Archive for the ‘Gospel’ Category

Shadows In The Night – Erste Annäherungen

24. Januar 2015

Bob-Dylan-Shadows-in-the-NightDylan, der alte Unberechenbare, hat nun erstmals seit einigen Jahren wieder ein großes Interview gegeben, um seine Platte „Shadows In The Night“ zu bewerben. Und da er – oder sein Beraterstab – mittlerweile die PR-Maschine perfekt beherrschen, gab er das Interview nicht dem Rolling Stone, sondern dem Magazin der mächtigen US-Interessensorganisation der Senioren, AARP. Dies ist sowohl zielgruppengerecht, als auch vertriebswegorientiert, denn gleichzeitig verteilt Dylan 50.000 Kopien seines Album mittels der Print-Ausgabe des Magazins. Wow! Wieder so in Dylan-Coup.

Doch kommen wir zum musikalischen. Neues über den Menschen Dylan oder seiner Sicht der Welt gibt uns dieses Interview nicht, sondern es zeigt noch einmal sehr schön deutlich auf, welche Wurzeln Dylans Musik hat und vor allem zeigt es seine große Liebe, sein immenses Wissen und sein tiefes Verständnis für alle Formen der amerikanischen Populärmusik.

Ein Freund, ein großer Kenner der texanischen Country-Singer-Songwriter und auch sonst ein kluger Kopf, mahnte in der Beschäftigung mit „Shadows In The Night“ an, dass uns das Sinatra-Ding auf die falsche Fährte locken würde. Der Antrieb für „Shadows In The Night“ wäre ein anderer.

Und in der Tat, er hat nicht ganz Unrecht. Sinatra führt hier der Fragesteller ein. Dylan schafft es, das aufzugreifen und weder zu bestätigen noch zu dementieren, wie es so schön heißt. Natürlich sind die Songs alle schon von Sinatra gesungen worden. Doch sie gehen zum Teil zeitlich weiter zurück. Dylans „Shadows In The Night“  ist vielmehr eine erneute Hommage an „The Great American Songbook“, an den traditionellen urbanen amerikanischen Popsong, verwurzelt im Jazz und Swing der 20er, 30er und 40er Jahre. Erneut deshalb, weil das auch – allem vordergründigen Weihnachts-Sentiment zum Trotz – schon bei „Christmas In The Heart“ mit-swingte.

Dylan hat sich im Laufe seiner Karriere allen seinen Wurzeln gestellt. Er wurde bekannt durch Folk- und Protestsong, berühmt und legendär durch seine Verbindung von Folk-Rock mit surrealen Songtexten. Er sorgte für Verwirrung durch Liaisons mit Country und Gospelmusik. Und schon einmal, in frühen Zeiten Anfang der 70er, verschreckte er seine Anhänger auf „Self-Portrait“ mit dem amerikanischen Popsong. In diesem Interview erzählt er nochmal ausführlich, dass er groß geworden ist mit der Musik, die ihm die Radiostationen im hohen Norden der Vereinigten Staaten boten: Country, also Hank Williams und die Grand Ole Opry, ebenso wie die den frühen Rock’n’Roll, den Blues, Soul und Gospel. Und eben die Musik der großen Big-Bands wie der von Glen Miller.

Nun also die Beschäftigung mit dem Great American Songbook ganz systematisch, kreativ befreit und lässig souverän. Was man bislang im Netz oder live hören konnte klang sehr interessant. „Full Moon And Empty Arms“ konnte mich nicht vollauf begeistern – Dylans Stimme wirkte wie sediert. „Stay With Me“, das schon im letzten Abschnitt seiner Tour stets der letzte Song des Abends war, klingt dagegen berührend, großartig und, wie ich empfinde, überirdisch schön.

Noch wenige Tage, dann ist die Platte raus. Dann können wir uns mit dem Gehörten, mit den Arrangements, den Songtexten und der Song-Reihenfolge des Albums auf die Suche nach dem inneren Zusammenhang des Albums machen. Werkdeutung – die Lieblings-Disziplin der Dylanologen  – ist angesichts von „Shadows In The Night“ nun wieder angesagt. Frisch ans Werk!

Auszüge aus Dylans Interview sind hier nachlesbar:
http://www.aarp.org/entertainment/style-trends/info-2015/bob-dylan-aarp-magazine.html?intcmp=AE-HP-BB1-BOBDYLAN

Und hier kann man sich „Stay With Me“ anhören:
http://www.npr.org/blogs/allsongs/2015/01/19/377744951/song-premiere-bob-dylan-stay-with-me?utm_campaign=storyshare&utm_source=twitter.com&utm_medium=social

Einmal fragil, einmal vital

3. November 2013

Beobachtungen bei zwei Dylan-Konzerten in BerlinBobDylan_Logo_Komplett

Selbe Stadt, selbe Halle, selbe Setlist und doch schaffte es Bob Dylan an zwei Abenden in Berlin zwei völlig verschiedene Konzerte zu geben.

Dem Bob Dylan, der am Freitagabend (25.10.) auf der Bühne des Tempodroms stand, sah man seine 72 Jahre an. In der Physis: Fragil und zerbrechlich wirkte er. Schien angestrengt vom langen Stehen. Von seiner Haltung in der Performance: In sich gekehrt und zurückhaltend wie lange nicht. Stürmte er im Herbst 2011 fast schon mit einer Punk-Attitüde durch seine Songs, und gerierte er sich im Sommer 2012 fast schon als fröhlicher Entertainer, so war dieser Dylan an diesem Herbstabend 2013 so unzugänglich wie lange nicht mehr.

Und dennoch gelang ihm ein schönes Konzert. Zart war es, gedämpft und leiser als noch vor wenigen Monaten. Und die Songauswahl – die auch momentan noch genau die Gleiche ist – ist genial, die Stücke stark in Aussage und Arrangement. Am Freitag hangelt er sich sehr routiniert durchs Programm. Ein gutes, solides Konzert. Aber mit Luft nach oben.

Am Samstag kommt ein ganz anderer Dylan auf die Bühne. Frisch, stark und vital wirkt er. Seine Stimme ausdrucksvoller. Er durchlebt jetzt wieder die Songs. Überirdisch gute Versionen – für mich die Highlights des Konzerts – von „Simple Twist Of Fate“ und „Long And Wasted Years“.  „Twist Of Fate“ – veröffentlicht 1975  und eine Reflexion über flüchtige und langlebige Liebe – paart in der 2013er Version die leidenschaftliche, fragende Beobachtung des damals 34-jährigen Mannes mit dem abgeklärten altersweisen Wissen des heute 72-jährigen.

Das ganze Konzert steuert unaufhaltsam – und so hat es Dylan auch geplant – auf den Höhepunkt zum Schluss hin: Das bitterbös, gallig-traurige „Long And Wasted Years“. All die vergeudeten Jahre! Feine Ironie für einen, der eine 50 Jahre andauernde Weltkarriere vorzuweisen hat. Wie er den Song und dessen unangenehme Wahrheiten regelrecht „aufführt“, die Verse wunderschön böse zerdehnt, ironisch verlängert oder gar rotzig ausspuckt, ist faszinierend. Man fiebert der Auflösung all dieser Fragen, Vorwürfe und Erinnerungen entgegen: „Long And Wasted Yeaaars!“ singt/ruft Dylan. Tusch und Schluss. Perfekt!

Die Zugaben sind wirklich nur noch hinten dran geklebt. Wobei das 2013-Arrangement von „All Along The Watchtower“ nun wieder näher an seiner Originalversion von 1968 ist, als an der von Jimi Hendrix. Und „Blowin‘ In The Wind“ bleibt in bestens bewährten Gospel-Soul-Version.  Würdiger Abschluss eines tollen Konzertes.

Nun steht noch ein dritter Konzertbesuch in Luxemburg an. Und wieder ein anderer Dylan? Alleine diese Frage lässt schon das Reisefieber steigen.

Selbstbildnis

20. Juli 2013

Ich gebe es gerne zu. Auch ich habe die Platte seit vielen Jahren im Regal und habe sie, wenn’s hochkommt, zweimal in meinem LebenSelf Portrait gehört. Der Vollständigkeit halber. Und sie seitdem nicht vermisst. Die Rede ist – Dylan-Afficionados wissen es längst – natürlich von „Self Portrait“. Der stets verkannten und oft verdammten Dylan-Scheibe von 1970.

Sie ist nun wieder in der Dylan-Welt in aller Munde. Denn ausgerechnet die Aufnahmen zu dieser Platte bilden die Basis und den Hintergrund für  die neueste Veröffentlichung der Bootleg-Series. Sicher, wir alle hätten was anderes lieber gehabt. Endlich mal wieder ein Live-Album, mit den besten Aufnahmen der Never-Ending-Tour. Oder die kompletten Dylan-Cash-Sessions. Oder die Bromberg-Sessions von 1992. Oder Outtakes der jüngsten Platten. Aber Self Portrait?

Und doch: Da man ja davon ausgehen kann, dass bei Sony nichts von Dylan veröffentlicht wird ohne seine Zustimmung, hatte er wohl zumindest nichts dagegen, etwas mehr Licht in diese Schaffensperiode zu bringen. Und so ist diese Ausgabe der Bootleg-Series für die Dokumentare und Archivisten unter den Dylan-Fans besonders wichtig. Aber: Die Platte kann mit einigen Jahren Abstand durchaus gehört werden. Denn sie dokumentiert nicht weniger als Dylans eigene Bestätigung der Basement Tapes: Dylan manifestiert sich in diesen Jahren als Künstler, der fest verortet ist in der Musik von Americana und Great American Songbook. Dylan als Rock-Avantgardist endete 1966. Seitdem ist er zwar weiterhin innovativ. Aber musikalisch eignet er sich nur mehr vorhandenes an, bzw. bringt es zusammen: Nach Rock meets Folk, nun Rock meets Country, Rock meets Medicine Show meets Commedia dell’arte (Rolling Thunder Review) , Rock meets Big Band (Welttournee 1978) , schließlich Rock meets Gospel (1979-81). Seine Genialität liegt in der der traumwandlerisch-bestechenden Mischung der musikalischen Versatzstücke und der kulturellen Ausdrucksformen,  die er nutzt, um auf ihnen große Songpoesie zu entfalten.

Doch hier auf Selbst-Porträt muss er die Versatzstücke und Genres erst mal finden und sich aneignen. Als Zeugnis künstlerischen Outputs ist Self Portrait weniger relevant. als Zeugnis künstlerischen Inputs umso mehr. Dieser Dylan – und das erinnert uns an manch frühes Konzert der Never Ending Tour- übt vor Publikum.

Ja und dann…dann habe ich mir Self Portrait doch ein bisschen schön gehört.  Wer das Album hat, sollte sich mal darauf einlassen. Manches kommt einem bekannt vor, manchem begegnet man in späteren Schaffensperioden wieder, manches hört sich wirklich gar nicht schlecht an. Und manches bleibt einfach obskur. Ein wichtiges Stück Dylan ist wieder entdeckt worden. Unerschöpflich diese Quelle…

Und hier zur musikalischen Untermalung ein schönes Video zu „Blue Moon“ in der Self Portrait-Fassung:

Der Besuch der alten Dame

20. Oktober 2012

Wanda Jackson konzertiert souverän ihren Backkatalog

Die Frau ist jetzt 75. Sie vergisst hier und da schon etwas und scheint nicht mehr ganz so gut auf den Beinen zu sein. Doch im Scheinwerferlicht am Mikrofon macht ihr auch an diesem Abend im Granada-Theater in Dallas keiner was vor. Eine souveräne Entertainerin blickt auf ihre Karriere zurück und ihre unverwechselbare Stimme klingt immer noch richtig gut.

Dabei begann der Konzertabend alles andere als vielversprechend. Zu Beginn langweilte uns Daniel Romano mit ein dutzend Versionen des gleichen jammerigen „Lonesome Cowboy“-Songs. Seine Band war dann auch die Begleitband von Wanda. Die legte voll Stoff los, sang ihre großen Hits wie „Let’s Have A Party“ und „Fujijama Mama“ ebenso wie ihre neuen Songs aus den Alben mit Jack White – leider nicht Dylans „Thunder On The Mountain“ – und Justin Townes Earle und brillierte mit launigen Ansagen.

Am Ende stehende Ovationen und die Gewißheit wirklich die „Queen of Rock’n’Roll“ als „Hurricane with Lipstick“ (Bob Dylan) erlebt zu haben.

“The United States Of Hoodoo”

19. August 2012

Ein Film, seine Sichtweise auf die afro-amerikanische Kultur und was Bob Dylan jetzt auch noch damit zu tun hat

Oliver Hardts sehenswerter Film “The United States Of Hoodoo” spürt den Wurzeln der afro-amerikanischen Kultur in der afrikanischen und karibischen Voodoo-Religion nach. Deren Spuren finden sich an vielen Orten der amerikanischen Kultur und Alltagskultur. Vom Mississippi-Blues bis zum Rap, von der bildenden Kunst bis zur New Orleans-Küche.

Sie finden sich in der liberalsten Stadt des US-amerikanischen Südens – New Orleans – ebenso wieder wie in den tief christlich geprägten Landstrichen am Mississippi Delta. Sie finden sich im schwarzen Gospel-Gottesdienst genauso wie im Blues, im Soul, im Rock’n’Roll. Und durch die Verschmelzung der weißen Hillbilly-Musik mit dem schwarzen Blues finden sie sich sogar in der weiß geprägten Countrymusik.

So ist der faustische Pakt Robert Johnsons mit dem Teufel nur die christliche Lesart des Zusammentreffens des Musikers mit dem Voodoo-Gott Legba, der ein Gauner, ein Trickster ist und nicht das personifizierte Böse wie der Teufel. Diese Lesart geht einher mit der christlichen Verteufelung der afrikanischen Religion der schwarzen Sklaven, als auch mit der Ablehnung der sündigen Blues und Soulmusik durch die schwarzen Christengemeinden im Süden.

All das schwingt auch in Songs von Bob Dylan mit. So dachte ich mir jedenfalls. Schließlich stammt Dylan aus der Generation amerikanischer Musiker, die sich als erste ganz offen zur afroamerikanischen Musiktradition bekannt haben. Schließlich war Elvis vor allem auch ein weißes Phänomen der Abgrenzung, über den Musiker wie Chuck Berry, Little Richard oder auch Muddy Waters nur müde lächeln konnten. Gegen die Laszivität und Sexualität, die in Blues und Soul innewohnt, war Presleys Hüftschwung der reinste Kindergeburtstag. Musiker wie Dylan, die Stones, Clapton oder auch „The Band“, bekannten sich dagegen offen zu den Traditionslinien der schwarzen Musik und die Folkszene Anfang der 60er holte ja schließlich die alten Bluesmänner zurück in Rampenlicht.

Und dennoch ist Dylan als weißer Mittelstandsjunge geprägt von der jüdisch-christlich-abendländischen Tradition. Sie prägt sein Koordinatensystem und bildet den Hintergrund seiner Vorstellungswelt und seiner Songlyrik. Wirkliche Einflüsse afroamerikanischer Hoodoo-Alltagskultur sind auf die Fülle des Gesamtwerks betrachtet, auf den ersten Blick allenfalls nur kleinen Spurenelementen nachzuweisen.

So ging ich bei der voreiligen Heranziehung von „Carribean Wind“ dann auch gleich in die Irre. Es sind andere Songs, die kleinste Hoodoo-Spuren in sich tragen. Jokerman beispielsweise, dessen mystische Sprache Bezüge aufweist, dessen Protagonist – der unbeschwerte, leichtfüßige Jokerman, Gauner, Trickster – Züge von Papa Legba trägt. Ein Song, der entstanden ist, als Dylan sich einige Zeit immer wieder mal in der Karibik aufhielt, weil er auf den Bahamas eine Yacht hatte. Und Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht Stimmung und Vorstellungswelt der Menschen dieser Gegend aufgesogen hätte wie ein Schwamm.

Und natürlich in „Blind Willie McTell“, Dylans lyrisch-musikalisch-mystische Retrospektive des alten Südens zwischen Sklaverei und Bürgerkrieg, christlicher Erweckung und afrikanischer Herkunft der schwarzen Sklaven. Oder das Album Oh Mercy, das in New Orleans entstanden ist und über dem eine flirrende, geisterhafte Stimmung liegt.

Oder in „New Pony“ vom Album „Street Legal“, der von Charlie Pattons und Son House’  „Pony Blues” beeinflusst ist. Zwei der Bluessänger, die explizit damit in Verbindung gebracht worden sind, dass der Blues die Musik des Teufels ist. Warum soll er das sein? Weil der Blues sexuelle Themen präferiert und an das von vielen christianisierten Schwarzen verdrängte und verleugnete afrikanische Erbe fortführt. Und was singt Dylan denn auch in diesem Song seines letzten „vorchristlichen“ Albums:

They say you’re usin’ voodoo, your feet walk by themselves
They say you’re usin’ voodoo, I seen your feet walk by themselves
Oh, baby, that god you been prayin’ to
Is gonna give ya back what you’re wishin’ on someone else

Die Verbindung von Bob Dylan zur Vorstellungswelt des afrikanischen Erbes der schwarzen Amerikaner harrt noch einer systematischen Beschäftigung und stellt eine anspruchsvolle, aber sicher lohnende Arbeit quer durch das Werk des Songschmieds aus Minnesota dar.

Johnny Cash zum Achtzigsten

27. Februar 2012

Natürlich wollen wir den 80. Geburtstag von Johnny Cash nicht einfach so verstreichen lassen. Da sich aber ein zwiespältiges Gefühl einstellt bei all den Feierlichkeiten, Artikeln und angekündigten Projekten, hier eine kleine Sondierung des Geschenketisches.

Gut sind die Pläne, sowohl das Haus seiner Kindheit in Dyess, Arkansas, wieder herzurichten, als auch in Nashville ein Museum einzurichten. Da wir in Tupelo, Mississippi, etwas ratlos angesichts des Presley-Geburtshauses waren und aufgrund der Eintrittspreise in Memhis, Tennessee, den Besuch von Graceland verschmähten, freuen wir uns nun auf echte Pilgerstätten für unseren herbstlichen USA-Aufenthalt. Vielleicht passt dann sogar zeitlich ein Besuch des Benefizkonzertes für diese Vorhaben im Herbst bei dem Rosanne Cash und Willie Nelson als Headliner angekündigt sind. Wir bleiben gespannt.

Eine Drohung ist dagegen die Ankündigung von Rick Rubin weitere unveröffentlichte Aufnahmen von Cash herausbringen zu wollen. Abgesehen davon, dass wir irgendwie den provokanten Ansatz von Dylan sympathisch finden, der diesen Werken nicht viel abgewinnen konnte, wird die Masche des selbsternannten „Cash-Image-Designers“ für die „Post-Grunge-Jugend“ immer nerviger. Die ersten Aufnahmen aus dem Schaukelstuhl, die nächsten vom Krankenlager, die folgenden vom Sterbebett, dann die aus der Gruft und jetzt die Songs aus dem Sarg? Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, Rubin hat Cash noch einmal verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen, das war sein Verdienst. Jetzt aber wird die Cash-Maschine scheinbar immer unverhohlener angeworfen. Und das ist dann auch nicht besser als die Xte schnell zusammengebastelte Billig-Kompilation. Da loben wir uns doch die vierte Folge der Cash-Bootlegs. Das sind die Gospels und die gehören genauso zum Cash-Bild wie das „Bad Guy“-Image das Rubin am Ende kunstvoll einseitig modellierte.

Gedenken wir lieber mit den Worten von Bob Dylan, dem „Bruder im Geiste“: „Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinen Kurs nach ihm ausrichten.“ Happy Birthday Johnny!

Black and White – unite!

23. Dezember 2011

An anderer Stelle auf diesem Blog habe ich schon einmal darauf hingewiesen, welche große Bedeutung die schwarze Musik für die Entwicklung der Countrymusik hatte. Und dass viele schwarze und weiße Musiker untereinander keine Probleme hatten. Doch das Publikum, die Musikindustrie und die Rassentrennung im Süden verhinderten eine öffentliches gemeinsames musizieren.

So wissen wir, dass der Schwarze Rufus „Tee Tot“ Payne dem Hillbilly-Shakespeare Hank Williams das Gitarre spielen beigebracht hat. Dass A.P. Carter ohne seinen schwarzen Freund Lesley Riddle nicht so viele Lieder hätte zusammen tragen und die Carters ohne Riddle nie zur „First Family of Country“ hätten werden können. Wir wissen aber auch über verborgene Zusammenarbeiten: So hatte Jimmie Rodgers 1930 mit Louis Armstrong Plattenaufnahmen gemacht.

Erst seit Ende der Rassentrennung in den USA waren gemeinsame öffentliche Auftritte kein Stein des Anstoßes mehr. Auch das einzige schwarze Mitglied der Grand Ole Opry, Charley Pride, hatte seinen Durchbruch erst Mitte/Ende der 60er Jahre. Sein einziger schwarzer Vorgänger, Deford Bailey aus der Anfangszeit der Opry, wurde wohl aus rassistischen Gründen aus der Show gemobbt. Johnny Cash holte Ende der 60er/Anfang der 70er sowohl Louis Armstrong, als auch Ray Charles, der bereits 1962 ein Album mit Countrysongs aufgenommen hatte, in seine Show. Und auch die Zusammenarbeit von Willie Nelson mit Ray Charles und Winston Marsalis ist bestens bekannt.

Weniger bekannt ist dagegen ein Auftritt, der zu seiner Zeit ungewöhnlich und für einen bestimmten Teil des Publikums doch verstörend gewirkt haben musste. Im März 1960, die Rassentrennung in den Südstaaten war noch lange nicht abgeschafft, da trat der Hillbilly-Gentleman Tennessee Ernie Ford zusammen mit der schwarzen Folksängerin und Bürgerrechtsaktivistin Odetta gemeinsam in dessen TV-Show auf. Odetta singt „Pastures of Plenty“ vom bekennenden Kommunisten Woody Guthrie, Ford einen Gospel und beide zusammen dann noch einen Gospel sowie „The Liar“ von Tommy Makem.

Ford musste gewusst haben, dass Teile seines Publikums dies sicher nicht goutieren würden. Dass er es dennoch gemacht hat ist Ausdruck einer künstlerischen Unabhängigkeit, die nicht hoch genug zu bewerten ist.

Unten sehen wir nun einen Ausschnitt des denkwürdigen Auftritts und das Video zum Cash/Armstrong-Auftritt:


Legt die Platte wieder auf!

13. September 2011


Ein Live-Mitschnitt von 1981 legt die Wurzeln von Rock und Country frei und gehört deshalb wieder veröffentlicht

Viele die sich intensiv mit Rockmusik beschäftigen kennen das Million Dollar Quartett. Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins waren allesamt 1956 in den legendären Sun Studios und dokumentierten die Entwicklung von Country und Blues zu Rockabilly und Rock’n’ Roll anhand einer spontanen Jamsession.

Weniger bekannt sind die Survivors. 1981, vier nach dem Tod von Elvis Presley begab es sich, dass zur gleichen Zeit in Europa unabhängig voneinander Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins auf Tour waren. Als die letzteren Beiden einen day-off hatten entschied man kurzerhand, dies zu einem spontanen Bühnenrevival zu nutzen.

Und es war atemberaubend! Was den Zuschauern am 23. April 1981 in Böblingen bei Stuttgart geboten wurde, war nicht weniger als die Freilegung der Wurzeln des Rock. Country, Gospel und Rockabilly wurden von den Jugendfreunden in fast wahnwitzigerweise Weise zelebriert. „I saw the light“, Hank Williams fromme Erleuchtung, und die Carter-Family-Hymne „Will the circle be unbroken“ wurde von Jerry Lee derart umspielt, musikalisch paraphrasiert und gesanglich improvisiert dargeboten, dass es schon richtig „schwarz“ klang. Wobei Jerry Lee ohnehin eine der schwärzesten Stimmen aller weißen Rockmusiker hat. Während also Jerry Lee den ungezügelten, respektlosen Derwisch am Klavier gab, war Johnny Cash der logische, stoische und würdevolle Anführer des Trios und Carl Perkins der solide, treibende Motor des Ganzen.

Der Spontanauftritt fand noch die eine oder andere Fortsetzung während Cashs Tournee und führte schließlich auch zum 86er Album der drei Helden mit Roy Orbison. 1982 brachte Columbia bereits unterm dem Titel „The Survivors“ einen Live-Mitschnitt des denkwürdigen Stuttgarter Auftritts heraus. Zum letzten Mal wurde er dann 1995 als CD veröffentlicht. Seitdem herrscht Funkstille.

Es bleibt leider das Geheimnis von Sony/Columbia warum inmitten der zahlreichen posthumen Cash-Veröffentlichungen ausgerechnet diese Pretiose fehlt. Legt die Platte wieder auf!

Und hier das Gospel-Medley der Survivors: