Archive for the ‘Americana’ Category

Frühzeitig den Nachlass ordnen

11. Oktober 2014

Bob Dylan LyricsWir gehen mal davon aus, dass es Bob Dylan derzeit gesundheitlich gut geht. Er startet in wenigen Tagen eine Herbsttour durch den Nordosten der USA mit 33 Terminen, die aber stetig noch ergänzt werden. Also kein Grund zu Sorge um den jetzt 73-jährigen Altmeister. Aber dennoch beschleichen einen ambivalente Gefühle derzeit. Stichwort: Nachlassverwaltung.

Alle Dylan-Fans freuen sich auf die Veröffentlichung der kompletten Basement Tapes von 1967. Dazu hat er unveröffentlichte Texte aus dieser Zeit seinem Freund T-Bone Burnett zur Vertonung übergeben, der daraus mit einem All-Star-Ensemble die „New Basement Tapes“ gemacht hat, die ebenfalls in diesem Herbst erscheinen. Und die nächste frohe Nachricht folgt auf dem Fuß: Dylans gesamte Lyrics inklusiv aller bislang unveröffentlichten Texte kommen nun noch vor Weihnachten in einem fast tausendseitigen Mammut-Schmöker auf den Markt.

Wirklich nur frohe Botschaften? Oder will er vielleicht doch bald abtreten? Verfasst er sein Testament? Nun, dass er abtreten will, da spricht derzeit nichts dafür – siehe oben. Eher ist da einer dabei, schon mal zu rechten Zeit – schnell kann was passieren – seinen Nachlass zu ordnen. Er will bestimmen, was von Ihm nach seinem Tod bleibt. Denn trotz aller Sprünge, Haken, Wandlungen und Masken. Seit der Trennung von Manager Albert Grossman hat Dylan stets die Fäden seiner Karriereplanung und seiner Veröffentlichungspolitik in der Hand gehabt und wenn schon nicht alles so richtig geplant war, er allein hat es stets nüchtern entschieden. Selbst im tiefsten Tal Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre konnte er bestimmen, was er veröffentlicht: Ob obskure Songsammlungen wie „Down In The Groove“ oder großartige wie „Good As I Been To You“. Nur einmal, bei MTV Unplugged, musste er dem Druck nachgeben und „Greatest Hits“ spielen.

Dylan wird nicht gemanagt, keiner schreibt ihm was vor, Dylan wird beraten. So kommen dann wohl diese zwar auf den ersten Blick merkwürdigen, aber dann richtigen Entschlüsse zustande, das neue (Sinatra-?)Album zurückzuziehen und erstmal voll auf die Basement Tapes zu setzen.

Nein, Angst, dass hier bald was zu Ende gehen könnte habe ich nicht. Nur, dass es wirklich endlich ist und dies in einem absehbaren Zeitraum, den ich noch erlebe, passieren könnte, lässt einen schon nachdenklich zurück. Zumindest bis wieder die ersten Töne und Bilder seiner aktuellen Konzerte auftauchen. Denn: „His tour is never- ending!“

„Things Have Changed“ & „Observations Of A Crow“

4. Oktober 2014
Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Bob & Marty, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Vor einiger Zeit hatte ich hier an der Stelle über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart, dem „Spiritus Rector“ der Countrymusik, geschrieben. Ein Aspekt war damals die große Ähnlichkeit von Bobs „Things have Changed“ zu Martys „Observations Of A Crow“. Manche in den Verschwörungstiefen des Internets waren damals schnell an der Hand, Bob des Diebstahls zu bezichtigen.

Marty hat nun dem Online-Magazin „American Songwriter“ erklärt, wie normal so etwas in der Roots Music ist und wie es wirklich war. “Ich lud ihn in mein Lagerhaus ein, damit er all meine Countrymusik-Schätze sehen konnte. Da sagte Bob: „Hey, ich mag diesen ‚Crow-Song‘. Vielleicht leih ich mir von dem Mal was aus“. „Klar, sagte ich, möglicherweise habe ich es ja von Dir zuerst ausgeliehen, mach nur!“

Wo die Musik auf drei Akkorden und den Wurzeln aus Folk, Country und Blues basiert, da kommt es notwendigerweise ständig zum sich aneignen vorhandenen Materials. Songs wandern von Künstler zu Künstler. Stuart schickte eine Zeit lang dem bekannten Nashville-Songwriter Harlan Howard sogar jedes Jahr im Januar 100 Dollar. „Für alles was ich von ihm gestohlen habe. Es war ein ‚Running Joke‘ zwischen uns.“

Und Stuart geht sogar noch weiter: „Die Fülle der Songs, die hier (Nashville) geschrieben wurden und werden. Wie kann man es da vermeiden, immer wieder in die Fußstapfen des anderen zu treten, so wie wir es tun?“

„Love And Theft“ hieß Dylans Album von 2001. Eines der Grundsätze des American Folk ist damit treffend beschrieben. Diebstahl aus Liebe und keiner regt sich auf. Denn ohne dieses Prinzip kann es schlichtweg keine Folkmusik geben. Allzu schnell Empörten sei dies ins Stammbuch geschrieben.

Die Abwicklung

19. September 2014

Die AbwicklungJa, sie können es, die Amis! Erzählen! Schnörkellos, präzise und gefällig. George Packer beweist dies einmal mehr und hat mit seinem Buch „Die Abwicklung“ noch dazu ein Werk geschaffen, das mit journalistischer Sorgfalt, politischer Haltung und großer Empathie für die Menschen sehr deutlich macht was im „“land of the free and the home of the brave” seit Ronald Reagan so alles schief läuft. Die Reaganomics zerstörten die seit dem New Deal einigermaßen gehaltene soziale Balance, höhlten die dafür zuständigen Institutionen, Verbände und Gewerkschaften aus und nahmen den Menschen die reale Möglichkeit, den gleichsam immer noch propagierten amerikanischen Traum überhaupt noch annähernd zu leben.

In Folge immer wahnwitzigerem Reichtums, immer elenderer Armut und immer größerem religiösen Fundamentalismus bricht Amerika auseinander – der amerikanische Traum wird abgewickelt. Packer erzählt anhand der Lebensläufe verschiedener Protagonisten aus allen Schichten: Die Arbeiterin, der Lobbyist und Politikberater, der Silicon Valley-Milliadär, der Unternehmer usw. Es entsteht eine packende Collage von Amerika und den Amerikanern.

Eine der großen amerikanischen Erzählungen unserer Zeit!

Boyhood

10. Juni 2014

Boyhood_A4_Hauptplakat_4CJa, natürlich gehört Bob Dylans „Beyond The Horizon“ zum Soundtrack des Films. Und ja, natürlich spielt Dylans langjähriger Tourgitarrist Charlie Sexton eine Nebenrolle im Film. Aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich diesen Film des Regisseurs Richard Linklater so sehr schätze. Nein das hat andere Gründe.

Zuerst einmal die Geschichte und wie sie erzählt wird. Voller Empathie für die Protagonisten. Schnörkellos und gerade aus. Und trotz der jahrelangen Entwicklung wirkt die Erzählung bruchlos und nutzt keinerlei Hilfsmittel wie Jahrestafeln oder Zeigefinger-Szenen, die erklären wo wir uns auf der Zeitschiene gerade gefunden. Stattdessen ist der Zeithorizont immer zu spüren, läuft kontinuierlich mit, ist ganz selbstverständlicher Teil dieses Films über das Heranwachsen in den ersten Jahren dieses Jahrtausends. Linklater schildert mit viel Wärme die Entwicklung des jungen Mason (Ellar Coltrane) sowie dessen Mutter und Schwester.

Und dann ist der Film aber auch reinstes Americana. Denn er handelt von einer texanischen Mittelstandsfamilie, die ständig darum kämpfen muss, sich über Wasser zu halten. In der US-amerikanischen Spielart des Kapitalismus sind selbst Hochschullehrer und Staatsbeamte nicht mehr in der Lage ihr Hauseigentum zu finanzieren. Aber auch die US-amerikanischen Militäreinsätze, das Problem der Jugendkriminalität, der christliche Fundamentalismus und die Waffenverliebtheit der Amerikaner sowie die Wahlkämpfe zwischen den Demokaten Obamas und den Republikanern sind selbstverständlicher Teil der Handlung. Ebenso wie Texas und Austin, die liberale Hauptstadt des konservativen Staates mitsamt ihrer Musikszene (und hier kommt dann auch Charlie Sexton ins Spiel).

Es ist ein trotz der mehr fast drei Stunden sehr kurzweiliger Film. Es ist ein erstaunlicher, anrührender, lustiger, realistischer und optimistischer Film. Einer der gesellschaftliche Probleme nicht ausblendet, aber sich davor hütet in allzu dicken Schwarz-Weiß-Schubladen zu operieren. Kurzum: Es ist ein zutiefst menschlicher Film, der auch nochmal klar macht, wofür Amerika außer für NSA, Drohnenkrieg und einen als Kalter Kriegs-Präsident herum irrlichternden ehemaligen Hoffnungsträger auch stehen kann: Für den Willen, auch gegen unliebsame äußere Umstände zu bestehen, für Verantwortung gegenüber dem Nächsten, für eine optimistische Sichtweise der Dinge und dem Talent gute Geschichten sehr gut zu erzählen.

Boyhood ist ein Filmjuwel. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Und hier der Filmtrailer:

Jack White

4. Juni 2014

Blunderbuss-cover-image-300x300Der Bluesrock-Star als Musikhistoriker

Ich gebe zu, ich bin kein riesig-großer Bluesrock-Afficionado. Ich höre ihn schon, aber ich höre ihn vor allem gerne inmitten von breiter angelegten musikalischen Konzepten. Daher habe ich mich auch nicht sehr ausgiebig mit Jack Whites aktuellem Solowerk wie „Blunderbuss“ beschäftigt, und auch die „White Stripes“ habe ich eher mit höflichem Interesse, denn mit schierer Begeisterung gehört. Wobei mein Riesenrespekt der Leistung gilt, mit „Seven Nation Army“ bereits Musikgeschichte geschrieben zu haben.

Nein, mein Zugang zu ihm und der Grund dieser Würdigung liegt in den Leistungen Whites als Musikhistoriker und – Bewahrer. White ist einer der ganz wichtigen Leute, die die amerikanische Populärmusik über enge Genregrenzen  hinweg bewahren und erforschen. Mögen die einen Blues spielen oder die anderen Bluegrass oder Old Time – Whites Verständnis ist breiter. So hat er in den letzten Jahren der Coalminer’s Daughter der Countrymusik, Loretta Lynn, ebenso zum Comeback verholfen wie der Rock’n’Roll-Veteranin Wanda Jackson, dem „Hurricane with Lipstick“ (Bob Dylan), oder produziert mit Pokey LaFarge, einen Roots-Musiker an der Schnittstelle zwischen Old Time, Swing und Country.

Seinen neuesten Coup hat er nun als Co-Produzent von Neil Youngs neuer Platte „A Letter Home“ gelandet. Er hat den Kanadier in die Dose singen lassen. In seinen „Voice-O-Graph“, einem Aufnahmegerät aus den 30er und 40er Jahren. Und zwar Musik aus dem 50er- und 60er Jahren. Entstanden sind knisternde, knarzende Tondokumente von Young mit voller Inbrunst gesungenen persönlichen Songfavoriten.

White und Young haben die Rückbesinnung auf retromäßige analoge Aufnahmetechniken – vorzugsweise an historischen Schauplätzen wie dem Studio A in Nashville oder den Sun Studios in Memphis auf die Spitze getrieben und etwas einzigartiges erschaffen. Nämlich eine Gelegenheit für jeden HiFi-Junkie mal wieder daran zu denken, dass gute Musik direkt in Kopf, Herz und Bauch geht, egal wie der Klang des Tonträgers und des Equipments ist. Die Musik von Jimmie Rodgers und der Carter Family, von den Mississippi Sheiks oder Robert Johnson hat die Menschen erfasst – mit Knistern, Knastern und Rauschen.

Was uns White seit einigen Jahren präsentiert ist lebendige Musikgeschichte. So wie er und Young gibt sich ansonsten so allumfassend nur Bob Dylan der Brauchtumspflege hin. Und in der Countrymusik der wunderbare Marty Stuart. Es bleibt zu hoffen, dass es hilft aus Musikkonsumenten bewusste Hörer zu machen.

Denn wie alt auch immer Volksmusik, Populärmusik, Country, Folk oder Blues sein mögen – es ist unsere Musik!

Beispiele gefällig? Einmal White mit der alten Folkballade „Wayfaring Stranger“, dann mit Wanda Jackson und dem Dylan-Song „Thunder On The Mountain“:

 

Haus aus Erde

14. März 2014

Guthrie-Haus-aus-Erde-orgBei einer Recherche zu Bob Dylans Rolling Thunder Review entdeckten der Schauspieler Johnny Depp und der Historiker Douglas Brinkley Hinweise zu Woody Guthries Roman „Haus aus Erde“. Sie machten sich auf die Suche und wurden im Nachlass des Regisseurs Irving Lerner fündig. Eine Sensation! Woody Guthrie, amerikanischer Hobo, Poet  und Sozialist – Ikone des anderen Amerika – hatte nicht nur tausende Songs hinterlassen, sondern auch dieses Stück Literatur.

Und was für eines. Eigentlich passiert nicht viel in diesem Buch. Ein Paar – Tike und Ella May – lebt mehr schlecht als Recht auf gepachtetem Land in einer Holzhütte, die der Bank gehört. Doch bei allen Widrigkeiten des Wetters und den brutalen ökonomischen Fesseln des Großgrundbesitzers, verlieren sie nie ihre Träume, ihren Humor, ihre große Kameradschaft sowie ihren Kampfes- und Überlebenswillen.

Es ist ein ungemein sinnliches Buch, das der große Folksänger Woody Guthrie da geschrieben hat. Er beschreibt die Unbill der Natur so plastisch, dass man den Wind und den Sand auf seiner Haut spürt, die Gerüche in all ihren Ausformungen in der Nase hat, und einem die Weite des Landes wie auch die Enge der Hütte geistig wie körperlich erfasst.  Bedeutende so noch nicht da gewesene Literatur schafft Woody, indem er mit diesen Mitteln und einer geradezu expressionistischen Sprache einen Liebes- und Zeugungsakt über 30 Seiten (!) erzählt.

Die Schwangerschaft von Ella May, die Freude auf ein Kind, das wahrscheinlich in Armut aufwächst, und die Pläne und Träume von Tike, der eine Lehmhütte als zentrale Verbesserung und Emanzipation von Armut, Wetterwidrigkeiten und ökonomischer Unterdrückung ansieht, sowie dessen sexuell aufgeladenen Wortgefechte mit der Hebamme Blanche, bilden die weitere Entwicklung der Geschichte, ehe schließlich das Kind kommt und mit seinen Eltern in eine ungewisse Zukunft blickt.

Woody hat ein kleines, großes Buch geschrieben. Er hat dem klassenkämpferischen Pathos widerstanden und eine realistische Geschichte aus dem nördlichen Texas der 30er Jahre erzählt, als Sandstürme und Armut, die Menschen beschwerten. John Steinbeck hat vor diesem Hintergrund sein „Früchte des Zorns“ geschrieben. Doch im Gegensatz zu Steinbecks Romanpersonal bleiben Woodys Leute hier, gehen nicht nach Kalifornien ins gelobte Land.

Woody hat den Roman erst 1947 vollendet. Doch er wurde weder verlegt, noch wie Woody es sich vorgestellt hatte, von Lerner verfilmt. Es mögen der Erfolg Steinbecks, die politische Situation im kalten Krieg und die explizit dargestellte Sexualität sein, die die Gründe waren, dass dieses Werk der Vergessenheit anheim gefallen ist.

Dieses Buch komplettiert das Bild des amerikanischen Volkssängers und Volksschriftstellers Woody Guthrie. Und wie Depp und Brinkley in ihrem Vorwort richtig schreiben, ist das zwar ein amerikanischer Roman, aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, die zu Armut, Hunger und Obdachlosigkeit führen, sind auch fast siebzig Jahre später weltweit die Gleichen.

Woody war, so bringt es auch dieses Buch zum Ausdruck, ein Linker, der nicht nur in Diskussionszirkeln überzeugen konnte, sondern wusste, wie die Menschen denken und sprechen, ganz nah bei ihnen war. Jemand wie Woody könnten wir heute so gut gebrauchen.

„Haus aus Erde“ ist auf deutsch im Eichborn-Verlag erschienen.

Nebraska

15. Februar 2014

Nebraska_PosterNicht „Wolf Of Wall Street“ oder „American Hustle“ rühren uns dieser Tage an und erzählen uns Wahres aus Amerika, sondern ein schwarz-weißer Independent-Film voller karger Landschaften und alten Menschen: Alexander Paynes „Nebraska“ mit dem mittlerweile 76-jährigen Bruce Dern in der Hauptrolle.

Er spielt den alten Woody, der tatsächlich einem Reklameschreiben glaubt und denkt, dass er eine Million Dollar gewonnen hätte. Er müsse es sich nur in Lincoln, Nebraska abholen. Also macht er sich trotz Abratens seiner Frau und seiner zweier Söhne mit dem Jüngeren der beiden auf den Weg von Billings, Montana nach Lincoln, Nebraska, über Wyoming und South Dakota, und macht Zwischenstation in seinem Geburtsort Hawthorne.

Hawthorne existiert in der Wirklichkeit nicht, dient dem Regisseur aber als Kristallisationspunkt seiner Geschichte. Nebraska erzählt vordergründig vom letzten großen Traum eines alten, verbitterten Mannes. Im Hintergrund jedoch geht es auch um den Niedergang des großen Traums Amerikas. Nichts wird mehr besser und nicht jeder hat seine Chance. Das Heartland Amerikas, das Woody und sein Sohn durchfahren, ist arm und überaltert. Ein Leben lang haben diese Menschen gearbeitet, um am Ende stumpf vorm Fernsehen oder beim Flaschenbier in der öden Dorfkneipe zu sitzen. Die Jüngeren haben zu kämpfen. Wenn sie nicht einigermaßen Fuß fassen, dann können sie zu Problemfällen werden. So wie die beiden Grenzdebilen Neffen Woodys.

Doch Payne ist kein Dokumentarfilmer wie Michael Moore und kein Schöpfer klassenkämpferischer Sozialdramen wie Ken Loach. Payne ist ein Hollywood-Regisseur, der gute Geschichten erzählen will. Und so ist „Nebraska“ bei aller Langsamkeit nie langweilig, bei aller Kargheit kein leerer Film und bei aller Verbitterung und Verwitterung seiner Protagonisten nie ein trauriger Film. Skurrile Typen, amüsante Dialoge, starke Nebendarsteller – Woodys Frau! – und das richtige Setzen der Pointen machen Nebraska zu einem höchst unterhaltsamen Film.

Und letztendlich haben wir es ja hier doch mit Amerikanern zu tun. Auch wenn der Traum objektiv ausgeträumt ist und real gebrochen. Sie leben ihn weiter. Und so ist es Woodys wohl letzte Erfüllung, als er in dem ihm vom Sohn geschenkten Pick-Up eine Runde durch seinen Geburtsort fährt. „Ich hab’s geschafft. Ich haben meinen Traum wahr gemacht“, sagt diese Szene. Und balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen erhaben, tragisch und lächerlich.

Aber lächerlich macht sich Payne nie über seine Figuren. Bei aller Skurrilität. Er nimmt sie ernst und zeigt Empathie. Und auch gerade deswegen wird ein kleiner Schwarz-Weiß-Film zu großem Kino!

Bob Dylan und Pete Seeger

5. Februar 2014

Leider spät erst komme ich dazu, hier ein paar Zeilen zu Pete Seegers Tod zu schreiben. Auf sein Ableben und seine Bedeutung für die Musik bin ich ja schon an anderer Stele eingegangen. Nun aber noch ein paar Worte zum Verhältnis von Dylan zu Seeger.

Ich denke, beide wussten um die Bedeutung des anderen, auch wenn sie sich künstlerisch so sehr voneinander entfernt hatten. Dylan steht für große Songpoesie, für Doppelbödigkeit und Fiktion, für Perspektivenwechsel, für das Spiel mit Erwartungen und Mythen. Seeger steht für das politisch engagierte Lied, für Authentizität, für den Künstler, der sich mit dem Publikum eins macht. Beide Konzepte sind legitim, sind notwendig und können Großes entstehen lassen.

Allerdings ist Dylan dadurch, dass er die Kanäle und Mechanismen des Musikbusiness nutzt, der mit der größeren Reichweite. Aber er ist auch der in diesem Musikbusiness, der die größte Autonomie und die größten Freiräume besitzt. Weil er sich nie – oder nur ganz selten – den Erwartungen von Plattenfirmen und Publikum beugte. Dylan ist der autonome Freigeist, der den Widerspruchsgeist beflügelt. Seeger war der musikalische Aktivist, der mit den Menschen gegen Unrecht kämpfte.

Beide waren und sind Stachel im Fleisch der Unterhaltungsindustrie. Hört man sich einfach mal die Formatradiosender an: Kein Dylan, kein Seeger weit und breit. Wenn sie gespielt werden, dann in unterirdischen Coverversionen von Peter Maffay oder Chris de Burgh. Denn Dylan und Seeger – so unterschiedlich sie auch sind – im Freigeist und im Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse – bleiben sie, auch wenn sie Teil davon sind, immer auch Sand im Getriebe der Unterhaltungsindustrie.

Und deswegen sind Sie beide auch große Künstler: Weil sie verstören.

Mein kurzer Nachruf auf Country.de:

http://www.country.de/2014/01/28/pete-seeger-ist-tot/

Vor 40 Jahren: Bob Dylan kehrt auf die Konzertbühne zurück!

6. Januar 2014
Before+The+Flood+Bob+Dylan+And+The+Band++Before

Cover des 1974er Live-Albums „Before The Flood

Wer heute in der Lage ist, jährlich mehrere Bob Dylan-Konzerte zu besuchen, der kann sich das fast gar nicht mehr vorstellen: Zwischen 1967 und 1974 bestritt Bob Dylan gerade mal ein ganzes Live-Konzert (nämlich beim Isle Of Wight-Festival). Umso sensationeller seine Rückkehr auf die Bühne. Binnen kurzer Zeit waren die Konzerte quer durch die USA ausverkauft und Dylan & The Band traten oftmals zweimal am Tag an: Zur Nachmittags- und Abendvorstellung.

Je länger Dylan weg war, desto größer – überlebensgroß – war sein Mythos in diesen Jahren geworden. Nach sieben Jahren als Landmann, Familienvater und Einsiedler hatte ihn das Fieber wieder gepackt. Der Unterschied zu 1966, der Tour, die ihn schier auffraß und ihn beinahe umgebracht hätte: Dylan war mittlerweile der Chef im Ring. Keiner würde ihn mehr durch die Konzerte hetzen ohne Rücksicht auf Verluste. Auch deswegen hatte er sich von seinem Manager Albert Grossman getrennt. Er war von nun an auch geschäftlich sein eigener Herr und umgab sich mit den Leuten, die ihm halfen, durch seine ökonomische Unabhängigkeit auch seine künstlerische Unabhängigkeit bis heute zu behalten.

Künstlerisch fällt das Urteil über die Musik der Comeback-Tournee zwiegespalten aus. Sicher, da war die schiere vitale Lust am Livekonzert bei jedem Ton zu hören. Die Aufnahmen auf „Before The Flood“, dem Live-Souvenir der Tour, sind mitreißend und stimmungsvoll und das Publikum rastet aus. Dylan barst nur so vor Energie. Er eignete sich hier erstmals eine „Stadion-Stimme“ an mit der Songs förmlich herausschrie. Bob Dylan beherrschte die Pose der Rebellion perfekt.

Und damit sind wir schon bei der anderen Seite der Medaille angelangt. Dylan und der Band war die nostalgische Atmosphäre rund um die Konzerte nicht geheuer. Und so wechselte die Stimmung vom anfänglichen Enthusiasmus im Laufe der Tour zur Genervtheit. Dylan spielte und sang zwar mit großer Inbrunst und Kraft, aber es fehlte für ihn selber  die Verbindung zu den Feinheiten, Facetten und verschiedenen Dimensionen der Songs. Er wurde tatsächlich zum „Poser“.

Es war für viele Jahre die letzte „Nummer-Sicher-Tour“. Die Rolling Thunder Review 1975/76, die Welt-Tour 1978 und erst recht die „Born Again-Touren“ 1979/80 waren allesamt radikale Absagen an die Erwartungshaltungen seines Publikums. Bei Rolling Thunder folgten ihm die Leute, 1978 schieden sich die Geister und seine christlichen Konzerte stießen auf Ablehnung. Erst in den für Dylan so schlechten 80er Jahren sollte er wieder versuchen, sich näher an der Publikumserwartung zu orientieren.

Doch nie wieder seit 1974 hat er der nostalgisch gestimmten Menge dieses – „wir haben ihn wieder, er ist einer von uns-Gefühl“ gegeben. Immer wieder unterlief er die Erwartungen. Versemmelte Konzerte in den frühen Neunzigern, gefiel sich als musikalisch limitierter Leadgitarrist bis über die Jahrtausendwende, wurde in den letzten Jahren zum obskuren Orgel-Onkel und spielte in den Konzerten des Herbstes 2013 gar nur drei große Hits, stattdessen aber ganz viel vom Spätwerk. Und spielt plötzlich Abend für Abend die gleichen Songs.

Der Mann macht nur noch was er will. Und hat damit seinen Mythos und seine reale Bedeutung künstlerisch und als Rollenmodell in diesen 40 Jahren nur noch weiter vergrößert.

Gelungener Premieren-Event von Inside Llewyn Davis in Darmstadt

8. Dezember 2013

Inside_Llewyn_Davis_Poster_300dpi_RGBGut 120 Gäste im Publikum, beste Stimmung und ein toller neuer Coen-Film sorgten für einen gelungenen Premieren-Event von „Inside Llewyn Davis“ in Darmstadt.

Julia Wettlaufer begrüßte für die Darmstädter Kinos und Thomas Waldherr sprach in seinem Vortrag über „Inside Llewyn Davis, T-Bone Burnett und die Musik in den Filmen der Coen-Brüder. Dabei arbeitete er den inneren Zusammenhang zwischen dem Coen/Burnett-Klassiker „O Brother, Where Art Thou?“ und dem neuen Film heraus, indem er die grundlegenden Explosionen der amerikanischen Populärmusik im vergangenen Jahrhundert – Country, Blues, Rock’n’Roll sowie Folkrevival, Dylan und Folkrock – in Beziehung zu den beiden Filmen stellte.

Die „DoubleDylans“ brachten dann das Publikum auf Folkszenen-Betriebstemperatur, in dem sie Songs von Dylan und Woody Guthrie mit Traditionals mischten und auf ihre eigene Art ohne große Ehrfurcht aber mit viel Esprit interpretierten.

Das Vorprogramm zum Film kam sehr gut an und bereitete den Boden für ein wunderbares Werk voller absurdem Witz, schrägem Humor und schöner Musik. Wer mit Dylan und der Folkmusik nicht viel anfangen kann, der wird allein von der absurden Tragikomödie begeistert sein. Dylan- und Folkfreunde haben darüber hinaus einen Riesenspaß an Zitaten, bekannten Typen und Orten des Greenwich Village und natürlich an der Musik. Kino mit Kult- und Klassikerpotential!

Der Vortrag von Thomas Waldherr als PDF-Dokument:Waldherr_Vortrag_05122013