Bob Dylan visits Jimmie Rodgers & The Carter Family

10. Mai 2020

„Rough And Rowdy Ways“ ist auch eine Hommage an die frühen Ikonen der Countrymusik

Bob Dylan – Rough And Rowdy Ways. Bildrechte: Columbia, Sony Music

Bob Dylan neues Album heißt „Rough And Rowdy Ways“. Im Inneren der Doppel-CD befindet sich ein Bild von Jimmie Rogers mit der Carter Family. Sie waren die ersten Stars der Countrymusik. Was hat dies miteinander zu tun hat und was bedeutet das? Nun, „My Rough & Rowdy Ways“ ist der Titel eines alten Jimmie Rodgers-Song. Dies und das Bild deuten möglicherweise auf eine besondere Inspiration Dylans für dieses Album hin, die von den Musiklegenden ausgegangen sein könnte. Dylans Karriere weist ohnehin viele Bezüge zur Musik dieser Künstler aus. Gehen wir dem doch mal ein bisschen genauer auf den Grund.

Der „Big Bang“ der Country Music
Es war der „Big Bang of County Music“ wie sich Johnny Cash auszudrücken pflegte. Als 1927 während der Auditions in Bristol, Tennessee/Virginia, die Sterne von Jimmie Rodgers und der Carter Family aufgingen. Mit ihnen fing die Countrymusik an. Der eine, Jimmie Rodgers aus Meridian, Mississippi, mischte Hillbillymusik mit schwarzem Blues und Jazz, sowie urbanem Schlager zu einer ganz wilden einzigartigen Mischung, die anderen, „The Carter Family“ aus dem Poor Valley in Virginia, sangen wie sonst niemand die alten Folk-Balladen der Appalachen und machten sie zu Hits. Während Rodgers viele ikonische Bilder des alten, gefährlichen Amerika in die Countrymusik einbrachte – „T For Texas“, „Waiting For A Train“, „In The Jailhouse Now“, konservierten die Carters die Atmosphäre des ländlichen Südens – Tradition, Armut, Arbeit, Glauben, Liebe, Hoffnung – auf Tonträgern. Beide Acts konnten durch die massenhafte Reproduktion von Tonträgern und Abspielgeräten sowie der Verbreitung der Songs im immer stärker aufkommenden Radio Ende der 1920er/Anfang der 1930er zu den ersten Popstars der Countrymusik werden.

50 Jahre später waren sie aber immer noch ursprünglich genug, Vorbilder für die jungen Folkies der frühen 1960er Jahre werden, die für die kommerzielle Nashville-Countrymusik dieser Jahre wenig übrig hatten. Auch der junge Bob Dylan hatte die frühen Countryhelden für sich entdeckt und Songs wie „Bury Me Beneath The Willow“ der Carter Family gespielt, das er über Woody Guthries Version kennengelernt haben sollte. Er nutzte die Melodie ihres „The Wayworn Traveler“ für seinen Song „Paths of Victory“ und hatte im Laufe seiner Karriere immer Songs der Carter Family wie „Little Moses“ oder „Girl From The Greenbriar-Show“ im Programm. Auch bei den Basement Tapes-Sessions waren die Songs der Carter Family, wie „Wildwood Flower“, stets präsent.

Vorbilder für die jungen Folkies
Jimmie Rodgers war für Dylan aufgrund seiner Hobo-Songs besonders interessant. Seine Songs kamen denen der „Anthology of American Folk Music“, die Harry Smith zusammengestellt hatte, recht nahe. Diese Zusammenstellung, die zwar keinen Rodgers-Song, dafür aber vier Nummern der Carter Family enthält, war auch für Dylan das reine Eldorado.

Sicher hat auch die Freundschaft zu Johnny Cash, der ja Mitte der 1960er quasi in die Carter Family eingeheiratet hatte, als er den Ehebund mit June Carter schloss, ihren Anteil an der Inspiration durch die Säulenheiligen der Countrymusik. Bei den erst im letzten Jahr offiziell veröffentlichten Dylan/Cash-Sessions von 1969 haben die beiden u.a. auch ein Jimmie Rodgers Medley eingespielt. Und bei den Sessions mit Earl Scruggs 1970 wurde mit dem „East Virginia Blues“ auch ein Song von A.P.Carter gespielt.

Bildrechte: Sony Music

Als Dylan sich Anfang der 1990er in einer Schaffenskrise befand, da half ihm explizit die Rückbesinnung auf die alten Folksongs. „Good As I Been To You“ und „World Gone Wrong“ sind die Dokumente. Mit zu dieser Rückbesinnung gehörten auch 1992 die Aufnahme-Sessions mit David Bromberg, bei denen der alte Jimmie Rodgers-Titel „Miss The Mississippi And You“ eingespielt wurde, das erst 2008 auf „Tell Tale Signs. The Bootleg Series Vol. 8“ veröffentlicht wurde.

Bob Dylan zollt Tribut
1997 erscheint auf Bob Dylans eigenem Label Egyptian Records das Tribute-Album „The Songs Of Jimmie Rodgers. A Tribute“ für das Dylan viele prominente Kolleginnen und Kollegen dazu gewinnen konnte, Songs des „Singin‘ Brakeman“ neu zu interpretieren. Darunter Van Morrison, Willie Nelson, Steve Earle, Mary Chapin Carpenter, Alison Krauss und Iris Dement. Dylan selber steuert „My Blue Eyed Jane“ bei. In den Liner Notes schreibt er: „Jimmie Rodgers ist natürlich eines der Leitsterne des 20. Jahrhunderts, dessen Umgang mit Liedern immer eine Inspiration für diejenigen von uns war, die dem Weg gefolgt sind. Ein lodernder Stern, dessen Klang die rohe Essenz der Individualität in einem Meer der Konformität war und bleibt, par excellence ohne Vergleich.“

2003 dann ein besonderes Kabinettstückchen. Er nimmt mit Mavis Staples für das Album „Gotta Serve Somebody – The Gospel Songs of Bob Dylan“ ein Duett von „Gonna Change My Way Of Thinking“ auf, das in eine kleine Rahmenhandlung eingebettet ist, die der berühmten Aufnahme „Jimmie Rodgers visits The Carter Familie“ nachempfunden ist.

Und 2012 schließlich bedient er sich für seinen Song „Tempest“ beim Motiv und bei der Melodie der Carter Family-Ballade „The Titanic“. Wieder einmal „Love And Theft“. Doch während der Song der Carter Family voller Empathie gerade für die ärmeren Schiffsreisenden der unteren Stände war, rechnet Dylan gnadenlos mit den vermögenden und hochgestellten Teilnehmern der Dampferfahrt ab, deren Geld, Macht und Waffen sie nicht vor dem Untergang des Schiffes retten kann.

Nun also rund um das neue Album zwei neue Fundstellen des besonderen Verhältnisses zu den musikalischen Urahnen. Wir dürfen gespannt sein, ob da noch mehr kommt.

Der Schatten an der Wand

8. Mai 2020

Bildrechte: Columbia, Sony Music

So mögen wir ihn: Viele Fragen rund um Bob Dylans neuen Song „False Prophet“ und sein neues Album „Rough And Rowdy Ways“.

Er hat es wieder getan. Und noch viel mehr. Erst hat er ganz im Zeitplan erneut nach drei Wochen Pause einen Song im Internet veröffentlicht. Und wenige Zeit später wird verkündet: Neues Album am 19. Juni!

Der Song „False Prophet“
Typischer Dylan. Langsamer Blues-Rock, der ein bisschen an „Early Roman Kings“ oder My Wife’s Home Town“ erinnert. Auch von der Stimme her klingt das eher wie „Tempest“ oder „Together Through Life“ als nach dem sonoren Crooner-Gesang der letzten Jahre. Auch vom Text her ist es beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Für mich persönlich sind auf den ersten Blick zwei Verse besonders interessant:

Well I’m the enemy of treason
Enemy of strife
Enemy of the unlived meaningless life
I ain’t no false prophet
I just know what i know
I go where only the lonely can go

Das ist zum einen sehr friedvolle Aussage gegenüber anderen auch in diesem Song vorhandenen Statements von Dylan. Zum anderen ist das auch der erneuerte Schwur „It Ain’t Me Babe“: „Ich bin kein Anführer, ich locke Euch nicht mit falschen Versprechungen, ich weiß nur, was ich weiß und ich gehe einen einsamen Weg.“ Die Ablehnung von Verrat und Streit führt direkt zu der anderen Strophe, die ich meine:

Hello stranger
A long goodbye
You ruled the land
But so do I
You lost your mule
You got a poison brain
I’ll marry you to a ball and chain

Wer steht derzeit weltweit für Streit und Spaltung sowie dem Verrat an amerikanischen Idealen? Richtig, Donald Trump! Ein Song, oder Teilaussagen des Songs gegen Donald Trump? Dylan hat sich öfters über die US-Präsidenten – wie 1974 mit „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ zu Nixon – geäußert. Kennedy hat er ja gerade in „Murder Most Foul“ schon in einer gewissen Form gehuldigt. Über Obama hat er sich zumindest vor dessen ersten Wahl in einem Interview lobend geäußert. Und hier kann man schon auf Trump kommen, denn – und jetzt sind wir beim Artwork – der Schatten hinter dem Tod sieht doch ziemlich nach dem amtierenden US-Präsidenten aus.

Wieder einmal hat Dylan – wie beim Album „Knocked Out Loaded“ von 1986 -das Cover eines „Schund-Roman-Heftes“ – benutzt. Das Skelett – also der Tod – ist der Original-Titelseite von „The Shadow“ vom 15. Juli 1942 entnommen. Hinzugefügt wurde der erhängte Schatten-Mann (Trump?) und die Spritze in der Hand des Skeletts. Und schon sind in der Diskussion über zwei zentrale Themen: Trump und die Corona-Krise. Spricht sich hier Bob Dylan gleichzeitig gegen Trump und gegen Impfungen aus? Der Trump-Aspekt kann sich im Song und auf dem Cover aufdrängen, von Spritzen und Impfungen ist dagegen nichts herauszulesen.

Verschiedene Dylan-Afficionados haben zudem darauf hingewiesen, dass der Song auch aus einer mephistophelischen Perspektive heraus einen Abgesang auf Gott oder Jesus Christus darstellen könnte.
Natürlich liegt in Bob Dylans Alterswerk eine religiöse Deutung immer im Bereich des Möglichen. Aber der Meister ist hier wieder einmal mehr die große Sphinx der Popkultur und eine eindeutige oder besser eindimensionale Erklärung ist bei ihm auch mit 79 Jahren nicht zu finden.

Veröffentlicht wurde dieser Song übrigens Dylans Social Media mit den Worten „What are you lookin’ at — there’s nothing to see.” Einer Zeile des Songs aus der vierten Strophe.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Das Album „Rough And Rowdy Ways“
Entgegen anderer Auffassungen, so die Meinung des Autors dieses Blogs, kommt das Album zum jetzigen Zeitpinkt überraschend, es hätte einen nicht gewundert, hätte Dylan sich nicht zu einem weiteren Longplayer aufraffen können. Dylans Handlungen sind (fast) immer überraschend, zu wankelmütig und tricky ist unser Lieblingsmusiker, wie wir in den inzwischen mehr als vierzig Jahren Anhängerschaft gelernt haben.

Das Album ist ein Doppel-Album, auch als CD, obwohl die 70:36 auch auf eine Scheibe gepasst hätten. Der Album-Titel lehnt sich an den Jimmie Rodgers-Titel „My Rough And Rowdy Ways“ an. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Album-Cover zeigt eine Tanzszene, die den Blogger spontan an einen Blues-Juke Joint erinnert haben. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, die Trennung in seiner Person aufzuheben.

Soweit also das, was wir im Moment an Infos haben. Genug, um zu spekulieren, zu wenig, um es ganz genau zu wissen. Aber das ist dich eigentlich das beste Feeling für den Dylan-Fan. Dylan legt uns was hin und wir haben einen unerschöpflichen Quell an Rätseln, Fragen und Mysterien und wir erfreuen uns am Forschen, Suchen, Deuten und Erklären.

Danke, Bob, wir haben spannende Wochen vor uns.

Black Panthers and a Hurricane

1. Mai 2020

Wie Bob Dylan sich in den 1970er Jahren für die Sache der Black Community einsetzte

Als Bob Dylan im November 1971 die Single „George Jackson“ veröffentlicht, ist die Musikwelt verblüfft. Ausgerechnet Dylan, der sich seit Mitte der 1960er Jahre ausdrücklich nicht mehr als Protestsänger verstand und sich für keine politischen Zwecke mehr vereinnahmen lassen wollte, hatte erneut einen Protestsong aufgenommen. „What The Hell?“ dachte da so mancher Musikfreund.

Also was könnte dahinter stecken? Dylan hatte sich 1965 endgültig von konkreten tagespolitischen Protestsongs abgewandt. Nicht, dass er nun keine Gesellschaftskritik mehr äußern würde. „Maggies Farm“, „It’s Alright Ma, I’m Only Bleeding“, „Subterranean Homesick Blues“ oder „All Along The Watchtower“ sind große Gesellschaftspanoramen über den Menschen in der verwalteten Welt, dem Individuum im Kapitalismus. Er tut dies aber ohne Handlungsanleitung, ohne einer Bewegung zugehörig oder gar ihr Anführer sein zu wollen.

Dylan wird zum Held der Black Panther-Gründer
Dennoch gab es Menschen, die diese Songs durchaus als Handlungsanleitung verstehen bzw. Dylans Songs wichtige Beiträge für ihre Gesellschaftsanalyse verstehen. Die linke, studentische militante Gruppe „The Weathermen“ entlieh sich ihren Namen aus Dylans „Subterranean Homesick Blues“. Noch größer war aber wohl die Bedeutung für die Black Panther. Die beiden Studenten Bobby Seale und Huey P. Newton gründeten im Oktober 1966 die Black Panther Party (BPP) im kalifornischen Oakland. Sie versuchten die Frustration und Gewaltausbrüche der schwarzen in den Ghettos umzuleiten in eine sozialistische, antikapitalistische Kampforganisation. Gleichzeitig begeisterten sich die beiden für Bob Dylans Album Highway 61 Revisited. Als sie die erste Ausgabe ihrer Black Panther-Zeitung vorbereiteten, hörten sie die Platte rauf und runter. Sicher waren die beiden große Musikfans, aber sie waren auch bereit, Dylans Worte als wichtig für ihre eigene Lage zu begreifen.

Schon der Albumtitel war in diesem Sinne ein Statement. Der Highway 61 war für die Black Community als „Freedom Road“ im kollektiven Bewusstsein abgespeichert. Die Nord-Süd-Verbindung von führte von Minnesota bis New Orleans. Sie war die Straße, entlang die Sklaven in den freien Norden flohen, sie war der Blues Highway für die schwarzen Wandermusiker und sie war der Weg in die Hoffnung auf ein besseres Leben in der „Great Migration“ in den 1940er und 1950er Jahre. Für Seale und Newton war dies ein Zeichen dafür, dass „Bruder Bobby“ der Black Community nahestand. Und noch mehr: Der Song „Ballad Of A Thin Man“ war für sie ein Gleichnis über rassistische Unterdrückung. Bobby Seale: „Man muss verstehen, dass dieses Lied verdammt viel über die Gesellschaft aussagt.“ Ihre Begeisterung ging sogar soweit, dass sie den Song auf Versammlungen über die Tonanlage erschallen ließen, bevor und nachdem sie ihre Reden hielten.

In der Folgezeit radikalisierten sich die Black Panther, trafen aber auch auf einen entschiedene Feindschaft seitens der weiß dominierten Polizeibehörden. Für FBI-Chef J. Edgar Hoover, der schon Martin Luther King überwachen ließ, waren die militanten Black Panther die größte Gefahr für die Sicherheit der USA. Das FBI verwickelte die Black Panther in einen gewaltreichen Kleinkrieg. Irgendwann schworen die Black Panther dem bewaffneten Auftreten ab und entwickelten verstärkt politische und soziale Aktivitäten in den schwarzen Wohnvierteln und versuchten eine Ausrichtung auf die schwarze Arbeiterschaft. Doch es half ihnen nichts in Bezug auf die Verfolgung durch das FBI.

George Jackson
Zu dieser Zeit radikalisierte sich auch George Jackson, ein Ex-Mitglied der Black Panther, der am 21. August 1971 bei einem Fluchtversuch aus dem St. Quentin Staatsgefängnis erschossen wurde. Jackson wurde schon früh zu Jugendgefängnisstrafen verurteilt, kam dann wegen eines bewaffneten Raubüberfalls in den Strafvollzug, setzte sich gleichzeitig dort aber auch mit den Lehren von Marx, Lenin, Trotzky und Mao auseinander. Als Persönlichkeit ist er umstritten, als Mitbegründer des radikalen Panthers-Ableger Black Guerilla Family hat er dennoch Märtyrerstatus erlangt.

Warum sang Dylan aber ein zugegebenermaßen etwas romantisierendes und poetisch durchaus auch ein bisschen leichtgewichtiges Lied über den militanten schwarzen Aktivisten? Seit 1964 hatte er keinen konkret politischen Song mehr geschrieben? Dylan sang über Jackson:

„Prison guards, they cursed him
As they watched him from above
But they were frightened of his power
They were scared of his love.
Lord, Lord,
So they cut George Jackson down.
Lord, Lord,
They laid him in the ground.“

Eine Erzählung geht so: Nachdem er seit Mitte 1966, seit seinem Motorradunfall seine Version des amerikanischen Familienidyllls lebte und sich seine Songs immer weniger mit der konkreten Lebensrealität auseinandersetzten, sah er sich möglicherweise herausgefordert, mal wieder etwas zeitkritisches zu veröffentlichen. Joan Baez hatte im November 1971 auf einer New Yorker Bühne ihre vergiftete Ode „To Bobby“ gesungen. Ihr bekannter glockenheller Sopran klang sehnsuchtsvoll, während ihre Worte aus heutiger Sicht böse und übergriffig wirken. Bobby sollte sich gefälligst einreihen und an die Spitze der Bewegung stellen. Da wurde ein heftiger moralischer Druck aufgebaut:

„Do you hear the voices in the night, Bobby?
They’re crying for you
See the children in the morning light, Bobby
They’re dying“

Eine andere Erzählung geht so: Plötzlich war A.J. Weberman auf der Bildfläche aufgetaucht. Ein radikaler, abgedrehter, völlig auf Dylan fixierter Typ, der die „Dylan Liberation Front“ gegründet hatte und versuchte mit dem linksradikalen Aktivisten Jerry Rubin und John Lennon Druck auf Dylan auszuüben, wieder politisch aktiv zu werden. Sie sahen in dem Umstand, dass Dylan am 1. August 1971 am großen Benefizkonzert für Bangladesh teilgenommen hatte, einen Hinweis dafür, dass Bobby scheinbar doch wieder in die politische Spur zurückkam. Also veröffentlichte Bob Dylan den Song sozusagen um an der „Dylan Liberation Front“ Ruhe zu haben. Beide Seiten sollten sich irren. Dylan artikulierte sich über diesen Song hinaus weiterhin nicht tagespolitisch. Während Lennon sein böses „I don’t believe in Zimmerman“ schmetterte, nervte Weberman Dylan weiter. Dylan war mit seiner Familie 1970 aus den Bergen zurück ins Greenwich Village gezogen. Webermans abgedrehter Kreuzzug führte erst zu einer handfesten Prügelei mit Dylan und endete damit, dass Dylan mit seiner Familie schließlich weit weg nach Kalifornien zog. Die Bedrohung seiner Familie und seiner selbst durch Leute wie Weberman mögen ihren Beitrag dazu haben, dass Dylan in den folgenden Jahren endgültig zu einer „hidden persona“ wurde.

Doch bleiben wir bei „George Jackson. Eine weitere Erklärung für die Veröffentlichung liest sich so: Nachdem der Black Panther-Anwalt Gerald Lefcourt in einen Schreiben Dylan gebeten hatte, ein Benefizkonzert oder ähnliche Hilfen zu geben, um die Verfahrenskosten für vor Gericht stehende Black Panther-Aktivisten aufbringen zu können, traf sich Dylan mit den Black Panthern Huey Newton und David Hilliard. Dylan veröffentlichte zwar den Song „George Jackson“, wollte aber die Panther wegen ihrer antizionistischen Haltung nicht weiter unterstützen. Dylan selber stritt es ab, dass ein solches Treffen stattgefunden hatte.

Einleuchtender scheint da die Version, die Peter Doggett in seinem Buch „There ’s A Riot Going On“ schilder. Nach der war es möglicherweise Dylans Freund und Black Panther-Sympathisant Howard Alk, der Dylan Ende Oktober „Soledad Brother“, eine Sammlung von Jacksons Gefängnisbriefen geschenkt hatte. Die Erinnerung an den Tod Jacksons am 21. August war noch frisch und die Lektüre berührte Dylan persönlich. Und inspirierte ihn rasch, den Song zu schreiben und aufzunehmen.

Für den Autor dieser Zeilen liest sich die letzte Erklärung am plausibelsten. Dylan will sich seit Mitte der 1960er nicht mehr von irgendeiner Gruppe vereinnahmen lassen. Vielleicht flirtete er eine kurze Zeit mit den Black Panther, er flirtete jedoch wirklich, aber nur für kurze Zeit, mit der „Jewish Defense League“ und er war wenige Jahre eifriger Anhänger der evangelikalen Vineyard Fellowship. Und jedes Mal war der Mechanismus der Gleiche: Dylan begeisterte sich für Menschen. Für Rabbi Meir Kahane, für George Jackson, für Mary Alice Artes. Er ist aber kein Politiker, kein Polit-Taktiker, Stratege oder Parteisoldat. Er ist Humanist, Individualist und ein eigenwilliger, kritischer Geist. Er löst sich daher auch irgendwann wieder aus Organisationen, Kirchen und Vereinigungen, wenn sie seinen humanistischen Idealen widersprechen.

Rubin „Hurricane“ Carter“
Nur wenige Jahre nach „George Jackson“ begeisterte sich Dylan wieder über die Lektüre von Schriften aus dem Gefängnis für einen Menschen. Und wieder war es ein Afroamerikaner. „The Sixteenth Round“ war die Biographie des zu Unrecht wegen Mordes verurteilten schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter, die 1974 veröffentlicht wurde. Ein Exemplar ließ er Bob Dylan zukommen, der ihn daraufhin 1975 im Staatsgefängnis von Trenton besuchte. Dylan nahm eine erste Fassung des Songs „Hurricane“ Ende Juli 1975 auf, musste den Song aber etwas verändertem Text nochmals aufnehmen, da die Anwälte seiner Plattenfirma wegen bestimmter Textstellen gerichtliche Auseinandersetzungen befürchteten. Dylan nahm den Song dann im November 1975 erneut bei den Sessions auf, die später zur Rolling Thunder Review und zum Album Desire führen sollten.

Und dieser Song „Hurrricane“ war aufrüttelnd, mitreißend und verstörend. Ein ganz anderes Kaliber als „George Jackson“. Dylan, der angebliche Meister der wagen und unverbindlichen Songpoesie, hatte es hier geschafft, zu wohlklingender, treibender Musik einen Text zu schreiben, der mit genauester journalistischer Recherche aufzeigt, wie das Lügengeflecht und die rassistischen Justiz- und Polizei-Intrigen gegen Rubin Carter gesponnen wurden. Er setzte damit genau das um, was er einmal seinem Sangeskollegen Phil Ochs vorgeworfen hatte. Der wäre gar kein Sänger, sondern Journalist. Dylan wandte sich mit großer Eindrücklichkeit und Entschiedenheit gegen die Rassen-Justiz in den USA.

Wie Dylan aber seine Recherche künstlerisch aufarbeitete- unterstützt vom Off-Broadway-Regisseur Jaques Levy – war grandios. Die schon erwähnte mitreißende Melodie bildet den Hintergrund für großartige dramatische Literatur. Wie ein Bühnenstück wie ein Film-Drehbuch breitet Dylan die Geschichte vor uns aus. Dylans Song war zentraler Bestandteil von Desire und der Konzerte der Rolling Thunder Review. „The Night Of The Hurricane“, das Benefiz-Konzert im Madison Square Garden bei dem auch Muhammad Ali für Carter eintrat, beendete die Tour.

Rubin „Hurricane“ Carters Kampf gegen diese Justizwillkür sollte viele Jahre dauern. Dylan hatte das Lied gemacht, und. Doch es nutzte nichts, 1976 wurde die Revision abgelehnt. Erst 1985 wurde er – fast zwanzig Jahre nach dem Fehlurteil von 1967 – frei gesprochen. 2000 erschien dann ein Hollywood-Film mit Denzel Washington als „Hurricane“ in dem natürlich auch die Dylan-Geschichte und der Song vorkommen.

Dylans Empathie für die Black Community
Den Song hat Dylan seit der „Night Of The Hurricane“ nie mehr gesungen. Und dennoch bleibt er als einer seiner größten Hits unvergessen. Im Gegensatz zu „George Jackson“. Den hat er nie live gesungen und über den ist mittlerweile viel Gras gewachsen. Auch wenn seine Qualität sicher umstritten ist, als Zeichen der Empathie Dylans für die Lage der Afroamerikaner in den USA, ist er ein ganz wichtiger Schlüssel zum Verständnis für Dylans Beziehung zur Black Community.

Wie Dylan dann ab Ende der 1970er ganz persönlich einen sehr engen Austausch mit der Black Community hat, ist dann aber wieder eine andere Geschichte.

Kinderlieder für Gabby Goo Goo

28. April 2020

Vor 30 Jahren: Bob Dylans 1990er Album „Under The Red Sky“

Das wär‘ auch mal eine Disziplin. Weißt Du noch, wo Du das Bob Dylan-Album „XY“ gekauft hast? Ich gebe zu, sicher nicht bei allen wüsste ich es noch. Ganz sicher weiß ich, dass ich die Greatest Hits Musicassette bei Radio Wilms in Darmstadt-Eberstadt erworben habe. Wow, das war subversiv! Aber bitte, ich war auch erst 13 Jahre alt. Die „Desire“ habe ich als LP beim Kaufhof in der Darmstädter Innenstadt erworben. Sehr günstig, eine israelische Pressung. Aber bei anderen fällt es mir einfach nicht ein.

Support your local dealer: Ralphs Records vs. Uli’s Musicland
Bei „Under The Red Sky“ dagegen weiß ich es noch. Bei Ralphs Records in der Helia-Passage. Die etwas gediegenere Variante von Plattenladen im Vergleich zum jedoch als „kultiger“ gehandelten Uli’s Musicland“ nur ein paar Schritte weite in der Passage, die kurze Treppe runter. Da kaufte ich mir Konzertkarten, aber so lustige Sprüche vom mittlerweile leider verstorbenen Inhaber Axel wie „Wer ist der berühmteste Bob? Der Zweier-Bob“ waren als junger Dylan-Fan nicht so mein Humor.

Wie auch immer, „Under The Red Sky“ kaufte ich mir bei Ralph und wenn ich mich heute erinnere und jetzt wieder höre – mir gefiel die Platte gar nicht so schlecht. „Under The Red Sky“, „Unbelievable“ – im Musikfernsehen lief der Video dazu, in dem Dylan einen Chauffeur spielte – und natürlich „Born In Time“, das für mich immer noch in einer Reihe mit „I’ll Remember You“ und „Make Me Feel My Love“ steht, waren meine Favoriten. „Handy Dandy“ fand ich noch ganz nett, auch „God Knows“, obwohl er jetzt doch wieder auf den Herrn zurückkam. Diese Phase bei ihm hatte ich doch eigentlich schon überstanden. „TV-Talking Song“ war auch gar nicht so schlecht, wenn ich es auch inhaltlich ziellos fand und die Pointe in „Black Diamond Bay“ schon mal besser gehört hatte. Mit „10.000 Men“ und „Cat’s In The Well“ konnte ich überhaupt nicht viel anfangen, während ich „2×2“ ganz hübsch, aber für Dylan-Verhältnisse fast schon zu gefällig fand. Eine Absage an den Hippie-Traum seiner Generation, konnte ich irgendwo lesen. Wirklich? Hmm? Was wollte er uns sagen? Ein kindlicher Abzählreim? Doch das schlimmste war natürlich „Wiggle, Wiggle“. Da stürzten sich natürlich alle drauf, für die Dylan ein großer „has been“ war. Der Songpoet ergeht sich auf diesem Album in Kinderreimen und Wackel-Wackel-Bilder.

Abzählreime und kindliche Bilder
Und in der Tat. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger „Oh Mercy“ fehlte dem Album sowohl die Tiefe und die konzeptionelle Dichte, als auch das geheimnisvoll-flirrende. „Oh Mercy“ atmete den geheimnisvollen Geist von New Orleans. „Under The Red Sky“ wirkte wie eine unfertige Songsammlung, die musikalisch von nicht so richtig glücklichen Produzenten (Don Was, David Was und Jack Forst alias Dylan himself) mit Hilfe vieler Gaststars – David Crosby, George Harrison, Elton John u.v.m. – aufgemotzt wurde.

Dylan selbst sah die Defizite des Albums und schob sie in Interviews auf seine Tourverpflichtungen und die zeitgleiche intensive Zusammenarbeit mit den Traveling Wilburys. Und dennoch war „Under The Red Sky“ für mich nicht ganz so schlecht wie alle meinten. Ich hatte die guten Songs genannt. Aber vor allem es war für mich das richtige Album zur richtigen Zeit und „Born In Time“ war Soundtrack so mancher romantischer Stunde. Soll keiner sagen, Dylan hätte einem nicht auch immer irgendwas Passendes zur eigenen Lebenslage mitgegeben.

Doch die Kritik war unerbittlich. Warum singt ein Bob Dylan über „Wiggle, Wiggle“, in dem eine „Big Fat Snake“ vorkommt. Abgesehen vom „Swine“, dass sich auf „Vine“ reimt und vom „Land Of Milk And Honey“ in „Unbelievable“. Oder das Kindermärchen von „Under The Red Sky“: „There was a little boy and there was a little girl…One day the little boy and the little girl were both baked in a pie“. Oder der Abzählreim von „2×2“. Zeitgleich sang er doch hier so starke Stücke wie „Born In Time“ oder schrieb für die Traveling Wilburys „Tweeter And The Monkeyman“ oder „Dirty World“.

Vielleicht eines seiner menschlichsten Alben
Abgesehen davon, dass uns die durchaus nicht geglückte Produktion des Albums nicht die Sicht auf grundsätzlich gute Songs verstellen sollte: Es war schon eine Art Sammelsurium von Songs, die entweder noch aus „Oh Mercy“-Beständen kamen – „God Knows“ und „Born in Time“- oder die erst später erschienen wie „Alice Don’t Live Here Anymore“ (aber nicht von ihm, sondern von Don Was gesungen) oder „Heartland“, dass dann drei Jahre später als Duett mit Willie Nelson veröffentlicht wurde. Es gab kein kohärentes Konzept für ein ganzes Album. Da – aber nicht in der Güte der Einzelsongs- setzte das Album den unguten Weg von „Knocked Out Loaded“ und „Down In The Groove“ aus der zweiten Hälfte der 1980er fort, der nur von „Oh Mercy“ so überraschend genial unterbrochen wurde.

Aber wenn das Album gleichsam in Teile und Stücke auseinanderfällt, was hat es dann mit den kindlichen Songs und Bildern auf sich? Damals konnte sich das keiner erklären. Sicher, er hatte mit „Man Gave Names To All Animals“ schon mal ein Kinderlied aufgenommen. Und er hatte im Folgejahr 1991für das Disney-Album „For Our Children“ das alte Kinderlied „This Old Man“ beigesteuert. Wurde der Mann jetzt einfach kindisch?

Songs for Desiree Gabrielle
Erst mehr als 10 Jahre später, im Jahre 2001 deckte Biograph Howard Sounes auf, dass Bob von 1986 bis 1992 mit seiner früheren Background-Sängerin Carolyn Dennis verheiratet war. Mit ihr hat er ein Kind. Desiree Gabrielle Dennis-Dylan. Und jetzt war vielen die Widmung auf dem Album klar:“For Gabby Goo Goo“. Seiner damals vierjährigen Tochter hatte er dieses Album gewidmet und sie mag er bei vielen Songs um Sinn gehabt haben. Die kindliche Vorstellungs- und Erfahrungswelt, die so wunderbar kompatibel ist mit sich austoben – „Wiggle Wiggle“ – den Märchen – „Under The Red Sky“ und den vielen Tieren, die in den Songs vorkommen.

Ein höchst menschlicher Zug eines Vaters, der seinen Ruf als Songpoet ankratzt, um diese Songs zu singen und aufzunehmen. In diesem Sinne ist „Under The Red Sky“ vielleicht nicht das Beste aber sicher eines der menschlichsten Alben Bob Dylans. Und bis heute immer noch eine Art Ersatz. Denn Bob hatte immer mal wieder von einem Album mit Kinderliedern gesprochen. Schließlich gibt es das von anderen Ikonen der amerikanischen Musik wie Woody Guthrie, Pete Seeger und Johnny Cash durchaus. Doch immerhin hat uns Dylan vor einigen Jahren ein Weihnachtsalbum beschert. Auch hier wieder mit dem Ergebnis, durchaus auch Spott zu ernten. Doch Bob bleibt Bob und macht immer sein Ding.

Wie vor 30 Jahren mit den Songs für Gabrielle auf „Under The Red Sky“.

Bob Dylan: „Unbelievable“

„Don’t believe in Vodoo, pray to God“

24. April 2020

Bob Dylan und die afrikanische Tradition von Black America

Vor einigen Jahren sah ich Oliver Hardts bemerkenswerten Film “The United States Of Hoodoo”. Er spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Dies kam mir nun wieder in den Sinn, als ich mich mit dem Thema „Bob Dylan und Black America“ auseinandersetzte.

Damals schrieb hier ich anlässlich des Films: „Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba [Anm. Geist oder Heiligerin der afrikanischen und karibischen Religion des Voodoo] trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.“

Und tatsächlich führte ich noch Songs wie Blind Willie McTell, das Album „Oh Mercy“ und den Song „New Pony“ von Street Legal (1978) auf. In Letzterem wird sogar ausdrücklich „Vodoo“ erwähnt. Ich zitiere nochmals aus meinem damaligen Beitrag:
„Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’ „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt.

Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:
They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else“

Und in der Tat, im Blues lebt das alte afrikanische Erbe fort. Tony Atwood, der auf seinem wichtigen Dylan-Blog „Untold Dylan“ auch diesen Song besprochen hat, hat etwas verkürzt, so meine ich, für den Titel alleine „Sex und Blues, Blues und Sex. Total verschlungen“ als Fazit gezogen.

Aber warum Voodoo? Warum heißt das Pony Lucifer?

Natürlich geht es hier um Sex und Blues. Aber es geht auch um den Glauben an Vodoo und an den Glauben an den christlichen Gott. Und wenn Dylan hier singt, dass sein Baby Voodoo-Zauber benutzt, und er sagt ihr „es ist aber Gott zu dem Du gebetet hast und der gibt Dir zurück, was Du anderen gewünscht hast“, dann ist das auch eine Auseinandersetzung zwischen schwarzem christlichen und afrikanisch-karibischem Glauben.

Und so könnte man diesen Song auch als einen Vorgriff auf die drei christlichen Alben Dylans sehen. Wenn wir Street Legal als Übergangsalbum in einer schwierigen persönlichen Situation sehen, so zeichnet sich hier schon die neue Richtung ab.

Die Songs der von April bis Mai 1978 aufgenommenen Platte waren musikalisch von Gospel, Spiritual-Anklängen, von Soul und Blues geprägt. Kein Wunder arbeitete er doch schon seit Mitte Januar 1978 mit der schwarzen Background-Sängerin Helena Springs zusammen, hatte wohl auch eine Beziehung mit ihr, und schrieb mit ihr fast zwanzig Songs. Street Legal beendete die 1970er-Phase, die vom weißen Folk-Rock geprägt war. Bob Dylan setzte sich nun, so sagte es Mitmusiker Billy Cross dem Dylan-Biograph Clinton Heylin, ganz tief mit der schwarzen Kultur auseinander. Und er hatte unter seinen in den Jahren 1978 bis 1985 wechselnden Background-Sängerinnen auch immer wieder wechselnde Freundinnen mit denen er auch Lieder schrieb oder sang wie eben Helena Springs oder auch Clydie King. Das Video von Abraham, Martin and John, spricht Bände über seine Beziehung mit Clydie. Die Afro-Amerikanerin Mary Alice Artes, eine Freundin von Helena Springs, wurde auch eine gute Freundin von ihm, und wurde als „Queen Bee“ in den Liner Notes von Street Legal verewigt. Sie half ihm beim Übertritt zum christlichen Glauben.

Einem christlichen Glauben, der sich religiös in einer evangelikalen Kirche, kulturell aber in der Mischung aus Rock und schwarzem Gospel manifestierte. Es kann sehr gut sein, dass Dylan sich im Song „New Pony“ auch von den Empfindungen seiner damaligen schwarzen Freundinnen und deren Selbstfindung zwischen verdrängtem afrikanisch-karibischen Erbe, strenger kirchlicher Erziehung und dem ewigen Spannungsfeld zwischen Gospel, Soul und Blues, beeinflussen ließ.

Ein Spannungsfeld, durch das man nicht ohne Widersprüche kommt. Dylan predigte während seiner Born Again-Phase christlich-fundamentalistisch. Er spielte schwarzen Gospel-Rock. Sein damaliger privater Lebensentwurf schien aber sinnlichen und lebenszugewandten afrikanischen Traditionen näher zu stehen.
In dieser Phase lernte er dann Carolyn Dennis kennen, die seine Background-Sängerin bis Mitte der 1980er blieb und die er 1986 heiratete und mit der er die gemeinsame Tochter Desiree Gabrielle Dennis-Dylan hat.

Und Dylan blieb in den 1980ern der Black Community weiterhin zugewandt, 1985 nahm er mit Kurtis Blow zusammen einen Rap-Song auf. Doch das ist wieder eine andere Geschichte von „Bob Dylan und Black America“.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (30)

22. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

alles hat einmal ein Ende!

Und da mir mein letzter Beitrag so gut gefallen hat, dass es kaum noch besser werden kann und zudem die Home Office-Zeit scheinbar bald zu der sich in aller Munde befindlichen „neuen Normalität“ gehören wird, werde ich mit dem heutigen letzten Beitrag mein Bickenbach, Texas Home Office Diary abschließen und zuklappen. Mit der Nummer 30 nach fast genau vier Wochen ist das, so denke ich, ein guter Zeitpunkt. Auf diesem Blog werde ich neue Beiträge künftig in der Regel mindestens jeden Freitag veröffentlichen, um eine für die Lesenden verlässliche Erscheinungsweise zu haben.

Also hinein in den letzten Beitrag. Also dreht sich heute alles einen Song, in denen um das Ende geht. Ein Song aus dem großen Ouvre des Meisters, der zu Recht etwas in Vergessenheit geraten ist. Auf dem ebenfalls zu Recht vergessenen Album „Down In The Groove“ von 1988 ist auch das Stück „Death Is Not Dead“ enthalten. Da „Down In The Groove“ ohnehin wie ein Flickenteppich der Resteverwertung daher kommt, wundert es einem auch nicht, dass dieser Song von den Infidels-Sessions 5 Jahre vorher liegen geblieben war.

Inhaltlich ist das natürlich wieder eine religiöse Aussage und ich bin mir da mit dem Dylanologen Tony Atwood völlig einig, dass es nicht zu den stärkeren poetischen Werken Dylans gehört. Es enthält zu viele abgedroschene Phrasen, Bilder und Formulierungen, die wir woanders in seinem Werk schon besser gehört haben. Was ich im Übrigen auch lange Zeit „Make You Feel My Love“ vorgeworfen habe, das ja mit dem Wort- und Bildreichtum des übrigen Werkes von „Time Out Of Mind“ in keiner Weise mithalten kann. Allerdings bin ich da auch schon wieder vom Live-Bob eines besseren belehrt worden. Denn seine atemberaubende Version von Stuttgart im letzten Jahr hat doch einiges an Atmosphäre zwischen vielleicht zu routiniert gesetzten Zeilen herausgeholt.

Aber vielleicht sind diese so sattsam bekannten Bilder und Formulierungen, die solche Songs für andere Künstler interessant machen. Schließlich haben Billy Joel, Garth Brooks und Adele „Make You Feel My Love“ gecovert. Und auch von „Death Is Not The End“ gibt es Coverversionen vom ohnehin stets morbiden Nick Cave, von Kylie Minogue und den Waterboys.

Und es gibt – ein Nachtrag zum Eintrag 28 – auch eine deutsche Version von den Kölschen „Black Föös“. „Ein Leben nach dem Tod“. Ein ziemlich dämlicher Stimmungsschlager. Aber ich bleibe dabei: „Gelobtes Land“ von Maffay ist viel schlimmer!

In diesem Sinne: Es gibt auch ein Leben nach dem Bickenbach, Texas Home Office Diary. Es war für mich eine interessante Erfahrung, jeden Tag an dieser Stelle irgendetwas Neues rund um Bob Dylan und Americana zu schreiben. Und tatsächlich fiel mir immer etwas Neues ein und was ich gehört habe, war das wohl durchaus auch ganz interessant für die Leute.

Also in diesem Sinne: Schaut immer freitagabends auf die Seite, da kommt was Neues. Zudem werden alle neuen Beiträge in der Regel auch über expectingrain.com, Facebook und meinen Newsletter beworben.

Also dann bis demnächst!

Best
Thomas


The Bickenbach, Texas Home Office Diary (29)

21. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

The old, weird America

Howdee Everone,

reden wir über das alte und das neue, gefährliche Amerika!

Mit dem Terminus „the old, weird America versuchte Popkritik-Papst Greil Marcus die Verbindung zu ziehen zwischen den Songs von Bob Dylan & The Band, die später die Basement Tapes genannt wurden, und der Anthologie Of American Folk Music von Harry Smith von 1952.

Die Anthology, das sind uralte Folksongs von obskuren alten Sängern über eine obskure alte Welt. Ein Amerika der düsteren Folk-Songs, der Shanties, der Hillbillies, der Minstrel-Shows, der Gunfighter, der Bürgerkriegssoldaten, der fliehenden Sklaven, das Amerika von Rassismus und Gewalt, Liebe, Mord und Totschlag. Die Aufnahmen stammen von 1926 bis 1933. Die Songs selber sind viel älter und in mehrfacher Hinsicht zeitlos.

Ja, die Anthology wurde zum Kult bei der jungen Folk-Bewegung Anfang der 1960er. Doch während diese Folk-Bewegung oftmals nur an der Oberfläche kratzte, weil ihre Protagonisten entweder einen zu cleanen weißen Mittelstandshintergrund hatten bzw. man das Folk-Idiom hauptsächlich – zu einer natürlich gerechtfertigten – politischen Protestmusik nutzte, gingen Dylan & The Band im 1967 im Keller von Big Pink viel weiter.

Während draußen die weiße Mittelstandsjugend den „Summer of Love“ verlebte, der nur kurze Zeit wirklich einen Gegenentwurf zum durchkapitalisierten Amerika darstellte, ehe sich in die emanzipatorische Bewegung mit Scott McKenzie und Woodstock eine kräftige Prise Kommerz mischte, gingen Dylan und die Jungs dahin, wo’s weh tut.

Die dunkle Seele Amerikas
Eben nicht zu den wohlfeilen Wahrheiten, sondern in die dunklen und grauen Bereiche der amerikanischen Seele. Dylan war vom Motorrad gefallen und nutzte das, um dem von seinem Manager Albert Grossman veranstalteten Rattenrennen zu entfliehen. Er war nun erneut ein anderer als vorher. Er war nun ein Familienvater. Aber die Bilder von der Familienidylle mit der hübschen Sara und den süßen Kindern waren nur die eine Seite des Dylan’schen Wirken dieser Zeit.

Die andere Seite gehörte der Suche nach dem „alten, gefährlichen Amerika“ mit The Band im Keller von Big Pink. Seine enormen Kenntnisse des Folk fanden zusammen mit der „Street Credibility“ der Band, die zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre auf den Bühnen, in den Kaschemmen, den Clubs und Spelunken gespielt hatten. Sie kannten die dunkle Seite des amerikanischen Traums aus eigener Erfahrung wo es Dylan nur mit Instinkt, Verständnis und Empathie versuchen konnte. Aber dass er dies konnte, zeigt auch hier nochmal seine Ausnahmestellung.

Sie spielten alte Country, Folk, Blues- und Gospelstandards und ganz viel wirklich obskures und fragewürdiges Zug. Und Dylan schrie Songs und am Ende wusste keiner mehr, sind dies alte oder neue Songs. Dylans Songs dieser Zeit stammten nicht nur aus dem Keller. Nein, er holte sie noch viel tiefer hervor. Die Grundlage für Americana war gelegt, die losen Enden Jahre wurden Jahre zu Wurzeln aus denen auch das dunkle Alternative Country spross.

Dylan hat diese dunklen, grauen Stimmungen dieser amerikanischen Musik seitdem immer wieder in seiner Musik zum Ausdruck gebracht. Wir denken an den „Man In The Long Black Coat“ auf „Oh Mercy“ von 1989 oder die Alben und Songs seines Spätwerks. Ob Long And Wasted Years oder Scarlett Town – sie sind könnten, nein sie sind uralte Songs, weil durch den Sänger Bob Dylan die uralten Folk-, Blues- und Minstrelsänger singen.

Dallas: Aus diesem Haus heraus wurden die tödlichen Schüsse auf John F. Kennedy abgegeben.

Dylan sagt uns, was Amerika im 21. Jahrhundert verloren hat
Mit seinen beiden neu veröffentlichten Songs „Murder Most Foul“ und „I Contain Multitudes“ setzt Dylan nun im Jahr 2020 die Schnittstelle an, die zwischen dem alten, gefährlichen Amerika und dem neuen gefährlichen Amerika liegt. Er vertraut seiner Collage- und Zitate-Technik und schildert Kultur und Politik des amerikanischen 20. Jahrhunderts, die auch ein Gesamtkunstwerk wie Dylan selbst schufen. Gerade weil dieses Amerika der Welt so zugewandt war – was auch negative Folgen für die Welt mit sich brachte, weil sich die Außenpolitik überwiegend weniger demokratischen Werten, denn geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen verpflichtet fühlte – schienen die dunklen Dämonen der Nation im Inneren – Rassismus, Profitgier, Gewalt – gezähmt werden zu können. Von Roosevelts New Deal über die Bürgerrechtsbewegung und die Great Society schien sich in Amerika etwas zum positiven verändern zu können.“

Doch erst der Mord an John F. Kennedy – „Murder Most Foul“! – und die Morde an Bobby Kennedy und Martin Luther King nahmen der positiven progressiven Entwicklung die Spitze. Es folgte Stagnation bis der militärisch-industrielle Komplex und die Wirtschaftsschule der „Chicago Boys“ den Roll Back und schließlich den Siegeszug des Neoliberalismus einleiteten.

Fortan war dieser angebliche uramerikanische Egoismus – es gibt ja auch die andere Seite des nachbarschaftlichen Kümmerns und der Solidarität – wieder voll da. Die Evangelikalen Schaumschläger und Menschenfeinde individualisierten wieder die sozialen Unterschiede. „Wer wirtschaftlichen Erfolg hat, der liebt Gott besonders und der auch ihn. Wer arm ist, der ist selber schuld. Und wer arm und schwarz ist, der liegt uns guten, weißen und erfolgreichen Christen nur auf der Tasche. Und wir wollen keine Almosen für schwarze Faulenzer bezahlen. Wir brauchen keine staatliche Sozialsysteme und keine Gesundheitsversicherung für alle, weil wir freie, fleißige amerikanische Christenmenschen sind, die von ihrer Arbeit leben wollen und können!“ Das war das rassistisch-kapitalistische Evangelium des Ronald Reagan.

Und so wuchsen die Armut und die Gewalt. Und weil private Firmen in den USA an Gefängnissen verdienen können und struktureller Rassismus die Gesellschaft und die Justiz beherrscht, ist der Anteil der Schwarzen an den Gefängnisinsassen so überproportional groß.

Das neue, gefährliche Amerika
Trotz Clinton und Obama-Care: An der Herrschaft des Neoliberalismus rüttelten die Demokraten nicht. Und als die Bankenkrise im Sinne der Wall Street und nicht der Menschen gelöst wurde, da vermischten sich die soziale Verzweiflung der ärmeren und abstiegsbedrohten Weißen mit der Anti-Haltung gegen das Establishment der Küstenstreifen, gegen die Bundesregierung und gegen den schwarzen Präsidenten. Mit der „Tea Party“ war die Keimzelle für den späteren Erfolg von Trump und seinem weltabgewandten „America First“ auf die politische Bühne getreten.

2020 ist Amerika bedroht. Von der Corona-Krise, ab er vor allem auch von seinem Präsidenten, der sich auf gewaltbereite Anhänger stützt, deren Grenzen zu den White Supremacy-Leuten fließend sind.

Das ist das neue, gefährliche Amerika. Bob Dylan singt darüber, was Amerika verloren hat im 21. Jahrhundert. Das was kommen wird müssen wir zwischen den Zeilen lesen.

Die dunklen Folksongs genauso wie die politischen Protestsongs über einen wahnwitzigen Präsidenten aber und die bevorstehende Gewaltausbrüche müssen andere singen. Singt sie laut!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (28)

20. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns mal mit Mr. Zimmermann auf Deutsch!

Vor zwei Jahren durfte ich mit Norbert Saßmannshausen und Ilja Kamphues eine schöne Sendung bei Radio X in Frankfurt zum Thema „Dylan auf Deutsch“ machen. Da habe ich gerade dieser Tage dran denken müssen. Ein schönes Thema, um es hier nochmal ein bisschen zu beleuchten.

1960er
Wir gehen einfach mal die Jahrzehnte durch. Den Anfang von Dylan auf Deutsch machten Marlene Dietrich mit „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind“ sowie Christopher & Michael. Während die erstere weiterhin Legendenstatus hat, sind die beiden anderen leider mittlerweile vergessen. Die beiden Frankfurter Liedermacher Christopher und Michael haben auch Dylan-Songs auf Deutsch gesungen. Aber das war alles noch voller Pathetik, noch waren Blues, Beatpoesie und die entsprechend lässige Haltung in Deutschland nicht richtig angekommen.

1970er
Zwei Songs gehören hier unbedingt genannt, weil sie nämlich zeigen, wie gut Dylan funktioniert, wenn man ihn frisch und ohne falschen Respekt auf sein eigenes Umfeld, Milieu und Idiom überträgt. Sowohl der Wiener Wolfgang Ambros (Allan Wia Stan), als auch die hessische Bernies Autobahn Band (Wenn es Nacht ist in der Stadt) haben hier bahnbrechendes geleistet. Und lässiger Folk-Blues und treibender Rock sind endlich im deutschsprachigen Raum angekommen.

1980er
Eine echte „Zeitgeist-Perle“ ist Paolas Version von „Mr. Tambourine Man“. Elf Jahre nach Woodstock erinnert die Sängerin in einer Schlagerversion des Songs die jetzt im bundesrepublikanischen Hier und Jetzt angekommene Protest- und Hippie-Generation an ihre wilde Zeit. Doch die tragen jetzt Sakko zum Turnschuh und sind Lehrer oder werden bald Minister sein. Ende des Jahrzehnts ist es schließlich Georg Ringsgwandl, der wieder das oben gesagte bestätigt, und auf bayerisch mit „Nix Mitnehma“ eine Version von „Gotta Serve Somebody“ einspielt, die dem so fatalistisch-autoritätsgläubigen Original in seiner Subversivität deutlich überlegen ist.

1990er
Es war die Lichterkettenzeit, als nach den Morden von Mölln und Solingen, sich diese Bewegung sich etwas zu gutmeinend und staatstragend verhielt, während die Asylgesetze verschärft wurden. Der leider viel zu früh verstorbene ebenso geniale wie gnadenlose Satiriker (und Bob Dylan-Freund!) Wiglaf Droste schrieb zu seiner Version „Musse Feife Inne Wind“ im „Neuen Deutschland“: „…abgesehen von diesen und diversen schon zuvor geäußerten Einwänden gegen auf links gestrickten Kitsch, Gratishumanismus und Gesinnungshuberei in Form von Lichterketten oder welchem sonstigen Gewürge auch immer, ist es mir unbegreiflich, warum, wenn man schon dergleichen veranstaltet, dann nicht auch die lagerfeuertaugliche und kerzenkompatible Hymne aller Tugutheinis dieser Welt ertönt, die Internationale der Fortschrittlichkeitsflachpfeiferei, Blowin‘ in the Wind von Bob Dylan, allerdings passend in der von Herrn Gerhard Henschel, Frau Kathrin Passig und mir besorgten Übersetzung ins Pidgindeutsche…“

2000er
Wieder kam gutes in Sachen „Dylan auf Deusch“ aus Hessen. Denn mitten aus dem „echten“ Frankfurt, im Gallus kamen die DoubleDylans. Mit ihrem Album „RettichRetter“ im Jahr 2007 leisteten sie etwas bislang nie dagewesenes: Sie überführten die Dylan’schen Songmotive in einen Gemüsekosmos und damit auf eine Stufe des höheren, doppelbödigen Blödsinns, die bis heute nicht wieder erreicht wurde.

2010- heute
Ich mag diesen Beitrag heute mal schräg enden lassen. Denn was rauskommt, wenn ein deutscher Rocksänger – (ich meine ja ein Rock-Schlagersänger) sich an dem wieder erstarkten Interesse an Dylan dranhängen will, aber einfach nicht von seinem eingefahrenen deutschen Stadion-Rock mit verschwurbelten Texten runterkommt, ist Peter Maffays „Gelobtes Land“, das überall mit beschwörender Stimme als Coverversion von Dylans „Girl From The North Country“ bezeichnet wurde. Von wegen: Es ist eine penetrante Pseudo-Springsteen-Mucke mit Maffays bekannten ziel- und sinnlosen Bildern zwischen Rock-Bombast und Religions-Brimborium. Für mich ein musikalisches Verbrechen und das mieseste deutsche „Dylan-Cover“ aller Zeiten. Noch schlechter als Mike Krügers „Nackig an der Himmelstür“ und „Komm’ doch rei, komm’ doch rinn“ von Malepartus. Denn dieser Mist von Maffay nimmt sich auch noch ernst.

Aber was soll’s: Eh isch misch uffreesch, is mers egal. Und nein, das ist nicht Bob Dylan auf hessisch…

Unten könnt Ihr die Radiosendung nachhören und für die ganz Harten habe ich auch den Maffay im Angebot!

Bis Morgen!
Best
Thomas

22. Mai 2018: Denknomaden im Radio X

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (27)

19. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute halte ich die Sonntagsruhe ein!

Und beschäftige mich dem Sonntag im Countrysong. Marty Stuart hat vor ein paar Jahren mal ein schönes Doppel-Album mit dem Titel „Saturday Night & Sunday Morning“ veröffentlicht und zum Ausdruck gebracht, um was sich Countrymusik im Großen und Ganzen dreht. Am Samstagabend wird einer harten Arbeitswoche so richtig abgefeiert, am Sonntag ist man dann ganz fromm in der Kirche.
Mit den hier ausgewählten Songs lässt sich anhand dieser Themenstellung eine Rückwärtsbewegung in der Countrymusik feststellen.

Der Titel „I’m S-A-V-E-D“ von den Georgia Yellow Hammers aus dem Jahre 1927 ist eines der witzigsten Old Time Stücke, die ich kenne. Denn hier wird der Sonntagsgottesdienst zum Anlass genommen, sich über Bigotterie und Doppelmoral lustig zu machen. Hier ein Auszug:

„I know a man; I think his name is B-R-O-W-N
He’ll talk for pro’bition but vote for R-U-M
He’ll help to mix the poison in his neighbor’s C-U-P
But yet he’s got the nerve to say, I’m S-A-V-E-D

I’m S-A-V-E-D, I am, I’m S-A-V-E-D (I am)
I know I am, I’m sure I am, I’m S-A-V-E-D“

In den kommenden Jahrzehnten verlor die Countrymusik ihre Derbheit und ihren bösen Witz. In den frühen 1960er Jahren war die Country-Welt heil und fromm. Bill Monroe singt mit „I’ll Meet You In Church in Sunday Morning“ ein braves Bluesgrass-Gospelstück der Stanley Brothers.

Erst Ende der 1960er war es Kris Kristofferson, der in „Sunday Morning Coming Down“ die Wahrheit aussprach „Wer am Samstagabend gesoffen hat, dem ist es Sonntagmorgen schlecht. Da ist an Kirchgang natürlich nicht zu denken.

Wieder ein paar Jahrzehnte später sind die bösen Outlaw-Gedanken ins Americana-Genre verzogen und Miranda Lambert zaubert einen idyllisch schönen Sonntag im Süden zwischen Limonade und Kirchgang hervor.

Ach so, auch unser Freund Bob Dylan hat einen Song mit Sunday im Titel. Passenderweise ist es ein Songfragment aus den Blonde On Blonde Sessions von dem man nicht einmal erahnen kann, warum es „Medicine Sunday“ heißt. In Zeiten von Corona mit Abstandsregeln beim Parkbesuch sowie Desinfektion und Händewaschen regelmäßig aber absolut passend. Da ist jeder Sonntag „Medicine Sunday“.

In diesem Sinne bis Morgen
Best
Thomas

The Georgia Yellow Hammers – I’m S-A-V-E-D

Bill Monroe – I’ll Meet You In Church Sunday Morning

Kris Kristofferson – Sunday Morning Coming Down

Miranda Lambert – Just Another Sunday In The South

Bob Dylan – Medicine Sunday

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (26)

18. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

armes Amerika!

Jetzt hat er sein Vehikel gefunden, um ganz unverblümt dem Bürgerkrieg das Wort zu reden. „Befreit Minnesota!“,“Befreit Michigan!“, „Befreit Virginia!“ Selbst der ungebildete Trump weiß, welche Geister er hier herauf beschwört und an welches amerikanische Trauma er hier anknüpft. Die Trump-Jünger und Alt-Right-Aktivisten warten inmitten ihrer Waffenarsenale schon lange auf den günstigen Augenblick zum Losschlagen und führen eine neue Sezession im Schilde.

Bob Dylan kennt seinen Bürgerkrieg ganz genau. Seiner „Biographie“, den „Chronicles“ zufolge hat er Monate lang in der Bibliothek auf Mikrofilmen die Zeitungen der Jahrgänge 1855 bis 1865 studiert. Er hat die Sklaverei einmal als immerwährende Wunde der amerikanischen Nation bezeichnet, hat aber auch in seinen Studien festgestellt, dass es in dieser Auseinandersetzung auch um verschiedene Wirtschaftssysteme, Wertvorstellungen und kulturelle Normen geht, die immer mehr auseinanderstreben. Dylan ist Zeit seines Lebens in seiner Musik auf diesen Krieg und seine Umstände zurückgekommen. Von „John Brown“ über den jungen Soldaten, der als Krüppel nach Hause kommt, über „Blind Willie McTell“ als Gemälde des tiefen Südens bis zu „Cross‘ The Green Mountain“, den Song, der aus den Briefen der Soldaten erzählt.

Dylan webt den traumatischen Konflikt hinein in seinen Patchwork-Quilt seines Amerikas. Er weiß, dass er ungelöst ist. Die Sklaverei und Rassismus findet ihre Fortsetzung in den Köpfen, Strukturen und Machtverhältnissen bis heute. Das Land ist heute zudem gespalten nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen den Küstenstreifen in West und Ost und dem vielen Land dazwischen. Und gerade diese Menschen haben die Demokraten seit Bill Clinton vergessen. Die arbeitenden Menschen, die dem Strukturwandel des Rust Belt, der Perspektivlosigkeit in den Appalachen oder den ökologischen Katastrophen am Golf von Mexiko zum Opfer gefallen sind, wurden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Dylan, der gerne dem linksliberalen Lager zugeordnet wird, obwohl er sich doch stets nie zu einer Gruppe gehören wollte, hat von „Masters Of War“ bis „Murder Most Foul“ stets den militärisch-industriellen Komplex und seine Macht als Ursache vieler Fehlentwicklungen gesehen. Er hat mit „Only A Pawn In Their Game“ auf die herrschaftssichernde Funktion des Rassismus der armen Weißen aufmerksam gemacht, bei Live Aid den Überlebenskampf der US-Farmer gegen die Banken erwähnt und mit Workingman’s Blues #2 den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse in den Zeiten der Globalisierung beschrieben. Er hat für Bill Clinton bei dessen Inauguration gespielt. Bei der von Obamas war er nicht mehr zugegen. Die beiden Demokraten hätten seinen Liedern nur richtig zuhören müssen, da hätten sie ahnen können, was da kommt.

„Murder Most Foul“ ist nicht nur die Schilderung eines historischen Vorganges und „I Contain Multitudes“ ist mehr als ein weiteres Selbstporträt des Künstlers. Sie sind auch Zeugnisse für das heutige Amerika. Allein durch die Präsentation eines Präsidenten wie Kennedy und der Vielfalt der amerikanischen Populärkultur bei „Murder“ sowie der expliziten Darstellung, dass der amerikanische Künstler ein Ergebnis der Vielfalt und der Widersprüche des Landes sind, ist eine klatschende Ohrfeige für alle Anhänger des Othering, für alle angelsächsischen White Supremacy-Fans und Alt-Right-Schergen.
Den Namen des Präsidenten, der gerade dem Bürgerkrieg das Wort redet, muss Dylan gar nicht nennen, dass er diese Songs jetzt zu diesem Zeitpunkt, in dem einer bedrohlichen Krankheit vom US-Präsidenten mit Hohlheit, Eitelkeit, Spaltung und Aufwiegelei begegnet wird und damit die Katastrophe immer größer macht, sagt genug.

Bob Dylan – Only A Pawn In Thei Game

Bob Dylan – John Brown

Bob Dylan – Workingman’s Blues #2