Archive for the ‘USA Politik’ Category

Haus aus Erde

14. März 2014

Guthrie-Haus-aus-Erde-orgBei einer Recherche zu Bob Dylans Rolling Thunder Review entdeckten der Schauspieler Johnny Depp und der Historiker Douglas Brinkley Hinweise zu Woody Guthries Roman „Haus aus Erde“. Sie machten sich auf die Suche und wurden im Nachlass des Regisseurs Irving Lerner fündig. Eine Sensation! Woody Guthrie, amerikanischer Hobo, Poet  und Sozialist – Ikone des anderen Amerika – hatte nicht nur tausende Songs hinterlassen, sondern auch dieses Stück Literatur.

Und was für eines. Eigentlich passiert nicht viel in diesem Buch. Ein Paar – Tike und Ella May – lebt mehr schlecht als Recht auf gepachtetem Land in einer Holzhütte, die der Bank gehört. Doch bei allen Widrigkeiten des Wetters und den brutalen ökonomischen Fesseln des Großgrundbesitzers, verlieren sie nie ihre Träume, ihren Humor, ihre große Kameradschaft sowie ihren Kampfes- und Überlebenswillen.

Es ist ein ungemein sinnliches Buch, das der große Folksänger Woody Guthrie da geschrieben hat. Er beschreibt die Unbill der Natur so plastisch, dass man den Wind und den Sand auf seiner Haut spürt, die Gerüche in all ihren Ausformungen in der Nase hat, und einem die Weite des Landes wie auch die Enge der Hütte geistig wie körperlich erfasst.  Bedeutende so noch nicht da gewesene Literatur schafft Woody, indem er mit diesen Mitteln und einer geradezu expressionistischen Sprache einen Liebes- und Zeugungsakt über 30 Seiten (!) erzählt.

Die Schwangerschaft von Ella May, die Freude auf ein Kind, das wahrscheinlich in Armut aufwächst, und die Pläne und Träume von Tike, der eine Lehmhütte als zentrale Verbesserung und Emanzipation von Armut, Wetterwidrigkeiten und ökonomischer Unterdrückung ansieht, sowie dessen sexuell aufgeladenen Wortgefechte mit der Hebamme Blanche, bilden die weitere Entwicklung der Geschichte, ehe schließlich das Kind kommt und mit seinen Eltern in eine ungewisse Zukunft blickt.

Woody hat ein kleines, großes Buch geschrieben. Er hat dem klassenkämpferischen Pathos widerstanden und eine realistische Geschichte aus dem nördlichen Texas der 30er Jahre erzählt, als Sandstürme und Armut, die Menschen beschwerten. John Steinbeck hat vor diesem Hintergrund sein „Früchte des Zorns“ geschrieben. Doch im Gegensatz zu Steinbecks Romanpersonal bleiben Woodys Leute hier, gehen nicht nach Kalifornien ins gelobte Land.

Woody hat den Roman erst 1947 vollendet. Doch er wurde weder verlegt, noch wie Woody es sich vorgestellt hatte, von Lerner verfilmt. Es mögen der Erfolg Steinbecks, die politische Situation im kalten Krieg und die explizit dargestellte Sexualität sein, die die Gründe waren, dass dieses Werk der Vergessenheit anheim gefallen ist.

Dieses Buch komplettiert das Bild des amerikanischen Volkssängers und Volksschriftstellers Woody Guthrie. Und wie Depp und Brinkley in ihrem Vorwort richtig schreiben, ist das zwar ein amerikanischer Roman, aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, die zu Armut, Hunger und Obdachlosigkeit führen, sind auch fast siebzig Jahre später weltweit die Gleichen.

Woody war, so bringt es auch dieses Buch zum Ausdruck, ein Linker, der nicht nur in Diskussionszirkeln überzeugen konnte, sondern wusste, wie die Menschen denken und sprechen, ganz nah bei ihnen war. Jemand wie Woody könnten wir heute so gut gebrauchen.

„Haus aus Erde“ ist auf deutsch im Eichborn-Verlag erschienen.

Eggers und Sullivan

6. September 2013

EggersGanz banausig teile ich mal schnell die zeitgenössische amerikanische Literatur in drei Lager. Da haben wir einmal die Fords, Austers und De Lillo mit ihrer Ostküsten-Establishment-Perspektive auf Anwälte, Banker oder Hochschullehrer. Dann haben wir die Irvings und Boyles mit ihren abgedrehten Typen und Geschichten, die ich allgemein zu bemüht und zu verschwurbelt finde. Und dann gibt es die jungen, interessanten Typen, die Geschichten über das heutige Amerika, das zerrissene, entsolidarisierte, weltpolitisch und wirtschaftlich im Abstieg befindliche Amerika schreiben. Und von wirklichen Menschen und von wirklichen Geschehnissen etwas zu sagen haben.

Beispielhaft hierfür sind Dave Eggers und John Jeremiah Sullivan. Eggers hat mit „Zeitoun“ und „Ein Hologramm für den König“ zwei hervorragenden Bücher über Amerikas Rolle in der globalen Welt und dessen Abwehrkampf innen wie außen geschrieben. Dem syrisch-stämmigen Zeitoun hilft die Überanpassung an den amerikanischen Geist – Unternehmer sein, fleißig sein, gute Nachbarschaft leben – überhaupt nichts, als die amerikanischen Ordnungskräfte mit den Folgen des Hurrikans Katrina umgehen, als seien sie im Anti-Terror-Krieg. Weil er Araber ist, wird er interniert. Dem US-Manager Alan Clay verzweifelt im „Hologramm“ in der islamischen Gesellschaft Saudi-Arabiens am Niedergang der amerikanischen Industrie und dem Aufstieg Chinas als konkurrierende Weltmacht.

John Jeremiah Sullivans Pulphead-Reportagen berichten aus dem Innern einer beschädigten Nation. Ob christliches Rockfestival, Disneyworld oder „Guns N‘ Roses“-Frontmann Axl Rose. Sullivans Miniaturen zeigen die Absurdität des verlebten amerikanischen Traums. Sullivan schreibt süffig, ironisch und plastisch ohne jede überflüssige Wende oder Drehung.

War Eggers Debütroman noch einer von der geschwätzigeren Sorte, hat er mit den Jahren gelernt, seine Prosa durch Reduktion zur Entfaltung zu bringen. „Zeitoun“ ist dokumentarisch und doch spannend wie Fiktion. „Ein Hologramm für den König“ ist Fiktion und liest sich doch fast wie eine nüchterne Bestandsaufnahme des Scheiterns. Das individuelle Scheitern des Alan Clay als Parabel auf das Scheitern Amerikas.Sullivan

Es stimmt zuversichtlich, dass dieses Land solche Autoren hervorzubringen vermag. Ihre Literatur und ihr gesellschaftliches Engagement in Selbsthilfeprojekten und NGOs zeigt aber auch, dass auf die Politik in den USA kein Pfifferling mehr gesetzt wird. Die Syrien-Politik des Friedensnobelpreisträgers Obama ist das neueste Zeichen dafür, dass die politische Klasse Amerikas abgewirtschaftet ist. Ohne Idee, ohne Moral, ohne Koordinatenkreuz. Hau-Drauf-Politik anstatt wirklicher humanitärer Verantwortung. Am Ende seiner Amtszeit erweist sich der Hoffnungsträger Obama als hoffnungslos ins System verstrickter Scheinriese. Traurig.

Bombay Beach

8. Dezember 2012

Bombay_Beach-544882338-mainAmerikanische Verlierer am See

Bombay Beach ist eine der bemerkenswertesten Dokumentationen, die ich zuletzt gesehen habe. Die Auseinandersetzung mit dem „White Trash“, den Verlierern des wildgewordenen amerikanischen Neoliberalismus finden zuletzt ja immer häufiger Einzug in Literatur, Reportage oder Film. Man denke nur an die Woodrell-Verfilmung von Winter’s Bone oder die Pulphead-Reportagen von John Jeremiah Sullivan. Aber dieser Film ist etwas Ungewöhnliches.

Bombay Beach, der Ort am Saltonsee in Südkalifornien, war einstmals ein Prestigeobjekt für Wohlsituierte. Heute wohnen hier am umgekippten See die Gestrandeten, die Verlierer Amerikas. Die Parishs mit ihrem Sohn Bennie, der wegen ADHS mit Medikamenten vollgestopft wird und von dem zu befürchten ist, dass er in dieser Welt nichts erreichen wird. So wie sein Vater und seine Mutter, die eine zeitlang wegen verbotener Militärspiele als Beinahe-Terroristen aus dem Verkehr gezogen worden sind.

Red, der alte Hobo, hat den Großteil seines Lebens schon hinter sich, begeistert aber inmitten der trostlosen Siedlung mit seinem lakonischen Charme die Frauenwelt ab Sechzig. Ein Sympathieträger des Films. Um so entäuschender, als er sich als Rassist outet.

Die einzige Person, die Hoffnung verströmt, ist der schwarze CeeJay. Er versucht der Ödnis zu entfliehen. Mittels Football und Schulbildung versucht er seine Chance zu ergreifen, und mit seiner Freundin ein besseres Leben zu finden.

Regisseurin Alma Har’el, die aus der Welt der Video- und Werbeclips kommt, hat die Protagonisten begleitet und nur sanft ins Geschehen eingegriffen, alleine die Tanzszenen scheinen sorgsam inszeniert. Aufgrund der Zusammenarbeit in anderen Projekten mit Bob-Sohn und Regisseurskollegen Jesse Dylan sowie mit Bob Dylans Manager Jeff Rosen gelang es ihr, einige Bob Dylan-Songs für den Soundtrack benutzen zu dürfen. Denn  „Series Of Dreams“, ein mysteriöser Song und  Outtake von Dylans „Oh Mercy“, begleitete Sie nach ihrer Aussage durch den Dreh. So war es logisch, dass die Musik von Dylan und der ihr nahe stehenden Band Beirut die Szenen musikalisch unterlegen.

Bombay Beach ist ein ungewöhnlicher Film. Zu erst eine Art Sozialreportage ohne wertenden Kommentar. Alleine die Protagonisten kommen zu Wort. Dann ein Landschaftsfilm über einen sterbenden See und seine öde Umgebung. Und dann noch ein dritter, ganz leiser, poetischer Film, der aufzeigt wie zärtlich und froh tanzende Menschen miteinander umgehen. Und das – so der verblüffende Kunstgriff – ist der härtest mögliche Kontrast zum Elend der Menschen rund um den See in der Wüste. Ein See, der weniger Oase, als Friedhof für gescheiterte Existenzen ist.

Ein Film, der über die Lügen des neoliberalen Amerikas ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt mehr aussagt, als manche ausgeklügelte Polit-Analyse. Ein bewegender Film.

Nashville, Tennessee

5. Oktober 2012

„Es gibt 1435 Guitar Picker in Nashville“, heisst es in einem Country-Song. Soll heissen, jeder der in der Musik was werden will, zieht es nach Nashville. Und in der Tat: Laengst ist Nashville nicht mehr nur Country-Kapitale der USA, sondern  die Music City der Staaten schlechthin. Alle Arten von Musik werden hier komponiert, produziert, verlegt und vertrieben. Und Nashville ist Kongressstadt. Und sie ist auch ein Zentrum des Bible Belts mit einer grossen Anzahl von kirchlichen Gemeinschaften. Nashville ist also ein Melting Pot.

Und wo laesst sich solch ein Melting Pot leben? In der „American Bar“! So wie diesen Dienstag in Mortons Bar im Herzen Nashvilles, als sich eine junge Amerikanerin aus Chicago, die drei Jahre in Italien gelebt hat und nun in Kunst und Medien macht, ein deutsches Paar – eine Rechtsanwaeltin und ein Journalist – sowie der daenischer Inhaber einer weltweit operierenden Sportmarketingagentur, der in Uruguay lebt, dort trafen. Ueber Laender-, Sprach- und Kultugrenzen hinweg kam es zu interessanten Gespraechen ueber Amerika.

Nur wenige Stunden vorher hatten die Deutschen einem historischen Ereignis beigewohnt. Im 87. Jahr ihres Bestehens wurde mit Darius Rucker erst der dritte Schwarze „Member of The Grand Ole Opry“, also in einen Art Elitekreis der Countrymusik aufgenommen. Auch das ein Zeichen fuer amerikanische Verhaeltnisse.

Die Deutschen sind nun im Bundesstaat Mississippi angekommen und werden ein Stueck weit das Misssissippi-Delta hinunterfahren. Dem Geburtsort des schwarzen Blues. Ohne den es die Countrymusik in ihrer heutigen Form nicht geben wuerde. Amerika – das Land der vielfaeltigen Widersprueche.

Dyess, Arkansas

2. Oktober 2012

„Come in!“, ruft es aus dem Inneren, als wir verhalten an der Tuer klopfen. Das Gebaeude ist ein Trailer, eine dieser schlichten amerikanischen Flachbauten, den man auch leicht zu einem rollenden Zuhause machen kann. Ueber der Tuer steht „McCrory’s General Store since 1953. Souvenirs of Johnny Cash and Gene Williams“. Wegen Cash sind wir hier im amerikanischen Nowhere gelandet.

Als wir das Drugstore betreten, haben wir Muehe – es ist dunkel und mit randvoll mit allerlei Kram – den kleinen alten Mann hinter der Theke zu finden. Freundlich erzaehlt er  – er mag schon 90 sein – dass er Gene Williams noch persoenlich gekannt habe. „Cash?“ Ja klar, den auch, aber Williams scheint ihm wichtiger zu sein. Williams war auch ein Countrystar wissen wir nun. Aber fuer uns wiederum nicht so bedeutend wie Cash.

Dyess wurde in den 30er Jahren als Projekt des New Deal gegruendet. Es gab vielen armen Familien eine neue Existenz. Auch der von Johnny Cash. Vielleicht war es dieses Wissen in die Moeglichkeiten staatlicher Daseinsfuersorge, die Cash zeitlebens davon abhielten einfachen konservativen „Wahrheiten“ zu folgen.

Wir kaufen ein Cash-T-Shirt und der alte Mann schenkt uns ein Bild von Gene Williams. Der ist ihm wichtiger, wie gesagt.

Wir fahren weiter nach Memphis und Nashville. Und folgen fuer einen Teil der Reise Cashs Weg aus der Armut Dyess‘ ueber die ersten Plattenaufnahmen in Memphis hin zum Superstar der Countrymusik in Nashville. Schade, dass es in diesen Zeiten in Amerika keinen mehr wie Johnny gibt.

Into the south again!

24. September 2012

Wieder zieht es uns in den Süden. Wieder werden wir uns in Memphis, Nashville und im Mississippi-Delta auf die Spuren des Americana begeben, Country und Blues erleben. Erweitert wird die Reise diesmal um Texas. In Dallas werden wir Wanda Jackson, die 74-jährige  „Queen of Rockabilly“ sehen, die jüngst wieder von den jungen Produzenten Jack White und Justin Townes Earle beflügelt wurde. Im Vorort Arlington besuchen wir ein Konzert von Marty Stuart, dem „Spiritus Rektor“ der Countryszene. In Nashville steht dann wieder die Grand Ole Opry auf dem Programm. Mit dabei ist Darius Rucker, der derzeit einzige große schwarze Mainstream-Countrystar. Und in Austin werden wir uns in einige der vielen, vielen Livemusik-Clubs begeben, hier weckt der Americana-Künstler Dale Watson unser Interesse.

Daneben werden wir aber einfach auch Landschaft, Städte und Menschen auf uns wirken lassen. Sind gespannt darauf, wie sich der US-Wahlkampf im Alltag niederschlägt. Werden Dyess, Arkansas, besuchen, wo Johnny Cash seine Kindheit verbracht hat. Und werden Museen besuchen – das JFK-Museum in Dallas, das Civil Rights-Museum in Memphis, das Bluegrass-Museum in Owensboro, Kentucky, und das… ähem… Muppet-Museum in Leland, Mississippi!

Zumindest aus den großen Städten werde ich ein bisschen was an dieser Stelle berichten. Immer mal wieder hier reinschauen, lohnt sich also!

Als kleine musikalische Illustrationen: Wanda Jackson und Jack White mit dem Video zum Bob Dylan-Song „Thunder on the mountain“ sowie die Preview des neuen Albums von Wanda Jackson mit Justin Townes Earle.

“The United States Of Hoodoo”

19. August 2012

Ein Film, seine Sichtweise auf die afro-amerikanische Kultur und was Bob Dylan jetzt auch noch damit zu tun hat

Oliver Hardts sehenswerter Film “The United States Of Hoodoo” spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Deren Spuren finden sich an vielen Orten der amerikanischen Kultur und Alltagskultur. Vom Mississippi-Blues bis zum Rap, von der bildenden Kunst bis zur New Orleans-Küche.

Sie finden sich in der liberalsten Stadt des US-amerikanischen Südens – New Orleans – ebenso wieder wie in den tief christlich geprägten Landstrichen am Mississippi Delta. Sie finden sich im schwarzen Gospel-Gottesdienst genauso wie im Blues, im Soul, im Rock’n’Roll. Und durch die Verschmelzung der weißen Hillbilly-Musik mit dem schwarzen Blues finden sie sich sogar in der weiß geprägten Countrymusik.

So ist der faustische Pakt Robert Johnsons mit dem Teufel nur die christliche Lesart des Zusammentreffens des Musikers mit dem Voodoo-Gott Legba, der ein Gauner, ein Trickster ist und nicht das personifizierte Böse wie der Teufel. Diese Lesart geht einher mit der christlichen Verteufelung der afrikanischen Religion der schwarzen Sklaven, als auch mit der Ablehnung der sündigen Blues und Soulmusik durch die schwarzen Christengemeinden im Süden.

All das schwingt auch in Songs von Bob Dylan mit. So dachte ich mir jedenfalls. Schließlich stammt Dylan aus der Generation amerikanischer Musiker, die sich als erste ganz offen zur afroamerikanischen Musiktradition bekannt haben. Schließlich war Elvis vor allem auch ein weißes Phänomen der Abgrenzung, über den Musiker wie Chuck Berry, Little Richard oder auch Muddy Waters nur müde lächeln konnten. Gegen die Laszivität und Sexualität, die in Blues und Soul innewohnt, war Presleys Hüftschwung der reinste Kindergeburtstag. Musiker wie Dylan, die Stones, Clapton oder auch „The Band“, bekannten sich dagegen offen zu den Traditionslinien der schwarzen Musik und die Folkszene Anfang der 60er holte ja schließlich die alten Bluesmänner zurück in Rampenlicht.

Und dennoch ist Dylan als weißer Mittelstandsjunge geprägt von der jüdisch-christlich-abendländischen Tradition. Sie prägt sein Koordinatensystem und bildet den Hintergrund seiner Vorstellungswelt und seiner Songlyrik. Wirkliche Einflüsse afroamerikanischer Hoodoo-Alltagskultur sind auf die Fülle des Gesamtwerks betrachtet, auf den ersten Blick allenfalls nur kleinen Spurenelementen nachzuweisen.

So ging ich bei der voreiligen Heranziehung von „Carribean Wind“ dann auch gleich in die Irre. Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.

Und natürlich in „Blind Willie McTell“, Dylans lyrisch-musikalisch-mystische Retrospektive des alten Südens zwischen Sklaverei und Bürgerkrieg, christlicher Erweckung und afrikanischer Herkunft der schwarzen Sklaven. Oder das Album Oh Mercy, das in New Orleans entstanden ist und über dem eine flirrende, geisterhafte Stimmung liegt.

Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’  „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt. Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:

They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else

Die Verbindung von Bob Dylan zur Vorstellungswelt des afrikanischen Erbes der schwarzen Amerikaner harrt noch einer systematischen Beschäftigung und stellt eine anspruchsvolle, aber sicher lohnende Arbeit quer durch das Werk des Songschmieds aus Minnesota dar.

In Memoriam Andy Griffith

6. Juli 2012

 Andy Griffith ist tot. Andy Griffith… war das nicht Matlock? In der Tat , die 80er-Jahre Gerichtsserie um den listigen Anwalt aus den Südstaaten war Kult. Wegen der pfiffigen Auflösungen, wegen der hübschen Tochter, wegen den verschiedenen, aber immer schwarzen Helfern des Advokaten. Aber vor allem natürlich wegen des ewig gleichen hellen Sommeranzugs, den Matlock trug. Er musste unzählige dieser Modelle im Schrank haben, folgte aber in diesem Setting anderen klassischen Serienbeispielen. Die Cartwrights wechselten schließlich auch nie ihr Outfit.

Aber dieser Andy Griffith hatte ja auch noch ein Leben vor Matlock und das war aufs engste mit der Musik und der Kultur des Südens verbunden. Griffith war ein recht guter Countrysänger und war für Elia Kazan daher wohl auch die bestmögliche Besetzung seines „Lonesome Rhodes“ im Film „A Face In The Crowd“. Griffith spielte hier einen verschlagenen Countrysänger, der zum politischen Radioprediger voller Doppelmoral wird. Die Figur des Lonesome Rhodes war dann auch ein Vorbild für Tim Robbins‘ „Bob Roberts“ (1992).

Und Lonesome Rhodes und Robert Mitchums verschlagener Wanderprediger aus „Die Nacht des Jägers“ beschäftigen auch Bob Dylan bis heute. Sie es in „Highway 61“ oder „Man Of Peace“ („could be the fuhrer, could be the local priest“) oder „Man In The Long Black Coat“. Die Figur des verlogenen und gefährlichen Predigers ist ein amerikanischer Archetypus. Kein Wunder für das Land mit dem „Bible Belt“, dessen Gesellschaft und Alltag weitaus mehr durch die Religion bestimmt werden, als in anderen westlichen entwickelten Ländern.

Und Andy Griffith war über Jahre der Star der Andy Griffith-Show. Sie spielte in einem fiktiven Südstaaten-Nest und hatte eine freundliche, harmlose Komik. Ein Fels in der Brandung der Veränderungen in den Sixties. Wobei die sogenannten Hinterwäldler sich nicht gegen gute Musik sperrten. Einen guten Beatles-Song als Bluegrass-Stück zu adaptieren (wie in der „Lost Episode“) zeigt doch auf, dass der Horizont von Griffith bei weitem nicht so eng war, wie der von vielen seiner Zuschauer.

So ist mit Griffith nicht nur „Matlock“ gestorben, sondern vor allem ein Bindeglied zu Kultur und Alltagsbewusstsein des alten Südens. Im Guten wie im Schlechten. Rest in Peace!

Bob’n’Bruce’n’Neil

9. Juni 2012

Die alten Helden graben gerne nach den Wurzeln und singen die alten, bösen Lieder

Anlässlich des neuen Album von Neil Young habe ich auf www.country.de einen kurzen Vergleich der „Folk-Revival-Alben“ von Dylan, Springsteen und Young gezogen. Diesen Gedanken möchte ich hier noch ein wenig weiter ausführen.

 Bob Dylan nutzte sein Album „Good As I Been To You“ 1992 dazu, sich auf sich selbst und seine musikalischen Wurzeln zu besinnen. Nachdem Dylan sich während der Psychedelic-Welle in den 60ern, während Bombast-Rock, Punk und Disco in den 70ern mit seiner in Folk, CountryRock und Blues gut geerdeten Musik gut behaupten konnte, führten ihn die 80er Jahre mit Reagan, Thatcher und Kohl, mit Plastik-Pop, New Wave und Stadion-Rock, mit Madonna, Michael Jackson und Phil Collins, ins künstlerische Nirvana. Seine „Neverending-Tour“ war eine persönliche und performative Antwort auf die Krise. Die Musik, die dort gespielt wurde war desaströs, um sie neu aufzubauen bedurfte es dieses Albums. Dylan entdeckt die alten Lieder neu, die Mörderballaden, die Songs über traurige Liebe, die Kinderlieder. Und er entdeckt sein Gitarrenspiel wieder. Er kann es, wenn er will. Und so entstand eine puristische Folk-Platte. Eine die wenn überhaupt wahrgenommen – die Ausnahme ist Karl Bruckmaiers glanzvolle, prophetische Rezension im Spiegel – mit höflichem Respekt rezensiert. Keiner merkt, dass inmitten des Neu-Entstehens von Americana (Uncle Tupelo waren Initiatoren) sein geistiger und tatsächlicher Vater sich an die Spitze der Bewegung stellt.

Springsteen bringt 2006 die Seeger Sessions heraus. Der ehrliche Stadion-Rocker aus New Jersey, der mit „Born In The USA“ irrtümlicher und unfreiwilligerweise der Reagan-Politik eine Hymne gab und sich seitdem umso mehr zur amerikanischen Linken bekennt, ehrt auf seine Weise den letzten lebenden Mentor des klassischen amerikanischen Folk und Protestsongs der 30 er und 40er Jahre. Denn davon und vom Amerika des New Deal, dem erst Ronald Reagan den wirklichen Todesstoß versetzte, sind sie alle geprägt. Der 71jährige Dylan genauso wie der zehn Jahre jüngere Springsteen und der in der Mitte liegende 66 Jahre alte Young. „The Seeger Session“ ist daher aber auch ein Album, das das Ende der Bush-Ära einläutet. George W. ist angeschlagen und der fortschrittliche Teil Amerikas hofft auf einen Wandel durch die Demokraten. Und zwei Jahre später sollte ja tatsächlich Barack Obama mit Unterstützung der fortschrittlichen Musiker, Schauspieler und Schriftsteller (Springsteen natürlich mit dabei!) als großer Hoffungsträger gewählt werden.

Neil Young ist da – ähnlich wie Dylan – weniger begeisterungsfähig als „The Boss“. Und doch legt er jetzt kurz vor dem Wahlkampf ein Album mit uralten Songs vor, die aber, solange Amerika sich nicht wieder neu erfindet, auf ewig aktuell sind. Songs über Arbeitslosigkeit, unglückliche Liebe, Mord und Totschlag. Amerika ist groß und leuchtend, doch es hat auch immer mehr Verlierer. Der Rost und Verfall und das menschliche Elend ist längst nicht mehr hinter den Fassaden versteckt. Die USA bräuchten einen neuen „New Deal“, doch der Präsident ist weder stark noch konsequent genug und die Gegner sind laut, gut vernetzt und zu mächtig, als dass es Anlass zur Hoffnung gibt. Amerika zerstört sich von innen. Durch kapitalistische Gier, politischer Agonie und wahnwitzigem religiösen Fundamentalismus. Young bastelt an umweltgerechten Autos in Kalifornien und singt dagegen an.

Alle drei vereint das Bewusstsein über ihre musikalischen Wurzeln. Und alle drei machen sich nichts vor über den Zustand „ihres“ Amerikas. Dass sie die alten, bösen Lieder benutzen sagt alles und ist reinste Subversion. Und einfach gute Musik.