Into the south again!

24. September 2012

Wieder zieht es uns in den Süden. Wieder werden wir uns in Memphis, Nashville und im Mississippi-Delta auf die Spuren des Americana begeben, Country und Blues erleben. Erweitert wird die Reise diesmal um Texas. In Dallas werden wir Wanda Jackson, die 74-jährige  „Queen of Rockabilly“ sehen, die jüngst wieder von den jungen Produzenten Jack White und Justin Townes Earle beflügelt wurde. Im Vorort Arlington besuchen wir ein Konzert von Marty Stuart, dem „Spiritus Rektor“ der Countryszene. In Nashville steht dann wieder die Grand Ole Opry auf dem Programm. Mit dabei ist Darius Rucker, der derzeit einzige große schwarze Mainstream-Countrystar. Und in Austin werden wir uns in einige der vielen, vielen Livemusik-Clubs begeben, hier weckt der Americana-Künstler Dale Watson unser Interesse.

Daneben werden wir aber einfach auch Landschaft, Städte und Menschen auf uns wirken lassen. Sind gespannt darauf, wie sich der US-Wahlkampf im Alltag niederschlägt. Werden Dyess, Arkansas, besuchen, wo Johnny Cash seine Kindheit verbracht hat. Und werden Museen besuchen – das JFK-Museum in Dallas, das Civil Rights-Museum in Memphis, das Bluegrass-Museum in Owensboro, Kentucky, und das… ähem… Muppet-Museum in Leland, Mississippi!

Zumindest aus den großen Städten werde ich ein bisschen was an dieser Stelle berichten. Immer mal wieder hier reinschauen, lohnt sich also!

Als kleine musikalische Illustrationen: Wanda Jackson und Jack White mit dem Video zum Bob Dylan-Song „Thunder on the mountain“ sowie die Preview des neuen Albums von Wanda Jackson mit Justin Townes Earle.

“The United States Of Hoodoo”

19. August 2012

Ein Film, seine Sichtweise auf die afro-amerikanische Kultur und was Bob Dylan jetzt auch noch damit zu tun hat

Oliver Hardts sehenswerter Film “The United States Of Hoodoo” spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Deren Spuren finden sich an vielen Orten der amerikanischen Kultur und Alltagskultur. Vom Mississippi-Blues bis zum Rap, von der bildenden Kunst bis zur New Orleans-Küche.

Sie finden sich in der liberalsten Stadt des US-amerikanischen Südens – New Orleans – ebenso wieder wie in den tief christlich geprägten Landstrichen am Mississippi Delta. Sie finden sich im schwarzen Gospel-Gottesdienst genauso wie im Blues, im Soul, im Rock’n’Roll. Und durch die Verschmelzung der weißen Hillbilly-Musik mit dem schwarzen Blues finden sie sich sogar in der weiß geprägten Countrymusik.

So ist der faustische Pakt Robert Johnsons mit dem Teufel nur die christliche Lesart des Zusammentreffens des Musikers mit dem Voodoo-Gott Legba, der ein Gauner, ein Trickster ist und nicht das personifizierte Böse wie der Teufel. Diese Lesart geht einher mit der christlichen Verteufelung der afrikanischen Religion der schwarzen Sklaven, als auch mit der Ablehnung der sündigen Blues und Soulmusik durch die schwarzen Christengemeinden im Süden.

All das schwingt auch in Songs von Bob Dylan mit. So dachte ich mir jedenfalls. Schließlich stammt Dylan aus der Generation amerikanischer Musiker, die sich als erste ganz offen zur afroamerikanischen Musiktradition bekannt haben. Schließlich war Elvis vor allem auch ein weißes Phänomen der Abgrenzung, über den Musiker wie Chuck Berry, Little Richard oder auch Muddy Waters nur müde lächeln konnten. Gegen die Laszivität und Sexualität, die in Blues und Soul innewohnt, war Presleys Hüftschwung der reinste Kindergeburtstag. Musiker wie Dylan, die Stones, Clapton oder auch „The Band“, bekannten sich dagegen offen zu den Traditionslinien der schwarzen Musik und die Folkszene Anfang der 60er holte ja schließlich die alten Bluesmänner zurück in Rampenlicht.

Und dennoch ist Dylan als weißer Mittelstandsjunge geprägt von der jüdisch-christlich-abendländischen Tradition. Sie prägt sein Koordinatensystem und bildet den Hintergrund seiner Vorstellungswelt und seiner Songlyrik. Wirkliche Einflüsse afroamerikanischer Hoodoo-Alltagskultur sind auf die Fülle des Gesamtwerks betrachtet, auf den ersten Blick allenfalls nur kleinen Spurenelementen nachzuweisen.

So ging ich bei der voreiligen Heranziehung von „Carribean Wind“ dann auch gleich in die Irre. Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.

Und natürlich in „Blind Willie McTell“, Dylans lyrisch-musikalisch-mystische Retrospektive des alten Südens zwischen Sklaverei und Bürgerkrieg, christlicher Erweckung und afrikanischer Herkunft der schwarzen Sklaven. Oder das Album Oh Mercy, das in New Orleans entstanden ist und über dem eine flirrende, geisterhafte Stimmung liegt.

Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’  „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt. Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:

They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else

Die Verbindung von Bob Dylan zur Vorstellungswelt des afrikanischen Erbes der schwarzen Amerikaner harrt noch einer systematischen Beschäftigung und stellt eine anspruchsvolle, aber sicher lohnende Arbeit quer durch das Werk des Songschmieds aus Minnesota dar.

Ein Sturm naht

4. August 2012

Bob Dylans noch nicht veröffentlichtes neues Album wird bereits heftig diskutiert

Ist es nun ein Meisterwerk oder nicht? Bevor überhaupt das neue Dylan-Album „Tempest“ auf dem Markt ist, wird in einschlägigen Kreisen bereits diskutiert, welchen Stellenwert es in Bobs Riesen-Werk hat. Lassen wir das viel zu frühe taxieren und den Hype, den viele  entfachen und dessen Urheber Dylan selbst und sein geschicktes Management sind – echte PR-Profis eben!  –  einfach mal außer Acht und wenden uns den Fakten zu.

Die beste, weil informativste Vorschau auf die Scheibe brachte das Branchenblatt „Billboard“. Sie war genauso das Ergebnis nur einer Audition.  Aber das  Magazin ging eben weniger aufgeregt als andere Gazetten hier Song für Song durch. Und tatsächlich scheint es musikalisch anders zu zugehen als auf der letzten Platte „Together Through Life“.

Lange, textorientierte Neo-Folkstücke sind es diesmal geworden.  Vergleichbar jüngeren Dylan-Werken wie beispielsweise „Nettie Moore“, „ Girl From The Red River Shore“ oder „Cross The Green Mountain“.  Das uns Dylan dann ausgerechnet den Titel  – „Early Roman Kings“ – als ersten Vorgeschmack liefert, der TTL am ähnlichsten ist, und noch dazu ganz unverhohlen eines der berühmtesten Bluesriffs überhaupt (jawohl das aus „Mannish Boy“ von Muddy Waters) zitiert, ist mal wieder typisch. Immer gerne täuschen und uns eine lange Nase machen.  Dass dieser Song dann ausgerechnet im Trailer einer simplen Kriegsfilmserie auftaucht, ist schon wieder richtig böse vom alten Bob. In diesem Umfeld wird auch der zweite Song vorveröffentlicht.  „Scarlet Town“ wird dann ab 17. August zu hören sein.

Die Themen der neuen Songs sind Vergänglichkeit und Tod, Liebe und Glück. Wie immer bei Dylan: Das Leben in all seinen Facetten. Philosophisch allgemein und menschlich konkret, religiös und subversiv zugleich. Die Titel heißen „Tempest“, „Roll On, John“ (über John Lennon), “ Duquesne Whistle“ oder eben „Pay In Blood“. In einem ersten Interview zur Platte sagte Dylan dem Rolling Stone-Schreiber Mikal Gilmore, das er eigentlich vorhatte einige religiöse Songs zu schreiben, er hätte nicht genug davon. Am Ende sei aber dieses Album rausgekommen. Mann, Mann, Mann – „a cool cat“, dieser alte „Trickster“ Dylan. Weiß genau wie er mit den Erwartungen seiner Fans zu spielen hat.

Dies soll es im Moment gewesen sein von der „Tempest“-Front. Freuen wir uns ganz einfach weiter auf das neue Werk des großen Songpoeten und Musikers und lassen das voreilige spekulieren. Irgendwann gibt es ja möglicherweise einen  ersten Song zum Download, dann tauchen Texte auf – „Early Roman Kings“ wird ja bereits als Dylans Beitrag zu „Occupy Wall Street“ gewertet – und dann kommen die ersten detaillierten Besprechungen.  „Schaun‘ mer mal“, dass der Schreiber dieser Zeilen dann auch was Schlaues über Dylans 35. Studioalbum zu sagen hat.

Bobby und Marty

22. Juli 2012
Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Hier nun der angekündigte kurze Bericht über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart. Beide kennen sich seit vielen Jahren und haben besonders Ende der 90er Jahre viel Zeit miteinander verbracht. Dylan beschäftigte sich damals intensiv mit dem Bluegrass. Er spielte einige Klassiker in seinen Konzerten und sang auf Platte ein Duett mit der Bluegrass-Legende Ralph Stanley. Bereits einige Jahre vorher hatte Marty für Bobby ein Autogramm des Vaters der Bluegrass-Musik, Bill Monroe, besorgt.

Zu dieser Zeit zeigte im Marty Stuart seine enorme Sammlung von Country-Memorabilia. Seitdem enthält Martys Sammlung auch einige Bühnenoutfits von Dylan. Und bei einem Konzert am 1999 in Antioch, Tennessee, spielte Marty einen ganzen Abend in der Begleitband von Bob.

Es fand also ein fruchtbarer Austausch statt und Dylan nahm auch die Musik von Marty wahr. Er war ganz begeistert von Martys Album „The Pilgrim“. Bei Kritikern und Kollegen hochgelobt, floppte das Album kommerziell allerdings völlig.

Dylans „Things Have Changed“ ist von der Melodie her ziemlich beeinflusst durch Martys „Observations Of A Crow“. Und Marty spielt live oder im TV immer wieder mal Songs von Bob und spricht mit höchstem Respekt von ihm. Und auch auf seiner Website findet sich die eine oder andere Erwähnung von His Bobness.

Die Songwriter-Legende und Folkrock-Ikone aus Minnesota und der Country-Rockabilly-Boy aus Mississippi verbindet also mehr als manche denken.

Woody & Marty

15. Juli 2012

Eine kleine Notiz zu Woody Guthries 100.Geburtstag

Zum 100. Geburtstag des großen Folkhelden Woody Guthrie  – an dieser Stelle herzlichen Glückwunsch, Woody! – wird in diesen Tagen immer wieder dessen Einfluss auf die Folkszene, auf Dylan, Baez oder Bragg genannt. Doch Guthrie wird auch breiter in der Musikszene anerkannt. Marty Stuart, Spiritus Rector der Country-Szene und zugleich ein großer Kritiker des heutigen Nashville-Business hat vor einigen Jahren mal versucht, die Leute in Nashville dazu zu bewegen, Woody in die Country Music Hall Of Fame aufzunehmen. Erfolglos.

Marty hat nämlich registriert dass Woody auch Vorlagen zu Country Songs wie „Oklahoma Hills“ und „Philadelphia Lawyer“ geschaffen hat. Und ist „This Land Is Your Land“ nicht der größte „Countrysong“ überhaupt? Auf sein neuestes Album hat Marty übrigens – eine versteckte Würdigung zu Woodys hundertstem Geburtstag? – den Song „A Picture Of Life’s Other Side“ genommen. Geschrieben hat ihn Woody, gesungen aber auch Hank Williams. Auf letzteren bezieht sich Marty auf seinem neuen Album „Tear The Woodpile Down“, aber wie oben erwähnt: Marty weiß um die Bedeutung Woodys für die amerikanische Populärmusik.   

Übrigens gibt es auch eine Verbindung zwischen Marty Stuart und Bob Dylan. Doch dazu mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Unten gelangen wir über den ersten Link zu meiner Woody-Geburtstagsstory auf country.de, mit dem zweiten Link zu Marty und Hank III mit ihrer Version von „A Picture Of Life’s Other Side“, und darunter hören wir direkt Woodys Originalversion.

http://www.country.de/2012/05/14/zum-100-geburtstag-von-woody-guthrie/

http://www.youtube.com/watch?v=SWtEyLbZcSg

Captainsdinner mit Uncle Bob

8. Juli 2012

Gut gelaunt, zärtlich und mit Tiefgang: Bob Dylans fantastisches Konzert in Bad Mergentheim

Bob Dylans Mannheimer Konzert im Herbst letzten Jahres wurde von uns als Kontrastprogramm zu Mark Knopfler gewertet. Denn während uns der erste Teil des Konzert-Doppelpacks ins Nirwana zupfte, pickte und perlte, spielte der damals 70jährige Altmeister ein krachiges Konzert mit Punk-Attitüde.

 Dass bei Bob Dylan keine Tour gleich und kein Konzert so ist wie das andere, machte uns nun vor wenigen Tagen Dylans Auftritt im hübschen Städtchen Bad Mergentheim in sehr angenehmer Weise deutlich. Denn der 71jährige Dylan spielte ein facettenreiches Konzert mit viel guter Laune, einigen zärtlichen Tönen und voll von tiefem Verständnis für seine Songs, kurzum: Er schenkte dem Publikum an diesem Abend eine überragende Performance seiner Musik. Dylan begann auf Nummer sicher mit „Leopard Skin Pill Box Hat“ hinterm Keyboard, doch schon nach wenigen Takten war klar, dass dieser Dylan heute nicht seinen Autopiloten eingestellt hatte, sondern jeden Song so spielte, als er hätte er ihn eben erst entdeckt.

Bei „To Ramona“ nimmt er dann Platz am Flügel, den er fortan nur für wenige mit Mundharmonika bewaffnete Ausflüge zur Bühnemitte verlassen sollte. Zu einer Gitarre griff Bob Dylan an diesem Abend nicht ein einziges Mal. Gekleidet wie ein Kreuzfahrt-Rentner beim Captainsdinner, ließ er nie einen Zweifel, wer der Kapitän an Bord ist. So entwickelte sich der erste Teil des Konzerts zu einer wahrhaft lustigen Seefahrt. Selten hat man ihm soviel gute Laune versprühen sehen. Und dabei gar nicht die unzähligen Male mitgerechnet, bei dem er an seinem breiten Grinsen nur seine Band teilhaben ließ. Dem Publikum schenkte er immer wieder ein Lächeln und posierte oftmals eine Sekunde, als wenn er Gelegenheit zu den eigentlich verbotenen Foto-Schnappschüssen geben wollte. Verbote, die in Zeiten von Fotohandys eigentlich eher trollig und wohl einfach nur als spielerische Rituale anzusehen sind.

So spielte er sich leichtfüßig u.a. durch „Things Have Changed“, „Tangled Up In Blue“ und „Honest With Me“. Der stärkste Teil und tiefste des Konzerts begann dann mit einer wunderschönen Version von „Sugar Baby“. Ihm folgte das im Amerika der Naturkatastrohen immer aktuellen „The Levee’s Gonna Break“. Eine zärtlich hingehauchte Version von „Make You Feel My Love“ zeigte Dylan als Romantiker am Klavier. Aus „High Water“ wurde dann eine Art „Partipication Song“, als die Zuschauer Dylans mehrmals wiederholten dreitönigen Mundharmonikasoli stets mit einem Lauten „Huuuuuuuuh!“ antworteten. Völlig irre! Wunderbare Versionen von „Desolation Row“ und „Highway 61“ folgten. Dabei war Dylan immer bemüht, eingängige Klavierfiguren zu finden, mit der er die Melodie variieren und umspielen konnte. Der Höhepunkt des Konzerts war dann „Love Sick“. Den Song hatte ich bislang sowohl auf Platte, als auch im Konzert eher als eindimensional dunklen Liebesschmerz-Song wahrgenommen. Dylans Klavierversion vom 6. Juli in Bad Mergentheim war jedoch mehrschichtiger. Er zeigte nämlich auch noch die weiteren Dimensionen von Liebeskummer auf. Nicht nur traurig, sondern auch wütend, begehrend, eifersüchtig und lasziv äußert sich der Herzschmerz.

Ein faszinierender Vortrag. Nun bog er schon in die Zielgerade, machte auf hohem Niveau weiter, wirkte jedoch hier und da scheinbar ein bisschen zurückgenommen. Gesünder und weniger anstrengend beim vom „Möchtegern-Dylan-Stellvertreter“ Niedecken jüngst höchst wichtig ausgeplapperten Rückenleiden wäre das Stehen. Unübersehbar kämpfte er mit der richtigen Sitzposition am Klavier und steht zum Tastenanschlag auch immer mal wieder auf. Überhaupt: Wie Dylan während großer Teile des Konzerts seine Beine in 90 Grad zum Publikum vom Oberkörper abwinkelt, um sich dann immer wieder in Gänze zum Publikum zu drehen und einige Takte einhändig zu spielen, das hat komödiantisches Niveau und macht klar, warum Dylan auch immer wieder mit Chaplin verglichen wurde.

Mit „Like A Rolling Stone“, „All Along The Watchtower“ und „Blowin’ In The Wind“, mit den absoluten Klassikern also, beendet er das Konzert. Bob Dylan 2012 in Deutschland hat richtig Spaß gemacht, es waren einige seiner besten Konzerte. Hoffentlich müssen wir bis zur neuen Platte nicht allzu lange warten.

In Memoriam Andy Griffith

6. Juli 2012

 Andy Griffith ist tot. Andy Griffith… war das nicht Matlock? In der Tat , die 80er-Jahre Gerichtsserie um den listigen Anwalt aus den Südstaaten war Kult. Wegen der pfiffigen Auflösungen, wegen der hübschen Tochter, wegen den verschiedenen, aber immer schwarzen Helfern des Advokaten. Aber vor allem natürlich wegen des ewig gleichen hellen Sommeranzugs, den Matlock trug. Er musste unzählige dieser Modelle im Schrank haben, folgte aber in diesem Setting anderen klassischen Serienbeispielen. Die Cartwrights wechselten schließlich auch nie ihr Outfit.

Aber dieser Andy Griffith hatte ja auch noch ein Leben vor Matlock und das war aufs engste mit der Musik und der Kultur des Südens verbunden. Griffith war ein recht guter Countrysänger und war für Elia Kazan daher wohl auch die bestmögliche Besetzung seines „Lonesome Rhodes“ im Film „A Face In The Crowd“. Griffith spielte hier einen verschlagenen Countrysänger, der zum politischen Radioprediger voller Doppelmoral wird. Die Figur des Lonesome Rhodes war dann auch ein Vorbild für Tim Robbins‘ „Bob Roberts“ (1992).

Und Lonesome Rhodes und Robert Mitchums verschlagener Wanderprediger aus „Die Nacht des Jägers“ beschäftigen auch Bob Dylan bis heute. Sie es in „Highway 61“ oder „Man Of Peace“ („could be the fuhrer, could be the local priest“) oder „Man In The Long Black Coat“. Die Figur des verlogenen und gefährlichen Predigers ist ein amerikanischer Archetypus. Kein Wunder für das Land mit dem „Bible Belt“, dessen Gesellschaft und Alltag weitaus mehr durch die Religion bestimmt werden, als in anderen westlichen entwickelten Ländern.

Und Andy Griffith war über Jahre der Star der Andy Griffith-Show. Sie spielte in einem fiktiven Südstaaten-Nest und hatte eine freundliche, harmlose Komik. Ein Fels in der Brandung der Veränderungen in den Sixties. Wobei die sogenannten Hinterwäldler sich nicht gegen gute Musik sperrten. Einen guten Beatles-Song als Bluegrass-Stück zu adaptieren (wie in der „Lost Episode“) zeigt doch auf, dass der Horizont von Griffith bei weitem nicht so eng war, wie der von vielen seiner Zuschauer.

So ist mit Griffith nicht nur „Matlock“ gestorben, sondern vor allem ein Bindeglied zu Kultur und Alltagsbewusstsein des alten Südens. Im Guten wie im Schlechten. Rest in Peace!

Occupy This Album!

21. Juni 2012

Der Soundtrack zur Protestbewegung auf Platte

Die Occupy-Bewegung in den Metropolen der westlichen Welt ist ein deutlicher Ausdruck für die Unzufriedenheit vieler Menschen mit den weltweiten Entwicklungen im Wirtschafts- und Finanzsektor. Rating-Agenturen heben oder senken den Daumen über ganze Volkswirtschaften. Und hinter dem „Spardiktat“ verbirgt sich nichts anderes, als die seit „Reagonomics“ und Thatcherismus“ ewig gleichen Rezepte: der Abbau sozialer und staatlicher Leistungen sowie Lohnkürzungen. „Dann wird’s schon“, rufen die selbst ernannten Eliten den Verlierern zu und die wirklich Schuldigen an der Misere bleiben unangetastet. In Griechenland und Spanien können wir es gerade mustergültig miterleben.

In den USA waren soziale Bewegungen und Popmusik schon immer eng verzahnt. Bob Dylans Protestsongs und Folkrock in der 60ern waren – trotz des Widerstands von Folkpuristen – ebenso Popmusik wie die Psychedelische Musik des Summer of Love. Und Bruce Springsteen oder John Mellencamp haben seit je her keine Scheu vor politischen Statements.

Um so sensationeller nun die vierfach-CD „Occupy this Album!“ Sie stellt den Soundtrack zur US-Bewegung dar. Und was hört man da alles: Folk, Rock, Hip-Hop, Pop vom feinsten. Und neben vielen jungen Bands sind es die alten Helden unterschiedlichster Musikgenres, die Songs beisteuern: Jackson Browne, Willie Nelson, Patti Smith, Lucinda Williams, Garland Jeffreys, Steve Earle, Debbie Harry, David Crosby und Graham Nash. Aber natürlich auch Pete Seeger und Joan Baez. Und natürlich schwebt auch der Geist eines Künstlers über diesem Projekt, der sich schon lange nicht mehr öffentlich politisch engagiert. So beginnt das Album mit Matt Pless in klassischer Dylan-Manier und Michael Moore steuert den einzigen Bob Dylan-Song bei: „The Times They Are A-Changin’. Und das sogar durchaus hörenswert: Der Lautsprecher wird hier sogar zum sanften Barden!

Nach dem Amnesty-Dylan-Album nun die zweite politisch ambitionierte 4-CD-Box dieses Jahres. Und auch hier kann es nur heißen: KAUFEN!

Bob’n’Bruce’n’Neil

9. Juni 2012

Die alten Helden graben gerne nach den Wurzeln und singen die alten, bösen Lieder

Anlässlich des neuen Album von Neil Young habe ich auf www.country.de einen kurzen Vergleich der „Folk-Revival-Alben“ von Dylan, Springsteen und Young gezogen. Diesen Gedanken möchte ich hier noch ein wenig weiter ausführen.

 Bob Dylan nutzte sein Album „Good As I Been To You“ 1992 dazu, sich auf sich selbst und seine musikalischen Wurzeln zu besinnen. Nachdem Dylan sich während der Psychedelic-Welle in den 60ern, während Bombast-Rock, Punk und Disco in den 70ern mit seiner in Folk, CountryRock und Blues gut geerdeten Musik gut behaupten konnte, führten ihn die 80er Jahre mit Reagan, Thatcher und Kohl, mit Plastik-Pop, New Wave und Stadion-Rock, mit Madonna, Michael Jackson und Phil Collins, ins künstlerische Nirvana. Seine „Neverending-Tour“ war eine persönliche und performative Antwort auf die Krise. Die Musik, die dort gespielt wurde war desaströs, um sie neu aufzubauen bedurfte es dieses Albums. Dylan entdeckt die alten Lieder neu, die Mörderballaden, die Songs über traurige Liebe, die Kinderlieder. Und er entdeckt sein Gitarrenspiel wieder. Er kann es, wenn er will. Und so entstand eine puristische Folk-Platte. Eine die wenn überhaupt wahrgenommen – die Ausnahme ist Karl Bruckmaiers glanzvolle, prophetische Rezension im Spiegel – mit höflichem Respekt rezensiert. Keiner merkt, dass inmitten des Neu-Entstehens von Americana (Uncle Tupelo waren Initiatoren) sein geistiger und tatsächlicher Vater sich an die Spitze der Bewegung stellt.

Springsteen bringt 2006 die Seeger Sessions heraus. Der ehrliche Stadion-Rocker aus New Jersey, der mit „Born In The USA“ irrtümlicher und unfreiwilligerweise der Reagan-Politik eine Hymne gab und sich seitdem umso mehr zur amerikanischen Linken bekennt, ehrt auf seine Weise den letzten lebenden Mentor des klassischen amerikanischen Folk und Protestsongs der 30 er und 40er Jahre. Denn davon und vom Amerika des New Deal, dem erst Ronald Reagan den wirklichen Todesstoß versetzte, sind sie alle geprägt. Der 71jährige Dylan genauso wie der zehn Jahre jüngere Springsteen und der in der Mitte liegende 66 Jahre alte Young. „The Seeger Session“ ist daher aber auch ein Album, das das Ende der Bush-Ära einläutet. George W. ist angeschlagen und der fortschrittliche Teil Amerikas hofft auf einen Wandel durch die Demokraten. Und zwei Jahre später sollte ja tatsächlich Barack Obama mit Unterstützung der fortschrittlichen Musiker, Schauspieler und Schriftsteller (Springsteen natürlich mit dabei!) als großer Hoffungsträger gewählt werden.

Neil Young ist da – ähnlich wie Dylan – weniger begeisterungsfähig als „The Boss“. Und doch legt er jetzt kurz vor dem Wahlkampf ein Album mit uralten Songs vor, die aber, solange Amerika sich nicht wieder neu erfindet, auf ewig aktuell sind. Songs über Arbeitslosigkeit, unglückliche Liebe, Mord und Totschlag. Amerika ist groß und leuchtend, doch es hat auch immer mehr Verlierer. Der Rost und Verfall und das menschliche Elend ist längst nicht mehr hinter den Fassaden versteckt. Die USA bräuchten einen neuen „New Deal“, doch der Präsident ist weder stark noch konsequent genug und die Gegner sind laut, gut vernetzt und zu mächtig, als dass es Anlass zur Hoffnung gibt. Amerika zerstört sich von innen. Durch kapitalistische Gier, politischer Agonie und wahnwitzigem religiösen Fundamentalismus. Young bastelt an umweltgerechten Autos in Kalifornien und singt dagegen an.

Alle drei vereint das Bewusstsein über ihre musikalischen Wurzeln. Und alle drei machen sich nichts vor über den Zustand „ihres“ Amerikas. Dass sie die alten, bösen Lieder benutzen sagt alles und ist reinste Subversion. Und einfach gute Musik.

Gerüchte, Gigs und ein Geburtstag

22. Mai 2012

Die Dylan-Welt ist wild am spekulieren

Nun, wie ich jetzt von Heinrich Detering gelernt habe, bin ich wohl ein Dylanianer. So wie es Freudianer und Wagnerianer gibt. Das sind Menschen, die beschäftigen sich aus Liebe mit dem Gegenstand ihrer Obsession. Dylanologen beschäftigen sich dann wohl eher aus einer Art wissenschaftlichem Imperativ und sind diejenigen, die akribisch Setlists und Studiosessions obduzieren, dann diese im Schlaf repetieren können und dabei doch oftmals den Blick fürs Große und Ganze verlieren. So einer war ich nie, ist mir doch egal, welches Lied er am 2. November 2004 irgendwo in USA an vierter Stelle im Konzert gesungen hat. Übrigens gibt es keine Dylanisten: Dylan, den Gegner geschlossener Weltanschauungen (sehen wir mal von drei Jahren der Verirrung ab) als eigene Weltanschauung zu betrachten, davor schrecken dann doch auch die größten Hardcore-Fans zurück.

Egal ob Dylanianer oder Dylanologe – wir alle fiebern dem neuen Album entgegen. Und es spricht vieles dafür, dass die Dylan-PR-Maschine immer perfekter, die Dylan-Netwelt nutzt, um den Hype aufzubauen. Erst ein Interviews von David Hidalgo, das uns was von Tex-Mex erzählt, dann die Spekulation über den Produzenten. Dann kürzlich der Hinweis, dass der Uncut-Editor, das Album bald hören dürfe. Und nun das jüngste Gerücht: Auf der Platte sei ein 14-minütiger Song über den Untergang der Titanic. Und dabei wissen wir weder den Namen des Albums, noch ein Erscheinungsdatum. So vertreiben wir alle unsere Zeit mit fröhlicher Spekulation. Allesamt glückliche Dylan-Kinder!

Soeben hat Bob Dylan seine Lateinamerika-Tournee abgeschlossen. Weder musikalisch noch von der Setlist her gibt es viel Neues zu berichten. Eher von den Umständen dieser Tour. Zum allerersten Mal in Costa Rica. Und dann gleichzeitig in Mexiko das große Menschenschlachten der Drogengangs. Traurig. Am Donnerstag wird er nun 71 Jahre. Um am 6. Juli spielt er in Bad Mergentheim. Und wir sind wieder dabei. Wir Dylanianer…