsächlich, es trifft den Zeitgeist. Die Themen sind Veränderungen – gesellschaftlich und individuell – die Religion als politische Waffe oder menschliche Schicksale. Und das stets sehr bildreich. Vieles wird angerissen, aber nicht explicit ausgeführt, so dass es der Phantasie des Hörers überlassen wird, die Dinge zusammenzuführen oder zu weiterzudenken. Es zeigt aber auch wie weit entfernt die Leute, die diese Musik machen und die, die sie hören von dem zu sein scheinen, was momentan sich in den USA politisch abspielen. Das ist so und doch nicht. Denn die Musiker sind keine Eskapisten, ihr Menschenbild ist nur meilenweit von dem Hass entfernt, den Trump predigt. Ein perfektes Pop-Album kann natürlich politisch sein. Dieses hier ist es indirekt, weil das alles fehlt, wofür Trump und die Republikaner stehen.

Perfekte Americana-Popalben atmen stets den Geist des amerikanischen Glücksversprechens. Auch wenn dieses Versprechen schon zigmal gebrochen wurde. Dieses Glücksversprechen lohnt sich hochzuhalten, denn es macht keinen Unterschied zwischen Rassen und Religionen. Und es kennt keine Zäune und Mauern.

Und so stimmt immer noch, was ich schon vor Jahren schrieb: Americana ist das Musikgenre, das wie kein anderes die Wurzeln, die Träume und den Zusammenhalt der amerikanischen Gesellschaft beschwört.

Woody Guthrie: Old Man Trump

4. August 2016

woody-guthrieAusgerechnet der Heilsbringer der weißen amerikanischen Arbeiterklasse – der „Klasse an sich“, nicht der „Klasse für sich“, hier unterscheidet Marx sehr fein – ist einer, der seinen Reichtum geerbt hat. Donald Trump: Nichts geleistet, nichts geschafft, nur geerbt, spekuliert, gekauft, verkauft und immer mal wieder was gewonnen. Und das meist auf dem Rücken von Arbeitern. Und da ist Donald ganz sein Vater. Der hatte mit Hilfe öffentlicher Gelder Mietshäuser gebaut, in denen er keine Schwarzen wohnen ließ.

Woody Guthrie bemerkte dies zu spät und wohnte eine Zeit lang in einem der Häuser Trumps. Und hat darum einen Song voller Wut über den rassistischen „Old Man Trump“ geschrieben. Ryan Harvey, Tom Morello und Ani DiFranco haben Woodys Text kongenial vertont. Anhören, teilen und teilen und teilen. Denn eines muss uns klar sein. Ein Präsident Donald Trump wird alles daran setzen, ein Herrscher zu werden, dem Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtssicherheit und Gerechtigkeit genauso wenig bedeuten wie Erdogan, Orban, LePen und den Leuten von der AFD. Daher gilt es, Trump zu verhindern. Und das geht nur, indem Hillary Clinton Präsidentin wird. Alleine, um die Möglichkeit zu erhalten, die Gesellschaft wieder fortschrittlicher und gerechter zu machen. Unter einem Absolutisten Trump wird es diese Möglichkeit kaum geben. Denn der wird gnadenlos regieren. Also Schluss mit der Angewohnheit der europäischen Linken, Trump als Witzfigur zu sehen. Sein Vater war schon keine.

Musik aus der Region im Geist von Bob Dylan und Neil Young

31. Juli 2016

Germanicana-Folkfestival gastiert am 13 August erneut in Darmstadt

Wenn am 13. August das Germanicana-Folkfestival erneut Station in Darmstadt macht, dann spielen dort zwar Musiker aus der Rhein-Main-Region, aber überxGermanicana 2-2016_Plakat A2 - 3 allen Darbietungen schwebt der Geist der großen amerikanischen Singer-Songwriter wie Bob Dylan, Neil Young, Hank Williams oder Woody Guthrie. Ideengeber und Initiator Wolf Schubert-K. – mit seiner „Sacred Blues Band“ auch Teil des Programms – drückt es so aus: „Die amerikanische Musik speist sich aus dem, was die Einwanderer mitgebracht haben, nun kommen die amerikanischen Einflüsse zurück über den Teich.“

Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr mit einem stimmungsvollen Abend in der schönen Atmosphäre des Hofs vor dem Hoffart-Theater, hoffen die Macher heuer auf eine ähnlich gelungene Neuauflage. „Wir möchten nach Americana im Pädagog das zweite Rootsmusik-Format in Darmstadt fest etablieren“, erklärt Thomas Waldherr die Zielrichtung für das Sommer-Open Air. Waldherr, der im Theater im Pädagog die Americana-Konzertreihe aus der Taufe gehoben hat, bildet mit Schubert-K., Klaus Lavies vom TIP sowie dem Team des Hoffart-Theaters um Andreas Waldschmitt die Organisationscombo des Freilicht-Abends.
Auf dem Programm stehen neben dem schon besagten „Wolf Schubert-K. & The Sacred Bues Band“ aus Frankfurt und Umgebung, „Candyjane“ und „Delta Danny“ aus Darmstadt sowie ein noch nicht namentlich benannter Newcomer-Act. Es verspricht ein sehr vielseitiger Abend zu werden: Delta Danny bringt den Mississippi-Blues an den Woog, sie hat den Blues im Blut und in der Stimme. Die Gitarristin blättert in der frühen Blues-Geschichte:Von den Roots des Country-Blues zu den traditionellen Blues-Songs zwischen Memphis und Chicago.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound. Westerngitarre, Gesang, Lapsteel-Gitarre, Kontrabass und Cajon erzeugen sehnsuchtsvolle Schwingungen, die lakonischen Songtexte tun ihr übriges. So changieren sie mit ihrem Country-Soul in bemerkenswerter Weise zwischen Hank Williams und Southern Gothic.

Frisch aus Kanada zurück kommt Wolf Schubert-K. dieses Mal zum Festival. In British Columbia spielte er diesen Sommer ein paar erlesene Soloshows. Folk, Country und Roots Elemente bilden immer noch das Fundament für den Sound seiner Sacred Blues Band. Die Songs dokumentieren jetzt mehr denn je einen leidenschaftlichen Aufbruch und sind ein Appell an die Freiheit. Ganz im Geiste der Vorbilder Bob Dylan und Neil Young.

Und bildhaft, schnell und poetisch slammt und shoutet Roger Jones sich auch dieses Jahr wieder durch die Amerikanische Musikgeschichte.
Beginn ist 18 Uhr, der Eintritt beträgt 20,- Euro, bzw. 18,- Euro im Vorverkauf. Kartenverkauf und Vorbestellungen: Ticketshop im Luisencenter, telefonisch unter 06151/ 4 92 30 14 oder auch online unter: http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html

SONiA Rutstein

1. April 2016

SONiA1Phil Ochs ist ihr Vorbild, sie ist die Cousine von Bob Dylan und ihre Live-Auftritte sind mitreißend

Ich kann mich noch gut erinnern an ihren ersten Auftritt bei „Americana im Pädagog“ im letzten Jahr. Das Echo hatte im Vorfeld einen großen Artikel über sie veröffentlicht, sie als tolle Songwriterin und Cousine von Bob Dylan gewürdigt und auf ihre Vorliebe für die Songs von Phil Ochs hingewiesen. Der Boden war bereitet.

Doch ihr Konzert hätte mehr Zuschauer verdient gehabt, denn es war der erste schöne, laue Frühlingsabend 2015 und die Leute zog es nicht in Massen den Keller hinunter. Die Berichterstatterin des Echos schrieb dennoch eine fabelhafte Konzertkritik, denn wer nicht da gewesen war, der hatte wirklich etwas verpasst.

Mit wie viel Energie und Temperament diese kleine, zierliche Frau die Bühne einnimmt, ist mitreißend. Sie singt Folkmusik mit Rock- und Pop-Appeal und ihre Lieder handeln von der Liebe und von der Menschlichkeit und wenden sich gegen Homophobie, Rassismus und Krieg. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll.

Sie ist eine bemerkenswerte Künstlerin, der die ganz große Karriere verwehrt blieb, aber sich dabei stets treu geblieben ist. Und sie ist ein wunderbarer Mensch auf den ich mich einfach sehr freue. Am nächsten Donnerstag, 7. April (20 Uhr/Eintritt 10 Euro), spielt sie erneut im Pädagog. Welcome back, SONiA!

Karten zum Konzert von SONiA können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter + 49 (0) 6151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Und hier eine kleine Video-Playlist von SONiA:

Neu: Die „Dylan-Hour“ bei Radio Darmstadt

30. Januar 2016
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Anlässlich des 75. Geburtstages von Bob Dylan in diesem Jahr haben sich die beiden Darmstädter Dylan-Enthusiasten Marco Demel und Thomas Waldherr etwas Besonderes einfallen lassen: Im Vorfeld der großen Darmstädter Dylan-Geburtstagsfeier am 24. Mai im Theater im Pädagog werden sie ab dem 18. Februar jeden dritten Donnerstag im Monat von 21 – 23 Uhr bei Radio Darmstadt die „Dylan-Hour“ über den Äther schicken.

In der Dylan-Hour – die ganz dylanesk zwei Stunden beträgt – steht in jeder Sendung eine Schaffensperiode der Musiklegende im Mittelpunkt. Los geht es im Februar mit den Basement Tapes, am 17. März folgt die Epsiode „Von Desire zu Hard Rain“, am 21. April fachsimpeln die beiden langjährigen Bobfans über Dylan, Sinatra und das „Great American Songbook“ und am 19. Mai soll sich alles um das Spätwerk des US-Barden mit den Alben „Love And Theft“, „Modern Times“ und „Tempest“ drehen.

Aber auch nach Dylans Geburtstag möchten die beiden ihr Werk fortsetzen. Ideen gibt es genug, die Planungen laufen auch hierfür schon in Kürze an.

Radio Darmstadt: 103,4 MHZ oder Webradio auf http://www.radiodarmstadt.de .

Von Buddha bis Woody

4. Januar 2016

DesireVor 40 Jahren erschien Desire. Dem Top-Album folgte eine ebenso produktive wie umstrittene Schaffensphase Dylans

Am 5. Januar 1976 erschien Bob Dylans Album „Desire“. Es ist nicht nur eines der bis heute erfolgreichsten Alben des Meisters, sondern für mich auch eines seiner Schönsten und Wichtigsten.

Den ersten Dylansong, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Schulunterricht, als es um Protestsongs ging. Ja, es waren die Siebziger. Der Song faszinierte mich: Melodie und Rhythmus waren straight nach vorne gerichtet und der Typ, der sang, war gleichzeitig unglaublich zornig und unheimlich cool.

Also kaufte ich mir „Desire“ im Kaufhof als preisgünstige israelische Pressung und es breitete sich, auch wenn ich nicht alles verstand, ein ganzes Universum vor mir aus. Denn auf dieser Platte wurden ja neben dem Boxer Rubin Carter auch noch eine „Isis“, ein „Joey“ und eine „Sara“ besungen. Und die Texte waren teilweise realistisch wie eine Reportage – „Hurricane“ und „Joey“ – und teilweise mystisch vertrackt wie „Oh Sister“ oder „Isis“. Die Songs hätten Filmdrehbücher sein können – „Romance In Durango“ und „Black Diamond Bay“ und sogar ein völlig überflüssiger trivialer Song war dabei, der mir aber stets gute Laune machte: „Mozambique“. Ein Album mit klaren Konturen und Schwerpunkten, sowie einer inneren Logik. Und dennoch in seiner Vielfalt so aufregend.

Denn Dylans Meisterwerk war dessen Ausdrucksform, für alles, was ihn damals umtrieben hat. Das Ende seiner Ehe, die Empathie für gesellschaftliche Outsider, die Lust auf ein Folk-Rock-Revival und die Suche nach neuem Sinn. Und so treffen sich hier also mystische Weisheiten mit Gangsterballaden, politischer Protest mit Hippie-Theater, Commedia dell‘ arte mit Medicine Show: „Buddha meets James Cagney meets Woody Guthrie meets Hank Williams meets Allen Ginsberg“ – Dylans Gedankenwelt dieser Zeit ist in seiner Grenzenlosigkeit großartig!

Dieses Album ist nicht denkbar ohne den Impuls Dylans, zurück „On The Road“ zu gehen. Als es erscheint haben Dylan & Kollegen eine triumphalen ersten Teil der Rolling Thunder Review in kleinen Sälen im Nordosten, Dylans „Magical Mystery Tour“, hinter sich. Doch wie immer bei Dylan ist auch dieser Moment so flüchtig. Denn den Triumph von Platte und Tour folgt der Flop des zweiten Teils der Review, dem in den Stadien des mittleren Westens die Luft ausgeht. Das indian summer farbene Feuer des Gründergeistes der Neuengland-Staaten erstickt in der endlosen Weizenfeld-Monotonie des „Heartlands“. Das Tondokument „Hard Rain“ ist ein Zeugnis dafür, dass hier immer noch großartige Musik gemacht wird – Dylans Stimme ist nur noch zornig und böse, selbst in den Lovesongs nie zärtlich, sondern immer sehr viril: Bestimmend, fordernd, voller Verlangen. Die Musik dazu ist hart, krachig und nimmt teilweise den Punk vorweg. Das gleichnamige TV-Special jedoch ist konzeptlos und merkwürdig fahrig und unfokussiert gefilmt. Es spiegelt daher in keinster Weise die Energie der Auftritte wieder, auch wenn es hübsche Momente – Bobbie & Joanie! – hat.

Zu Ende geht diese Phase im Dylan’schen Schaffen dann mit zwei weiteren Filmen: Sein eigener – „Renaldo & Clara“ geht unter. Zu lange, zu kompliziert, zu künstlerisch ambitioniert und sicherlich auch zu unausgegoren, wird er mit hämischen und bösen Kommentaren nur so zugeschüttet. Der Film ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden und ist offiziell auch nicht erhältlich. Hätte er sich darauf beschränkt, aus dem Live-Material der ersten Rolling Thunder Review mit einem guten Regisseur einen Konzertfilm zu machen, der Erfolg wäre ihm sicher gewesen.

So wie „The Last Waltz“. Robbie Robertson, der coole kalkulierende Businessman, hatte dies mit dem Abschiedskonzert von The Band so gemacht und gewonnen. Martin Scorseses Konzertfilm ist bis heute eine der Besten. Und – das passt zu Tragik Dylans in dieser Zeit – sein Auftritt im Film ist der absolute Höhepunkt auf den der Film hinsteuert. Auch hier purer Vollstoff-Rock’n’Roll.

Dylans Desire und seine Aktivitäten 1975/76 sind auch als eine Phase des Übergangs zu bewerten. Es folgten die Scheidung und finanzielle Verluste, eine erfolgreiche Welttournee 1978, die dennoch oftmals auch als Alimente-Tour und Las Vegas-Rentnernummer verspottet wurde und dann 1979 der Übertritt ins Christentum. Nichts war vorerst mehr geblieben von der oben genannten ebenso eklektischen wie grenzenlosen Gedankenwelt. Er brauchte einige Zeit, um sich aus dem engen fundamental-christlichen Dogmengebäude wieder zu befreien. Aber er schaffte es.

Dieser freigeistige, immer noch rebellische Verwirrkopf von „Desire“ hat mich damals angesprochen, als ich die Platte hörte. Ihn suche und finde ich seither immer noch in jeder Platte, in jedem Konzert und hinter jeder Maske, die er sich aufsetzt.

 

Dylan-Day am 24. Mai 2016 in Darmstadt

29. November 2015
© Sony Music

© Sony Music

Der 75. Geburtstag von „His Bobness“ wird in Rhein-Main im Darmstädter Theater im Pädagog gefeiert

Die ultimative Feier im Rhein-Main-Gebiet zu Bob Dylans 75. Geburtstag findet am 24. Mai 2016 in Darmstadt statt. Im Rahmen der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ wird es einen spannenden Mix aus viel Musik, Vorträgen und Diskussionen geben. Fest zugesagt haben bereits der deutsche Dylan-Kenner und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, sowie die Frankfurter „DoubleDylans“ und der Darmstädter Singer-Songwriter Dan Dietrich.

Die Reihe „Americana im Pädagog“ gibt es seit 2014 und hat die Absicht im Rhein-Main-Gebiet Künstlern aus den Bereichen Folk, Country, Blues und Roots Rock ein Podium zu geben und in der Region eine Anlaufstelle für alle an dieser Musik Interessierten zu bieten.

Fünf von Sechs!

19. November 2015

AmericanaDie Reclam Musik Edition zeigt viele Stärken, ein paar Schwächen und bestätigt Bob Dylans Ausnahmestellung

Seit einiger Zeit schon gibt es die CDs mit gelbem Cover der Reclam Musik Edition. Die kleinen gelben Reclam-Heftchen waren ja immer das Manna des bildungsbürgerlichen Nachwuchses und selbst ich als Kind eines kleinen Angestellten und einer Hausfrau, der es als erster seiner Familie aufs Gymnasium geschafft hatte, bekam ja seit der Mittelstufe Zugang zu den sorgsam editierten Klassiker-Volksausgaben für das kleine Geld. Shakespeares „Julius Caesar“ oder Shaws „Pygmalion“ begleiteten mich durch den Englisch-Unterricht, und noch waren die Dylan-Texte, die damals auch bereits Gegenstand der gymnasialen Bildung waren, nur als billige Zettel-Kopien als Unterrichtsmaterial erhältlich.

Umso größer mein Erstaunen über die günstigen CDs mit Best Of Kompilationen in der bekannten puristischen gelben Reclam-Optik. Denn die entpuppten die sich beispielsweise bei Bob Dylan als bereits längst vorhandene Kompilation, die von Sony einfach unter neuer Flagge zweitverwertet wurden. Selbst für Reclam zu billig, dachte ich mir und irgendwie an der Grenze zum unfreiwilligen Humor.

Aber dann fielen meine Augen kürzlich auf die sechs „All About“-Kompilationen. Und siehe da – es geht doch! Den Themen Americana, Singer-Songwriter, Acoutic Vibes, Revolution, Flower Power und Epic Rock gewidmet, lassen sie keine Wünsche offen. Gut zusammengestellt, mit kundigen Liner Notes versehen von Ernst Hofacker, einer Koryphäe des Musikjournalismus, gibt die Reihe einen sehr guten ersten Überblick über die Genres.

Auf fünf der sechs Sampler ist His Bobness sowohl mit eigenen Aufnahmen, als auch als Songwriter vertreten. Das bestätigt wieder einmal seine Ausnahmestellung in der populären Musik. Nur einmal – wen wundert’s – muss er passen. Ein Epic-Rock-Werk ist im Kanon des Meisters nun wirklich nicht zu finden.

Bob Dylan in der „All About“-Reihe:

Americana: Als Interpret eigener Songs mit „This Wheel’s On Fire“ (mit The Band) und „Heartland“ ( bmit Willie Nelson) sowie als Songwriter mit „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ von den Byrds.

Singer/Songwriter: Als Interpret eigener Songs mit „It’s All Over Now Baby Blue“.

Acoustic Vibes: Als Songwriter mit „Knockin On Heaven’s Door“ in der Interpretation von Avril Lavigne.

Revolution: Als Interpret eigener Songs mit „Maggies Farm“

Flower Power: Als Interpret eigener Songs mit „Subterranean Homesick Blues“

Alle Titel sind passend ausgewählt. Nur beim letzteren finde ich das Love & Peace & Drogen-Motiv wenn überhaupt bei Dylan – Hofacker schreibt ja richtigerweise, dass Dylan nie ein Hippie war – dann eher bei Mr. Tambourine Man angesiedelt. Denn „Tambourine Man“ ist wirklich der Song zum friedlichen Trip, während ich „Subterranean“ dafür immer viel zu aufwühlend und als unterschwellig aggressiv und verstörend empfand. Das klingt eher nach Straßenkampf und nicht umsonst hat eine militante linke Gruppe in den USA aus diesem Song ihren Namen „Weathermen“ entliehen.

Doch ich bleibe dabei. Sony/Reclam sind sehr schöne Zusammenstellungen gelungen. Für kleines Geld eine gute Einführung in die Welt von Folk, Rock und Country. Und Reclam hat bei mir seinen Ruf wieder gerettet.