Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Meridian

25. September 2010

Howdie everybody! Wir sind in Meridian, der Heimatstadt des „Father of Country Music“. Nach doch recht anstrengendem Hinflug und einer Uebernachtung nahe New Orleans ging es am Freitag nach Natchez. Ein verschlafenes Suedstaatennest mit viel Antebellum-Flair. Schoen anzusehen sind die weissen Haeuser der Plantagenbesitzer, doch man sollte nicht vergessen, dass sie auch Ausdruck einer Sklavenhaltergesellschaft waren. In den Salons wurde hingegen politisch parliert. Treffend, dass viele Villen mit griechischen Saeulen geschmueckt wurden. Abends gab es Seafood satt und wir sind nun richtig im Urlaub angekommen.

Heute, Samstag, dann ging es nach Meridian. Ein wunderbarer Gang durchs Jimmie Rodgers Museum erwartete uns. Mit vielen Anekdoten und sichtlicher Freude am Thema fuehrte uns Greg durch die Ausstellung. Rodgers – „The Singin Brakeman“ – wurde 1927 bei einer grossen Audition der Plattenfima RCA unter vielen Hillbilly-Kuenstlern entdeckt. Seine Karriere dauerte nur sechs Jahre. 1933 starb er in New York an Tuberkulose.

Sein Verdienst ist die Verschmelzung von Hillbilly-Musik mit Blues, Jazz und Tin Pan Alley-Elementen. Er stiess damit eine Entwicklung an, die zur Country Music fuehrte. Allein das Museum und der Besuch seines Grabes waren die Reise wert. Meridian selbst ist eine Kleinstadt, die als Warenumschlagplatz an der Eisenbahn gross wurde und jetzt irgendwie sinnsuchend wirkt. Wir uebernachten und fahren weiter nach Tupelo.

Ruf des Südens

12. September 2010

Eine Musikrundreise am Mississippi

Lange haben wir den Traum schon gehegt. Dann dauerte es, bis wir wussten, dass wir uns trauen. Und dann noch einmal eine Weile, bis es umgesetzt werden konnte. Gut anderthalb Wochen noch, die beruflich noch randvoll sind, dann heben wir ab mit Delta Airlines.

Der Süden der USA ist eine gleichermaßen arme wie mythisch aufgeladene Region. Wiege von Blues, Jazz, Country und Rock’n’Roll. Aber auch Kern des „Bible Belt“, des tief religiösen Hinterlandes der USA. Armut und Rassenprobleme prägen auch heutzutage noch den Alltag. Dies ist genauso Fakt wie die gastfreundliche Art der Südstaatler. Dazu kommt die klassische Südstaatenküche mit Gumbo, Jambalaya und BBQ. Mit „Po’ Boy“, Catfish und Crawfish. Letztere Beiden wiederum geschädigt – sowie deren Fischer und Züchter – durch die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko. Der Süden – das ist Scarlett O’Hara und Bürgerkrieg, aber auch William Faulkner, Mark Twain und die weißen Schaufelraddampfer des Mississippi, aber auch Hurricane „Katrina“, der New Orleans zerstörte oder die Sintflut, die im Frühjahr Nashville überspülte.

Ein spannender, widersprüchlicher Landstrich also. Wir gehen diesen Widersprüchen auf den Grund, legen aber unseren Schwerpunkt auf der Musik. Wir starten in New Orleans, fahren dann rauf nach Nashville und Memphis, um dann den Highway 61 entlang über Clarksdale, Vicksburg und dem Cajun Country wieder nach New Orleans zurück zu kehren.

Bob Dylan war für mich eine musikalische und persönliche Initialzündung. Dieser Typ und seine Musik hat mich vor fast 35 Jahren in seinen Bann gezogen, war unermesslich wichtig für meine Sozialisation und ist bis heute eine Konstante in meinem Leben geblieben. Richtig gelernt, seine Wurzeln einordnen zu können, und seine Bedeutung für die amerikanische Populärmusik wirklich werten zu können, habe ich aber eigentlich erst vor gut zehn Jahren. Der fantastische Film der Cohen-Brüder, „Oh Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odysee“, ließ mich die „Roots“ entdecken. Seine und die des Rock. Die ländliche Musik des armen schwarzen und weißen Amerikas lieferte den Urstoff für die Rockmusik. Diese Wurzeln werden heute von den Musikrichtungen Classic Country, Bluegrass, Alternative Country, den verschiedenen Spielarten des Blues, von Roots-Rock und Americana gepflegt. Das ist die Musik, die ich höre und weswegen wir in den Süden fahren.

Auf ihren Spuren wandeln wir in Meridian, Nashville, Memphis oder Clarksdale. Überall da, wo es um die Musik und die Menschen geht. Graceland sparen wir uns da lieber. Auf diesem Blog werde ich so regelmäßig wie möglich kurze Reiseberichte einstellen. Viel Spaß beim Lesen!

Sterne schauen

20. August 2010

Warum manche aufgehen und andere nie strahlen

Nachdem wir im letzten Herbst die „Felice Brothers“ gesehen hatten, schrieb ich begeistert über „neue Sterne am Musikhimmel“. Da ich mittlerweile dem einen oder anderen dieses Prädikat nicht verliehen habe und anderen, von denen gleich die Rede sein wird, schon, wollte ich hier erstmal kurz über Begründungskategorien sprechen.

Folk/Rock/Blues/Country ist idealerweise Musik, die spontan und nicht kalkuliert von Menschen für Menschen produziert wird. Sie hat ihre Wurzeln in ruralen Ausdrucksformen des ländlichen weißen und schwarzen Amerika und entstand in ihren Urformen in den 20er bis 50er Jahren. Ihre Elemente lassen sich zurückverfolgen bis zu den Volksliedern der weißen Einwanderer und schwarzen Sklaven aus Afrika. Roots/Americana wie ich es mag, lässt den Hörer diese Wurzeln spüren, indem es stets an eine bessere Welt glaubt, aber auch bis zum äußersten die Tragik und Brutalität des wirklichen Lebens nicht ausspart.

Es geht hier aber nicht um Authenzität. Kein Bluesrocker ist schon dadurch ein besser Musiker als beispielsweise Bob Dylan, nur weil er seit Jahrzehnten immer nur für wenig Geld durch die Clubs tingelt und nicht per Jet um die Welt fliegt und in den großen Konzerthallen auf „Never-Ending-Tour“ ist. Es geht um die Seele und das Verständnis. Das hat wenig mit der Anzahl der Gitarrengriffe und der Fingerfertigkeit oder der Klarheit der Stimme, sondern mit dem Verständnis für die Seele der Musik zu tun. Und daher ist Bob Dylan einer der größten Musiker aller Zeiten geworden und beispielsweise Suzanne Vega immer nur eine artifizielle Kaffeehaus-Folk-Tante geblieben. Auch wenn sie schöne Lieder singt.

Wichtig ist eben auch die Bandbreite der Gefühle. Immer nur Dur oder immer nur Moll, immer nur nachdenklich oder immer nur Spaßkapelle geht am Leben vorbei. Und daher sind die von mir beobachteten „The Low Anthem“ nicht in die Sterneliste aufgenommen worden. Immer nur slow, immer nur moll, dazu völlig verkopft, ähnlich wie die zu früh zu hochgejubelten Crash Test Dummies vor ein paar Jahren.

Namentlich nah, doch musikalisch Lichtjahre entfernt sind „The Gaslight Anthem“. Ein Beweis, dass strenge Folk-Geometrie weiter von der Seele des Americana entfernt ist, als Indie-Rock. Die „Gaslights“ begannen als Indie-Punkrocker und kombinieren dies nun gekonnt mit Mainstream-Einsprengseln. Ihre Platte „American Slang“ besticht durch die lässig hingeworfenen Pretiosen. Dabei hat diese Gruppe noch Luft nach oben. Eine der neuen Hoffnungen des American Rock. Nicht mehr und nicht weniger. Am 11. November spielen sie in Frankfurt am Main. Wir sind dabei.

Nur wenige Tage später (14. November) wird Frankfurt durch einen Neo-Folkie gerockt, der es in sich hat. Wer das 3.456ste gefühlige Gitarrenmädchen für den Starbucks-Soundtrack nicht mehr ertragen kann – deren Urahnin ist ja niemand anderes als die Altersunweise Joni Mitchell, so manche musikalische Größen entpuppen sich in späten Jahren eben als Scheinriesen – dem sei „The Tallest Man On Earth“ empfohlen. Wie hieß es in der Konzertankündigung: Er stellt ein „Rockstar-Role-Model“ dar. Und deswegen ist der so oft überstrapazierte Dylan-Vergleich hier so passend. Seine Musik, sein Gesang sind expressiv, nicht depressiv. Sein harter Gitarrenanschlag schreit nach Elektrifizierung, seine Songs sind Kunstwerke, gerade weil sie nicht Kunst sein wollen, geschweige denn gekünstelt sind.

Wir sehen uns im Herbst auch diesen neuen Stern an. Was davor kommt – das Eintauchen in die Musiktraditionen an ihren Geburtsstätten – das wird in den nächsten Wochen hier Thema sein.

My Heart is in the Heartland

18. August 2010

John Mellencamp und Joey Goebel – Brüder im Geiste

Große amerikanische Autoren der Gegenwart heißen Ford, Auster oder DeLillo. Sie schreiben Psychogramme über Anwälte, Banker, Hochschullehrer oder PR-Agenten in New York, den Metropolen des Nordens oder den Universitätsstädten der Neu-Englandstaaten. Mich langweilen diese Autoren. Die Ostküstenelite betreibt Nabelschau und versteht die Welt und ihr Amerika nicht mehr. Und so sehr ich New York liebe – es ist leider nicht typisch für die USA.

Auch die beiden anderen popkulturell bedeutenden Landstriche, der Süden und die Westküste sind nicht typisch für die USA. Reden wir lieber vom „Heartland“. Diese Staaten – Nebraska, Indiana, Iowa oder Kansas gehören dazu – sind geprägt von Weizenfeldern, die bis zum Horizont reichen. Hier im ländlichen Raum ist man besonders konservativ, patriotisch, anti-intellektuell und religiös. Wer von hier stammt und einen kritischen Kopf besitzt, will eigentlich schnell weg. Der Musiker John Mellencamp und der Musiker und Schriftsteller Jerry Goebel sind aufgebrochen und doch geblieben. Sie sind kritische Köpfe und lieben die Menschen ihres Landes. Bei aller Verzweiflung über deren Hinterwäldlertum.

Mellencamp begann Ende der 70er als John Cougar und später John Cougar Mellencamp. Einer, den ich eigentlich immer hinter Springsteen oder Petty in die hintere Reihe der Mainstream-Rocker eingeordnet habe. Hatte ein paar veritable Hits, war sogar bei Dylans 30. Plattenjubiläum dabei. Dann erwischte ihn ein Herzinfarkt, der nicht nur physisch dazu führte, dass er das Arbeiter-Stadion-Rockertum sein ließ. Die Zeit, in der auf Eis lag, diente ihm dazu, über sich und die Welt nachzudenken. Eine soziale Ader und ein aufgeklärtes Amerikaner-sein war bie ihm immer schon angelegt. So gründete er 1985 – inspiriert durch Bob Dylans Aussagen bei „Live Aid“ – zusammen mit Willie Nelson „Farm Aid“ für die verarmten Farmer des Mittelwestens. Mellencamp ging musikalisch und inhaltlich zurück zu den amerikanischen Ursprüngen. Kritisierte offen Fehlentwicklungen wie George W. Bush und bekam dafür von konservativen Radiostationen Sendeverbot. Doch sein Land liebt er ungebrochen. Ebenso engagierte wie fast schon naive Hymnen wie „Small Town“ oder „Our Country“ zeugen davon. Seine neue Platte „No Better Than This“ ist eine faszinierende Zeitreise in eine bessere Welt und zu seiner Jugend.  Hin zu den musikalischen Wurzeln der amerikanischen Populärmusik in Blues, Folk und Country.

Joey Goebel ist ein junger Schriftsteller aus Henderson, Kentucky und früher Sänger einer Punkrockband. Mit seinem Roman „Heartland“ zeichnet er ein beängstigend realistisches Bild des amerikanischen Hinterlands. Fernab der weltoffenen Küstenstriche, der liberalen Großstädte wie New York, Chicago, Los Angeles oder San Francisco hat sich ein bigotter christlich-kapitalistischer Fundamentalismus entwickelt, vor dem einen Grausen lässt. Goebels entlarvende Schilderung der manipulativen Umtriebe der Unternehmerfamilie Mapother ist beste Aufklärungsliteratur. Und das völlig ohne den missionarischen Holzhammer-Zeigefinger des antikapitalistischen Trash-Popstars Michael Moore.

Goebel liebt seine Figuren, liefert sie nicht aus, findet Erklärungen für die Entwicklung des fehlgeleiteten Sohnes, der Politikerhoffnung John, ohne dessen fragwürdiges Vorgehen zu entschuldigen. Goebels Roman, indem für eine kurze Zeit die Menschen ihre Interpretation des amerikanischen Glücksstrebens in der basisdemokratischen Kommune sehen, erinnert phasenweise an Frank Capras sozialromantische Filme der 30er und 40er Jahre. Und Blue Gene Mapother könnte ein George Bailey des 21. Jahrhunderts sein. Nur ist das Thema von Goebel viel böser auf den trashigen Zustand der heutigen amerikanischen Unterschicht übertragen worden. Anders als bei Capra gewinnt am Ende nicht das Gute. Dazu haben sich die kollektiven Niederlagen der amerikanischen Utopien von McCarthy, Vietnam-Krieg und der Ermordung der Kennedys und von Martin Luther-King bis hin zu den Schrecken der Bushs, den Irak-Kriegen und dem Clinton-Clan zu sehr eingebrannt. Das Ende bleibt unbestimmt.

Doch die Hoffnung bleibt. Denn beide – Mellencamp und Goebel – bezeugen mit ihrer Kunst immer wieder: Auch wenn die Realität schrecklich ist: das Land und seine Menschen haben einen guten Kern.

Platte: John Mellencamp – “No Better Than This” (Universal).
Buch: Joey Gobel – “Heartland” (Diogenes).

On The Road Again

22. Juni 2010

Willie Nelson begeistert in Stuttgart

Punkt 19.30 Uhr öffnet sich ein Tor zur Freilicht-Arena, rechts oberhalb der Bühne. Ein schmächtiger Mann mit Cowboyhut nimmt die vielen Treppenstufen, die nach unten führen, sorgfältig, aber bestimmt. Neben ihm wird eine Frau die Stufen hinuntergeführt. Es sind Willie Nelson und seine Schwester Bobbie, die mit einer Handvoll Musikern verstärkt, als Willie Nelson & Family wieder auf Tour sind, an diesem Abend gastieren sie in der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg.

Noch einmal Willie Nelson sehen, dachten wir uns, als wir davon erfuhren dass der 77-jährige Ausnahmekünstler nun endlich wieder einmal in Deutschland unterwegs ist. Also hieß es am 19. Juni: Auf in die Schwabenmetropole! Während den ganzen Tag über in Stuttgart Sprühregen angesagt war und wir auf der Fahrt immer wieder durch Regengebiete kamen, war es bei der Ankunft am Höhenpark Killesberg trocken und so blieb es auch den ganzen Abend lang.

Die Freilichtbühne Killesberg ist eine kleine schmucke Freiluftarena, vergleichbar mit der Bühne im Hamburger Stadtpark, Kapazität 3.000 bis 4.000 Zuschauer, von jedem Platz aus gute Sicht und relativ nah dran. Die Atmosphäre an diesem Abend: Gelassen, aber mit Vorfreude. Und: Heute darf man Hutträger sein. Wir haben tolle Plätze in der ersten Reihe des zweiten Blocks, unverstellbare Sicht und los geht’s mit oben beschriebener Szene.

Willie ergreift seine abgeschabte Gitarre namens „Trigger“ und nimmt uns mit auf einen 90minütigen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Countrymusic, in der er als Protagonist des „Outlaw-Conutry“ bekanntermaßen eine wichtige Rolle einnimmt. Doch heutzutage nimmt er sich zurück, geht völlig in den Songs auf und tritt hinter sie. Seine eigenen Klassiker, wie „On The Road Again, „Whiskey River“, It’s Funny How Time Slips Away“, lässt er neuere folgen wie „Whiskey For My Men And Beer For My Horses”. Doch dann blättert er das große Liederbuch auf. Singt Songs von Waylon Jennings, gibt mehre Stücke von Hank Williams („Hey Good Lookin’“, „Jambalaya“) zum besten und geht sogar bis zu den Genrewurzeln zurück, in dem er die Traditionals „Will The Circle Be Unbroken“ und „I’ll Fly Away anstimmt.

Immer wieder fordert er uns zum Mitsingen auf, was wir auch gerne tun. Da aber Willies Gitarrenspiel und die Songarrangements immer wieder mal ins jazzige gehen – er spielt mehr Jazz- als Westerngitarre – ist das aufgrund der mitunter verschnörkelten Melodieführung nicht ganz einfach. Zum Hören ist diese Musik aber immer ein Erlebnis. Willies Gitarre, Bobbies mit Boogie-Woogie-Figuren durchtränktes Klavierspiel und Mickey Raphaels feine Mundharmonikasoli prägen unverwechselbar den Sound, während der Bassist solide begleitet und die beiden Percussionisten doch etwas abfallen.

Die Stimmung ist prächtig und als Willie dann „I Saw The Light“ zum Abschied intoniert, springt alles auf und es weht ein Hauch von Südstaaten-Gospel-Gottesdienst durch die pietistische Landeshauptstadt und der Country-Veteran wird sicher für so manchen im Publikum in diesem Augenblick zu Prediger und Messias in einem. 21.05 Uhr geht Willie ab und hinterlässt eine beglückte Gemeinde!

Aus der Tiefe des Raumes

14. Juni 2010

Bob Dylan interpretiert in Linz seine Rolle als Spielmacher neu

Jahrelang fand er seine Verwirklichung darin, das  Spiel von den Flügeln aus anzukurbeln. Wahlweise klebte er am linken oder rechten Spielfeldrand an der Saitenauslinie und bearbeitete dort das Spielgerät in seiner typischen unorthodoxen, die Mitspieler und das Publikum stets überraschenden Spielweise, die aber letztlich aber immer unterhaltsam und erfolgreich ist.

Gerade kam erste Kritik auf, seine letzten Auftritte seien zu statisch gewesen und dass er nicht mehr dahin gehe, wo es wirklich weh tut. Da raffte sich die Spielmacher-Legende wieder einmal auf und erfand ihr Spiel nochmals neu.

Rechtzeitig zur WM kommt er nun verstärkt aus der Tiefe des Raumes und nimmt wieder das Zentrum des Spielfeldes ein, um dort auch den Applaus der Galerie zu ernten.

Wer Bob Dylan bei seinem Auftritt dieser Tage in Linz sehen konnte, der durfte eine gut aufgelegte, vor Spielwitz nur so sprühende Musiklegende erleben. Immer wieder tänzelt er von hinten nach vorne in die Mitte und spielt dort an dem Platz, den er so lang verwaisen ließ, mal Gitarre, mal Mundharmonika und crooned und posed vor allem, dass es nur so eine Freude ist. Dylan freut sich, hat Spaß mit sich, der Musik, den Mitspielern und dem Publikum und gibt ein fast perfektes, gut zweistündiges Konzert.

Eingerahmt von Rythm & Blues-Nummern wie Leopard Skin Pill-Box Hat, Highway 61, Thunder On The Mountain oder Jolene sind es die langsamen Erzählstücke, die begeistern: Tangled Up In Blue in einer ungewohnten neuen Fassung, The Lonesome Death Of Hattie Caroll sehr anrührend, Ballad of Hollis Brown als Bluegrass-Ballade, Not Dark Yet als dunkler Todes-Monolog oder What Good Am I als vertonter Selbstzweifel. Dazu als Abschluss und Höhepunkt ein fast schon hymnisches Ballad Of A Thin Man.

In der Nachspielzeit griff er mal wieder tief in die Trickkiste und zauberte mit Forever Young eine zuletzt selten gespielte Pretiose hervor, die wieder einmal deutlich machte, welch spielerische Ausnahmeerscheinung, dieser letzte Libero im mittlerweile so perfekt durchorganisierten Spielbetrieb eigentlich ist. Abpfiff und die Arena tobt!

Setlist:

1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. The Man In Me
3. I’ll Be Your Baby Tonight
4. Tangled Up In Blue
5. The Levee’s Gonna Break
6. The Lonesome Death Of Hattie Carroll
7. I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
8. Ballad Of Hollis Brown
9. Honest With Me
10. What Good Am I?
11. Highway 61 Revisited 
12. Not Dark Yet
13. Thunder On The Mountain
14. Ballad Of A Thin Man
   Zugabe:
   
15. Like A Rolling Stone
16. Jolene
17. Forever Young

Bobby & Willie

5. Mai 2010

Aus der großen Reunion auf der Bühne wird es nix. Zu unterschiedlich sind die Tourpläne. Während Willie Nelson drei Konzerte hierzulande spielt, zeigt His Bobness Deutschland diesmal die kalte Schulter. Wie zuletzt 2008. Und davor 1997 und davor 1992. Dylans Besuche in schöner Regelmäßigkeit waren in den letzten Jahren fast so sicher wie das Amen in der Kirche. Während Willie nur sporadisch den Weg über den großen Teich fand und findet.

Doch das diesjährige Dylan-Jahr lässt einem im Moment etwas am Meister zweifeln. Nach den vor Kreativität fast überbordenden Jahren 2004 bis 2009, scheint er sich selbst Zurückhaltung auferlegt zu haben. Ein paar Wochen Tour in Fernost, dann zwei Monate Pause, dann ein paar Wochen Tour in Europa und dann? Keine Platte, kein Gastauftritt, nicht mal irgendwas für die bunten Seiten. Erste Alterserscheinungen oder hebt er sich das große Besteck für kommendes Jahr auf? Der 70. Geburtstag naht. Doch vor dem kommt erstmal der 69. Geburtstag und den feiern wir natürlich mit den DoubleDylans in der Frankfurter „Filiale“. The Same Procedure as last year…

Gegen Willie mit seinen 77 Jahren ist Bobby ein Jungspund. Faszinierend wie klar Stimme, Geist und Wesen des texanischen Outlaws immer noch sind. Zeugnis legt hierfür unter anderem sein neues Werk „Country Music“ ab, kongenial produziert von Wunderkind T-Bone Burnett. Willies Country Music ist so wie ich sie am liebsten mag. Traditionell in der Instrumentierung und im Gefühl, modern und innovativ in der Spielweise und in der Produktion, subversiv zu den Zeitläufen. Willie am 19. Juni in Stuttgart live auf der Bühne diese Lieder spielen zu sehen, ist ein Traum.

Ebenso wie Bobby in Linz. Denn kommt er nicht zu uns, dann fahren wir ihm halt nach. Linz ist soweit nicht entfernt, eine erholsame Zugfahrt, ein schönes Wochenende in der Kulturhaupstadt 2009 und unsere Dylan-Geschichte ist für dieses Jahr wieder ins Lot gebracht.

Aber Bobby und Willie auf einer Bühne sehen, das wäre was… Man muss ja schließlich noch Ziele haben!

Vorfreude auf Cajun-Country

30. März 2010

Cajun Roosters begeistern in Rüsselsheim – Kulturabend unter Folk-Senioren

Cajun Roosters, copyright: Cajun RoostersQuasi als Vorbereitung auf unsere Mississippi-Musik-Rundreise im Herbst haben wir am vergangenen Wochenende ein Konzert der Cajun Roosters besucht. Der Rüsselsheimer Folkverein „Dorflinde“ hatte die führende europäische Cajun-Formation eingeladen und die durften in einem prall gefüllten Festungskeller spielen.

Cajun ist bekanntermaßen die Volksmusik der Franko-Kanadier, die nach dem britisch-französischen Krieg in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus der ostkanadischen Region Akadien fliehen mussten. Viele Akadier siedelten sich in Louisiana an. Dieses war damals gerade aus französischem Besitz zu Spanien gekommen, hatte aber den französischen Gouverneur behalten. Gesungen wird altfranzösisch, die Musik ist eigentlich vor allem Tanzmusik, die von Akkordeon und Geigenklängen dominiert wird. Kombiniert mit schwarzen kreolischen und afro-amerikanischen Einflüssen ist das verwandte Zydeco entstanden.

Mit beiden Spielarten warteten die Cajun Roosters im Rüsselsheimer Festungskeller auf, beeindruckten mit ihrer Authenzität, dem Gespür für die Seele der Musik und ihrer Kunstfertigkeit an den Instrumenten. Insbesondere Frontmann und Akkordeonspieler Chris Hall ist für das hohe künstlerische Niveau der Gruppe zuständig. Cajun ist wie schon bemerkt vor allem Tanzmusik und daher in seiner Ursprungsform schwer auf die Konzertform zu übertragen. Zu wenig variantenreich sind oftmals die Melodielinien und die langen Instrumentalstücke machen es einem mitunter nicht eben einfach, dranzubleiben. Beim Tanzabend steht denn auch die Band im Gegensatz zum Konzert nicht im Mittelpunkt, da tanzt man und wenn man nicht mag, dann wird erzählt und getrunken. Das wusste auch Bassist Michael Bentele zu berichten. Doch wenn man trotzdem die Konzertform wählt, sollte man auch entschiedener das Lied in den Mittelpunkt stellen. Songs im Cajun- und Zydecorythmus, das wäre sicher noch besser.

Dennoch: Es war ein sehr schöner und mitreißender Abend – und dann noch Van Morrisons „Precious Time“ als letzte Zugabe! Die Musik bereitete Vorfreude auf Louisiana im kommenden Herbst.

Es war aber auch aus anderen Gründen ein sehr interessanter Abend. Als Mittvierziger senkten wir den Altersdurchschnitt doch erheblich. Denn zu unserer großen Verblüffung waren fast alle Köpfe im Auditorium grau. Die Generation 60 plus war eindeutig in der Mehrheit. Und vom Habitus eindeutig dem linken Spektrum, also dem klassischen Publikum des politischen Folk zuzuordnen. Das war also die Anhängerschaft des Folkclubs „Dorflinde“. Zusammen mit dem Mobiliar des Festungskellers, das wohl aus dem Essensraum einer Altentagesstätte entliehen war, und den hier und da etwas zu volkshochschulmäßig ausufernden Ansagen von Michael Bentele, ergab das zeitweise die Anmutung eines Kulturabends unter Polit-Senioren.

Aber die Stimmung der Alten war gut – die sind eh in vielerlei Hinsicht jünger als die karrieregeilen Mittdreißiger der Generation Westerwelle – das Konzert rief große Begeisterung hervor und am Ende waren wir alle glücklich – vielen Dank an die Cajun Roosters!

Die fabelhaften Doubledylans

15. Februar 2010

Ihren 10. Geburtstag konnte jüngst Deutschlands beste Dylan-Coverband, die Frankfurter Doubledylans feiern. Während die Zimmermänner aus Aschaffenburg Dylan im Mainstream-Rock-Gewand zum Langweiler mutieren lassen oder Dirk Darmstädter vor Dylansongs ehrfürchtig in musikalischer Schockstarre verweilt, spielt keiner Dylan so wie die Doubledylans, denn nur sie spielen die Dylan-Sachen beflügelt vom Dylan’schen Geist: Anders, Schräg und stets auf dem Drahtseil tanzend.

Zum Jubiläum haben Sie ein Buch mit dem Titel „Hut ab!“ vorgelegt, das ihre Geschichte anhand von Geschichten erzählt. Beigesteuert haben diese Freunde und Weggefährten. Dieser Kreis ließ nun vor wenigen Tagen die Doubledylans hochleben. Ein denkwürdiger Abend in der „Brücke“ in  Sachsenhausen. Lesungen wechselten sich ab mit Musikdarbietungen der Doubledylans. Eine illustre Runde war da bei der „Rele(a)sung“ von „Hut ab!“ zusammen gekommen und feierte weit hinein in den Samstagmorgen.

Die Doubledylans starten nach 10 Jahren nun erstmal wieder richtig durch. Denn auch hier halten Sie es wie der Meister selbst: „Keep on keeping on…“

Bob Dylan’s White House Blues

2. Februar 2010

His Bobness trifft Mr. President

Das neue Jahr fängt so an, wie das alte aufgehört hat. Bob Dylan ist produktiv wie eh und je. Kaum war seine Fernost-Tour unter Dach und Fach und für März/April angekündigt, erfuhr man, dass der alte Zimmermann beim jungen Obama aufspielen wird. Am 10. Februar tritt Dylan beim Konzert im East Room des Weißen Hauses auf. Zusammen mit Natalie Cole, Smokey Robinson, John Mellencamp und anderen spielt er im Rahmen eines Konzerts mit dem Titel „In Performance at the White House: A Celebration of Music from the Civil Rights Movement“  Dies findet wiederum anlässlich des „Black History Months“ statt. Das Konzert wird in den Staaten auch im Fernsehen und im Radio übertragen.

Dylan wird damit das erste Mal im Weißen Haus spielen. Doch nicht zum ersten Mal folgt er der Einladung eines US-Präsidenten und ein Rückblick auf die Beziehungen von Dylan zu den amerikanischen Staatsmännern lohnt sich.

Aufgewachsen ist Dylan in der bleiernen Eisenhower-Zeit. Daher verband er ebenso wie fast alle Menschen seiner Generation große Hoffnungen mit dem Amtsantritt von John F. Kennedy. Auch wenn das Vertrauen unterdessen – Stichwort „Kubakrise“ und „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ als Reaktion darauf – doch Risse zeigte, war der junge Bobby über die Ermordung von Kennedy total erschüttert und es mag durchaus auch in dieser Erfahrung begründet sein, dass Dylan immer weniger Lust verspürte, den politischen Messias zu geben.

Lyndon B. Johnson, Richard Nixon und Gerald Ford waren dann Präsidenten mit denen das linke und liberale Amerika herzlich wenig anfangen konnte. Erst mit Jimmie Carter keimte wieder Hoffnung auf. Der empfing noch als Gouverneur von Georgia Bob Dylan auf seiner Comeback-Tour 1974 und sprach als Präsident von Dylan als seinem „guten Freund, dem Sänger Bob Dylan“. Der wiederum bezeichnete den Erdnussfarmer aus Atlanta als „ehrlichen“ Mann.

 Doch leider war Carter nur eine demokratische Episode inmitten der republikanischen Präsidenten. Reagan und George Bush sen. waren und blieben Verfechter der Interessenslogik von Konzernen und Militär. Umso mehr Hoffnungen verbanden sich mit der Präsidentschaft von Bill Clinton. Endlich einer aus der Generation der Baby-Boomer, ein saxofon-spielender Demokrat aus dem Süden. Prompt spielte Dylan auf dessen Inaugurationsfeier 1993 vor dem Lincoln Memorial als Überraschungsgast. Und 1997 ehrte der mittlerweile doch in beträchtlichen Schwierigkeiten steckende und insgesamt politisch enttäuschende Clinton unseren Bob mit der Auszeichnung eines Kennedy-Center-Awards.

Doch Dylan blieb seiner Linie so weit wie möglich Abstand zur offiziellen Politik zu halten auch weiterhin treu. Auch wenn George W. Bush ihn mit Urkunde zum „Ehren-Texaner“ erklärte. Den Mann nahm Dylan als amerikanischen Präsidenten ohnehin nicht ernst.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der Musikbranche – samt eines Tony Garnier, der während eines Konzerts schon mal einen Obama-Button trug – war Dylans Begeisterung für den neuen Hoffnungsträger Obama doch relativ verhalten. Dylan versteht die engen Grenzen der Möglichkeiten zur Veränderung der amerikanischen Politik instinktiv recht gut und investierte daher wenig öffentliche Emotionen in den Wandel, den er allerdings ebenfalls als notwendig bezeichnete. Dylan war diesmal bei der Inauguration nicht dabei.

Umso überraschender – aber gerade deswegen wieder typisch Dylan – dass er nun dieser Einladung Folge leistete, im Weißen Haus aufzuspielen. Und dass noch explicit zu einem Thema, mit dem man den Dylan von heute jetzt nicht unbedingt auf der Rechnung hat. Doch Dylan zapft immer wieder seine eigenen Quellen an, setzt sich mit seinen Wurzeln auseinander. Daher ist der Auftritt im Weißen Haus auch im Zusammenhang mit seiner Mitwirkung am Soundtrack von „The People Speak“ zu sehen. Er arbeitet sich an seiner Folk-Vergangenheit ab. Dylan weiß, woher er kommt und bestimmt stets selbst die Richtung in die er geht. Da würde einen jetzt auch eine von den Obamas arrangierte Reunion mit Joan Baez nicht mehr wundern.

Dass Dylan gerade jetzt Obama trifft, dessen Hoffnungsträger-Lack mittlerweile deutliche Schrammen aufweist, kann man auch als eine Art Solidaritätsbekundung verstehen. Denn Obama hat genau mit diesem übersteigerten Messianismus zu kämpfen, gegen den sich Dylan zeitlebens gewehrt hat. „Trust Yourself!“ und „Yes, We Can!“ liegen gar nicht so weit auseinander. Beide wollten und wollen, dass die Menschen sich nicht führen lassen, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wer weiß, vielleicht spielt Dylan ja als Zugabe eine auf Obama gemünzte Version des „White House Blues“…