Posts Tagged ‘Bob Dylan’

Melancholy Mood

5. Mai 2016

Melancholy MoodJetzt hat er uns doch wieder drangekriegt. Als Anfang des Jahres durchsickerte, Bob Dylan nehme in den legendären Capitol-Studios in Los Angeles auf, hofften viele auf etwas Neues. Nach dem Sinatra-Album nun vielleicht Bluegrass, Gospel oder Country? Die Anwesenheit von Marty Stuart und seinen Jungs im Nachbarstudio befeuerte das Wunschdenken. Doch es ist wieder einmal anders gekommen.

Dylan schlägt derzeit seine Haken, indem er sie unterlässt. Er ist unberechenbar berechenbar geworden. Also doch Great American Songbook/Frank Sinatra-Tribute Nr. 2. „Fallen Angels“ heißt das neue Werk, das am 20. dieses Monats erscheinen wird. Vorab erschien die Vier-Track-EP „Melancholy Mood“. Vier Songs, die dann auf „Fallen Angels“ enthalten sein werden und die er teils bereits in seinen Konzerten in Japan gesungen hat. Beide Tonträger basieren wohl Großteils auf Material von den Sessions zu „Shadows In The Night“.

Und sie sind noch besser als das bisher erschienene. Die Band hat einen erstaunlichen Jazz-Groove gefunden und streut sogar einen Tempowechsel ein. „This Old Black Magic Calles Love“ ist sensationell, gerade auch wegen Dylans Stimme. Wir erinnern uns an das grässliche Bellen mit dem er auf Tempest „Pay In Blood“ eröffnete. Nun säuselt und croont er sanft, hält die hohen Töne, ohne dass die Stimme bricht.

Der alte Wolf hat viel Kreide gefressen. Doch ein Schaf ist er deswegen noch lange nicht. Seine Konzerte erzählen in ihrer klaren Dramaturgie und in all ihrer Doppelbödigkeit und Schärfe von den Veränderungen innerhalb eines Lebens, von der Verwunderung über eine geliebte Frau, von Verlust, Schmerz, dem Nebeneinanderherleben, vom Tod und von der Frage nach dem Warum, deren Antwort der Wind fortgetragen hat und dessen Antwort doch nur Liebesschmerz ist.
Und Dylan bleibt der Meister der Doppelbödigkeit. „Fallen Angels“ würde natürlich zu dem Sujet der gefallenen Frau passen, zu den Filmen der „Schwarzen Serie“, an die sich auch sein Video zu „The Night We Called It A Day“ anlehnt. Aber nein, das Coverfoto des neuen Album führt uns auf eine andere Fährte. Dylan bleibt im Gangstergenre der 1930er und 1940er Jahre. „Fallen Angels“ ist ein Spielkartentrick.

Und Bob Dylan bleibt so bei allen ewigen und ernsten Themen mit dem er sich in der Maske des 40er Jahre-Crooners befasst, doch der ewige Trickster. Erleichterung macht sich da breit.

Dylan Hour III – Radio Darmstadt – Do,21.04.16- Sendezeit: 21.00-23.00

20. April 2016

bob-dylanbyWilliam ClaxtonModeration: Marco Demel und Thomas Waldherr
Das Spätwerk. Teil1: „Love & Theft“ und Modern Times

103,4 MHz und http://www.radiodarmstadt.de

Die monatliche DylanHour, die die nun über ein halbes Jahrhundert andauernde Karriere von Bob Dylan anlässlich seines bevorstehenden 75. Geburtstag noch einmal Revue passieren lassen und herausragende Schaffensphasen in Erinnerung rufen möchte, wird sich diese Sendung seinem Spätwerk widmen, welches er 2001 mit dem Album „Love & Theft einläutete und 2006 mit Modern Times fortsetzte.

Die DylanHour beschäftigt sich mit der Musik, den Songs und den Lyrics, wirft immer wieder einen Blick auf Dylans Methoden der Textkomposition, untermalt von Übersetzungen der Texte, biographischen und literarischen Hintergrundinformationen. Lebensphilosophie, Weltanschauung, Sinnsuche und die selbstauferlegte Wächterfunktion des American Songbook, das Erinnern an die Wurzeln der amerikanischen Populärmusik spiegeln sich in den Songs dieses Musikers wieder.
Bob Dylan, der Vater des Americana, der er seit den Basement Tapes ist, entlehnt vieles in seinen neuen Stücken uralten Blues oder Countrysongs.
„ Love And Theft“ – so lautet der Titel und damit das Motto des einen Albums.

Das Nachfolger-Album trägt den Titel Modern Times . Auch auf diesem Album gibt uns Dylan wieder die verlorene Einfachheit der alten Songs zurück, die in unseren modernen Zeiten vergessen worden ist.

Dylans Kreativität war im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends überbordend wie zuletzt Mitte der 60er und 70er Jahre. 2003 drehte er den Film Masked & Anonymous. Die Einbettung von Musik und Film, Konzeption von Drehbuchs und Soundtrack , Dylans weit aufgefächerter Kosmos der Themen wie etwa Macht, Verlust und Sehnsucht zeichnet das großartige Spätwerk dieses Musikers aus.

Dylan verströmt auf beiden Alben eine geerdete Stimmung in der Beschreibung der Welt, genauer gesagt Amerikas, ausgehend von Stimmen, die der Vergangenheit dieses Landes entstammen, immer wieder von alten Songs und ihren Strukturen, von Liedtexten, die längst schon in vielen Versionen dargeboten worden sind. Man merkt es deutlich und kann es heraushören. Der Lebensabend ist eingeläutet, der Vertrag mit dem Leben wird schon bald nicht mehr verlängert.
Dylan findet sich damit ab und lässt mit seiner Musik seine Hörer teilhaben an seiner Gefühlswelt.
Diese Sendung beschreibt die erste Phase seines Spätwerks, bevor wir am 19. Mai kurz vor seinem 75. Geburtstag in der Dylan-Neuzeit ankommen und unseren Hörern die aktuellsten Alben Tempest und Shadows in the Night vorstellen werden.

Merle Haggard

17. April 2016

Merle_Box_Cover

Über Mel Haggard sind in den vergangenen Tagen seit seinem Tod sehr viele gute Beiträge zu lesen gewesen, allem voran auf country.de, dem deutschsprachigen
Country-Onlinemagazin. Dem hatte und habe ich nicht viel hinzuzufügen und dennoch dachte ich mir, dass auf einer Seite, die sich nun schon seit fast sieben Jahren mit Bob Dylan und Americana beschäftigt, sich eine Würdigung von Merle Haggard einfach gehört. Also hier ein paar persönliche Gedanken.

Jeder weiß, und das steht ja auch über diesem Blog, dass ich über Bob Dylan musikalisch sozialisiert wurde. D.h. auch, dass ich viele Künstler erst durch ihn kennen- bzw. schätzen gelernt habe. Merle Haggard ist so ein typischer Fall. Ich habe ihn erst spät entdeckt. Für mich war er viele Jahre nicht mehr als ein bekannter Countrysänger, von dem ich eine Best of-Kompilation im Plattenregal hatte. Und was ich von ihm kannte – „Okie from Muskogee“ – war ja auch eher schlecht beleumundet.

Doch dann kam ja Anfang des Jahrtausends für mich die Entdeckung der Old Time Music und dann hatte Dylan 2005 den alten Merle für sein Vorprogramm verpflichtet und den Song Workingmans Blues #2 – also ein direkter Merle-Bezug – auf seinem 2006er Album „Modern Times“ veröffentlicht. Und ich dachte mir, was soll das jetzt? Also begann ich zu forschen und zu recherchieren. Ich entdeckte den original „Workingmans Blues“. Ich entdeckte Merles Vorliebe für Jimmie Rodgers und holte mir seine Tributalben zu dem „Singin‘ Brakeman“ und zu den Bristol Sessions. Ich sah eine interessante Doku über ihn und las in einem Interview, wie kritisch er die Politik der Republikaner in den USA sah. Ich staunte über seine Songlyrik und über sein Ansehen bei Musikern wie Joan Baez, Kinky Friedman oder Kris Kristofferson. Ich hatte viel Spaß mit seinen neueren Alben und seiner Zusammenarbeit mit Willie Nelson – Cool Old Cats! Und der Video zu „We’re All Going To Pot, wie ironisch da Merle und Willie am Joint zogen. „We don’t smoke Marihuana in Muskogee“- hahaha!

Dann kam Angang 2015 Dylans atemberaubende Music Cares-Rede und ihre verstörende Haggard-Passage, die Dylan umgehend noch einmal klar stellte. Nein, er hat nichts gegen den Merle von heute. Er ist mit ihm getourt und hätte ihn gerne als Fiddler für sein Jimmie Rodgers-Projekt gewonnen. Aber in den 60er Jahren, da hätte ihn Haggard mit den Hippies, die er damals nicht leiden konnte, in einen Topf geworden. Und dann sagt Dylan dann etwas sehr entscheidendes: „Merle Haggard zählt heute eher zur Gegenkultur“.

Und doch war dieser Merle Haggard, so sehr ich ihn bewundere, stets eine ambivalente Erscheinung. Als wir ihn letztes Jahr in den Staaten in North Carolina noch bei einem Konzert sehen durften, da war das musikalisch großartig, Atmosphäre und Publikum jedoch recht speziell. Alle waren weiß, alle trugen Basecaps und Karohemd, nur wenige Cowboyhut. „America Is Great“ sowie „If you don’t love it, leave it“ waren auf Merles Devotionalien so dick aufgetragen, dass es schwer verdaulich war. Aber wohl eindeutig zielgruppengerecht. Sie haben ihn geliebt, aber sie haben seine Songs sicher nie so ironisch verstanden, wie er den „Okie from Muskogee“ zuletzt gerne verkauft hat. Es waren die weißen amerikanischen Arbeiter und Farmer, die Merle Haggards Konzert in North Carolina besucht haben. Diejenigen, die in ihrer prekären sozialen Situation Zuflucht im rückwärtsgewandten Patriotismus suchen. Und es ist sicherlich nicht zu gewagt anzunehmen, dass viele von denen jetzt auch Donald Trump-Fans sind.

Merle Haggard ist somit einer dieser Künstler, die immer weit toleranter und geistig freier sind als ihr Publikum, und die einfach nicht rauskommen aus ihrer Schublade, so sehr sie sich auch bemühen und somit auch stets gezwungen sind oder sich gezwungen fühlen, ihre alten Fans und deren Lebens- und Gedankenwelt zu bedienen. Und dennoch jeden Respekt verdienen, weil sie künstlerisch großartiges geschaffen haben. Und das hat Merle Haggard. Wie kaum ein anderer in Countrymusik.

Kinky Friedman sang im letzten Jahr auf Tour stets Haggards „Hungry Eyes“ und kündigte den Song mit den Worten „der ist von dem großen amerikanischen Songwriter Merle Haggard“ an. Merle hinterlässt eine große Lücke. Gut, dass ich ihn noch erleben durfte.

SONiA Rutstein

1. April 2016

SONiA1Phil Ochs ist ihr Vorbild, sie ist die Cousine von Bob Dylan und ihre Live-Auftritte sind mitreißend

Ich kann mich noch gut erinnern an ihren ersten Auftritt bei „Americana im Pädagog“ im letzten Jahr. Das Echo hatte im Vorfeld einen großen Artikel über sie veröffentlicht, sie als tolle Songwriterin und Cousine von Bob Dylan gewürdigt und auf ihre Vorliebe für die Songs von Phil Ochs hingewiesen. Der Boden war bereitet.

Doch ihr Konzert hätte mehr Zuschauer verdient gehabt, denn es war der erste schöne, laue Frühlingsabend 2015 und die Leute zog es nicht in Massen den Keller hinunter. Die Berichterstatterin des Echos schrieb dennoch eine fabelhafte Konzertkritik, denn wer nicht da gewesen war, der hatte wirklich etwas verpasst.

Mit wie viel Energie und Temperament diese kleine, zierliche Frau die Bühne einnimmt, ist mitreißend. Sie singt Folkmusik mit Rock- und Pop-Appeal und ihre Lieder handeln von der Liebe und von der Menschlichkeit und wenden sich gegen Homophobie, Rassismus und Krieg. Ihre Musik ist lyrisch und packend – vital und sensibel zugleich – ihre klare Stimme mal zart, mal kraftvoll.

Sie ist eine bemerkenswerte Künstlerin, der die ganz große Karriere verwehrt blieb, aber sich dabei stets treu geblieben ist. Und sie ist ein wunderbarer Mensch auf den ich mich einfach sehr freue. Am nächsten Donnerstag, 7. April (20 Uhr/Eintritt 10 Euro), spielt sie erneut im Pädagog. Welcome back, SONiA!

Karten zum Konzert von SONiA können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter + 49 (0) 6151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Und hier eine kleine Video-Playlist von SONiA:

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

13. März 2016

Die Köchin von Bob DylanWieder versucht ein Autor sich daran, einen fiktiven Roman mit der Figur Bob Dylan zu verknüpfen. Was bei Liaty Pisanis „Der Spion und der Rockstar“ gerade noch als bizarr durchging, bei Maik Brüggemeyers „Catfish“ als ernsthaft bemüht aber letztlich zu verkrampft zu werten ist, hinterlässt einen bei Markus Berges‘ neuem Roman „Die Köchin von Bob Dylan“ hingegen sehr positiv gestimmt.

Denn Berges führt Dylan als netten, sonderlichen alten Herrn in den Roman ein, ohne ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Der Respekt des Songwriters Berges vor einem Säulenheiligen seiner Zunft und viel echte Empathie für die unermüdlich tourende bald 75-jährige Musiklegende lässt Berges Schilderungen von Dylan und seinem Leben auf der Tour zu kleinen, wunderbaren Miniaturen werden, die einen guten Kontrast zum tragischen Leben von Jasmin Nickenigs Großvater Florentinius Malsam abgeben.

Berges gelingt hier das Kunststück, in einer Sprache, die in ihrer Menschlichkeit und Wärme für die Figuren an den großen Joseph Roth erinnert, das tragische Leben des deutschstämmigen Ukrainers Florentinius zwischen Stalinismus, Nazismus und Krieg so zu erzählen, dass es realistisch und berührend ist, dass es Grausamkeiten nicht ausspart, aber auch sich nicht daran weidet.

Und so ganz nebenbei gelingt ihm auch am Beispiel von Jasmin Nickenig noch eine realistische Schilderung der Generation der „thirty-somethings“ zwischen der früheren Begeisterung für „Irgendwas mit Medien“ und der späteren Ernüchterung, trotz alledem irgendwie bedeutungs- und perspektivlos in der Sackgasse gelandet zu sein.

Berges, der schon als Songschreiber einer der ungewöhnlichsten im Land ist, bestätigt das auch als Romancier. Schade, sagt man sich bei diesem Buch, dass er sich noch nicht an die ganz große Form gewagt hat. Denn die Geschichte von Florentinius Malsam und seiner Zeit schreit gerade nach einer noch ausführlicheren Behandlung. Vielleicht greift Berges ja Figur und Thema noch einmal auf. Und vielleicht braucht er dann auch Bob Dylan nicht mehr dazu.

Markus Berges, Die Köchin von Bob Dylan, Rowohlt Berlin, Gebunden, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Neu: Die „Dylan-Hour“ bei Radio Darmstadt

30. Januar 2016
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Anlässlich des 75. Geburtstages von Bob Dylan in diesem Jahr haben sich die beiden Darmstädter Dylan-Enthusiasten Marco Demel und Thomas Waldherr etwas Besonderes einfallen lassen: Im Vorfeld der großen Darmstädter Dylan-Geburtstagsfeier am 24. Mai im Theater im Pädagog werden sie ab dem 18. Februar jeden dritten Donnerstag im Monat von 21 – 23 Uhr bei Radio Darmstadt die „Dylan-Hour“ über den Äther schicken.

In der Dylan-Hour – die ganz dylanesk zwei Stunden beträgt – steht in jeder Sendung eine Schaffensperiode der Musiklegende im Mittelpunkt. Los geht es im Februar mit den Basement Tapes, am 17. März folgt die Epsiode „Von Desire zu Hard Rain“, am 21. April fachsimpeln die beiden langjährigen Bobfans über Dylan, Sinatra und das „Great American Songbook“ und am 19. Mai soll sich alles um das Spätwerk des US-Barden mit den Alben „Love And Theft“, „Modern Times“ und „Tempest“ drehen.

Aber auch nach Dylans Geburtstag möchten die beiden ihr Werk fortsetzen. Ideen gibt es genug, die Planungen laufen auch hierfür schon in Kürze an.

Radio Darmstadt: 103,4 MHZ oder Webradio auf http://www.radiodarmstadt.de .

Von Buddha bis Woody

4. Januar 2016

DesireVor 40 Jahren erschien Desire. Dem Top-Album folgte eine ebenso produktive wie umstrittene Schaffensphase Dylans

Am 5. Januar 1976 erschien Bob Dylans Album „Desire“. Es ist nicht nur eines der bis heute erfolgreichsten Alben des Meisters, sondern für mich auch eines seiner Schönsten und Wichtigsten.

Den ersten Dylansong, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Schulunterricht, als es um Protestsongs ging. Ja, es waren die Siebziger. Der Song faszinierte mich: Melodie und Rhythmus waren straight nach vorne gerichtet und der Typ, der sang, war gleichzeitig unglaublich zornig und unheimlich cool.

Also kaufte ich mir „Desire“ im Kaufhof als preisgünstige israelische Pressung und es breitete sich, auch wenn ich nicht alles verstand, ein ganzes Universum vor mir aus. Denn auf dieser Platte wurden ja neben dem Boxer Rubin Carter auch noch eine „Isis“, ein „Joey“ und eine „Sara“ besungen. Und die Texte waren teilweise realistisch wie eine Reportage – „Hurricane“ und „Joey“ – und teilweise mystisch vertrackt wie „Oh Sister“ oder „Isis“. Die Songs hätten Filmdrehbücher sein können – „Romance In Durango“ und „Black Diamond Bay“ und sogar ein völlig überflüssiger trivialer Song war dabei, der mir aber stets gute Laune machte: „Mozambique“. Ein Album mit klaren Konturen und Schwerpunkten, sowie einer inneren Logik. Und dennoch in seiner Vielfalt so aufregend.

Denn Dylans Meisterwerk war dessen Ausdrucksform, für alles, was ihn damals umtrieben hat. Das Ende seiner Ehe, die Empathie für gesellschaftliche Outsider, die Lust auf ein Folk-Rock-Revival und die Suche nach neuem Sinn. Und so treffen sich hier also mystische Weisheiten mit Gangsterballaden, politischer Protest mit Hippie-Theater, Commedia dell‘ arte mit Medicine Show: „Buddha meets James Cagney meets Woody Guthrie meets Hank Williams meets Allen Ginsberg“ – Dylans Gedankenwelt dieser Zeit ist in seiner Grenzenlosigkeit großartig!

Dieses Album ist nicht denkbar ohne den Impuls Dylans, zurück „On The Road“ zu gehen. Als es erscheint haben Dylan & Kollegen eine triumphalen ersten Teil der Rolling Thunder Review in kleinen Sälen im Nordosten, Dylans „Magical Mystery Tour“, hinter sich. Doch wie immer bei Dylan ist auch dieser Moment so flüchtig. Denn den Triumph von Platte und Tour folgt der Flop des zweiten Teils der Review, dem in den Stadien des mittleren Westens die Luft ausgeht. Das indian summer farbene Feuer des Gründergeistes der Neuengland-Staaten erstickt in der endlosen Weizenfeld-Monotonie des „Heartlands“. Das Tondokument „Hard Rain“ ist ein Zeugnis dafür, dass hier immer noch großartige Musik gemacht wird – Dylans Stimme ist nur noch zornig und böse, selbst in den Lovesongs nie zärtlich, sondern immer sehr viril: Bestimmend, fordernd, voller Verlangen. Die Musik dazu ist hart, krachig und nimmt teilweise den Punk vorweg. Das gleichnamige TV-Special jedoch ist konzeptlos und merkwürdig fahrig und unfokussiert gefilmt. Es spiegelt daher in keinster Weise die Energie der Auftritte wieder, auch wenn es hübsche Momente – Bobbie & Joanie! – hat.

Zu Ende geht diese Phase im Dylan’schen Schaffen dann mit zwei weiteren Filmen: Sein eigener – „Renaldo & Clara“ geht unter. Zu lange, zu kompliziert, zu künstlerisch ambitioniert und sicherlich auch zu unausgegoren, wird er mit hämischen und bösen Kommentaren nur so zugeschüttet. Der Film ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden und ist offiziell auch nicht erhältlich. Hätte er sich darauf beschränkt, aus dem Live-Material der ersten Rolling Thunder Review mit einem guten Regisseur einen Konzertfilm zu machen, der Erfolg wäre ihm sicher gewesen.

So wie „The Last Waltz“. Robbie Robertson, der coole kalkulierende Businessman, hatte dies mit dem Abschiedskonzert von The Band so gemacht und gewonnen. Martin Scorseses Konzertfilm ist bis heute eine der Besten. Und – das passt zu Tragik Dylans in dieser Zeit – sein Auftritt im Film ist der absolute Höhepunkt auf den der Film hinsteuert. Auch hier purer Vollstoff-Rock’n’Roll.

Dylans Desire und seine Aktivitäten 1975/76 sind auch als eine Phase des Übergangs zu bewerten. Es folgten die Scheidung und finanzielle Verluste, eine erfolgreiche Welttournee 1978, die dennoch oftmals auch als Alimente-Tour und Las Vegas-Rentnernummer verspottet wurde und dann 1979 der Übertritt ins Christentum. Nichts war vorerst mehr geblieben von der oben genannten ebenso eklektischen wie grenzenlosen Gedankenwelt. Er brauchte einige Zeit, um sich aus dem engen fundamental-christlichen Dogmengebäude wieder zu befreien. Aber er schaffte es.

Dieser freigeistige, immer noch rebellische Verwirrkopf von „Desire“ hat mich damals angesprochen, als ich die Platte hörte. Ihn suche und finde ich seither immer noch in jeder Platte, in jedem Konzert und hinter jeder Maske, die er sich aufsetzt.

 

Dylan-Day am 24. Mai 2016 in Darmstadt

29. November 2015
© Sony Music

© Sony Music

Der 75. Geburtstag von „His Bobness“ wird in Rhein-Main im Darmstädter Theater im Pädagog gefeiert

Die ultimative Feier im Rhein-Main-Gebiet zu Bob Dylans 75. Geburtstag findet am 24. Mai 2016 in Darmstadt statt. Im Rahmen der Darmstädter Konzertreihe „Americana im Pädagog“ wird es einen spannenden Mix aus viel Musik, Vorträgen und Diskussionen geben. Fest zugesagt haben bereits der deutsche Dylan-Kenner und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, sowie die Frankfurter „DoubleDylans“ und der Darmstädter Singer-Songwriter Dan Dietrich.

Die Reihe „Americana im Pädagog“ gibt es seit 2014 und hat die Absicht im Rhein-Main-Gebiet Künstlern aus den Bereichen Folk, Country, Blues und Roots Rock ein Podium zu geben und in der Region eine Anlaufstelle für alle an dieser Musik Interessierten zu bieten.

Dan Dietrich

23. November 2015
Copyright: Dan Dietrich

Copyright: Dan Dietrich

Es bleibt dabei. Wer sich mit Songwriting und Folk beschäftigt, kommt an Bob Dylan nicht vorbei. Und selbst wenn man mit seinen Songs oder seiner Person nichts anfangen kann, so bleibt er doch als Referenzobjekt gegenwärtig. Wie man Dylan gleichzeitig schätzen und trotzdem respektlos begegnen kann, zeigen bereits seit einigen Jahren die Frankfurter „DoubleDylans“ beispielhaft.

Und das schöne ist, die frischen jungen Songwriter, die sich nicht am überlebensgroßen Vorbild pseudo-politisch abarbeiten müssen, sondern sich ganz selbstverständlich wissenskundig seine Songs und seine Lyrik aneignen, wachsen immer wieder nach. Dan Dietrich aus Darmstadt ist einer von Ihnen. Selten habe ich Dylan-Titel in letzter Zeit so nah am Original und trotzdem ganz anders gehört wie bei dem Songwriter aus Südhessen. Seine Arrangements sind raffiniert einfach und eindringlich, seine Stimme ist voller Wärme, sein Gesang ausdrucksvoll. Da singt einer voller Überzeugung und ohne Überhöhung, mit Respekt aber ohne falsche Ehrfurcht die Songs seines berühmten Songwriterkollegen.

Und Dietrich wandelt nicht auf eingetrampelten Pfaden. Natürlich hat er auch „Blowin‘ In The Wind“ im Live-Programm, aber auch weniger bekannte Songs wie „Sweetheart Like You“ („Infidels“ 1983) oder „Nobody ‚Cept You“ („Desire“-Outtake 1975). Letzteres hat er auch auf seine schöne EP „Dan plays Dylan“ genommen. Ebenfalls drauf sind „Moonshiner“, das Dylan 1963 aufgenommen und erst 1991 veröffentlicht hat und „A Couple Of More Years“, das Dylan in seinem Film-Fiasko „Hearts Of Fire“ zum Besten gegeben hat. Dazu kommen die Klassiker „A Hard Rain’s Gonna Fall“ – hier sehr nah am Original, live spielt er eine sehr schöne, „freiere“ Fassung – „Masters Of War“ in einer rhythmisch raffinierten Version, das als Duett mit Joan Baez bekannt gewordene „Mama You’ve Been On My Mind“, sowie – Uffbasse! – als Hidden Track die Endzeit-Parabel „All Along The Watchtower“.

Dan Dietrich ist 33 Jahre alt und führt neue Generationen an Dylan heran. Unaufgeregt, bescheiden, künstlerisch stark und völlig unprätentiös. Gut so!

Wer Dan Dietrich live erleben will, kann das am Donnerstag, 25. Februar, in Darmstadt bei „Americana im Pädagog“ im Doppelkonzert mit Delta Danny.

Mehr Infos und Hörbeispiele: http://www.dandietrich.net

Fünf von Sechs!

19. November 2015

AmericanaDie Reclam Musik Edition zeigt viele Stärken, ein paar Schwächen und bestätigt Bob Dylans Ausnahmestellung

Seit einiger Zeit schon gibt es die CDs mit gelbem Cover der Reclam Musik Edition. Die kleinen gelben Reclam-Heftchen waren ja immer das Manna des bildungsbürgerlichen Nachwuchses und selbst ich als Kind eines kleinen Angestellten und einer Hausfrau, der es als erster seiner Familie aufs Gymnasium geschafft hatte, bekam ja seit der Mittelstufe Zugang zu den sorgsam editierten Klassiker-Volksausgaben für das kleine Geld. Shakespeares „Julius Caesar“ oder Shaws „Pygmalion“ begleiteten mich durch den Englisch-Unterricht, und noch waren die Dylan-Texte, die damals auch bereits Gegenstand der gymnasialen Bildung waren, nur als billige Zettel-Kopien als Unterrichtsmaterial erhältlich.

Umso größer mein Erstaunen über die günstigen CDs mit Best Of Kompilationen in der bekannten puristischen gelben Reclam-Optik. Denn die entpuppten die sich beispielsweise bei Bob Dylan als bereits längst vorhandene Kompilation, die von Sony einfach unter neuer Flagge zweitverwertet wurden. Selbst für Reclam zu billig, dachte ich mir und irgendwie an der Grenze zum unfreiwilligen Humor.

Aber dann fielen meine Augen kürzlich auf die sechs „All About“-Kompilationen. Und siehe da – es geht doch! Den Themen Americana, Singer-Songwriter, Acoutic Vibes, Revolution, Flower Power und Epic Rock gewidmet, lassen sie keine Wünsche offen. Gut zusammengestellt, mit kundigen Liner Notes versehen von Ernst Hofacker, einer Koryphäe des Musikjournalismus, gibt die Reihe einen sehr guten ersten Überblick über die Genres.

Auf fünf der sechs Sampler ist His Bobness sowohl mit eigenen Aufnahmen, als auch als Songwriter vertreten. Das bestätigt wieder einmal seine Ausnahmestellung in der populären Musik. Nur einmal – wen wundert’s – muss er passen. Ein Epic-Rock-Werk ist im Kanon des Meisters nun wirklich nicht zu finden.

Bob Dylan in der „All About“-Reihe:

Americana: Als Interpret eigener Songs mit „This Wheel’s On Fire“ (mit The Band) und „Heartland“ ( bmit Willie Nelson) sowie als Songwriter mit „You Ain’t Goin‘ Nowhere“ von den Byrds.

Singer/Songwriter: Als Interpret eigener Songs mit „It’s All Over Now Baby Blue“.

Acoustic Vibes: Als Songwriter mit „Knockin On Heaven’s Door“ in der Interpretation von Avril Lavigne.

Revolution: Als Interpret eigener Songs mit „Maggies Farm“

Flower Power: Als Interpret eigener Songs mit „Subterranean Homesick Blues“

Alle Titel sind passend ausgewählt. Nur beim letzteren finde ich das Love & Peace & Drogen-Motiv wenn überhaupt bei Dylan – Hofacker schreibt ja richtigerweise, dass Dylan nie ein Hippie war – dann eher bei Mr. Tambourine Man angesiedelt. Denn „Tambourine Man“ ist wirklich der Song zum friedlichen Trip, während ich „Subterranean“ dafür immer viel zu aufwühlend und als unterschwellig aggressiv und verstörend empfand. Das klingt eher nach Straßenkampf und nicht umsonst hat eine militante linke Gruppe in den USA aus diesem Song ihren Namen „Weathermen“ entliehen.

Doch ich bleibe dabei. Sony/Reclam sind sehr schöne Zusammenstellungen gelungen. Für kleines Geld eine gute Einführung in die Welt von Folk, Rock und Country. Und Reclam hat bei mir seinen Ruf wieder gerettet.