Archive for the ‘Bob Dylan’ Category

Von der ungebrochenen Lust am Folk-Rock

16. Februar 2013

the-lumineers-the-lumineersVon „La Brass Banda“ zu „The Lumineers“

Das Album des Jahres wurde soeben bei den Grammys geehrt: „Babel“ von Mumford & Sons – ein Folk-Rock-Album. Und neben den Mumfords gibt es noch die Avett Brothers, die Felice Brothers, die Punch Brothers und unsere Freunde, die Carolina Chocolate Drops. Allesamt Leute von Mitte Zwanzig bis um die Dreißig, die eine Musik spielen, die angesichts marketingtechnisch entwickelter und industriell produzierter Plastikmusik vor einigen Jahren höchstens noch belächelt wurde.

Heute ist der anfängliche Trend zu Folk und Folk-Rock stabil. Auch hierzulande hat sich eine Popmusik entwickelt, die wieder an Folk anknüpft und mit ihren Liedern etwas sagen will. So wie ein Wader oder ein Dylan, wir hatten es hier zuletzt gerade davon. Nennen wir Max Prosa, Philipp Poisel oder Dota & die Stadtpiraten. Nennen wir grenzüberschreitend Sophie Hunger. Während aber die Mumfords in USA und UK mehr Platten verkaufen als Justin Bieber und bei entsprechenden Musikevents gefeiert werden, hinkt Deutschland mal wieder hinterher. Während „La Brass Banda Folk“ – nämlich Bayerische Blasmusik – öffnet für Pop, Punk und Ska, und eine Chance gewesen wäre, auf sehr eingängige und originelle Art beim Europäischen Songcontest Zeugnis von dieser Popmusik abzulegen, wird dies von einer ominösen Jury verhindert. Stattdessen also ein Ballermann-tauglicher Stampf-Disco-Brei. Letztendlich hat dieser Wettbewerb auch nichts anders verdient. Wirkliche Kreativität und Kunst entsteht sowieso woanders.

In den USA derzeit scheinbar an jeder Ecke. Gerade hatten wir hier „American Music“ von „The Illegitimate Sons“ als übersehene Platte des Jahres gefeiert, da müssen wir uns eingestehen, auch „The Lumineers“ übersehen zu haben. Die zwei Jungs und das Mädel aus Denver legen stimmigen Folk-Rock vor, der weniger komplex als der der Mumfords erscheint, aber mindestens genauso eingängig. Ihr „Ho-Hey“ ist ein Folk-Feger. Von wegen solche Musik könne keine Laune machen. Und wie viele Ihrer Zeitgenossen, sind diese jungen Musiker sehr traditionsbewusst und wissen, wo diese Musik herkommt. Denn schließlich war es Mr. Bob Dylan, der Mitte der 60er seinen Folk elektrifiziert hat und die damalige Folk-Welt vor den Kopf gestoßen hat. Und noch immer pflegt daher so mancher alte Folker seine Anti-Dylan-Haltung. Dabei geht es bei Folk immer darum, mit einer Haltung, einer Geschichte und einer Aussage, Menschen zu erreichen. Dazu muss der Künstler und sein Werk weder autobiographisch-authentisch gefärbt sein, sondern er sollte lieber kunstvoll komponieren und eindringlich vortragen können. Und wenn nötig, dann eben mit Strom und Schlagzeug.

Und so haben die wunderbaren Lumineers auch immer wieder alte Dylan-Pretiosen oder Songs von „The Band“ im Programm. Songs, die zwar alt sind, aber genauso eine universelle Bedeutung haben wie ein Roman von Thomas Mann oder ein Stück von Brecht oder Shakespeare. Sie spielen „Boots Of Spanish Leather“ genauso wie „Subterranean Homesick Blues“ und „The Weight“.

Hier nun Videos der Lumineers von
„Ho-Hey “ und „Subterranean Homesick Blues“:

Dylan, Wader und die Folgen

30. Januar 2013

Gedanken anlässlich eines neuen Albums von Hannes Wader

Wader&TaylorKürzlich flatterte eine CD bei mir auf den Tisch: „Hannes Wader & Allan Taylor – Old Friends In Concert“ stand drauf. Der alte Hannes also. Und ein ähnlich alter Folkfreund stand neben ihm auf dem Coverfoto.

Hannes Wader entdeckte ich zur selben Zeit wie Bob Dylan. „Kleines Testament“ hieß eine Platte, „7 Lieder“ die andere. „Tankerkönig“, „Heute hier morgen dort“, „Schon so lang“ hießen die Songs, die mich berührten, damals Ende der 70er Jahre.

Und dann schlossen sich die beiden fast gleichzeitig den Kirchen an. Der Amerikaner einer christlichen Kirche, der Deutsche der kommunistischen Partei. Doch während sich der Amerikaner bald wieder von der Orthodoxie befreite, wurde der andere über einige Jahren zum Vorsänger der DKP degradiert. Von der Partei, von den Medien, von sich selbst. Mir wurde Wader dadurch fremd. Auch wenn ich mir seine Platte mit den Arbeiterliedern besorgte. Doch als die kommunistischen Parteidiktaturen dann zusammenbrachen, gelang es endlich auch Wader, sich wieder frei zu schwimmen.

Denn beide sind große Freigeister, Lyriker und Poeten. Und Wader ist, das merkt man noch heute, vom jungen Dylan beeinflusst. Spät -1995 – coverte er „Bob Dylan’s Dream“ als „Nachtfahrt“ in Deutsch“. Dylans Schwenk zum Rock hat er nie mitgemacht. Und vom Pop da hielt er sich stets fern.

Lange Jahre war die Haltung, die diese beiden im Folk verwurzelten, aber dennoch so unterschiedlichen Künstler, vereint, gar nicht so angesagt. Die populäre Musik verlor sich in  studiogebrauter, zielgruppenkompatibler Instantmusik. Casting-Shows spülten Surrogate der immer gleichen risikolosen Popmusik nach oben.

In den letzten Jahren – Wader und Dylan waren immer noch unermüdlich am touren und Platten machen – entdeckte die Jugend dann wieder das Lied: Die gesungene Erzählung. Die Haltung „ich habe was zu sagen“ löste die Haltung „ich will ein Popstar sein ab“. In den USA und England sind es Gruppen wie die Avett Brothers, die Felice Brothers oder Mumford & Sons oder das Wunderkind Jake Bugg, die mit Gitarre, Banjo, Geige und Akkordeon, Folk- und Folkrock wieder beleben. In Deutschland ist es die neue Generation der Liedermacher (schreckliches Wort!) wie Max Prosa oder Philipp Poisel, die sich direkt auf Wader und Dylan beziehen. Zum 70. Geburtstag Waders im letzten Jahr hat diese Generation sogar ein Tribute-Album für den alten Hannes aufgenommen.

Während Dylan über all die Jahre mein Held geblieben ist, hörte und sah ich Wader dann erst Mitte der 90er wieder. Als er sich – auch hier die Analogie zu Dylan in der gleichen Zeit- aus den eigenen Trümmern und der künstlerischen Verwirrung wieder zurück zu künstlerischem Selbstbewusstsein  spielte. Und nun ist dieses wunderschöne kleine Live-Album mit seinem Freund Allan Taylor vielleicht der Fingerzeig, ihn nach einigen Jahren auch mal wieder im Konzert zu erleben.

The Illegitimate Sons

15. Januar 2013

ISAMIch sollte die Rubrik  „Übersehene Platte des Jahres“ einführen. Ist mir doch im letzten Sommer zwischen Griechenland-Urlaub und Bob Dylan-Konzert in Bad Mergentheim das Album „American Music“ von den „The Illegitimate Sons“ durch die Lappen gegangen. Nun bin ich zufällig drauf gestoßen und… BOMBE!  Die amerikanische Musik der Brüder aus Indiana kann  sich mit dem derzeitig besten des Genres mehr als messen. Da kämpfen welche in derselben Gewichtsklasse wie die Felice Brothers, die Avett Brothers oder die Band of Heathens.

Die Gruppe rund um Lee Miles und Ben Porter stammt aus Indiana, irgendwo im Nowhere des Midwest. Aus dem amerikanischen Nirgendwo schicken Sie uns kraftvoll-dunkle Mörderballaden, Songs über Armut, Tod, Gewalt und Liebe. Und dass immer so, dass es einem im Ohr bleibt. Sie können Melodien schreiben, sie haben’s drauf! Feinster Country-Folk-Rumpel-Rock in der Tradition von Dylan und The Band. Die Songs heißen „Bleed It Dry“, „Gillian“ oder „Born You To The Ground“. Ein Album, das man sich unbedingt besorgen sollte!

Auf youtube kann man sich schon mal einstimmen, da hat die Band das Album komplett eingestellt:

Was bringt das Dylan-Jahr 2013?

17. Dezember 2012

Alle Jahre wieder der Rückblick und Ausblick. Da es unser Freund,
trotz seiner weltwDylan_backeiten Kunstausstellungen, scheinbar weiterhin nicht lassen kann, Platten aufzunehmen und auf Tour zu gehen, macht die Titelfrage immer noch Sinn und das dahinter steckende rumspekulieren immer noch Freude.

Das Jahr 2012 war für Dylan und seine Fans geprägt durch zwei Höhepunkte und einem (vermeintlichen) Kontrapunkt. Anfang des Jahres elektrisierte die Nachricht, dass Bob wieder im Studio gewesen sei, alle gleichermaßen. Das dann im September erschienene Werk „Tempest“ lohnte das Warten und ist ein fabelhaftes Alterswerk geworden. Dass es jetzt bei den Grammy-Nominierungen leer ausging, ist völlig unverständlich.

Zwischen Aufnahme und Erscheinen der Platte lag wieder eine ganze Reihe von Konzerten. Insbesondere die Sommertour durch Europa war sensationell. Wer ihn an einem lauen Sommerabend im Bad Mergentheimer Schlosshof sehen konnte, erlebte eines der besten Dylan-Konzerte überhaupt. Wie er sich den ganzen Abend nicht mehr vom Flügel lösen konnte und voller Spielfreude und Genialität wunderbare Versionen seiner Songs zum Besten gab, war einfach nur überirdisch.

Doch im Herbst der Kontrapunkt. Wieder ließ sich Dylan zu dem nicht stimmigen Doppelpack mit Mark Knopfler hinreißen. Und wieder verlor er. Denn: Ein abstrakte Werke schaffender Picasso hat auf dem Kunsthandwerkermarkt gegen den farbenfrohen Pinsler naiver Malerei kaum eine Chance. Die Folge: Schmähende Kritiken und wieder einmal die Bitte, er möge doch aufhören. Aber wenn auch die Konzerte nicht die Klasse des Sommers hatten, so wussten Ohrenzeugen doch von starken Auftritten zu berichten.

Für das kommende Jahr gibt es gerüchteweise natürlich wieder Tourpläne. Japan sei anvisiert. Und Sony wird uns wohl mit den Bootleg Series Volume 10 beglücken. Die englischen Dylan-Afficionados von ISIS spekulieren über Material von 1969/70. Das hieße dann eventuell die Cash-Sessions, die Harrison-Sessions und Material von den Self Portrait-Aufnahmen.

Ach ja, und nach dem 70. Geburtstag Dylans im Jahr 2011, und seinem 50. Jubiläum als Recording Artist in diesem Jahr, können wir 2013 ein weiteres Jubiläum feiern: Im August 1963 wurde „Blowin‘ In The Wind“ auf dem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ veröffentlicht. Ein früher Geniestreich auf den noch viele folgen sollten.

In diesem Sinne auf ein erfolgreiches Musik- und Dylan-Jahr 2013!  Und auch dieses Jahr stimmen wir uns auf die Weihnachtstage mit Bob’s etwas anderen Weihnachtsfeier ein:

Bombay Beach

8. Dezember 2012

Bombay_Beach-544882338-mainAmerikanische Verlierer am See

Bombay Beach ist eine der bemerkenswertesten Dokumentationen, die ich zuletzt gesehen habe. Die Auseinandersetzung mit dem „White Trash“, den Verlierern des wildgewordenen amerikanischen Neoliberalismus finden zuletzt ja immer häufiger Einzug in Literatur, Reportage oder Film. Man denke nur an die Woodrell-Verfilmung von Winter’s Bone oder die Pulphead-Reportagen von John Jeremiah Sullivan. Aber dieser Film ist etwas Ungewöhnliches.

Bombay Beach, der Ort am Saltonsee in Südkalifornien, war einstmals ein Prestigeobjekt für Wohlsituierte. Heute wohnen hier am umgekippten See die Gestrandeten, die Verlierer Amerikas. Die Parishs mit ihrem Sohn Bennie, der wegen ADHS mit Medikamenten vollgestopft wird und von dem zu befürchten ist, dass er in dieser Welt nichts erreichen wird. So wie sein Vater und seine Mutter, die eine zeitlang wegen verbotener Militärspiele als Beinahe-Terroristen aus dem Verkehr gezogen worden sind.

Red, der alte Hobo, hat den Großteil seines Lebens schon hinter sich, begeistert aber inmitten der trostlosen Siedlung mit seinem lakonischen Charme die Frauenwelt ab Sechzig. Ein Sympathieträger des Films. Um so entäuschender, als er sich als Rassist outet.

Die einzige Person, die Hoffnung verströmt, ist der schwarze CeeJay. Er versucht der Ödnis zu entfliehen. Mittels Football und Schulbildung versucht er seine Chance zu ergreifen, und mit seiner Freundin ein besseres Leben zu finden.

Regisseurin Alma Har’el, die aus der Welt der Video- und Werbeclips kommt, hat die Protagonisten begleitet und nur sanft ins Geschehen eingegriffen, alleine die Tanzszenen scheinen sorgsam inszeniert. Aufgrund der Zusammenarbeit in anderen Projekten mit Bob-Sohn und Regisseurskollegen Jesse Dylan sowie mit Bob Dylans Manager Jeff Rosen gelang es ihr, einige Bob Dylan-Songs für den Soundtrack benutzen zu dürfen. Denn  „Series Of Dreams“, ein mysteriöser Song und  Outtake von Dylans „Oh Mercy“, begleitete Sie nach ihrer Aussage durch den Dreh. So war es logisch, dass die Musik von Dylan und der ihr nahe stehenden Band Beirut die Szenen musikalisch unterlegen.

Bombay Beach ist ein ungewöhnlicher Film. Zu erst eine Art Sozialreportage ohne wertenden Kommentar. Alleine die Protagonisten kommen zu Wort. Dann ein Landschaftsfilm über einen sterbenden See und seine öde Umgebung. Und dann noch ein dritter, ganz leiser, poetischer Film, der aufzeigt wie zärtlich und froh tanzende Menschen miteinander umgehen. Und das – so der verblüffende Kunstgriff – ist der härtest mögliche Kontrast zum Elend der Menschen rund um den See in der Wüste. Ein See, der weniger Oase, als Friedhof für gescheiterte Existenzen ist.

Ein Film, der über die Lügen des neoliberalen Amerikas ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt mehr aussagt, als manche ausgeklügelte Polit-Analyse. Ein bewegender Film.

Kris Kristofferson: Feeling Mortal

16. November 2012

Es wird endlich Zeit, an dieser Stelle einen Mann zu ehren, der zu den größten Singer-Songwritern unserer Zeit gehört und aus dessen Feder Klassiker stammen wie „Me And Bobby McGhee“ (Janis Joplin), „Sunday Morning Coming Down“ (Johnny Cash) oder „Help Me Make It Through The Night“ (Sammi Smith). In Deutschland sehr bekannt geworden ist auch sein Song „The Taker“ in der Version „Der Macher“ von Volker Lechtenbrink.

Photo Credits: New West Records

Die Musikgeschichte hätte ohne diese Songs und ihren charismatischen Schreiber und Sänger auskommen müssen, hätte der nicht die vorgesehene Armeekarriere an den Nagel gehängt. Von 1962 bis 65 war er als Hubschrauberpilot in Bad Kreuznach stationiert, danach hätte er eigentlich Literatur in West Point lehren sollen. Doch er zog es vor, die Army zu verlassen, um seinen Traum einer Musikkarriere zu leben und nach Nashville zu pilgern. Dort erlebte er 1966 als Studio-Hausmeister Bob Dylans Aufnahmen für „Blonde On Blonde“ mit und schaffte erst Ende der 60er/Anfang der 70er den Durchbruch als Johnny Cash sein Talent erkannte. Die beiden waren fortan bis zu Cashs Tod gute Freunde.Neben seiner musikalischen Karriere eröffnete sich ihm seit Anfang der 70er auch eine Filmkarriere. Neben Klassikern wie „Convoy“ oder „Pat Garrett jagt Billy The Kid“ hat er auch eine Reihe von B-Movies oder TV-Filmen gedreht. Zuletzt sah ich ihn in „Bloodworth“ einer sentimentalen Country-Schnulze von 2011.

Nun hat der 76-jährige, der mit seinen Freunden Cash, Willie Nelson und Waylon Jennings die legendären „Highwaymen“ bildete, mit „Feeling Mortal“ ein weiteres Alterswerk vorgelegt. Immer brüchiger wird die Stimme, immer dahingehauchter die Songs. Aber was sind da für feine Songpretiosen dabei! Neben „Feeling Mortal“, der Beschäftigung mit seiner eigenen Sterblichkeit, möchte ich noch „Mama Stewart“ nennen, der die glückliche Welt einer 94-jährigen blinden Frau besingt und den Schlusstrack „Ramblin‘ Jack“, der in seinem Leben nichts ausgelassen hat und bei allen Fehltritten, Niederlagen und Verzweiflungstaten, doch immer eines war: ein wirklich guter Freund.

Diese Themen bezeugen, dass dieser Kristofferson längst die wichtigen von den unwichtigen Seiten des Lebens unterscheiden kann. Daher ist dieses Album auch trotz seines Titels oder seiner gedämpften Musik, ein absolut lebensbejahendes, optimistisches und gelassenes Album. Dieser Kristofferson scheint mit sich im Reinen. Und hat noch so viel Kluges zu sagen.

Am 28. November werden wir in der Frankfurter Jahrhunderthalle an seinen Lippen hängen. Ihn das erste und vielleicht auch das letzte Mal live erleben. Die Gänsehaut stellt sich schon beim Schreiben dieser Zeilen ein. Verbeugung vor einem ganz Großen!

Und hier Johnny Cash und Kris Kristofferson im Duett:

“The United States Of Hoodoo”

19. August 2012

Ein Film, seine Sichtweise auf die afro-amerikanische Kultur und was Bob Dylan jetzt auch noch damit zu tun hat

Oliver Hardts sehenswerter Film “The United States Of Hoodoo” spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Deren Spuren finden sich an vielen Orten der amerikanischen Kultur und Alltagskultur. Vom Mississippi-Blues bis zum Rap, von der bildenden Kunst bis zur New Orleans-Küche.

Sie finden sich in der liberalsten Stadt des US-amerikanischen Südens – New Orleans – ebenso wieder wie in den tief christlich geprägten Landstrichen am Mississippi Delta. Sie finden sich im schwarzen Gospel-Gottesdienst genauso wie im Blues, im Soul, im Rock’n’Roll. Und durch die Verschmelzung der weißen Hillbilly-Musik mit dem schwarzen Blues finden sie sich sogar in der weiß geprägten Countrymusik.

So ist der faustische Pakt Robert Johnsons mit dem Teufel nur die christliche Lesart des Zusammentreffens des Musikers mit dem Voodoo-Gott Legba, der ein Gauner, ein Trickster ist und nicht das personifizierte Böse wie der Teufel. Diese Lesart geht einher mit der christlichen Verteufelung der afrikanischen Religion der schwarzen Sklaven, als auch mit der Ablehnung der sündigen Blues und Soulmusik durch die schwarzen Christengemeinden im Süden.

All das schwingt auch in Songs von Bob Dylan mit. So dachte ich mir jedenfalls. Schließlich stammt Dylan aus der Generation amerikanischer Musiker, die sich als erste ganz offen zur afroamerikanischen Musiktradition bekannt haben. Schließlich war Elvis vor allem auch ein weißes Phänomen der Abgrenzung, über den Musiker wie Chuck Berry, Little Richard oder auch Muddy Waters nur müde lächeln konnten. Gegen die Laszivität und Sexualität, die in Blues und Soul innewohnt, war Presleys Hüftschwung der reinste Kindergeburtstag. Musiker wie Dylan, die Stones, Clapton oder auch „The Band“, bekannten sich dagegen offen zu den Traditionslinien der schwarzen Musik und die Folkszene Anfang der 60er holte ja schließlich die alten Bluesmänner zurück in Rampenlicht.

Und dennoch ist Dylan als weißer Mittelstandsjunge geprägt von der jüdisch-christlich-abendländischen Tradition. Sie prägt sein Koordinatensystem und bildet den Hintergrund seiner Vorstellungswelt und seiner Songlyrik. Wirkliche Einflüsse afroamerikanischer Hoodoo-Alltagskultur sind auf die Fülle des Gesamtwerks betrachtet, auf den ersten Blick allenfalls nur kleinen Spurenelementen nachzuweisen.

So ging ich bei der voreiligen Heranziehung von „Carribean Wind“ dann auch gleich in die Irre. Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.

Und natürlich in „Blind Willie McTell“, Dylans lyrisch-musikalisch-mystische Retrospektive des alten Südens zwischen Sklaverei und Bürgerkrieg, christlicher Erweckung und afrikanischer Herkunft der schwarzen Sklaven. Oder das Album Oh Mercy, das in New Orleans entstanden ist und über dem eine flirrende, geisterhafte Stimmung liegt.

Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’  „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt. Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:

They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else

Die Verbindung von Bob Dylan zur Vorstellungswelt des afrikanischen Erbes der schwarzen Amerikaner harrt noch einer systematischen Beschäftigung und stellt eine anspruchsvolle, aber sicher lohnende Arbeit quer durch das Werk des Songschmieds aus Minnesota dar.

Ein Sturm naht

4. August 2012

Bob Dylans noch nicht veröffentlichtes neues Album wird bereits heftig diskutiert

Ist es nun ein Meisterwerk oder nicht? Bevor überhaupt das neue Dylan-Album „Tempest“ auf dem Markt ist, wird in einschlägigen Kreisen bereits diskutiert, welchen Stellenwert es in Bobs Riesen-Werk hat. Lassen wir das viel zu frühe taxieren und den Hype, den viele  entfachen und dessen Urheber Dylan selbst und sein geschicktes Management sind – echte PR-Profis eben!  –  einfach mal außer Acht und wenden uns den Fakten zu.

Die beste, weil informativste Vorschau auf die Scheibe brachte das Branchenblatt „Billboard“. Sie war genauso das Ergebnis nur einer Audition.  Aber das  Magazin ging eben weniger aufgeregt als andere Gazetten hier Song für Song durch. Und tatsächlich scheint es musikalisch anders zu zugehen als auf der letzten Platte „Together Through Life“.

Lange, textorientierte Neo-Folkstücke sind es diesmal geworden.  Vergleichbar jüngeren Dylan-Werken wie beispielsweise „Nettie Moore“, „ Girl From The Red River Shore“ oder „Cross The Green Mountain“.  Das uns Dylan dann ausgerechnet den Titel  – „Early Roman Kings“ – als ersten Vorgeschmack liefert, der TTL am ähnlichsten ist, und noch dazu ganz unverhohlen eines der berühmtesten Bluesriffs überhaupt (jawohl das aus „Mannish Boy“ von Muddy Waters) zitiert, ist mal wieder typisch. Immer gerne täuschen und uns eine lange Nase machen.  Dass dieser Song dann ausgerechnet im Trailer einer simplen Kriegsfilmserie auftaucht, ist schon wieder richtig böse vom alten Bob. In diesem Umfeld wird auch der zweite Song vorveröffentlicht.  „Scarlet Town“ wird dann ab 17. August zu hören sein.

Die Themen der neuen Songs sind Vergänglichkeit und Tod, Liebe und Glück. Wie immer bei Dylan: Das Leben in all seinen Facetten. Philosophisch allgemein und menschlich konkret, religiös und subversiv zugleich. Die Titel heißen „Tempest“, „Roll On, John“ (über John Lennon), “ Duquesne Whistle“ oder eben „Pay In Blood“. In einem ersten Interview zur Platte sagte Dylan dem Rolling Stone-Schreiber Mikal Gilmore, das er eigentlich vorhatte einige religiöse Songs zu schreiben, er hätte nicht genug davon. Am Ende sei aber dieses Album rausgekommen. Mann, Mann, Mann – „a cool cat“, dieser alte „Trickster“ Dylan. Weiß genau wie er mit den Erwartungen seiner Fans zu spielen hat.

Dies soll es im Moment gewesen sein von der „Tempest“-Front. Freuen wir uns ganz einfach weiter auf das neue Werk des großen Songpoeten und Musikers und lassen das voreilige spekulieren. Irgendwann gibt es ja möglicherweise einen  ersten Song zum Download, dann tauchen Texte auf – „Early Roman Kings“ wird ja bereits als Dylans Beitrag zu „Occupy Wall Street“ gewertet – und dann kommen die ersten detaillierten Besprechungen.  „Schaun‘ mer mal“, dass der Schreiber dieser Zeilen dann auch was Schlaues über Dylans 35. Studioalbum zu sagen hat.

Bobby und Marty

22. Juli 2012
Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Marty & Bob, Photo Credits: flickr.com, Bob Edwards

Hier nun der angekündigte kurze Bericht über die Beziehung von Bob Dylan zu Marty Stuart. Beide kennen sich seit vielen Jahren und haben besonders Ende der 90er Jahre viel Zeit miteinander verbracht. Dylan beschäftigte sich damals intensiv mit dem Bluegrass. Er spielte einige Klassiker in seinen Konzerten und sang auf Platte ein Duett mit der Bluegrass-Legende Ralph Stanley. Bereits einige Jahre vorher hatte Marty für Bobby ein Autogramm des Vaters der Bluegrass-Musik, Bill Monroe, besorgt.

Zu dieser Zeit zeigte im Marty Stuart seine enorme Sammlung von Country-Memorabilia. Seitdem enthält Martys Sammlung auch einige Bühnenoutfits von Dylan. Und bei einem Konzert am 1999 in Antioch, Tennessee, spielte Marty einen ganzen Abend in der Begleitband von Bob.

Es fand also ein fruchtbarer Austausch statt und Dylan nahm auch die Musik von Marty wahr. Er war ganz begeistert von Martys Album „The Pilgrim“. Bei Kritikern und Kollegen hochgelobt, floppte das Album kommerziell allerdings völlig.

Dylans „Things Have Changed“ ist von der Melodie her ziemlich beeinflusst durch Martys „Observations Of A Crow“. Und Marty spielt live oder im TV immer wieder mal Songs von Bob und spricht mit höchstem Respekt von ihm. Und auch auf seiner Website findet sich die eine oder andere Erwähnung von His Bobness.

Die Songwriter-Legende und Folkrock-Ikone aus Minnesota und der Country-Rockabilly-Boy aus Mississippi verbindet also mehr als manche denken.

Captainsdinner mit Uncle Bob

8. Juli 2012

Gut gelaunt, zärtlich und mit Tiefgang: Bob Dylans fantastisches Konzert in Bad Mergentheim

Bob Dylans Mannheimer Konzert im Herbst letzten Jahres wurde von uns als Kontrastprogramm zu Mark Knopfler gewertet. Denn während uns der erste Teil des Konzert-Doppelpacks ins Nirwana zupfte, pickte und perlte, spielte der damals 70jährige Altmeister ein krachiges Konzert mit Punk-Attitüde.

 Dass bei Bob Dylan keine Tour gleich und kein Konzert so ist wie das andere, machte uns nun vor wenigen Tagen Dylans Auftritt im hübschen Städtchen Bad Mergentheim in sehr angenehmer Weise deutlich. Denn der 71jährige Dylan spielte ein facettenreiches Konzert mit viel guter Laune, einigen zärtlichen Tönen und voll von tiefem Verständnis für seine Songs, kurzum: Er schenkte dem Publikum an diesem Abend eine überragende Performance seiner Musik. Dylan begann auf Nummer sicher mit „Leopard Skin Pill Box Hat“ hinterm Keyboard, doch schon nach wenigen Takten war klar, dass dieser Dylan heute nicht seinen Autopiloten eingestellt hatte, sondern jeden Song so spielte, als er hätte er ihn eben erst entdeckt.

Bei „To Ramona“ nimmt er dann Platz am Flügel, den er fortan nur für wenige mit Mundharmonika bewaffnete Ausflüge zur Bühnemitte verlassen sollte. Zu einer Gitarre griff Bob Dylan an diesem Abend nicht ein einziges Mal. Gekleidet wie ein Kreuzfahrt-Rentner beim Captainsdinner, ließ er nie einen Zweifel, wer der Kapitän an Bord ist. So entwickelte sich der erste Teil des Konzerts zu einer wahrhaft lustigen Seefahrt. Selten hat man ihm soviel gute Laune versprühen sehen. Und dabei gar nicht die unzähligen Male mitgerechnet, bei dem er an seinem breiten Grinsen nur seine Band teilhaben ließ. Dem Publikum schenkte er immer wieder ein Lächeln und posierte oftmals eine Sekunde, als wenn er Gelegenheit zu den eigentlich verbotenen Foto-Schnappschüssen geben wollte. Verbote, die in Zeiten von Fotohandys eigentlich eher trollig und wohl einfach nur als spielerische Rituale anzusehen sind.

So spielte er sich leichtfüßig u.a. durch „Things Have Changed“, „Tangled Up In Blue“ und „Honest With Me“. Der stärkste Teil und tiefste des Konzerts begann dann mit einer wunderschönen Version von „Sugar Baby“. Ihm folgte das im Amerika der Naturkatastrohen immer aktuellen „The Levee’s Gonna Break“. Eine zärtlich hingehauchte Version von „Make You Feel My Love“ zeigte Dylan als Romantiker am Klavier. Aus „High Water“ wurde dann eine Art „Partipication Song“, als die Zuschauer Dylans mehrmals wiederholten dreitönigen Mundharmonikasoli stets mit einem Lauten „Huuuuuuuuh!“ antworteten. Völlig irre! Wunderbare Versionen von „Desolation Row“ und „Highway 61“ folgten. Dabei war Dylan immer bemüht, eingängige Klavierfiguren zu finden, mit der er die Melodie variieren und umspielen konnte. Der Höhepunkt des Konzerts war dann „Love Sick“. Den Song hatte ich bislang sowohl auf Platte, als auch im Konzert eher als eindimensional dunklen Liebesschmerz-Song wahrgenommen. Dylans Klavierversion vom 6. Juli in Bad Mergentheim war jedoch mehrschichtiger. Er zeigte nämlich auch noch die weiteren Dimensionen von Liebeskummer auf. Nicht nur traurig, sondern auch wütend, begehrend, eifersüchtig und lasziv äußert sich der Herzschmerz.

Ein faszinierender Vortrag. Nun bog er schon in die Zielgerade, machte auf hohem Niveau weiter, wirkte jedoch hier und da scheinbar ein bisschen zurückgenommen. Gesünder und weniger anstrengend beim vom „Möchtegern-Dylan-Stellvertreter“ Niedecken jüngst höchst wichtig ausgeplapperten Rückenleiden wäre das Stehen. Unübersehbar kämpfte er mit der richtigen Sitzposition am Klavier und steht zum Tastenanschlag auch immer mal wieder auf. Überhaupt: Wie Dylan während großer Teile des Konzerts seine Beine in 90 Grad zum Publikum vom Oberkörper abwinkelt, um sich dann immer wieder in Gänze zum Publikum zu drehen und einige Takte einhändig zu spielen, das hat komödiantisches Niveau und macht klar, warum Dylan auch immer wieder mit Chaplin verglichen wurde.

Mit „Like A Rolling Stone“, „All Along The Watchtower“ und „Blowin’ In The Wind“, mit den absoluten Klassikern also, beendet er das Konzert. Bob Dylan 2012 in Deutschland hat richtig Spaß gemacht, es waren einige seiner besten Konzerte. Hoffentlich müssen wir bis zur neuen Platte nicht allzu lange warten.