Wie Odetta den jungen Bobby für den Folk begeisterte

8. Januar 2021

Nicht Woody Guthrie, sondern die afroamerikanische „Queen Of Folk“ – sie wäre am 31. Dezember 90 Jahre alt geworden – war Bob Dylans erster Folk-Einfluss.

Odetta, Copyright: Wikimedia Commons

Als der junge Robert Zimmerman Anfang 1961 in das verschneite New York kam, da war er so etwas wie ein Woody Guthrie-Impersonator. Dazu gereift in Dinkytown, dem Boheme-Viertel der Zwillingsstädte Minneapolis/St. Paul. So gut gereift, dass er seinem Idol bald als lebende Woody Guthrie-Juke Box dienen konnte.

Doch seine ersten musikalischen Gehversuche hatte er im Rock’n’Roll gemacht. Er hatte im Radio viel Musik gehört, lernte im jüdische Sommercamp die Gitarre spielen und die Rock’n’Roll-Rebellion, die im Land in den Jahren 1954-58 ihren Höhepunkt hatte, erfasste dann auch ihn.

Mit Kumpels gründete er verschiedene Bands, darunter „The Golden Chords“ bei denen Bobby Zimmerman wie eine Mischung aus Jerry Lee Lewis und Little Richard entfesselt auf sein Klavier hämmerte. So wurde ein Konzert der Band an der Hibbing Highschool wegen der enormen Lautstärke vom Direktor abgebrochen. In dieser Erinnerung begründet liegt wohl der ihn kennzeichnende Satz im Schuljahrbuch 1959: „To join Little Richard“.

Die Entdeckung im Plattenladen

Doch da war er längst schon wieder auf einem anderen Trip. Es passte irgendwie in die Zeit: Als 1958 der Rock’n’Roll so langsam auch wegen des Drucks von Staat und religiösen Organisationen seine rebellische Kraft verlor – „Ehe-Skandale“ um Chuck Berry und Jerry Lewis führten zu deren Karriereknick, Elvis ging zur Armee – da lösten sich auch die Golden Chords auf.

Bobby Zimmerman war nun wieder auf sich allein gestellt, saugte alle möglichen Einflüsse in sich auf, suchte nach musikalischer Orientierung. Da entdeckte er im Plattenladen „Odetta sings Ballads and Blues“. Er war begeistert, setzte nun voll auf Folk und tauschte seine elektrische Gitarre gegen eine akustische „flat-top“ Gibson ein. „Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagte er in späteren Jahren in einem Interview. Bei Odetta hört er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt“, darunter Stücke wie „Mule Skinner“, „Jack of Diamonds“ und „Water Boy“.

Odetta sagte, Bobby habe Talent

Und er begegnete ihr sogar persönlich, noch bevor er als Bob Dylan Karriere macht. Im Januar 1961 war er in New York City eingetroffen, im Mai des Jahres besuchte er nochmal alte Freunde in Minnesota. Da kam Odetta zu einem Konzert nach St. Paul. Seine Freundin Bonnie Beecher erinnerte sich vor einigen Jahren: „Ich erinnere mich an eine Zeit … Odetta kam in die Stadt … Also planten ich und Cynthia Fisher …, wie wir Dylan dazu bringen könnten, Odetta zu treffen und für sie zu spielen … Und tatsächlich traf er sie. .. und ich erinnere mich, dass Cynthia Fisher zu mir nach Hause gerannt kam … und sagte: „Sie sagte, dass Dylan echtes Talent hat und er es schaffen kann!“ Mit diesem „Ritterschlag“ einer Königin des Folk ausgestattet, ging Dylan nach New York zurück und startet seine Karriere richtig durch.

Gegenseitige Wertschätzung

Odetta sings Dylan, Copyright Camden Records

Und Odettas Kompliment für Bobs Talent war keineswegs pure Höflichkeit. In den Zeiten von Folk Revival und Bürgerrechtsbewegung begegneten sich die beiden beim Newport Folk Festival oder beim „March To Washington“. Und sie lernte Dylans Können immer stärker zu schätzen. Und die Wertschätzung war wirklich enorm. Denn als sie im Januar 1965 – als Dylan schon längst im Clinch mit der politischen Folkbewegung lad und sie wenige Monate später beim „March To Selma dabei sein würde – ein ganzes Album nur mit Dylan-Songs veröffentlichte, da legte die Civil Rights-Aktivistin keinesfalls einen Schwerpunkt auf Dylans bekannte Protestsongs. Denn neben „Don’t Think Twice“ und „Mr. Tambourine Man“ sind mit „Baby, I’m in the Mood For You“, „Long Ago, Far Away“ und „Tomorrow Is A Long Time“ drei unbekanntere Songs, von denen zwei Songs leidenschaftliche Hingabe bzw. melancholische Erinnerungen zum Thema haben, auf dem Album. Sie entdeckte Dylan quasi als den universellen Songpoeten, der er wirklich ist, und suchte nicht den Protestlyriker, den sich die Bewegung wünschte. Und dass sie hier Songs singen konnte, die er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht hatte, spricht für ihren besonderen Zugang sowohl zu Dylan, als auch zu seinem Songbuch.

Obwohl sie schon leicht genervt in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit klarstellen musste, dass sie die jüngeren Superstars Dylan und Baez beeinflusst hatte und nicht umgekehrt –  „Ich bin die Mama und sie sind die Kinder, und ich habe diese Sänger beeinflusst“ – war sie keineswegs nachtragend. Beide wussten um ihre musikalische Bedeutung für einander. Sie wusste, was sie konnte und sie wusste, was Dylan kann. Und Bob Dylan wusste das auch. Und er weiß das bis heute.

Am 31. Dezember wäre die 2008 verstorbene Odetta 90 Jahre alt geworden. Ihr Einfluss als Künstlerin und Mensch auf neue Generationen von Musikern – wie beispielsweise heute auf Rhiannon Giddens – ist ungebrochen.

Und hier geht es zum großen Odetta-Special von country.de:
https://www.country.de/2020/12/31/odetta-koenigin-des-folk/

Odetta sings Dylan:

Save The Date: Der „Bob Dylan-Jimmy Reed-Podcast“ von Christoph Borries am 25. Mai

6. Januar 2021

Projekt „7 Tage – 1 Song“/ Kooperation für Dylan-Ausgabe mit Thomas Waldherr

Copyright: Delta Blues Records

Seit dem ersten Lockdown im März 2020  veröffentlicht der Grevenbroicher Berufsschulpfarrer Christoph Borries jeden Dienstag auf der Website http://www.7tage1song.de einen Podcast über einen Song, der ihm gut gefällt und dessen Botschaft ihm wichtig ist.

„Ich hatte im März damit angefangen, damit ich nicht nur digitales Futter für die Gehirne meiner Schüler*innen im Lockdown anbiete, sondern auch die Gespräche über Musik und Konzerte, die ich mit meinen Schüler*innen führe, durch irgendetwas ersetzen kann – also etwas für Herz und Seele anbiete“, äußert sich Borries zu den Gründen für das digitale Hör-Angebot.

Für den Dienstag, 25. Mai, hat Borries nun einen Bob Dylan-Song ausgewählt – schließlich ist das der Tag nach dem 80. Geburtstag des Meisters. Die Wahl fiel auf „Goodbye Jimmy Reed“ vom jüngsten Dylan-Album „Rough And Rowdy Ways“. „Den Song finde ich in seiner Vielschichtigkeit so interessant, da steckt so vieles drin: Themen wie Religion, Rassismus oder Afroamerikanisches Leben in den USA“, so Borries.

Bei seinen Recherchen zum Song entdeckte er Thomas Waldherrs Analyse auf dessen Cowboy Band Blog. Kurzum: Nun werden Borries und Waldherr gemeinsam in der etwa 10-minütigen Folge am 25. Mai (Hörbar auf der website ab 1 Uhr) grundlegende Gedanken zum Song vorstellen.

Musikjournalist und Kulturvermittler Waldherr freut sich über die neue Zusammenarbeit: „Goodbye Jimmy Reed“ ist einer der stärksten, aber auch vertracktesten Songs auf „Rough And Rowdy Years“. Diesen Song mit Christoph Borries im Rahmen seines tollen Podcast-Projektes zu analysieren – darauf freue ich mich sehr.“


Christoph Borries‘ Podcast-Projekt „7 Tage – 1 Song“:

Homepage: https://7tage1song.de

Instagram: https://www.instagram.com/7tage1song/

Playlist bei Spotify: https://open.spotify.com/playlist/0M5tOXTC0lM8RVycUBQnjy?si=FC077c_NRFaSvKOqBBg2hw


Thomas Waldherrs Song-Analyse auf dem Cowboy Band Blog:

„Goodbye Jimmy Reed“

Was bringt uns das Dylan-Jahr 2021? Ein Ausblick

1. Januar 2021

Virtuelle Leuchtturm-Veranstaltung in Tulsa/ Was wird die nächste Bootleg-Folge?/ Viele Ideen rund um Dylan aus dem Hause „Cowboy Band Blog & Thomas Waldherr präsentiert Americana“

Nun, erstmal bringt uns das Jahr 2021 den 80. Geburtstag von His Bobness am 24. Mai. Hoffen wir, dass unser Held gesund bleibt. Unverändert aktiv ist er ja trotz jähem Stopp der Never Ending Tour in 2020 dennoch gewesen: Ein neues meisterliches Album, eine ganz starke neue Radio-Show, Beteiligung an zwei Filmprojekten – Dylan-Biopic und Baseball! – dazu eine neue Ausstellung seiner Gemälde in der Londoner Halcyon Gallery und die Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Jahr 1970 auf drei CDs in extrem kleiner Auflage. Und dann natürlich die Geschichte mit dem Verkauf der Songrechte.

Thomas Waldherr und der Cowboy Band Blog wünschen ein gutes neues Jahr 2021! (Foto: Andrea Goldschmidt)

Dylan war 2020 trotz Corona und Absage der Konzerte ungemein produktiv

Ich habe Letzteres für mich eher positiv interpretiert, als ein Zeichen dafür, dass Dylan den Nachlass ordnet und die Familie absichert. Bei anderen spült es aber scheinbar wieder die alten antisemitischen Reflexe nach oben: „Ja, ja die Juden und ihr Händchen für Geld und ihr Einfluss im Finanzkapital.“ Schon Günter Amendt hat anlässlich der Berichterstattung über Dylans Deutschlandtournee 1978 antisemitische Stereotype bezüglich Dylans „Reichtum“ festgestellt. Einfach dumm und überflüssig!

Mit der Veröffentlichung der 1970er-Aufnahmen ist dann die Brücke ins neue Jahr geschlagen. Was wohl wieder der Copyright-Sicherung diente, wird nun aufgrund der großen Nachfrage, so heißt es offiziell, ganz regulär am 26. Februar als 3-CD-Box „Bob Dylan 1970. With special guest George Harrison“ auf den Markt gebracht. Die Veröffentlichungen nehmen also weiter zu, und wie ich finde, wird dadurch die Bootleg Series etwas verwässert. Diese war immer gut editiert, inhaltlich sinnvoll aufbereitet und hat dadurch stets wichtige Einsichten in Dylans künstlerische Entwicklung geboten. Dies tritt nun leider zugunsten scheinbar situativer Veröffentlichungen etwas in den Hintergrund. Erst zum Scorsese-Film, jetzt eben zu 1970.

Ich hoffe dennoch für 2021 auf einen weiteren Teil der Bootleg Series. Vielleicht endlich mal was aus der Never Ending Tour. Oder Aufnahmen rund um die 1978er Tour, oder die Duette mit Clydie King. Letzteres wäre aber zu sensationell, als dass man wirklich darauf hoffen sollte. Na, ja, träumen…

Viele Veranstaltungen zu Dylan anlässlich des 80. Geburtstages

Veranstaltungen rund um Dylan anlässlich des Geburtstages wird es wieder sehr viele geben. Der Leuchtturm ist hier natürlich der große Online-Dylan-Event „Dylan@80“ vom 22. bis 24. Mai des „Institute for Bob Dylan Studies“ der Universität Tulsa. Wer den großen Kongress 2019 vor Ort miterlebt hat, der weiß, welch vielfältiges und interessantes Programm uns alle hier erwartet. Darauf kann man sich nur freuen.

Doch nicht nur in der virtuellen Welt, sondern auch in der realen Welt wird tüchtig an Tribute-Veranstaltungen – quer durch diese Republik – gearbeitet. Ich selber habe einiges vor, von dem ich gar nicht schon alles verraten möchte. Los geht es am 28. Februar und 14. März mit zwei Veranstaltungen zu Joan Baez (die ebenfalls 80 wird) und Bob Dylan bei der Volkshochschule Frankfurt:

Die heilige Johanna und das Chamäleon

Und am Freitag, 14. Mai veranstaltet die Volkshochschule Darmstadt einen großen Bob Dylan-Abend, bei dem meine Reihe „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ Kooperationspartner ist und ich einen Multimedia-Vortrag halte. Natürlich gibt es da auch viel Livemusik rund um Dylan:

Save the Date: Volkshochschule Darmstadt würdigt den „Tambourine Man“ Bob Dylan zum 80. Geburtstag am Freitag, 14. Mai 2021 mit großer Veranstaltung

Daneben wird es von mir weitere Publikationen geben, weitere Vortragsveranstaltungen und Konzerte sind im Gespräch und es gibt auch die Idee eines Dylan-Bühnenabends mit Lesungen, Spielszenen und Livemusik. Was dann wie und wo davon umgesetzt wird, gebe ich natürlich rechtzeitig auch dieser Stelle bekannt. Vieles ist möglich und der spannende Findungsprozess wird jetzt Anfang des Jahres in die entscheidende Phase gehen.

Copyright: Wikimedia Commons

Wird Dylan wieder Konzerte spielen?

Bleibt natürlich noch die wichtige Frage danach, ob wir noch einmal Dylan-Konzerte erleben werden. Ich denke ja, aber anders. Ich könnte mir vorstellen, dass Dylan sich den Stress des ständig um die Welt jetten nicht mehr antun wird. Wenn er 2021 Konzerte geben wird, dann glaube ich ab der zweiten Jahreshälfte im Herbst mit kleinen Konzertreihen an wenigen Orten in den USA: Vielleicht immer so 3-5 Konzerte in Los Angeles, Las Vegas, Nashville, Chicago, New York. Und wenn er 2022 dann noch einmal nach Europa kommen sollte, dann wahrscheinlich London, Paris, Madrid, Rom, Wien, Frankfurt, Berlin. Ich glaube nicht, dass Dylan, wenn es seine Gesundheit zulässt, sich das Ende seiner Konzertkarriere von der Pandemie vorschreiben lässt.

Und so sind die Aussichten auf das Dylan-Jahr 2021 eigentlich ziemlich positiv. Hoffen wir – und das tue ich fest – dass wir im Laufe des Jahres 2021 die Pandemie im Griff und dann bald hinter uns gelassen haben. Wenn dem so ist, steht einem tollen Dylan-Jahr nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne möchte ich allen Leser*Innen meines Blogs für Ihr bisheriges Interesse sehr herzlich danken und wünsche allen ein gutes, gesundes und zufriedenstellendes Jahr 2021 und weiterhin eine anregende Lektüre von „I’m in a Cowboy Band“!

Vielfältige Masken und starke Bindungen

25. Dezember 2020

Robert Zimmerman und Bob Dylan zwischen jüdischer Herkunft und afroamerikanischer Kultur. Notizen zu den Ausgangsbedingungen der Kunstfigur Bob Dylan.

Bob Dylan in Toronto 1980, Copyright: Wikimedia Commons

Bob Dylans amerikanisch-bürgerlicher Name ist Robert Zimmerman, sein jüdischer Name lautet Shabtai Zisl ben Avraham. Aufgewachsen in einer jüdischen Familie, deren Vorfahren vor den antisemitischen Pogromen aus dem zaristischen Russland geflohen sind. Sozialisiert in der jüdischen Diaspora, im mehrheitlich katholischen Bergarbeiterstädtchen Hibbing in der Iron Range in Minnesota und deren kleinen jüdischen Gemeinde. Inklusive Sommerferien im zionistischen Jugendcamp.

Jüdisches Engagement in der Bürgerrechtsbewegung

Sein Vater Abe hatte 1920 als Jugendlicher mitansehen müssen, wie in der Hafenstadt Duluth drei schwarze Zirkusarbeiter gelyncht wurden. Ein Vorgang sinnbildlich für die Lebensrealität von Juden in den USA. Entflohen vor den Verfolgungen in Europa, mussten sie in der neuen Welt feststellen, dass Rassismus und Antisemitismus und seine Stereotypen, Vorurteile und Verschwörungstheorien auch hier fröhliche Urstände feierten. Denn Rassismus und Antisemitismus waren auch in den USA weit verbreitet und seine Träger waren in der Zwischenkriegszeit nicht nur der Ku-Klux-Klan, sondern auch solche amerikanische „Helden“ wie Auto-Mogul Henry Ford, Flieger-As Charles Lindbergh oder der katholische Radioprediger Charles Coughlin.

So lag es in der Natur der Sache, dass Juden sich oftmals für die Rechte der Afroamerikaner einsetzten, auch um den gegen sie gerichteten Rassismus zu bekämpfen. So wurde eine der wichtigsten Bürgerrechtsorganisationen, die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) von Juden mitbegründet und kooperierte in den 1950er Jahren mit der jüdischen Anti-Defamation League (ADL).

Diese Erfahrungen haben sicher auch ihren Einfluss auf die Erziehung Dylans und auf seinen vorurteilsfreien, emphatischen Umgang mit afroamerikanischen Menschen gehabt. Und vielleicht auch die Erfahrungen, die er im zionistischen Sommercamp, im Herzl Camp, machen konnte. Wohlgemerkt kein religiös orthodox oder reformerisch ausgerichtetes Camp, sondern ein zionistisches. In den zionistischen Camps ging vor allen darum, dass die Idee des Staates Israel und seine Gründungsphilosophie –  Gemeinschaftlich, Kollektiv, sozial gerecht, der Kibbuz als vorbildliche Lebensweise – an die jungen Jüdinnen und Juden herangetragen werden sollten. Sie sollten stolz auf diesen Staat sein. Vielleicht wurde hier auch der Grundstein für Dylans Empathie für Unterdrückte und Außenseiter und sein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit gelegt.

Als Jugendlicher im zionistischen Sommercamp

Denn der Zionismus hat sozialistische und internationalistische Wurzeln. Und diese Einflüsse mögen mittelbar auch auf Bob Dylan während seiner Camp-Aufenthalte 1953 bis 1957 gewirkt haben. Genau in der Zeit, in der sich jugendliche Identität bildet. Und während dieser Jahre wird Bob Zimmerman im Camp zum Typ mit Gitarre und Motorrad, der schon eine kleine Sonderstellung hat. So ist vom ersten öffentlichen Gitarrenkonzert auf dem Dach und ersten Songwriting-Versuchen die Rede.

Bob Dylan wurde in seiner Jugendzeit in zweifacher Hinsicht zum Außenseiter und Rebell. Er war einer der wenigen Juden im Ort und er spürte gleichzeitig – wie er später verlautbarte – „in die falsche Familie in den falschen Ort“ hineingeboren zu sein. Ganz unverstandener junger Künstler also. Kein Wunder, dass sich Dylan für die Blues- und Rock’n’Roll-Musik der Schwarzen begeisterte. Die Musik der Unterdrückten! Little Richard und Chuck Berry wurden zu seinen ersten großen Vorbildern während seiner Schulzeit.

„Identitäts-Maskerade“ als Schutz vor Antisemitismus

Und noch bevor er Woody Guthrie entdeckte, war es die schwarze Folksängerin Odetta, die ihn beeinflusste. Ihr erstes Soloalbum „Odetta Sings Ballads and Blues“ von 1957 begeisterte ihn. „Das erste, was mich zur Folkmusik brachte, war Odetta“, sagte er 1978 in einem Interview mit dem Playboy-Magazin. In diesem Album hörte er „etwas Vitales und Persönliches. Ich habe alle Songs auf dieser Platte gelernt “, darunter„ Mule Skinner “, „Jack of Diamonds “und„ Water Boy “. Während der Studienzeit in Dinkytown, dem damaligen Bohéme-Viertel von Minneapolis, vollzog zog sich dann endgültig die Metamorphose zum Folksänger.

Klaus Walter, zu Recht preisgekrönter Musikjournalist, hat es in seinen bemerkenswerten Arbeiten zu Pop und Migration im Abschnitt zu Bob Dylan herausgearbeitet: „Er beherrscht die jüdische Kulturtechnik der Identitäts-Maskerade. Und im Zweifelsfall sagt er: nein Baby, ich bin nicht der, für den du mich hältst.“ Es gehört zur kollektiven jüdischen Mentalität, gezwungen zu sein, sich zum Schutz zu tarnen, sich als Jude unkenntlich zu machen, um zu überleben. Dylan macht die Maskerade lebenslang zu seiner individuellen Überlebensstrategie. So sind denn auch seine Angeber-Geschichten über seine wilde Jugend, die er in frühen Jahren in der New Yorker Folkszene verbreitet auch dem verwischen seiner jüdischen Spuren geschuldet. Und wie die kürzlich erst veröffentlichten Briefe an seinen Freund Tony Glover verraten, war auch die Wahl seines Künstlernamens Bob Dylan ein Mittel, um die Öffentlichkeit nicht sofort auf seine jüdische Herkunft schließen zu lassen und seine Folksänger-Persönlichkeit zu stärken.

Enge Bindung an die afroamerikanische Kultur

Und so wurde aus Bobby Zimmerman der Sänger Bob Dylan, der bis heute – trotz christlicher Born Again-Phase – seinen jüdischen Wurzeln treu und der Black Community und ihrer Kultur eng verbunden geblieben ist. Und daher ist er bis heute in seiner Wortwahl gegenüber dem Rassismus klar und deutlich, wie beispielsweise in einem Interview mit dem „Rolling Stone“ vor wenigen Jahren:

„Dieses Land ist einfach zu beschissen in Bezug auf die Hautfarbe. Es ist verstörend. Menschen an den Kehlen des anderen, nur weil sie eine andere Farbe haben. Es ist der Höhepunkt des Wahnsinns und wird jede Nation unterdrücken – oder jede Nachbarschaft…Schwarze wissen, dass einige Weiße die Sklaverei nicht aufgeben wollten – wenn sie ihren Willen hätten, wären sie immer noch unter dem Joch und können nicht so tun, als wüssten sie das nicht. Wenn du einen Sklavenmeister oder Klan im Blut hast, können Schwarze das spüren. “

Save the Date: Volkshochschule Darmstadt würdigt den „Tambourine Man“ Bob Dylan zum 80. Geburtstag am Freitag, 14. Mai 2021 mit großer Veranstaltung

20. Dezember 2020

Titel des vhs-Hommage-Abends der besonderen Art: Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans Anderes Amerika. Der „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie / Kooperationspartner der Volkshochschule Darmstadt sind „Thomas Waldherr präsentiert Americana“, Bessunger Knabenschule und ASTA der Hochschule Darmstadt / Viel Musik und zwei Vorträge/ Schirmherr: Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch

Bob Dylan, Copyright: Wikimedia Commons

Am 24. Mai wird Bob Dylan 80 Jahre alt. Die Volkshochschule Darmstadt würdigt ihn anlässlich des Geburtstages schon ein paar Tage früher. Am 14. Mai heißt es „Mr. Tambourine Man wird 80: Bob Dylans anderes Amerika“. Zusammen mit den Kooperationspartnern Bessunger Knabenschule, AStA  der Hochschule Darmstadt und „Thomas Waldherr präsentiert Americana“ bietet die Volkshochschule Darmstadt in der Halle der Bessunger Knabenschule ein interessanter Mix aus viel Live-Musik und ebenso informativen, unterhaltsamen Multimediavorträgen rund um Bob Dylan angeboten.

Auf dem Programm stehen Bild-Vorträge des preisgekrönten Musikjournalisten Klaus Walter und des Darmstädter Dylan-Experten und Amerika-Kenners Thomas Waldherr  über den „Picasso of Song“ zwischen Judentum und Black America, Politik, Pop und Poesie. Es sind dies zwei Multimedia-Vorträge, die sich mit der Wechselwirkung von Migration und US-Populärkultur sowie Dylans jüdischem Glauben und seiner engen Verbundenheit mit der afroamerikanischen Kultur und Community widmen. Eigene Interpretationen von Dylan-Songs bieten Dan Dietrich, Martin Grieben, das Folk-Duo „Romie“ und Wolf Schubert-K dar. Special Guests sind die „Woog Riots“. Schirmherr der Veranstaltung ist Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch.

Der Eintritt beträgt 15 Euro, Tickets für diese Veranstaltung gibt es ab Montag, 21. Dezember 2020 über die Volkshochschule Darmstadt: http://www.darmstadt.de/vhs (Rubrik Kultur / Musik). Hinweis: Voranmeldung ist unbedingt erforderlich, es gelten die AHA-Regeln zum Schutz vor der Corona-Pandemie (Mund-Nasen-Bedeckung, Abstand, Hygieneregeln).

Mal Freunde, mal Konkurrenten

18. Dezember 2020

Phil Ochs wäre in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden. Ein talentierter und wichtiger Künstler, der sich auch selbst im Weg stand und tragisch endete. Das Verhältnis zwischen Dylan und ihm war kompliziert.

Phil Ochs, Copyright: Wikimedia Common

Die Helden der „Goldenen Greenwich Village Generation“ der 1960er kommen in die Jahre. 2021 feiern sowohl Joan Baez (9. Januar), als auch Bob Dylan (24. Mai) ihre 80. Geburtstage. Dieser Tage (19. Dezember) wäre Phil Ochs 80 Jahre alt geworden. Doch er starb bereits am 9. April 1976, er nahm sich das Leben. Es ist ohnehin mehr als überfällig, ihn an dieser Stelle einmal zu würdigen und über das nicht einfache Verhältnis der beiden Folkmusiker Ochs und Dylan zu erzählen.

Bob Dylan, Copyright Wikimedia Commons

Talentierter Folksänger

Kürzlich haben wir an dieser Stelle über das Verhältnis von Dylan und Lennon geschrieben, nun also diese Zeilen zur Beziehung zwischen diesen beiden Künstlern, die beide als befreundete Greenwich Village-Folkies begannen. Auch Ochs rieb sich an Dylan. Dylan selber, der von 1963 bis 1966 den Grundstein für seine Weltkarriere legte, urteilte sowohl sehr respektvoll, aber auch wohl ein kleines bisschen neidisch im „Broadside Magazine“ über Ochs: „Ich kann mit Phil einfach nicht mithalten. Und er wird immer besser und besser und besser.“

Denn auch Phil Ochs legte in den Jahren 1964 – 1966 den Grundstein dafür, warum er bis heute noch als einer der besten Songwriter seiner Generation gilt. Die Alben „All The News That’s Fit To Sing (1964)“, „I Ain’t Marching Anymore“ (1965) und „Phil Ochs In Concert“  (1966) waren voller starker politischer Lieder und heutige Songklassiker wie eben „I Ain’t Marching Anymore“ oder „Love Me, I’m A Liberal“. Aber auch seine eher nach innen gerichteten Songs wie „Changes“ und „When I’m Gone“ gehörten zum Besten, was die damalige Folkmusik zu bieten hatte. Dennoch schaffte er im Gegensatz zu Dylan den Durchbruch nicht. Manche behaupten, sein Manager Al Grossman, der auch Dylan betreute, hätte zu wenig für ihn getan. Ochs setzte sich zwar für Dylan ein, als der die Folkpuristen mit seiner Hinwendung zum Folk-Rock-Rock vor den Kopf stieß: „Musik zu spielen, bloß weil sie dem Publikum gefällt, heißt das Publikum nicht zu respektieren. Wenn das Publikum das nicht versteht, dann verdient es allerdings auch keinen Respekt.“ Aber er litt auch darunter, Dylan an sich vorbeiziehen zu sehen.

Als Sohn eines manisch-depressiven Vaters war auch Ochs wohl schon früh im Kampf mit diesen Dämonen. Wahrscheinlich rührt auch daher seine sehr starke, verletzte Enttäuschung über den ausbleibenden Ruhm, so dass er immer wieder in der Szene gegen den „Konkurrenten“ Dylan stichelte, wie der legendäre Musikjournalist Karl Bruckmaier in einem Porträt zu Ochs‘ 70. Geburtstag schrieb. So wurde Ochs langsam aber sicher zur tragischen Figur. Obwohl mit großen Talent ausgestattet, stand er sich immer ein bisschen selbst im Weg. Und hatte Pech: Als Dylan zum Rock ging, hoben ihn die Folkies an dessen Stelle auf den Schild. Aber da war der Zeitgeist bereits zu Dylan gewechselt und das Folkrevival am Ende.

Copyright: Elektrola Records

Legendär, die Szene als beide Protagonisten zusammenrasselten. Dylan spielte Ochs seinen Song „Sooner Or Later (One Of Us Must Know)“ vor und der reagierte mit der Kritik, dass Dylan in seinem Songwriting die Klarheit verlieren würde. Dylan soll wütend reagiert haben: „Du bist Journalist, kein Folksänger“. Ihn nervte Ochs mit seinem Beharren, tagespolitische Protestsongs zu schreiben. Ironie der Geschichte: Fast 10 Jahre später veröffentlichte Dylan mit „Hurricane“ einen epischen Protestsong, der der Inbegriff eines journalistisch-genau geschriebenen Liedes war.

Wie auch immer. Ochs hatte das Glück nicht gepachtet und dennoch schaffte er 1966 mit viel Eigeninitiative die Carnegie Hall zu füllen. Doch hohes Lampenfieber ließ das Konzert zum Desaster werden.

Ochs ließ daraufhin sein altes Leben und Frau und Kind in New York hinter sich und das Irrlichtern begann. So versuchte er, Folk und Pop zu verschmelzen und arbeitete mit Bands und Orchestern zusammen. Obwohl er versuchte, weg vom Folk sich kommerzieller hin zu orientieren, hatte er keinen Erfolg. Das größte Ereignis war da ein kleiner Hit, den Joan Baez‘ mit einem Cover von seinem Song „There But For Fortune“ hatte.

Politischer Aktivist

Phil Ochs, Copyright: Wikimedia Commons

Gleichzeitig blieb sich Ochs als politischer Aktivist treu, demonstrierte gegen den Vietnam-Krieg, war Mitbegründer der politisch linke  Youth International Party (Yippies) und engagierte sich für den linken demokratischen Präsidentschaftsbewerber Eugene McCarthy. Doch die Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys sowie die Wahl von Richard Nixon zum US-Präsidenten führten zu einer großen depressiven Krise.

Fortan versuchte er Anfang der 1970er sich mehr zur Countrymusik und zum frühen Rock’n’Roll hin zu orientieren. Möglicherweise war dies auch eine Reaktion auf Dylans Countrymusik und dessen Preisen des Landlebens. Er trat im Glitzeranzug auf und ließ sich von einer Band begleiten und mischte musikalisch Elvis Presley mit Merle Haggard. Letztlich auch ohne Erfolg. Was ihn seelisch noch weiter belastete. Er verfiel Depressionen und dem Alkohol, war aber weiter politisch aktiv, u.a. begeisterte er sich für Salvadors Allendes Chile und freundete sich mit Victor Jara an.

Trotz all seiner psychischen Schwierigkeiten schaffte er es, immer wieder einmal gute Songs zu schreiben wie „Here’s To The State Of Richard Nixon“, als der Präsident im Strudel des Watergate Skandals unterging. Ochs reiste zu der Zeit viel im Ausland umher und wurde 1973 in Tansania Opfer eines Raubüberfalls. Er behielt davon einen bleibenden Schaden an den Stimmbändern zurück. Für den Überfall machte Ochs die CIA verantwortlich. Nun war er aber nicht nur psychisch beeinträchtigt, auch physisch, seine Stimmvermögen war eingeschränkt.

Im selben Jahr putschte das Militär in Chile und sowohl Allende als auch Victor Jara kamen ums Leben. Wieder ein traumatisches Erlebnis für Ochs. Er organisierte ein großes Benefizkonzert für die Menschen in Chile, an dem am 11. Mai 1974 u.a. Pete Seeger, Arlo Guthrie und Bob Dylan teilnahmen. Und auch an der großen Kundgebung zum Ende des Vietnamkrieges am 30. April 1975 nahm er teil und sang mit Joan Baez sein „There But For Fortune“ und solo „War Is Over“.

Tragisches Ende

Doch trotz dieser Lichtblicke war Ochs bereits zu sehr den Depressionen und dem Alkohol verfallen. In diesem Sommer legte er sich eine neue Identität zu, begründet mit kruden Theorien. Ein weiteres Mal war es Bob Dylan, der ihn enttäuschte, als er ihn nicht mit auf seine Rolling Thunder Revue mitnahm, obwohl sie im Sommer 1975 wieder öfters aufeinander trafen. Aber es ging einfach nicht. Ochs war am Ende, psychisch derangiert und eine Gefahr für sich und andere, da er immer wieder Schlägereien provozierte.

Im Januar 1976 zog er zu seiner Schwester Sonny, eine bipolare Störung wurde bei ihm festgestellt und er dämmerte lethargisch vor sich. Am 9. April 1976 schließlich erhängte er sich.

Mit Phil Ochs starb einer der talentiertesten und wichtigsten amerikanischen Singer-Songwriter. Seine Geschichte ist tragisch und es ist wichtig, dass er und seine Musik nicht in Vergessenheit geraten.

Copyright: Disappear Fear

Sonia Rutstein würdigt Phil Ochs

Eine interessante Volte der Musikgeschichte ist wohl dabei, dass die Künstlerin, die vielleicht heutzutage mit am meisten dafür sorgt, dass Ochs nicht vergessen wird – Sonia Rutstein aka „SONiA disappear fear“ – eine Cousine von Bob Dylan ist. Ochs ist Ihr Held und ihre Songwriter-Inspiration. Sie veröffentlichte zum 4. Juli 2011 ein Album mit 10 Songs von Phil Ochs mit ihrer Band Disappear Fear unter dem Titel „Get Your Phil“. Phils Schwester Sonny Ochs hat SONiA als „einen der größten Interpreten von Phil Ochs“ bezeichnet.

Ihren Helden Phil Ochs ehrt sie nun auch an seinem 80. Geburtstag, am Samstag, 19. Dezember. Sie wird ab 19.15 Uhr EST (Sonntag, 20. Dezember, 2.15 Uhr MEZ) live auf Facebook streamen und über den Einfluss von Phil Ochs auf ihre eigene Arbeit sprechen. Fans können eine Live-Aufnahme eines seiner Songs im Studio miterleben. Zu SONiA stoßen zudem ihre Schwester Cindy Rutstein sowie Tony Correlli.

SONiA Disappear Fear – Tribute für Phil Ochs“ ist zu sehen und zu hören auf: https://www.facebook.com/disappear.fear

Phil Ochs: I Ain’t Marching Anymore:

Phil Ochs – There But For Fortune:

SONiA disappear fear sings Phil Ochs‘ „Changes“:

Mally plays Dylan

11. Dezember 2020

Das österreichische Blues-Urgestein hat im letzten Jahr ein wunderbares Dylan-Album veröffentlicht

Copyright: Pumpkin Records

Ja, es ist manchmal schon irre. Da beschäftigt man sich irgendwie eigentlich schon fast täglich mit Bob Dylan und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mit „Mally plays Dylan“ ein sehr schönes Dylan-Cover-Album verpasst. Und dass ich es jetzt doch entdeckt habe, habe ich dem tollen Blues- und Folkmusiker Biber Herrmann zu verdanken. Denn der hat mich für ein Konzert in meiner Americana-Reihe mit dem österreichischen Blues-Urgestein „Sir“ Oliver Mally in Kontakt gebracht. Ein Musiker, der in seiner Heimat sehr geschätzt wird und dort als der „beste Blues-Sänger des Landes“ („Die Presse“) bezeichnet und sogar zu den Vertretern des „besten Blues Europas“ (Musikzeitschrift „Concerto“) gezählt wird.

Trotz aller Lobeshymnen ist der Mann auf dem Boden geblieben. Ein herzlicher, lebensbejahender Musiker, der erst den Blues für sich adaptiert, und in den letzten Jahren sich verstärkt in Richtung Singer-Songwriter entwickelt hat. Und so vereint er mittlerweile das Beste aus beiden Welten. Er hat den Blues, das Gefühl dafür und den Drive und er erzählt Geschichten, die hörenswert sind. Beeinflusst ist er in Sachen Singer-Songwriting von Größen wie Steve Earle, Townes van Zandt und natürlich Bob Dylan, dem er eben im letzten Jahr ein ganzes Album gewidmet hat.

Wagna, nicht Wien

Denkt man an Österreich und Bob Dylan, dann denkt man natürlich unwillkürlich an Wolfgang Ambros und die besondere österreichische, Wiener Dylan-Rezeption, Stichwort „Austro-Bob“.

Mally jedoch ist kein Wiener, sondern kommt aus der Steiermark und lebt dort auch immer noch in der 6000-Seelen-Marktgemeinde Wagna. Er hat seinen eigenen Zugang zu Dylan. Er versucht, Dylans Songs sich persönlich anzueignen, in ihnen quasi heimisch zu werden. Sein Album ist kein lautes, sondern ein kluges, leises, voller Gefühl und Verständnis für Dylans Songideen.

Wenn er mit „One Too Mornings“ beginnt, sich auf den Weg durch das Album und die Dylan-Welt zu machen, so nimmt man ihm die Einsamkeit ab, sieht ihn etwas stockend und stolpernd nach vorne gehen, dabei stets zu wissen, dass er diesen, seinen Weg, gehen muss. „Blind Willie McTell“ gewinnt durch die Reduktion und Sparsamkeit im Arrangement. Mit Peter Schneider an der zweiten Gitarre kommt eine feine Bluesstimmung auf und Dylans pralles Panoramabild der amerikanischen Südstaaten wird in feine Skizzen unterteilt und gewinnt damit nochmals Eindringlichkeit.

Schöne, hörenswerte und ganz eigene Versionen von Dylans Klassikern

Das vielleicht schönste Stück der Platte – das Album gibt es ausschließlich auf Vinyl – ist „I Want You“. Ganz zerbrechlich, voller ehrlicher Hingabe, mit ein bisschen Ängstlichkeit, ob die Liebste denn auch so empfindet. „Girl From The North Country“ ist dann ein weiterer Höhepunkt. Auch hier gelingt es Mally, dass sich die melancholische Stimmung des Originals hier wiederfindet, ohne eine bloße Kopie zu sein. Martin Burböcks Akkordeon unterstützt diese melancholischen Erinnerungen an das Mädchen aus dem kalten Norden kongenial.

Nah am Dylan-Original, das ja ein Cover der Mississippi Sheiks ist, gerät Mally dann „Blood In My Eyes“. Ebenfalls eines der stärksten Stücke des Albums. Das Album schließt dann mit einem von, wie ich finde, Bob Dylans schönsten Songs. „Simple Twist Of Fate“, die sentimentale Ballade über zufällige und schicksalhafte Liebe, über kurze Begegnungen und lebenslange Erinnerungen. Auch hier schafft es der großartige Musiker Mally dieses Lied so anrührend zu spielen, dass die Hörenden von all den eigenen Erinnerungen an ähnliche Erfahrungen eingeholt werden. Das beste was man von einer Interpretation dieses Dylan-Originals sagen kann. Großartig!

Ruhig, fesselnd, großartig

„Sir“ Oliver Mally, Copyright: Wikimedia Commons

Als Bonustrack kommt dann noch „Blowin‘ In The Wind“, dass „Sir“ Oliver eigentlich gar nicht aufnehmen wollte, das dann aber aufgrund der guten Stimmung im Studio dann doch noch gespielt wurde. Und siehe da, Mally meistert es fantastisch, dieses an den Lagerfeuern der Welt niedergeschrammelte Stück wieder zusammenzusetzen. In einer ganz reduzierten, unpathetischen, unsicheren, wirklich fragenden Form, legt er seinen Gehalt frei. Hörenswert.

Ich bin so froh, dieses Album doch noch entdeckt zu haben. Es steht ganz gleichberechtigt neben den Dylan-Cover-Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Willie Nile, Joan Osborne oder Betty LaVette. Es ist ein ruhiges, stets fesselndes, ein großartiges Singer-Songwriter-Album geworden. Dafür müsste man „Sir“ Oliver Mally glatt nochmal zum Ritter schlagen.

Trackliste:

Seite 1:

  1. One Too Many Mornings
  2. Blind Willie McTell
  3. Love Minus Zero/No Limit
  4. I Want You

Seite 2:

  1. Girl From The North Country
  2. All I Really Want To Do
  3. Blood In My Eyes
  4. Simple Twist Of Fate
    Bonus Track: Blowin In The Wind

Zu beziehen ist das Album u.a. hier: https://sir-oliver.com/music/ oder bei Pumpkin Records:
https://www.kuerbis.at/de/pumpkin-records/shop-produkte/mally-plays-dylan


Mehr Infos zu „Sir“ Oliver Mally: https://sir-oliver.com/


Nicht auf dem Album, aber auch sehr schön – Shelter From The Storm:

Die DoubleDylans jetzt auf bandcamp

8. Dezember 2020

Dass Bob Dylan alle Songrechte seines Backkataloges an Universal Music Publishing in einem großen Millionen-Deal verkauft hat, sorgte für große Aufregung. Dass fast zeitgleich die DoubleDylans ihren Backkatalog nun über die Web-Plattform bandcamp vertreiben, ging da leider unter. Um so wichtiger, dies in der Dylan-Welt nochmal publik zu machen. 

Die DoubleDylans, Foto: Promo DoubleDylans

Seit mehr als 20 Jahren On The Road

Denn seit mehr als 20 Jahren sind die Frankfurter Doubledylans – Matze Schmidt, Robert Noetzel und Uli Klapdor – die Rhein-Main-Kultband rund um Bob Dylan. Auf sechs Alben, einer EP und einer Single haben sie ihre kongenialen Adaptionen von Dylan-Songs veröffentlicht. Und dabei laufen sie nicht in die altbekannten Fallen, die Versionen entweder nah am Original spielen zu wollen oder das Ganze gar ins Deutsche übersetzen zu wollen. Aus der Einsicht, dass dies oftmals nicht funktioniert, haben sie einen anderen Weg eingeschlagen. Sie nehmen Melodiemotive, Thema und Stimmung eines Dylan-Songs und übertragen sie in ihren eigenen Mikrokosmos zwischen Gallus, Mainufer und Marrakesch. Mit viel Lokalkolorit und großer Originalität entstehen somit immer wieder von Dylan inspirierte Songpretiosen.

Rettichretter

Unvergessen: Für ein ganzes Album verfrachteten sie Dylan-Songs in das Rettichretter-Gemüse-Universum. Es entstanden Juwelen des höheren Blödsinns wie „Leute esst Rettich“ (People Get Ready), „Ich arbeite für den Rettichretter nicht mehr“ (Maggies Farm) oder „Lili, Rosmarie und der Rettichretter“ (Lily, Rosemary and the Jack of Hearts). Dabei spielen auch sie, ganz wie der Meister – außer natürlich in Zeiten des Lockdown – unermüdlich Konzerte und man kann sie immer wieder an den ungewöhnlichsten Schauplätzen zum konzertieren treffen. Und so wird man sie sicherlich auch im kommenden Jahr, wenn das Schlimmste mit der Pandemie vorüber ist, wieder live erleben können. 

Music From Little Green

Jelly Pearl Smith: Music From Little Green

Neben dem Backkatalog gibt es bei bandcamp auch etwas Neues zu entdecken. Jelly Pearl Smith alias Matze Schmidt hat vor zwei Jahren Songklassiker von „The Band“ wie „Life Is A Carnival“, „Stafe Fright“ oder „The Night They Drove Old Dixie Down“ eingespielt. Ein Albumprojekt wurde daraus zwar nicht, die „Teaser“-Aufnahmen sind aber nun unter dem Titel „Music From Little Green“ über Bandcamp zu beziehen. Es lohnt sich, die frischen Folkrock-Versionen sind absolut hörenswert. Und hier kann man alle DoubleDylans-Alben in digitaler Form beziehen:  https://thedevilishdoubledylans.bandcamp.com/

The Story of Bobby and Vickie

4. Dezember 2020

Die schwarze Jazz-Sängerin Victoria Spivey ermöglicht Bob Dylan frühe Aufnahmen als „Sideman“ im Plattenstudio/ Zusammenspiel mit seinem Idol Big Joe Willliams

Thomas mit dem Bild von Bobby und Vickie, Foto: Cowboy Band Blog

An dieser Stelle habe ich jüngst einiges zum 50 Jahre alten Album „New Morning“ geschrieben. Nur ein wichtiges Thema fehlte, so die Meinung von manchem Leser: Victoria Spivey. Die Frau, die auf der Rückseite des Plattencovers mit dem jungen Dylan zusammen abgebildet ist. Er schaut pausbäckig und scheinbar schüchtern in die Kamera, während sie fast schon mütterlich stolz auf ihn blickt. Fotografiert hat hier Len Siegler und irgendwie fiel das Bild 1970 Dylan in die Hände und in der typischen Dylan-Manier sagte er später, dass er „New Morning“ nur wegen des Bildes in Angriff genommen hätte. Er musste Musik produzieren, um dieses Bild als Umschlagbild veröffentlichen zu können. Typisch alter Verwirrkopf!

Da ich bei meinem „New Morning“-Artikel nun einen anderen Schwerpunkt hatte, mich aber das Thema selber interessiert, da es in meinen derzeitigen Forschungsschwerpunkt passt, erzähle ich hier also nun nachträglich die Geschichte von Victoria Spivey und Bob Dylan.

Bobby weckt mütterliche Instinkte

Als der junge Bobby Anfang 1961 im Winter nach New York kam, da war er nicht nur ein wissensdurstiger, lerneifriger junger Folksänger, sondern auch ein Typ, der wohl alle mütterlichen Instinkte bei Frauen abrief. Er wirkte zwar stets voller wilder Energie, aber dabei auch stets etwas scheu und unbeholfen. Das sprach später nicht nur Suze Rotolo und Joan Baez an, sondern bereits vorher auch die Jazz- und Bluessängerin Victoria Spivey.

Spivey, 1906 geboren, war damals Mitte Fünfzig und empfänglich für Bobbys Charme. Sie lernten sich 1961 im Greenwich Village in Gerde’s Folk City kennen. Da war Vickie, wie Dylan sie nannte gerade wieder in die Öffentlichkeit zurück gekehrt, nachdem sie einer großen Karriere auf Tonträgern, Bühnenshows und film Anfang der 1950er den Rücken gekehrt hatte und einen Kirchenchor leitete. Im Zuge des Folkrevivals wurde sie wieder entdeckt und sie belebte ihre Karriere neu. Man kann sich gut vorstellen, welch besonderen Status Victoria in der linken Künstlerszene des Village innehatte.

Für Dylan wiederum, der Musik und insbesondere alte Blues- und Folk-Aufnahmen gerade aufsog, war die Bekanntschaft und das Vertrauensverhältnis zur mütterlichen Freundin  Victoria Spivey natürlich eine große Sache. Und in diesem menschlichen Verhältnis spielte die Hautfarbe überhaupt keine Rolle. Lassen wir die beiden doch einmal über einander in eigenen Worten erzählen, so wie man es in Michael Grays Bob Dylan-Enzyklopädie lesen kann: „Er war das süßeste Kind, das du jemals treffen möchtest. Nur ein Bündel nervöser Energie. Er würde sagen, ‚Mütter, diese Mütter, diese Mütter, die immer versuchten, meine Aufmerksamkeit zu erregen‘. Er war eine Puppe. Ich war damals so stolz auf ihn, weil er wirklich ein Talent hatte, das gerade bereit war zu explodieren. Und hat es geschafft! Nur ein paar Jahre später war er auf dem Weg, ein Weltidol auf seinem Gebiet zu werden“, schwärmte Vickie 1965 über ihn.

Und noch 1985 dankte Dylan seiner Förderin:  „… oh Mann, ich habe sie geliebt … ich habe so viel von ihr gelernt, dass ich es nie in Worte fassen könnte.“

Mit Spivey und Big Joe Williams im Studio

Copyright: Doxy Records

Bob Dylans erste Studioaufnahmen sind datiert auf den September 1961, als ihn Carolyn Hester ins Studio einlud. Im November 1961 nahm er dann sein Debütalbum auf. Doch die Sessions im Februar und März 1962 erweiterten seinen musikalischen und kulturellen Horizont sicher noch ein bisschen mehr. Beide Male spielte er Mundharmonika. Am 2. Februar nahm er mit Folkstar Harry Belafonte den Song „Midnight Special“ auf und nur einen Monat später fand er sich im Studio mit seiner  Freundin Vickie sowie einem seiner Blues-Idole, Big Joe Willams, wieder. Die nahmen mit Roosevelt Sykes und Lonnie Johnson das Album „Three Kings and the Queen“ auf. Dylan nahm am 2. März an den Sessions teil und aufgenommen wurden:

1. Sittin’ On Top Of The World (Big Joe Williams)

2. Wichita (Big Joe Williams)

3. Big Joe, Dylan And Victoria (Big Joe Williams)

4. It’s Dangerous (Victoria Spivey)

Dylan sang hier auch noch zusätzlich Background Vocals ein. Die ersten beiden Songs erschienen auf dem Spivey-Album „Three Kings and the Queen“ im Oktober 1964, Nummer drei du vier erst auf „Three Kings and the Queen – Volume 2“ im Juli 1972. Die Platten sind vom Label Doxy Records vor ein paar Jahren auf Vinyl wieder veröffentlicht worden.

Copyright: Doxy Records

Für Dylan eine der besten Platten unter seiner Beteiligung

Und Big Joes und Little Bob harmonierten prächtig, wie sich Vickie erinnerte: „Und haben die gut zusammen gespielt! Als wären sie 50 Jahre zusammen! ‚Komm schon Big Joe Little Junior, spiel deine Harp!‘ Auf diese Weise gab Big Joe Bob stolz das Stichwort, bei einem der Titel „abzuheben“. Ja, das war Bob, bevor die Dame Fortuna ihn für sein großes Talent belohnte.“

Und auch Dylan ist der Meinung, dass eine der besten Aufnahmen gewesen sei, an denen er jemals beteiligt war. Und er sagt in seiner typischen Art, fast schon ungläubig: „Ich denke, eine der besten Platten, an denen ich jemals teilgenommen habe, war die Platte, die mit Big Joe Williams und Victoria Spivey aufgenommen wurde. Das ist eine Platte, die ich von Zeit zu Zeit höre, und es macht mir nichts aus, sie anzuhören. Es wundert mich, dass ich dort war und das getan habe. “

Die heilige Johanna und das Chamäleon

1. Dezember 2020

Joan Baez und Bob Dylan werden nächstes Jahr 80 Jahre alt. Die Volkshochschule Frankfurt am Main veranstaltet dazu zwei Seminare mit dem Musikjournalisten Thomas Waldherr

Joan Baez und Bob Dylan, Foto: Wikimedia Commons

Im kommenden Jahr werden Joan Baez (9. Januar) und Bob Dylan (24. Mai) beide 80 Jahre alt. Für die Volkshochschule (VHS) Frankfurt am Main Grund genug, sich einmal mit den unterschiedlichen künstlerischen Konzepten der Folk-Ikonen zu beschäftigen.

„Mit dem Musikjournalisten und Amerika-Kenner Thomas Waldherr gehen wir den Karrieren und Kontroversen zweier musikalischer Leitfiguren nach. Sie begegnen den beiden Ausnahmekünstlern vor dem Hintergrund der politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA seit den 1960er Jahren. Mit Audio- und Videoeinspielungen sowie Songtexten werden wir deren unterschiedliche künstlerische Konzepte beleuchten und diskutieren.“, heißt es in der Ankündigung der Frankfurter VHS für die zwei Seminare am 28. Februar und 14. März.

Thomas Waldherr startet mit den beiden Veranstaltungen in das Dylan-Geburtstagsjahr 2021, weitere Aktivitäten von ihm rund um Dylan werden folgen und an dieser Stelle angekündigt.

Joan Baez: Die heilige Johanna des Folk – zwischen Musikbusiness und Politaktivismus

So, 28. Feb. 2021,16.00 – 18.00 Uhr

VHS Frankfurt am Main, Sonnemannstraße;

Kursgebühr: € 11

Anmeldung: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144490

Bob Dylan: Rebell und Sucher, Chamäleon und Trickster

So, 14. März 2021, 16.00 – 18.00 Uhr

VHS Frankfurt am Main, Sonnemannstraße;

Kursgebühr: € 11

Anmeldung: https://vhs.frankfurt.de/de/portal#/search/detail/144491

Joan Baez und Bob Dylan bei der Rolling Thunder Revue 1976: