Just „New York Kids“

2. Dezember 2010

Patti brilliert als Autorin, Willie glänzt mit dem, was er immer macht

Der Zufall wollte es so: Auf meinem MP3-Player ging Pattis Album zu Ende und Willies neues setzte nahtlos an. Und das bei der Lektüre von „Just Kids“ – Patti Smiths Werk über ihre Beziehung zu Robert Mapplethorpe im New York der 70er Jahre.

Vorweg: Es ist ein großes Buch. Es ist beste Liebes-, Coming-Out-, Boheme-, Historien-, Nostalgie-, Reise-, Rock-Literatur. Pattie nimmt uns mit auf den Trip von New Jersey in den Big Apple der 60er und 70er Jahre. Erzählt vom Traum der beiden, Künstler zu werden. Erzählt vom Träumen, vom Lieben und vom Hungern. Dass man sich liebt und trennt und liebt, mal geistig und körperlich, dann nur noch geistig liebt, dann getrennt ist und trotzdem immer ein Paar bleibt. Auch über den Tod hinaus. Sie führt uns durch die Straßen und über die Plätze von New York. Vom Washington Square zum Chelsea Hotel. Mit feiner Bobachtungsgabe schildert Sie die berühmtesten Künstler ihrer Zeit: Allen Ginsberg, Harry Smith, Janis Joplin, Andy Warhol oder Sam Shepard. Und auch aus ihrer Verehrung von Bob Dylan macht sie keinen Hehl. Eine starke Frau und Künstlerin, die schließlich als Rockpoetin ihre Bestimmung findet. Während Robert Mapplethorpe der Sonne zu nahe kam. Doch am Ende ist keine Bitterkeit zu spüren. Patti hat wenige Jahre nach Robert Mapplethorpe auch ihren Ehemann Fred „Sonic“ Smith verloren. Doch sie flüchtet sich nicht in vordergründige Trauer und Resignation. Patti ist genauso zäh, wie sie hoffnungs- und liebevoll ist. Gepaart mit einfach nicht enden wollender Kreativität macht sie immer weiter. Schön, dass das so ist.

Unser Freund Willie Nile macht auch immer weiter. Mit „The Innocent Ones“ legt er sein viertes Album innerhalb von drei Jahren vor. Und wer ihn auf der Bühne derwischgleich zu seiner Musik Tänze aufs Parkett legen sieht, die Pogo mit Riverdance kreuzen – bislang kenne ich das nur von youtube, da mit noch kein Livekonzert vergönnt war – der kann es nicht glauben, dass er auch schon 62 ist. Wie er immer wieder drei Akkorde dazu benutzt Stakkato Ohrwurm-Melodien und gefühlvolle Balladen zu mischen, die immer ganz vertraut und dennoch neu wirken, ist unglaublich und einfach nur schön. Auch Willie nimmt uns ja stets mit auf die Reise durch „The Streets Of New York“. Das heute sicherlich nicht mit dem zu vergleichen ist, das Patti und Willie in ihrer Jugend erlebt haben. Die große künstlerische naive Freiheit fehlt, vieles ist einfacher, zugänglicher, kommerzieller geworden, aber auch sicherer. Doch Kunst und Phantasien befördert dieses New York wie eh und je.

Ein weiteres „New York Kid“ wird nächstes Jahr 70. Heutzutage konzertiert Bob Dylan jährlich Ende November in NYC. Das zu erleben wäre noch eine Herausforderung, seine Umsetzung steht aber in den Sternen. Bis dahin helfen die Musik und die Poesie von Bobby, Patti und Willie, die Sehnsucht zu stillen.

Nachtrag: New Orleans und Schluß

13. Oktober 2010

Am Ende gab es dann in der Großstadt New Orleans kein Internet im Hotel. Das entfiel aus Umbaugründen. Daher heute erst nach Rückkehr und Wiedereinstieg ins Arbeitsleben die letzte Etappe unserer Reise.

Was ist zu sagen? Auf jeden Fall „hüte Dich vor der Bourbon Street!“ Die ist Beale Street hoch drei und absolut zu meiden. In den Nebenstraßen des French Quarter dagegen entdeckten wir so manches Interessante. Feierten wunderbar unseren Jahrestag im schönen Innenhof des „The Court of Two Sisters“. Ein tolles Essen und draußen sitzen am Abend des 6. Oktober – das wird uns unvergeßlich bleiben.

Zuflucht vor dem Rummel fanden wir auch in der „Preservation Hall“. An zwei Abenden besuchten wir den unscheinbaren kleinen Club, in dem der New Orleans Jazz auf höchstem Niveau gepflegt wird. Nur 50 Leute fasst er, es gibt nichts zu trinken und die Band spielt in drei Takes von 20 -23 Uhr. Ein Kleinod, auf dessen Erhalt man hoffen muss.

So ging unsere „Musical Journey“ zu Ende und wir sind voller Eindrücke und Erlebnisse im Gepäck zurückgehrt. Wir werden sicher wieder kommen, es gibt noch einiges zu entdecken in diesem interessanten, widersprüchlichen und wirklich auch schönen Land. „Good bye America, we will coming back!“

Lafayette

6. Oktober 2010

Lafayette und das Cajun Country werden wir in besonders guter Erinnerung behalten. Zwei sehr entspannte Tage mit viel Ruhe, Natur und Cajun-Folklore. Die Cajuns sind die Nachfahren franzoesischer Siedler, die von den Briten aus Kanada vertrieben wurden und in der zweiten Haelfte des 18. Jahrhunderts in der damaligen franzoesischen Kolonie Louisiana Zuflucht fanden. Sprache, Musik und Teile der Kultur haben sich bis heute erhalten. Am Montagabend waren wir in „Mulate’s“ zu Gast, einem typischen Cajun-Restaurant. Viel Seafood, dazu Musik und Tanz – Ziehharmonika, Steel-Guitar, E-Bass. Eine Reisegruppe fand sich im Lokal ein und bevoelkerte die Tanzflaeche. Ein schoener Abend in dem legendaeren Lokal, in dem, wie im Eingangsbereich zu lesen ist, auch schon Bob Dylan zu Gast war. Der spaeter folgende Aufenthalt in der Hotelbar fuehrte zu interessanten Begegnungen und viel Spass.

Am naechsten Tag dann erst der Besuch des Museumsdorfes Vermillionville und anschliessend eine Bootstour durch die Suempfe, den Swamp und das Bayou. Unser Bootsfuehrer Butch erklaerte uns sehr gut, was zu sehen und auf was zu achten war. Und so sahen wir neben interessanten Pflanzen und seltenen Voegeln auch echte Alligatoren und zwar ziemlich nah. So ein bisschen unheimlich war das dann schon.

Am Abend dann frueh ins Bett um gestaerkt zu sein fuer die letzte Etappe. New Orleans – The Big Easy – erwartet uns!

Memphis, Clarksdale, Vicksburg

4. Oktober 2010

Beschwingt durch die schoenen Tage in Nashville ging es nach Memphis, Heimat des Blues, des Rock’n’Roll und des Memphis-Soul. Erster Hoehepunkt natuerlich die Sun Studios, die uns weniger wegen der ersten Aufnahmen von Elvis interessieren, sondern ebenfalls als die erste Station der Karrieres des grossen Johnny Cash. Alles wurde im Originalzustand erhalten und sowohl die typische Hausfassade, als auch das Aufnahmestudio laesst Gaensehaut aufkommen. Bob Dylan soll das auf dem Boden aufgemate Positionskreuz fuer die Saenger gekuesst haben, erlaeutert uns augenzwinkernd die Museumsfuehrerin. Auch ohne diese paepstliche Geste verlassen wir das Gebaeude froh gestimmt.

Weiter geht es anschliessend in das Rock und Soul Museum. Die Ausstellung ist sehr gut, zeigt die gemeinsamen Wurzeln von schwarzer und weisser populaerer Musik auf und ist sehr ausfuehrlich. Am Ende sind wir dann doch etwas erschoepft aufgrund der Detailfuelle. Enttaeuschend dagegen der Besuch der Beale Street. Drosselgasse meets Duesseldorfer Altstadt. Karaoke Bars nerven und Billigmucke droehnt quer durch die Strasse. Mit Bluesfeeling hat dies nichts mehr zu tun. Um so schoener, als wir am naechasten Tag in ein Open Air Soul-Konzert mitten in der City geraten. Und bei Pearls haben wir wunderbaren Catfish gegessen.

Dann weiter nach Clarksdale. Ein ganz armes Kaff, ueberwiegend schwarze Bevoelkerung. Die wirtschaftliche Depression ist ueberall zu spueren und erzeugt echte Blues-Stimmung. Das Delta Blues Museum ist enttaeuschend, mit viel Geld von ZZ Top und der oeffentlichen Hand finanziert, hat es leider kein erkennbares didaktisches Konzept. Ganz im Gegensatz zum privaten Rock und Bluesmuseum des Hollaenders Theo, der uns sehr freundlich seine Vorgehensweise erklaert: From the roots to the fruits. Eine echte Entdeckung.

Am Abend dann Robert „Bilbo“ Walker im Ground Zero Blues Club. Der 70jaehrige ist ein altes Zirkuspferd und changiert zwischen Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll. Bringt Chuck Berry-Songs inklusive duckwalk, und spielt die Gitarre auch schon mal einhaendig. Das muss man gesehen haben. Leider zeigt er das zu wenig und immer oefter klingen seine langsamen Bluesstuecke immer wieder gleich. Besondere Stimmung kommt auf, als er die Buehne fuer ein paar Songs einer Saengerin ueberlaesst. Die Figuren der hauptsaechlich schwarzen Taenzerinnen und Taenzer vor der Buehne laden sich sichtlich sexuell auf und lassen echte Juke Joint Stimmung erahnen. Alles in allem ein unvergesslicher Abend.

Vicksburg dagegen hat ausser dem Buergerkriegs-Themenpark nicht viel zu bieten. Die Innenstadt ist sonntags tot und so kommen wir zum durchschnaufen, bevor es dann ins Cajun Country geht.

Nashville

1. Oktober 2010

Howdeeeeeeeee! Nashville war einer der Hoehepunkte dieses Urlaubes. Wir waren Gaeste eines Konzertes in der Grand Ole Opry. Gebucht bereits im Juli, kristalliesierte sich in den letzten Wochen heraus, dass dies ein historisches Konzert werden wuerde. Der Wiedereinzug in die nach der Flut vom Mai renovierte Opry. Gefeiert mit grossem Staraufgebot: Von den Altvorderen wie Del McCour ueber die aktuellen Stars der Countryszene wie Keith Urban, Blake Shelton, Josh Turner und Martina McBride bis hin zum Spiritus Rector der Country-Gemeinde, Marty Stuart. Auch wenn man die Entwicklung der Mainstream-Countrymusik heutzutage kritisch sehen muss, ein Erlebnis ist die Grand Ole Opry auf alle Faelle.

Ebenso wie die Country Music Hall of Fame und der Ursitz der Opry, das Ryman Auditorium. Am Mitwoch dann fuer mich persoenlich zwei Higlights. Das gemeinsame jammen bei „Mr. Tambourine Man“ mit dem Embassador of Music City, David Andersen im Visitors Center und die anschliessende Plattenaufnahme von „Hey Good Lookin'“ im Ryman. Am Abend dann noch die wunderbare Radio-Show „Music City Roots“ im Loveless Cafe mit Gastgeber Jim Lauderdale. Die Show stand ganz im Zeichen des Bluegrass, denn derzeit tagt eine internationale Buegrass-Convention in Nashville.

Seit gestern nachmittag sind wir nun in Memphis. Davon demnaechst mehr.

Oxford & Tupelo

28. September 2010

Gerade in Nashville angekommen, ein Rueckblick auf Tupelo und Oxford. Den Elvis-Birthplace haben wir mehr aus Pflichtgefuehl angeschaut, zu wenig verbindet uns mit ihm. Interessanter war da Oxford. Bekannt wurde es auf unruehmliche Weise in den 60ern, als gewaltbereite Rassisten versuchten, einen schwarzen Studenten daran zu hindern, sein Studium an der Mississippi University aufzunehmen. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, die erst durch die Entsendung von Bundestruppen beendet werden konnten. Der Student nahm das Studium auf. Neben dem Busboykott von Rosa L. Parks in Montgomery/Alabama sicher eine der bekanntesten Etappen auf dem Weg der Buergerrechtsbewegung in den 60ern.

Heute hat sich einiges geaendert im Sueden und aus Oxford ist ein kleines, schmuckes Universitaetsstaedtchen geworden. Mit einem tollen Buchladen am wunderschoenen Hauptplatz des Ortes. Mit zwei hochmodernen Sportarenen fuer Baseball und Football. Und natuerlich dem William Faulkner Haus. Oxford ist eine wunderschoene Entdeckung gewesen.

Tupelo rangiert auch immer noch ueber Meridian. hat einen netten Ortskern und den Fairpark Grill, der uns sehr erfreute.

Zu Nashville in den naechsten Tagen mehr.

Meridian

25. September 2010

Howdie everybody! Wir sind in Meridian, der Heimatstadt des „Father of Country Music“. Nach doch recht anstrengendem Hinflug und einer Uebernachtung nahe New Orleans ging es am Freitag nach Natchez. Ein verschlafenes Suedstaatennest mit viel Antebellum-Flair. Schoen anzusehen sind die weissen Haeuser der Plantagenbesitzer, doch man sollte nicht vergessen, dass sie auch Ausdruck einer Sklavenhaltergesellschaft waren. In den Salons wurde hingegen politisch parliert. Treffend, dass viele Villen mit griechischen Saeulen geschmueckt wurden. Abends gab es Seafood satt und wir sind nun richtig im Urlaub angekommen.

Heute, Samstag, dann ging es nach Meridian. Ein wunderbarer Gang durchs Jimmie Rodgers Museum erwartete uns. Mit vielen Anekdoten und sichtlicher Freude am Thema fuehrte uns Greg durch die Ausstellung. Rodgers – „The Singin Brakeman“ – wurde 1927 bei einer grossen Audition der Plattenfima RCA unter vielen Hillbilly-Kuenstlern entdeckt. Seine Karriere dauerte nur sechs Jahre. 1933 starb er in New York an Tuberkulose.

Sein Verdienst ist die Verschmelzung von Hillbilly-Musik mit Blues, Jazz und Tin Pan Alley-Elementen. Er stiess damit eine Entwicklung an, die zur Country Music fuehrte. Allein das Museum und der Besuch seines Grabes waren die Reise wert. Meridian selbst ist eine Kleinstadt, die als Warenumschlagplatz an der Eisenbahn gross wurde und jetzt irgendwie sinnsuchend wirkt. Wir uebernachten und fahren weiter nach Tupelo.

Ruf des Südens

12. September 2010

Eine Musikrundreise am Mississippi

Lange haben wir den Traum schon gehegt. Dann dauerte es, bis wir wussten, dass wir uns trauen. Und dann noch einmal eine Weile, bis es umgesetzt werden konnte. Gut anderthalb Wochen noch, die beruflich noch randvoll sind, dann heben wir ab mit Delta Airlines.

Der Süden der USA ist eine gleichermaßen arme wie mythisch aufgeladene Region. Wiege von Blues, Jazz, Country und Rock’n’Roll. Aber auch Kern des „Bible Belt“, des tief religiösen Hinterlandes der USA. Armut und Rassenprobleme prägen auch heutzutage noch den Alltag. Dies ist genauso Fakt wie die gastfreundliche Art der Südstaatler. Dazu kommt die klassische Südstaatenküche mit Gumbo, Jambalaya und BBQ. Mit „Po’ Boy“, Catfish und Crawfish. Letztere Beiden wiederum geschädigt – sowie deren Fischer und Züchter – durch die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko. Der Süden – das ist Scarlett O’Hara und Bürgerkrieg, aber auch William Faulkner, Mark Twain und die weißen Schaufelraddampfer des Mississippi, aber auch Hurricane „Katrina“, der New Orleans zerstörte oder die Sintflut, die im Frühjahr Nashville überspülte.

Ein spannender, widersprüchlicher Landstrich also. Wir gehen diesen Widersprüchen auf den Grund, legen aber unseren Schwerpunkt auf der Musik. Wir starten in New Orleans, fahren dann rauf nach Nashville und Memphis, um dann den Highway 61 entlang über Clarksdale, Vicksburg und dem Cajun Country wieder nach New Orleans zurück zu kehren.

Bob Dylan war für mich eine musikalische und persönliche Initialzündung. Dieser Typ und seine Musik hat mich vor fast 35 Jahren in seinen Bann gezogen, war unermesslich wichtig für meine Sozialisation und ist bis heute eine Konstante in meinem Leben geblieben. Richtig gelernt, seine Wurzeln einordnen zu können, und seine Bedeutung für die amerikanische Populärmusik wirklich werten zu können, habe ich aber eigentlich erst vor gut zehn Jahren. Der fantastische Film der Cohen-Brüder, „Oh Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odysee“, ließ mich die „Roots“ entdecken. Seine und die des Rock. Die ländliche Musik des armen schwarzen und weißen Amerikas lieferte den Urstoff für die Rockmusik. Diese Wurzeln werden heute von den Musikrichtungen Classic Country, Bluegrass, Alternative Country, den verschiedenen Spielarten des Blues, von Roots-Rock und Americana gepflegt. Das ist die Musik, die ich höre und weswegen wir in den Süden fahren.

Auf ihren Spuren wandeln wir in Meridian, Nashville, Memphis oder Clarksdale. Überall da, wo es um die Musik und die Menschen geht. Graceland sparen wir uns da lieber. Auf diesem Blog werde ich so regelmäßig wie möglich kurze Reiseberichte einstellen. Viel Spaß beim Lesen!

Sterne schauen

20. August 2010

Warum manche aufgehen und andere nie strahlen

Nachdem wir im letzten Herbst die „Felice Brothers“ gesehen hatten, schrieb ich begeistert über „neue Sterne am Musikhimmel“. Da ich mittlerweile dem einen oder anderen dieses Prädikat nicht verliehen habe und anderen, von denen gleich die Rede sein wird, schon, wollte ich hier erstmal kurz über Begründungskategorien sprechen.

Folk/Rock/Blues/Country ist idealerweise Musik, die spontan und nicht kalkuliert von Menschen für Menschen produziert wird. Sie hat ihre Wurzeln in ruralen Ausdrucksformen des ländlichen weißen und schwarzen Amerika und entstand in ihren Urformen in den 20er bis 50er Jahren. Ihre Elemente lassen sich zurückverfolgen bis zu den Volksliedern der weißen Einwanderer und schwarzen Sklaven aus Afrika. Roots/Americana wie ich es mag, lässt den Hörer diese Wurzeln spüren, indem es stets an eine bessere Welt glaubt, aber auch bis zum äußersten die Tragik und Brutalität des wirklichen Lebens nicht ausspart.

Es geht hier aber nicht um Authenzität. Kein Bluesrocker ist schon dadurch ein besser Musiker als beispielsweise Bob Dylan, nur weil er seit Jahrzehnten immer nur für wenig Geld durch die Clubs tingelt und nicht per Jet um die Welt fliegt und in den großen Konzerthallen auf „Never-Ending-Tour“ ist. Es geht um die Seele und das Verständnis. Das hat wenig mit der Anzahl der Gitarrengriffe und der Fingerfertigkeit oder der Klarheit der Stimme, sondern mit dem Verständnis für die Seele der Musik zu tun. Und daher ist Bob Dylan einer der größten Musiker aller Zeiten geworden und beispielsweise Suzanne Vega immer nur eine artifizielle Kaffeehaus-Folk-Tante geblieben. Auch wenn sie schöne Lieder singt.

Wichtig ist eben auch die Bandbreite der Gefühle. Immer nur Dur oder immer nur Moll, immer nur nachdenklich oder immer nur Spaßkapelle geht am Leben vorbei. Und daher sind die von mir beobachteten „The Low Anthem“ nicht in die Sterneliste aufgenommen worden. Immer nur slow, immer nur moll, dazu völlig verkopft, ähnlich wie die zu früh zu hochgejubelten Crash Test Dummies vor ein paar Jahren.

Namentlich nah, doch musikalisch Lichtjahre entfernt sind „The Gaslight Anthem“. Ein Beweis, dass strenge Folk-Geometrie weiter von der Seele des Americana entfernt ist, als Indie-Rock. Die „Gaslights“ begannen als Indie-Punkrocker und kombinieren dies nun gekonnt mit Mainstream-Einsprengseln. Ihre Platte „American Slang“ besticht durch die lässig hingeworfenen Pretiosen. Dabei hat diese Gruppe noch Luft nach oben. Eine der neuen Hoffnungen des American Rock. Nicht mehr und nicht weniger. Am 11. November spielen sie in Frankfurt am Main. Wir sind dabei.

Nur wenige Tage später (14. November) wird Frankfurt durch einen Neo-Folkie gerockt, der es in sich hat. Wer das 3.456ste gefühlige Gitarrenmädchen für den Starbucks-Soundtrack nicht mehr ertragen kann – deren Urahnin ist ja niemand anderes als die Altersunweise Joni Mitchell, so manche musikalische Größen entpuppen sich in späten Jahren eben als Scheinriesen – dem sei „The Tallest Man On Earth“ empfohlen. Wie hieß es in der Konzertankündigung: Er stellt ein „Rockstar-Role-Model“ dar. Und deswegen ist der so oft überstrapazierte Dylan-Vergleich hier so passend. Seine Musik, sein Gesang sind expressiv, nicht depressiv. Sein harter Gitarrenanschlag schreit nach Elektrifizierung, seine Songs sind Kunstwerke, gerade weil sie nicht Kunst sein wollen, geschweige denn gekünstelt sind.

Wir sehen uns im Herbst auch diesen neuen Stern an. Was davor kommt – das Eintauchen in die Musiktraditionen an ihren Geburtsstätten – das wird in den nächsten Wochen hier Thema sein.

My Heart is in the Heartland

18. August 2010

John Mellencamp und Joey Goebel – Brüder im Geiste

Große amerikanische Autoren der Gegenwart heißen Ford, Auster oder DeLillo. Sie schreiben Psychogramme über Anwälte, Banker, Hochschullehrer oder PR-Agenten in New York, den Metropolen des Nordens oder den Universitätsstädten der Neu-Englandstaaten. Mich langweilen diese Autoren. Die Ostküstenelite betreibt Nabelschau und versteht die Welt und ihr Amerika nicht mehr. Und so sehr ich New York liebe – es ist leider nicht typisch für die USA.

Auch die beiden anderen popkulturell bedeutenden Landstriche, der Süden und die Westküste sind nicht typisch für die USA. Reden wir lieber vom „Heartland“. Diese Staaten – Nebraska, Indiana, Iowa oder Kansas gehören dazu – sind geprägt von Weizenfeldern, die bis zum Horizont reichen. Hier im ländlichen Raum ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös. Wer von hier stammt und einen kritischen Kopf besitzt, will eigentlich schnell weg. Der Musiker John Mellencamp und der Musiker und Schriftsteller Jerry Goebel sind aufgebrochen und doch geblieben. Sie sind kritische Köpfe und lieben die Menschen ihres Landes. Bei aller Verzweiflung über deren Hinterwäldlertum.

Mellencamp begann Ende der 70er als John Cougar und später John Cougar Mellencamp. Einer, den ich eigentlich immer hinter Springsteen oder Petty in die hintere Reihe der Mainstream-Rocker eingeordnet habe. Hatte ein paar veritable Hits, war sogar bei Dylans 30. Plattenjubiläum dabei. Dann erwischte ihn ein Herzinfarkt, der nicht nur physisch dazu führte, dass er das Arbeiter-Stadion-Rockertum sein ließ. Die Zeit, in der auf Eis lag, diente ihm dazu, über sich und die Welt nachzudenken. Eine soziale Ader und ein aufgeklärtes Amerikaner-sein war bie ihm immer schon angelegt. So gründete er 1985 – inspiriert durch Bob Dylans Aussagen bei „Live Aid“ – zusammen mit Willie Nelson „Farm Aid“ für die verarmten Farmer des Mittelwestens. Mellencamp ging musikalisch und inhaltlich zurück zu den amerikanischen Ursprüngen. Kritisierte offen Fehlentwicklungen wie George W. Bush und bekam dafür von konservativen Radiostationen Sendeverbot. Doch sein Land liebt er ungebrochen. Ebenso engagierte wie fast schon naive Hymnen wie „Small Town“ oder „Our Country“ zeugen davon. Seine neue Platte „No Better Than This“ ist eine faszinierende Zeitreise in eine bessere Welt und zu seiner Jugend.  Hin zu den musikalischen Wurzeln der amerikanischen Populärmusik in Blues, Folk und Country.

Joey Goebel ist ein junger Schriftsteller aus Henderson, Kentucky und früher Sänger einer Punkrockband. Mit seinem Roman „Heartland“ zeichnet er ein beängstigend realistisches Bild des amerikanischen Hinterlands. Fernab der weltoffenen Küstenstriche, der liberalen Großstädte wie New York, Chicago, Los Angeles oder San Francisco hat sich ein bigotter christlich-kapitalistischer Fundamentalismus entwickelt, vor dem einen Grausen lässt. Goebels entlarvende Schilderung der manipulativen Umtriebe der Unternehmerfamilie Mapother ist beste Aufklärungsliteratur. Und das völlig ohne den missionarischen Holzhammer-Zeigefinger des antikapitalistischen Trash-Popstars Michael Moore.

Goebel liebt seine Figuren, liefert sie nicht aus, findet Erklärungen für die Entwicklung des fehlgeleiteten Sohnes, der Politikerhoffnung John, ohne dessen fragwürdiges Vorgehen zu entschuldigen. Goebels Roman, indem für eine kurze Zeit die Menschen ihre Interpretation des amerikanischen Glücksstrebens in der basisdemokratischen Kommune sehen, erinnert phasenweise an Frank Capras sozialromantische Filme der 30er und 40er Jahre. Und Blue Gene Mapother könnte ein George Bailey des 21. Jahrhunderts sein. Nur ist das Thema von Goebel viel böser auf den trashigen Zustand der heutigen amerikanischen Unterschicht übertragen worden. Anders als bei Capra gewinnt am Ende nicht das Gute. Dazu haben sich die kollektiven Niederlagen der amerikanischen Utopien von McCarthy, Vietnam-Krieg und der Ermordung der Kennedys und von Martin Luther-King bis hin zu den Schrecken der Bushs, den Irak-Kriegen und dem Clinton-Clan zu sehr eingebrannt. Das Ende bleibt unbestimmt.

Doch die Hoffnung bleibt. Denn beide – Mellencamp und Goebel – bezeugen mit ihrer Kunst immer wieder: Auch wenn die Realität schrecklich ist: das Land und seine Menschen haben einen guten Kern.

Platte: John Mellencamp – “No Better Than This” (Universal).
Buch: Joey Gobel – “Heartland” (Diogenes).