On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!

Aus der Tiefe des Raumes

14. Juni 2010

Bob Dylan interpretiert in Linz seine Rolle als Spielmacher neu

Jahrelang fand er seine Verwirklichung darin, das  Spiel von den Flügeln aus anzukurbeln. Wahlweise klebte er am linken oder rechten Spielfeldrand an der Saitenauslinie und bearbeitete dort das Spielgerät in seiner typischen unorthodoxen, die Mitspieler und das Publikum stets überraschenden Spielweise, die aber letztlich aber immer unterhaltsam und erfolgreich ist.

Gerade kam erste Kritik auf, seine letzten Auftritte seien zu statisch gewesen und dass er nicht mehr dahin gehe, wo es wirklich weh tut. Da raffte sich die Spielmacher-Legende wieder einmal auf und erfand ihr Spiel nochmals neu.

Rechtzeitig zur WM kommt er nun verstärkt aus der Tiefe des Raumes und nimmt wieder das Zentrum des Spielfeldes ein, um dort auch den Applaus der Galerie zu ernten.

Wer Bob Dylan bei seinem Auftritt dieser Tage in Linz sehen konnte, der durfte eine gut aufgelegte, vor Spielwitz nur so sprühende Musiklegende erleben. Immer wieder tänzelt er von hinten nach vorne in die Mitte und spielt dort an dem Platz, den er so lang verwaisen ließ, mal Gitarre, mal Mundharmonika und crooned und posed vor allem, dass es nur so eine Freude ist. Dylan freut sich, hat Spaß mit sich, der Musik, den Mitspielern und dem Publikum und gibt ein fast perfektes, gut zweistündiges Konzert.

Eingerahmt von Rythm & Blues-Nummern wie Leopard Skin Pill-Box Hat, Highway 61, Thunder On The Mountain oder Jolene sind es die langsamen Erzählstücke, die begeistern: Tangled Up In Blue in einer ungewohnten neuen Fassung, The Lonesome Death Of Hattie Caroll sehr anrührend, Ballad of Hollis Brown als Bluegrass-Ballade, Not Dark Yet als dunkler Todes-Monolog oder What Good Am I als vertonter Selbstzweifel. Dazu als Abschluss und Höhepunkt ein fast schon hymnisches Ballad Of A Thin Man.

In der Nachspielzeit griff er mal wieder tief in die Trickkiste und zauberte mit Forever Young eine zuletzt selten gespielte Pretiose hervor, die wieder einmal deutlich machte, welch spielerische Ausnahmeerscheinung, dieser letzte Libero im mittlerweile so perfekt durchorganisierten Spielbetrieb eigentlich ist. Abpfiff und die Arena tobt!

Setlist:

1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. The Man In Me
3. I’ll Be Your Baby Tonight
4. Tangled Up In Blue
5. The Levee’s Gonna Break
6. The Lonesome Death Of Hattie Carroll
7. I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
8. Ballad Of Hollis Brown
9. Honest With Me
10. What Good Am I?
11. Highway 61 Revisited 
12. Not Dark Yet
13. Thunder On The Mountain
14. Ballad Of A Thin Man
   Zugabe:
   
15. Like A Rolling Stone
16. Jolene
17. Forever Young

Bobby & Willie

5. Mai 2010

Aus der großen Reunion auf der Bühne wird es nix. Zu unterschiedlich sind die Tourpläne. Während Willie Nelson drei Konzerte hierzulande spielt, zeigt His Bobness Deutschland diesmal die kalte Schulter. Wie zuletzt 2008. Und davor 1997 und davor 1992. Dylans Besuche in schöner Regelmäßigkeit waren in den letzten Jahren fast so sicher wie das Amen in der Kirche. Während Willie nur sporadisch den Weg über den großen Teich fand und findet.

Doch das diesjährige Dylan-Jahr lässt einem im Moment etwas am Meister zweifeln. Nach den vor Kreativität fast überbordenden Jahren 2004 bis 2009, scheint er sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben. Ein paar Wochen Tour in Fernost, dann zwei Monate Pause, dann ein paar Wochen Tour in Europa und dann? Keine Platte, kein Gastauftritt, nicht mal irgendwas für die bunten Seiten. Erste Alterserscheinungen oder hebt er sich das große Besteck für kommendes Jahr auf? Der 70. Geburtstag naht. Doch vor dem kommt erstmal der 69. Geburtstag und den feiern wir natürlich mit den DoubleDylans in der Frankfurter „Filiale“. The Same Procedure as last year…

Gegen Willie mit seinen 77 Jahren ist Bobby ein Jungspund. Faszinierend wie klar Stimme, Geist und Wesen des texanischen Outlaws immer noch sind. Zeugnis legt hierfür unter anderem sein neues Werk „Country Music“ ab, kongenial produziert von Wunderkind T-Bone Burnett. Willies Country Music ist so wie ich sie am liebsten mag. Traditionell in der Instrumentierung und im Gefühl, modern und innovativ in der Spielweise und in der Produktion, subversiv zu den Zeitläufen. Willie am 19. Juni in Stuttgart live auf der Bühne diese Lieder spielen zu sehen, ist ein Traum.

Ebenso wie Bobby in Linz. Denn kommt er nicht zu uns, dann fahren wir ihm halt nach. Linz ist soweit nicht entfernt, eine erholsame Zugfahrt, ein schönes Wochenende in der Kulturhaupstadt 2009 und unsere Dylan-Geschichte ist für dieses Jahr wieder ins Lot gebracht.

Aber Bobby und Willie auf einer Bühne sehen, das wäre was… Man muss ja schließlich noch Ziele haben!

Vorfreude auf Cajun-Country

30. März 2010

Cajun Roosters begeistern in Rüsselsheim – Kulturabend unter Folk-Senioren

Cajun Roosters, copyright: Cajun RoostersQuasi als Vorbereitung auf unsere Mississippi-Musik-Rundreise im Herbst haben wir am vergangenen Wochenende ein Konzert der Cajun Roosters besucht. Der Rüsselsheimer Folkverein „Dorflinde“ hatte die führende europäische Cajun-Formation eingeladen und die durften in einem prall gefüllten Festungskeller spielen.

Cajun ist bekanntermaßen die Volksmusik der Franko-Kanadier, die nach dem britisch-französischen Krieg in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus der ostkanadischen Region Akadien fliehen mussten. Viele Akadier siedelten sich in Louisiana an. Dieses war damals gerade aus französischem Besitz zu Spanien gekommen, hatte aber den französischen Gouverneur behalten. Gesungen wird altfranzösisch, die Musik ist eigentlich vor allem Tanzmusik, die von Akkordeon und Geigenklängen dominiert wird. Kombiniert mit schwarzen kreolischen und afro-amerikanischen Einflüssen ist das verwandte Zydeco entstanden.

Mit beiden Spielarten warteten die Cajun Roosters im Rüsselsheimer Festungskeller auf, beeindruckten mit ihrer Authenzität, dem Gespür für die Seele der Musik und ihrer Kunstfertigkeit an den Instrumenten. Insbesondere Frontmann und Akkordeonspieler Chris Hall ist für das hohe künstlerische Niveau der Gruppe zuständig. Cajun ist wie schon bemerkt vor allem Tanzmusik und daher in seiner Ursprungsform schwer auf die Konzertform zu übertragen. Zu wenig variantenreich sind oftmals die Melodielinien und die langen Instrumentalstücke machen es einem mitunter nicht eben einfach, dranzubleiben. Beim Tanzabend steht denn auch die Band im Gegensatz zum Konzert nicht im Mittelpunkt, da tanzt man und wenn man nicht mag, dann wird erzählt und getrunken. Das wusste auch Bassist Michael Bentele zu berichten. Doch wenn man trotzdem die Konzertform wählt, sollte man auch entschiedener das Lied in den Mittelpunkt stellen. Songs im Cajun- und Zydecorythmus, das wäre sicher noch besser.

Dennoch: Es war ein sehr schöner und mitreißender Abend – und dann noch Van Morrisons „Precious Time“ als letzte Zugabe! Die Musik bereitete Vorfreude auf Louisiana im kommenden Herbst.

Es war aber auch aus anderen Gründen ein sehr interessanter Abend. Als Mittvierziger senkten wir den Altersdurchschnitt doch erheblich. Denn zu unserer großen Verblüffung waren fast alle Köpfe im Auditorium grau. Die Generation 60 plus war eindeutig in der Mehrheit. Und vom Habitus eindeutig dem linken Spektrum, also dem klassischen Publikum des politischen Folk zuzuordnen. Das war also die Anhängerschaft des Folkclubs „Dorflinde“. Zusammen mit dem Mobiliar des Festungskellers, das wohl aus dem Essensraum einer Altentagesstätte entliehen war, und den hier und da etwas zu volkshochschulmäßig ausufernden Ansagen von Michael Bentele, ergab das zeitweise die Anmutung eines Kulturabends unter Polit-Senioren.

Aber die Stimmung der Alten war gut – die sind eh in vielerlei Hinsicht jünger als die karrieregeilen Mittdreißiger der Generation Westerwelle – das Konzert rief große Begeisterung hervor und am Ende waren wir alle glücklich – vielen Dank an die Cajun Roosters!

Die fabelhaften Doubledylans

15. Februar 2010

Ihren 10. Geburtstag konnte jüngst Deutschlands beste Dylan-Coverband, die Frankfurter Doubledylans feiern. Während die Zimmermänner aus Aschaffenburg Dylan im Mainstream-Rock-Gewand zum Langweiler mutieren lassen oder Dirk Darmstädter vor Dylansongs ehrfürchtig in musikalischer Schockstarre verweilt, spielt keiner Dylan so wie die Doubledylans, denn nur sie spielen die Dylan-Sachen beflügelt vom Dylan’schen Geist: Anders, Schräg und stets auf dem Drahtseil tanzend.

Zum Jubiläum haben Sie ein Buch mit dem Titel „Hut ab!“ vorgelegt, das ihre Geschichte anhand von Geschichten erzählt. Beigesteuert haben diese Freunde und Weggefährten. Dieser Kreis ließ nun vor wenigen Tagen die Doubledylans hochleben. Ein denkwürdiger Abend in der „Brücke“ in  Sachsenhausen. Lesungen wechselten sich ab mit Musikdarbietungen der Doubledylans. Eine illustre Runde war da bei der „Rele(a)sung“ von „Hut ab!“ zusammen gekommen und feierte weit hinein in den Samstagmorgen.

Die Doubledylans starten nach 10 Jahren nun erstmal wieder richtig durch. Denn auch hier halten Sie es wie der Meister selbst: „Keep on keeping on…“

Bob Dylan’s White House Blues

2. Februar 2010

His Bobness trifft Mr. President

Das neue Jahr fängt so an, wie das alte aufgehört hat. Bob Dylan ist produktiv wie eh und je. Kaum war seine Fernost-Tour unter Dach und Fach und für März/April angekündigt, erfuhr man, dass der alte Zimmermann beim jungen Obama aufspielen wird. Am 10. Februar tritt Dylan beim Konzert im East Room des Weißen Hauses auf. Zusammen mit Natalie Cole, Smokey Robinson, John Mellencamp und anderen spielt er im Rahmen eines Konzerts mit dem Titel „In Performance at the White House: A Celebration of Music from the Civil Rights Movement“  Dies findet wiederum anlässlich des „Black History Months“ statt. Das Konzert wird in den Staaten auch im Fernsehen und im Radio übertragen.

Dylan wird damit das erste Mal im Weißen Haus spielen. Doch nicht zum ersten Mal folgt er der Einladung eines US-Präsidenten und ein Rückblick auf die Beziehungen von Dylan zu den amerikanischen Staatsmännern lohnt sich.

Aufgewachsen ist Dylan in der bleiernen Eisenhower-Zeit. Daher verband er ebenso wie fast alle Menschen seiner Generation große Hoffnungen mit dem Amtsantritt von John F. Kennedy. Auch wenn das Vertrauen unterdessen – Stichwort „Kubakrise“ und „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ als Reaktion darauf – doch Risse zeigte, war der junge Bobby über die Ermordung von Kennedy total erschüttert und es mag durchaus auch in dieser Erfahrung begründet sein, dass Dylan immer weniger Lust verspürte, den politischen Messias zu geben.

Lyndon B. Johnson, Richard Nixon und Gerald Ford waren dann Präsidenten mit denen das linke und liberale Amerika herzlich wenig anfangen konnte. Erst mit Jimmie Carter keimte wieder Hoffnung auf. Der empfing noch als Gouverneur von Georgia Bob Dylan auf seiner Comeback-Tour 1974 und sprach als Präsident von Dylan als seinem „guten Freund, dem Sänger Bob Dylan“. Der wiederum bezeichnete den Erdnussfarmer aus Atlanta als „ehrlichen“ Mann.

 Doch leider war Carter nur eine demokratische Episode inmitten der republikanischen Präsidenten. Reagan und George Bush sen. waren und blieben Verfechter der Interessenslogik von Konzernen und Militär. Umso mehr Hoffnungen verbanden sich mit der Präsidentschaft von Bill Clinton. Endlich einer aus der Generation der Baby-Boomer, ein saxofon-spielender Demokrat aus dem Süden. Prompt spielte Dylan auf dessen Inaugurationsfeier 1993 vor dem Lincoln Memorial als Überraschungsgast. Und 1997 ehrte der mittlerweile doch in beträchtlichen Schwierigkeiten steckende und insgesamt politisch enttäuschende Clinton unseren Bob mit der Auszeichnung eines Kennedy-Center-Awards.

Doch Dylan blieb seiner Linie so weit wie möglich Abstand zur offiziellen Politik zu halten auch weiterhin treu. Auch wenn George W. Bush ihn mit Urkunde zum „Ehren-Texaner“ erklärte. Den Mann nahm Dylan als amerikanischen Präsidenten ohnehin nicht ernst.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der Musikbranche – samt eines Tony Garnier, der während eines Konzerts schon mal einen Obama-Button trug – war Dylans Begeisterung für den neuen Hoffnungsträger Obama doch relativ verhalten. Dylan versteht die engen Grenzen der Möglichkeiten zur Veränderung der amerikanischen Politik instinktiv recht gut und investierte daher wenig öffentliche Emotionen in den Wandel, den er allerdings ebenfalls als notwendig bezeichnete. Dylan war diesmal bei der Inauguration nicht dabei.

Umso überraschender – aber gerade deswegen wieder typisch Dylan – dass er nun dieser Einladung Folge leistete, im Weißen Haus aufzuspielen. Und dass noch explicit zu einem Thema, mit dem man den Dylan von heute jetzt nicht unbedingt auf der Rechnung hat. Doch Dylan zapft immer wieder seine eigenen Quellen an, setzt sich mit seinen Wurzeln auseinander. Daher ist der Auftritt im Weißen Haus auch im Zusammenhang mit seiner Mitwirkung am Soundtrack von „The People Speak“ zu sehen. Er arbeitet sich an seiner Folk-Vergangenheit ab. Dylan weiß, woher er kommt und bestimmt stets selbst die Richtung in die er geht. Da würde einen jetzt auch eine von den Obamas arrangierte Reunion mit Joan Baez nicht mehr wundern.

Dass Dylan gerade jetzt Obama trifft, dessen Hoffnungsträger-Lack mittlerweile deutliche Schrammen aufweist, kann man auch als eine Art Solidaritätsbekundung verstehen. Denn Obama hat genau mit diesem übersteigerten Messianismus zu kämpfen, gegen den sich Dylan zeitlebens gewehrt hat. „Trust Yourself!“ und „Yes, We Can!“ liegen gar nicht so weit auseinander. Beide wollten und wollen, dass die Menschen sich nicht führen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wer weiß, vielleicht spielt Dylan ja als Zugabe eine auf Obama gemünzte Version des „White House Blues“…

Bluegrass-Bob

17. Januar 2010

Beim Schreiben meines neuesten Beitrages für http://www.country.de über Jim Lauderdale – der veröffentlichte zwei Alben in Zusammenarbeit mit Bluegrass-Legende Ralph Stanley – erinnerte ich mich wieder: 1997 hat Dylan mit Ralph Stanley zusammen den Bluegrass-Song „The Lonesome River“ für dessen Album „Clinch Mountain Country“ aufgenommen. Bobbie outete sich damals als Stanley-Fan und bezeichnete das Duett als „Karriere-Highlight“, Stanleys Frau wiederum bezeichnete die Aufnahme als die Beste des ganzen Albums. Und wirklich: Sehr hörenswert!

Doch dann ratterte es bei mir los. Nein, Bob Dylan hat bislang noch kein Bluegrass-Album aufgenommen (aber das ist ihm auch noch zuzutrauen…), aber dass er dem Genre sehr verbunden ist, dafür gibt es doch einige deutliche Anhaltspunkte. Fangen wir beim Anfang an: Sein Debüt-Album erhielt eine Folk-Version von „Man Of Constant Sorrow“. Jenem Song, der so etwas wie eine Erkennungsmelodie für den mittlerweile bald 83-jährigen Stanley ist. Als jener Bluegrass-Song, dann durch den Soundtrack von „Oh Brother, Where Art Thou?“ noch einmal zum Hit wurde, spielte Dylan als Referenz eine Rockversion des Liedes in seinen Konzerten.

Und als Dylan in den Neunziger Jahren seine Schaffenskrise durch die Vergewisserung über seine musikalischen Wurzen überwinden konnte, da gab es auch eine Bluegrass-Periode in seinen Live-Konzerten. Vom Herbst 1999 bis zum Sommer 2002 spielte Dylan in seinem Akustischen Set zum Konzertauftakt stets neben eigenen Songs auch zwei Bluegrass oder Country-Gospels. „Halleluja, I’m Ready To Go“, „I Am The Man, Thomas“ oder „White Dove“ waren darunter. Erst als er seine neue Rolle auf der Bühne als „Mann am Klavier“ definierte, fielen die Bluegrass-Songs aus dem Programm.

Mittlerweile ist „The Lonesome River“ auch auf „Tell Tale Signs“, dem achten Teil der Bootleg-Series, enthalten. Und „Bob Dylan goes Bluegrass“ wäre sicherlich nicht die schlechteste Option für eine neue musikalische Richtung Dylans…

Joanie

5. Januar 2010

Ich gebe es gerne zu: Ich war unfair zu ihr. Konnte ihr trällern nicht ab, stand in den damaligen Auseinandersetzungen eindeutig auf Bobbies Seite, verachtete ihr Moralapostel-Friedensengeltum, übernahm nur zu bereitwillig Günter Amendts Sicht des „Reunion Sundown“ von 1984 und stellte mir dennoch ihre CDs ins Regal. Ich respektierte Joanie, liebte sie aber nicht.

Dabei wusste ich um Ihre Bedeutung. Für Bobbys Karriere, als auch für die Geschichte und Entwicklung von Folk- und Protestsong. Weniger Liederschreiberin, als Interpretin und Sammlerin, erweiterte sie stets den Kanon ihres Genres. Absolut verdienstvoll. Auch wenn sie „Sind so kleine Hände“ darin aufnahm.

Und immer öfter schien es so, als würde nur durch sie das politische Lied überleben. Und dann dachte ich zuletzt darüber nach: Mensch, die ist auch immer noch da! Steve Earle riss sich darum, ihr letztes Album zu produzieren. Eine gute, hörenswerte Verbindung. Natürlich war sie auch beim 90. von Pete Seeger mit dabei. Wow! Voller schier unerschöpflicher Energie weckt sie positive Gefühle: Sie erinnert einen immer wieder daran, dass es ein anderes Amerika gibt, als das der Konzerne, Banken und Republikaner.

Und dann passierte das Unvorstellbare. Bobby sprach voller Sympathie und Selbstkritik über das Scheitern ihrer Beziehung. Öffentlich in einer TV-Dokumentation! Und siehe da, ich wurde noch nachdenklicher.

Ja, wirklich ich war schon ziemlich unfair zu ihr gewesen. Also entschuldige ich mich ganz ausdrücklich bei Dir, liebe Joanie! Vergebe mir und spiele Diamonds und Rust für mich am 26. Februar im Mannheimer Rosengarten! Die Karten für mein erstes Joan Baez-Konzert sind gekauft, die neue Platte „DayAfter Tomorrow“ angehört. Sehr schön. Wir freuen uns.

Ach, ja: Sie trällert mittlerweile nicht mehr so schlimm!

„Do re mi“ oder: Ein Jahresrückblick

21. Dezember 2009

 Zu guter Letzt, nachdem alle relevanten Kritiken – ob positiv oder negativ – zum umstrittenen „Christmas in the heart“ erschienen sind und das Werk mittlerweile zur Bescherung in vielen Familien von Dylanfans weltweit bereit liegen dürfte, legt Dylan im Dezember noch mal nach. Der Film „People speaks“, eine Art amerikanischer Geschichtsschreibung von unten, und der dazugehörige Soundtrack erscheinen. Dylan ist dabei mit einer im Oktober live mit Ry Cooder und Van Dyke Parks eingespielten Version von Woody Guthries „Do re mi“ vertreten.

Für einige ein versöhnlicher Abschluss:  Dylan spielt wieder Woody, klasse! Es zeigt wieder einmal: Dylan ist der lebendige Schmelztiegel der amerikanischen Populärmusik, ohne dabei beliebig zu sein. Seine Version des „Dust-Bowl-Songs-Klassikers ist langsam und getragen. Der zornig-fatalistisch-spöttische Impuls des Originals ist nur als Nachhall vernehmbar. Das Lied ist Geschichte, weiß Dylan, und so liegt auch ein großes Stück Wehmut in seiner Interpretation. Wehmut auch darüber, dass die Verhältnisse immer wieder zu den Verwerfungen führen können, wie sie dem Song als Thema dienen. Damals waren es Wirtschaftskrise und Naturkatastrophen wie die großen Sandstürme, die das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusste. Bankenkrise, das Sterben der Autokonzerne, die Klimakatastrophe, Hungersnöte, weltweite Kriege sind es heute. Dass Dylan einem Projekt wie „People speaks“ mitwirkt – ebenso übrigens wie beim Wasserprojekt zur Weltausstellung 2008 oder bei der Hungerhilfe in diesem Jahr – zeigt, dass der alte Bob durchaus noch sensible Antennen für die Widersprüche der Zeit besitzt. Er will halt nur – und das ist eins der Themen seines Lebens – nicht als Politkünstler oder gutes Gewissen der Welt – wie Bono oder Bob Geldof – wahrgenommen werden. Und nimmt man die widersprüchlichen Signale auf, die im Moment von Barack Obama ausgehen, ist Dylans Zurückhaltung zu diesem Thema mittlerweile einleuchtend.

Mit der vorzüglichen Interpretation von „Do re mi“ schließt ein in jederlei Hinsicht spannendes und produktives Dylan-Jahr. Im Frühjahr die Kunde, Dylan hat Filmmusik für „My own love song“ mit René Zellweeger eingespielt, dann die Nachricht, es ist soviel dabei entstanden, dass es für ein ganzes eigenes neues Album reicht. „Together through life“ – im Gegensatz zu den in sich geschlossenen und perfekt ausgeklügelten „Love and Theft“ und „Modern Times“ – eher eine Skizze, der noch die qualitätssteigernden Konturen und Scharfzeichnungen fehlen – bricht wieder Chart-Rekorde. Unser Lieblingssong heißt „I feel a change is comin’ on“, weil er auf einer fast belustigt stoischen Art und Weise und mit einer leichtfüßig hüpfenden Melodie ziemlich unverblümt vom Älterwerden und der Sterblichkeit handelt. Im Frühjahr wieder eine Europatournee mit mehreren Stationen in Deutschland. Das Saarbrücker Konzert deutlich besser als Alicante 2008 und fast so gut wie Frankfurt und Mannheim 2007. Allein wie er „Blowin’ in the Wind“ neu arrangiert ist grandios.

Und wer im Musikbusiness – und nicht nur in der kulturellen Rezeption – wieder eine große Nummer ist, der findet den Weg zurück in die Klatschspalten. Und Bobby gab doch einige Steilvorlagen. Schaute sich inkognito die Elternhäuser von Neil Young (allein) und John Lennon (inmitten einer Touristengruppe!) an, wurde von der Polizei wegen verdächtigem Verhalten in einem Wohngebiet aufgegriffen, meldete sich mit Bedauern über die Art und Weise der Trennung von Joan Baez vor fast 35 (!) Jahren zu Wort und machte auch entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten seine karitative Ader öffentlich: Seine Einnahmen des Weihnachtsalbums gehen direkt 1:1 an die Hungerhilfe.

Uff, der Alte schlägt wieder Haken wie ein Junger. Und das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Jahres: Dylan verzückt, Dylan belustigt und Dylan verstört mal wieder kräftig. Die qecksilbrige Unruhe scheint wieder zurück. Freuen wir uns auf ein neues Bob-Jahr 2010!

Der Vater von Country und Americana

21. November 2009

Jimmie Rodgers (1897 – 1933) wird allgemein als Vater der Country-Music bezeichnet. Er adaptierte den althergebrachten Hillbilly-Stil des armen weißen Südens, kombinierte ihn mit dem schwarzen Blues, ergänzte die Fusion mit den traurigen „Blue Yodels“ und zeigte sich offen auch für Einflüsse aus Jazz- und Schlagermusik. Dazu sang er Texte, die vom wirklichen Leben handelten. Die Melange zeigte ihre Wirkung: Rodgers war der erste populäre „Country-Star“ – den Begriff gab es damals noch nicht – und Vorbild für viele Künstler bis hin zu Bob Dylan.

Der hat bereits 1997 seinem Idol mit der „All-Star“-CD „The Songs of Jimmie Rodgers – A Tribute“ ein Denkmal gesetzt. Er selber steuerte die Liner-Notes sowie das Cover von „Blue Eyed Jane“ bei. Bereits 1985 äußerte sich Dylan voller Bewunderung über Rodgers: „The most inspiring type of entertainer for me has always been somebody like Jimmie Rodgers, somebody who could do it alone and was totally original. He was combining elements of blues and hillbilly sounds before anyone else had thought of it. He recorded at the same time as Blind Willie McTell but he wasn’t just another white boy singing black. That was his great genius and he was there first… he sang in a plaintive voice and style and he’s outlasted them all.”

Bereits 1969 hatte  „Bakersfield- Rebel“ Merle Haggard dem „Singin’ Brakeman“ ein Tribut-Album gewidmet. Haggard war aufgrund seines Hippie-Spottlieds „Okie from Muscogee“ und seinen Besuchen bei Nixon und Reagan nicht unumstritten, ist aber als Chronist amerikanischer Lebensrealität ein eben solcher kritischer Freigeist wie seine Freunde Willie Nelson, Keith Richards und Johnnny Cash. Dass ihn sogar Joan Baez gecovert hat, beweist seine Anerkennung im Kollegenkreis. Haggard zeigt mit diesem Album ebenso wie bei seinen eigenen Songs sein Gespür für das Leben der einfachen Menschen und steht damit eindeutig in der Tradition von Jimmie Rodgers.

Auf Rodgers folgten Country-Sänger wie Lefty Frizell und Merle Travis, die sich sehr an Jimmie Rodgers Stil orientierten. Der eine – Lefty – soll ihn so gut imitiert haben, dass auf so manche Rodgers-Kompilation auch schon mal eine Frizell-Version rutschte, der andere – Merle – hat Jimmies Sangeshaltung abgeschaut und übernimmt in der Instrumentierung so manche Anregung Rogers’. Travis wiederum war einer der ersten Country-Musiker, der eine elektrische Gitarre benutzte. Damit wiederum inspirierte er den Kreis der Musiker aus Bakersfield, die dem milden Nashville-Sound den elektrisch aufgeladenen eher rockigeren Bakersfield-Sound entgegen setzten, der wiederum Grundlage für Merle Haggards Stil war.

Bob Dylan wiederum ist ein großer Verehrer von Querkopf Haggard. Zweifach erwies er ihm Tribut. 2005 ließ er ihn sein Vorprogramm bestreiten, 2007 setzte er ihm mit seinem direkt auf  Haggard bezogenen „Working Man’s Blues #2 ein Denkmal. Und es ist sicherlich mehr als eine Fußnote, dass die neuen Sterne am Americana-Himmel, die Felice Brothers, als eine ihrer wenigen Coverversionen Jimmie Rodgers’ „T for Texas“ eingespielt haben.

Bleibt festzuhalten: Mit Jimmie Rodgers fing wirklich vieles in der amerikanischen Populärmusik an. Im Grunde ist er mehr als der Vater der Country-Music. Er ist der Vater des Americana überhaupt.