Archive for April 2020

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (22)

14. April 2020

Turn The Radio On!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

der Darmstädter Dylan-Tag goes Radio!

Wie so viele Veranstaltungen dieser Tage fiel ja auch der Darmstädter Dylan-Tag der Corona-Krise zum Opfer. Ursprünglich geplant für den kommenden Samstag, 18. April, soll er jetzt im nächsten Jahr direkt am 80. Geburtstag des Meisters am 24. Mai stattfinden. Noch breiter und vielfältiger soll er dann sein, haben Marco Demel und ich uns vorgenommen.

Doch auch jetzt am Samstag muss man nicht ganz auf Informationen, Denkanstöße und viel Musik rund um Musiklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan verzichten: Vier Stunden lang geht dann nämlich ab 15 Uhr die Sonderausgabe der „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt auf Sendung. „Wir freuen uns sehr, dass uns diese Sonder-Sendezeit von Radio Darmstadt und den Kollegen von anderen Sendungen geschenkt worden ist“, sagt Marco.

2016 hatten wir zusammen die Sendung aus der Taufe gehoben, die sich mittlerweile zum Dauerbrenner entwickelt hat. Zwar musste ich, weil ich aufgrund vieler anderer Verpflichtungen meine regelmäßige Verfügbarkeit nicht mehr garantieren konnte, vor einiger Zeit schweren Herzens aussteigen, doch zu besonderen Anlässen findet wir uns als „Dream-Team“, wie Marco so schön sagt, immer wieder einmal vor dem Mikrofon zusammen.

So auch dieses Mal. Allerdings konnte wegen Corona natürlich auch keine gemeinsame Live-Sendung über den Äther gehen. Also bastelte Marco quasi im Heimstudio mit entsprechender Software und Aufnahmetechnik die Sendung, meine Texte und Ansagen wurden durch die Mitschnitte von gemeinsamen Telefonaten integriert. Das hat wieder einmal riesigen Spaß gemacht!

Marco Demel bastelte die Sendung im Heimstudio zusammen

In der Sendung kommen dann auch alle Inhalte und alle Musik – sofern sie auf Tonträgern dokumentiert ist – des Tages an die Reihe. So sind u.a. Dan Dietrich, die „DoubleDylans“ und der Meister selbst zu hören, Manfred Maurenbrecher hat eigens eine Grußbotschaft geschickt und Heinrich Detering hat eine Besprechung des sensationellen 17-minütigen neuen Dylans-Songs „Murder Most Foul“ beigesteuert.
Neben der Idee den Darmstädter Dylan-Tag auf diese Art und Weise hochzuhalten, dient die Sendung aber auch einem guten Zweck. Wir möchten auch die Möglichkeit nutzen, noch einmal verstärkt auf unsere Spendenaktion für das Theater im Pädagog hinzuweisen.

Durch die Corona-Krise ist auch das Kellertheater in schweres Wasser geraten. Auf der Internetseite http://www.startnext.com/unterstuetzt-das-paedagog kann für das Theater von Klaus Lavies gespendet werden. Spender können aus einer Reihe von Dankeschön-Paketen wählen.

Nachdem die Sendung nun im Kasten ist und am Samstag ausgestrahlt wird, freuen wir uns nun aber richtig auf das nächste Jahr. Denn bei Musik, Lesungen und Vorträgen ist die Live-Atmosphäre einfach nicht zu ersetzen.

Also schon mal notieren und sich nichts anderes vornehmen: Die Sendung ist am kommenden Samstag, 18. April, von 15 – 19 Uhr bei Radio Darmstadt auf 103,4 MHz oder http://www.radiodarmstadt.de zu hören!

In diesem Sinne „keep on keepin‘ on“!

Best
Thomas

DoubleDylans: Blowin‘ In The Wind

Dan Dietrich & Besidos: Just Like A Woman

Manfred Maurenbrechers Version von Desolation Row

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (21)

13. April 2020

The Church Tower of Sand Rabbit Town

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,

läutet die Glocken!

Was Ihr hier auf dem Bild seht, ist mein Fensterblick aus dem Home Office. Deutlich zu erkennen der Kirchturm. Von dort läuten die Glocken in unserer beschaulichen Gemeinde. Die Glocken sind ja schon lange ein Symbol für die christliche Religion. Und passen damit inhaltlich bestens zum heutigen letzten Osterfeiertag. Sie sind aber auch immer wieder für die Verkündung von Nachrichten benutzt worden.

Quasi beides vereint der traurige Song „The Bells Of Rhymney“, den Pete Seeger auf der Basis des traurigen Gedichts des Walisen Idries Davis geschriieben hat. Davis dichtete den Text nach einem großen Grubenunglück und einem erfolglosen Generalstreik. Die Glocken der verschiedenen walisischen Orte verkünden traurige Wahrheiten bezüglich den Gründen schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen.

Eine echte gnadenlose Countryschnulze ist der Song „The Three Bells“ von „The Browns“. Das Leben eines gottesfürchtigen Menschen in einem abgelegenen Tal wird anhand der Anlässe zum Glockenläuten erzählt: Geburt, Heirat, Tod. Schwere Kost, aber eine schöne Melodie. Die ist jedoch von Edith Piaf ausgeborgt. Sie hatte mit „Les Trois Cloches“ 1945 schon Erfolg. In Deutschland machte Gerhard Wendland 1949 „Wenn die Glocken hell erklingen“ daraus. Die Version der Browns stammt von 1959, die Aufnahme hier von 1965. Wir konnten 2012 Jim Ed Brown mit dem Song in der Grand Ole Opry hören.

Ein Glockenspiel-Kontrastprogramm dazu lieferte Bob Dylan 1964 mit „Chimes Of Freedom“. Seine Glocken sind metaphorisch, sie sind die Donnerschläge eines Gewitters, die für ihn die Glocken der Freiheit sind, die für die Unterdrückten geläutet werden. Die Version, die wir unten hören, hat Dylan 1998 mit Joan Osborne für den Soundtrack einer Dokumentation über die Sixties eingesungen.

Und zu guter Letzt dann doch ein Song, der offenbar religiöse Bezüge hat, aber von einigen Dylan-Deutern auch als „update“ von „The Times They Are A-Changin'“ und Chimes Of Freedom“ gesehen wird. „Nichts ist wirklich besser geworden für die Schwachen und Unterdrückten, also läutet die Glocken umso kräftiger“, könnte die Botschaft von Dylans „Ring Them Bells“ sein. Eine Botschaft, der man sich nur anschließen kann. Hier unten ist der Song zu hören in der Version von 1994 bei „The Great Music Experience“.

In diesem Sinne, schließen wir das Osterfest hier und melden uns morgen wieder aus dem weltlichen Alltag im Home Office.

Best
Thomas

Pete Seeger: The Bells Of Rhymney

The Browns:The Three Bells

Bob Dylan & Joan Osborne: Chimes Of Freedom

Bob Dylan: Ring Them Bells

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (20)

12. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht es auf eine Zeitreise mit Bernies Autobahn Band!

Ich habe hier schon anderer Stelle davon erzählt, dass ich zur gleichen Zeit Mitte/Ende der 1970er als ich Bob Dylan für mich entdeckte, in der Darmstädter Fußgängerzone immer wieder mal Bernies Autobahn Band (BAB) spielen sah. Sie spielten schönen schmissigen Folkrock, der mich tatsächlich an die Desire erinnerte. Die beiden Songs, die von diesen Begegnungen mir im Ohr blieben, waren ihre Eigenkomposition „Uli mit seinem 40-Tonner“ und der Song „Is Anybody Going To San Antone“, den ich fälschlicherweise damals für einen Dylan-Titel hielt. Aber dass sie ihn spielten, hatte natürlich mit Dylan zu tun. Der hatte den Song nämlich wenige Jahre vorher mit Doug Sahm in Texas eingesungen.

Und Bernie und seine Freunde waren Dylan-affin und Bernie hat in seiner Karriere einige Dylan-Songs eingedeutscht. „Long Ago, Far Way“ heißt bei ihm „Weit weg, lange her“, „Just Like Tom Thumb’s Blues“ wurde zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ und vor wenigen Jahren hat er nochmal „Simpel Twist Of Fate“ mit „Schicksal“ übersetzt. Er hat bahnbrechendes für Dylan auf Deutsch geleistet.

BAB wurde zu meiner Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener in den 1980er Jahren zu einer hessischen Kultband mit bundesweiter Ausstrahlung. Die Mitglieder lebten teilweise im Odenwald oder an der Bergstraße, hatten Bezug ins Rhein-Main-Gebiet, Bernie selbst lebt seit Mitte der 1980er in Franken. Ich sah sie nach ihrer Fußgängerzonen-Zeit u.a. noch beim Darmstädter Folkfest im Schlosshof und bei einem ihrer letzten Konzerte, einem Privatauftritt im Rahmen der Bundeskonferenz der SJD-Die Falken in Darmstadt.

Da es leider keine CDs mehr der Band auf dem Markt gibt, habe ich mir heute Nachmittag einfach alles angehört was es von ihnen und Bernie auf youtube gibt. Und es war großartig. Sicher, manches ist typisch Zeitgeist – gegen Atomkrieg und Atomwaffen, gegen die Umweltverschmutzung („Sind wir noch zu retten“). Und vieles kulturell auch vom damaligen typischen undogmatisch-linken Milieu geprägt. Aber vieles ist auch erschreckend aktuell angesichts globaler Krisen, Erderwärmung und Corona-Pandemie.

Aber das wichtigste ist die Menschlichkeit in der Stimme und in der Lyrik von Bernie Conrads. Da merkt man, der singt zutiefst menschlich und anhand von Alltagsbeobachtungen von den Möglichkeiten der Reichen und der Ohnmacht der kleinen Leute („Fabrikantenwalzer“, „Seit ich denken kann“, „Es ist schon wieder Montag“). Er ist voller Empathie. Und das gilt auch für die nachdenklichen Songs („HR3 wünscht Guten Morgen“) wie auch für die Liebeslieder („Die Art wie sie mich gängelt“).

Und auch wenn Bernie zwischenzeitlich für Maffay das Hitalbum „Maffay 96“ schrieb, so ist diese, seine eigene persönliche Note bei seinen Songs auch heute noch präsent. Sei es die Geschichte von der Verkäuferin an der Edeka-Wursttheke („Mauerblümchen“) oder eben seine Dylan-Adaption „Schicksal“. Es war ein ebenso wehmütiges wie freudiges Wiederhören.

Der große Radiomann Tom Schroeder hat Recht, wenn er sagt, „Bernie ist einer unserer Größten“. Am kommenden Samstag hätte Bernie mit seinem alten Bandmate Bernhard Schumacher zusammen beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 auftreten sollen. Der ist nun aufs nächste Jahr verschoben. Spätestens dann freuen wir uns, dass sich der Kreis schließt und wir Bernie im Pädagogkeller hören können. Nur unweit von der Fußgängerzone gelegen, in der damals für mich alles anfing.

Bernie und Bernhard – wir warten und freuen uns auf Euch in 2021!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (19)

11. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht’s nach Texas!

Aber weder in das Texas der Rinder- und Ölbarone oder des der Texas-Country-Singer-Songwriter, sondern es geht nach Ost-Texas. Das an der Staatsgrenze zu Louisiana und Arkansas gelegene Landesteil unterscheidet sich vom restlichen Teil von Texas doch beträchtlich. Sowohl die Landschaft als auch die regionale Kultur ähneln dem Deep South. Es ist waldiges, hügeliges Land, es sind die Piney Woods, die die Landschaft prägen. Auch die Kultur ist dem tiefen Süden näher als dem westlichen Teil von Texas. Die weiße Bevölkerung ist vorwiegend angelsächsischer Herkunft, die Kultur der Latinos spielt hier keine so große Rolle wie im Westen und Süden des Staates. Die Schwarzen sind die größte Minderheit und Ost-Texas spielte auch eine wichtige Rolle bei er Entwicklung des Blues. So stammen u.a. Blind Lemon Jefferson und T-Bone Walker hier her und Leadbelly, den wir unten mit einem Cowboysong hören, ist hier aufgewachsen. In einem der nächsten Einträge werde ich natürlich auch auf Bob Dylans Song „Blind Willie McTell“ und seinem Bezug zu Ost-Texas eingehen.

In diesem armen Landstrich spielen sowohl die Romane von Joe R. Lansdale, als auch die Krimis von Attica Locke. Während bei Lansdale insbesondere die beiden verkrachten Privatschnüffler Hap (weißer Kriegsdienstverweigerer) und Leonard (schwarzer, schwuler Vietnamveteran) bereits in etlichen Romanen und im TV für reichlich Furore sorgten, ist von Attila Locke mit „Heaven, My Home“ nun erst das zweite Buch mit ihrer Hauptfigur, dem schwarzen Texas Ranger Darren Matthews erschienen.

Beide, sowohl der weiße ältere Lansdale, als auch die schwarze, jüngere Locke zeichnen ein realistisches Bild dieser durch Armut und Rassismus gekennzeichneten Gegend. Doch während Lansdale gerne dem Affen Zucker gibt und manche Fälle heftig und die Dialoge oftmals hanebüchen komisch sind, gehen die Bücher von Locke eher in Richtung psychologisches Kammerspiel. Während Hap und Leonard wie im Comic scheinbar unkaputtbar sind, ist Darren innerlich zerrissen zwischen seiner Ehe und einer möglichen Affäre, zwischen der Solidarität der Schwarzen und seinen Pflichten als Texas Ranger und er ist getrieben von der belasteten Beziehung zu seiner Mutter. Er trinkt zuviel und er ist der Arischen Bruderschaft auf der Spur. Der Roman, den ich gerade begonnen haben zu lesen, verspricht schon wie sein Vorgänger Bluebird, Bluebird viel Spannung mit dem Lokalkolorit von Ost-Texas.

Wenn bei Lansdale der schwarze Leonard Ernest Tubbs‘ „Walking The Floor Over You singt, dann gehört das auch zum Lokalkolorit von Ost-Texas. Den wie überall im Süden mögen die Schwarzen die Musik, die angeblich ja so weiß ist. Erstens ist sie das natürlich, weil ihre Wurzeln auch in der schwarzen Old Time-, Hillbilly- und Bluesmusik liegt. Und zweitens schätzen sie die Erzählweise der Songs von armen Südstaatlern, die entweder arm und from sind – die Black Community im Süden ist genauso stark an ihre konservativen Kirchen angelehnt wie die weiße – oder aber liebeskrank. Und dabei aber immer züchtiger sind als die Songs der derben Bluesmen.

Allerdings hat dies den Chancen von schwarzen Countrymusikern nicht genutzt. Country ist weiß und viele Jahre haben die Farben das nur gestört. Charley Pride und Darius Rucker sind die beiden einzigen schwarzen Countrystars, die in die Grand Ole Opry aufgenommen wurden. Beide werden wir unten hören. Ein Achtusgserfolg und vielleicht eine Trendwende schien Lil Nas X im letzten Jahr mit seinem Country-Hip Hop-Hybriden Old Toen Road, der einer größten Hits überhaupt im Jahr 2019 wurde. Wie sich das nach der Corona-Krise entwickeln wird, an der natürlich die Schwarzen überproportional leiden, steht aber nun in den Sternen.

Leadbelly – When I Was A Cowboy

Charley Pride – Is Anybody Goin‘ To San Antone? (Marty Stuart Show)

Darius Rucker – Wagon Wheel

Lil Nas X – Old Town Road

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (18)

10. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

my God, they killed him!

Nach religiöser Überlieferung ist in diesen Tagen im Jahre 30 Jesus Christus gekreuzigt worden und für unser aller Sünden gestorben. Patti Smith sagte einmal für ihre Sünden nicht, aber dennoch: Wir respektieren den Glauben, auch wenn wir nicht gläubig sind. Was wir nicht mögen, ist missioniert werden. Aber aus diesem Glauben ist immer schon auch ganz große Kunst entstanden und daher wollen wir uns heute mal mit Jesus im Americana beschäftigen.

Bob Dylan hat in seiner Gospel-Phase zum Teil hanebüchene Texte verfasst. Doch ein Teil der Songs war durchaus voller Spirit, voller Energie und kann als starke Kunst bewertet werden, so wie auch große Malerei aus religiösen Motiven entstanden ist. Ein Beispiel hierfür ist „When He Returns“, zur Wiederkehr Jesu Christi, das wir unten hören.

Jesus wurde ermordet. Mahatma Gandhi, Martin Luther King auch. Kris Kristofferson hat dies in einem zugegebenermaßen etwas schmalzigen Song verarbeitet, der aber trotzdem hierher gehört. Vielleicht gerade weil konservative Country-Radiostationen den Titel nicht spielen wollten, weil sie meinten, King gehöre nicht eine Reihe mit Jesus. MannMannMann… Wie auch immer: Bob hat den Titel auch mal aufgenommen, aber die Version ist noch schmalziger. Daher hier die von Kris vom ersten Farm Aid-Konzert 1985.

Johnny Cash war ein sehr religiöser Mensch, hat aber nie zur Bigotterie geneigt oder zur religiösen Spaltung der Menschen beigetragen. Deswegen hören wir unten auch seinen Jesus-Song.

Eine durchaus humorvolle Herangehensweise an Jesus‘ Wiederkehr hat vor ein paar Jahren mal Willie Nelson aufgenommen und den ganzen pathetischen Bombast wieder ein bisschen eingedampft. „Come on Back Jesus und bring John Wayne auch gleich mit“. Der Willie nimmt nichts mehr so richtig ernst. Gut so!

Soweit für heute, bis Morgen!

Best
Thomas

Bob Dylan – When He Returns

Kris Kristofferson – They Killed Him

Johnny Cash – It was Jesus

Willie Nelson – Come In Back Jesus

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (17)

9. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
hol‘ die Fiddle und das Banjo, wir machen Old Time Music!

Gut 20 Jahre ist es her, dass in den USA die Old Time Musik, der Bluegrass und der Folk eine erneute Renaissance erlebten. Diesmal war es der Film „O Brother Where Art Thou?“, der diese Musik wieder in Erinnerung rief. Man erinnerte sich plötzlich wieder an Bluegrass-Veteranen wie Ralph Stanley, der im Soundtrack mitmischte. Und es gab eine ganze Reihe von jüngeren Künstlern, die dadurch eine größere Aufmerksamkeit erfuhren wie Gillian Welch oder Alison Krauss. Von den letzten beiden werden wir etwas aus dem Film hören. Ebenso wie von George Clooney bzw. natürlich Dan Tyminski, der ihm bei „Man Of Constant Sorrow“ die Stimme lieh.

Der Film ist bis heute mein Lieblingsfilm und hat mir nach der musikalischen Prägung durch Dylan mit seinem Soundtrack eine zweite Prägung mit Old Time, Bluegrass und Americana gegeben. Über den Film werde ich im Herbst mehr schreiben, wenn sein Kinostart sich zum 20. Mal jährt. Dylan übrigens war hier wieder einmal einen Schritt voraus. Ende der 1990er hatte er u.a. mit Ralph Stanley zusammen eine Aufnahme des Stückes „Lonesome River“ eingespielt und seine damaligen Konzerte begannen cis Anfang der 2000er mit einem akustischen Set, in dem er alte Bluegrass- und Country-Standards spielte. Auch hierzu ist unten ein Beispiel zu hören.

Mit Dylan wiederum begann für Ketch Secor und Critter Fuqua sowohl ihre musikalische Sozialisation, als auch ihr großer Durchbruch mit ihrer Band Old Crow Medicine Show. Sie hatten großen Erfolg bei jungen Leuten, weil sie die Old Time Music mit Tempo und Energie von Punk-Rock verbanden. Und als sie dann Dylans Songfragment „Rock Me Mama“ zu „Wagon Wheel“ ausbauten, wurde das ein Riesenhit. Ketch Secor und Dylan teilten sich die Autorenschaft und der Song lieferte auch noch Hits für den Iren Nathan Carter und für Darius Rucker. Wir hören und sehen unten dann natürlich Wagon Wheel mit der Old Crow Medicine Show. Leider sind sie heute als Grand Ole Opry Member etwas zu zahm wie ich meine, aber sie sind immer noch in der Lage tolle Dinge rauszuhauen wie vor wenigen Jahren die Veröffentlichung von Dylans „Blonde On Blonde“ in ihrer musikalischen Bearbeitung. Das Konzert dazu, das wir in Amsterdam sahen, ist bis heute für mich eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.

Soweit für heute, Ostern rückt unaufhaltsam näher und wird mich an dieser Stelle auf die eine oder Weise in den nächsten Tagen beschäftigen.

Also dann bis Morgen!
Best
Thomas

Gillian Welch & Alison Krauss

The Soggy Bottom Boys

Bob Dylan: Hallelujah I’m Ready To Go

Old Crow Medicine Show

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (16)

8. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

John Prine ist tot. Wir trauern.

Da kann man nicht zur Tagesordnung übergehen, da muss man auch nicht lange überlegen, damit ist das heutige Thema gesetzt.

Ich gebe zu, ich war und bin nicht der lebenslange große John Prine-Fan. Ich kannte John Prine als bedeutenden Songwriter, doch so richtig habe ich ihn erst recht spät für mich entdeckt. Als verlässliche menschliche Stimme, die immer schon da war, als musician’s musician, als großen Kämpfer gegen allerlei Krankheiten, die ihm in den letzten Jahren zu schaffen gemacht haben.

Also rückte er erst in den letzten Jahren immer mehr in meinen Fokus. Ich hörte bewusster seine Songs, die einen immer stärkeren Eindruck bei mir hinterließen, kaufte mir seine Alben und schrieb über sein letztes Album „Tree Of Forgiveness“. Für unsere letztjährige USA-Reise steuerte er seine Version des alten Stephen Foster-Songs „My Old Kentucky Home“ bei (wir hören es unten). Doch ein Konzert von ihm haben wir leider nie gesehen. Er gehört nun also zu den großen Musikern, die ich nie live erleben durfte.

Seine Bedeutung als Singer-Songwriter war immens. Oftmals trat er als Person hinter die großen Songs zurück und oftmals machten andere seine Songs bekannt. „Angel From Montgomery“ zum Beispiel durch Bonnie Raitt. Und berühmte Kollegen sangen seine Songs. Daher hören wir unten sowohl Bonnies Version von „Angel From Montgomey“ als auch Bob Dylans Version von „People Putting People down“. Denn ebenso wie John Prine Bob Dylan verehrte, verehrte Bob Dylan John Prine.

Bob Dylan hat über ihn gesagt:
„Prines Zeug ist reiner proustianischer Existentialismus. Gedankenbewegungen des Mittleren Westens bis zum höchsten Grad. Und er schreibt wunderschöne Lieder. Ich erinnere mich, als Kris Kristofferson ihn zum ersten Mal auf die Bühne brachte. ‚Sam Stone‘ mit der wunderbar eindrucksvollen Zeile: ‚Da ist ein Loch in Papas Arm wo das ganze Geld hingeht und Jesus Christus ist für nichts gestorben, nehme ich an. All das Zeug über „Sam Stone“, den Soldaten-Junkie-Daddy, und „Donald and Lydia“, wo Menschen aus zehn Meilen Entfernung miteinander schlafen. Niemand außer Prine konnte so schreiben.“

Wie nur wenige schrieb Prine Songs, die so beiläufig weise waren. Prine war ein Menschenfreund, den Menschen und ihrem Schicksal zugewandt. Und er war auch einer, der soziale oder politische Probleme benannte. Wie etwa in „Paradise“ -wir hören es unten – dem Song über die Naturzerstörungen der Kohleindustrie in Kentucky. Ihn zeichnete ein feiner Witz aus und wie gesagt, er war ein Kämpfer. Zweimal musste er wegen Krankheit in letzter Zeit geplante Deutschland-Konzerte absagen.

Zwei seiner letzten Arbeiten waren die beiden Songs, die er mit Swamp Dogg für dessen soeben erschienenes Album „Sorry You Couldn’t Make It“ zusammen sang: „Memories“ – das hören wir unten – und „Please Le Me Go Round Again“ sind nun so eine Art Vermächtnis Prines geworden.

Ich glaube, das gefällt ihm. Rest In Peace, John Prine!

Best
Thomas

John Prine: My Old Kentucky Home

Bonnie Raitt – Angel From Montgomery

Bob Dylan – People Putting People Down

John Prine – Paradise:

Swamp Dogg – Memories (feat. John Prine)

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (15)

7. April 2020

Thomas hat den Blues

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute habe ich den Blues!

Nach so vielen Tagen im Home Office hat es mich erwischt. Da fällt einem doch schon mal die Decke auf den Kopf, da vermisst man Kollegen und Freunde. Da hat man den Blues.

Grund genug nach ein paar guten Songs zu suchen. Denn was ist heilsamer als schmerzvolle Lieder. Eine Rosskur und dann geht die Sonne wieder auf. Und was passt da besser als Blues-Songs. Songs über Situationen, aus denen man einfach nicht mehr rauskommt. Songs über Isolation, Songs über das zu Hause bleiben, traurige Songs.

Und hier sind ein paar, die ihr dann unten hören könnt.

Wir beginnen unsere Reise mit einem ganz traurigen Blues. Dem „Down Home Blues“. Geschrieben von Tom Delaney machte die Sängerin und Schauspielerin Ethel Waters 1924, also vor fast hundert Jahren, daraus einen Hit:

Lonesome and blue.
I’ve got the blues on my mind,
And I just feel like crying all the time.
Woke up this morning, the day was dawning,
And I was feeling all sad and blue,
I had nobody to tell my troubles to;
I felt so worried,
I didn’t know what to do.

Trauriger und hoffnungsloser geht’s nicht. Über das weitere Schicksal der Dame im Lied geben wir lieber keine Prognose ab.

Sondern gehen geschwind weiter zu Johnny Cash. Denn der versteht es, die im Country manchmal hemmungslose Weinerlichkeit ironisch zu brechen. Allein die Anfangssequenz des Videos ist unbezahlbar. Erst fiebert man mit, dass sich Bassist Marshall Grant bei seinem gakeligen Intro nicht die Finger bricht und dann das schiefe Grinsen von Johnny Cash und ab geht’s. Feiner Song und der „Man in Black“ ist hier modisch noch nicht so festgelegt und trägt ein helles Westernhemd.

Natürlich hat auch unser lieber Bob etwas beizusteuern. Ähnlich wie wir steckt er fest. In Mobile, Alabama. Nun, dort in den 1960er Jahren, als dieser Song entstanden ist, festzustecken und eine längere Zeit verbringen zu müssen – nun man kann sich schöneres vorstellen. Der von Schiffs-, Flugzeug- und Ölindustrie geprägte Ort war eine unromantische Südstaatenstadt mit Rassentrennung und Repression gegen Schwarze. 1981 erlangte er traurige Berühmtheit wegen der Ermordung von Michael Donalds durch den Ku-Klux-Klan. Dylan nutzt die Stadt in seinem Song aber zu einem allgemeinen Lamento gegen die amerikanische Provinzstadt. Wenn man dort im tiefen Süden feststeckt, dann wenigstens mit dem Memphis Blues auf den Lippen. Die Aufnahme davon stammt von 1976, von der 2. Rolling Thunder Revue.

Und zu guter Letzt ein aktuelles Werk zur Lage. Der sarkastisch-ironische Self Isolation Blues von Tom Portman & Karl Clews. Ungemein tröstend.

Uff, durchschnaufen, die Laune bessert sich schon.

Also viel Spaß mit der Musik & bis Morgen!

Best
Thomas

Ethel Waters – Down Home Blues

Johnny Cash – Home Of The Blues

Bob Dylan – Stuck Inside Of Mobile

Isolation Blues

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (14)

6. April 2020

Heute ist Hochzeitstag!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute ist Hochzeitstag!

Jedenfalls unserer. Ein guter Anlass, um sich hier mal mit Songs rund um Liebe, Heirat, Ehe und Partnerschaft zu beschäftigen. Natürlich mit Songs von unserem Bob.

Gerade mal zwei Jahre dauerte die Liaison von Bob mit Joan Baez, dann hatten sich die beiden auseinander entwickelt. Während Joan tagespolitisch aktiv blieb, hatte Dylan anderes vor. Seine Songs waren weniger politisch konkretes Programm als poetisch vorgetragene Klage gegen die verwaltete Welt in all ihrem Irrsinn. Und er lernte Sara Lowndes kennen, mit der er von 1965 bis 1977 verheiratet war. Für Sie hat er einige seiner schönsten Liebeslieder gesungen.

1. Love minus Zero/ No Limit
Der Song für die sich anbahnende Liebe. Dylan so lieb und zärtlich wie selten in dieser zornigen Zeit. „My Love she speaks like silence, without ideals of violence…my love she’s like some raven at my window with a broken wing.“
Um das lieb-zärtliche zu unterstreichen habe ich hier eine schöne Version vom Bangladesh Concert ausgewählt. Nur mit Gitarre und Mundharmonika…schmacht!

2. You Ain’t Goin Nowhere
Unser Hochzeitssong und das Zeugnis des Selbstverständnisses von Bob als Landlord und Familienvater: „Whoo-ee! Ride me high, tomorrow’s the day, my bride’s gonna come“. und erzählt ansonsten vom schönen Landleben. Hier in der Version von Shawn Colvin, Marx Chapin Carpenter und Rosanne Cash vom Bobfest 1992. Weil wir genau das bei unserer Hochzeit gespielt haben.

3. The Wedding Song
Ja, der Song ist schon speziell. Aufgenommen 1973 kurz vor der Comeback-Tour mit The Band und sicher war da schon zu spüren, dass die große Zeit dieser Liebe und Beziehung langsam vorüber war. So klingen seine starken Worte doch eher wie eine trotzige Beschwörung. Und im Unterbewusstsein ahnt man das Ende. „You gave me babies one, two, three, what is more, you saved my life, Eye for eye and tooth for tooth, your love cuts like a knife, My thoughts of you don’t ever rest, they’d kill me if I lie, I’d sacrifice the world for you and watch my senses die.“ Hier eine Version von eben dieser Comeback-Tour.

4. To Make Me Feel My Love
Ich gebe zu, dass für mich Anfangs der Song keine so große Offenbarung war. Hatte er hier sich nicht bei sich selbst bedient in Sachen Harmlosigkeit und trivialen Reimen? Hörte sich so bekannt an, so wie „I’ll Remember you“ von 1985, nun also „To Make Me Feel My Love“ 1997. Und dann sangen den Song auch noch wirklich alle. Billy Joel, Garth Brooks. Adele. Mannomann. Aber dann kamen die Konzerte von 2019 und ich wurde geläutert. Über die Version von Stuttgart schrieb ich damals:
„Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.“

Soweit die ewige Liebeserklärung. Wir genießen jetzt den Abend.
Bis morgen!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (13)

5. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Auf dem Bienenlehrpfad

Howdee Everyone,

schützt die Bienen!

Heute war mal wieder Ausgehtag und wir haben das schöne Wetter genutzt um gleich im Nachbarort ein bisschen in die Weinberge zu gehen. Da haben wir dann was Neues entdeckt: Einen Bienenlehrpfad. Seit einigen Jahren wird ja verstärkt auf die Gefährdung der fürs Ökosystem so notwendigen Bienen hingewiesen. Gleichzeitig wird Imkern fast schon zum Volkssport, denn neuerdings gibt es bei Aldi Einsteigersets für Hobby-Imker.

Ja und da fiel mir wieder dieser wunderschöne romantisch-melancholische Song von SONiA disappear fear ein: „Princess and the honeybee“ und dass wir den gerne bei Ihren Facebook-Konzerten live hören möchten.

Und weil die Honigbiene (Honeybee), die Biene (Bee) und der Honig (Honey) so natürlich zum Landleben dazugehören kommen sie natürlich auch in vielen Folksongs vor. Und das nicht nur romantisch, sondern durchaus auch handfest. So beispielsweise im Folksong „The Honey War“. In Zeiten, als die Siedler in den neuen US-Territorien schwierige Phasen durchlebten und für jede natürliche Ressource dankbar waren, entspann sich an von Bienen bevölkerten Bäumen ein militärischer Konflikt zwischen Missouri und Iowa. Davon erzählt dieser Song, den wir unten hören.

Die Begrifflichkeiten rund um das süße Naturprodukt wurden aber immer auch schon auf die zwischenmenschlichen Beziehungen angewendet. „Honey“ ist nicht nur ein zärtliches, liebevolles Kosewort im englischen, in den US-Südstaaten ist es manchmal die normale Anrede. Gerade auch unter Frauen. Im Geschäft heißt es da schnell „What do you want, Honey“? Oder im Diner „Do you want more coffee, Sweetie?“.

In der Bluesmusik wurden die Begrifflichkeiten oftmals eindeutig zweideutig gewendet. Ganz groß darin war beispielsweise der legendäre Muddy Waters. In seinem Song „King Bee“ heißt es
„Well I’m a king bee
Buzzing around your hive
Well I’m a king bee, baby
Buzzing around your hive
Yeah I can make honey baby
Let me come inside“

Klar, oder?

Ein weiteres Beispiel ist „Honeybee“
„All right, little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
She been all around the world making honey
But now she is coming back home to me“

Die alte Geschichte vom Bienchen, die von… Na, ja man kennt es. Am Ende kommt sie natürlich heim.

Während sowohl im Folk, als auch im Blues die Welt der Bienen immer metaphorisch benutzt wird für „Harte Arbeit“ oder „Liebe“ ist die moderne Mainstream-Countrymusik da ein Stück weit direkter. Und so schließt dieser Eintrag nach SONiA disappear fear, dem alten Folksong „Honey War“ und Muddy Waters mit Blake Sheltons „Honeybee“, eine Ode an den Honigkauf beim Direkterzeuger oder sing: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin an einem Honigstand…“

Soweit für heute, und da gilt natürlich: Kauft den Honig beim Imker, nicht im Supermarkt!

Best
Thomas

SONiA disappear fear: Princess And The Honybee

The Honey War (American Folksong)

Muddy Waters: I’m a King Bee

Muddy Waters: Honeybee

Blake Shelton: Honeybee