Clint Eastwood

6. November 2009

Clint EastwoodJa, auch Clint Eastwood hat Musik gemacht und liefert damit endlich das Vehikel, um ihn hier rühmen zu können. „Clint Eastwood sings Country Favorites“ heißt der Silberling, den ich bei Saturn erstanden habe. Ein Billigangebot. Kurz mal reingehört und man weiß, warum. Ein paar Country-Schnulzen, die bald alle gleich klingen, drüber Eastwoods überraschend ordentliche Schmachtstimme, dazu ein paar „Bonustracks“: Orchesteraufnahme großer Western-Filmthemen. Nichts, das man wirklich braucht. Im Gegensatz zu seinen Filmen.

Während ich mit Eastwoods „Dirty Harry“-Filmen und seinen Italo-Western nie so recht was anfangen konnte, entdeckte ich ihn mit seinem Spätwerk als Schauspieler und Regisseur. „In the Line of Fire“ hieß der packende Thriller von Wolfgang Petersen, in dem er einen alternden Präsidenten-Leibwächter spielt. Sein lakonisches, altersweises Spiel veredelte über die Jahre so manchen Film. Und als Regisseur wurde er zu einem der ganz großen in Hollywood. Ob die bewegenden „Mystic River“ und „Million Dollar Baby“ oder seine beiden Filme über die amerikanisch-japanischen Auseinandersetzungen im Zweiten Weltkrieg. Und in diesem Jahr hat er uns mit „Der fremde Sohn“ und „Gran Torino“ zwei der schönsten Filmerlebnisse geschenkt. Im Mutter-sucht-Kind-Drama hat er es als Regisseur verstanden aus Angelina Jolie großes Ausdruckskino herauszuholen. Und in „Gran Torino“ spielt Clint Eastwood so rührend melancholisch und tragikomisch den Autobauerveteranen inmitten Detroits Niedergang, dass es einem nur so das Herz erweicht.

Eastwood ist als großer Jazzfreund bekannt und so hat er unter dem Titel „Bird“ einen Film über das Leben des Musikers „Charlie „Bird“ Parker gedreht, der für einiges Aufsehen gesorgt hat. Weniger bekannt ist der sehenswerte Film „Honkytonk Man“. Hier spielt er einen todkranken Countrymusiker in der Zeit der Wirtschaftsdepression. Eine Figur, angelehnt an Hank Williams, ein Film, in dem man viel über das Leben als Musiker im ländlichen Amerika der 30er und 40er Jahre erfährt. Über die Gigs für wenig Geld in den Honkytonks und dass es für viele weiße Musiker kein Problem war, mit ihren schwarzen Kollegen zusammen zu spielen. Hank Williams hat das Gitarrespielen von einem schwarzen Nachbarjungen gelernt und legendär ist die gemeinsame  Session von Jimmie Rodgers und Louis Armstrong. Und der Film erzählt vom großen Traum in der „Grand Ole Opry“ in Nashville aufzutreten.

Schade nur, dass die Musik in dem Film leider auf reinem Country-Schlager-Niveau bleibt. Und da schließt sich der Kreis zu meiner neu erworbenen CD. Als Country-Sänger fehlte Eastwood leider etwas das Fortune. „Clint Eastwood sings Country-Traditionals, produced by T-Bone Burnett” das wäre was!

Neue Sterne – The Felice Brothers

28. Oktober 2009

Felice_Long_06bManchmal soll man bewusst die Superlative sein lassen. Manchmal ist das verdammt schwer. So auch in diesem Fall. Bringen wir es so nüchtern wie möglich auf diesen Satz: „The Felice Brothers“ sind die neuen viel versprechenden Sterne am Americana-/Folk-Rock-Himmel.

Wer sie in diesem Herbst live in Deutschland live erlebt hat – so wie am Dienstagabend in der Frankfurter Batschkapp – der hat keine Musiker gesehen, sondern echte Musikanten. Die Jungs haben ihr Handwerk auf den Straßen und in den Metrostationen New Yorks gelernt. Und ihr Musikkonzept ist überzeugend, denn so bleibt Americana frisch, behält seine Rauheit und stirbt nicht als Kunstlied.

Erst einmal steht Truppe eindeutig in der Tradition von Bob Dylan & The Band, vielleicht mit einem Schuss Tom Waits. Das wäre nichts besonderes, wenn sie es nicht mit einer überzeugenden Kunstfertigkeit an den Instrumenten verbinden würden. Zudem haben sie drei fast archetypische Frontleute in ihren Reihen. Leadsänger und Gitarrist Ian Felice ist die dylaneske charismatische Zentralfigur, spindeldürr und zerbrechlich wirkend. James Felice besetzt die Rolle des Virtuosen an den Tasteninstrumenten und ist zugleich der freundliche Tanzbär, ein Garth Hudson unserer Tage. Greg Farley an Waschbrett und Geige spielt die Rolle des Joker. Während die in den Traditionen wurzelnde Musik der Gruppe deutlich macht, dass hier klassisches Americana  um Einflüsse des Punk, New Wave und Indie-Rock erweitert wurden, bricht der Joker gleichzeitig mit dem traditionellen Habitus des weißen Rockmusikers, indem er sie mit Ausdrucksformen der schwarzen Hiphop-Künstler kombiniert. Ergänzt werden Musik und Performance durch eine fast schon Irish-Folk-mäßige berauschte Spielfreude.

Das alles zusammen ergibt eine wundervolle, mitreißende, explosive Musikmischung und Live-Performance. Es gibt im Moment niemand Anderen, der im Americana-Bereich so geschickt und selbstverständlich die Fallen der ehrgeizlosen Traditionalisierung auf der einen– Bluegrass und Old Time  wie anno dunnemals, sehr schön aber so what? – und der Weltmusik-Kunstklang-Schönspielerei auf der anderen Seite umgeht und das Genre dadurch weiterentwickelt.

Vor kurzem konnte ich mit der Nitty Gritty Dirt Band und Rosanne Cash Künstler erleben, die bereits Jahrzehnte im Geschäft sind. Die Felice Brothers sind – hoffentlich – am Anfang einer großen Karriere. Spannend wird in den nächsten Jahren sein, zu beobachten, ob sie in der Lage sind, auch auf Dauer ihre Versprechen zu erfüllen.

Anspieltipp: CD „The Felice Brothers“, Song „Frankies Gun!”.

New York, New York 2

17. Oktober 2009

NY2009-II 168Eine prall gefüllte Woche New York liegt hinter uns. Eine Entdecker-, Lauf-, Essen und Trinken-, Wohlfühl-, Musikwoche, von der wir lange zehren werden.

Den Auftakt der Musikwoche bildete die legendäre Nitty Gritty Dirt Band im B.B. King’s Blues Club am Times Square. Ein fabelhaftes Konzert der Country-Rock-Pioniere. Und im Gespräch sind die total locker und umkompliziert. Mit Ihnen zu sprechen war ein ganz großer Moment. Mit Jeff Hanna und Bob Carpenter über „Oh Brother, where art thou?“ und Bob Dylan zu fachsimpeln – Wahnsinn!

Weiter ging es am nächsten Tag mit John Wesley Harding. Der Bob Dylan-Apologet – Nomen est Omen – ist ein ausgesprochener Sympath und ein toller, literarisch beschlagener Musiker. Nur spielt er momentan ein Programm, das von seinen Gästen lebt. Doch leider haben die nicht die Qualität, um wirklich den Abend zu einem ganz großen Vergnügen werden zu lassen. So bleibt von dem Event im „Le Poisson Rouge“ im Herzen von Greenwich Village vor allem der druckvolle, eingängige Folk-Rock von John Wesley-Harding und das lustige Spottlied über die Delta Airlines – „Delta, Delta, Delta, nothing rhymes on Delta, the stones play gimme shelter…“ im Gedächtnis haften.

Auch am eigentlich geplanten musikalischen „day-off“ zog es uns dann wohl instinktiv in den New Yorker Ableger der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Dort wird im Moment eine Ausstellung über „John Lennon in New York“ gezeigt. Eine sehr interessante und bewegende Schau. Die Dauerausstellung fällt dagegen etwas ab. So kommt Dylan meines Erachtens nach zu kurz weg gegenüber der (über-)breiten Würdigung von Bruce Springsteen. Dass als Hörprobe ausgerechnet „House Of The Rising Sun“ gespielt wird und nicht beispielsweise „Like A Rolling Stone“ ist unerklärlich. Schade!

Am nächsten Tag waren wir dann beim „World Premiere Concert“ von Rosanne Cashs „The List“. Hier traf sich wohl vor allem die New Yorker intellektuelle und Medien-Szene. Während wir bei den Nitties zwischen dem Lehrertyp zur Linken und den amerikanischen Mittelklasse-Hausfrauen zur Rechten uns in einem gemischten Publikum wieder fanden, waren unsere Nachbarinnen in der Lobby von St. Ann’s Warehouse deutlich als Medienleute zu identifizieren. Dass ich selber so einer bin, macht mir das leichter (lol!). Doch zum Konzert: Rosanne ist eine interessante Künstlerin, hat eine tolle Stimme und eine große Bühnenpräsenz. Es war eine sehr schöne, sehenswerte Show. Rosanne Cash überzeugte, auch weil jederzeit zu spüren war, welches Herzensanliegen ihr die Liste ihres Vaters ist.

Blieb als Abschluss dann noch die Bob Dylan-Weinprobe. Und die war eigentlich ein Ärgernis. Man nehme drei nervende, inhaltslos schnatternde Moderatoren (besonders der, der geradezu eine Parodie auf einen Rockjournalisten gab), ein überfordertes Personal, das asynchron zur Erklärung der Weine, die leider unaufregenden Tropfen ausschenkt – ein Wein fehlte gar völlig – und einen „Bob Dylan-Look Alike“, der Dylans Musik so beflissen wie unoriginell nachahmt: Leider eine Chance vertan. Dass man dabei in der Band „Highway 61“ live Rob Stoner (Desire, Rolling Thunder Review) die große Scarlet Rivera (Hurricane!) sowie Winston Watson (Never Ending Tour-Band 1993-97) erleben konnte, war das Beste und das positiv Unvergessliche am Abend.

Was bleibt sonst? Ins Village kommen ist immer so ein bisschen wie nach Hause kommen. Die Eichhörnchen im Washington Square Park wieder zu sehen. Und ich schwöre, dass uns am ersten Tag Greil Marcus am Waverly-Restaurant über den Weg gelaufen ist. Dass man wunderbar in New York laufen kann. Dass es vom Village nicht weit zum Hudson River ist. Dass am Hudson River eine wunderschöne Promenade entstanden ist. Dass wir in der Vandam Street Kinky Friedmans Loft nicht gefunden haben. Dass wir die White Horse Tavern überlebt haben. Dass wir von Willie Nile leider keine Spur gefunden haben, dafür sein Geist überall in den „Streets of New York“ zu spüren war. Dass wir eine lehrreiche Ausstellung über Lincoln and New York“ besucht haben. Und dass wir endlich ein Restaurant in New York mit „authentic southern and cajun food“ gefunden haben. Und so vieles mehr…

Jetzt sind wir tatsächlich so mutig: Nächstes Jahr fahren wir den Highway 61 runter!

Judas revisited

20. September 2009

Dylan-WeihnachtsmuetzeDem alten Bob ein dreifach donnerndes, weihnachtliches „Judas!“ Wer die einschlägigen Dylan-Blogs und Foren dieser Tage las, dem konnte übel werden: Nichts Neues unter den selbst erklärten Dylan-Jüngern seit Newport und Manchester. Da hatte es sich doch der Meister erdreistet, einfach mal aus Bock ein Weihnachtsalbum aufzunehmen. Und da der Alte wirklich nichts mehr verdienen muss, gehen seine Einnahmen auch 1:1 an Wohltätigkeitsorganisationen.

Soweit, so gut, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Kaum sind die ersten Sound-Clips der Weihnachtsongs zu hören, geht ein Geschrei los, als wäre Che Guevara zur CIA übergelaufen. Wie kann er nur, was für ein Songkatalog, wie lächerlich, und seine Stimme erst. Der große Künstler, der so große Werke wie – ich bleibe der Einfachheit im Jargon – TOOM, LAT, MT und TTL eingespielt hat, zerstört seine ganze Reputation mit den minderwertigen Aufnahmen von Weihnachtsschlagern, liest man da. Geht’s noch, liebe Leute? Gerade eben noch Hosianna geschrieen, wegen der Theme Time Radio Hour, nun „Kreuziget Ihn“ wegen „Christmas in the Heart“?

Denn genau so wird ein Schuh draus. CITH steht in eindeutiger Beziehung zu „Love and Theft“, „Modern Times“, vor allem aber der „Theme Time Radio Hour“. Dort hat er uns sein Verständnis von Musik und seine Geschichtsforschung mittels subjektiver Erinnerungen eröffnet.

Vor diesem Hintergrund ist die Auswahl von Songs und Arrangements zu sehen. Seine Stimme passt mal mehr, mal weniger. Der Mann wagt etwas, weil er Leidenschaften hat. Bob Dylan war nie Frank Zappa, ist nicht Bono und wird auch nicht mehr ein musikalischer Michael Moore werden. Eigene Dylan-Weihnachtsongs, womöglich noch mit Gesinnungstexten in antikapitalistischer Haltung – wer das erwartet hatte, der hat so einiges nicht begriffen.

Ich hatte zuletzt hier geschrieben, welche Art von Musik auf CITH ich mir vorstellen könnte. Was ich gehört habe, geht in diese Richtung, darauf freue ich mich. Allen anderen wünsche ich ein vorweihnachtliches „Immer schön locker bleiben“!

Von Weihnachten und Weinproben

30. August 2009

christmas_coverGeschafft! Nachdem Dylan während unserer New York-Reise es vorzieht irgendwo im Heartland und im Westen der USA zu touren, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, dass im „Big Apple“ kein Event mit Dylan-Bezug zu finden sei. Und habe recht behalten: Auf geht’s zu Weinprobe in die „City Winery“, bei der die guten Tropfen mit den live dargebotenen Dylan-Songs korrespondieren sollen. Für mich als Weintrinker eine Vorstellung, die mich genauso amüsiert wie neugierig macht.

Ebenso amüsant wie spannend ist die Tatsache, dass Mr. Dylan sich vom Santa Bob zum Santa Claus verwandelt und uns Mitte Oktober eine neue Platte mit alten Weihnachtsliedern auf die Ohren gibt. Nun ja, als ich vor nun mehr als 30 Jahren bei voller Lautstärke in der elterlichen Wohnung mit rebellischer Pose Dylansongs grölte, da war ich weit weg von der Vorstellung, mich einmal darauf zu freuen, zu Weihnachten endlich auch eine Dylan-Platte mit Weihnachtsliedern zu bekommen und im Herbst an einer musikalischen Dylan-Weinprobe teilzunehmen. Doch man ist mit Dylan aufgewachsen, hat manche Metamorphosen distanziert gegenüber gestanden und manches bedauert, aber ist letztlich immer wieder dafür belohnt worden Dylan-Fan zu sein. So ist man heute unaufgeregter und ungezwungener ob der Haken, die er immer wieder schlägt.

Die Weihnachtsplatte passt sehr gut zu Dylan in diesen Jahren. Musikalisch könnte das bei weitem weniger peinlich werden, als einige befürchten. Hat er nicht bei „Love And Theft“ und „Modern Times“ über alten Swing/Jazzmelodien gekonnt „gecroont“? Und hat er nicht eine schöne Rezitation von Dickens’ Weihnachtsgeschichte in der „Theme Time Radio Hour“ abgeliefert? So ist denn die Nachricht über dieses Album als „Frohe Botschaft“ bei mir angekommen. Fürchtet Euch nicht! Halleluja!

Künstlerin, Heilerin, Agitatorin

21. Juli 2009

Patti Smith überzeugt mit kraftvollem Konzert in Frankfurt

Patti Smith gibt nicht viele Konzerte. Umso mehr freut man sich auf ein Widersehen. Und das beidseitig. Patti begrüßt sichtlich gut gelaunt und entspannt die Menschen in der vollbesetzten Jahrhunderthalle. Immer wieder winkt Sie ins Publikum. Und gleich geht es druckvoll los. „Are You Experienced“ ein früher brillanter Höhepunkt. Diese Frau von 62 Jahren ist kein bisschen müde, ihre Stimme immer noch genauso kraftvoll wie vor über 30 Jahren.

Nach dem tollen Start verflacht das Konzert im Mittelteil stellenweise etwas. Zu sehr überwiegen doch die Sphärenklänge hier und da, die dann doch in der Literarischen Jazz-Matinee besser aufgehoben sind, als beim Rockkonzert. Dick aufgetragen – und das ist kein Widerspruch zur Authenzität der Künstlerin, sie ist halt so – wirken doch mitunter ihre politisch-moralischen Statements, da wandelt sie sich von der Künstlerin zur Agitatorin. Sie hüllt sich in die tibetanische Fahne, widmet ihre Lieder wahlweise den Indianern oder den Kindern Palästinas.

Aber da Patti eben nicht Joan Baez ist, findet Patti, bevor es zu moralinsauer für alle Beteiligten wird, immer wieder den Weg zurück zum harten Rock. Und der ist schließlich auch nichts anderes, als das immer wieder erneuerte Versprechen auf eine bessere Welt. Und Patti wird zur Heilerin: Denn für heute tanzen sich die Menschen die Wut und die Sorgen über die Welt erstmal weg.

Und so steigert sie sich wieder, greift im tollen letzten Teil des Konzerts immer öfter die Gitarre, drischt darauf ein, macht Krach und beschwört nacheinander, dass die People die Power haben, die Welt zu verändern und dass die Nacht den Liebenden gehört, besingt den Rock’n’Roll Nigger und schlussendlich Gloria. Es gibt kein Halten mehr, stehende Ovationen, auf Wiedersehen Patti!

Willie Nile

23. Juni 2009

willie-nile_2Wem Bob Dylan schon immer zu intellektuell, Bruce Springsteen zu aufgesetzt-arbeiterhaft, Tom Petty in letzter Zeit zu eremitisch, John Mellencamp zu vage und Lou Reed schon immer zu androgyn-avantgardistisch war, dem sei Willie Nile empfohlen. Wer eingängigen schnörkellosen Mainstream-Rock mit eingängigen Melodien und Texte mit Anliegen mag, der wird hier bestens bedient.

Unglaublich, aber wahr – der mittlerweile 61-jährige Nile ist noch immer ein Geheimtip. Auch der Autor dieses Blogs hat ihn erst vor kurzem entdeckt. Dabei mischt Willie schon seit Ende der 70er in der New Yorker Szene mit. Wurde zur großen Rock-Hoffnung erkoren, als x-ter „neuer Bob Dylan“ gefeiert, bis ihn ein jahrelanger Rechtsstreit mit seiner Plattenfirma lahm legte.

Seit einigen Jahren ist er wieder da, ohne den großen kommerziellen Durchbruch, dafür aber mit einem treuen Fangemeinde und höchster Anerkennung durch Musikerkollegen. Von Lucinda Williams  bis Little Steven und „The Boss“ himself zollen sie ihm, dem „New York Troubadour“, großen Respekt.

Und wenn er auch manchmal vielleicht zu unschuldig wohlbekannte Rock-Klischees benutzt: Willie Nile ist ein großer Musiker, ein aufrechter Straßenrocker. Hören sollte man ihn bevorzugt entweder in live New York oder wenigstens mit Gedanken an den Big Apple. Und im CD-Spieler sollte entweder „House of a thousand guitars oder „Streets of New York“ laufen.

Patti

3. Mai 2009

patti_smith_easterSie war immer da. Meine Beziehung zu ihr war nie so eng und so stetig wie die zu Dylan, ich habe sie schon auch mal aus den Augen verloren, weil ich sie auch nicht so nah kannte, aber sie gehörte immer dazu.

Von „Because the night“ und „Frederic“ sowie dem Musikpalast-Auftritt, der in den Zeitungen des heute den Rolling Stone und den Musikexpress verlegenden Springer-Verlags voller Unverständnis abgewertet wurde, über „Dream of Live“ mit „People have the power“ – meine Hymne der Jahre zwischen Niederschlagung der chinesischen Studentenrevolte und dem durch die Volksmassen auf den Straßen begünstigten DDR-Exitus – bis hin zu ihrem Comeback in den letzten Jahren, unterstützt durch ein Angebot von Bob Dylan, sie 1995 auf seiner „Paradise Lost“-Tour im Vorprogramm zu begleiten.

 „Dark Eyes“, das Duett der beiden im damaligen Konzertprogramm ist überirdisch schön, berührt mich ungemein und sorgt daher immer wieder bei mir für Tränen der Rührung.

Patti ist unkaputtbar, macht ihr Ding, Poesie, Malerie und Musik, ist Avantgarde und Pop und beides zugleich und nichts dergleichen. Patti behält das niemals eingelöste Verspechen des Rock’n’Roll für eine bessere Welt immer noch im Herzen. Patti fällt auch schon mal vom rezitieren ins agitieren.

Patti ist nicht schön, nie schön gewesen und kann daher in Würde altern, nur deswegen wird sie von den Medien für ernst genommen, wie wird es den Amy McDonalds dieser Welt in 20 Jahren gehen?

Patti kommt nach Deutschland im Juli und ich komme zum ersten Mal zu Patti. Doch da gewesen ist sie immer.

Er muss nichts mehr beweisen

3. Mai 2009

Dylans neues Album Together Through Life – ausführlich von mir auf country.de besprochen – zeugt von großer Spielfreude, wirkt aber hier und da gleichsam wie ein noch unfertiger Entwurf und beweist dadurch aber auch die große Souveränität des alten Meisters.

Der Mann muss nichts mehr beweisen. Entgegen dem Boulevard-Gossip-Scheiß von spiegel-online „brauchte“ er keinen Co-Autor, sondern arbeitete aus freien Stücken mit Robert Hunter zusammen. Und warum „Jolene“ und „Shake, Mama, Shake“ bei Dylan „erschreckend schwache“ (Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeier) Bluesschema-Fingerübungen sein sollen, während sie jedem anderen Künstler mit „authentisch“ und „vom schwarzen Blues durchdrungen“ – Gefasel abgenommen würden, hängt natürlich mit der einmaligen Stellung Dylans in der Popmusik zusammen.

Dylans neue Platte ist sicher weder textlich so komplex, musikalisch so dicht und konzeptionell so ausgearbeitet wie die drei Vorgängerplatten. Aber dennoch ist sie alles andere als trivial und eindimensional und schon gar nicht ist sie zu vergleichen mit Dylans B-Werken wie Knocked Out Loaded oder Self Portrait.

Together Through Life gibt genügend Stoff für alle Dylan-Freunde: Musik hören, über Texte Nachdenken, musikalische Querverweisen nachgehen. Eine Platte, die uns alle vielleicht mal wieder ein bisschen erdet nach all den Heiligsprechungen, Mystifizierungen und Auszeichnungen der letzten Jahre.

Wer in den 90er Jahren sich zu Dylan bekannte, dem wurde mitleidsvoll, manchmal auch geringschätzig begegnet. Dass Dylan momentan Everybodies Darling zu sein scheint und voraussichtlich wieder eine Platte als Nummer 1 in die Charts bringt, macht einem eher misstrauisch. Schließlich kennt man die Gesetze der Medien. Wir hoffen und wünschen, dass Dylan seine Souveränität beibehält. Es wäre gut für uns alle.

Between Times and Life

9. April 2009

bhln1Mensch, könnte Jeff Rosen nicht mal seinen Chef aufklären: „Hey Bob, ‘Beyond here lies nothin’’ ist already published, you can play it now!” Die Darbietung des Songs wäre das Sahnehäubchen auf die zum Teil sehr guten Konzerte, die Dylan auf seiner Europa-Tournee momentan spielt. Ausdrucksstarke Stimme, kein „Dylan-Autopilot“, sondern ein konzentrierter, hellwacher Performer ist da in diesem Frühjahr wieder unterwegs, heißt es in den Konzertkritiken. Wobei weniger die Meinung der großen „Leitmedien“ interessant ist – hier ist in der Tat der Autopilot eingeschaltet, man hat sich auf eine mild–ironisch-positive Bewertung Dylans verständigt – als die der Zuhörer auf den Fanseiten und den Blogs. Und natürlich der eigene Augenschein, nachzulesen in meiner Konzertbesprechung auf http://www.country.de.

 

Man darf gespannt sein, ob Mr. Bob nicht doch irgendwann ein paar der neuen Songs  – zumindest nach Veröffentlichung von „Together Through Life“ – aus dem Hut zaubert. Intensiv wird in diesem Zusammenhang auch der Charakter des zweiten Londoner Konzerts diskutiert. Eine „Live-Uraufführung“ des neuen Albums unmittelbar vor dem Erscheinen – dies ist scheinbar so untypisch für Dylan, dass es schon wieder Wirklichkeit werden könnte.   

 

Mittlerweile kennen wir mit „I Feel A Change Is Comin’ On“ schon den zweiten Song der 10 neuen Tracks. Über den Aussagewert zum späteren Gesamteindruck des Albums lässt sich meiner Meinung nach noch wenig sagen. Darum spekuliere ich auch nicht wie die unzähligen Helden der Internetforen, die zum Teil bereits jetzt schon wissen, dass Sie das Album am Ende enttäuschen wird. Na, ja, manche Dylans-Fans wollen einfach unglücklich sein!

 

Wie auch immer – mir gefallen die beiden Songs, sie bestechen durch ihre Leichtigkeit mit der Sie daherkommen, doch Dylan wäre nicht Dylan, hätte er hier nicht ein paar Rätsel und doppelte Böden eingearbeitet. Stichworte „Village priest“ und „Billy Joe Shaver“. Mehr Gedanken mache ich mir, wenn die Zeit und das Album gekommen sind. Ansonsten mein Tipp: Einfach mal die Vorfreude genießen.