Archive for the ‘Folk-Rock’ Category

Der dritte Dylan

17. November 2013

So, das war es dann für mich mit den diesjährigen Dylan-Konzertbesuchen. Das Konzert in Esch sur Alzette am 16. November in Luxemburg lag von der Güte irgendwo zwischen dem zweiten und dem dritten Berliner-Konzert, die ich ebenfalls beide besucht habe. Nicht so fragil wie am 25. Oktober, aber auch nicht so vital und expressiv wie am 26. Oktober. Gleiche Setlist, gleiche Dramaturgie und doch gleicht natürlich kein Dylan-Konzert wie einDylanconcert Ei dem anderen. Diesmal war „Simple Twist Of Fate“ mit noch mehr Wehmut aufgeladen, diesmal war „Love Sick“ noch viel schmerzvoller  und „Blowin‘ In The Wind“ ein noch grandioserer Rausschmeißer. Dagegen waren die „Early Roman Kings“ diesmal etwas blasser und der Vortrag von „Long And Wasted Years“ fast schon gefährlich auf dem Weg zur Coolness.

Aufgrund der Umstände für das Publikum, zu denen ich noch komme, konnte ich von einiger Entfernung die gesamte Bühne unverbaut einsehen und das „Bühnenbild“ und die Lichtregie auf mich wirken lassen. Und tatsächlich: Dylan führt uns – wie schon so oft bei seiner Radio-Show – direkt in die musikalische Welt der Vierziger. Im funzeligen Licht aus altertümlichen Scheinwerfern wirkt die Szenerie fast schon sepiafarben. Man erahnt eine Big Band in einem New Yorker Nobelhotel, man stellt sich eine Western- Swing Kapelle im ländlichen Süden vor oder man meint eine Rhythm & Blues-Kapelle in einem Club in Chicago zu hören. Dylan bündelt all diese Traditionslinien in seiner Musik. Bewusst, ausdrücklich und expressionistisch. Großartig!

Gar nicht großartig dagegen die Begleitumstände des Konzerts. Wir hatten den Gig mit Absicht als Stehkonzert gebucht, um dann zufällig und kurz vor knapp zu erfahren, „es gäbe jetzt auch Sitzplätze zu denen man seine Stehplätze gegen einen geringen Obolus upgraden könne“. Mitten im laufenden Verkauf die Bedingungen ändern und dann unzureichend die Karteninhaber zu informieren – diesen Mist wollten wir nicht mitmachen. Und waren doch einigermaßen bedient, als wir sahen, dass es nicht um ein paar Stuhlreihen ging, sondern gut zwei Drittel der Halle bestuhlt waren. Wir standen dann direkt am Absperrgitter in der ersten Reihe mit bester Sicht auf Bühne. Nur, dass die halt -zig Meter Luftlinie entfernt war. Ob das, wie uns der örtliche Veranstalter weismachen wollte, in Absprache mit „dem Künstler und seinem Management“ geschehen ist oder nicht, sei dahin gestellt. Es ist einfach schlichtweg unprofessionell abgelaufen. Zumal uns Mitzuschauer, die schon mehrmals in der Rockhal zu Gast waren, darüber aufklärten, dass man dort die Sitzplätze auch durchaus mit Aufbauten an der Seite oder hinten schaffen könne und dies in der Vergangenheit auch so gehandhabt worden wäre.

Dass uns dies nicht das ganze Konzert vergällte, lag an dem starken Auftritt von Mr. Dylan, der nun auf die britische Insel weiterreist. Die Europatournee 2013 strebt ihrem Abschluss entgegen. Wir sind wie immer gespannt was folgt…

Einmal fragil, einmal vital

3. November 2013

Beobachtungen bei zwei Dylan-Konzerten in BerlinBobDylan_Logo_Komplett

Selbe Stadt, selbe Halle, selbe Setlist und doch schaffte es Bob Dylan an zwei Abenden in Berlin zwei völlig verschiedene Konzerte zu geben.

Dem Bob Dylan, der am Freitagabend (25.10.) auf der Bühne des Tempodroms stand, sah man seine 72 Jahre an. In der Physis: Fragil und zerbrechlich wirkte er. Schien angestrengt vom langen Stehen. Von seiner Haltung in der Performance: In sich gekehrt und zurückhaltend wie lange nicht. Stürmte er im Herbst 2011 fast schon mit einer Punk-Attitüde durch seine Songs, und gerierte er sich im Sommer 2012 fast schon als fröhlicher Entertainer, so war dieser Dylan an diesem Herbstabend 2013 so unzugänglich wie lange nicht mehr.

Und dennoch gelang ihm ein schönes Konzert. Zart war es, gedämpft und leiser als noch vor wenigen Monaten. Und die Songauswahl – die auch momentan noch genau die Gleiche ist – ist genial, die Stücke stark in Aussage und Arrangement. Am Freitag hangelt er sich sehr routiniert durchs Programm. Ein gutes, solides Konzert. Aber mit Luft nach oben.

Am Samstag kommt ein ganz anderer Dylan auf die Bühne. Frisch, stark und vital wirkt er. Seine Stimme ausdrucksvoller. Er durchlebt jetzt wieder die Songs. Überirdisch gute Versionen – für mich die Highlights des Konzerts – von „Simple Twist Of Fate“ und „Long And Wasted Years“.  „Twist Of Fate“ – veröffentlicht 1975  und eine Reflexion über flüchtige und langlebige Liebe – paart in der 2013er Version die leidenschaftliche, fragende Beobachtung des damals 34-jährigen Mannes mit dem abgeklärten altersweisen Wissen des heute 72-jährigen.

Das ganze Konzert steuert unaufhaltsam – und so hat es Dylan auch geplant – auf den Höhepunkt zum Schluss hin: Das bitterbös, gallig-traurige „Long And Wasted Years“. All die vergeudeten Jahre! Feine Ironie für einen, der eine 50 Jahre andauernde Weltkarriere vorzuweisen hat. Wie er den Song und dessen unangenehme Wahrheiten regelrecht „aufführt“, die Verse wunderschön böse zerdehnt, ironisch verlängert oder gar rotzig ausspuckt, ist faszinierend. Man fiebert der Auflösung all dieser Fragen, Vorwürfe und Erinnerungen entgegen: „Long And Wasted Yeaaars!“ singt/ruft Dylan. Tusch und Schluss. Perfekt!

Die Zugaben sind wirklich nur noch hinten dran geklebt. Wobei das 2013-Arrangement von „All Along The Watchtower“ nun wieder näher an seiner Originalversion von 1968 ist, als an der von Jimi Hendrix. Und „Blowin‘ In The Wind“ bleibt in bestens bewährten Gospel-Soul-Version.  Würdiger Abschluss eines tollen Konzertes.

Nun steht noch ein dritter Konzertbesuch in Luxemburg an. Und wieder ein anderer Dylan? Alleine diese Frage lässt schon das Reisefieber steigen.

Long And Wasted Years

18. Oktober 2013

Bob Dylans startet seine Europa-Tour bemerkenswert

DylanconcertBlicken wird doch zuerst einmal auf die Setlist der ersten Konzerte in Skandinavien. Denn schon da macht sich Dylan-typischer Humor breit. Die Konzerte beginnen mit „Things have changed“ der klaren Ansage, dass sein früher Klassiker „The Times They Are A Changin'“ schon seine unumstößliche Wahrheit hat, wenn auch anders als gedacht. Denn die Gesellschaft hat die Menschen verändert und nicht umgekehrt.

Und sie enden mit „Long And Wasted Years“! Also alle Jahre sinnlos verschwendet? Für Dylan trifft das vielleicht gerade einmal auf eines der fünf Jahrzehnte seiner Karriere zu, nämlich den 1980ern. Und so spielt er denn auch derzeit konsequent Songs aus den 60ern, den 70ern, den 90ern, den 2000ern und ganz viele seiner neuen Platte. Alleine die genialen Ausnahmen „Blind Willie McTell“  und „What Good Am I?“ finden den Weg aus dem von Ronald Reagan und Michael Jackson geprägten Jahrzehnt.

Kein Künstler dieser Bedeutung würde zudem es wagen, ein Konzert ohne seine größten Hits zu bestreiten und den Fokus auf das Alterswerk zu legen. Normalerweise wird das immer im ersten Teil des Konzerts erledigt, bei Dylan ist es umgekehrt, er reiht wie auf einer Schnur alleine drei Songs seines letzten Albums am Ende des zweiten Teils des Konzerts auf. Kein „Tambourine Man“, kein „Like A Rolling Stone“, kein „Times They Are A Changin'“, kein „Knockin‘ On Heaven’s Door“. Erst bei den Zugaben hat er ein Einsehen. „All Along The Watchtower“ und „Blowin In The Wind“, letzteres in seiner seit einigen Jahren gespielten Gospel-Soul-Version.

Das bemerkenswerteste ist aber, und damit kommen wir wieder zum Beginn, ist die zentrale Bedeutung von „Long And Wasted Years“ im Konzert. Er war zwar einer meiner Favoriten auf „Tempest“, doch in der öffentlichen Wahrnehmung lag er hinter dem Titelsong, der John Lennon-Hommage „Roll On, John“ und „Duquesne Whistle“ klar zurück.

Und doch entfaltet sich hier Dylans Erzählkunst in ganz großer Weise. Wie er schonungslos negativ er ein Leben bilanziert ist ergreifend und demoralisierend zugleich. Liebe gab es in der Beziehung der Protagonisten nur damals ganz kurz am Anfang. Ansonsten eine einzige Folge von materiellen und immateriellen Verlusten. Und dann wacht man eines Tages auf und muss zusammen heulen wegen dieses elenden, verschwendeten Lebens. Grauslig. Dylans Gesangskunst (!) ist auf der Platte schon großartig. In der Bühnenperformance steigert sie sich nochmal in einen dramatischen Abgesang. Und wirkt als perfekter Verfremdungseffekt. Denn dieses kreative und geniale Künstlerleben – so stellen seine faszinierenden Konzerte wieder unter Beweis – war alles andere als „long and wasted“. Wir hoffen, es erfährt noch eine lange Fortsetzung.

Long And Wasted Years, Stockholm 2013:

Selbstbildnis

20. Juli 2013

Ich gebe es gerne zu. Auch ich habe die Platte seit vielen Jahren im Regal und habe sie, wenn’s hochkommt, zweimal in meinem LebenSelf Portrait gehört. Der Vollständigkeit halber. Und sie seitdem nicht vermisst. Die Rede ist – Dylan-Afficionados wissen es längst – natürlich von „Self Portrait“. Der stets verkannten und oft verdammten Dylan-Scheibe von 1970.

Sie ist nun wieder in der Dylan-Welt in aller Munde. Denn ausgerechnet die Aufnahmen zu dieser Platte bilden die Basis und den Hintergrund für  die neueste Veröffentlichung der Bootleg-Series. Sicher, wir alle hätten was anderes lieber gehabt. Endlich mal wieder ein Live-Album, mit den besten Aufnahmen der Never-Ending-Tour. Oder die kompletten Dylan-Cash-Sessions. Oder die Bromberg-Sessions von 1992. Oder Outtakes der jüngsten Platten. Aber Self Portrait?

Und doch: Da man ja davon ausgehen kann, dass bei Sony nichts von Dylan veröffentlicht wird ohne seine Zustimmung, hatte er wohl zumindest nichts dagegen, etwas mehr Licht in diese Schaffensperiode zu bringen. Und so ist diese Ausgabe der Bootleg-Series für die Dokumentare und Archivisten unter den Dylan-Fans besonders wichtig. Aber: Die Platte kann mit einigen Jahren Abstand durchaus gehört werden. Denn sie dokumentiert nicht weniger als Dylans eigene Bestätigung der Basement Tapes: Dylan manifestiert sich in diesen Jahren als Künstler, der fest verortet ist in der Musik von Americana und Great American Songbook. Dylan als Rock-Avantgardist endete 1966. Seitdem ist er zwar weiterhin innovativ. Aber musikalisch eignet er sich nur mehr vorhandenes an, bzw. bringt es zusammen: Nach Rock meets Folk, nun Rock meets Country, Rock meets Medicine Show meets Commedia dell’arte (Rolling Thunder Review) , Rock meets Big Band (Welttournee 1978) , schließlich Rock meets Gospel (1979-81). Seine Genialität liegt in der der traumwandlerisch-bestechenden Mischung der musikalischen Versatzstücke und der kulturellen Ausdrucksformen,  die er nutzt, um auf ihnen große Songpoesie zu entfalten.

Doch hier auf Selbst-Porträt muss er die Versatzstücke und Genres erst mal finden und sich aneignen. Als Zeugnis künstlerischen Outputs ist Self Portrait weniger relevant. als Zeugnis künstlerischen Inputs umso mehr. Dieser Dylan – und das erinnert uns an manch frühes Konzert der Never Ending Tour- übt vor Publikum.

Ja und dann…dann habe ich mir Self Portrait doch ein bisschen schön gehört.  Wer das Album hat, sollte sich mal darauf einlassen. Manches kommt einem bekannt vor, manchem begegnet man in späteren Schaffensperioden wieder, manches hört sich wirklich gar nicht schlecht an. Und manches bleibt einfach obskur. Ein wichtiges Stück Dylan ist wieder entdeckt worden. Unerschöpflich diese Quelle…

Und hier zur musikalischen Untermalung ein schönes Video zu „Blue Moon“ in der Self Portrait-Fassung:

Neues vom New York Troubadour

8. Juli 2013

Unseren alten Freund Willie Nile hatten wir hier vor geraumer Zeit schon vorgestellt. Gehört von Musik, Texten und Haltung eindeutig in eine Liga mit Bruce Springsteen, Tom Petty oder Lou Reed, hat aber nie den großen Durchbruch geschafft. Ein ehrlicher Rocker, der wie kaum ein anderer einen unverstellten, aber stets von Zuwendung geprägten Blick auf  „sein“ New York und die amerikanischen Verhältnisse wirft. Musik, die sofort in Körper und Geist einzieht. Da verzeiht man ihm doch seine hin und wieder charmant eingestreuten musikalischen Klischees.

Nun hat er mit „American Ride“ ein neues Album vorgelegt. Und es ist wieder einmal neu und ganz vertraut. Mit unbeugsamer Liebe und einem Schuss Naivität lebt er weiter seinen amerikanischen Traum zwischen Road-Movie durch die weiten des Landes bis zum Song über die Bleecker Street in Greenwich Village. Willie bleibt Willie und Willie bleibt immer hörenswert.

Zum reinhören das Video zu American Ride:

Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

24. Mai 2013

DylanswIn meiner Jugend war er für mich eine Identifikationsfigur, später ein guter Weggefährte durch alle Veränderungen des Lebens und heute immer noch für mich der wichtigste lebende Folk-Rock- und Popmusiker und ein guter alter Freund. Für mich ein ewiger Quell der Beschäftigung. Für die Welt ein stets wacher Verwirrkopf, ein poetischer Chronist der amerikanischen Populärkultur – eine Überlebensgroße Figur. Und doch einer, der ganz normal viele Abende wie jeder andere sterbliche Musiker im Jahr sich auf einer Bühne den Menschen zeigt. Verletzlich wie jeder Künstler.

Schon seit einiger zeit gilt es keine Schlachten mehr zu schlagen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Stattdessen Freude über jedes Zeichen von ihm, über jeden neuen Song. Und was für starke Songs er immer noch schreibt.

Herzlichen Glückwunsch zum 72. Geburtstag, Bob. Heute Abend werden wir Dich feiern und hochleben lassen. Ab 20 Uhr im „Mosaik“ in Frankfurt-Bornheim. Die DoubleDylans und ich.

Countdown zum „Bobfest“ am 24. Mai in Frankfurt läuft

12. Mai 2013

Die “DoubleDylans” und Thomas Waldherr im Frankfurter “Mosaik”

telerose-bobfest_Der Countdown läuft: Anlässlich des 72. Geburtstages von Bob Dylan werden die  legendären “DoubleDylans” und der Autor dieses Blogs am Freitag, dem 24. Mai, wieder eine Geburtstagsfeier für “His Bobness” ausrichten. Ab 20 Uhr werden wir ihn unter dem Titel “Yeah! Heavy And A Bottle Of Bread” in der Frankfurter Jazz-Bar “Mosaik” (Freiligrathstraße 57) mit einer Lesung und viel Musik ehren und preisen.

Der Schreiber dieser Zeilen wird anlässlich des 50. Jahrestages des Erscheinens von „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ einen Vortrag mit Musikbeispielen rund um Dylans erstes Erfolgsalbum und die frühen Jahre in New York halten. Anschließend springen die „DoubleDylans“ quasi aus der Geburtstagstorte und werden in wohlbekannter Manier Songs aus all ihren Schaffensperioden zum Besten geben.

Das “Mosaik” ist ein hübsches, gemütliches Lokal und zusammen mit dem hochklassigen Programm die Anfahrt allemal wert. Zumal auch der Eintritt frei ist. Die Künstler werden es sich aber nicht nehmen lassen,  ihre vier Hüte herumgehen zu lassen.

Und noch einmal Lesung und Musik

12. April 2013

telerose-bobfest_Die „DoubleDylans“ und Thomas Waldherr am 24. Mai im Frankfurter „Mosaik“

Anlässlich des 72. Geburtstages von Bob Dylan werden die  legendären „DoubleDylans“ und der Autor dieses Blogs am Freitag, dem 24. Mai, wieder eine Geburtstagsfeier für „His Bobness“ ausrichten. Ab 20 Uhr werden wir ihn unter dem Titel „Yeah! Heavy And A Bottle Of Bread“ in der Frankfurter Jazz-Bar „Mosaik“ (Freiligrathstraße 57) mit einer Lesung und viel Musik ehren und preisen.

Das „Mosaik“ ist ein hübsches, gemütliches Lokal und zusammen mit dem hochklassigen Programm die Anfahrt allemal wert. Zumal auch der Eintritt frei ist. Die Künstler werden es sich aber nicht nehmen lassen,  ihre vier Hüte herumgehen zu lassen.

Wieder unterwegs und wieder ganz anders

7. April 2013

buffalo2013-2Lange war die Winterpause und die Ungeduldigen und die Zweifler unter uns fragten sich schon, ob das Ende schon gekommen ist. Ist die große Bob-Tour jetzt vorbei? Die Netz-Trolle streuten böse Gerüchte und die Szene war nervös. Und dann doch: Es geht weiter! Bob Dylan tourt von Anfang April bis Anfang Mai an der US-Ostküste und deren Hinterland durch die Universitätsstädte und gastiert in den Uni-Arenen.

Und das was sich im letzten Sommer positiv andeutete (Grand Piano und unbändige Spielfreude!) und im Herbst negativ – die Shows waren nicht schlecht, aber Dylan hatte den Autopilot eingeschaltet – zeigt sich nun in diesem Frühjahr. Dylan hatte mal wieder Lust auf Veränderungen: 1. Maßnahme: der Blues-Gitarrist Duke Robillard ersetzt den Texas-Rocker Charlie Sexton. 2. Maßnahme: Die Setlist ist radikal verändert. Vier Songs von „Tempest“ sind drin und die großen 60er-Hits sind raus: Kein Rolling Stone, kein Blowin‘ In The Wind. Stattdessen aus jeder Schaffensphase was. Die Korsettstangen sind „Things Have Changed“, „Tangled Up In Blue“ und „Ballad Of A Thin Man“.

Die drei Songs und die Art der Setlist können denn auch als künstlerisches Statement gelesen werden: Lest die Texte, wenn ihr dem nahekommen wollt, wer dieser Bob Dylan mal gewesen ist und im Jahr 2013 eigentlich ist oder sein möchte oder sein könnte… Und vielleicht muss man es auch als Ausrufezeichen verstehen, wenn Bob Dylan am zweiten Tag der Tour bis auf zwei Songs genau die gleiche Setlist spielt wie am Vorabend. Schon lange nicht mehr vorgekommen. Die Statistiker unter den Dylan-Fans werden es wissen und publik machen.

Tja, der alte Knabe schafft es immer wieder, uns zu überraschen. Auch mit bald 72 Jahren ist der Lockenkopf flexibel und risikofreudig geblieben. Das Dylan-Jahr 2013 fängt bestens an.

Ein paar Eindrücke aus dem Konzert vom 5. April in Buffalo, New York, gibt ein junger Dylan-Fan mit Film-Ausschnitten aus der Show auf YouTube zum Besten:

Paul Williams (1948 – 2013)

29. März 2013

Am vergangenen Mittwoch ist der Musikjournalist und Buchautor Paul Williams verstorben. Er litt nach einem durch einen Fahrradunfall ausgelösten Schädel-Hirn-Trauma seit einigen Jahren schon an frühzeitigem Alzheimer und war zum Pflegefall geworden.

Wir haben Paul Williams nur einmal gesehen und ihn nie mehr vergessen. Im Oktober 1995 las er im schon lange nicht mehr existierenden Tutti Bookie-Buchladen in Darmstadt aus seinem Buch „Forever Young. Die Musik  von Bob Dylan 1974 – 1986“. Es gab Zwiebelkuchen und ein Akustik-Duo mit einer guten Sängerin gab ein paar Dylan-Lieder zum Besten.

Doch Williams las nicht nur vor. Nein, sein Vortrag war eine Art Performance. Aus jedem gesprochenen Wort, ebenso wie aus jeder geschriebenen Zeile, floss seine echte und tiefe Begeisterung für Bob Dylan und sein Werk. Und damit steckte er an und weckte die Begeisterung bei anderen.

Seine Bücher über Dylan waren so geschrieben, dass man – einmal darin versunken – gar nicht mehr auftauchen wollte oder konnte. Dabei hatte er sicher hier und da Schwierigkeiten, noch eine kritische Distanz zu Dylan zu finden, aber das waren Marginalien gegen die Stringenz seines Ansatzes, die Schärfe seiner Beobachtungen, die Klugheit seiner Analysen und die Kühnheit seiner Schlüsse, die immer wieder geistreich, verblüffend und stets unterhaltsam waren.

Paul Williams hat mich wie nur wenige  – John Bauldie, Günter Amendt und Greil Marcus  – in der Art und Weise beeinflusst, mich mit Dylan zu beschäftigen und über ihn zu schreiben. Letztendlich war er eine der Triebfedern dafür, dass ich Ende des Jahres 1995 wagte, erstmals Texte über Dylan in Zeitschriften zu veröffentlichen.

Dafür und für sein Lebenswerk danke ich ihm. Und auch dafür, dass wir auf seiner Lesung eine Freundin kennen gelernt haben, die uns heute noch sehr nahe steht und uns sehr wichtig ist.

Rest in Peace, Paul Williams!