Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Bluegrass-Bob

17. Januar 2010

Beim Schreiben meines neuesten Beitrages für http://www.country.de über Jim Lauderdale – der veröffentlichte zwei Alben in Zusammenarbeit mit Bluegrass-Legende Ralph Stanley – erinnerte ich mich wieder: 1997 hat Dylan mit Ralph Stanley zusammen den Bluegrass-Song „The Lonesome River“ für dessen Album „Clinch Mountain Country“ aufgenommen. Bobbie outete sich damals als Stanley-Fan und bezeichnete das Duett als „Karriere-Highlight“, Stanleys Frau wiederum bezeichnete die Aufnahme als die Beste des ganzen Albums. Und wirklich: Sehr hörenswert!

Doch dann ratterte es bei mir los. Nein, Bob Dylan hat bislang noch kein Bluegrass-Album aufgenommen (aber das ist ihm auch noch zuzutrauen…), aber dass er dem Genre sehr verbunden ist, dafür gibt es doch einige deutliche Anhaltspunkte. Fangen wir beim Anfang an: Sein Debüt-Album erhielt eine Folk-Version von „Man Of Constant Sorrow“. Jenem Song, der so etwas wie eine Erkennungsmelodie für den mittlerweile bald 83-jährigen Stanley ist. Als jener Bluegrass-Song, dann durch den Soundtrack von „Oh Brother, Where Art Thou?“ noch einmal zum Hit wurde, spielte Dylan als Referenz eine Rockversion des Liedes in seinen Konzerten.

Und als Dylan in den Neunziger Jahren seine Schaffenskrise durch die Vergewisserung über seine musikalischen Wurzen überwinden konnte, da gab es auch eine Bluegrass-Periode in seinen Live-Konzerten. Vom Herbst 1999 bis zum Sommer 2002 spielte Dylan in seinem Akustischen Set zum Konzertauftakt stets neben eigenen Songs auch zwei Bluegrass oder Country-Gospels. „Halleluja, I’m Ready To Go“, „I Am The Man, Thomas“ oder „White Dove“ waren darunter. Erst als er seine neue Rolle auf der Bühne als „Mann am Klavier“ definierte, fielen die Bluegrass-Songs aus dem Programm.

Mittlerweile ist „The Lonesome River“ auch auf „Tell Tale Signs“, dem achten Teil der Bootleg-Series, enthalten. Und „Bob Dylan goes Bluegrass“ wäre sicherlich nicht die schlechteste Option für eine neue musikalische Richtung Dylans…

Joanie

5. Januar 2010

Ich gebe es gerne zu: Ich war unfair zu ihr. Konnte ihr trällern nicht ab, stand in den damaligen Auseinandersetzungen eindeutig auf Bobbies Seite, verachtete ihr Moralapostel-Friedensengeltum, übernahm nur zu bereitwillig Günter Amendts Sicht des „Reunion Sundown“ von 1984 und stellte mir dennoch ihre CDs ins Regal. Ich respektierte Joanie, liebte sie aber nicht.

Dabei wusste ich um Ihre Bedeutung. Für Bobbys Karriere, als auch für die Geschichte und Entwicklung von Folk- und Protestsong. Weniger Liederschreiberin, als Interpretin und Sammlerin, erweiterte sie stets den Kanon ihres Genres. Absolut verdienstvoll. Auch wenn sie „Sind so kleine Hände“ darin aufnahm.

Und immer öfter schien es so, als würde nur durch sie das politische Lied überleben. Und dann dachte ich zuletzt darüber nach: Mensch, die ist auch immer noch da! Steve Earle riss sich darum, ihr letztes Album zu produzieren. Eine gute, hörenswerte Verbindung. Natürlich war sie auch beim 90. von Pete Seeger mit dabei. Wow! Voller schier unerschöpflicher Energie weckt sie positive Gefühle: Sie erinnert einen immer wieder daran, dass es ein anderes Amerika gibt, als das der Konzerne, Banken und Republikaner.

Und dann passierte das Unvorstellbare. Bobby sprach voller Sympathie und Selbstkritik über das Scheitern ihrer Beziehung. Öffentlich in einer TV-Dokumentation! Und siehe da, ich wurde noch nachdenklicher.

Ja, wirklich ich war schon ziemlich unfair zu ihr gewesen. Also entschuldige ich mich ganz ausdrücklich bei Dir, liebe Joanie! Vergebe mir und spiele Diamonds und Rust für mich am 26. Februar im Mannheimer Rosengarten! Die Karten für mein erstes Joan Baez-Konzert sind gekauft, die neue Platte „DayAfter Tomorrow“ angehört. Sehr schön. Wir freuen uns.

Ach, ja: Sie trällert mittlerweile nicht mehr so schlimm!

„Do re mi“ oder: Ein Jahresrückblick

21. Dezember 2009

 Zu guter Letzt, nachdem alle relevanten Kritiken – ob positiv oder negativ – zum umstrittenen „Christmas in the heart“ erschienen sind und das Werk mittlerweile zur Bescherung in vielen Familien von Dylanfans weltweit bereit liegen dürfte, legt Dylan im Dezember noch mal nach. Der Film „People speaks“, eine Art amerikanischer Geschichtsschreibung von unten, und der dazugehörige Soundtrack erscheinen. Dylan ist dabei mit einer im Oktober live mit Ry Cooder und Van Dyke Parks eingespielten Version von Woody Guthries „Do re mi“ vertreten.

Für einige ein versöhnlicher Abschluss:  Dylan spielt wieder Woody, klasse! Es zeigt wieder einmal: Dylan ist der lebendige Schmelztiegel der amerikanischen Populärmusik, ohne dabei beliebig zu sein. Seine Version des „Dust-Bowl-Songs-Klassikers ist langsam und getragen. Der zornig-fatalistisch-spöttische Impuls des Originals ist nur als Nachhall vernehmbar. Das Lied ist Geschichte, weiß Dylan, und so liegt auch ein großes Stück Wehmut in seiner Interpretation. Wehmut auch darüber, dass die Verhältnisse immer wieder zu den Verwerfungen führen können, wie sie dem Song als Thema dienen. Damals waren es Wirtschaftskrise und Naturkatastrophen wie die großen Sandstürme, die das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusste. Bankenkrise, das Sterben der Autokonzerne, die Klimakatastrophe, Hungersnöte, weltweite Kriege sind es heute. Dass Dylan einem Projekt wie „People speaks“ mitwirkt – ebenso übrigens wie beim Wasserprojekt zur Weltausstellung 2008 oder bei der Hungerhilfe in diesem Jahr – zeigt, dass der alte Bob durchaus noch sensible Antennen für die Widersprüche der Zeit besitzt. Er will halt nur – und das ist eins der Themen seines Lebens – nicht als Politkünstler oder gutes Gewissen der Welt – wie Bono oder Bob Geldof – wahrgenommen werden. Und nimmt man die widersprüchlichen Signale auf, die im Moment von Barack Obama ausgehen, ist Dylans Zurückhaltung zu diesem Thema mittlerweile einleuchtend.

Mit der vorzüglichen Interpretation von „Do re mi“ schließt ein in jederlei Hinsicht spannendes und produktives Dylan-Jahr. Im Frühjahr die Kunde, Dylan hat Filmmusik für „My own love song“ mit René Zellweeger eingespielt, dann die Nachricht, es ist soviel dabei entstanden, dass es für ein ganzes eigenes neues Album reicht. „Together through life“ – im Gegensatz zu den in sich geschlossenen und perfekt ausgeklügelten „Love and Theft“ und „Modern Times“ – eher eine Skizze, der noch die qualitätssteigernden Konturen und Scharfzeichnungen fehlen – bricht wieder Chart-Rekorde. Unser Lieblingssong heißt „I feel a change is comin’ on“, weil er auf einer fast belustigt stoischen Art und Weise und mit einer leichtfüßig hüpfenden Melodie ziemlich unverblümt vom Älterwerden und der Sterblichkeit handelt. Im Frühjahr wieder eine Europatournee mit mehreren Stationen in Deutschland. Das Saarbrücker Konzert deutlich besser als Alicante 2008 und fast so gut wie Frankfurt und Mannheim 2007. Allein wie er „Blowin’ in the Wind“ neu arrangiert ist grandios.

Und wer im Musikbusiness – und nicht nur in der kulturellen Rezeption – wieder eine große Nummer ist, der findet den Weg zurück in die Klatschspalten. Und Bobby gab doch einige Steilvorlagen. Schaute sich inkognito die Elternhäuser von Neil Young (allein) und John Lennon (inmitten einer Touristengruppe!) an, wurde von der Polizei wegen verdächtigem Verhalten in einem Wohngebiet aufgegriffen, meldete sich mit Bedauern über die Art und Weise der Trennung von Joan Baez vor fast 35 (!) Jahren zu Wort und machte auch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten seine karitative Ader öffentlich: Seine Einnahmen des Weihnachtsalbums gehen direkt 1:1 an die Hungerhilfe.

Uff, der Alte schlägt wieder Haken wie ein Junger. Und das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Jahres: Dylan verzückt, Dylan belustigt und Dylan verstört mal wieder kräftig. Die qecksilbrige Unruhe scheint wieder zurück. Freuen wir uns auf ein neues Bob-Jahr 2010!

Der Vater von Country und Americana

21. November 2009

Jimmie Rodgers (1897 – 1933) wird allgemein als Vater der Country-Music bezeichnet. Er adaptierte den althergebrachten Hillbilly-Stil des armen weißen Südens, kombinierte ihn mit dem schwarzen Blues, ergänzte die Fusion mit den traurigen „Blue Yodels“ und zeigte sich offen auch für Einflüsse aus Jazz- und Schlagermusik. Dazu sang er Texte, die vom wirklichen Leben handelten. Die Melange zeigte ihre Wirkung: Rodgers war der erste populäre „Country-Star“ – den Begriff gab es damals noch nicht – und Vorbild für viele Künstler bis hin zu Bob Dylan.

Der hat bereits 1997 seinem Idol mit der „All-Star“-CD „The Songs of Jimmie Rodgers – A Tribute“ ein Denkmal gesetzt. Er selber steuerte die Liner-Notes sowie das Cover von „Blue Eyed Jane“ bei. Bereits 1985 äußerte sich Dylan voller Bewunderung über Rodgers: „The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. He recorded at the same time as Blind Willie McTell but he wasn’t just another white boy singing black. That was his great genius and he was there first… he sang in a plaintive voice and style and he’s outlasted them all.”

Bereits 1969 hatte  „Bakersfield- Rebel“ Merle Haggard dem „Singin’ Brakeman“ ein Tribut-Album gewidmet. Haggard war aufgrund seines Hippie-Spottlieds „Okie from Muscogee“ und seinen Besuchen bei Nixon und Reagan nicht unumstritten, ist aber als Chronist amerikanischer Lebensrealität ein eben solcher kritischer Freigeist wie seine Freunde Willie Nelson, Keith Richards und Johnnny Cash. Dass ihn sogar Joan Baez gecovert hat, beweist seine Anerkennung im Kollegenkreis. Haggard zeigt mit diesem Album ebenso wie bei seinen eigenen Songs sein Gespür für das Leben der einfachen Menschen und steht damit eindeutig in der Tradition von Jimmie Rodgers.

Auf Rodgers folgten Country-Sänger wie Lefty Frizell und Merle Travis, die sich sehr an Jimmie Rodgers Stil orientierten. Der eine – Lefty – soll ihn so gut imitiert haben, dass auf so manche Rodgers-Kompilation auch schon mal eine Frizell-Version rutschte, der andere – Merle – hat Jimmies Sangeshaltung abgeschaut und übernimmt in der Instrumentierung so manche Anregung Rogers’. Travis wiederum war einer der ersten Country-Musiker, der eine elektrische Gitarre benutzte. Damit wiederum inspirierte er den Kreis der Musiker aus Bakersfield, die dem milden Nashville-Sound den elektrisch aufgeladenen eher rockigeren Bakersfield-Sound entgegen setzten, der wiederum Grundlage für Merle Haggards Stil war.

Bob Dylan wiederum ist ein großer Verehrer von Querkopf Haggard. Zweifach erwies er ihm Tribut. 2005 ließ er ihn sein Vorprogramm bestreiten, 2007 setzte er ihm mit seinem direkt auf  Haggard bezogenen „Working Man’s Blues #2 ein Denkmal. Und es ist sicherlich mehr als eine Fußnote, dass die neuen Sterne am Americana-Himmel, die Felice Brothers, als eine ihrer wenigen Coverversionen Jimmie Rodgers’ „T for Texas“ eingespielt haben.

Bleibt festzuhalten: Mit Jimmie Rodgers fing wirklich vieles in der amerikanischen Populärmusik an. Im Grunde ist er mehr als der Vater der Country-Music. Er ist der Vater des Americana überhaupt.

Clint Eastwood

6. November 2009

Clint EastwoodJa, auch Clint Eastwood hat Musik gemacht und liefert damit endlich das Vehikel, um ihn hier rühmen zu können. „Clint Eastwood sings Country Favorites“ heißt der Silberling, den ich bei Saturn erstanden habe. Ein Billigangebot. Kurz mal reingehört und man weiß, warum. Ein paar Country-Schnulzen, die bald alle gleich klingen, drüber Eastwoods überraschend ordentliche Schmachtstimme, dazu ein paar „Bonustracks“: Orchesteraufnahme großer Western-Filmthemen. Nichts, das man wirklich braucht. Im Gegensatz zu seinen Filmen.

Während ich mit Eastwoods „Dirty Harry“-Filmen und seinen Italo-Western nie so recht was anfangen konnte, entdeckte ich ihn mit seinem Spätwerk als Schauspieler und Regisseur. „In the Line of Fire“ hieß der packende Thriller von Wolfgang Petersen, in dem er einen alternden Präsidenten-Leibwächter spielt. Sein lakonisches, altersweises Spiel veredelte über die Jahre so manchen Film. Und als Regisseur wurde er zu einem der ganz großen in Hollywood. Ob die bewegenden „Mystic River“ und „Million Dollar Baby“ oder seine beiden Filme über die amerikanisch-japanischen Auseinandersetzungen im Zweiten Weltkrieg. Und in diesem Jahr hat er uns mit „Der fremde Sohn“ und „Gran Torino“ zwei der schönsten Filmerlebnisse geschenkt. Im Mutter-sucht-Kind-Drama hat er es als Regisseur verstanden aus Angelina Jolie großes Ausdruckskino herauszuholen. Und in „Gran Torino“ spielt Clint Eastwood so rührend melancholisch und tragikomisch den Autobauerveteranen inmitten Detroits Niedergang, dass es einem nur so das Herz erweicht.

Eastwood ist als großer Jazzfreund bekannt und so hat er unter dem Titel „Bird“ einen Film über das Leben des Musikers „Charlie „Bird“ Parker gedreht, der für einiges Aufsehen gesorgt hat. Weniger bekannt ist der sehenswerte Film „Honkytonk Man“. Hier spielt er einen todkranken Countrymusiker in der Zeit der Wirtschaftsdepression. Eine Figur, angelehnt an Hank Williams, ein Film, in dem man viel über das Leben als Musiker im ländlichen Amerika der 30er und 40er Jahre erfährt. Über die Gigs für wenig Geld in den Honkytonks und dass es für viele weiße Musiker kein Problem war, mit ihren schwarzen Kollegen zusammen zu spielen. Hank Williams hat das Gitarrespielen von einem schwarzen Nachbarjungen gelernt und legendär ist die gemeinsame  Session von Jimmie Rodgers und Louis Armstrong. Und der Film erzählt vom großen Traum in der „Grand Ole Opry“ in Nashville aufzutreten.

Schade nur, dass die Musik in dem Film leider auf reinem Country-Schlager-Niveau bleibt. Und da schließt sich der Kreis zu meiner neu erworbenen CD. Als Country-Sänger fehlte Eastwood leider etwas das Fortune. „Clint Eastwood sings Country-Traditionals, produced by T-Bone Burnett” das wäre was!

Neue Sterne – The Felice Brothers

28. Oktober 2009

Felice_Long_06bManchmal soll man bewusst die Superlative sein lassen. Manchmal ist das verdammt schwer. So auch in diesem Fall. Bringen wir es so nüchtern wie möglich auf diesen Satz: „The Felice Brothers“ sind die neuen viel versprechenden Sterne am Americana-/Folk-Rock-Himmel.

Wer sie in diesem Herbst live in Deutschland live erlebt hat – so wie am Dienstagabend in der Frankfurter Batschkapp – der hat keine Musiker gesehen, sondern echte Musikanten. Die Jungs haben ihr Handwerk auf den Straßen und in den Metrostationen New Yorks gelernt. Und ihr Musikkonzept ist überzeugend, denn so bleibt Americana frisch, behält seine Rauheit und stirbt nicht als Kunstlied.

Erst einmal steht Truppe eindeutig in der Tradition von Bob Dylan & The Band, vielleicht mit einem Schuss Tom Waits. Das wäre nichts besonderes, wenn sie es nicht mit einer überzeugenden Kunstfertigkeit an den Instrumenten verbinden würden. Zudem haben sie drei fast archetypische Frontleute in ihren Reihen. Leadsänger und Gitarrist Ian Felice ist die dylaneske charismatische Zentralfigur, spindeldürr und zerbrechlich wirkend. James Felice besetzt die Rolle des Virtuosen an den Tasteninstrumenten und ist zugleich der freundliche Tanzbär, ein Garth Hudson unserer Tage. Greg Farley an Waschbrett und Geige spielt die Rolle des Joker. Während die in den Traditionen wurzelnde Musik der Gruppe deutlich macht, dass hier klassisches Americana  um Einflüsse des Punk, New Wave und Indie-Rock erweitert wurden, bricht der Joker gleichzeitig mit dem traditionellen Habitus des weißen Rockmusikers, indem er sie mit Ausdrucksformen der schwarzen Hiphop-Künstler kombiniert. Ergänzt werden Musik und Performance durch eine fast schon Irish-Folk-mäßige berauschte Spielfreude.

Das alles zusammen ergibt eine wundervolle, mitreißende, explosive Musikmischung und Live-Performance. Es gibt im Moment niemand Anderen, der im Americana-Bereich so geschickt und selbstverständlich die Fallen der ehrgeizlosen Traditionalisierung auf der einen– Bluegrass und Old Time  wie anno dunnemals, sehr schön aber so what? – und der Weltmusik-Kunstklang-Schönspielerei auf der anderen Seite umgeht und das Genre dadurch weiterentwickelt.

Vor kurzem konnte ich mit der Nitty Gritty Dirt Band und Rosanne Cash Künstler erleben, die bereits Jahrzehnte im Geschäft sind. Die Felice Brothers sind – hoffentlich – am Anfang einer großen Karriere. Spannend wird in den nächsten Jahren sein, zu beobachten, ob sie in der Lage sind, auch auf Dauer ihre Versprechen zu erfüllen.

Anspieltipp: CD „The Felice Brothers“, Song „Frankies Gun!”.

New York, New York 2

17. Oktober 2009

NY2009-II 168Eine prall gefüllte Woche New York liegt hinter uns. Eine Entdecker-, Lauf-, Essen und Trinken-, Wohlfühl-, Musikwoche, von der wir lange zehren werden.

Den Auftakt der Musikwoche bildete die legendäre Nitty Gritty Dirt Band im B.B. King’s Blues Club am Times Square. Ein fabelhaftes Konzert der Country-Rock-Pioniere. Und im Gespräch sind die total locker und umkompliziert. Mit Ihnen zu sprechen war ein ganz großer Moment. Mit Jeff Hanna und Bob Carpenter über „Oh Brother, where art thou?“ und Bob Dylan zu fachsimpeln – Wahnsinn!

Weiter ging es am nächsten Tag mit John Wesley Harding. Der Bob Dylan-Apologet – Nomen est Omen – ist ein ausgesprochener Sympath und ein toller, literarisch beschlagener Musiker. Nur spielt er momentan ein Programm, das von seinen Gästen lebt. Doch leider haben die nicht die Qualität, um wirklich den Abend zu einem ganz großen Vergnügen werden zu lassen. So bleibt von dem Event im „Le Poisson Rouge“ im Herzen von Greenwich Village vor allem der druckvolle, eingängige Folk-Rock von John Wesley-Harding und das lustige Spottlied über die Delta Airlines – „Delta, Delta, Delta, nothing rhymes on Delta, the stones play gimme shelter…“ im Gedächtnis haften.

Auch am eigentlich geplanten musikalischen „day-off“ zog es uns dann wohl instinktiv in den New Yorker Ableger der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Dort wird im Moment eine Ausstellung über „John Lennon in New York“ gezeigt. Eine sehr interessante und bewegende Schau. Die Dauerausstellung fällt dagegen etwas ab. So kommt Dylan meines Erachtens nach zu kurz weg gegenüber der (über-)breiten Würdigung von Bruce Springsteen. Dass als Hörprobe ausgerechnet „House Of The Rising Sun“ gespielt wird und nicht beispielsweise „Like A Rolling Stone“ ist unerklärlich. Schade!

Am nächsten Tag waren wir dann beim „World Premiere Concert“ von Rosanne Cashs „The List“. Hier traf sich wohl vor allem die New Yorker intellektuelle und Medien-Szene. Während wir bei den Nitties zwischen dem Lehrertyp zur Linken und den amerikanischen Mittelklasse-Hausfrauen zur Rechten uns in einem gemischten Publikum wieder fanden, waren unsere Nachbarinnen in der Lobby von St. Ann’s Warehouse deutlich als Medienleute zu identifizieren. Dass ich selber so einer bin, macht mir das leichter (lol!). Doch zum Konzert: Rosanne ist eine interessante Künstlerin, hat eine tolle Stimme und eine große Bühnenpräsenz. Es war eine sehr schöne, sehenswerte Show. Rosanne Cash überzeugte, auch weil jederzeit zu spüren war, welches Herzensanliegen ihr die Liste ihres Vaters ist.

Blieb als Abschluss dann noch die Bob Dylan-Weinprobe. Und die war eigentlich ein Ärgernis. Man nehme drei nervende, inhaltslos schnatternde Moderatoren (besonders der, der geradezu eine Parodie auf einen Rockjournalisten gab), ein überfordertes Personal, das asynchron zur Erklärung der Weine, die leider unaufregenden Tropfen ausschenkt – ein Wein fehlte gar völlig – und einen „Bob Dylan-Look Alike“, der Dylans Musik so beflissen wie unoriginell nachahmt: Leider eine Chance vertan. Dass man dabei in der Band „Highway 61“ live Rob Stoner (Desire, Rolling Thunder Review) die große Scarlet Rivera (Hurricane!) sowie Winston Watson (Never Ending Tour-Band 1993-97) erleben konnte, war das Beste und das positiv Unvergessliche am Abend.

Was bleibt sonst? Ins Village kommen ist immer so ein bisschen wie nach Hause kommen. Die Eichhörnchen im Washington Square Park wieder zu sehen. Und ich schwöre, dass uns am ersten Tag Greil Marcus am Waverly-Restaurant über den Weg gelaufen ist. Dass man wunderbar in New York laufen kann. Dass es vom Village nicht weit zum Hudson River ist. Dass am Hudson River eine wunderschöne Promenade entstanden ist. Dass wir in der Vandam Street Kinky Friedmans Loft nicht gefunden haben. Dass wir die White Horse Tavern überlebt haben. Dass wir von Willie Nile leider keine Spur gefunden haben, dafür sein Geist überall in den „Streets of New York“ zu spüren war. Dass wir eine lehrreiche Ausstellung über Lincoln and New York“ besucht haben. Und dass wir endlich ein Restaurant in New York mit „authentic southern and cajun food“ gefunden haben. Und so vieles mehr…

Jetzt sind wir tatsächlich so mutig: Nächstes Jahr fahren wir den Highway 61 runter!

Judas revisited

20. September 2009

Dylan-WeihnachtsmuetzeDem alten Bob ein dreifach donnerndes, weihnachtliches „Judas!“ Wer die einschlägigen Dylan-Blogs und Foren dieser Tage las, dem konnte übel werden: Nichts Neues unter den selbst erklärten Dylan-Jüngern seit Newport und Manchester. Da hatte es sich doch der Meister erdreistet, einfach mal aus Bock ein Weihnachtsalbum aufzunehmen. Und da der Alte wirklich nichts mehr verdienen muss, gehen seine Einnahmen auch 1:1 an Wohltätigkeitsorganisationen.

Soweit, so gut, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Kaum sind die ersten Sound-Clips der Weihnachtsongs zu hören, geht ein Geschrei los, als wäre Che Guevara zur CIA übergelaufen. Wie kann er nur, was für ein Songkatalog, wie lächerlich, und seine Stimme erst. Der große Künstler, der so große Werke wie – ich bleibe der Einfachheit im Jargon – TOOM, LAT, MT und TTL eingespielt hat, zerstört seine ganze Reputation mit den minderwertigen Aufnahmen von Weihnachtsschlagern, liest man da. Geht’s noch, liebe Leute? Gerade eben noch Hosianna geschrieen, wegen der Theme Time Radio Hour, nun „Kreuziget Ihn“ wegen „Christmas in the Heart“?

Denn genau so wird ein Schuh draus. CITH steht in eindeutiger Beziehung zu „Love and Theft“, „Modern Times“, vor allem aber der „Theme Time Radio Hour“. Dort hat er uns sein Verständnis von Musik und seine Geschichtsforschung mittels subjektiver Erinnerungen eröffnet.

Vor diesem Hintergrund ist die Auswahl von Songs und Arrangements zu sehen. Seine Stimme passt mal mehr, mal weniger. Der Mann wagt etwas, weil er Leidenschaften hat. Bob Dylan war nie Frank Zappa, ist nicht Bono und wird auch nicht mehr ein musikalischer Michael Moore werden. Eigene Dylan-Weihnachtsongs, womöglich noch mit Gesinnungstexten in antikapitalistischer Haltung – wer das erwartet hatte, der hat so einiges nicht begriffen.

Ich hatte zuletzt hier geschrieben, welche Art von Musik auf CITH ich mir vorstellen könnte. Was ich gehört habe, geht in diese Richtung, darauf freue ich mich. Allen anderen wünsche ich ein vorweihnachtliches „Immer schön locker bleiben“!

Von Weihnachten und Weinproben

30. August 2009

christmas_coverGeschafft! Nachdem Dylan während unserer New York-Reise es vorzieht irgendwo im Heartland und im Westen der USA zu touren, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, dass im „Big Apple“ kein Event mit Dylan-Bezug zu finden sei. Und habe recht behalten: Auf geht’s zu Weinprobe in die „City Winery“, bei der die guten Tropfen mit den live dargebotenen Dylan-Songs korrespondieren sollen. Für mich als Weintrinker eine Vorstellung, die mich genauso amüsiert wie neugierig macht.

Ebenso amüsant wie spannend ist die Tatsache, dass Mr. Dylan sich vom Santa Bob zum Santa Claus verwandelt und uns Mitte Oktober eine neue Platte mit alten Weihnachtsliedern auf die Ohren gibt. Nun ja, als ich vor nun mehr als 30 Jahren bei voller Lautstärke in der elterlichen Wohnung mit rebellischer Pose Dylansongs grölte, da war ich weit weg von der Vorstellung, mich einmal darauf zu freuen, zu Weihnachten endlich auch eine Dylan-Platte mit Weihnachtsliedern zu bekommen und im Herbst an einer musikalischen Dylan-Weinprobe teilzunehmen. Doch man ist mit Dylan aufgewachsen, hat manche Metamorphosen distanziert gegenüber gestanden und manches bedauert, aber ist letztlich immer wieder dafür belohnt worden Dylan-Fan zu sein. So ist man heute unaufgeregter und ungezwungener ob der Haken, die er immer wieder schlägt.

Die Weihnachtsplatte passt sehr gut zu Dylan in diesen Jahren. Musikalisch könnte das bei weitem weniger peinlich werden, als einige befürchten. Hat er nicht bei „Love And Theft“ und „Modern Times“ über alten Swing/Jazzmelodien gekonnt „gecroont“? Und hat er nicht eine schöne Rezitation von Dickens’ Weihnachtsgeschichte in der „Theme Time Radio Hour“ abgeliefert? So ist denn die Nachricht über dieses Album als „Frohe Botschaft“ bei mir angekommen. Fürchtet Euch nicht! Halleluja!

Künstlerin, Heilerin, Agitatorin

21. Juli 2009

Patti Smith überzeugt mit kraftvollem Konzert in Frankfurt

Patti Smith gibt nicht viele Konzerte. Umso mehr freut man sich auf ein Widersehen. Und das beidseitig. Patti begrüßt sichtlich gut gelaunt und entspannt die Menschen in der vollbesetzten Jahrhunderthalle. Immer wieder winkt Sie ins Publikum. Und gleich geht es druckvoll los. „Are You Experienced“ ein früher brillanter Höhepunkt. Diese Frau von 62 Jahren ist kein bisschen müde, ihre Stimme immer noch genauso kraftvoll wie vor über 30 Jahren.

Nach dem tollen Start verflacht das Konzert im Mittelteil stellenweise etwas. Zu sehr überwiegen doch die Sphärenklänge hier und da, die dann doch in der Literarischen Jazz-Matinee besser aufgehoben sind, als beim Rockkonzert. Dick aufgetragen – und das ist kein Widerspruch zur Authenzität der Künstlerin, sie ist halt so – wirken doch mitunter ihre politisch-moralischen Statements, da wandelt sie sich von der Künstlerin zur Agitatorin. Sie hüllt sich in die tibetanische Fahne, widmet ihre Lieder wahlweise den Indianern oder den Kindern Palästinas.

Aber da Patti eben nicht Joan Baez ist, findet Patti, bevor es zu moralinsauer für alle Beteiligten wird, immer wieder den Weg zurück zum harten Rock. Und der ist schließlich auch nichts anderes, als das immer wieder erneuerte Versprechen auf eine bessere Welt. Und Patti wird zur Heilerin: Denn für heute tanzen sich die Menschen die Wut und die Sorgen über die Welt erstmal weg.

Und so steigert sie sich wieder, greift im tollen letzten Teil des Konzerts immer öfter die Gitarre, drischt darauf ein, macht Krach und beschwört nacheinander, dass die People die Power haben, die Welt zu verändern und dass die Nacht den Liebenden gehört, besingt den Rock’n’Roll Nigger und schlussendlich Gloria. Es gibt kein Halten mehr, stehende Ovationen, auf Wiedersehen Patti!