Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

Der dritte Dylan

17. November 2013

So, das war es dann für mich mit den diesjährigen Dylan-Konzertbesuchen. Das Konzert in Esch sur Alzette am 16. November in Luxemburg lag von der Güte irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Berliner-Konzert, die ich ebenfalls beide besucht habe. Nicht so fragil wie am 25. Oktober, aber auch nicht so vital und expressiv wie am 26. Oktober. Gleiche Setlist, gleiche Dramaturgie und doch gleicht natürlich kein Dylan-Konzert wie einDylanconcert Ei dem anderen. Diesmal war „Simple Twist Of Fate“ mit noch mehr Wehmut aufgeladen, diesmal war „Love Sick“ noch viel schmerzvoller  und „Blowin‘ In The Wind“ ein noch grandioserer Rausschmeißer. Dagegen waren die „Early Roman Kings“ diesmal etwas blasser und der Vortrag von „Long And Wasted Years“ fast schon gefährlich auf dem Weg zur Coolness.

Aufgrund der Umstände für das Publikum, zu denen ich noch komme, konnte ich von einiger Entfernung die gesamte Bühne unverbaut einsehen und das „Bühnenbild“ und die Lichtregie auf mich wirken lassen. Und tatsächlich: Dylan führt uns – wie schon so oft bei seiner Radio-Show – direkt in die musikalische Welt der Vierziger. Im funzeligen Licht aus altertümlichen Scheinwerfern wirkt die Szenerie fast schon sepiafarben. Man erahnt eine Big Band in einem New Yorker Nobelhotel, man stellt sich eine Western- Swing Kapelle im ländlichen Süden vor oder man meint eine Rhythm & Blues-Kapelle in einem Club in Chicago zu hören. Dylan bündelt all diese Traditionslinien in seiner Musik. Bewusst, ausdrücklich und expressionistisch. Großartig!

Gar nicht großartig dagegen die Begleitumstände des Konzerts. Wir hatten den Gig mit Absicht als Stehkonzert gebucht, um dann zufällig und kurz vor knapp zu erfahren, „es gäbe jetzt auch Sitzplätze zu denen man seine Stehplätze gegen einen geringen Obolus upgraden könne“. Mitten im laufenden Verkauf die Bedingungen ändern und dann unzureichend die Karteninhaber zu informieren – diesen Mist wollten wir nicht mitmachen. Und waren doch einigermaßen bedient, als wir sahen, dass es nicht um ein paar Stuhlreihen ging, sondern gut zwei Drittel der Halle bestuhlt waren. Wir standen dann direkt am Absperrgitter in der ersten Reihe mit bester Sicht auf Bühne. Nur, dass die halt -zig Meter Luftlinie entfernt war. Ob das, wie uns der örtliche Veranstalter weismachen wollte, in Absprache mit „dem Künstler und seinem Management“ geschehen ist oder nicht, sei dahin gestellt. Es ist einfach schlichtweg unprofessionell abgelaufen. Zumal uns Mitzuschauer, die schon mehrmals in der Rockhal zu Gast waren, darüber aufklärten, dass man dort die Sitzplätze auch durchaus mit Aufbauten an der Seite oder hinten schaffen könne und dies in der Vergangenheit auch so gehandhabt worden wäre.

Dass uns dies nicht das ganze Konzert vergällte, lag an dem starken Auftritt von Mr. Dylan, der nun auf die britische Insel weiterreist. Die Europatournee 2013 strebt ihrem Abschluss entgegen. Wir sind wie immer gespannt was folgt…

Einmal fragil, einmal vital

3. November 2013

Beobachtungen bei zwei Dylan-Konzerten in BerlinBobDylan_Logo_Komplett

Selbe Stadt, selbe Halle, selbe Setlist und doch schaffte es Bob Dylan an zwei Abenden in Berlin zwei völlig verschiedene Konzerte zu geben.

Dem Bob Dylan, der am Freitagabend (25.10.) auf der Bühne des Tempodroms stand, sah man seine 72 Jahre an. In der Physis: Fragil und zerbrechlich wirkte er. Schien angestrengt vom langen Stehen. Von seiner Haltung in der Performance: In sich gekehrt und zurückhaltend wie lange nicht. Stürmte er im Herbst 2011 fast schon mit einer Punk-Attitüde durch seine Songs, und gerierte er sich im Sommer 2012 fast schon als fröhlicher Entertainer, so war dieser Dylan an diesem Herbstabend 2013 so unzugänglich wie lange nicht mehr.

Und dennoch gelang ihm ein schönes Konzert. Zart war es, gedämpft und leiser als noch vor wenigen Monaten. Und die Songauswahl – die auch momentan noch genau die Gleiche ist – ist genial, die Stücke stark in Aussage und Arrangement. Am Freitag hangelt er sich sehr routiniert durchs Programm. Ein gutes, solides Konzert. Aber mit Luft nach oben.

Am Samstag kommt ein ganz anderer Dylan auf die Bühne. Frisch, stark und vital wirkt er. Seine Stimme ausdrucksvoller. Er durchlebt jetzt wieder die Songs. Überirdisch gute Versionen – für mich die Highlights des Konzerts – von „Simple Twist Of Fate“ und „Long And Wasted Years“.  „Twist Of Fate“ – veröffentlicht 1975  und eine Reflexion über flüchtige und langlebige Liebe – paart in der 2013er Version die leidenschaftliche, fragende Beobachtung des damals 34-jährigen Mannes mit dem abgeklärten altersweisen Wissen des heute 72-jährigen.

Das ganze Konzert steuert unaufhaltsam – und so hat es Dylan auch geplant – auf den Höhepunkt zum Schluss hin: Das bitterbös, gallig-traurige „Long And Wasted Years“. All die vergeudeten Jahre! Feine Ironie für einen, der eine 50 Jahre andauernde Weltkarriere vorzuweisen hat. Wie er den Song und dessen unangenehme Wahrheiten regelrecht „aufführt“, die Verse wunderschön böse zerdehnt, ironisch verlängert oder gar rotzig ausspuckt, ist faszinierend. Man fiebert der Auflösung all dieser Fragen, Vorwürfe und Erinnerungen entgegen: „Long And Wasted Yeaaars!“ singt/ruft Dylan. Tusch und Schluss. Perfekt!

Die Zugaben sind wirklich nur noch hinten dran geklebt. Wobei das 2013-Arrangement von „All Along The Watchtower“ nun wieder näher an seiner Originalversion von 1968 ist, als an der von Jimi Hendrix. Und „Blowin‘ In The Wind“ bleibt in bestens bewährten Gospel-Soul-Version.  Würdiger Abschluss eines tollen Konzertes.

Nun steht noch ein dritter Konzertbesuch in Luxemburg an. Und wieder ein anderer Dylan? Alleine diese Frage lässt schon das Reisefieber steigen.

Lou Reed (1942 – 2013)

1. November 2013

Mit großer Trauer habe ich den Tod von Lou Reed aufgenommen. Zwar war ich nie ein großer Fan von Velvet Underground, aber Lous Solo-Arbeiten als Songwriter und Rockerneuerer nötigte mir stets großen Respekt ab.

Denn auch Lou war einer, der sich in keine Schublade stecken ließ, nie stehen bleiben oder sich wiederholen wollte. So sind die wirklich großen Künstler.

Und auf so unterschiedlichen Wegen sie auch unterwegs gewesen waren, schätzten sich Bob Dylan und Lou Reed dennoch sehr.  Zu Lous „Doing The Things We Want To“ sagte Bob: „Man, that’s a great song. I wish I had written that song.“

Und Lou verehrte Bob so sehr, dass er 1992 bei Bob’s 30jährigen Plattenjubiläum eine mitreißende Version des obskur-sperrigen „Foot Of Pride“ spielte. Ein unvergessliches Erlebnis!

Wieder ist ein Großer von uns gegangen. Rest in Peace, Lou!

Long And Wasted Years

18. Oktober 2013

Bob Dylans startet seine Europa-Tour bemerkenswert

DylanconcertBlicken wird doch zuerst einmal auf die Setlist der ersten Konzerte in Skandinavien. Denn schon da macht sich Dylan-typischer Humor breit. Die Konzerte beginnen mit „Things have changed“ der klaren Ansage, dass sein früher Klassiker „The Times They Are A Changin'“ schon seine unumstößliche Wahrheit hat, wenn auch anders als gedacht. Denn die Gesellschaft hat die Menschen verändert und nicht umgekehrt.

Und sie enden mit „Long And Wasted Years“! Also alle Jahre sinnlos verschwendet? Für Dylan trifft das vielleicht gerade einmal auf eines der fünf Jahrzehnte seiner Karriere zu, nämlich den 1980ern. Und so spielt er denn auch derzeit konsequent Songs aus den 60ern, den 70ern, den 90ern, den 2000ern und ganz viele seiner neuen Platte. Alleine die genialen Ausnahmen „Blind Willie McTell“  und „What Good Am I?“ finden den Weg aus dem von Ronald Reagan und Michael Jackson geprägten Jahrzehnt.

Kein Künstler dieser Bedeutung würde zudem es wagen, ein Konzert ohne seine größten Hits zu bestreiten und den Fokus auf das Alterswerk zu legen. Normalerweise wird das immer im ersten Teil des Konzerts erledigt, bei Dylan ist es umgekehrt, er reiht wie auf einer Schnur alleine drei Songs seines letzten Albums am Ende des zweiten Teils des Konzerts auf. Kein „Tambourine Man“, kein „Like A Rolling Stone“, kein „Times They Are A Changin'“, kein „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Erst bei den Zugaben hat er ein Einsehen. „All Along The Watchtower“ und „Blowin In The Wind“, letzteres in seiner seit einigen Jahren gespielten Gospel-Soul-Version.

Das bemerkenswerteste ist aber, und damit kommen wir wieder zum Beginn, ist die zentrale Bedeutung von „Long And Wasted Years“ im Konzert. Er war zwar einer meiner Favoriten auf „Tempest“, doch in der öffentlichen Wahrnehmung lag er hinter dem Titelsong, der John Lennon-Hommage „Roll On, John“ und „Duquesne Whistle“ klar zurück.

Und doch entfaltet sich hier Dylans Erzählkunst in ganz großer Weise. Wie er schonungslos negativ er ein Leben bilanziert ist ergreifend und demoralisierend zugleich. Liebe gab es in der Beziehung der Protagonisten nur damals ganz kurz am Anfang. Ansonsten eine einzige Folge von materiellen und immateriellen Verlusten. Und dann wacht man eines Tages auf und muss zusammen heulen wegen dieses elenden, verschwendeten Lebens. Grauslig. Dylans Gesangskunst (!) ist auf der Platte schon großartig. In der Bühnenperformance steigert sie sich nochmal in einen dramatischen Abgesang. Und wirkt als perfekter Verfremdungseffekt. Denn dieses kreative und geniale Künstlerleben – so stellen seine faszinierenden Konzerte wieder unter Beweis – war alles andere als „long and wasted“. Wir hoffen, es erfährt noch eine lange Fortsetzung.

Long And Wasted Years, Stockholm 2013:

Die Musik in den Filmen der Coen-Brüder

6. Oktober 2013

Premieren-Veranstaltung zu „Inside Llewyn Davis“ im Darmstädter Programmkino Rex am 5. Dezember

inside_llewyn_davis_xlgIn vier der wichtigsten Filmen von Joel und Ethan Coen spielt die Musik eine besondere Rolle. In „The Big Lebowski“ hat T-Bone Burnett einen Soundtrack kreiert, der in steter Interaktion zum Filmgeschehen und dessen Protagonisten steht. Er spiegelt die Person des „Dude“, sein Wesen und die Handlung perfekt wieder.

In „O Brother, Where Art Thou?“ gehen die Drei einen Schritt weiter. Die Musik – hier die Old Time, Blues, Country und Bluegrassmusik – sind Teil der Handlung, weil Sie ein Teil des Mythos des amerikanischen Südens darstellen.

In „Ladykillers“ untermalt Burnett mittels des Soundtracks ein musikalisches Panorama des (gut)-gläubigen schwarzen Südens.

Und in „Inside Llewyn Davis“ geht es um einen Künstler zur Zeit des Folkrevivals im New Yorker Greenwich Village. Dave van Ronk lieferte die Vorlage und der Dylan-Mythos viel an Stimmung für diesen Film. Burnett hat hier einen Soundtrack kreiert, der die damalige Folkmusik von van Ronk und Dylan zusammenbringt mit den heutigen Neo-Folkern wie Marcus Mumford.

Wer mehr über die Beziehung Burnetts zum filmischen Werk der Coen-Brüder erfahren will und was Bob Dylan mit alledem zu tun hat, der sollte am Donnerstag, 5. Dezember, nach Darmstadt ins Programmkino Rex kommen. Das hier nur kurz angeschnittene Thema wird vom Autor dieser Zeilen in einem Vortrag vertieft und die genialen „DoubleDylans“ spielen auf, bevor dann „Inside Llewyn Davis“ gezeigt wird.

Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt beträgt 12 Euro, für Schüler und Studenten ermässigt 10 Euro. Karten im Vorverkauf gibt es an allen Darmstädter Kinokassen und unter http://www.kinos-darmstadt.de.

Zwischen „Americanarama“ und „Another Self Portrait“

9. August 2013

Nie war Dylan so sehr „Vater des Americana“ wie in diesen TagenAmericanarama

So, nun ist sie schon wieder Geschichte: Die von uns Dylan-Fans so gehypte Americanarama-Tour. Gehypt und das mit Recht: Wilco, My Morning Jacket, Ryan Bingham, Richard Thompson, Bob Weir, Garth Hudson, Nancy Sinatra, Jackson Browne  – sie alle spielten im Vorprogramm oder als Gäste Bob Dylans auf dieser Tour. Dazu noch historisch zu nennende Song-Darbietungen, deren absoluter Höhepunkt „The Weight“ vom Trio Dylan/Tweedy/James war. Ein toller Packen Musik mit einem gut inspirierten Meister mittendrin.

Eine Tour – Drei Lead-Gitarristen

Soweit so gut. Doch Bob Dylan wäre nicht Bob Dylan, wenn er nicht auch im 51. Karrierejahr Kontroversen und Irritationen auslösen würde. Da war die Sache mit den drei Lead-Gitarristen, die diese Tour verschlungen hat. Irgendetwas zwischen Dylan und Robillard passte nicht. Ob da wirklich einmal hineinklimpern ins Mundharmonika-Solo als Trennungsgrund reicht? Wir wissen es nicht. Dann kamen mal Charlie Sexton und mal Colin Linden zum Einsatz. Warum und nach welchem System der eine hier, der andere dort spielte, wurde nie recht klar. Der Qualität der musikalischen Performance tat dies keinen Abbruch und so sind wir gespannt, wer uns dann in Europa an der Gitarre beehren wird.

Das alte Presselied

Noch ärgerlicher dann aber die Lust mancher Journalisten, Dylan nieder zu schreiben. Nach dem Motto „Anti-Klimax“, „sollte sich ein Beispiel an seinen jungen Bühnenpartnern nehmen oder eben abtreten“. Uih, da waren einige richtig gut bei der Sache. Doch Dylan war vielleicht nicht so gut wie beispielsweise im Sommer 2012, aber so schlecht, wie dargestellt, war er nicht. Er kommt halt schlecht weg, wenn Künstler vor ihm auftreten, die konventionellere Performances abliefern, nett „Danke“, „Bitte“ und How Are you?“ sagen. Dylans Live-Musik ist bei den schnellen Stücken mitunter Hau drauf-Mucke, aber bei den Mid-Tempo und langsamen Sachen entfalten sich schöne Arrangements, die Dylans alte Rabenstimme wunderbar zur Entfaltung bringt.  Wer das nicht hört, ist selber schuld.

Another Self PortraitDer logische Weg von Self Portrait zu Americanarama

Mit seiner Americanarama-Tour hat sich Dylan erstmals ganz offensiv als Americana-Künstler verortet. Dabei war er derjenige, der es als „Vater“ mit seinen Kumpels von „The Band“ 1967 im Keller von Big Pink aus der Taufe gehoben hat. Weil er sich nach dem Ausstieg aus dem Rock-Pop-Zirkus wieder festen Boden unter den Füßen verschaffen wollte. Und diese Aneignung der traditionellen amerikanischen Musik inmitten von Avantgarde, Psychedelic und Rebellion nahm man ihm übel. Man suchte halt dringend nach Anführern für eine kulturelle Rebellion. Das wusste Dylan und wollte dies partout nicht sein.

Sein Schwenk zur Countrymusik wurde daher achselzuckend und verstört, sein Album „Self Porträt“ fast schon hasserfüllt aufgenommen.  Denn da sang Dylan einfach nur Folk-, Country-, Blues- und Popsongs. Mit angenehmer Stimme. Aber: Im musikalischen Zuckerguss der Postproduktion ertränkt. Ohne Overdubs und Background-Gesang entdecken wir wunderbare Songversionen.  Wir werden „Another Self Portrait“ hören,und wenn das stimmt, was derzeit zu lesen ist, so dürfen wir Dylan nur eines vorwerfen: Er hat den Produzenten damals seine Aufnahmen zukleistern lassen. Ob er das so wollte oder nicht, lässt sich momentan immer noch nicht sagen. Nur: Mit der Gesamtschau der Aufnahmen von 1969 – 71, mit „Another Self Portrait“ lässt sich Dylans musikalischer Weg dieser Jahre, der auf dem Original-Album „Self Porträt“ so seltsame Wendungen zu machen scheint, endlich deutlich erkennen. Es lohnt sich, denn es war ein guter und wichtiger Weg für den Künstler und schaffte Grundlagen für manch großes Werk späterer Jahre. Und eben auch für Americanarama.

Und hier geht’s zum Video der „Another Self Portrait-Perle“ „Pretty Saro“:

http://www.rollingstone.de/news/meldungen/article457530/bob-dylan-videopremiere-zur-archivperle-pretty-saro.html

The Weight

27. Juli 2013

the-band-the-weight-capitol-5Der Song ist mittlerweile ein amerikanischer Klassiker: So wie „Will The Circle Be Unbroken“ von der Carter Family, „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie oder Bob Dylans „I Shall Be Realeased“. Allesamt Songs, die archetypisch amerikanische Mentalitäten und Figuren, Träume und Mythen in Musik und Text festhalten, um dann zur Hymne zu werden: Sei es der ewige Kreis der Generationen, das Bewusstsein, ein großes Land mit Platz für Alle zu sein oder der ewige Traum von Befreiung und Erlösung.

Der Song, um den es hier geht, ist „The Weight“, erstmals aufgenommen von „The Band“ für „Music from Big Pink“ 1968.  Die Songrechte besitzt „Business Man“ Robbie Robertson, geschrieben wurde er von „The Band“ gemeinsam, doch für immer verbunden sein wird „The Weight“ mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Levon Helm, dem Sänger und Schlagzeuger von „The Band“. Der Song wurde zu seiner Erkennungsmelodie. Wahrscheinlich, weil Levon Helm wie kein anderer aus „The Band“ die amerikanischen Mythen und Träume verkörperte. Er wollte nur ein einfacher Musiker aus den Südstaaten sein. Liebte sein Land und den lieben Gott. War aber alles andere als bigott, wie so manch anderer aus dem Bible Belt. Er sog als Junge Blues, Gospel, Soul, Rock und Country in sich auf, kannte Juke Joints und Honky Tonks und das pralle Leben, das sich dort abspielte. War keiner für den Popzirkus und wurde zum Weisen des Americana, ehe er den Kampf gegen den Krebs verlor.

Biblische Anspielungen und surreale Bilder
Die Bedeutung und Aufmerksamkeit, die „The Weight“ zukommt, liegt in der Erzählweise des Songs genauso wie im auftretenden Personal und seiner Interpretierbarkeit. Ein Song mit biblischen Anspielungen und surrealen Bildern, gleichermaßen zwischen Bibel und Bunuel angesiedelt. Zum Inhalt: „The Weight“ erzählt im Land der „Road Movies“ natürlich von einem Reisenden, einen Umherziehenden, den es nach Nazareth verschlägt, weil ihn seine Freundin Fanny dahin geschickt hat. Er soll, und das lastet quasi als Gewicht auf ihm, unzählige Leute dort von Fanny grüßen. Die biblischen Anspielungen – der Reisende bekommt in Nazareth kein Zimmer – sind klar, zudem gibt es in „God’s Own Country“ unzählige Nazareths in -zig Bundesstaaten. Konkret soll es sich hier aber um Nazareth, Pennsylvania, handeln, der Sitz der Martin-Gitarrenfabrik. In Nazareth begegnen ihm eine Reihe Menschen. Teilweise sind sie Freunden und Bekannten von „The Band“ nachempfunden, teilweise stehen sie für archetypische Figuren und Verhaltensweisen. Der Teufel steht für das Böse und der Teufel, der Erzähler und Carmen stehen in ihrer Interaktion für Mann und Frau, für Verlangen und Begehren. Dann ist vom Crazy Chester die Rede, dem örtlichen Faktotum, von der jungen Anna Lee oder von Luke, der nur noch auf das Jüngste Gericht wartet. Eigentlich sollte der Erzähler nur ein paar Leute grüßen, steht aber immer wieder vor neuen Unwägbarkeiten, so dass er am Ende froh ist, den nächsten Zug (Cannon Ball) nehmen zu können, um endlich zu seiner Fanny zurückzufahren.

„Der Song ist pures Americana“, schreibt Peter Viney auf der Website von „The Band“. Und tatsächlich ermöglicht er auf engstem textlichem Raum allerlei amerikanische Assoziationen: Er hat biblische und religiöse Bezüge, er spielt mit Bildern des Kleinstadtlebens im Westen und dem Teufel, der quasi an jeder Ecke lauert. Er lässt Bigotterie genauso erahnen wie Liebe, Verlangen und Gewalt. Der Text ist in Panoptikum des alten, gefährlichen Amerika. Und auch seine Musik ist pures Americana. Sie eint in großartiger Weise Country, Rock, Soul und Gospel-Elemente.

Einer der wichtigsten Songs des Americana
Der Song ist unzählige Male gecovert worden. Die ersten waren Jackie DeShannon und Soul-Queen Aretha Franklin. Später waren es u.a. Joe Cocker oder Waylon Jennings, in den letzten Jahren dann Neo-Folker wie Mumford & Sons oder die Old Time-Musiker der „Old Crow Medicine Show“.  Und wie gesagt, mittlerweile ist der Song ein Klassiker und dient bei vielen All-Star-Treffen als großes Finale. Besonders denkwürdig war vor wenigen Tagen die gemeinsame Live-Version im Rahmen der „Americanarama-Tour“  von Jim James („My Morning Jacket“), Jeff Tweedy („Wilco“) und Mr. Bob Dylan. Als dann ausgerechnet der die Strophe mit dem „Chester“ singt, gibt es kein Halten mehr.

„The Weight“ war nie ein Hitparaden-Stürmer, ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie ein Song über die Jahre an Reife gewinnt, ihm man endlich die Tiefe zugesteht, die er besitzt, und er – verbunden mit seinem größten Interpreten – eine Bedeutung bekommt, die seinesgleichen sucht. Einer der wichtigsten und schönsten Songs des Americana.

Hier zum Reinhören zwei Fassungen. Die vom Abschiedskonzert von „The Band“ (mit „The Staples“) und die von James/Tweedy/Dylan.

Selbstbildnis

20. Juli 2013

Ich gebe es gerne zu. Auch ich habe die Platte seit vielen Jahren im Regal und habe sie, wenn’s hochkommt, zweimal in meinem LebenSelf Portrait gehört. Der Vollständigkeit halber. Und sie seitdem nicht vermisst. Die Rede ist – Dylan-Afficionados wissen es längst – natürlich von „Self Portrait“. Der stets verkannten und oft verdammten Dylan-Scheibe von 1970.

Sie ist nun wieder in der Dylan-Welt in aller Munde. Denn ausgerechnet die Aufnahmen zu dieser Platte bilden die Basis und den Hintergrund für  die neueste Veröffentlichung der Bootleg-Series. Sicher, wir alle hätten was anderes lieber gehabt. Endlich mal wieder ein Live-Album, mit den besten Aufnahmen der Never-Ending-Tour. Oder die kompletten Dylan-Cash-Sessions. Oder die Bromberg-Sessions von 1992. Oder Outtakes der jüngsten Platten. Aber Self Portrait?

Und doch: Da man ja davon ausgehen kann, dass bei Sony nichts von Dylan veröffentlicht wird ohne seine Zustimmung, hatte er wohl zumindest nichts dagegen, etwas mehr Licht in diese Schaffensperiode zu bringen. Und so ist diese Ausgabe der Bootleg-Series für die Dokumentare und Archivisten unter den Dylan-Fans besonders wichtig. Aber: Die Platte kann mit einigen Jahren Abstand durchaus gehört werden. Denn sie dokumentiert nicht weniger als Dylans eigene Bestätigung der Basement Tapes: Dylan manifestiert sich in diesen Jahren als Künstler, der fest verortet ist in der Musik von Americana und Great American Songbook. Dylan als Rock-Avantgardist endete 1966. Seitdem ist er zwar weiterhin innovativ. Aber musikalisch eignet er sich nur mehr vorhandenes an, bzw. bringt es zusammen: Nach Rock meets Folk, nun Rock meets Country, Rock meets Medicine Show meets Commedia dell’arte (Rolling Thunder Review) , Rock meets Big Band (Welttournee 1978) , schließlich Rock meets Gospel (1979-81). Seine Genialität liegt in der der traumwandlerisch-bestechenden Mischung der musikalischen Versatzstücke und der kulturellen Ausdrucksformen,  die er nutzt, um auf ihnen große Songpoesie zu entfalten.

Doch hier auf Selbst-Porträt muss er die Versatzstücke und Genres erst mal finden und sich aneignen. Als Zeugnis künstlerischen Outputs ist Self Portrait weniger relevant. als Zeugnis künstlerischen Inputs umso mehr. Dieser Dylan – und das erinnert uns an manch frühes Konzert der Never Ending Tour- übt vor Publikum.

Ja und dann…dann habe ich mir Self Portrait doch ein bisschen schön gehört.  Wer das Album hat, sollte sich mal darauf einlassen. Manches kommt einem bekannt vor, manchem begegnet man in späteren Schaffensperioden wieder, manches hört sich wirklich gar nicht schlecht an. Und manches bleibt einfach obskur. Ein wichtiges Stück Dylan ist wieder entdeckt worden. Unerschöpflich diese Quelle…

Und hier zur musikalischen Untermalung ein schönes Video zu „Blue Moon“ in der Self Portrait-Fassung:

25 Jahre Neverending Tour

12. Juni 2013

In diesen Tagen jährt sich der Auftakt der Never Ending Tour (NET) zum 25. Mal. Ging Dylan vorher im normalen Abstand von 2-3 Jahren –Thomas&Bob abgesehen von der 8jährigen Tourpause zwischen 1966 und 1974  – auf Konzertreise, so ist er seit dem  7.Juni 1988 jedes Jahr von Winter/Frühjahr bis Herbst weltweit unterwegs on Tour.

Nach erst zwei Dylan-Konzerterlebnissen 1981 in Mannheim und 1987 in Frankfurt, stieg ich 1991 in die NET ein. Zu erleben waren beinahe-Abstürze wie 1991 in Offenbach, Wiederauferstehungen wie 1997 in London, einen Crooner-Dylan wie 1995 in Aschaffenburg und wenige Monate später einen Gitarren-Gott-Dylan in Stuttgart. Wir sahen ihn in abgewanzten Stadthallen (nochmal Offenbach 1991), in gesichtslosen Mehrzweckhallen (2002 Oberhausen, 2005 Wetzlar) aber auch auf idyllischen Freilichtbühnen (1998 Hamburg, 2006 Gelsenkirchen, 2012 Bad Mergentheim). Wir sahen ihn in der Ferne (1997 London, 2008 Alicante, 2010 Linz) und alleine viermal in der wunderbaren Jahrhunderthalle in Frankfurt (2000, 2002, 2003, 2007).

Ich bin eigentlich kein Freund der Hitparaden und Rankings – das Beste, das Größte usw. – ich unterschiede lieber zwischen Konzerten, die mich besonders berührt haben und die für mich immer unvergessen bleiben werden, und denen, die recht schön und ganz in Ordnung waren. Hier die Liste meiner absoluten Favoriten:

1991 Offenbach (wegen Fall und Aufstieg in einem Konzert)
1993 Wiesbaden (wegen der wieder erlangten Präsenz)
1995 Aschaffenburg + Stuttgart (Vom Crooner zum Gitarren-Hero binnen weniger Monate!)
1998 Hamburg (wegen der Dramatik: Spielt er überhaupt? Und wie er spielt!)
2000 Frankfurt (Kommunikativ und spielfreudig wie selten)
2006 Gelsenkirchen (wegen der tollen Atmosphäre zu der Dylan sein Übriges getan hat)
2007 Frankfurt (wegen des überirdischen „Nettie Moore“)
2009 Saarbrücken (für ein sagenhaftes „Blowin‘ In The Wind“)
2012 Bad Mergentheim (wegen der Weltpremiere: Das gesamte Konzert am Grand Piano!)

Längst sind die Besuche von Dylan-Konzerten ein wichtiger Teil meines Lebens, den ich eigentlich nicht missen will. Irgendwann wird es aber enden, wird die NET abgeschlossen sein. Ich weiß nicht, wie lange Dylan noch auf der Bühne stehen wird. Hoffentlich noch lange. Willie Nelson ist Achtzig und tut es. B.B. King ist 87 und tut es. Chuck Berry ist 86 und tut es. Und Little Jimmie Dickens tritt auch mit 92 Jahren immer noch in der Grand Ole Opry auf.

Mach’s ihnen nach, Bobby!

Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

24. Mai 2013

DylanswIn meiner Jugend war er für mich eine Identifikationsfigur, später ein guter Weggefährte durch alle Veränderungen des Lebens und heute immer noch für mich der wichtigste lebende Folk-Rock- und Popmusiker und ein guter alter Freund. Für mich ein ewiger Quell der Beschäftigung. Für die Welt ein stets wacher Verwirrkopf, ein poetischer Chronist der amerikanischen Populärkultur – eine Überlebensgroße Figur. Und doch einer, der ganz normal viele Abende wie jeder andere sterbliche Musiker im Jahr sich auf einer Bühne den Menschen zeigt. Verletzlich wie jeder Künstler.

Schon seit einiger zeit gilt es keine Schlachten mehr zu schlagen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Stattdessen Freude über jedes Zeichen von ihm, über jeden neuen Song. Und was für starke Songs er immer noch schreibt.

Herzlichen Glückwunsch zum 72. Geburtstag, Bob. Heute Abend werden wir Dich feiern und hochleben lassen. Ab 20 Uhr im „Mosaik“ in Frankfurt-Bornheim. Die DoubleDylans und ich.