Archive for the ‘Woody Guthrie’ Category

Billy Bragg & Joe Henry: Shine A Light

4. November 2016

bragg-henryDie Eisenbahn – „The Railroad“ – ist eine der großen amerikanischen Mythen. Sie verband das große, weite Land ab Mitte des 19. Jahrhunderts von Nord nach Süd, von Ost nach West. Die Arbeiter, die sie bauten wurden zur Legende. So wie der Schwarze John Henry, der an der Wette starb, schneller zu sein, als die neuen dampfgetriebenen Hämmer. Die Züge, mit den klingenden Namen „Wabash Cannonball“, „City Of New Orleans“ oder „Texas Eagle“, wurden ebenfalls legendär und oft besungen. Und untrennbar mit dieser Mythologie verbunden sind natürlich die wandernden Tagelöhner, die auf den Güterzügen fuhren, die Hobos.

Heutzutage spielt die Eisenbahn im amerikanischen Verkehrswesen nur noch eine Nebenrolle. Die Güter werden mit den Trucks von A nach B transportiert, die Menschen sitzen in den Autos oder nehmen das Flugzeug. Der britische Folksänger Billy Bragg hat sich nun zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen Joe Henry auf eine besondere Reise zu diesem Mythos aufgemacht. Denn seit jeher ist der Railroad-Mythos auch fester Bestsandteil der amerikanischen Folkmusik. Ob Woody Guthrie, Johnny Cash oder Bob Dylan, für sie alle war die Eisenbahn stets eine Quelle der Inspiration.

Vier Tage waren Bragg und Henry im „Texas Eagle“ von Chicago nach Los Angeles unterwegs. Bei jedem Stopp schnappten sich die beiden ihre Gitarren und ihre Aufnahmegeräte und spielten die Songs neben den Gleisen und in Wartesälen ein. So entstanden atmosphärisch dichte und ganz besondere Field Recordings. Und selbstverständlich sind alle aufgenommene Stücke Klassiker der Eisenbahn-Songs. „Rock Island Line“ ist ebenso dabei wie „The Midnight Special“, „Lonesome Whistle“ und natürlich „John Henry“. Und so ist diese Platte dann nicht nur ein Tribute an die amerikanische Eisenbahn, sondern auch an die, die ihr ein Lied gesungen haben: hier Jimmie Rodgers, Hank Williams, Lead Belly oder Glen Campbell.

Es ist ein kleines feines Werk, dieses Album von Billy Bragg und Joe Henry. Ein kleines Americana-Kabinettstück über eine längst vergangene Zeit, die sich in Erinnerung zu rufen lohnt. Und das nicht nur wegen der Songs.

Und hier die Videos zum Album auf YouTube.com:

Woody Guthrie: Old Man Trump

4. August 2016

woody-guthrieAusgerechnet der Heilsbringer der weißen amerikanischen Arbeiterklasse – der „Klasse an sich“, nicht der „Klasse für sich“, hier unterscheidet Marx sehr fein – ist einer, der seinen Reichtum geerbt hat. Donald Trump: Nichts geleistet, nichts geschafft, nur geerbt, spekuliert, gekauft, verkauft und immer mal wieder was gewonnen. Und das meist auf dem Rücken von Arbeitern. Und da ist Donald ganz sein Vater. Der hatte mit Hilfe öffentlicher Gelder Mietshäuser gebaut, in denen er keine Schwarzen wohnen ließ.

Woody Guthrie bemerkte dies zu spät und wohnte eine Zeit lang in einem der Häuser Trumps. Und hat darum einen Song voller Wut über den rassistischen „Old Man Trump“ geschrieben. Ryan Harvey, Tom Morello und Ani DiFranco haben Woodys Text kongenial vertont. Anhören, teilen und teilen und teilen. Denn eines muss uns klar sein. Ein Präsident Donald Trump wird alles daran setzen, ein Herrscher zu werden, dem Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtssicherheit und Gerechtigkeit genauso wenig bedeuten wie Erdogan, Orban, LePen und den Leuten von der AFD. Daher gilt es, Trump zu verhindern. Und das geht nur, indem Hillary Clinton Präsidentin wird. Alleine, um die Möglichkeit zu erhalten, die Gesellschaft wieder fortschrittlicher und gerechter zu machen. Unter einem Absolutisten Trump wird es diese Möglichkeit kaum geben. Denn der wird gnadenlos regieren. Also Schluss mit der Angewohnheit der europäischen Linken, Trump als Witzfigur zu sehen. Sein Vater war schon keine.

Musik aus der Region im Geist von Bob Dylan und Neil Young

31. Juli 2016

Germanicana-Folkfestival gastiert am 13 August erneut in Darmstadt

Wenn am 13. August das Germanicana-Folkfestival erneut Station in Darmstadt macht, dann spielen dort zwar Musiker aus der Rhein-Main-Region, aber überxGermanicana 2-2016_Plakat A2 - 3 allen Darbietungen schwebt der Geist der großen amerikanischen Singer-Songwriter wie Bob Dylan, Neil Young, Hank Williams oder Woody Guthrie. Ideengeber und Initiator Wolf Schubert-K. – mit seiner „Sacred Blues Band“ auch Teil des Programms – drückt es so aus: „Die amerikanische Musik speist sich aus dem, was die Einwanderer mitgebracht haben, nun kommen die amerikanischen Einflüsse zurück über den Teich.“

Nach der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr mit einem stimmungsvollen Abend in der schönen Atmosphäre des Hofs vor dem Hoffart-Theater, hoffen die Macher heuer auf eine ähnlich gelungene Neuauflage. „Wir möchten nach Americana im Pädagog das zweite Rootsmusik-Format in Darmstadt fest etablieren“, erklärt Thomas Waldherr die Zielrichtung für das Sommer-Open Air. Waldherr, der im Theater im Pädagog die Americana-Konzertreihe aus der Taufe gehoben hat, bildet mit Schubert-K., Klaus Lavies vom TIP sowie dem Team des Hoffart-Theaters um Andreas Waldschmitt die Organisationscombo des Freilicht-Abends.
Auf dem Programm stehen neben dem schon besagten „Wolf Schubert-K. & The Sacred Bues Band“ aus Frankfurt und Umgebung, „Candyjane“ und „Delta Danny“ aus Darmstadt sowie ein noch nicht namentlich benannter Newcomer-Act. Es verspricht ein sehr vielseitiger Abend zu werden: Delta Danny bringt den Mississippi-Blues an den Woog, sie hat den Blues im Blut und in der Stimme. Die Gitarristin blättert in der frühen Blues-Geschichte:Von den Roots des Country-Blues zu den traditionellen Blues-Songs zwischen Memphis und Chicago.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound. Westerngitarre, Gesang, Lapsteel-Gitarre, Kontrabass und Cajon erzeugen sehnsuchtsvolle Schwingungen, die lakonischen Songtexte tun ihr übriges. So changieren sie mit ihrem Country-Soul in bemerkenswerter Weise zwischen Hank Williams und Southern Gothic.

Frisch aus Kanada zurück kommt Wolf Schubert-K. dieses Mal zum Festival. In British Columbia spielte er diesen Sommer ein paar erlesene Soloshows. Folk, Country und Roots Elemente bilden immer noch das Fundament für den Sound seiner Sacred Blues Band. Die Songs dokumentieren jetzt mehr denn je einen leidenschaftlichen Aufbruch und sind ein Appell an die Freiheit. Ganz im Geiste der Vorbilder Bob Dylan und Neil Young.

Und bildhaft, schnell und poetisch slammt und shoutet Roger Jones sich auch dieses Jahr wieder durch die Amerikanische Musikgeschichte.
Beginn ist 18 Uhr, der Eintritt beträgt 20,- Euro, bzw. 18,- Euro im Vorverkauf. Kartenverkauf und Vorbestellungen: Ticketshop im Luisencenter, telefonisch unter 06151/ 4 92 30 14 oder auch online unter: http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html

Von Buddha bis Woody

4. Januar 2016

DesireVor 40 Jahren erschien Desire. Dem Top-Album folgte eine ebenso produktive wie umstrittene Schaffensphase Dylans

Am 5. Januar 1976 erschien Bob Dylans Album „Desire“. Es ist nicht nur eines der bis heute erfolgreichsten Alben des Meisters, sondern für mich auch eines seiner Schönsten und Wichtigsten.

Den ersten Dylansong, den ich je bewusst gehört habe, war „Hurricane“. Im Schulunterricht, als es um Protestsongs ging. Ja, es waren die Siebziger. Der Song faszinierte mich: Melodie und Rhythmus waren straight nach vorne gerichtet und der Typ, der sang, war gleichzeitig unglaublich zornig und unheimlich cool.

Also kaufte ich mir „Desire“ im Kaufhof als preisgünstige israelische Pressung und es breitete sich, auch wenn ich nicht alles verstand, ein ganzes Universum vor mir aus. Denn auf dieser Platte wurden ja neben dem Boxer Rubin Carter auch noch eine „Isis“, ein „Joey“ und eine „Sara“ besungen. Und die Texte waren teilweise realistisch wie eine Reportage – „Hurricane“ und „Joey“ – und teilweise mystisch vertrackt wie „Oh Sister“ oder „Isis“. Die Songs hätten Filmdrehbücher sein können – „Romance In Durango“ und „Black Diamond Bay“ und sogar ein völlig überflüssiger trivialer Song war dabei, der mir aber stets gute Laune machte: „Mozambique“. Ein Album mit klaren Konturen und Schwerpunkten, sowie einer inneren Logik. Und dennoch in seiner Vielfalt so aufregend.

Denn Dylans Meisterwerk war dessen Ausdrucksform, für alles, was ihn damals umtrieben hat. Das Ende seiner Ehe, die Empathie für gesellschaftliche Outsider, die Lust auf ein Folk-Rock-Revival und die Suche nach neuem Sinn. Und so treffen sich hier also mystische Weisheiten mit Gangsterballaden, politischer Protest mit Hippie-Theater, Commedia dell‘ arte mit Medicine Show: „Buddha meets James Cagney meets Woody Guthrie meets Hank Williams meets Allen Ginsberg“ – Dylans Gedankenwelt dieser Zeit ist in seiner Grenzenlosigkeit großartig!

Dieses Album ist nicht denkbar ohne den Impuls Dylans, zurück „On The Road“ zu gehen. Als es erscheint haben Dylan & Kollegen eine triumphalen ersten Teil der Rolling Thunder Review in kleinen Sälen im Nordosten, Dylans „Magical Mystery Tour“, hinter sich. Doch wie immer bei Dylan ist auch dieser Moment so flüchtig. Denn den Triumph von Platte und Tour folgt der Flop des zweiten Teils der Review, dem in den Stadien des mittleren Westens die Luft ausgeht. Das indian summer farbene Feuer des Gründergeistes der Neuengland-Staaten erstickt in der endlosen Weizenfeld-Monotonie des „Heartlands“. Das Tondokument „Hard Rain“ ist ein Zeugnis dafür, dass hier immer noch großartige Musik gemacht wird – Dylans Stimme ist nur noch zornig und böse, selbst in den Lovesongs nie zärtlich, sondern immer sehr viril: Bestimmend, fordernd, voller Verlangen. Die Musik dazu ist hart, krachig und nimmt teilweise den Punk vorweg. Das gleichnamige TV-Special jedoch ist konzeptlos und merkwürdig fahrig und unfokussiert gefilmt. Es spiegelt daher in keinster Weise die Energie der Auftritte wieder, auch wenn es hübsche Momente – Bobbie & Joanie! – hat.

Zu Ende geht diese Phase im Dylan’schen Schaffen dann mit zwei weiteren Filmen: Sein eigener – „Renaldo & Clara“ geht unter. Zu lange, zu kompliziert, zu künstlerisch ambitioniert und sicherlich auch zu unausgegoren, wird er mit hämischen und bösen Kommentaren nur so zugeschüttet. Der Film ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeführt worden und ist offiziell auch nicht erhältlich. Hätte er sich darauf beschränkt, aus dem Live-Material der ersten Rolling Thunder Review mit einem guten Regisseur einen Konzertfilm zu machen, der Erfolg wäre ihm sicher gewesen.

So wie „The Last Waltz“. Robbie Robertson, der coole kalkulierende Businessman, hatte dies mit dem Abschiedskonzert von The Band so gemacht und gewonnen. Martin Scorseses Konzertfilm ist bis heute eine der Besten. Und – das passt zu Tragik Dylans in dieser Zeit – sein Auftritt im Film ist der absolute Höhepunkt auf den der Film hinsteuert. Auch hier purer Vollstoff-Rock’n’Roll.

Dylans Desire und seine Aktivitäten 1975/76 sind auch als eine Phase des Übergangs zu bewerten. Es folgten die Scheidung und finanzielle Verluste, eine erfolgreiche Welttournee 1978, die dennoch oftmals auch als Alimente-Tour und Las Vegas-Rentnernummer verspottet wurde und dann 1979 der Übertritt ins Christentum. Nichts war vorerst mehr geblieben von der oben genannten ebenso eklektischen wie grenzenlosen Gedankenwelt. Er brauchte einige Zeit, um sich aus dem engen fundamental-christlichen Dogmengebäude wieder zu befreien. Aber er schaffte es.

Dieser freigeistige, immer noch rebellische Verwirrkopf von „Desire“ hat mich damals angesprochen, als ich die Platte hörte. Ihn suche und finde ich seither immer noch in jeder Platte, in jedem Konzert und hinter jeder Maske, die er sich aufsetzt.

 

Eine erneute Selbstverständigung: Mein Sehnsuchtsort „Amerika“

13. Oktober 2015

DSC01792Angesichts der Vehemenz und Unübersichtlichkeit der aktuellen Krisenthemen „Ukraine“, „Flüchtlinge“, „Naher Osten“ und TTIP versuchen sich die Menschen wieder an einfachen Erklärungsmustern. Wahlweise sind es die Russen, die Ausländer oder die Amerikaner. Letzteres ist gerade auch unter vielen Linken eine gern verwendete Denkfigur.

Man muss die amerikanische Politik angesichts von Drohnenkrieg, global-strategischen Wirtschaftsinteressen und den aktuellen Weltkrisen kritisch sehen. Was man aber nicht darf, ist in plumpen Antiamerikanismus verfallen. Dieses Land ist groß und widersprüchlich. Und es gibt ein Amerika jenseits der engen Verflechtung zwischen Politik, Konzernen und Militär, abseits von Tea Party und christlichem Fundamentalismus. Es lohnt sich, gerade heute dieses „andere“ Amerika wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Diesem „anderen“ Amerika haben wir Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und Bob Dylan zu verdanken. John Steinbeck und Jack Kerouac. Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther King, Black Panther und Angela Davis. Robert Redford, Tim Robbins und Michael Moore. Hier gab es mit dem Roosevel’tschen New Deal den ersten demokratischen Sozialstaat. „Sit- in“ und andere Protestformen der aufbegehrenden Jugend der 1960er Jahre haben hier ihren Ursprung. Und auch die deutsche Liedermacher-Bewegung wäre nicht zu denken, ohne das amerikanische Folk-Revival. Ob Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Sie alle fanden hier während der Nazizeit Zuflucht und kamen mit den Befreiern 1945 zurück.

Die amerikanische Jugendkultur war die frische Alternative zur belasteten Deutschtümelei der Nazis. Jazz, Rock’n’Roll und auch Countrymusik floss in die deutsche Alltagskultur ein. Ganz abgesehen von James Dean, Bonanza, Flipper und Lassie. Als in den 1960er Jahren Geborener ist man in der alten Bundesrepublik mit einer klaren Westbindung aufgewachsen. Auch im Protest gegen die Gefahren von Krieg und Umweltzerstörung in den 70er und 80er Jahren waren die Jugendbewegungen stets kulturell transatlantisch geprägt. So wurde damals auch bei den Jungkommunisten der SDAJ weitaus mehr Zappa gehört und gekifft, als schwermütig bei Wodka russische Weisen gesungen.

Währenddessen bleiben alle diese Musiker, ob Protestsänger oder Rocker doch bei aller Kritik an ihrem Land und dessen Regierungen stets leidenschaftliche Amerikaner. Woody war ein kommunistischer Patriot, Pete Seeger trat mit Bruce Springsteen bei Obamas Inauguration auf, und auch der kritische Filmemacher Michael Moore steht zu seinem Amerika. Bob Dylan spielte 1966 in Paris vor einem riesengroßen Sternenbanner. John Mellencamp beschwört mit Neil Young und Willie Nelson jedes Jahr bei Farm Aid den amerikanischen Geist. Steilvorlage lieferte ihnen Dylan, der beim Live Aid-Konzert für die Hungernden Afrikas schon 1985 die Globalität der die Armut schaffenden Strukturen erkannt hatte, als er um Hilfe für die amerikanischen Farmer bat. Karitative Hilfe für die Dritte Welt reicht nicht aus, wenn sie nicht von gesellschaftsverändernden Demokratisierungsprozessen überall begleitet wird.

Und alle diese Musiker – ob die Rock-Klassiker Dylan, Springsteen, Mellencamp und Young oder die heutigen Szenevertreter von den Avett Brothers und Mumford & Sons, bis zu Jack White, Gaslight Anthem und den Felice Brothers, schöpfen aus dem Reservoir der Tradition ihrer amerikanischen Musik: Folk, Blues, Gospel, Country und früher Rock’n’Roll. Robert Johnson und Jimmie Rodgers. Die Mississippi Sheiks und die Carter Family. Ernest Tubb und Muddy Waters, Hank Williams und Howlin‘ Wolf. Elvis und Chuck Berry. Ray Charles und Johnny Cash. Mavis Staples und Loretta Lynn. Sie alle und noch viel mehr machen die Vielfalt dieser amerikanischen Musik aus. Diese amerikanische Musik ist von ihrem Ursprung her die Musik des armen und des anderen Amerika. Sie steht für das alte unheimliche Amerika und für das, welches das Unrecht anhand der guten amerikanischen Werte überwinden will. Sie steht für die Klasse an sich und die Klasse für sich. Das macht sie für mich so spannend und fordert so die Beschäftigung mit ihr immer wieder aufs Neue hinaus. Von den ersten Anfängen mit Bob Dylan, der bis heute eine wichtige Konstante in meinem Leben darstellt bis heute, wenn ich nach den Verbindungen von gesellschaftlichen Veränderungen in den USA und der Weiterentwicklung des Americana forsche.

Und im CD-Spieler laufen die Neo-Western-Swinger der 90er Jahre, BR 549, mit Dylan-Sideman Donnie Herron an Geige, Mandoline und Steel-Guitar. Es gibt einfach kein Ende…

Haus aus Erde

14. März 2014

Guthrie-Haus-aus-Erde-orgBei einer Recherche zu Bob Dylans Rolling Thunder Review entdeckten der Schauspieler Johnny Depp und der Historiker Douglas Brinkley Hinweise zu Woody Guthries Roman „Haus aus Erde“. Sie machten sich auf die Suche und wurden im Nachlass des Regisseurs Irving Lerner fündig. Eine Sensation! Woody Guthrie, amerikanischer Hobo, Poet  und Sozialist – Ikone des anderen Amerika – hatte nicht nur tausende Songs hinterlassen, sondern auch dieses Stück Literatur.

Und was für eines. Eigentlich passiert nicht viel in diesem Buch. Ein Paar – Tike und Ella May – lebt mehr schlecht als Recht auf gepachtetem Land in einer Holzhütte, die der Bank gehört. Doch bei allen Widrigkeiten des Wetters und den brutalen ökonomischen Fesseln des Großgrundbesitzers, verlieren sie nie ihre Träume, ihren Humor, ihre große Kameradschaft sowie ihren Kampfes- und Überlebenswillen.

Es ist ein ungemein sinnliches Buch, das der große Folksänger Woody Guthrie da geschrieben hat. Er beschreibt die Unbill der Natur so plastisch, dass man den Wind und den Sand auf seiner Haut spürt, die Gerüche in all ihren Ausformungen in der Nase hat, und einem die Weite des Landes wie auch die Enge der Hütte geistig wie körperlich erfasst.  Bedeutende so noch nicht da gewesene Literatur schafft Woody, indem er mit diesen Mitteln und einer geradezu expressionistischen Sprache einen Liebes- und Zeugungsakt über 30 Seiten (!) erzählt.

Die Schwangerschaft von Ella May, die Freude auf ein Kind, das wahrscheinlich in Armut aufwächst, und die Pläne und Träume von Tike, der eine Lehmhütte als zentrale Verbesserung und Emanzipation von Armut, Wetterwidrigkeiten und ökonomischer Unterdrückung ansieht, sowie dessen sexuell aufgeladenen Wortgefechte mit der Hebamme Blanche, bilden die weitere Entwicklung der Geschichte, ehe schließlich das Kind kommt und mit seinen Eltern in eine ungewisse Zukunft blickt.

Woody hat ein kleines, großes Buch geschrieben. Er hat dem klassenkämpferischen Pathos widerstanden und eine realistische Geschichte aus dem nördlichen Texas der 30er Jahre erzählt, als Sandstürme und Armut, die Menschen beschwerten. John Steinbeck hat vor diesem Hintergrund sein „Früchte des Zorns“ geschrieben. Doch im Gegensatz zu Steinbecks Romanpersonal bleiben Woodys Leute hier, gehen nicht nach Kalifornien ins gelobte Land.

Woody hat den Roman erst 1947 vollendet. Doch er wurde weder verlegt, noch wie Woody es sich vorgestellt hatte, von Lerner verfilmt. Es mögen der Erfolg Steinbecks, die politische Situation im kalten Krieg und die explizit dargestellte Sexualität sein, die die Gründe waren, dass dieses Werk der Vergessenheit anheim gefallen ist.

Dieses Buch komplettiert das Bild des amerikanischen Volkssängers und Volksschriftstellers Woody Guthrie. Und wie Depp und Brinkley in ihrem Vorwort richtig schreiben, ist das zwar ein amerikanischer Roman, aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, die zu Armut, Hunger und Obdachlosigkeit führen, sind auch fast siebzig Jahre später weltweit die Gleichen.

Woody war, so bringt es auch dieses Buch zum Ausdruck, ein Linker, der nicht nur in Diskussionszirkeln überzeugen konnte, sondern wusste, wie die Menschen denken und sprechen, ganz nah bei ihnen war. Jemand wie Woody könnten wir heute so gut gebrauchen.

„Haus aus Erde“ ist auf deutsch im Eichborn-Verlag erschienen.

Gelungener Premieren-Event von Inside Llewyn Davis in Darmstadt

8. Dezember 2013

Inside_Llewyn_Davis_Poster_300dpi_RGBGut 120 Gäste im Publikum, beste Stimmung und ein toller neuer Coen-Film sorgten für einen gelungenen Premieren-Event von „Inside Llewyn Davis“ in Darmstadt.

Julia Wettlaufer begrüßte für die Darmstädter Kinos und Thomas Waldherr sprach in seinem Vortrag über „Inside Llewyn Davis, T-Bone Burnett und die Musik in den Filmen der Coen-Brüder. Dabei arbeitete er den inneren Zusammenhang zwischen dem Coen/Burnett-Klassiker „O Brother, Where Art Thou?“ und dem neuen Film heraus, indem er die grundlegenden Explosionen der amerikanischen Populärmusik im vergangenen Jahrhundert – Country, Blues, Rock’n’Roll sowie Folkrevival, Dylan und Folkrock – in Beziehung zu den beiden Filmen stellte.

Die „DoubleDylans“ brachten dann das Publikum auf Folkszenen-Betriebstemperatur, in dem sie Songs von Dylan und Woody Guthrie mit Traditionals mischten und auf ihre eigene Art ohne große Ehrfurcht aber mit viel Esprit interpretierten.

Das Vorprogramm zum Film kam sehr gut an und bereitete den Boden für ein wunderbares Werk voller absurdem Witz, schrägem Humor und schöner Musik. Wer mit Dylan und der Folkmusik nicht viel anfangen kann, der wird allein von der absurden Tragikomödie begeistert sein. Dylan- und Folkfreunde haben darüber hinaus einen Riesenspaß an Zitaten, bekannten Typen und Orten des Greenwich Village und natürlich an der Musik. Kino mit Kult- und Klassikerpotential!

Der Vortrag von Thomas Waldherr als PDF-Dokument:Waldherr_Vortrag_05122013

DeinLandMeinLand Revisited

20. April 2013

Altogether1Gelungener Performance-Abend in Frankfurt

Die Organisatoren Martin Wimmer, Andreas Gärtner und Robert Bock dürfen sich freuen. „DeinLandMeinLand“, die Veranstaltung am 16. April, die die Situationistische Internationale, die Solidarische Moderne sowie Folk und Americana zusammenbringen sollte, war ein voller Erfolg. Eine volle Ausstellungshalle in Sachsenhausen und ein Publikum, das sichtlich angetan war von Musik und Lesungen zeugten von einem gelungenen Abend.

Martin Wimmer spießte in seinen Textbeiträgen mit feinem Witz ungeahnte Parallellen und historisch-kulturelle Verbindungen zwischen Amerika, Schweden und Bayern auf, die Singer-Songwriter Markus Rill und Eva Hillered begeisterten mit ebenso gefühlvollem, wie erdig-rauhen Americana, Thomas Waldherr stellte Woody Guthrie, Hank Williams, Johnny Cash und Bob Dylan in einen historisch-politischen Zusammenhang und Andreas Gärtner erläuterte den Prozess, wie sein und Martin Wimmers Kunstwerk „DeinLandMeinLand“ entstand.

Nachdem alle zum Abschluss gemeinsam Woodys Hymne „This Land Is Your Land“ gesungen hatten, schlossen sich an das offizielle Programm noch interessante Gespräche an. Auch das war ja ein wichtiges Ziel der Veranstaltung. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass dieser Abend eine Fortsetzung erfährt. Denn ein „Salon“ mit solch einer politisch-musikalischen Ausrichtung fehlte in Frankfurt bislang.

DeinLandMeinLand

23. März 2013

Thomas2012Ich freue mich bekannt geben zu können, bei einer spannenden Veranstaltung am 16. April zu lesen.

„DeinLandMeinLand“ ist, so Organisator Martin Wimmer, „ein interdisziplinärer Abend für alle, die sich für Deutschland, Amerika, Schweden, Texas, Kalifornien, Hessen, Bayern, München, Frankfurt, Austin, Typographie, Approbiation, Zitate, die Situationistische Internationale, eine Solidarische Moderne, Gewerkschaften, Woody Guthrie, Bob Dylan, Steve Earle und Townes Van Zandt interessieren“. Mit dabei sind der Künstler Andreas Gärtner, der Musiker Markus Rill, Martin Wimmer, die Singer-Songwriterin Eva Hillered und ich.

Das Ganze steigt am Dienstag, 16. April, um 19.30 Uhr in der Ausstellungshalle in Frankfurt-Sachsenhausen, Schulstraße 1A. Mein Thema wird natürlich DYLANGUHTRIECASHWILLIAMS sein.

Wer mehr über die Mitwirkenden wissen will:

http://www.andreasgaertner.de

http://www.markusrill.net

http://www.deinlandmeinland.com

http://www.evahillered.se

http://www.bobby1963.wordpress.com

http://www.ausstellungshalle.info

Der Zauber des Anfangs

9. März 2013

Dylan_PartyDylan war immer Dylan und warum Jake Bugg nicht Bob Dylan ist

Im Moment überschwemmen sie fast den CD-Markt. Pressungen mit Namen wie „Bob Dylan- Stereo und Mono“, „The Live Recordings“,  „Carnegie Chapter Hall“, „The Freewheelin‘ Outtakes“ oder „Folksinger-Humdinger“. Allesamt sind es frühe Aufnahmen des jungen Bob Dylan. Dies ist möglich, weil die Rechte an den Songs nach 50 Jahren an die Allgemeinheit fallen und sie nun quasi jeder auf einen Tonträger bannen kann. Aus diesem Grund hatte auch Sony/Columbia Ende letztes Jahres sein obskures Package „The 50th Anniversary Edition“ mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen auf den Markt gebracht. Es ging darum, sich die Rechte zu sichern.

Doch was bringen einem die alten Aufnahmen? Außer, dass der Dylan-Fan sich freut, sie zu haben. Nun: Eine Musikerkarriere lässt sich selbstverständlich anhand der veröffentlichten Studioaufnahmen erzählen. Auch bei Dylan. Nur war das bei ihm nie so. Denn was er in den Studios so machte und dann im Archiv verschwinden ließ, oder dass er in den Konzerten seine Songs anders präsentierte als auf seinen Platten, und dann womöglich noch von Konzert zu Konzert unterschiedlich, ist bis heute eine der Ursachen für den Dylan-Hype. Es waren seine Songs, die als erste als „Bootlegs“ erschienen. Und der Austausch von Live-Aufnahmen unter seinen Fans erhielt diesen Hype auch in den schwierigen 80er und 90er Jahren. Dylans Geschichte ist ohne diese Aufnahmen und deren vielfältigen Deutungsversuche nicht vorstellbar.

Umso wichtiger und besser, wenn es jetzt durch die Rechtelage möglich ist, bislang nur wenig bekannte Live-Aufnahmen und unzugängliche Studio-Recordings ganz legal  im Laden zu kaufen. Wir können anhand dieser Aufnahmen – vom Minneapolis Party Tape über die Carnegie Hall 1961 bis zu den kompletten Freewheelin-Sessions – noch einmal beobachten wie ein Rohdiamant sich selbst zum Edelstein schleift. Aus dem ebenso schüchternen wie entschlossenen jungen Woody Guthrie-Nachahmer Bobby Zimmerman wird der ungezügelte, vor poetischen Einfällen und musikalischen Adaptionen schier überbordende Bob Dylan. Man fühlt den Zauber des Anfangs, spürt diesen Anfängen nach und entdeckt diesen jungen Dylan wieder neu. Da redet er noch mit dem Publikum. Hat ein Talent für komische Überleitungen zwischen den Songs und kommuniziert und interagiert mit dem Publikum. Heutzutage ist er da vom Minimalismus geprägt. Ein Lächeln, ein paar Extraworte, ein Solo oder die Wiederholung einer musikalischen Figur aufgrund der Zuschauerreaktionen sind selten, und gehören zu den besten Momenten seiner durchweg guten Konzerte.

In diesem Sinne übertrifft der zum neuen Dylan ausgerufene Jake Bugg schon jetzt den alten Dylan an Minimalismus. Denn Bugg interagiert und kommuniziert schon jetzt nicht mit dem Publikum. Und seine Ansagen sind kurz und ohne Humor. Doch Bugg ist wirklich nicht der neue Dylan. Eher der neue Donovan/Gallagher. Der Jake Bugg, der am 2. März im Frankfurter Zoom in einer guten Stunde immerhin 18 Songs unterbrachte (auch nicht Dylan-like) war näher an Oasis und den Britpop-Traditionen, als an Bob Dylan und dessen amerikanischen Wurzeln. Auch wenn er „Country Song“ und Cashs „Folsom Prison Blues“ gespielt hat. Bugg saugt Traditionen auf – da allerdings stimmt der Dylan-Vergleich.

Und es war ein sehr schönes Konzert von Jake Bugg. Sehr ernsthaft und Ironiefrei vorgetragen. Mal sehen, wie sich der Bursche noch so entwickelt. Doch wie auch immer Dylan wird immer einmalig bleiben. Ob der junge oder der alte Dylan. Jake Bugg ist Jake Bugg. Und das ist in der Welt der Casting Shows, zwischen Justin Bieber und Gangnam-Style schon verdammt viel. Gut, dass es beide gibt: Dylan und Bugg. Und, dass sie beide so unverwechselbar sind.

Und hier der junge Bugg und der junge Dylan