Archive for the ‘Folk-Rock’ Category

Bob Dylans Traum von Amerika

18. Oktober 2015

Sarbrücken erliegt der Magie eines amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstlers

Bob Dylan war schon frühzeitig nicht mehr der Name eines Künstlers sondern ein von Robert Zimmerman erfundenes und von ihm nach seinem Belieben immer wieder neu gestaltetes amerikanischea Kunstwerk.

Der High-School-Rock’n’Roller und abgebrochene Kunststudent Zimmerman traf erst in der Folkszene in Cambridge dann in New York ein, als das Folk-Revival und die kritische Jugendbewegung sich anschickte, den verwässerten Limonaden-Rock wegzuspülen. Dylan war intelligent und saugte alles Mögliche an Musik, Lyrik, Belletristik, historDylanConcert2015ischen Abhandlungen und Dramatik auf, und setzte es in Folk und Bluesmusik um. Später vollzog er immer wieder historische Wendungen und eignete sich die anderen amerikanischen Roots-Musik-Stile an: Rock, Country, Gospel. Und ganz nebenbei erfand er mit „The Band“ im Keller seines Hauses das Americana.

Wenn Bob Dylan dieser Tage – wie nun an einem Herbstabend in Saarbrücken – als 74-jähriger auftritt, dann hat Songs im Gepäck, die von seiner neuesten Wendung künden. Dylan hat sein öffentliches Spektrum nun um das „Great American Songbook“ erweitert. Er hat die Grenzen der ruralen amerikanischen Volksmusik verlassen und sich dem Urban-Pop der 30er und 40er Jahre zugewandt: Cole Porter, Frank Sinatra, Bing Crosby. Seine aktuelle Tournee ist quasi der Showroom von Dylans endgültiger Metamorphose zum amerikanischen ideellen musikalischen Gesamtkünstler.

Bob Dylan croont mit großer Lässigkeit, aber dennoch voller Engagement und Hingabe diese Songs. Er streut sie in sein Programm so ein, dass Sie zusammen mit den Songs seines bedeutenden Alterswerkes „Tempest“ das Gerüst und Rückgrat seines derzeitigen Konzertformats bilden. Und so springt er von Folk zu Blues zu Country zu Swing und zurück. Hier und da ein bisschen Bluegrass und Rock’n’Roll – und fertig ist Mr. Dylans musikalische amerikanische Klanglandschaft.

Das Bühnenbild und die Mitmusiker inszenieren die Erinnerung an die dunklen Jazzclubs der amerikanischen Großstädte in den 1940ern. An diesem Abend in Saarbrücken konterkariert Dylan dies, indem er einen schmucken Cowboy-Showanzug trägt. Auch hier ist wieder klar. der alte Dylan überlässt nichts mehr dem Zufall, alles ist detailliert geplant.

So auch die Setlist, die unverändert durch Europas Hallen wandert. Inhaltlich ist Dylans Alterswerk auch als Performer auf die wesentlichen Themen fokussiert: Zeit, Liebe, Tod. Alle dargebotenen Songs variieren dies: „Things Have Changed“ und „Long And Wasted Years“, „She Belongs To Me“ und „I’m A Fool To Love You“, „Highwater Everywhere“ und „Scarlett Town“, „Tangled Up In Blue“ und „Why Try To Change Me Now“, „Autumn Leaves“ und „Love Sick“.

Dylan wirkt dabei so beseelt und ist gut bei Stimme wie selten. Auch physisch wirkt er stabiler als beispielsweise noch vor zwei Jahren. Er steht öfters ausgiebig in der Mitte der Bühne und setzt sich seltener an den Flügel. Scheint wieder besser auf den Beinen zu seinen derzeit. So entsteht ein unterhaltsames, abwechslungsreiches musikalisch hervorragendes Konzert, das nur mit einem ganz großen Hitklassiker auskommt und gerade deswegen die Größe dieses Künstlers abbildet. Denn mit diesem Programm begeistert er die Leute mit großer Leichtigkeit.

So detailliert Dylan aber an seiner Performance arbeitet, umso großzügiger versteht er sich nur noch als Meister des großen Wurfs. Mit den großen Alltagsproblemen unserer Welt beschäftigt er sich vordergründig nicht. Wer aber genau hinhört, weiß um die Botschaften, die dieser Künstler dennoch im Subtext sendet. Dylans Amerika ist das ideelle Amerika als Freiheits- und Glücksversprechen. Neu und verstärkt begründet in der Zeit, aus der auch seine neuen Lieder stammen und in der auch Dylan geboren wurde: In den USA der 1930er und 1940er Jahre, als Roosevelts New Deal vielen Amerikanern endlich die Hoffnung gab, wirklich am Reichtum des Landes partizipieren zu können. Dass dies heute weiter denn je entfernt ist von der amerikanischen Realität, ist Dylan bewusst, und so hat er schon vor Jahren Wasser in den Wein gegossen, als er nicht in den großen Obama-Hype miteinstimmte und vor allzu großen Erwartungen warnte. Die Entwicklung hat ihm Recht gegeben.

Und dennoch singt Dylan gegen Ende ein ganz aufgeräumtes, fast schon fröhlich klingendes „Blowin‘ In The Wind“. Denn irgendwo ganz versteckt, glaubt er wohl immer noch an seinen amerikanischen Traum.

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

„The Cutting Edge“ – Die Transformation des Folkies zum Rockpoeten

26. September 2015

Cutting EdgeNa klar. Die muss ein Dylan-Fan haben. „The Cutting Edge – The Bootleg Series Vol. 12“ wird einen atemberaubender Einblick in eine der wichtigsten Phasen in der Geschichte der populären Musik geben. Wir erleben die Transformation des Folksängers und Songwriters Bob Dylan zum Rockpoeten, Performer und Superstar. Ohne die drei Alben „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ wäre Dylan sicher ein anerkannter Songwriter geblieben und als wackerer Folksänger heute zumeist in Gemeindesälen, kleinen Hallen und auf Kleinkunstbühnen unterwegs. Doch mit diesen drei Alben zeigte sich Dylans Ausnahmestellung. Vier gute Gründe dafür:

  1. Die Risikobereitschaft. Er hat Erfolg, er hat sein Publikum. Die anderen folgen ihm. 1965 ist die Protestsongwelle auf dem Höhepunkt: Barry McGuires „Eve Of Destruction“ und Donovans Version von „Universal Soldier“ wären ohne Dylan gar nicht denkbar. Doch Dylan verlässt die eingetrampelten Pfade und verstört seine Fans. Dies sollte bei ihm ein durchgängiges Karriereprinzip werden.
  2. Die Songpoesie. Themen und Bilder der Songs dieser Zeit liegen förmlich auf der Straße. Dylan absorbiert die unruhige Atmosphäre und die offenen Widersprüche der westlichen Welt wie keiner vor und nach ihm. Subterranean Homesick Blues, Mr. Tambourine Man, Ballad Of A Thin Man, It’s Alright Ma, Desolation Row – Allesamt geniale Werke, die sowohl einen aktuellen Bezug, als auch eine universelle Bedeutung besitzen. Mit stimmigen Bildern wird der Kampf des Individuums um Autonomie im Kapitalismus beschrieben. Ein Kapitalismus, der sich heute längst zur globalen Macht aufgeschwungen hat und in seiner neoliberalen Form zur Gefahr für Frieden, Umwelt und Demokratie geworden ist. Denn die Gewinner des Neoliberalismus wollen ihre Pfründe und ihre Art des Wirtschaftens erhalten und nehmen keine Rücksicht auf Demokratie und der notwendigen sozialen Gerechtigkeit und die Verlierer der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowohl in den Zentren, als auch an der Peripherie agieren desparat, irrwitzig oder gewalttätig und suchen wieder einmal Zuflucht in falschen Heilslehren und bei obskuren Führern. Den einen oder anderen damaligen Song von Dylan heute neu gelesen, lässt einen erschaudern, so aktuell klingt er.
  3. Die Musik. Der quecksilbrige Klang. Die Verschmelzung von folkorientierter Songaufbau mit rockorientierter Instrumentierung und Performance. Und Dylans, wie ich meine, bis heute unterschätzte Begabung, Melodien zu schreiben, die im Ohr bleiben. „Like A Rolling Stone“, „I Want You“, „Just Like A Woman“, „Mr. Tambourine Man“ zeichnen sich durch prägnante Melodien aus, die wiedererkennbar sind. Auch dies ist ein Grund für Dylans Erfolg.
  4. Das Bewusstsein für die eigene Musiktradition. Dylan war 1965 und 1966 eindeutig Avantgarde. Durch die Verschmelzung verschiedener amerikanischer Musiktraditionen – weißem Country und schwarzem Blues aus dem Süden, Folk von der Ostküste – und seiner Songpoesie, seinen Themen und seiner exaltiert-arroganten Haltung schuf er etwas bis dahin nicht dagewesenes. Er war die Sonne, um die die Planeten kreisten und rieb sich mit einem anderen Avantgardisten – Andy Warhol. Doch Dylans Musik ist nicht nur nach vorne gewandt, sie ist auch geerdet, hat Wurzeln. Jimmie Rodgers und Robert Johnson, Woody Guthrie und Hank Williams, Pete Seeger und Muddy Waters – ihr Echo hallt in dieser Musik nach. Doch das bemerken damals nur wenige. Umso verwunderter sind sie daher später darüber, welche Musik Dylan dann ab 1967 spielt.

„The Cutting Edge“ wird es in drei Versionen geben. Als „Essential“ auf zwei Scheiben. Als „Best Of“ auf sechs Silberlingen und als „Complete“ auf 16 Discs. Da ist dann quasi jeder Ton, der im Studio aufgefangen wurde, zu hören.

Ich bin gespannt. Natürlich sind viele der Aufnahmen in der Dylan-Welt schon lange bekannt. Aber so eine offizielle Veröffentlichung ist immer noch was anderes. Und doch würde ich mir nun nach den vielen Bootleg-Series Veröffentlichungen aus den 60ern nun auch mal was aus anderen Schaffensperioden des Meisters wünschen. Aus den 70ern, 80ern und 90ern gibt es noch recht viele Schätze zu heben. Voraussetzung der Meister macht das mit.

Vor 50 Jahren erschienen: Bob Dylans Highway 61 Revisited

6. September 2015

Highway 61Ja, dieses Album ist ein Meilenstein der Musikgeschichte und Bob Dylan wurde spätestens mit dieser Platte zum Giganten. Es enthält großartige Songperlen, wunderbare Poesie und „Dylan hat den Geist befreit, so wie Elvis den Körper befreit hat“ (Bruce Springsteen).

So könnte man einen Artikel über diese Platte anfangen, und sicher tun es viele auch so. Doch wenn Dylans Musik diesen Stellenwert für folgende Generationen behalten soll- und sie ist es wert, dass das so bleibt – dann muss man anders rangehen. Hier ein Versuch.

Bob Dylan war 24 Jahre alt, als Highway 61 Revisited am 30. August 1965 erschienen ist. Hinter ihm lag ein für damalige Verhältnisse – ohne Globalisierung, Internet, Social Media, Smart Phone und I-Tunes – rasender Erfolg innerhalb von vier Jahren. 1961 kam er nach New York City. 1962 erschien seine erste Platte. 1963 schaffte er den Durchbruch und wurde zum Idol der linken Jugendbewegung, 1964 begann er sich vom tagepolitischen Protestsong abzuwenden, 1965 hatte er mit „Bringing It All Back Home“ sein erstes Rockalbum vorgelegt, die Folkies in Newport verstört, den Folk-Rock erfunden. Dann erschien „Highway 61 Revisited“.

„Highway 61 Revisited“ ist zu erst einmal das Album eines jungen Mannes, der ganz bei sich und dem ist, was er als seine für ihn notwendige – nicht für andere – künstlerische Ausdrucksform ansieht. Als Dylan von seiner England-Tour 1965 zurückkam, war er frustriert. Das Publikum und das Business hatte ihm eine Darbietungsform abverlangt, die nicht mehr seine war. Er war nicht mehr der einsame Gitarrenfolkie, der politische Botschaften vertont. Dylan war zu einer seiner Wurzeln, der Rockmusik, zurückgekehrt. Und seine neuen Texte waren nicht unpolitisch, sondern zeit- und gesellschaftskritisch auf einer grundsätzlicheren Ebene, ohne ständig den Zeigefinger zu heben. Waren bildreich, anarchisch, sarkastisch, ironisch und zynisch.

Dylan spielt in seinen Songs ständig mit Perspektiven und Zeitebenen. Nein, Dylans Songs dieser Jahre (und auch später) sind vorwiegend nicht mit den Begriffen „biographisch“ oder „authentisch“ beizukommen. Auch wenn sie teilweise auf realen Konflikten oder Begebenheiten in seinem Leben begründet sein sollten – Dylan schafft es immer wieder, Masken und Bilder in seinen Songs einzuweben, die ihm Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Bereits der erste Song des Albums, „Like A Rolling Stone“, ist ein Beispiel dafür. Er basiert auf einem Wutpamphlet, das sich gegen seine Situation und gewisse Personen richtet, denen er die Schuld dafür gibt. Am Ende destilliert er das Ganze zu einem sechs-Minuten-Stück, in dem ein völlig namen- und eigenschaftsloser Erzähler dem Mädchen aus gutem Hause mal so richtig die Meinung geigt und den Spiegel vorhält. Der das hohe Lied der Straße singt und das Leben mit Risiko und ohne Netz und doppelten Boden propagiert. Dylan hat mit diesem Song in einem der vielen Bereiche, in denen er die Popmusik erneuert hat, sein Meisterwerk geschaffen. Er hat den „Anti-Love-Song“, den „Hate-Song“ in die Popmusik eingeführt. „Don’t Think Twice, It’s Allright“, „It Ain’t Me Babe“ und „Positively Fourth Street“ waren die Vorgänger dieses wortgewaltigen Ausbruchs, der Rebellion verströmt, und daher auf einer Ebene mit „(I Can’t Get No) Saticfaction“ von den Stones gesehen werden muss.

Dylan war 24 Jahre alt, hatte Kerouac, Woody Guthrie, John Steinbeck, Allen Ginsberg und Rimbaud gelesen. Er war von Brecht und Shakespeare beeinflusst. Gleichzeitig waren die Country-Legende Hank Williams, der Country- und Folkstar Johnny Cash, Bluesmen wie Robert Johnson oder Muddy Waters sowie die Rock’n’Roller Little Richard, Buddy Holly und Chuck Berry seine musikalischen Säulenheiligen. Für einen amerikanischen Mittelschichtsjungen aus der weiten Leere Minnesotas war das ein so erfrischend breiter Bildungskanon, wie man ihn sich bei der heutigen amerikanischen Selbstbezogenheit gar nicht mehr vorstellen kann.

Und dieser Dylan hat Spaß daran, diesen Bildungskanon zu nutzen, um ihn in seinen Songs aufmarschieren zu lassen. So reicht das Personal von „Desolation Row“ ja bekanntermaßen von Einstein bis Robin Hood. Doch wie kein anderer versteht es Dylan, diese für einen Amerikaner erstaunlich polyglotte Weltsicht immer wieder mit den amerikanischsten Mythen zu verbinden. Der Highway 61 ist gleichsam in Süd-Nord-Richtung erst die Straße der Freiheit für die schwarzen Sklaven, dann die Straße der Wohlstandshoffnung für die schwarzen und weißen Arbeitsimmigranten, die in die industrialisierten Metropolen drängten. Und in Nord-Süd-Richtung ist sie für immer der Blues-Highway, der von Chicago, der Jazz und Rythm- und Blues-Kapitale im Norden hinunter zu den Wurzeln des Country-Blues, zum armen Mississippi-Delta im tiefen Süden führt. Dylan erhebt sie in seinem Song „Highway 61 Revisited“ gleichsam zum universellen menschlichen Schicksalsort. Ganz schön kess.

Und während er in „Desolation Row“ mit dem europäischen Bildungskanon spielt, leitet er doch den Song mit einer Szene ein, die an die ganz dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte erinnert. „They selling postcards from the hanging“ erinnert an den Lynchmord an drei schwarzen Arbeitern eines Wanderzirkus im Minnesota der 20er Jahre und steht stellvertretend für den gewalttätigen Rassismus in den Staaten.

Highwy 61 PolizottiUnd so ist in all diesen Songs mit ihrer Musik auf dem Fundament von Rock, Folk, Blues und Country so vieles zu entdecken. Ein 24-jähriger legt die Finger in die Wunden des westlichen Kapitalismus, in dem er nicht agitatorisch deklamiert und propagiert, sondern indem er Normen, Machtverhältnisse und Kontinuitäten der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellt, ihnen den Spiegel vorhält und sie dem Spott aussetzt. Der Dylan jener Jahre mag für seine nähere Umgebung ziemlich zickig und nervig gewesen sein, doch sein Anliegen als Künstler ist humanistisch. Gerade, weil er sich von niemandem vereinnahmen lassen will.

Mit diesem Album – eigentlich aber schon mit „Subterranean Homesick Blues“ vom Vorgängeralbum „Bringing It All Back Home“ – beginnen die Sechziger. Dylan stellt sich an die Spitze der Gegenkultur, weil er genau das nicht will. Und wieder sollte es nicht lange dauern und dann wird sich Dylan auch dieser Gegenkultur entziehen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Wer mehr zum Album „Highway 61 Revisited“ erfahren möchte, dem sei Mark Polizottis Buch „Highway 61 Revisited“ empfohlen. Lesenswert!

Country, Folk und Blues aus Rhein-Main

18. August 2015

Das „Germanicana-Folkfestival“ hat am 29. August in Darmstadt PremiereGermanicana_Plakat A2_5

Der Geist von Musik-Ikonen wie Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Townes van Zandt liegt in der Luft, wenn am Samstag, 29. August, in Darmstadt zum ersten Mal das „Germanicana Folkfestival“ stattfindet.

„Es war die Idee und Initative von Wolf Schubert-K und wir freuen uns, Geburtshelfer und Paten dieser großartigen Sache zu sein“, erklären Theater-Chef und Sommerblüten-Organisator Klaus Lavies und Thomas Waldherr, Initiator und künstlerischer Leiter der Reihe „Americana im Pädagog“, zur Premiere des „Germanicana Folkfestival“ im Rahmen der Reihe „Sommerblüten 2015“. „Country, Folk, Blues and more aus Rhein-Main“ verspricht das Line-Up dieser Veranstaltung. „Für mich war das ein lang gehegter Herzenswunsch und ich bin froh und dankbar, dass er in Darmstadt endlich in die Tat umgesetzt wird“, so Musiker und Americana-Urgestein Wolf Schubert-K.

Und es hat sich gelohnt, denn das Publikum erwartet ein Americana-Programm vom Feinsten. Mit dabei sind an diesem Tag (Beginn 17 Uhr) im Hof des Hoffart-Theaters (Lauteschlägerstraße 28) der weit über die Region hinaus bekannte Folk- und Blues-Künstler Biber Herrmann, Americana Singer-Songwriter Markus Rill, Wolf Schubert-K & The Sacred Blues Band, die Frankfurter Band „Die DoubleDylans“, sowie die Darmstädter Lokalmatadoren „Candyjane“ und Vanessa Novak. Zwischen den musikalischen Acts wird Roger Jones die Zuhörer mit Poetry unterhalten.

Die Künstler in der Kurzvorstellung

Über Biber Herrmann hat Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau einmal gesagt, er sei „einer der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler in unserem Lande und darüber hinaus. Den traditionellen Blues spielt er mit einer Lebendigkeit, die Herz und Seele berührt.“

Markus Rill ist ein großartiger Storyteller. Rill hat die Gabe, die ganze breite Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden. Mal voller Humor und Optimismus, mal nachdenklich, mal traurig. Er lernte sein Handwerk in Austin/Texas und wurde schon mit mehreren internationalen Songwriterpreisen ausgezeichnet.

Wolf Schubert-K. war bereits in den 90er Jahren als Pionier des Alternative Country unterwegs. Mit der Sacred Blues Band haben sich gestandene Musiker zusammengetan die was zu sagen haben: Folksongs, Country, Gospel und Roots-Rock Elemente bilden das Fundament für die Geschichten zwischen Zusammenbruch und Aufbruch.

Die DoubleDylans sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound, teils mit traditionellen Songs, teils mit Eigenkompositionen, die dem Regen huldigen, sehnsüchtige Wasserschnecken besingen oder von alltäglichen Fußangeln und schwarzen Löchern handeln, von Ungeziefer und erloschener Liebe.

Angelehnt an die Americana-Folk Tradition spielt die Deutsch-Amerikanerin Vanessa Novak eine eigene Mischung aus Folk-Blues und Country. Geboren in Detroit und aufgewachsen mit der Musik von Johnny Cash und Dolly Parton ist Vanessa Novak aus Darmstadt eine der authentischsten Songwriterin der deutschen Folk und Americana-Szene.

Und zwischen den Music-Acts slammt sich Poet Roger Jones durch die Americanische Musikgeschichte: bildhaft, schnell und poetisch!

Ein Festival für die Americana-Singer-Songwriter-Szene der Region

„In Rhein-Main gibt es eine rege Americana-Singer-Songwriter-Szene. Mit dem „Germanicana-Folkfestival soll sie sich in regelmäßigen Abständen treffen. Der Charakter soll irgendwo zwischen Festival und Jam-Session angesiedelt sein, so wird ein Schwerpunkt auch darauf liegen, dass die unterschiedlichen Acts auch in verschiedenen Kombinationen auf der Bühne stehen werden. Die Musik, das Publikum und unsere gegenseitige Wertschätzung stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schubert-K. die Intentionen der Veranstaltung.

Klaus Lavies und Thomas Waldherr indes freuen sich auf einen guten Zuschauerzuspruch. „Wer hier lebt und Country, Folk und Blues mag, der darf das „Germanicana-Folkfestival“ nicht versäumen“, wünscht sich Waldherr viele Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tickets gibt es im Vorverkauf online unter http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html oder in Darmstadt im Darmstadt-Shop im Luisencenter, Luisenplatz 5, 64283 Darmstadt, Tel. 06151-134513.

„Just A Picture From Life’s Other Side“

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel „Just A Picture From Life’s Other Side“ die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann („Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von „Sweet Chili“ und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

Shadows In The Night – Erste Annäherungen

24. Januar 2015

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightDylan, der alte Unberechenbare, hat nun erstmals seit einigen Jahren wieder ein großes Interview gegeben, um seine Platte „Shadows In The Night“ zu bewerben. Und da er – oder sein Beraterstab – mittlerweile die PR-Maschine perfekt beherrschen, gab er das Interview nicht dem Rolling Stone, sondern dem Magazin der mächtigen US-Interessensorganisation der Senioren, AARP. Dies ist sowohl zielgruppengerecht, als auch vertriebswegorientiert, denn gleichzeitig verteilt Dylan 50.000 Kopien seines Album mittels der Print-Ausgabe des Magazins. Wow! Wieder so in Dylan-Coup.

Doch kommen wir zum musikalischen. Neues über den Menschen Dylan oder seiner Sicht der Welt gibt uns dieses Interview nicht, sondern es zeigt noch einmal sehr schön deutlich auf, welche Wurzeln Dylans Musik hat und vor allem zeigt es seine große Liebe, sein immenses Wissen und sein tiefes Verständnis für alle Formen der amerikanischen Populärmusik.

Ein Freund, ein großer Kenner der texanischen Country-Singer-Songwriter und auch sonst ein kluger Kopf, mahnte in der Beschäftigung mit „Shadows In The Night“ an, dass uns das Sinatra-Ding auf die falsche Fährte locken würde. Der Antrieb für „Shadows In The Night“ wäre ein anderer.

Und in der Tat, er hat nicht ganz Unrecht. Sinatra führt hier der Fragesteller ein. Dylan schafft es, das aufzugreifen und weder zu bestätigen noch zu dementieren, wie es so schön heißt. Natürlich sind die Songs alle schon von Sinatra gesungen worden. Doch sie gehen zum Teil zeitlich weiter zurück. Dylans „Shadows In The Night“  ist vielmehr eine erneute Hommage an „The Great American Songbook“, an den traditionellen urbanen amerikanischen Popsong, verwurzelt im Jazz und Swing der 20er, 30er und 40er Jahre. Erneut deshalb, weil das auch – allem vordergründigen Weihnachts-Sentiment zum Trotz – schon bei „Christmas In The Heart“ mit-swingte.

Dylan hat sich im Laufe seiner Karriere allen seinen Wurzeln gestellt. Er wurde bekannt durch Folk- und Protestsong, berühmt und legendär durch seine Verbindung von Folk-Rock mit surrealen Songtexten. Er sorgte für Verwirrung durch Liaisons mit Country und Gospelmusik. Und schon einmal, in frühen Zeiten Anfang der 70er, verschreckte er seine Anhänger auf „Self-Portrait“ mit dem amerikanischen Popsong. In diesem Interview erzählt er nochmal ausführlich, dass er groß geworden ist mit der Musik, die ihm die Radiostationen im hohen Norden der Vereinigten Staaten boten: Country, also Hank Williams und die Grand Ole Opry, ebenso wie die den frühen Rock’n’Roll, den Blues, Soul und Gospel. Und eben die Musik der großen Big-Bands wie der von Glen Miller.

Nun also die Beschäftigung mit dem Great American Songbook ganz systematisch, kreativ befreit und lässig souverän. Was man bislang im Netz oder live hören konnte klang sehr interessant. „Full Moon And Empty Arms“ konnte mich nicht vollauf begeistern – Dylans Stimme wirkte wie sediert. „Stay With Me“, das schon im letzten Abschnitt seiner Tour stets der letzte Song des Abends war, klingt dagegen berührend, großartig und, wie ich empfinde, überirdisch schön.

Noch wenige Tage, dann ist die Platte raus. Dann können wir uns mit dem Gehörten, mit den Arrangements, den Songtexten und der Song-Reihenfolge des Albums auf die Suche nach dem inneren Zusammenhang des Albums machen. Werkdeutung – die Lieblings-Disziplin der Dylanologen  – ist angesichts von „Shadows In The Night“ nun wieder angesagt. Frisch ans Werk!

Auszüge aus Dylans Interview sind hier nachlesbar:
http://www.aarp.org/entertainment/style-trends/info-2015/bob-dylan-aarp-magazine.html?intcmp=AE-HP-BB1-BOBDYLAN

Und hier kann man sich „Stay With Me“ anhören:
http://www.npr.org/blogs/allsongs/2015/01/19/377744951/song-premiere-bob-dylan-stay-with-me?utm_campaign=storyshare&utm_source=twitter.com&utm_medium=social

Deutscher Talking Blues Master

6. Dezember 2014

Was Hannes Wader mit Americana verbindet

Hannes_Wader_Sing„Nein, ich bin nie ein Rocker gewesen“, sagt die mittlerweile 72-jährige deutsche Liedermacher-Legende Hannes Wader über sich. Und tatsächlich ist er auch nie über Bob Dylans „The Freewheelin“ herausgekommen, ist schon der Folk-Rocker ihm fremd geblieben, so dass er schlecht als deutscher Dylan-Epigone durchgeht. Das haben andere später nach ihm gemacht. Leider allzu trivial, doch das wäre ein anderes Thema.

Wenn der Ostwestfale, der schon vor langer Zeit Norddeutschland als seine Heimat entdeckt hatte, nun Anfang nächsten Jahres mit „Sing“ ein neues Album vorlegt, dann lohnt es doch genau hinzuhören. Sicher, die französischen Wurzeln seines Liedermachertums waren stets größer. Eben Francois Villon. Oder das Vermächtnis des Schweden Carl Michael Bellman. Aber schon mit dem zweiten Song auf dem Album beweist er, dass er ein Folkie ist, der unzweifelhaft auch seine Americana-Wurzeln kennt. „Wo ich herkomme“ ist ein meisterhafter Talking Blues. Wader beherrscht dieses Subgenre wie kein zweiter in unseren Landen. John Lee Hookers „Tupelo“, Woody Guthries „Talking Dust Bowl Blues“, oder Dylans “Talking World War III Blues“ – hinter alldem müssen sich Waders „Tankerkönig“ oder „Rattenfänger“ nicht verstecken. Wader entwickelte das Genre weiter, durch politische Konkretheit, irrwitzige Geschichten und seinen derben schwarzen Humor.

Auch wenn die Burg Waldeck ein sehr deutsches Phänomen gewesen ist. Auch sie wäre nicht ohne das US-amerikanische Folk-Revival möglich gewesen. Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan lieferten den musikalisch-politischen Resonanzkörper für Sänger wie Wader oder Hein und Oss. Am entferntesten von der US-Kultur waren sicherlich Leute wie  Degenhardt oder Süverkrüp, schon damals Parteigänger der Kommunisten. Und doch – bei aller berechtigten Amerika-Kritik bezüglich Vietnam-Krieg und Rassismus – war doch Amerika auch – konkret das „andere“ Amerika – ein Einfluss, der schwer zu leugnen ist.

So auch bei Wader. Von ihm gibt es ein paar Dylan-Songs auf Deutsch, vor allem aber die Zusammenarbeit mit den Dylan-Zeitgenossen Deroll Adams und Ramblin‘ Jack Elliott auf den legendären CDs „Folk Friends“. So halten sich die Country, Folk und Blues-Einflüsse sowie die irischen die karibischen (!) – da hat der alte Knorrer bestimmt viel Spaß gehabt – auf „Sing“ auch die Waage.

„So wie der“ ist ein starker Auftakt. Über die Begegnung mit einem alternden Straßensänger gerät Wader in die Erinnerungen seines Folkie-Lebens. „Folksinger’s Rest“ erzählt von einer musikalischen Einkehr in Irland. „Morgens am Strand“ erzählt über fröhlich-karibischen Urlaubsklängen wie eine tote schwarze Frau an den Touristenstrand gespült wird. Und „Arier“ ist dann wieder ganz die einfach nicht totzukriegende – weil immer noch und immer wieder geschehende – Geschichte vom Grauen hinter den idyllischen Fassaden.

„Sing“ ist ein weiteres, schönes Alterswerk von Hannes Wader, der wohl, so zeigt es sein Live-Programm auf, sich immer stärker seinen amerikanischen Einflüssen stellt. Denn immer wieder mal beendet er sein Programm mit einem lupenreinen und für ihn wunderbar programmatischen alten Countryhit: Roger Millers „King Of The Road“.

Der Holzindianer

5. August 2014

Hank Williams_Sings Kaw-Liga and Other Humorous Songs_LP_frontNeulich beim Neil Young-Konzert. Erst nahm ich ihn gar nicht wahr. Er stand einfach so stoisch auf der rechten Bühnenseite – der Holzindianer. Schaltete sich auch gar nicht ins Geschehen ein. Wobei sein Aktionsradius dennoch am Ende größer schien, als der des Bassisten, der als lebender Indianer im Bühnenzentrum den Stoiker gab.

Stattdessen schaute der alte Neil regelmäßig zwischen den Songs beim Holzindianer vorbei und hielt Zwiesprache, knuffte ihn vor die Brust oder schlug ihn auf die Schulter. Ganz so wie es sich gehört für jemanden, der seit Jahrzehnten mit einer Band namens „Crazy Horses“ unterwegs ist. Der Holzindianer als Bruder im Geiste und als Talisman.

Eben an die Bedeutung anknüpfend, da seine Wurzel ist. Halb Nachfahre der Totempfähle stolzer Indianerfamilien, halb amerikanische Garten- und Verandafigur. Gleichzeitig Zeichen der Unterwerfung der „Native Americans“ wie unschuldiges Folklore-Element – das schaffen nur die Amerikaner!  – wie Respektbezeugung für die stolze Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Neil Young weiß das und daher ist seine Geste eben keinesfalls despektierlich.

Und er kennt seine Geschichte der amerikanischen Populärmusik nur zu gut. Dem Holzindianer wurde ja von keinem Geringeren als dem großen Hank Williams ein Denkmal gesetzt. Und zwar ein ebenso humorvolles wie sentimentales wie charmantes: Kaw Liga. Die Geschichte des einsamen Holzindianers:

KAW-LIGA, was a wooden Indian standing by the door

He fell in love with an Indian maid over in the antique store

KAW-LIGA – A, just stood there and never let it show

So she could never answer „YES“ or „NO“.

 

He always wore his Sunday feathers and held a tomahawk

The maiden wore her beads and braids and hoped someday he’d talk

KAW-LIGA – A, too stubborn to ever show a sign

Because his heart was made of knotty pine.

 

[Chorus:]

Poor ol‘ KAW-LIGA, he never got a kiss

Poor ol‘ KAW-LIGA, he don’t know what he missed

Is it any wonder that his face is red

KAW-LIGA, that poor ol‘ wooden head.

Und so ist das Bühnenbild von Neil Young und sein Umgang mit dem Holzindianer nichts anderes als ein popkulturelles Zeichen: Für den Respekt vor den Indianern und der Geschichte der amerikanischen Populärmusik zugleich. Auch hier in dieser kleinen Geste zeigt sich die Größe von Neil Young, einem der wichtigsten nordamerikanischen Künstler unserer Zeit.

 

Hank Williams sings Kaw Liga:

 

Spuren von Dylan

21. Dezember 2013

Teufel%20komm%20raus%201-5dc6f36bDie DoubleDylans treten auf ihrem neuen Album aus dem Schatten des Meisters

Sie sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt. Mit ihrem neuen Album „Teufel komm raus“ gehen sie in ihrer Entwicklung wieder einen Schritt weiter, und entfernen sich von den direkten Dylan-Vorlagen.

Uns tatsächlich funktioniert es wunderbar. Schließlich haben sie schon auf vorangegangenen Alben immer wieder eigene Kompositionen aufgenommen, die ihr großes Talent für das Songwriting beweisen. So „Das Schönste am Sport“ („Ich und ein anderer“, 2004) oder „Lola Montez“ („Bluesbrüder“, 2012). Die Elf Songs der neuen Scheibe, für die Robert Noetzel, Matthias Schmidt und Uli Klapdor wieder als „The Devilish DoubleDylans“ firmieren sind süffiges Singer-Songwriting auf Deutsch.

Ob „Mein Freund der Ball“ oder „Festbankett“  oder der Titelsong „Teufel komm raus“ – die DoubleDylans sind wahre Wortakrobaten, die auch ohne den Meister hörenswerte Songs abliefern. Die einzigen beiden Songs indes, die direkt Spuren von Dylan enthalten sind die an „If Dogs Run Free“ angelehnte Ode an den besten Freund des Menschen, „Dem Hund geht’s wie mir“, und das freundliche Spottlied auf den Zirkus der Dylan-Jünger, „Ersatzreligion“, das mit „Desolation Row“ verwandt ist.

Mit viel Humor und Doppelbödigkeit finden sie immer wieder erstaunliche Bilder für unsere Zeit. Und auch musikalisch ist das mit Unterstützung von Tom Ripphahn („Hands On The Wheel“)  entstandene Werk richtig gut. Ein rockig-entspanntes Album haben die Jungs da abgeliefert.

Also unbedingt besorgen. Weihnachten hin, Weihnachten her – das Album ist sowieso ein Geschenk für uns alle!

Weitere Infos zur Platte und zur Bestellung gibt es hier:
http://www.doubledylans.de/news-detail/items/die-neue-cd-teufel-komm-raus-ist-da.html