Posts Tagged ‘Country’

„Dylan und Country“ im Radio

12. November 2011

Am 8. November war der Autor dieses Blogs zu Gast bei Radio Darmstadt in der Sendung Country Pur. Zwei Stunden lang waren Dylan und seine Beziehung zur Countrymusik das Thema, der von Karla K. Walter moderierten Sendung, wobei der Schwerpunkt natürlich auf viel Musik lag. Vielen Dank an Frau Walter und Radio Darmstadt, dass sie diese Sendung ermöglicht haben. Viel Spaß beim Hören des Mitschnitts!
Radio Darmstadt_ 20_00 Uhr(Radio Darmstadt) – Thomas Waldherr – Bob Dylan Feature

Delaney Davidson

16. September 2011

WahWahTwangBoomChickaBoom oder wie ein neuseeländischer Schweizer in einem Bessunger Keller in Darmstadt das Americana weiterentwickelte…

credits: Delaney Davidson

credits: Delaney Davidson

In Kellern wird Americana-Geschichte geschrieben. 1967 in dem von Big Pink, als Bob und die Buben von The Band zu den Urvätern des Genre wurden und vor wenigen Tagen war es der Keller der Bessunger Knabenschule in Darmstadt, in dem Delaney Davidson mit seiner außergewöhnlichen Performance die Minstrel-Show wiederauferstehen ließ und für dieses Jahrtausend neu aufbereitete.

Knapp 50 Leute waren gekommen und der Keller war voll. Davidson nimmt das Publikum mit auf die Reise ins alte, gefährliche Amerika, es geht um Tod und Teufel, Liebe und Mord. Das Ganze klingt ein bisschen wie Nick Cave meets Bob Dylan meets Hank Williams. Blues, Balladen, dunkler Country – phantastisch vorgetragen von einem Künstler, dessen Bühnenpräsenz beeindruckend ist. Nur mit Gitarre und Mundharmonika „bewaffnet“, aber dazu mit cleverem technischen Equipment ausgestattet, dass es ihm ermöglicht sich selber zu begleiten, idem er Melodielinien, Rhythmus und Takt anspielt, aufnimmt und sofort wiedergibt. Der Höhepunkt ist erreicht, als er bei „Time has gone“ sein Instrument niederlegt, die Musik weiterspielt und er sich unters Publikum mischt, um es zu einem dunklen Todeswalzer zu animieren. Es gelingt und plötzlich ist der Keller zum Ballsaal einer Geisterstadt irgendwo im Wilden Westen geworden.

Überhaupt hat er das Publikum gut im Griff, macht kurze, witzige Ansagen, kokettiert mit seinem unperfekten Deutsch und bringt die Leute bei „Dirty Dozen“ sogar zum Chorgesang. Ein rundum tolles Konzert und ein rundum begeistertes Publikum im Keller. Man sollte den neuseeländischen Schweizer Delaney Davidson im Auge behalten. Er könnte der Welt noch viel gute Musik schenken und das Americana bereichern.

Das Buch ist raus!

16. September 2011

Auf ausdrücklichen Wunsch hin sei es hier nochmals erklärt: „I’m in a Cowboy Band“ ist im August erschienen und sowohl im Buchhandel als auch im Internet (amazon, jpc etc.) erhältlich. Es ist ein schönes Büchlein geworden, sieht schmuck aus im Buchregal, liegt gut in der Hand und trägt nicht auf. Es kostet 10,50, was aber nur ein symbolischer Preis sein kann, da der Inhalt ja eigentlich unbezahlbar ist.

Es hat auch schon einige positive Reaktionen und Rezensionen gegeben:

„Ein Buch in dieser Art hat es meines Wissens weder über Bob Dylan noch einen anderen Musiker gegeben“ (Manfred Vogel, country.de).
„Big Pink als das Geburtshaus des Americana auszurufen ist ein wunderbarer Gedanke“ (Matze von den DoubleDylans)
„Lesenswert“ (Leserrezension auf amazon)

Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober ist das Büchlein samt Autor auch vertreten und am 8. November wird das Thema des Buches im Mittelpunkt einer Sendung von Radar/ Radio Darmstadt stehen. Sobald Lesungen oder Veranstaltungen fix sind, werden sie hier bekannt gegeben. Der Autor arbeitet noch daran.

Legt die Platte wieder auf!

13. September 2011


Ein Live-Mitschnitt von 1981 legt die Wurzeln von Rock und Country frei und gehört deshalb wieder veröffentlicht

Viele die sich intensiv mit Rockmusik beschäftigen kennen das Million Dollar Quartett. Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins waren allesamt 1956 in den legendären Sun Studios und dokumentierten die Entwicklung von Country und Blues zu Rockabilly und Rock’n’ Roll anhand einer spontanen Jamsession.

Weniger bekannt sind die Survivors. 1981, vier nach dem Tod von Elvis Presley begab es sich, dass zur gleichen Zeit in Europa unabhängig voneinander Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins auf Tour waren. Als die letzteren Beiden einen day-off hatten entschied man kurzerhand, dies zu einem spontanen Bühnenrevival zu nutzen.

Und es war atemberaubend! Was den Zuschauern am 23. April 1981 in Böblingen bei Stuttgart geboten wurde, war nicht weniger als die Freilegung der Wurzeln des Rock. Country, Gospel und Rockabilly wurden von den Jugendfreunden in fast wahnwitzigerweise Weise zelebriert. „I saw the light“, Hank Williams fromme Erleuchtung, und die Carter-Family-Hymne „Will the circle be unbroken“ wurde von Jerry Lee derart umspielt, musikalisch paraphrasiert und gesanglich improvisiert dargeboten, dass es schon richtig „schwarz“ klang. Wobei Jerry Lee ohnehin eine der schwärzesten Stimmen aller weißen Rockmusiker hat. Während also Jerry Lee den ungezügelten, respektlosen Derwisch am Klavier gab, war Johnny Cash der logische, stoische und würdevolle Anführer des Trios und Carl Perkins der solide, treibende Motor des Ganzen.

Der Spontanauftritt fand noch die eine oder andere Fortsetzung während Cashs Tournee und führte schließlich auch zum 86er Album der drei Helden mit Roy Orbison. 1982 brachte Columbia bereits unterm dem Titel „The Survivors“ einen Live-Mitschnitt des denkwürdigen Stuttgarter Auftritts heraus. Zum letzten Mal wurde er dann 1995 als CD veröffentlicht. Seitdem herrscht Funkstille.

Es bleibt leider das Geheimnis von Sony/Columbia warum inmitten der zahlreichen posthumen Cash-Veröffentlichungen ausgerechnet diese Pretiose fehlt. Legt die Platte wieder auf!

Und hier das Gospel-Medley der Survivors:

Brüder im Geiste

25. Februar 2011

Bob Dylan, Johnny Cash, “One Too Many Mornings” und “Bootleg Vol II: From Memphis To Hollywood”

Auf der aus vielerlei Gründen einzigartigen Johnny Cash-Neuveröffentlichung von Archivschätzen „Bootleg Vol. II: From Memphis To Hollywood“ befindet sich mit „One Too Many Mornings“ auch eine bis dato in den USA unveröffentlichte Cash-Version eines Dylan-Songs, nämlich „One Too Many Mornings“.

Zusammen mit Mutter Carter und den Mädels versteht es Cash, mit wenigen musikalischen Mitteln – seinem typischen BoomChackaBoom, Mother Maybelles Autoharp sowie den Background-Vocals von June und ihren Schwestern – und seinem lakonischen Gesang, sich das Lied völlig anzueignen. Cash gibt Dylans Poesie die Erdung des Country-Folk. Die Aufnahme stammt von 1965, vier Jahre später nahm er den Song noch einmal auf, diesmal mit Dylan zusammen und wieder erschien er nicht auf einer offiziellen Veröffentlichung.

Diese Songminiatur zeigt auf, wie sehr Bob und Johnny Brüder im Geiste waren, obwohl sie sind doch von sehr unterschiedlicher Herkunft sind. Hier Bobby Zimmermann, aufgewachsen als Sohn einer jüdischen Mittelstandsfamilie in der unwirtlichen Iron Range, im kalten Nordgrenzstaat Minnesota, da John R. Cash, Sohn eines armen Baumwollpflanzers aus Arkansas im Bible Belt der US-Südstaaten. Der eine wird Groß in der Uni-Szene von Minneapolis/ St. Paul und in der linken Folkszene New Yorks, der andere wächst in ärmlichen, gottesfürchtigen Verhältnissen auf, geht zur Army, macht dort Musik, verkauft später Haushaltsgeräte und wird in den Sun-Studios von Memphis/Tennessee entdeckt.

Cash wuchs auf in den wirtschaftlich schwierigen 30er und 40er Jahren auf. Cashs Jugend in Armut und Gottesglaube auf den Baumwollfeldern in Arkansas mit dem strengen Vater und dem Tod seines geliebten Bruders Jack führt zur Entstehung innerer Dämonen, einem immer wieder aufbrechenden Rebellentum und der Empathie mit den Armen und den Verlierern. Zudem ist sich Cash stets bewusst, dass auch das bescheidene Leben seiner Jugend nur durch die New Deal-Politik Roosevelts möglich war.

Dylan dagegen ist der bürgerliche Mittelstands-Kid, der sich schon früh in der Welt, in der er lebt, nicht zu Hause fühlt. Dylan wächst als Jugendlicher auf in den ökonomisch prosperierenden, aber geistig bleiernen Jahren der Eisenhower-Zeit auf. Sein Ventil war, viel wichtiger noch als die Filme mit dem Rebellentum des James Dean, immer die Musik. Die ländliche populäre Musik der Südstaaten, von der weißen Country-Musik bis zum schwarzen Blues und dem Rock’n’Roll war sein Fluchtweg aus dem bürgerlichen Dilemma, die Eintritt in die intellektuellen Uni-Szenen die Grundlage seiner Horizonterweiterung für gesellschaftliche Missstände.

Dies ergab in den bewegten 60er Jahren eine große künstlerische Schnittmenge. Cash hatte immer ein Gespür für Folk, das über die Nashville-Hits hinausging. Dylan hatte schon früh Hank Williams, den „Hillbilly-Shakespeare“, schätzen gelernt. So freundeten sich die beiden an und Cash setzte sich für Dylan ein, als Columbia ihn nach dem mäßigen Publikumserfolg seines LP-Erstlings schon wieder loswerden wollte. Und Cash setzte sich für Dylan ein, als die Folkszene geiferte, weil er von der Tagespolitik ins seinen Songs Abstand nahm. Unter Dylans Inspiration entstanden Cashs gesellschaftskritische Songs wie „Ira Hayes“ und seine Konzeptalben. Dylan wiederum begab sich ein Stück weit in Cashs Hand, als er Ende der 60er die Countrymusik für sich adaptierte.

Über die Jahre gab es immer wieder Berührungspunkte und Dylans Hommage auf Cash nach dessen Tod ist ein großes Dokument der Verehrung. Umso schöner ist es, wenn mit der neuen „Bootleg 2“ eine weitere Cash-Version eines Dylantitels nun breiten Kreisen zugänglich und die wichtige Verbindung der Beiden wieder einmal offenbar wird.

Bob Dylan und das Vermächtnis des Americana

20. Februar 2011

Copyright: Sony Music

Copyright: Sony Music

Eine Grammy-Nachlese

Reden wir mal nicht von der Stimme Dylans an diesem Abend. Die war wirklich ragged & dirty. Reden wir lieber über die Art des Vortrags, und welche Bedeutung er widerspiegelt. Denn Bob Dylan unterstrich mit seinem Auftritt am 13. Februar 2011 im Rahmen der Grammy-Verleihungen nicht mehr und nicht weniger als seine Ausnahmestellung als „Vater des Americana“.

Die Initialzündung für das was heute landläufig als „Americana“ oder auch „Alternative Country“ bezeichnet wird stellen die „Basement Tapes“ dar. Dylan & The Band ritten von Frühjahr bis Herbst 1967 im Parforce durch mehr als 100 Songs aus Country, Folk, Gospel und Rock’n’Roll. Dylan bewegte sich in der Folge vom urbanen Avantgarde-Rock seiner Mittsechziger Werke hin zu Country-Folk (John Wesley Harding) und Nashville-Country (Nashville Skyline). Nach Folk, Rock’n’Roll und Country eignete sich Dylan dann in seiner „Born Again-Phase“ Ende der 70er/Anfang der 80er auch den Gospel als letzte Säule des Americana an.

Americana steht für die populäre amerikanische Musik, die ihre Wurzeln in den folkloristischen Überlieferungen der Einwanderer, der ländlichen Bevölkerung, der Schwarzen, der Seeleute oder der Arbeiter hat: Folk, Blues, Country, Rock’n’Roll. Und da war Dylan der erste und bis heute bedeutendste, der wirklich allumfassend die amerikanische Populärmusik zu seinem Medium machte, Grenzen überwand und Fesseln sprengte. In diesem Licht ist beispielsweise auch eine damals beim Erscheinen zerrissene Platte wie „Self-Portrait“, als nichts anderes, als eine Selbstverständigung über die persönlichen und kollektiven musikalischen Wurzeln zu verstehen.

Bis heute geht Dylan diesen Weg weiter, wer seine Radio Sendung „Theme Time Radio Hour“ kennt, weiß wie breit sein Programm aufgestellt ist, wie jede Sparte der populären amerikanischen Musik abgedeckt wird. Also neben dem klassischen Americana, auch die die Musik des „Great American Songbook“, der urbanen Popmusik, den Tin Pan Alley-Schlagern, dem Classic Pop, Swing und Jazz.

Als Dylan an diesem Abend in Los Angeles sein „Maggies Farm“ singt, dann schwingen alle Facetten des Americana und ein bisschen auch das „Great American Songbook“ mit. Die Bühnenszenerie – Ein Halbkreis mit Banjos, Gitarren, Mandolinen und Stehbass – könnte sowohl ein Folk-Hootenanny, als auch einen Barn Dance widerspiegeln. „Maggies Farm“ war der Song, der als erster elektrischer Rock’n’Roller die Folkwelt in Newport verstörte. Inhaltlich schwingt in ihm sowohl das jugendliche Rebellentum, als auch die Plantagenarbeit der Schwarzen – „sing while you slave!“ und die harte Arbeit der ländlichen Amerikaner mit. Die Art des Vortrags war Country-Folk, aber von Tempo und der Härte des Anschlags der Saiteninstrumente nicht ohne die Weiterentwicklung des Rock’n’Roll denkbar. Und dazu gibt dann Dylan eben nicht den Obergitarristen – seiner vielfachen öffentlichen Wahrnehmung entsprechend – sondern macht den Crooner! „Great American Songbook“ siehe oben. Wow!

Dylan lässt also keine Möglichkeit aus, sich weiterhin als Archäologe und Historiker der amerikanischen Populärmusik zu betätigen. Auf offener Bühne. Und hoffentlich auch bald wieder bei uns.

Dylans Auftritt bei den Grammies gibt es u.a. auf youtube zu sehen.

Ruf des Südens

12. September 2010

Eine Musikrundreise am Mississippi

Lange haben wir den Traum schon gehegt. Dann dauerte es, bis wir wussten, dass wir uns trauen. Und dann noch einmal eine Weile, bis es umgesetzt werden konnte. Gut anderthalb Wochen noch, die beruflich noch randvoll sind, dann heben wir ab mit Delta Airlines.

Der Süden der USA ist eine gleichermaßen arme wie mythisch aufgeladene Region. Wiege von Blues, Jazz, Country und Rock’n’Roll. Aber auch Kern des „Bible Belt“, des tief religiösen Hinterlandes der USA. Armut und Rassenprobleme prägen auch heutzutage noch den Alltag. Dies ist genauso Fakt wie die gastfreundliche Art der Südstaatler. Dazu kommt die klassische Südstaatenküche mit Gumbo, Jambalaya und BBQ. Mit „Po’ Boy“, Catfish und Crawfish. Letztere Beiden wiederum geschädigt – sowie deren Fischer und Züchter – durch die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko. Der Süden – das ist Scarlett O’Hara und Bürgerkrieg, aber auch William Faulkner, Mark Twain und die weißen Schaufelraddampfer des Mississippi, aber auch Hurricane „Katrina“, der New Orleans zerstörte oder die Sintflut, die im Frühjahr Nashville überspülte.

Ein spannender, widersprüchlicher Landstrich also. Wir gehen diesen Widersprüchen auf den Grund, legen aber unseren Schwerpunkt auf der Musik. Wir starten in New Orleans, fahren dann rauf nach Nashville und Memphis, um dann den Highway 61 entlang über Clarksdale, Vicksburg und dem Cajun Country wieder nach New Orleans zurück zu kehren.

Bob Dylan war für mich eine musikalische und persönliche Initialzündung. Dieser Typ und seine Musik hat mich vor fast 35 Jahren in seinen Bann gezogen, war unermesslich wichtig für meine Sozialisation und ist bis heute eine Konstante in meinem Leben geblieben. Richtig gelernt, seine Wurzeln einordnen zu können, und seine Bedeutung für die amerikanische Populärmusik wirklich werten zu können, habe ich aber eigentlich erst vor gut zehn Jahren. Der fantastische Film der Cohen-Brüder, „Oh Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odysee“, ließ mich die „Roots“ entdecken. Seine und die des Rock. Die ländliche Musik des armen schwarzen und weißen Amerikas lieferte den Urstoff für die Rockmusik. Diese Wurzeln werden heute von den Musikrichtungen Classic Country, Bluegrass, Alternative Country, den verschiedenen Spielarten des Blues, von Roots-Rock und Americana gepflegt. Das ist die Musik, die ich höre und weswegen wir in den Süden fahren.

Auf ihren Spuren wandeln wir in Meridian, Nashville, Memphis oder Clarksdale. Überall da, wo es um die Musik und die Menschen geht. Graceland sparen wir uns da lieber. Auf diesem Blog werde ich so regelmäßig wie möglich kurze Reiseberichte einstellen. Viel Spaß beim Lesen!

On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!

Der Vater von Country und Americana

21. November 2009

Jimmie Rodgers (1897 – 1933) wird allgemein als Vater der Country-Music bezeichnet. Er adaptierte den althergebrachten Hillbilly-Stil des armen weißen Südens, kombinierte ihn mit dem schwarzen Blues, ergänzte die Fusion mit den traurigen „Blue Yodels“ und zeigte sich offen auch für Einflüsse aus Jazz- und Schlagermusik. Dazu sang er Texte, die vom wirklichen Leben handelten. Die Melange zeigte ihre Wirkung: Rodgers war der erste populäre „Country-Star“ – den Begriff gab es damals noch nicht – und Vorbild für viele Künstler bis hin zu Bob Dylan.

Der hat bereits 1997 seinem Idol mit der „All-Star“-CD „The Songs of Jimmie Rodgers – A Tribute“ ein Denkmal gesetzt. Er selber steuerte die Liner-Notes sowie das Cover von „Blue Eyed Jane“ bei. Bereits 1985 äußerte sich Dylan voller Bewunderung über Rodgers: „The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. He recorded at the same time as Blind Willie McTell but he wasn’t just another white boy singing black. That was his great genius and he was there first… he sang in a plaintive voice and style and he’s outlasted them all.”

Bereits 1969 hatte  „Bakersfield- Rebel“ Merle Haggard dem „Singin’ Brakeman“ ein Tribut-Album gewidmet. Haggard war aufgrund seines Hippie-Spottlieds „Okie from Muscogee“ und seinen Besuchen bei Nixon und Reagan nicht unumstritten, ist aber als Chronist amerikanischer Lebensrealität ein eben solcher kritischer Freigeist wie seine Freunde Willie Nelson, Keith Richards und Johnnny Cash. Dass ihn sogar Joan Baez gecovert hat, beweist seine Anerkennung im Kollegenkreis. Haggard zeigt mit diesem Album ebenso wie bei seinen eigenen Songs sein Gespür für das Leben der einfachen Menschen und steht damit eindeutig in der Tradition von Jimmie Rodgers.

Auf Rodgers folgten Country-Sänger wie Lefty Frizell und Merle Travis, die sich sehr an Jimmie Rodgers Stil orientierten. Der eine – Lefty – soll ihn so gut imitiert haben, dass auf so manche Rodgers-Kompilation auch schon mal eine Frizell-Version rutschte, der andere – Merle – hat Jimmies Sangeshaltung abgeschaut und übernimmt in der Instrumentierung so manche Anregung Rogers’. Travis wiederum war einer der ersten Country-Musiker, der eine elektrische Gitarre benutzte. Damit wiederum inspirierte er den Kreis der Musiker aus Bakersfield, die dem milden Nashville-Sound den elektrisch aufgeladenen eher rockigeren Bakersfield-Sound entgegen setzten, der wiederum Grundlage für Merle Haggards Stil war.

Bob Dylan wiederum ist ein großer Verehrer von Querkopf Haggard. Zweifach erwies er ihm Tribut. 2005 ließ er ihn sein Vorprogramm bestreiten, 2007 setzte er ihm mit seinem direkt auf  Haggard bezogenen „Working Man’s Blues #2 ein Denkmal. Und es ist sicherlich mehr als eine Fußnote, dass die neuen Sterne am Americana-Himmel, die Felice Brothers, als eine ihrer wenigen Coverversionen Jimmie Rodgers’ „T for Texas“ eingespielt haben.

Bleibt festzuhalten: Mit Jimmie Rodgers fing wirklich vieles in der amerikanischen Populärmusik an. Im Grunde ist er mehr als der Vater der Country-Music. Er ist der Vater des Americana überhaupt.