Posts Tagged ‘Bob Dylan’

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (27)

19. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute halte ich die Sonntagsruhe ein!

Und beschäftige mich dem Sonntag im Countrysong. Marty Stuart hat vor ein paar Jahren mal ein schönes Doppel-Album mit dem Titel „Saturday Night & Sunday Morning“ veröffentlicht und zum Ausdruck gebracht, um was sich Countrymusik im Großen und Ganzen dreht. Am Samstagabend wird einer harten Arbeitswoche so richtig abgefeiert, am Sonntag ist man dann ganz fromm in der Kirche.
Mit den hier ausgewählten Songs lässt sich anhand dieser Themenstellung eine Rückwärtsbewegung in der Countrymusik feststellen.

Der Titel „I’m S-A-V-E-D“ von den Georgia Yellow Hammers aus dem Jahre 1927 ist eines der witzigsten Old Time Stücke, die ich kenne. Denn hier wird der Sonntagsgottesdienst zum Anlass genommen, sich über Bigotterie und Doppelmoral lustig zu machen. Hier ein Auszug:

„I know a man; I think his name is B-R-O-W-N
He’ll talk for pro’bition but vote for R-U-M
He’ll help to mix the poison in his neighbor’s C-U-P
But yet he’s got the nerve to say, I’m S-A-V-E-D

I’m S-A-V-E-D, I am, I’m S-A-V-E-D (I am)
I know I am, I’m sure I am, I’m S-A-V-E-D“

In den kommenden Jahrzehnten verlor die Countrymusik ihre Derbheit und ihren bösen Witz. In den frühen 1960er Jahren war die Country-Welt heil und fromm. Bill Monroe singt mit „I’ll Meet You In Church in Sunday Morning“ ein braves Bluesgrass-Gospelstück der Stanley Brothers.

Erst Ende der 1960er war es Kris Kristofferson, der in „Sunday Morning Coming Down“ die Wahrheit aussprach „Wer am Samstagabend gesoffen hat, dem ist es Sonntagmorgen schlecht. Da ist an Kirchgang natürlich nicht zu denken.

Wieder ein paar Jahrzehnte später sind die bösen Outlaw-Gedanken ins Americana-Genre verzogen und Miranda Lambert zaubert einen idyllisch schönen Sonntag im Süden zwischen Limonade und Kirchgang hervor.

Ach so, auch unser Freund Bob Dylan hat einen Song mit Sunday im Titel. Passenderweise ist es ein Songfragment aus den Blonde On Blonde Sessions von dem man nicht einmal erahnen kann, warum es „Medicine Sunday“ heißt. In Zeiten von Corona mit Abstandsregeln beim Parkbesuch sowie Desinfektion und Händewaschen regelmäßig aber absolut passend. Da ist jeder Sonntag „Medicine Sunday“.

In diesem Sinne bis Morgen
Best
Thomas

The Georgia Yellow Hammers – I’m S-A-V-E-D

Bill Monroe – I’ll Meet You In Church Sunday Morning

Kris Kristofferson – Sunday Morning Coming Down

Miranda Lambert – Just Another Sunday In The South

Bob Dylan – Medicine Sunday

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (26)

18. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

armes Amerika!

Jetzt hat er sein Vehikel gefunden, um ganz unverblümt dem Bürgerkrieg das Wort zu reden. „Befreit Minnesota!“,“Befreit Michigan!“, „Befreit Virginia!“ Selbst der ungebildete Trump weiß, welche Geister er hier herauf beschwört und an welches amerikanische Trauma er hier anknüpft. Die Trump-Jünger und Alt-Right-Aktivisten warten inmitten ihrer Waffenarsenale schon lange auf den günstigen Augenblick zum Losschlagen und führen eine neue Sezession im Schilde.

Bob Dylan kennt seinen Bürgerkrieg ganz genau. Seiner „Biographie“, den „Chronicles“ zufolge hat er Monate lang in der Bibliothek auf Mikrofilmen die Zeitungen der Jahrgänge 1855 bis 1865 studiert. Er hat die Sklaverei einmal als immerwährende Wunde der amerikanischen Nation bezeichnet, hat aber auch in seinen Studien festgestellt, dass es in dieser Auseinandersetzung auch um verschiedene Wirtschaftssysteme, Wertvorstellungen und kulturelle Normen geht, die immer mehr auseinanderstreben. Dylan ist Zeit seines Lebens in seiner Musik auf diesen Krieg und seine Umstände zurückgekommen. Von „John Brown“ über den jungen Soldaten, der als Krüppel nach Hause kommt, über „Blind Willie McTell“ als Gemälde des tiefen Südens bis zu „Cross‘ The Green Mountain“, den Song, der aus den Briefen der Soldaten erzählt.

Dylan webt den traumatischen Konflikt hinein in seinen Patchwork-Quilt seines Amerikas. Er weiß, dass er ungelöst ist. Die Sklaverei und Rassismus findet ihre Fortsetzung in den Köpfen, Strukturen und Machtverhältnissen bis heute. Das Land ist heute zudem gespalten nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen den Küstenstreifen in West und Ost und dem vielen Land dazwischen. Und gerade diese Menschen haben die Demokraten seit Bill Clinton vergessen. Die arbeitenden Menschen, die dem Strukturwandel des Rust Belt, der Perspektivlosigkeit in den Appalachen oder den ökologischen Katastrophen am Golf von Mexiko zum Opfer gefallen sind, wurden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Dylan, der gerne dem linksliberalen Lager zugeordnet wird, obwohl er sich doch stets nie zu einer Gruppe gehören wollte, hat von „Masters Of War“ bis „Murder Most Foul“ stets den militärisch-industriellen Komplex und seine Macht als Ursache vieler Fehlentwicklungen gesehen. Er hat mit „Only A Pawn In Their Game“ auf die herrschaftssichernde Funktion des Rassismus der armen Weißen aufmerksam gemacht, bei Live Aid den Überlebenskampf der US-Farmer gegen die Banken erwähnt und mit Workingman’s Blues #2 den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse in den Zeiten der Globalisierung beschrieben. Er hat für Bill Clinton bei dessen Inauguration gespielt. Bei der von Obamas war er nicht mehr zugegen. Die beiden Demokraten hätten seinen Liedern nur richtig zuhören müssen, da hätten sie ahnen können, was da kommt.

„Murder Most Foul“ ist nicht nur die Schilderung eines historischen Vorganges und „I Contain Multitudes“ ist mehr als ein weiteres Selbstporträt des Künstlers. Sie sind auch Zeugnisse für das heutige Amerika. Allein durch die Präsentation eines Präsidenten wie Kennedy und der Vielfalt der amerikanischen Populärkultur bei „Murder“ sowie der expliziten Darstellung, dass der amerikanische Künstler ein Ergebnis der Vielfalt und der Widersprüche des Landes sind, ist eine klatschende Ohrfeige für alle Anhänger des Othering, für alle angelsächsischen White Supremacy-Fans und Alt-Right-Schergen.
Den Namen des Präsidenten, der gerade dem Bürgerkrieg das Wort redet, muss Dylan gar nicht nennen, dass er diese Songs jetzt zu diesem Zeitpunkt, in dem einer bedrohlichen Krankheit vom US-Präsidenten mit Hohlheit, Eitelkeit, Spaltung und Aufwiegelei begegnet wird und damit die Katastrophe immer größer macht, sagt genug.

Bob Dylan – Only A Pawn In Thei Game

Bob Dylan – John Brown

Bob Dylan – Workingman’s Blues #2

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (25)

17. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

today: Anne Frank meets Indiana Jones!

Dylans neuer Song ist ein Selbstporträt des Dichters als Summe vieler Stimmen und Persönlichkeiten – vielfältig und wiedersprüchlich.

Wow! Wieder fährt man morgens den Computer hoch, scannt mit einem Auge als erstes im Netz die Dylan-Seite expectingrain.com und was passiert? Schon wieder hat der alte Kerl über Nacht einen neuen Song veröffentlicht! „I Contain Multitudes“ heißt das neue Werk.

Das Ding ist mit diesmal knapp viereinhalb Minuten deutlich kürzer als „Murder Most Foul“, aber kein bisschen weniger textlich anspruchsvoll. Dylans Song ist eine Art Selbstporträt. Der Dichter als lebender Widerspruch. Das ist er ganz persönlich, aber auch als Projektionsfläche der Hoffnung mehr als einer US-Generation. Denn wie viele Stimmen, wie viele Persönlichkeiten, wie viele künstlerische Ansätze hat er verfolgt, nur um sie gleich wieder einzureißen und neue zu beginnen. Und das nicht nur nacheinander, sondern auch gleichzeitig.

Dabei hat sich Dylan des Titels diesmal beim großen amerikanischen Dichterfürsten Walt Whitman bedient. Bei dessen Poem „Songs of Myself, 51“:

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Vielfalt
Dieser Whitman empfand sich von sich, er bestünde aus vielen Teilen, er sei vielfältig. Und damit meinte Whitman auch wie später auch Woody Guthrie oder die Beatniks – die allesamt Dylan prägten – sagen, dass sein Amerika ein vielfältiges Amerika sei. This Land Is Your Land This Land Is My Land“, sang Woody. Vielfältig landschaftlich wie ethnisch, religiös wie politisch. Vielfältig, aber auch so widersprüchlich. Der Süden hat Sklaverei und Rassismus ebenso hervorgebracht wie Blues, Country und Jazz. Zu den USA gehören demokratischer Pluralismus und Gewaltenteilung ebenso wie menschenfeindlicher Radikal-Kapitalismus. Zusammenhalt in den Communities ebenso wie Einzelkämpfertum und Egoismus.

Gegensatzpaare
Nicht diese, aber andere Gegensatzpaare, spielen eine große Rolle in dem Song. Anne Frank und Indiana Jones in einen Vers zu bringen, ist genial. Im Netz suchen sie nach verbindendem zwischen den beiden. Aber ist denn der Gegensatz nicht der, der zählt? Dass man konträre Eigenschaften hat und trotzdem Teil eines Ganzen ist? Anne Frank, das jüdische Mädchen, das sich vor den Nazis in Amsterdam verstecken musste, und ihnen zum Opfer fiel und Indiana Jones, der Abenteurer, der sich immer wieder Kämpfe mit den Nazis lieferte, aber stets die Oberhand behielt. Dylan bietet uns noch weitere Gegensatzpaare an, nennt uns aber auch weitere Vorbilder, die quasi prägend sind: William Blake oder Edgar Allan Poe.

Kollektivwesen
In seiner Radio Show webte Dylan über mehrere Jahre an einem idealtypischen musikalischen Gewand für Amerika. Die USA sind so vielfältig, das Gewand konnte nur ein Patchwork-Quilt werden. Dylan greift hier bei „I Contain Multidudes“ das Motiv der vielen Persönlichkeiten, der vielen Stimme nochmals auf und reklamiert dieses Prinzip für seine Person. Er als amerikanischer Poet kann gar nicht anders als vielstimmig sein. Aus seinem Kopf, aus seinem Mund spricht quasi das amerikanische Kollektivwesen. Heinrich Detering hat einmal diesen Vergleich zu Goethe gezogen, der sein Werk als Werk eines Kollektivwesens verstand, das nur zufällig Goethe hieß.

Amerikanisches Gesamtkunstwerk
Bob Dylan ist längst ein amerikanisches idealtypisches Gesamtkunstwerk. Er vereinigt in sich Folk, Blues, Country, Gospel, Soul. Woody Guthrie und Sinatra. Johnny Cash und Sam Cooke.

Schlaumeier könnten jetzt sagen, das klingt jetzt aber doch ganz schön nach Finale und Vermächtnis. Der erste Song über das amerikanische Trauma im amerikanischen Jahrhundert, der zweite ein Selbstporträt orientiert an einem amerikanischen Dichterfürsten. Doch Dylan – der uns schon seit vielen Jahren auf der Bühne vorspielt, er sei ein alter gebrechlicher Mann und sich auch bewusst eine verbrauchte Stimme gab und der im Kurpark gut zu Fuß unterwegs war und heutzutage so gut singt, wie seit 35 Jahren nicht mehr und der mit dem Rücken zum Publikum mit der Band scherzt, aber den Zuschauern gegenüber keine Miene verzieht – der kann uns jetzt auch ganz einfach nochmal seine Stilmittel und sein Selbstverständnis erklären, um dann wieder ganz anders weiter zu machen.

Bob Dylan nutzt die Zeit, die durch Corona still steht, um unseren Blick auf Amerika – sein Amerika ist ein anderes, als das von Trump – und auf sich selbst zu schärfen. Was weiter passiert, hängt auch davon ab, wie es auf der Welt weitergeht.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (24)

16. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute beschäftigen wir uns einmal mit Dylans Film „Masked & Anonymous“.

Wir haben ja Zeit. Also haben wir uns „Masked and Anonymous“ nochmal angeschaut. Natürlich war der Film ein Flop an den Kinokassen und bei den Kritikern. Denn als Film ist er böse missglückt. Und auch bei der erneuten Ansicht wird er nicht besser. Die Kulissen wirken unecht, so entsteht keinesfalls die Magie, aus der für eine Spielfilmlänge aus Fiktion Wirklichkeit wird. Im Filmformat wirken die Dialoge seltsam überladen, da raschelt das Papier. Und der hochkarätige Cast stolpert ohne wirkliche Bindung zum Stoff, zu den Figuren, zum Konzept, durch die Kulissen.

Auch Dylans Rolling Thunder-Epos „Renaldo & Clara“ war schon nicht so einfach zugänglich. Aber er lohnt sich, weil die Erzählidee trägt, die Figuren einem interessieren, der Film Witz hat, und die Musik gut ist. Bei „Masked & Anonymous“ so wissen wir von Heinrich Detering – gibt es ein Skript, das anders ist als der Film, das stimmig ist und ein Mysterienspiel, ein Theaterstück vorgibt. Doch das Problem, so Detering, ist, dass man einen Film daraus gemacht habe.

Für den Film habe man zudem etliche Szenen gestrichen, die die Handlung einleuchtender gemacht hätten. Wenn also die literarische Vorlage gar nicht zur umgesetzten Gattung passt, wenn der Film in seiner Plausibilität durch Drehbuchkürzungen leidet, wenn genauso naturalistisch wie psychologisierend geschauspielert wird, und nicht episch und maskenhaft typisierend wie es dem Stück angemessen wäre – man sieht dies doch schon an den sprechenden Namen: Jack Fate, Tom Friend! – wenn die Schauspieler sich wie beim Method Acting-Kurs benehmen und nicht geführt werden und sowohl Kamera als auch Kulisse auf dürftigem Niveau sind, dann kann das nur krachend schief gehen.

Wer jetzt daran Schuld ist, ein überforderter Regisseur oder ein nicht genug um seine Vorstellung kämpfenden Ideengeber Dylan ist letztlich nicht zu klären. Aber klar ist eins: Da ist dem Shakespeare-Liebhaber Dylan, der Filmliebhaber Dylan in die Quere gekommen. Das Stück hätte besser ins Globe Theatre oder eine Freilichtbühne gepasst, doch als Film in den Lagerhallen-Kulissen ergeht es dem Projekt als filmischer Nachfolger eines Albums noch schlimmer als Renaldo & Clara, das Desire folgte.

Doch Dylans stolpernde Präsenz und die Minimalmimik seiner Schauspielerfigur, die wie eine Mischung aus Buster Keaton und Charlie Chaplin daherkommt, einigen wenigen gelungenen Szenen sowie die auch hier gute Musik – unten zu hören – lassen den Film für Dylan-Fans zu einem „den musst Du gesehen haben“ werden.

Aber einmal, zweimal gesehen haben reicht eigentlich auch für den Film. Wenn man verstehen will, was Dylan vorhatte, und in welcher Beziehung sein Stück zu „Love And Theft“ steht – nämlich als Weiterführung und Weiterentwicklung seiner beim 2001er Album gefundenen neuen Form der Songpoesie – dann sollte man das Skript gelesen haben. Oder zumindest Heinrich Deterings Abhandlung in Kapitel 5 seines großartigen Buches „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“.

Film-Trailer:

Cold Irons Bound:

Drifters Escape:

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (23)

15. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Sláinte everyone,

heute geht’s nach Irland!

Ja, die amerikanische Folkmusik ist geprägt auch von der Musik der irischen Einwanderer. Auch Bob Dylan wurde natürlich von irischen Quellen und Wurzeln gespeist und beeinflusst.

Also bei Dylan und irischer Folkmusik fallen einem natürlich sofort die Clancy Brothers ein, frühe Freunde und Weggefährten Dylans Anfang der 1960 in Greenwich Village im New York. Dylan war begeistert von ihrer Musik und Liam Clancy und Dylan waren gut befreundet. Dylan soll ihn als „the best ballad singer I’d ever heard in my life“ genannt haben.

Die Clancy Brothers erfanden die irische Folkmusik quasi neu, indem sie die oftmals langsamen und schwermütigen Balladen ein hohes Tempo, starke Rhythmik und kraftvollen Gesang und Pub-Atmosphäre gaben. Sie weckten in den USA wieder das Interesse an irischer Folkmusik und befeuerten auch in Irland selbst eine Folk-Renaissance. Ohne Clancy Brothers keine Dubliners und keine Chieftains.

Dylan hat wahrscheinlich von ihnen in den frühen Jahren in Greenwich Village den Song Eileen Aroon erlernt. In seinen frühen Jahren hatte er immer wieder mal irische Songs aufgenommen, doch nie welche in öffentlichen Konzerten gespielt. Eileen Aroon aber spielte er dann fast 30 Jahre später elfmal 1988 und 1989 in Konzerten. Darunter auch in Dublin. Bei dem Konzert war auch Liam Clancy anwesend. Laut Sean Wilentz beklagte sich Dylan später bei Clancy, das noch nicht einmal in Irland jemand diese Songs noch kenne.

Bei dem engen Verhältnis ist es kein Wunder, dass die Clancy Brothers 1992 bei Dylans 30-jährigem Plattenjubiläum im Madison Square Garden auftraten und eine rauschende Irish Folkversion von „When The Ship Comes In“ anstimmten.

Ein weiterer (nord-)irischer Freund von Dylan ist der mindestens ebenso mysteriöse Van Morrison. Von beiden zusammen gibt es ein schönes Video, in dem die beiden Brüder im Geiste Vans „Irish Rover“ zum Besten geben. Ja die irischen Sagen und Mythen sowie die Geschichte der irischen Einwanderer nach Amerika haben beide beeinflusst und ein spätes Echo mag auch die irische Melodielinie sein, die Dylan dem sagenhaften Tempest von 2012 unterlegt hat. Auch hier waren viele irische Auswanderer in der dritten Klasse an Bord, die aber nicht das gelobte Land, sondern den Tod fanden.

Und noch eine Anekdote am Rande. Mitte der 1980er Jahre sahen wir zweimal den schottisch-irischen Folkmusiker Tony Ireland, der einen lustigen Spottsong von Eric Bogle sang, in dem der sich beklagt, dass immer wieder Bob Dylan-Songs von ihm gewünscht würden.

Soweit für heute, morgen geht’s um Bob Dylans „Masked & Anonymous“ und was uns dieser Film heute zu sagen hat.

Best
Thomas

Bob Dylan – Eileen Aroon

The Clancy Brothers feat. Tommy Makem: When The Ship Comes In

Van & Bob: One Irish Rover

Eric Bogle: Do You Sing Any Dylan

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (22)

14. April 2020

Turn The Radio On!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

der Darmstädter Dylan-Tag goes Radio!

Wie so viele Veranstaltungen dieser Tage fiel ja auch der Darmstädter Dylan-Tag der Corona-Krise zum Opfer. Ursprünglich geplant für den kommenden Samstag, 18. April, soll er jetzt im nächsten Jahr direkt am 80. Geburtstag des Meisters am 24. Mai stattfinden. Noch breiter und vielfältiger soll er dann sein, haben Marco Demel und ich uns vorgenommen.

Doch auch jetzt am Samstag muss man nicht ganz auf Informationen, Denkanstöße und viel Musik rund um Musiklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan verzichten: Vier Stunden lang geht dann nämlich ab 15 Uhr die Sonderausgabe der „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt auf Sendung. „Wir freuen uns sehr, dass uns diese Sonder-Sendezeit von Radio Darmstadt und den Kollegen von anderen Sendungen geschenkt worden ist“, sagt Marco.

2016 hatten wir zusammen die Sendung aus der Taufe gehoben, die sich mittlerweile zum Dauerbrenner entwickelt hat. Zwar musste ich, weil ich aufgrund vieler anderer Verpflichtungen meine regelmäßige Verfügbarkeit nicht mehr garantieren konnte, vor einiger Zeit schweren Herzens aussteigen, doch zu besonderen Anlässen findet wir uns als „Dream-Team“, wie Marco so schön sagt, immer wieder einmal vor dem Mikrofon zusammen.

So auch dieses Mal. Allerdings konnte wegen Corona natürlich auch keine gemeinsame Live-Sendung über den Äther gehen. Also bastelte Marco quasi im Heimstudio mit entsprechender Software und Aufnahmetechnik die Sendung, meine Texte und Ansagen wurden durch die Mitschnitte von gemeinsamen Telefonaten integriert. Das hat wieder einmal riesigen Spaß gemacht!

Marco Demel bastelte die Sendung im Heimstudio zusammen

In der Sendung kommen dann auch alle Inhalte und alle Musik – sofern sie auf Tonträgern dokumentiert ist – des Tages an die Reihe. So sind u.a. Dan Dietrich, die „DoubleDylans“ und der Meister selbst zu hören, Manfred Maurenbrecher hat eigens eine Grußbotschaft geschickt und Heinrich Detering hat eine Besprechung des sensationellen 17-minütigen neuen Dylans-Songs „Murder Most Foul“ beigesteuert.
Neben der Idee den Darmstädter Dylan-Tag auf diese Art und Weise hochzuhalten, dient die Sendung aber auch einem guten Zweck. Wir möchten auch die Möglichkeit nutzen, noch einmal verstärkt auf unsere Spendenaktion für das Theater im Pädagog hinzuweisen.

Durch die Corona-Krise ist auch das Kellertheater in schweres Wasser geraten. Auf der Internetseite http://www.startnext.com/unterstuetzt-das-paedagog kann für das Theater von Klaus Lavies gespendet werden. Spender können aus einer Reihe von Dankeschön-Paketen wählen.

Nachdem die Sendung nun im Kasten ist und am Samstag ausgestrahlt wird, freuen wir uns nun aber richtig auf das nächste Jahr. Denn bei Musik, Lesungen und Vorträgen ist die Live-Atmosphäre einfach nicht zu ersetzen.

Also schon mal notieren und sich nichts anderes vornehmen: Die Sendung ist am kommenden Samstag, 18. April, von 15 – 19 Uhr bei Radio Darmstadt auf 103,4 MHz oder http://www.radiodarmstadt.de zu hören!

In diesem Sinne „keep on keepin‘ on“!

Best
Thomas

DoubleDylans: Blowin‘ In The Wind

Dan Dietrich & Besidos: Just Like A Woman

Manfred Maurenbrechers Version von Desolation Row

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (21)

13. April 2020

The Church Tower of Sand Rabbit Town

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,

läutet die Glocken!

Was Ihr hier auf dem Bild seht, ist mein Fensterblick aus dem Home Office. Deutlich zu erkennen der Kirchturm. Von dort läuten die Glocken in unserer beschaulichen Gemeinde. Die Glocken sind ja schon lange ein Symbol für die christliche Religion. Und passen damit inhaltlich bestens zum heutigen letzten Osterfeiertag. Sie sind aber auch immer wieder für die Verkündung von Nachrichten benutzt worden.

Quasi beides vereint der traurige Song „The Bells Of Rhymney“, den Pete Seeger auf der Basis des traurigen Gedichts des Walisen Idries Davis geschriieben hat. Davis dichtete den Text nach einem großen Grubenunglück und einem erfolglosen Generalstreik. Die Glocken der verschiedenen walisischen Orte verkünden traurige Wahrheiten bezüglich den Gründen schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen.

Eine echte gnadenlose Countryschnulze ist der Song „The Three Bells“ von „The Browns“. Das Leben eines gottesfürchtigen Menschen in einem abgelegenen Tal wird anhand der Anlässe zum Glockenläuten erzählt: Geburt, Heirat, Tod. Schwere Kost, aber eine schöne Melodie. Die ist jedoch von Edith Piaf ausgeborgt. Sie hatte mit „Les Trois Cloches“ 1945 schon Erfolg. In Deutschland machte Gerhard Wendland 1949 „Wenn die Glocken hell erklingen“ daraus. Die Version der Browns stammt von 1959, die Aufnahme hier von 1965. Wir konnten 2012 Jim Ed Brown mit dem Song in der Grand Ole Opry hören.

Ein Glockenspiel-Kontrastprogramm dazu lieferte Bob Dylan 1964 mit „Chimes Of Freedom“. Seine Glocken sind metaphorisch, sie sind die Donnerschläge eines Gewitters, die für ihn die Glocken der Freiheit sind, die für die Unterdrückten geläutet werden. Die Version, die wir unten hören, hat Dylan 1998 mit Joan Osborne für den Soundtrack einer Dokumentation über die Sixties eingesungen.

Und zu guter Letzt dann doch ein Song, der offenbar religiöse Bezüge hat, aber von einigen Dylan-Deutern auch als „update“ von „The Times They Are A-Changin'“ und Chimes Of Freedom“ gesehen wird. „Nichts ist wirklich besser geworden für die Schwachen und Unterdrückten, also läutet die Glocken umso kräftiger“, könnte die Botschaft von Dylans „Ring Them Bells“ sein. Eine Botschaft, der man sich nur anschließen kann. Hier unten ist der Song zu hören in der Version von 1994 bei „The Great Music Experience“.

In diesem Sinne, schließen wir das Osterfest hier und melden uns morgen wieder aus dem weltlichen Alltag im Home Office.

Best
Thomas

Pete Seeger: The Bells Of Rhymney

The Browns:The Three Bells

Bob Dylan & Joan Osborne: Chimes Of Freedom

Bob Dylan: Ring Them Bells

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (20)

12. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht es auf eine Zeitreise mit Bernies Autobahn Band!

Ich habe hier schon anderer Stelle davon erzählt, dass ich zur gleichen Zeit Mitte/Ende der 1970er als ich Bob Dylan für mich entdeckte, in der Darmstädter Fußgängerzone immer wieder mal Bernies Autobahn Band (BAB) spielen sah. Sie spielten schönen schmissigen Folkrock, der mich tatsächlich an die Desire erinnerte. Die beiden Songs, die von diesen Begegnungen mir im Ohr blieben, waren ihre Eigenkomposition „Uli mit seinem 40-Tonner“ und der Song „Is Anybody Going To San Antone“, den ich fälschlicherweise damals für einen Dylan-Titel hielt. Aber dass sie ihn spielten, hatte natürlich mit Dylan zu tun. Der hatte den Song nämlich wenige Jahre vorher mit Doug Sahm in Texas eingesungen.

Und Bernie und seine Freunde waren Dylan-affin und Bernie hat in seiner Karriere einige Dylan-Songs eingedeutscht. „Long Ago, Far Way“ heißt bei ihm „Weit weg, lange her“, „Just Like Tom Thumb’s Blues“ wurde zu „Wenn es Nacht wird in der Stadt“ und vor wenigen Jahren hat er nochmal „Simpel Twist Of Fate“ mit „Schicksal“ übersetzt. Er hat bahnbrechendes für Dylan auf Deutsch geleistet.

BAB wurde zu meiner Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener in den 1980er Jahren zu einer hessischen Kultband mit bundesweiter Ausstrahlung. Die Mitglieder lebten teilweise im Odenwald oder an der Bergstraße, hatten Bezug ins Rhein-Main-Gebiet, Bernie selbst lebt seit Mitte der 1980er in Franken. Ich sah sie nach ihrer Fußgängerzonen-Zeit u.a. noch beim Darmstädter Folkfest im Schlosshof und bei einem ihrer letzten Konzerte, einem Privatauftritt im Rahmen der Bundeskonferenz der SJD-Die Falken in Darmstadt.

Da es leider keine CDs mehr der Band auf dem Markt gibt, habe ich mir heute Nachmittag einfach alles angehört was es von ihnen und Bernie auf youtube gibt. Und es war großartig. Sicher, manches ist typisch Zeitgeist – gegen Atomkrieg und Atomwaffen, gegen die Umweltverschmutzung („Sind wir noch zu retten“). Und vieles kulturell auch vom damaligen typischen undogmatisch-linken Milieu geprägt. Aber vieles ist auch erschreckend aktuell angesichts globaler Krisen, Erderwärmung und Corona-Pandemie.

Aber das wichtigste ist die Menschlichkeit in der Stimme und in der Lyrik von Bernie Conrads. Da merkt man, der singt zutiefst menschlich und anhand von Alltagsbeobachtungen von den Möglichkeiten der Reichen und der Ohnmacht der kleinen Leute („Fabrikantenwalzer“, „Seit ich denken kann“, „Es ist schon wieder Montag“). Er ist voller Empathie. Und das gilt auch für die nachdenklichen Songs („HR3 wünscht Guten Morgen“) wie auch für die Liebeslieder („Die Art wie sie mich gängelt“).

Und auch wenn Bernie zwischenzeitlich für Maffay das Hitalbum „Maffay 96“ schrieb, so ist diese, seine eigene persönliche Note bei seinen Songs auch heute noch präsent. Sei es die Geschichte von der Verkäuferin an der Edeka-Wursttheke („Mauerblümchen“) oder eben seine Dylan-Adaption „Schicksal“. Es war ein ebenso wehmütiges wie freudiges Wiederhören.

Der große Radiomann Tom Schroeder hat Recht, wenn er sagt, „Bernie ist einer unserer Größten“. Am kommenden Samstag hätte Bernie mit seinem alten Bandmate Bernhard Schumacher zusammen beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 auftreten sollen. Der ist nun aufs nächste Jahr verschoben. Spätestens dann freuen wir uns, dass sich der Kreis schließt und wir Bernie im Pädagogkeller hören können. Nur unweit von der Fußgängerzone gelegen, in der damals für mich alles anfing.

Bernie und Bernhard – wir warten und freuen uns auf Euch in 2021!

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (18)

10. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

my God, they killed him!

Nach religiöser Überlieferung ist in diesen Tagen im Jahre 30 Jesus Christus gekreuzigt worden und für unser aller Sünden gestorben. Patti Smith sagte einmal für ihre Sünden nicht, aber dennoch: Wir respektieren den Glauben, auch wenn wir nicht gläubig sind. Was wir nicht mögen, ist missioniert werden. Aber aus diesem Glauben ist immer schon auch ganz große Kunst entstanden und daher wollen wir uns heute mal mit Jesus im Americana beschäftigen.

Bob Dylan hat in seiner Gospel-Phase zum Teil hanebüchene Texte verfasst. Doch ein Teil der Songs war durchaus voller Spirit, voller Energie und kann als starke Kunst bewertet werden, so wie auch große Malerei aus religiösen Motiven entstanden ist. Ein Beispiel hierfür ist „When He Returns“, zur Wiederkehr Jesu Christi, das wir unten hören.

Jesus wurde ermordet. Mahatma Gandhi, Martin Luther King auch. Kris Kristofferson hat dies in einem zugegebenermaßen etwas schmalzigen Song verarbeitet, der aber trotzdem hierher gehört. Vielleicht gerade weil konservative Country-Radiostationen den Titel nicht spielen wollten, weil sie meinten, King gehöre nicht eine Reihe mit Jesus. MannMannMann… Wie auch immer: Bob hat den Titel auch mal aufgenommen, aber die Version ist noch schmalziger. Daher hier die von Kris vom ersten Farm Aid-Konzert 1985.

Johnny Cash war ein sehr religiöser Mensch, hat aber nie zur Bigotterie geneigt oder zur religiösen Spaltung der Menschen beigetragen. Deswegen hören wir unten auch seinen Jesus-Song.

Eine durchaus humorvolle Herangehensweise an Jesus‘ Wiederkehr hat vor ein paar Jahren mal Willie Nelson aufgenommen und den ganzen pathetischen Bombast wieder ein bisschen eingedampft. „Come on Back Jesus und bring John Wayne auch gleich mit“. Der Willie nimmt nichts mehr so richtig ernst. Gut so!

Soweit für heute, bis Morgen!

Best
Thomas

Bob Dylan – When He Returns

Kris Kristofferson – They Killed Him

Johnny Cash – It was Jesus

Willie Nelson – Come In Back Jesus

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (17)

9. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
hol‘ die Fiddle und das Banjo, wir machen Old Time Music!

Gut 20 Jahre ist es her, dass in den USA die Old Time Musik, der Bluegrass und der Folk eine erneute Renaissance erlebten. Diesmal war es der Film „O Brother Where Art Thou?“, der diese Musik wieder in Erinnerung rief. Man erinnerte sich plötzlich wieder an Bluegrass-Veteranen wie Ralph Stanley, der im Soundtrack mitmischte. Und es gab eine ganze Reihe von jüngeren Künstlern, die dadurch eine größere Aufmerksamkeit erfuhren wie Gillian Welch oder Alison Krauss. Von den letzten beiden werden wir etwas aus dem Film hören. Ebenso wie von George Clooney bzw. natürlich Dan Tyminski, der ihm bei „Man Of Constant Sorrow“ die Stimme lieh.

Der Film ist bis heute mein Lieblingsfilm und hat mir nach der musikalischen Prägung durch Dylan mit seinem Soundtrack eine zweite Prägung mit Old Time, Bluegrass und Americana gegeben. Über den Film werde ich im Herbst mehr schreiben, wenn sein Kinostart sich zum 20. Mal jährt. Dylan übrigens war hier wieder einmal einen Schritt voraus. Ende der 1990er hatte er u.a. mit Ralph Stanley zusammen eine Aufnahme des Stückes „Lonesome River“ eingespielt und seine damaligen Konzerte begannen cis Anfang der 2000er mit einem akustischen Set, in dem er alte Bluegrass- und Country-Standards spielte. Auch hierzu ist unten ein Beispiel zu hören.

Mit Dylan wiederum begann für Ketch Secor und Critter Fuqua sowohl ihre musikalische Sozialisation, als auch ihr großer Durchbruch mit ihrer Band Old Crow Medicine Show. Sie hatten großen Erfolg bei jungen Leuten, weil sie die Old Time Music mit Tempo und Energie von Punk-Rock verbanden. Und als sie dann Dylans Songfragment „Rock Me Mama“ zu „Wagon Wheel“ ausbauten, wurde das ein Riesenhit. Ketch Secor und Dylan teilten sich die Autorenschaft und der Song lieferte auch noch Hits für den Iren Nathan Carter und für Darius Rucker. Wir hören und sehen unten dann natürlich Wagon Wheel mit der Old Crow Medicine Show. Leider sind sie heute als Grand Ole Opry Member etwas zu zahm wie ich meine, aber sie sind immer noch in der Lage tolle Dinge rauszuhauen wie vor wenigen Jahren die Veröffentlichung von Dylans „Blonde On Blonde“ in ihrer musikalischen Bearbeitung. Das Konzert dazu, das wir in Amsterdam sahen, ist bis heute für mich eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.

Soweit für heute, Ostern rückt unaufhaltsam näher und wird mich an dieser Stelle auf die eine oder Weise in den nächsten Tagen beschäftigen.

Also dann bis Morgen!
Best
Thomas

Gillian Welch & Alison Krauss

The Soggy Bottom Boys

Bob Dylan: Hallelujah I’m Ready To Go

Old Crow Medicine Show