Posts Tagged ‘Bob Dylan’

The Weight

27. Juli 2013

the-band-the-weight-capitol-5Der Song ist mittlerweile ein amerikanischer Klassiker: So wie „Will The Circle Be Unbroken“ von der Carter Family, „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie oder Bob Dylans „I Shall Be Realeased“. Allesamt Songs, die archetypisch amerikanische Mentalitäten und Figuren, Träume und Mythen in Musik und Text festhalten, um dann zur Hymne zu werden: Sei es der ewige Kreis der Generationen, das Bewusstsein, ein großes Land mit Platz für Alle zu sein oder der ewige Traum von Befreiung und Erlösung.

Der Song, um den es hier geht, ist „The Weight“, erstmals aufgenommen von „The Band“ für „Music from Big Pink“ 1968.  Die Songrechte besitzt „Business Man“ Robbie Robertson, geschrieben wurde er von „The Band“ gemeinsam, doch für immer verbunden sein wird „The Weight“ mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Levon Helm, dem Sänger und Schlagzeuger von „The Band“. Der Song wurde zu seiner Erkennungsmelodie. Wahrscheinlich, weil Levon Helm wie kein anderer aus „The Band“ die amerikanischen Mythen und Träume verkörperte. Er wollte nur ein einfacher Musiker aus den Südstaaten sein. Liebte sein Land und den lieben Gott. War aber alles andere als bigott, wie so manch anderer aus dem Bible Belt. Er sog als Junge Blues, Gospel, Soul, Rock und Country in sich auf, kannte Juke Joints und Honky Tonks und das pralle Leben, das sich dort abspielte. War keiner für den Popzirkus und wurde zum Weisen des Americana, ehe er den Kampf gegen den Krebs verlor.

Biblische Anspielungen und surreale Bilder
Die Bedeutung und Aufmerksamkeit, die „The Weight“ zukommt, liegt in der Erzählweise des Songs genauso wie im auftretenden Personal und seiner Interpretierbarkeit. Ein Song mit biblischen Anspielungen und surrealen Bildern, gleichermaßen zwischen Bibel und Bunuel angesiedelt. Zum Inhalt: „The Weight“ erzählt im Land der „Road Movies“ natürlich von einem Reisenden, einen Umherziehenden, den es nach Nazareth verschlägt, weil ihn seine Freundin Fanny dahin geschickt hat. Er soll, und das lastet quasi als Gewicht auf ihm, unzählige Leute dort von Fanny grüßen. Die biblischen Anspielungen – der Reisende bekommt in Nazareth kein Zimmer – sind klar, zudem gibt es in „God’s Own Country“ unzählige Nazareths in -zig Bundesstaaten. Konkret soll es sich hier aber um Nazareth, Pennsylvania, handeln, der Sitz der Martin-Gitarrenfabrik. In Nazareth begegnen ihm eine Reihe Menschen. Teilweise sind sie Freunden und Bekannten von „The Band“ nachempfunden, teilweise stehen sie für archetypische Figuren und Verhaltensweisen. Der Teufel steht für das Böse und der Teufel, der Erzähler und Carmen stehen in ihrer Interaktion für Mann und Frau, für Verlangen und Begehren. Dann ist vom Crazy Chester die Rede, dem örtlichen Faktotum, von der jungen Anna Lee oder von Luke, der nur noch auf das Jüngste Gericht wartet. Eigentlich sollte der Erzähler nur ein paar Leute grüßen, steht aber immer wieder vor neuen Unwägbarkeiten, so dass er am Ende froh ist, den nächsten Zug (Cannon Ball) nehmen zu können, um endlich zu seiner Fanny zurückzufahren.

„Der Song ist pures Americana“, schreibt Peter Viney auf der Website von „The Band“. Und tatsächlich ermöglicht er auf engstem textlichem Raum allerlei amerikanische Assoziationen: Er hat biblische und religiöse Bezüge, er spielt mit Bildern des Kleinstadtlebens im Westen und dem Teufel, der quasi an jeder Ecke lauert. Er lässt Bigotterie genauso erahnen wie Liebe, Verlangen und Gewalt. Der Text ist in Panoptikum des alten, gefährlichen Amerika. Und auch seine Musik ist pures Americana. Sie eint in großartiger Weise Country, Rock, Soul und Gospel-Elemente.

Einer der wichtigsten Songs des Americana
Der Song ist unzählige Male gecovert worden. Die ersten waren Jackie DeShannon und Soul-Queen Aretha Franklin. Später waren es u.a. Joe Cocker oder Waylon Jennings, in den letzten Jahren dann Neo-Folker wie Mumford & Sons oder die Old Time-Musiker der „Old Crow Medicine Show“.  Und wie gesagt, mittlerweile ist der Song ein Klassiker und dient bei vielen All-Star-Treffen als großes Finale. Besonders denkwürdig war vor wenigen Tagen die gemeinsame Live-Version im Rahmen der „Americanarama-Tour“  von Jim James („My Morning Jacket“), Jeff Tweedy („Wilco“) und Mr. Bob Dylan. Als dann ausgerechnet der die Strophe mit dem „Chester“ singt, gibt es kein Halten mehr.

„The Weight“ war nie ein Hitparaden-Stürmer, ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie ein Song über die Jahre an Reife gewinnt, ihm man endlich die Tiefe zugesteht, die er besitzt, und er – verbunden mit seinem größten Interpreten – eine Bedeutung bekommt, die seinesgleichen sucht. Einer der wichtigsten und schönsten Songs des Americana.

Hier zum Reinhören zwei Fassungen. Die vom Abschiedskonzert von „The Band“ (mit „The Staples“) und die von James/Tweedy/Dylan.

Selbstbildnis

20. Juli 2013

Ich gebe es gerne zu. Auch ich habe die Platte seit vielen Jahren im Regal und habe sie, wenn’s hochkommt, zweimal in meinem LebenSelf Portrait gehört. Der Vollständigkeit halber. Und sie seitdem nicht vermisst. Die Rede ist – Dylan-Afficionados wissen es längst – natürlich von „Self Portrait“. Der stets verkannten und oft verdammten Dylan-Scheibe von 1970.

Sie ist nun wieder in der Dylan-Welt in aller Munde. Denn ausgerechnet die Aufnahmen zu dieser Platte bilden die Basis und den Hintergrund für  die neueste Veröffentlichung der Bootleg-Series. Sicher, wir alle hätten was anderes lieber gehabt. Endlich mal wieder ein Live-Album, mit den besten Aufnahmen der Never-Ending-Tour. Oder die kompletten Dylan-Cash-Sessions. Oder die Bromberg-Sessions von 1992. Oder Outtakes der jüngsten Platten. Aber Self Portrait?

Und doch: Da man ja davon ausgehen kann, dass bei Sony nichts von Dylan veröffentlicht wird ohne seine Zustimmung, hatte er wohl zumindest nichts dagegen, etwas mehr Licht in diese Schaffensperiode zu bringen. Und so ist diese Ausgabe der Bootleg-Series für die Dokumentare und Archivisten unter den Dylan-Fans besonders wichtig. Aber: Die Platte kann mit einigen Jahren Abstand durchaus gehört werden. Denn sie dokumentiert nicht weniger als Dylans eigene Bestätigung der Basement Tapes: Dylan manifestiert sich in diesen Jahren als Künstler, der fest verortet ist in der Musik von Americana und Great American Songbook. Dylan als Rock-Avantgardist endete 1966. Seitdem ist er zwar weiterhin innovativ. Aber musikalisch eignet er sich nur mehr vorhandenes an, bzw. bringt es zusammen: Nach Rock meets Folk, nun Rock meets Country, Rock meets Medicine Show meets Commedia dell’arte (Rolling Thunder Review) , Rock meets Big Band (Welttournee 1978) , schließlich Rock meets Gospel (1979-81). Seine Genialität liegt in der der traumwandlerisch-bestechenden Mischung der musikalischen Versatzstücke und der kulturellen Ausdrucksformen,  die er nutzt, um auf ihnen große Songpoesie zu entfalten.

Doch hier auf Selbst-Porträt muss er die Versatzstücke und Genres erst mal finden und sich aneignen. Als Zeugnis künstlerischen Outputs ist Self Portrait weniger relevant. als Zeugnis künstlerischen Inputs umso mehr. Dieser Dylan – und das erinnert uns an manch frühes Konzert der Never Ending Tour- übt vor Publikum.

Ja und dann…dann habe ich mir Self Portrait doch ein bisschen schön gehört.  Wer das Album hat, sollte sich mal darauf einlassen. Manches kommt einem bekannt vor, manchem begegnet man in späteren Schaffensperioden wieder, manches hört sich wirklich gar nicht schlecht an. Und manches bleibt einfach obskur. Ein wichtiges Stück Dylan ist wieder entdeckt worden. Unerschöpflich diese Quelle…

Und hier zur musikalischen Untermalung ein schönes Video zu „Blue Moon“ in der Self Portrait-Fassung:

25 Jahre Neverending Tour

12. Juni 2013

In diesen Tagen jährt sich der Auftakt der Never Ending Tour (NET) zum 25. Mal. Ging Dylan vorher im normalen Abstand von 2-3 Jahren –Thomas&Bob abgesehen von der 8jährigen Tourpause zwischen 1966 und 1974  – auf Konzertreise, so ist er seit dem  7.Juni 1988 jedes Jahr von Winter/Frühjahr bis Herbst weltweit unterwegs on Tour.

Nach erst zwei Dylan-Konzerterlebnissen 1981 in Mannheim und 1987 in Frankfurt, stieg ich 1991 in die NET ein. Zu erleben waren beinahe-Abstürze wie 1991 in Offenbach, Wiederauferstehungen wie 1997 in London, einen Crooner-Dylan wie 1995 in Aschaffenburg und wenige Monate später einen Gitarren-Gott-Dylan in Stuttgart. Wir sahen ihn in abgewanzten Stadthallen (nochmal Offenbach 1991), in gesichtslosen Mehrzweckhallen (2002 Oberhausen, 2005 Wetzlar) aber auch auf idyllischen Freilichtbühnen (1998 Hamburg, 2006 Gelsenkirchen, 2012 Bad Mergentheim). Wir sahen ihn in der Ferne (1997 London, 2008 Alicante, 2010 Linz) und alleine viermal in der wunderbaren Jahrhunderthalle in Frankfurt (2000, 2002, 2003, 2007).

Ich bin eigentlich kein Freund der Hitparaden und Rankings – das Beste, das Größte usw. – ich unterschiede lieber zwischen Konzerten, die mich besonders berührt haben und die für mich immer unvergessen bleiben werden, und denen, die recht schön und ganz in Ordnung waren. Hier die Liste meiner absoluten Favoriten:

1991 Offenbach (wegen Fall und Aufstieg in einem Konzert)
1993 Wiesbaden (wegen der wieder erlangten Präsenz)
1995 Aschaffenburg + Stuttgart (Vom Crooner zum Gitarren-Hero binnen weniger Monate!)
1998 Hamburg (wegen der Dramatik: Spielt er überhaupt? Und wie er spielt!)
2000 Frankfurt (Kommunikativ und spielfreudig wie selten)
2006 Gelsenkirchen (wegen der tollen Atmosphäre zu der Dylan sein Übriges getan hat)
2007 Frankfurt (wegen des überirdischen „Nettie Moore“)
2009 Saarbrücken (für ein sagenhaftes „Blowin‘ In The Wind“)
2012 Bad Mergentheim (wegen der Weltpremiere: Das gesamte Konzert am Grand Piano!)

Längst sind die Besuche von Dylan-Konzerten ein wichtiger Teil meines Lebens, den ich eigentlich nicht missen will. Irgendwann wird es aber enden, wird die NET abgeschlossen sein. Ich weiß nicht, wie lange Dylan noch auf der Bühne stehen wird. Hoffentlich noch lange. Willie Nelson ist Achtzig und tut es. B.B. King ist 87 und tut es. Chuck Berry ist 86 und tut es. Und Little Jimmie Dickens tritt auch mit 92 Jahren immer noch in der Grand Ole Opry auf.

Mach’s ihnen nach, Bobby!

Happy Birthday, Mr. Bob Dylan!

24. Mai 2013

DylanswIn meiner Jugend war er für mich eine Identifikationsfigur, später ein guter Weggefährte durch alle Veränderungen des Lebens und heute immer noch für mich der wichtigste lebende Folk-Rock- und Popmusiker und ein guter alter Freund. Für mich ein ewiger Quell der Beschäftigung. Für die Welt ein stets wacher Verwirrkopf, ein poetischer Chronist der amerikanischen Populärkultur – eine Überlebensgroße Figur. Und doch einer, der ganz normal viele Abende wie jeder andere sterbliche Musiker im Jahr sich auf einer Bühne den Menschen zeigt. Verletzlich wie jeder Künstler.

Schon seit einiger zeit gilt es keine Schlachten mehr zu schlagen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Stattdessen Freude über jedes Zeichen von ihm, über jeden neuen Song. Und was für starke Songs er immer noch schreibt.

Herzlichen Glückwunsch zum 72. Geburtstag, Bob. Heute Abend werden wir Dich feiern und hochleben lassen. Ab 20 Uhr im „Mosaik“ in Frankfurt-Bornheim. Die DoubleDylans und ich.

Countdown zum „Bobfest“ am 24. Mai in Frankfurt läuft

12. Mai 2013

Die “DoubleDylans” und Thomas Waldherr im Frankfurter “Mosaik”

telerose-bobfest_Der Countdown läuft: Anlässlich des 72. Geburtstages von Bob Dylan werden die  legendären “DoubleDylans” und der Autor dieses Blogs am Freitag, dem 24. Mai, wieder eine Geburtstagsfeier für “His Bobness” ausrichten. Ab 20 Uhr werden wir ihn unter dem Titel “Yeah! Heavy And A Bottle Of Bread” in der Frankfurter Jazz-Bar “Mosaik” (Freiligrathstraße 57) mit einer Lesung und viel Musik ehren und preisen.

Der Schreiber dieser Zeilen wird anlässlich des 50. Jahrestages des Erscheinens von „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ einen Vortrag mit Musikbeispielen rund um Dylans erstes Erfolgsalbum und die frühen Jahre in New York halten. Anschließend springen die „DoubleDylans“ quasi aus der Geburtstagstorte und werden in wohlbekannter Manier Songs aus all ihren Schaffensperioden zum Besten geben.

Das “Mosaik” ist ein hübsches, gemütliches Lokal und zusammen mit dem hochklassigen Programm die Anfahrt allemal wert. Zumal auch der Eintritt frei ist. Die Künstler werden es sich aber nicht nehmen lassen,  ihre vier Hüte herumgehen zu lassen.

Der König von Greenwich Village

9. Mai 2013

Dave Van Ronk-Biographie liefert Vorlage für neuen Coen-Film/ Van Ronks Respekt vor Dylan

der-koenig-von-greenwich-villageWas haben die Coens schon für tolle Filme gemacht. Unser liebster – „O Brother, Where Art Thou?“ war ja auch vor allem wegen der Musik ein Meilenstein. Schließlich begründete er Anfang des Jahrtausends eine bis heute reichende Wiederentdeckung von Old-Time und Bluegrass-Musik und war auch Antriebsfeder für das damals noch junge  Americana-Genre.

Kein Wunder, dass wir uns viel vom neuesten Werk der Brüder versprechen. Schließlich spielt „Inside Llewyn Davis“ in der Folkszene in New York Anfang der 60er Jahre und irgendwie spielte unser Freund Bob Dylan da ja durchaus auch eine wichtige Rolle. Vor allem aber ist der Film an die Lebensgeschichte von Dave Van Ronk angelegt. Der zu jung war für die Alten wie Pete Seeger und Woody Guthrie und zu alt war für die Jungen wie Bob Dylan, Joan Baez und Phil Ochs.

Die Filmvorlage, Van Ronks Autobiographie „Der König von Greenwich Village“, die Elijah Wald mitgeschrieben hat, ist ein wirklich unterhaltsames Stück Zeitgeschichte. Man erfährt viel über die Szene in Greenwich und New York City in der bleiernen Eisenhower-Zeit, als man sich an Boheme und Beatniks orientierte, aber die Alte Linke noch existierte. Die in tausend Splittergruppen an den Sieg des Proletariats glaubte, während die Neue Linke bei den Kämpfen für Bürgerrechte und Frieden gerade geboren wurde. Und van Ronk legt die Finger in derer beider Wunden. Schöne Szene, als der alte Sozialist den jungen Linken sinngemäß erklärt: „Ich weiß, dass ich in ein paar Jahren immer noch Sozialist bin, während ihr dann Zahnärzte sein werdet.“ Sehr treffend.

Aber natürlich geht es in der Van Ronk-Biographie um die Musik. Um die Folkszene rund um den Washington Square, um die Clubs in Bleecker- und MacDougal-Street, in denen van Ronk seinerzeit eine bedeutende Figur war. Handelt von der Jazzszene, der alten Folkszene und vom Folkrevival, und dann taucht irgendwann auch Bob Dylan auf. Mit dem geht Van Ronk achtsam um. Zwar nimmt er kein Blatt vor den Mund bei der Angelegenheit, dass Dylan ohne ihn vorher zu fragen mit seinem Arrangement von „House Of The Rising Sun“ ins Aufnahmestudio gegangen ist, aber er schlägt hier durchaus versöhnliche Töne an. Er schätzt Dylan sehr, warnt aber stets davor, ihn zu überhöhen. Sehr ehrlich und nachvollziehbar sind dann die Schilderungen, wie er auf Distanz zum jungen, hippen Bobby geht. Der schreitet quasi als Folkprinz mit Hofstaat und Gefolge durchs Viertel und geriert sich als ziemlicher Angeber. Da will Dave nichts mit zu tun haben.

So kommt es wie so oft, wenn zwei große Egos – und das hatte Van Ronk, „Der König von Greenwich Village“, in der Tat, man spürt es in jeder Zeile – aufeinander prallen, da tut Abstand Not. Aber wie wir wissen ist das ja nur eine Seite der vielen Gesichter des Bob Dylan. Die andere, die auch immer wieder im Laufe seiner Karriere herauskommt, ist die verletzliche, schüchterne, fast zerbrechliche Seite. Man muss ich nur mal als Vergleich folgendes ansehen: Den selbstbewussten, biestigen und exzentrischen Star aus „Don’t Look Back“ 1965, den schüchternen, linkischen jungen Musiker aus der Johnny Cash-Show von 1969 und den kraftvollen Leader und Impresario der Rolling Thunder Konzerte im November 1975. Wie schrieb mal einer so treffend über Dylan: „Die menschlichste aller Stimmen, der unstimmigste aller Menschen…“

Doch Van Ronk vollzieht keinen offenen Bruch. Er trifft sich immer mal wieder mit Dylan, aber es wird nie mehr so nah sein, wie vor Dylans Durchbruch. Und verteidigt er ihn sogar gegenüber den Szene-Anfeindungen, als er angeblich keine politischen Lieder mehr singt und die E-Gitarre einstöpselt. Doch während Dylan zum Weltstar aufsteigt, bleibt Van Ronk ein Musiker, der trotz großer Fähigkeiten sich jeden Tag von neuem zur Decke strecken muss. Dass er dennoch keine Bitterkeit gegenüber Dylan aufkommen lässt, beweist seine menschliche Größe und seinen Respekt vor der künstlerischen Leistung Dylans. Ein weiterer Beweis: Bis zuletzt  – er starb 2002 – hatte er Dylan-Songs im Repertoire. Siehe unten „Buckets of Rain“ von 2001.

Vom Coen-Brüder-Film haben wir nur ein paar Sequenzen im Trailer (siehe unten) gesehen und wollen noch kein Urteil über ihn abgeben. Aber auch wenn dieses Buch nur sehr frei als Vorlage für „Inside Llewyn Davis“ gedient haben sollte: Für alle, die sich für die Folkszene und ihre Protagonisten interessieren, ist „Der König von Greenwich Village“ eine wahre Fundgrube. (Heyne-Taschenbuch/ 9,99 Euro).

Happy Birthday, Willie!

30. April 2013

Willie_coverUnglaublich: Unser Lieblings-Outlaw ist heute 80 Jahre alt geworden! Willie Nelson – Texaner und linksliberaler Freigeist, Sänger wunderschöner Lieder, stilsicherer Instrumentalist auf seiner Gitarre „Trigger“ und einer der wichtigsten Protagonisten der Countrymusik überhaupt.

Anfangs noch braver Sänger im Nashville-Sound, ging er später zurück in seine Heimat Texas und wurde zu einem der Anführer rebellischen Outlaw-Country-Bewegung, bildete mit seinen Freunden Johnny Cash, Waylon Jennings und Kris Kristofferson die legendären „Highwaymen“, nahm die Anregung seines Freundes Bob Dylan auf und rief die Farm Aid-Festivals ins Leben, und bringt heute ein entspanntes Alterswerk nach dem anderen heraus. Eine Legende, eine Ikone, ein Stück Musikgeschichte.

Hut ab vor dem großen Willie Nelson. Happy Birthday, Willie! Auf die nächsten 80 Jahre!

Als musikalische Verneigung hier Mr. Bob Dylan mit Willies Song „Angel Flying Too Close to The Ground“:

Und noch einmal Lesung und Musik

12. April 2013

telerose-bobfest_Die „DoubleDylans“ und Thomas Waldherr am 24. Mai im Frankfurter „Mosaik“

Anlässlich des 72. Geburtstages von Bob Dylan werden die  legendären „DoubleDylans“ und der Autor dieses Blogs am Freitag, dem 24. Mai, wieder eine Geburtstagsfeier für „His Bobness“ ausrichten. Ab 20 Uhr werden wir ihn unter dem Titel „Yeah! Heavy And A Bottle Of Bread“ in der Frankfurter Jazz-Bar „Mosaik“ (Freiligrathstraße 57) mit einer Lesung und viel Musik ehren und preisen.

Das „Mosaik“ ist ein hübsches, gemütliches Lokal und zusammen mit dem hochklassigen Programm die Anfahrt allemal wert. Zumal auch der Eintritt frei ist. Die Künstler werden es sich aber nicht nehmen lassen,  ihre vier Hüte herumgehen zu lassen.

Wieder unterwegs und wieder ganz anders

7. April 2013

buffalo2013-2Lange war die Winterpause und die Ungeduldigen und die Zweifler unter uns fragten sich schon, ob das Ende schon gekommen ist. Ist die große Bob-Tour jetzt vorbei? Die Netz-Trolle streuten böse Gerüchte und die Szene war nervös. Und dann doch: Es geht weiter! Bob Dylan tourt von Anfang April bis Anfang Mai an der US-Ostküste und deren Hinterland durch die Universitätsstädte und gastiert in den Uni-Arenen.

Und das was sich im letzten Sommer positiv andeutete (Grand Piano und unbändige Spielfreude!) und im Herbst negativ – die Shows waren nicht schlecht, aber Dylan hatte den Autopilot eingeschaltet – zeigt sich nun in diesem Frühjahr. Dylan hatte mal wieder Lust auf Veränderungen: 1. Maßnahme: der Blues-Gitarrist Duke Robillard ersetzt den Texas-Rocker Charlie Sexton. 2. Maßnahme: Die Setlist ist radikal verändert. Vier Songs von „Tempest“ sind drin und die großen 60er-Hits sind raus: Kein Rolling Stone, kein Blowin‘ In The Wind. Stattdessen aus jeder Schaffensphase was. Die Korsettstangen sind „Things Have Changed“, „Tangled Up In Blue“ und „Ballad Of A Thin Man“.

Die drei Songs und die Art der Setlist können denn auch als künstlerisches Statement gelesen werden: Lest die Texte, wenn ihr dem nahekommen wollt, wer dieser Bob Dylan mal gewesen ist und im Jahr 2013 eigentlich ist oder sein möchte oder sein könnte… Und vielleicht muss man es auch als Ausrufezeichen verstehen, wenn Bob Dylan am zweiten Tag der Tour bis auf zwei Songs genau die gleiche Setlist spielt wie am Vorabend. Schon lange nicht mehr vorgekommen. Die Statistiker unter den Dylan-Fans werden es wissen und publik machen.

Tja, der alte Knabe schafft es immer wieder, uns zu überraschen. Auch mit bald 72 Jahren ist der Lockenkopf flexibel und risikofreudig geblieben. Das Dylan-Jahr 2013 fängt bestens an.

Ein paar Eindrücke aus dem Konzert vom 5. April in Buffalo, New York, gibt ein junger Dylan-Fan mit Film-Ausschnitten aus der Show auf YouTube zum Besten:

Paul Williams (1948 – 2013)

29. März 2013

Am vergangenen Mittwoch ist der Musikjournalist und Buchautor Paul Williams verstorben. Er litt nach einem durch einen Fahrradunfall ausgelösten Schädel-Hirn-Trauma seit einigen Jahren schon an frühzeitigem Alzheimer und war zum Pflegefall geworden.

Wir haben Paul Williams nur einmal gesehen und ihn nie mehr vergessen. Im Oktober 1995 las er im schon lange nicht mehr existierenden Tutti Bookie-Buchladen in Darmstadt aus seinem Buch „Forever Young. Die Musik  von Bob Dylan 1974 – 1986“. Es gab Zwiebelkuchen und ein Akustik-Duo mit einer guten Sängerin gab ein paar Dylan-Lieder zum Besten.

Doch Williams las nicht nur vor. Nein, sein Vortrag war eine Art Performance. Aus jedem gesprochenen Wort, ebenso wie aus jeder geschriebenen Zeile, floss seine echte und tiefe Begeisterung für Bob Dylan und sein Werk. Und damit steckte er an und weckte die Begeisterung bei anderen.

Seine Bücher über Dylan waren so geschrieben, dass man – einmal darin versunken – gar nicht mehr auftauchen wollte oder konnte. Dabei hatte er sicher hier und da Schwierigkeiten, noch eine kritische Distanz zu Dylan zu finden, aber das waren Marginalien gegen die Stringenz seines Ansatzes, die Schärfe seiner Beobachtungen, die Klugheit seiner Analysen und die Kühnheit seiner Schlüsse, die immer wieder geistreich, verblüffend und stets unterhaltsam waren.

Paul Williams hat mich wie nur wenige  – John Bauldie, Günter Amendt und Greil Marcus  – in der Art und Weise beeinflusst, mich mit Dylan zu beschäftigen und über ihn zu schreiben. Letztendlich war er eine der Triebfedern dafür, dass ich Ende des Jahres 1995 wagte, erstmals Texte über Dylan in Zeitschriften zu veröffentlichen.

Dafür und für sein Lebenswerk danke ich ihm. Und auch dafür, dass wir auf seiner Lesung eine Freundin kennen gelernt haben, die uns heute noch sehr nahe steht und uns sehr wichtig ist.

Rest in Peace, Paul Williams!