Posts Tagged ‘Bob Dylan’

Aus der Tiefe des Raumes

14. Juni 2010

Bob Dylan interpretiert in Linz seine Rolle als Spielmacher neu

Jahrelang fand er seine Verwirklichung darin, das  Spiel von den Flügeln aus anzukurbeln. Wahlweise klebte er am linken oder rechten Spielfeldrand an der Saitenauslinie und bearbeitete dort das Spielgerät in seiner typischen unorthodoxen, die Mitspieler und das Publikum stets überraschenden Spielweise, die aber letztlich aber immer unterhaltsam und erfolgreich ist.

Gerade kam erste Kritik auf, seine letzten Auftritte seien zu statisch gewesen und dass er nicht mehr dahin gehe, wo es wirklich weh tut. Da raffte sich die Spielmacher-Legende wieder einmal auf und erfand ihr Spiel nochmals neu.

Rechtzeitig zur WM kommt er nun verstärkt aus der Tiefe des Raumes und nimmt wieder das Zentrum des Spielfeldes ein, um dort auch den Applaus der Galerie zu ernten.

Wer Bob Dylan bei seinem Auftritt dieser Tage in Linz sehen konnte, der durfte eine gut aufgelegte, vor Spielwitz nur so sprühende Musiklegende erleben. Immer wieder tänzelt er von hinten nach vorne in die Mitte und spielt dort an dem Platz, den er so lang verwaisen ließ, mal Gitarre, mal Mundharmonika und crooned und posed vor allem, dass es nur so eine Freude ist. Dylan freut sich, hat Spaß mit sich, der Musik, den Mitspielern und dem Publikum und gibt ein fast perfektes, gut zweistündiges Konzert.

Eingerahmt von Rythm & Blues-Nummern wie Leopard Skin Pill-Box Hat, Highway 61, Thunder On The Mountain oder Jolene sind es die langsamen Erzählstücke, die begeistern: Tangled Up In Blue in einer ungewohnten neuen Fassung, The Lonesome Death Of Hattie Caroll sehr anrührend, Ballad of Hollis Brown als Bluegrass-Ballade, Not Dark Yet als dunkler Todes-Monolog oder What Good Am I als vertonter Selbstzweifel. Dazu als Abschluss und Höhepunkt ein fast schon hymnisches Ballad Of A Thin Man.

In der Nachspielzeit griff er mal wieder tief in die Trickkiste und zauberte mit Forever Young eine zuletzt selten gespielte Pretiose hervor, die wieder einmal deutlich machte, welch spielerische Ausnahmeerscheinung, dieser letzte Libero im mittlerweile so perfekt durchorganisierten Spielbetrieb eigentlich ist. Abpfiff und die Arena tobt!

Setlist:

1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. The Man In Me
3. I’ll Be Your Baby Tonight
4. Tangled Up In Blue
5. The Levee’s Gonna Break
6. The Lonesome Death Of Hattie Carroll
7. I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
8. Ballad Of Hollis Brown
9. Honest With Me
10. What Good Am I?
11. Highway 61 Revisited 
12. Not Dark Yet
13. Thunder On The Mountain
14. Ballad Of A Thin Man
   Zugabe:
   
15. Like A Rolling Stone
16. Jolene
17. Forever Young

Die fabelhaften Doubledylans

15. Februar 2010

Ihren 10. Geburtstag konnte jüngst Deutschlands beste Dylan-Coverband, die Frankfurter Doubledylans feiern. Während die Zimmermänner aus Aschaffenburg Dylan im Mainstream-Rock-Gewand zum Langweiler mutieren lassen oder Dirk Darmstädter vor Dylansongs ehrfürchtig in musikalischer Schockstarre verweilt, spielt keiner Dylan so wie die Doubledylans, denn nur sie spielen die Dylan-Sachen beflügelt vom Dylan’schen Geist: Anders, Schräg und stets auf dem Drahtseil tanzend.

Zum Jubiläum haben Sie ein Buch mit dem Titel „Hut ab!“ vorgelegt, das ihre Geschichte anhand von Geschichten erzählt. Beigesteuert haben diese Freunde und Weggefährten. Dieser Kreis ließ nun vor wenigen Tagen die Doubledylans hochleben. Ein denkwürdiger Abend in der „Brücke“ in  Sachsenhausen. Lesungen wechselten sich ab mit Musikdarbietungen der Doubledylans. Eine illustre Runde war da bei der „Rele(a)sung“ von „Hut ab!“ zusammen gekommen und feierte weit hinein in den Samstagmorgen.

Die Doubledylans starten nach 10 Jahren nun erstmal wieder richtig durch. Denn auch hier halten Sie es wie der Meister selbst: „Keep on keeping on…“

Bob Dylan’s White House Blues

2. Februar 2010

His Bobness trifft Mr. President

Das neue Jahr fängt so an, wie das alte aufgehört hat. Bob Dylan ist produktiv wie eh und je. Kaum war seine Fernost-Tour unter Dach und Fach und für März/April angekündigt, erfuhr man, dass der alte Zimmermann beim jungen Obama aufspielen wird. Am 10. Februar tritt Dylan beim Konzert im East Room des Weißen Hauses auf. Zusammen mit Natalie Cole, Smokey Robinson, John Mellencamp und anderen spielt er im Rahmen eines Konzerts mit dem Titel „In Performance at the White House: A Celebration of Music from the Civil Rights Movement“  Dies findet wiederum anlässlich des „Black History Months“ statt. Das Konzert wird in den Staaten auch im Fernsehen und im Radio übertragen.

Dylan wird damit das erste Mal im Weißen Haus spielen. Doch nicht zum ersten Mal folgt er der Einladung eines US-Präsidenten und ein Rückblick auf die Beziehungen von Dylan zu den amerikanischen Staatsmännern lohnt sich.

Aufgewachsen ist Dylan in der bleiernen Eisenhower-Zeit. Daher verband er ebenso wie fast alle Menschen seiner Generation große Hoffnungen mit dem Amtsantritt von John F. Kennedy. Auch wenn das Vertrauen unterdessen – Stichwort „Kubakrise“ und „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ als Reaktion darauf – doch Risse zeigte, war der junge Bobby über die Ermordung von Kennedy total erschüttert und es mag durchaus auch in dieser Erfahrung begründet sein, dass Dylan immer weniger Lust verspürte, den politischen Messias zu geben.

Lyndon B. Johnson, Richard Nixon und Gerald Ford waren dann Präsidenten mit denen das linke und liberale Amerika herzlich wenig anfangen konnte. Erst mit Jimmie Carter keimte wieder Hoffnung auf. Der empfing noch als Gouverneur von Georgia Bob Dylan auf seiner Comeback-Tour 1974 und sprach als Präsident von Dylan als seinem „guten Freund, dem Sänger Bob Dylan“. Der wiederum bezeichnete den Erdnussfarmer aus Atlanta als „ehrlichen“ Mann.

 Doch leider war Carter nur eine demokratische Episode inmitten der republikanischen Präsidenten. Reagan und George Bush sen. waren und blieben Verfechter der Interessenslogik von Konzernen und Militär. Umso mehr Hoffnungen verbanden sich mit der Präsidentschaft von Bill Clinton. Endlich einer aus der Generation der Baby-Boomer, ein saxofon-spielender Demokrat aus dem Süden. Prompt spielte Dylan auf dessen Inaugurationsfeier 1993 vor dem Lincoln Memorial als Überraschungsgast. Und 1997 ehrte der mittlerweile doch in beträchtlichen Schwierigkeiten steckende und insgesamt politisch enttäuschende Clinton unseren Bob mit der Auszeichnung eines Kennedy-Center-Awards.

Doch Dylan blieb seiner Linie so weit wie möglich Abstand zur offiziellen Politik zu halten auch weiterhin treu. Auch wenn George W. Bush ihn mit Urkunde zum „Ehren-Texaner“ erklärte. Den Mann nahm Dylan als amerikanischen Präsidenten ohnehin nicht ernst.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der Musikbranche – samt eines Tony Garnier, der während eines Konzerts schon mal einen Obama-Button trug – war Dylans Begeisterung für den neuen Hoffnungsträger Obama doch relativ verhalten. Dylan versteht die engen Grenzen der Möglichkeiten zur Veränderung der amerikanischen Politik instinktiv recht gut und investierte daher wenig öffentliche Emotionen in den Wandel, den er allerdings ebenfalls als notwendig bezeichnete. Dylan war diesmal bei der Inauguration nicht dabei.

Umso überraschender – aber gerade deswegen wieder typisch Dylan – dass er nun dieser Einladung Folge leistete, im Weißen Haus aufzuspielen. Und dass noch explicit zu einem Thema, mit dem man den Dylan von heute jetzt nicht unbedingt auf der Rechnung hat. Doch Dylan zapft immer wieder seine eigenen Quellen an, setzt sich mit seinen Wurzeln auseinander. Daher ist der Auftritt im Weißen Haus auch im Zusammenhang mit seiner Mitwirkung am Soundtrack von „The People Speak“ zu sehen. Er arbeitet sich an seiner Folk-Vergangenheit ab. Dylan weiß, woher er kommt und bestimmt stets selbst die Richtung in die er geht. Da würde einen jetzt auch eine von den Obamas arrangierte Reunion mit Joan Baez nicht mehr wundern.

Dass Dylan gerade jetzt Obama trifft, dessen Hoffnungsträger-Lack mittlerweile deutliche Schrammen aufweist, kann man auch als eine Art Solidaritätsbekundung verstehen. Denn Obama hat genau mit diesem übersteigerten Messianismus zu kämpfen, gegen den sich Dylan zeitlebens gewehrt hat. „Trust Yourself!“ und „Yes, We Can!“ liegen gar nicht so weit auseinander. Beide wollten und wollen, dass die Menschen sich nicht führen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wer weiß, vielleicht spielt Dylan ja als Zugabe eine auf Obama gemünzte Version des „White House Blues“…

Bluegrass-Bob

17. Januar 2010

Beim Schreiben meines neuesten Beitrages für http://www.country.de über Jim Lauderdale – der veröffentlichte zwei Alben in Zusammenarbeit mit Bluegrass-Legende Ralph Stanley – erinnerte ich mich wieder: 1997 hat Dylan mit Ralph Stanley zusammen den Bluegrass-Song „The Lonesome River“ für dessen Album „Clinch Mountain Country“ aufgenommen. Bobbie outete sich damals als Stanley-Fan und bezeichnete das Duett als „Karriere-Highlight“, Stanleys Frau wiederum bezeichnete die Aufnahme als die Beste des ganzen Albums. Und wirklich: Sehr hörenswert!

Doch dann ratterte es bei mir los. Nein, Bob Dylan hat bislang noch kein Bluegrass-Album aufgenommen (aber das ist ihm auch noch zuzutrauen…), aber dass er dem Genre sehr verbunden ist, dafür gibt es doch einige deutliche Anhaltspunkte. Fangen wir beim Anfang an: Sein Debüt-Album erhielt eine Folk-Version von „Man Of Constant Sorrow“. Jenem Song, der so etwas wie eine Erkennungsmelodie für den mittlerweile bald 83-jährigen Stanley ist. Als jener Bluegrass-Song, dann durch den Soundtrack von „Oh Brother, Where Art Thou?“ noch einmal zum Hit wurde, spielte Dylan als Referenz eine Rockversion des Liedes in seinen Konzerten.

Und als Dylan in den Neunziger Jahren seine Schaffenskrise durch die Vergewisserung über seine musikalischen Wurzen überwinden konnte, da gab es auch eine Bluegrass-Periode in seinen Live-Konzerten. Vom Herbst 1999 bis zum Sommer 2002 spielte Dylan in seinem Akustischen Set zum Konzertauftakt stets neben eigenen Songs auch zwei Bluegrass oder Country-Gospels. „Halleluja, I’m Ready To Go“, „I Am The Man, Thomas“ oder „White Dove“ waren darunter. Erst als er seine neue Rolle auf der Bühne als „Mann am Klavier“ definierte, fielen die Bluegrass-Songs aus dem Programm.

Mittlerweile ist „The Lonesome River“ auch auf „Tell Tale Signs“, dem achten Teil der Bootleg-Series, enthalten. Und „Bob Dylan goes Bluegrass“ wäre sicherlich nicht die schlechteste Option für eine neue musikalische Richtung Dylans…

„Do re mi“ oder: Ein Jahresrückblick

21. Dezember 2009

 Zu guter Letzt, nachdem alle relevanten Kritiken – ob positiv oder negativ – zum umstrittenen „Christmas in the heart“ erschienen sind und das Werk mittlerweile zur Bescherung in vielen Familien von Dylanfans weltweit bereit liegen dürfte, legt Dylan im Dezember noch mal nach. Der Film „People speaks“, eine Art amerikanischer Geschichtsschreibung von unten, und der dazugehörige Soundtrack erscheinen. Dylan ist dabei mit einer im Oktober live mit Ry Cooder und Van Dyke Parks eingespielten Version von Woody Guthries „Do re mi“ vertreten.

Für einige ein versöhnlicher Abschluss:  Dylan spielt wieder Woody, klasse! Es zeigt wieder einmal: Dylan ist der lebendige Schmelztiegel der amerikanischen Populärmusik, ohne dabei beliebig zu sein. Seine Version des „Dust-Bowl-Songs-Klassikers ist langsam und getragen. Der zornig-fatalistisch-spöttische Impuls des Originals ist nur als Nachhall vernehmbar. Das Lied ist Geschichte, weiß Dylan, und so liegt auch ein großes Stück Wehmut in seiner Interpretation. Wehmut auch darüber, dass die Verhältnisse immer wieder zu den Verwerfungen führen können, wie sie dem Song als Thema dienen. Damals waren es Wirtschaftskrise und Naturkatastrophen wie die großen Sandstürme, die das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusste. Bankenkrise, das Sterben der Autokonzerne, die Klimakatastrophe, Hungersnöte, weltweite Kriege sind es heute. Dass Dylan einem Projekt wie „People speaks“ mitwirkt – ebenso übrigens wie beim Wasserprojekt zur Weltausstellung 2008 oder bei der Hungerhilfe in diesem Jahr – zeigt, dass der alte Bob durchaus noch sensible Antennen für die Widersprüche der Zeit besitzt. Er will halt nur – und das ist eins der Themen seines Lebens – nicht als Politkünstler oder gutes Gewissen der Welt – wie Bono oder Bob Geldof – wahrgenommen werden. Und nimmt man die widersprüchlichen Signale auf, die im Moment von Barack Obama ausgehen, ist Dylans Zurückhaltung zu diesem Thema mittlerweile einleuchtend.

Mit der vorzüglichen Interpretation von „Do re mi“ schließt ein in jederlei Hinsicht spannendes und produktives Dylan-Jahr. Im Frühjahr die Kunde, Dylan hat Filmmusik für „My own love song“ mit René Zellweeger eingespielt, dann die Nachricht, es ist soviel dabei entstanden, dass es für ein ganzes eigenes neues Album reicht. „Together through life“ – im Gegensatz zu den in sich geschlossenen und perfekt ausgeklügelten „Love and Theft“ und „Modern Times“ – eher eine Skizze, der noch die qualitätssteigernden Konturen und Scharfzeichnungen fehlen – bricht wieder Chart-Rekorde. Unser Lieblingssong heißt „I feel a change is comin’ on“, weil er auf einer fast belustigt stoischen Art und Weise und mit einer leichtfüßig hüpfenden Melodie ziemlich unverblümt vom Älterwerden und der Sterblichkeit handelt. Im Frühjahr wieder eine Europatournee mit mehreren Stationen in Deutschland. Das Saarbrücker Konzert deutlich besser als Alicante 2008 und fast so gut wie Frankfurt und Mannheim 2007. Allein wie er „Blowin’ in the Wind“ neu arrangiert ist grandios.

Und wer im Musikbusiness – und nicht nur in der kulturellen Rezeption – wieder eine große Nummer ist, der findet den Weg zurück in die Klatschspalten. Und Bobby gab doch einige Steilvorlagen. Schaute sich inkognito die Elternhäuser von Neil Young (allein) und John Lennon (inmitten einer Touristengruppe!) an, wurde von der Polizei wegen verdächtigem Verhalten in einem Wohngebiet aufgegriffen, meldete sich mit Bedauern über die Art und Weise der Trennung von Joan Baez vor fast 35 (!) Jahren zu Wort und machte auch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten seine karitative Ader öffentlich: Seine Einnahmen des Weihnachtsalbums gehen direkt 1:1 an die Hungerhilfe.

Uff, der Alte schlägt wieder Haken wie ein Junger. Und das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Jahres: Dylan verzückt, Dylan belustigt und Dylan verstört mal wieder kräftig. Die qecksilbrige Unruhe scheint wieder zurück. Freuen wir uns auf ein neues Bob-Jahr 2010!

Der Vater von Country und Americana

21. November 2009

Jimmie Rodgers (1897 – 1933) wird allgemein als Vater der Country-Music bezeichnet. Er adaptierte den althergebrachten Hillbilly-Stil des armen weißen Südens, kombinierte ihn mit dem schwarzen Blues, ergänzte die Fusion mit den traurigen „Blue Yodels“ und zeigte sich offen auch für Einflüsse aus Jazz- und Schlagermusik. Dazu sang er Texte, die vom wirklichen Leben handelten. Die Melange zeigte ihre Wirkung: Rodgers war der erste populäre „Country-Star“ – den Begriff gab es damals noch nicht – und Vorbild für viele Künstler bis hin zu Bob Dylan.

Der hat bereits 1997 seinem Idol mit der „All-Star“-CD „The Songs of Jimmie Rodgers – A Tribute“ ein Denkmal gesetzt. Er selber steuerte die Liner-Notes sowie das Cover von „Blue Eyed Jane“ bei. Bereits 1985 äußerte sich Dylan voller Bewunderung über Rodgers: „The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. He recorded at the same time as Blind Willie McTell but he wasn’t just another white boy singing black. That was his great genius and he was there first… he sang in a plaintive voice and style and he’s outlasted them all.”

Bereits 1969 hatte  „Bakersfield- Rebel“ Merle Haggard dem „Singin’ Brakeman“ ein Tribut-Album gewidmet. Haggard war aufgrund seines Hippie-Spottlieds „Okie from Muscogee“ und seinen Besuchen bei Nixon und Reagan nicht unumstritten, ist aber als Chronist amerikanischer Lebensrealität ein eben solcher kritischer Freigeist wie seine Freunde Willie Nelson, Keith Richards und Johnnny Cash. Dass ihn sogar Joan Baez gecovert hat, beweist seine Anerkennung im Kollegenkreis. Haggard zeigt mit diesem Album ebenso wie bei seinen eigenen Songs sein Gespür für das Leben der einfachen Menschen und steht damit eindeutig in der Tradition von Jimmie Rodgers.

Auf Rodgers folgten Country-Sänger wie Lefty Frizell und Merle Travis, die sich sehr an Jimmie Rodgers Stil orientierten. Der eine – Lefty – soll ihn so gut imitiert haben, dass auf so manche Rodgers-Kompilation auch schon mal eine Frizell-Version rutschte, der andere – Merle – hat Jimmies Sangeshaltung abgeschaut und übernimmt in der Instrumentierung so manche Anregung Rogers’. Travis wiederum war einer der ersten Country-Musiker, der eine elektrische Gitarre benutzte. Damit wiederum inspirierte er den Kreis der Musiker aus Bakersfield, die dem milden Nashville-Sound den elektrisch aufgeladenen eher rockigeren Bakersfield-Sound entgegen setzten, der wiederum Grundlage für Merle Haggards Stil war.

Bob Dylan wiederum ist ein großer Verehrer von Querkopf Haggard. Zweifach erwies er ihm Tribut. 2005 ließ er ihn sein Vorprogramm bestreiten, 2007 setzte er ihm mit seinem direkt auf  Haggard bezogenen „Working Man’s Blues #2 ein Denkmal. Und es ist sicherlich mehr als eine Fußnote, dass die neuen Sterne am Americana-Himmel, die Felice Brothers, als eine ihrer wenigen Coverversionen Jimmie Rodgers’ „T for Texas“ eingespielt haben.

Bleibt festzuhalten: Mit Jimmie Rodgers fing wirklich vieles in der amerikanischen Populärmusik an. Im Grunde ist er mehr als der Vater der Country-Music. Er ist der Vater des Americana überhaupt.

Neue Sterne – The Felice Brothers

28. Oktober 2009

Felice_Long_06bManchmal soll man bewusst die Superlative sein lassen. Manchmal ist das verdammt schwer. So auch in diesem Fall. Bringen wir es so nüchtern wie möglich auf diesen Satz: „The Felice Brothers“ sind die neuen viel versprechenden Sterne am Americana-/Folk-Rock-Himmel.

Wer sie in diesem Herbst live in Deutschland live erlebt hat – so wie am Dienstagabend in der Frankfurter Batschkapp – der hat keine Musiker gesehen, sondern echte Musikanten. Die Jungs haben ihr Handwerk auf den Straßen und in den Metrostationen New Yorks gelernt. Und ihr Musikkonzept ist überzeugend, denn so bleibt Americana frisch, behält seine Rauheit und stirbt nicht als Kunstlied.

Erst einmal steht Truppe eindeutig in der Tradition von Bob Dylan & The Band, vielleicht mit einem Schuss Tom Waits. Das wäre nichts besonderes, wenn sie es nicht mit einer überzeugenden Kunstfertigkeit an den Instrumenten verbinden würden. Zudem haben sie drei fast archetypische Frontleute in ihren Reihen. Leadsänger und Gitarrist Ian Felice ist die dylaneske charismatische Zentralfigur, spindeldürr und zerbrechlich wirkend. James Felice besetzt die Rolle des Virtuosen an den Tasteninstrumenten und ist zugleich der freundliche Tanzbär, ein Garth Hudson unserer Tage. Greg Farley an Waschbrett und Geige spielt die Rolle des Joker. Während die in den Traditionen wurzelnde Musik der Gruppe deutlich macht, dass hier klassisches Americana  um Einflüsse des Punk, New Wave und Indie-Rock erweitert wurden, bricht der Joker gleichzeitig mit dem traditionellen Habitus des weißen Rockmusikers, indem er sie mit Ausdrucksformen der schwarzen Hiphop-Künstler kombiniert. Ergänzt werden Musik und Performance durch eine fast schon Irish-Folk-mäßige berauschte Spielfreude.

Das alles zusammen ergibt eine wundervolle, mitreißende, explosive Musikmischung und Live-Performance. Es gibt im Moment niemand Anderen, der im Americana-Bereich so geschickt und selbstverständlich die Fallen der ehrgeizlosen Traditionalisierung auf der einen– Bluegrass und Old Time  wie anno dunnemals, sehr schön aber so what? – und der Weltmusik-Kunstklang-Schönspielerei auf der anderen Seite umgeht und das Genre dadurch weiterentwickelt.

Vor kurzem konnte ich mit der Nitty Gritty Dirt Band und Rosanne Cash Künstler erleben, die bereits Jahrzehnte im Geschäft sind. Die Felice Brothers sind – hoffentlich – am Anfang einer großen Karriere. Spannend wird in den nächsten Jahren sein, zu beobachten, ob sie in der Lage sind, auch auf Dauer ihre Versprechen zu erfüllen.

Anspieltipp: CD „The Felice Brothers“, Song „Frankies Gun!”.

New York, New York 2

17. Oktober 2009

NY2009-II 168Eine prall gefüllte Woche New York liegt hinter uns. Eine Entdecker-, Lauf-, Essen und Trinken-, Wohlfühl-, Musikwoche, von der wir lange zehren werden.

Den Auftakt der Musikwoche bildete die legendäre Nitty Gritty Dirt Band im B.B. King’s Blues Club am Times Square. Ein fabelhaftes Konzert der Country-Rock-Pioniere. Und im Gespräch sind die total locker und umkompliziert. Mit Ihnen zu sprechen war ein ganz großer Moment. Mit Jeff Hanna und Bob Carpenter über „Oh Brother, where art thou?“ und Bob Dylan zu fachsimpeln – Wahnsinn!

Weiter ging es am nächsten Tag mit John Wesley Harding. Der Bob Dylan-Apologet – Nomen est Omen – ist ein ausgesprochener Sympath und ein toller, literarisch beschlagener Musiker. Nur spielt er momentan ein Programm, das von seinen Gästen lebt. Doch leider haben die nicht die Qualität, um wirklich den Abend zu einem ganz großen Vergnügen werden zu lassen. So bleibt von dem Event im „Le Poisson Rouge“ im Herzen von Greenwich Village vor allem der druckvolle, eingängige Folk-Rock von John Wesley-Harding und das lustige Spottlied über die Delta Airlines – „Delta, Delta, Delta, nothing rhymes on Delta, the stones play gimme shelter…“ im Gedächtnis haften.

Auch am eigentlich geplanten musikalischen „day-off“ zog es uns dann wohl instinktiv in den New Yorker Ableger der „Rock’n’Roll Hall of Fame“. Dort wird im Moment eine Ausstellung über „John Lennon in New York“ gezeigt. Eine sehr interessante und bewegende Schau. Die Dauerausstellung fällt dagegen etwas ab. So kommt Dylan meines Erachtens nach zu kurz weg gegenüber der (über-)breiten Würdigung von Bruce Springsteen. Dass als Hörprobe ausgerechnet „House Of The Rising Sun“ gespielt wird und nicht beispielsweise „Like A Rolling Stone“ ist unerklärlich. Schade!

Am nächsten Tag waren wir dann beim „World Premiere Concert“ von Rosanne Cashs „The List“. Hier traf sich wohl vor allem die New Yorker intellektuelle und Medien-Szene. Während wir bei den Nitties zwischen dem Lehrertyp zur Linken und den amerikanischen Mittelklasse-Hausfrauen zur Rechten uns in einem gemischten Publikum wieder fanden, waren unsere Nachbarinnen in der Lobby von St. Ann’s Warehouse deutlich als Medienleute zu identifizieren. Dass ich selber so einer bin, macht mir das leichter (lol!). Doch zum Konzert: Rosanne ist eine interessante Künstlerin, hat eine tolle Stimme und eine große Bühnenpräsenz. Es war eine sehr schöne, sehenswerte Show. Rosanne Cash überzeugte, auch weil jederzeit zu spüren war, welches Herzensanliegen ihr die Liste ihres Vaters ist.

Blieb als Abschluss dann noch die Bob Dylan-Weinprobe. Und die war eigentlich ein Ärgernis. Man nehme drei nervende, inhaltslos schnatternde Moderatoren (besonders der, der geradezu eine Parodie auf einen Rockjournalisten gab), ein überfordertes Personal, das asynchron zur Erklärung der Weine, die leider unaufregenden Tropfen ausschenkt – ein Wein fehlte gar völlig – und einen „Bob Dylan-Look Alike“, der Dylans Musik so beflissen wie unoriginell nachahmt: Leider eine Chance vertan. Dass man dabei in der Band „Highway 61“ live Rob Stoner (Desire, Rolling Thunder Review) die große Scarlet Rivera (Hurricane!) sowie Winston Watson (Never Ending Tour-Band 1993-97) erleben konnte, war das Beste und das positiv Unvergessliche am Abend.

Was bleibt sonst? Ins Village kommen ist immer so ein bisschen wie nach Hause kommen. Die Eichhörnchen im Washington Square Park wieder zu sehen. Und ich schwöre, dass uns am ersten Tag Greil Marcus am Waverly-Restaurant über den Weg gelaufen ist. Dass man wunderbar in New York laufen kann. Dass es vom Village nicht weit zum Hudson River ist. Dass am Hudson River eine wunderschöne Promenade entstanden ist. Dass wir in der Vandam Street Kinky Friedmans Loft nicht gefunden haben. Dass wir die White Horse Tavern überlebt haben. Dass wir von Willie Nile leider keine Spur gefunden haben, dafür sein Geist überall in den „Streets of New York“ zu spüren war. Dass wir eine lehrreiche Ausstellung über Lincoln and New York“ besucht haben. Und dass wir endlich ein Restaurant in New York mit „authentic southern and cajun food“ gefunden haben. Und so vieles mehr…

Jetzt sind wir tatsächlich so mutig: Nächstes Jahr fahren wir den Highway 61 runter!

Judas revisited

20. September 2009

Dylan-WeihnachtsmuetzeDem alten Bob ein dreifach donnerndes, weihnachtliches „Judas!“ Wer die einschlägigen Dylan-Blogs und Foren dieser Tage las, dem konnte übel werden: Nichts Neues unter den selbst erklärten Dylan-Jüngern seit Newport und Manchester. Da hatte es sich doch der Meister erdreistet, einfach mal aus Bock ein Weihnachtsalbum aufzunehmen. Und da der Alte wirklich nichts mehr verdienen muss, gehen seine Einnahmen auch 1:1 an Wohltätigkeitsorganisationen.

Soweit, so gut, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Kaum sind die ersten Sound-Clips der Weihnachtsongs zu hören, geht ein Geschrei los, als wäre Che Guevara zur CIA übergelaufen. Wie kann er nur, was für ein Songkatalog, wie lächerlich, und seine Stimme erst. Der große Künstler, der so große Werke wie – ich bleibe der Einfachheit im Jargon – TOOM, LAT, MT und TTL eingespielt hat, zerstört seine ganze Reputation mit den minderwertigen Aufnahmen von Weihnachtsschlagern, liest man da. Geht’s noch, liebe Leute? Gerade eben noch Hosianna geschrieen, wegen der Theme Time Radio Hour, nun „Kreuziget Ihn“ wegen „Christmas in the Heart“?

Denn genau so wird ein Schuh draus. CITH steht in eindeutiger Beziehung zu „Love and Theft“, „Modern Times“, vor allem aber der „Theme Time Radio Hour“. Dort hat er uns sein Verständnis von Musik und seine Geschichtsforschung mittels subjektiver Erinnerungen eröffnet.

Vor diesem Hintergrund ist die Auswahl von Songs und Arrangements zu sehen. Seine Stimme passt mal mehr, mal weniger. Der Mann wagt etwas, weil er Leidenschaften hat. Bob Dylan war nie Frank Zappa, ist nicht Bono und wird auch nicht mehr ein musikalischer Michael Moore werden. Eigene Dylan-Weihnachtsongs, womöglich noch mit Gesinnungstexten in antikapitalistischer Haltung – wer das erwartet hatte, der hat so einiges nicht begriffen.

Ich hatte zuletzt hier geschrieben, welche Art von Musik auf CITH ich mir vorstellen könnte. Was ich gehört habe, geht in diese Richtung, darauf freue ich mich. Allen anderen wünsche ich ein vorweihnachtliches „Immer schön locker bleiben“!

Er muss nichts mehr beweisen

3. Mai 2009

Dylans neues Album Together Through Life – ausführlich von mir auf country.de besprochen – zeugt von großer Spielfreude, wirkt aber hier und da gleichsam wie ein noch unfertiger Entwurf und beweist dadurch aber auch die große Souveränität des alten Meisters.

Der Mann muss nichts mehr beweisen. Entgegen dem Boulevard-Gossip-Scheiß von spiegel-online „brauchte“ er keinen Co-Autor, sondern arbeitete aus freien Stücken mit Robert Hunter zusammen. Und warum „Jolene“ und „Shake, Mama, Shake“ bei Dylan „erschreckend schwache“ (Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeier) Bluesschema-Fingerübungen sein sollen, während sie jedem anderen Künstler mit „authentisch“ und „vom schwarzen Blues durchdrungen“ – Gefasel abgenommen würden, hängt natürlich mit der einmaligen Stellung Dylans in der Popmusik zusammen.

Dylans neue Platte ist sicher weder textlich so komplex, musikalisch so dicht und konzeptionell so ausgearbeitet wie die drei Vorgängerplatten. Aber dennoch ist sie alles andere als trivial und eindimensional und schon gar nicht ist sie zu vergleichen mit Dylans B-Werken wie Knocked Out Loaded oder Self Portrait.

Together Through Life gibt genügend Stoff für alle Dylan-Freunde: Musik hören, über Texte Nachdenken, musikalische Querverweisen nachgehen. Eine Platte, die uns alle vielleicht mal wieder ein bisschen erdet nach all den Heiligsprechungen, Mystifizierungen und Auszeichnungen der letzten Jahre.

Wer in den 90er Jahren sich zu Dylan bekannte, dem wurde mitleidsvoll, manchmal auch geringschätzig begegnet. Dass Dylan momentan Everybodies Darling zu sein scheint und voraussichtlich wieder eine Platte als Nummer 1 in die Charts bringt, macht einem eher misstrauisch. Schließlich kennt man die Gesetze der Medien. Wir hoffen und wünschen, dass Dylan seine Souveränität beibehält. Es wäre gut für uns alle.