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Biber Herrmann

6. September 2015

Biber_Cover_1523Es gibt Künstler deren Namen hat man schon so lange und schon so oft gehört. Hat immer mal wieder mit Interesse über sie gelesen. Man hat schon gewusst, dass sie gut und wichtig sind, aber aus irgendeinem Grund hat man bislang nicht zu ihnen finden können.

Biber Herrmann war bis Samstag, 29. August 2015, so einer für mich. Natürlich hatte ich die Lesungen von Fritz Rau mitbekommen, bei denen Biber für die musikalische Begleitung sorgte. Aber obwohl oder gerade weil ich Fritz Rau kurz vor seinem 80. Geburtstag interviewen durfte, schaffte ich es nicht auf eine seiner Lesungen. Heute weiß ich, dass ich nicht nur seine großartigen Erzählungen versäumt habe, sondern auch die Auftritte eines der „wichtigsten und authentischsten deutschen Folk- und Blueskünstler“, so Rau über Biber.

Beim Germanicana-Folkfestival in Darmstadt war es aber dann soweit. Biber, weit über die Rhein-Main-Region hinaus bekannt, war unser Headliner. Und was für einer. Ein sympathischer Künstler und Mensch. Und ein fantastischer Musiker. Ein großartiger Instrumentalist und feiner Songwriter.

Ein gutes Beispiel dafür ist seine aktuelles Album „Grounded“. Da stehen eigene Songs lässig neben Coverversionen von Songs aus der Feder von Robert Johnson, Leadbelly oder Bob Dylan. Denn Biber unterzieht sie seiner fürsorglichen, respektvollen Anpassung an seinen eigenen Stil. Musikalisch virtuos interpretiert, mit einer eigenen Lässigkeit und Lakonie gesungen, behalten sie ihre Seele und ihre Aussage. Denn Biber ist keiner, der das alte Bluesschema überstrapaziert. Er lehnt sich an, geht aber eigenständige Wege.

Wie kein anderer versteht es Biber, als Solokünstler Melodieführung, Umspielen der Melodielinie und Rhythmusbegleitung auf nur einem Instrument miteinander so stimmig zu vereinbaren, dass es einen in den Bann zieht. Ich möchte nur einen Song von diesem wunderbaren Album hervorheben, weil er beispielhaft für Bibers Werk ist.

Biber Herrmanns Version von Bob Dylans „Maggies Farm“. Dem alten Mitsechziger Klassiker, der Dylans Rebellentum unterstreicht. Nein, er möchte kein Lohnsklave für irgendjemand sein. Dylan hat seinen Song wie es ihm eben eigen ist, im Laufe seiner Karriere immer wieder in neue Arrangements gesteckt. Tuckerte das Original noch recht solide herum, war die 1976er Rolling Thunder viel entschiedener und lauter in der Ansage, war die 1978er Budokan-Version eine Breitwand-Rockfassung mit japanischen Verzierungen, während die 1984er Version wieder eher konventionell straight nach vorne gespielt war.

Bibers Version ist Blues in seiner besten Form. Leid mischt sich mit Protest, die Musik treibend und wandernd. Denn wer nicht auf Maggies Farm arbeiten will, der muss das Weite suchen. So wie die Schwarzen, die nicht mehr irgendeinem Herren dienen wollten, sich auf den Highway nach Norden begaben.

Biber Herrmanns Version von Maggies Farm – eine der schönsten, die ich kenne – ist es alleine schon Wert, dieses Album in seiner Sammlung zu haben. Aber auch die dreizehn anderen Stücke wie „Angels In The Rain“, „Going Up The Country“ (ebenfalls großartig!), oder „Sweet Nun“ verführen zum bewussten Musik hören. Also: Platte besorgen, CD in den Player und auf Endlosschleife laufen lassen. Endlos schön!

On the Road again

2. November 2014
Nashville, Tennessee, Broadway

Nashville, Tennessee, Broadway

Nächstes Jahr ist es dann endlich wieder soweit. Wir machen uns wieder auf die Reise. Wir komplettieren unseren musikalischen Südstaaten-Trip. Nach Memphis (Rock’n’Roll), Mississippi-Delta (Blues), Nashville (Country-Kapitale und „Music City USA“), New Orleans (Jazz und Cajun) und Austin (Texas-Country und „Live-Music Capital of the world“) werden wir uns diesmal in den Appalachen an die Geburtsstätten der Mountain Music in Virginia begeben und Bristol, Tennessee, besuchen, wo 1927 mit der Entdeckung von Jimmie Rodgers und der Carter Family der Big Bang der Countrymusik stattfand. Dann werden wir natürlich noch ein paar Tage in Nashville sein, wo es immer noch neues zu entdecken gibt. Und dann über Montgomery, Alabama, wo sowohl Hillbilly-Shakespeare Hand Williams, als auch die Bürgerrechtskämpferin Rosa L. Parks lebten, und Atlanta nach Charlotte, North Carolina, fahren. Von dort aus fliegen wir dann zurück.

Es ist einfach uramerikanisch das große Land zu bereisen. Die Pioniere taten es, die Opfer der Sandstürme in den 1930er Jahren taten es, die Hobos taten es, Woody Guthrie tat es und Bob Dylan tut es noch heute. Auch der große John Steinbeck, der mit „Früchte des Zorns“ den von Natur- und Kapitalgewalt gleichermaßen Deklassierten ein Denkmal setzte, bereiste das Land. 1960 mit seinem treuen Hund Charley an der Seite. Mehr als 50 Jahre später machte sich Geert Mak auf exakt denselben Weg. Und fand ein völlig verändertes Land vor. Amerika ist gespalten: Wirtschaftlich, sozial, politisch, ethnisch, religiös. Diese nicht so neue Diagnose – gerade wiesen wir an dieser Stelle auf George Packers „Die Abwicklung“ hin – wird von Mak aber unter verschiedenen Blickwinkeln und literarisch sehr unterhaltsam vorgetragen. Wir erfahren viel über John Steinbeck, erlangen nicht nur politisch-historische, sondern auch mentalitäts- und religionsgeschichtliche Einblicke in die Entwicklung der Vereinigten Staaten. Geert Maks „Amerika!“ ist das Buch eines verzweifelten Amerika-Liebhabers. Die Perspektive kennen wir nur zu gut.

Wenn wir nächstes Jahr in die USA fahren, dann interessiert uns die Welt der einfachen Menschen. Uns interessieren nicht die reichen Rentner in Florida oder Disneyworld. Wir brauchen keinen Grand Canyon-Nationalpark und keine Harley-Träume auf der Route 66. Dorfkneipen, Honky-Tonks und Tanzböden im armen Süden vermitteln einen guten Eindruck über dieses Land. Und die Musik: Folk, Country und Americana als Musik des armen und des anderen Amerika. Country als Musik der Klasse an sich und Folk und Americana als Musik der Klasse für sich. Darum ist jede unserer Reisen durch die USA auch ein bisschen eine politische Bildungsreise.

In den nächsten Wochen wird also recherchiert, Routen geplant, Stationen und Stopps gecheckt. Und die Vorfreude wächst. So kommt man durch den Alltag.

Und hier ein bisschen Musik für unterwegs:

Dave Alvin

14. April 2012

 Es ist an der Zeit, hier einmal Dave Alvin zu würdigen. Alvin ist schon einige Jahre im Geschäft und einer interessantesten Künstler im Americana/Roots-Rock-Bereich. Stets viel Lob für seine klasse Musik erhalten, aber nie den ganz großen Erfolg gelandet. Schon lange verfolge ich sein Wirken. Das erste Mal stieß ich auf Ihn, als ich Anfang des Jahrtausends in Folge von „Oh Brother, where art thou?“ die traditionelle amerikanische Musik nur so aufsog. „Public Domain“ hieß sein Album mit Folksongs aus dem Jahre 2000, für das er einen Grammy für das “Best Contemporary Folk Album” erhielt. Später war es dann seine Zusammenarbeit mit den „Guilty Women“ – darunter Cindy Cashdollar von „Asleep At The Wheel“ – auf die ich im Internet zufällig stieß. Die Platte, die beide Seiten zusammen machten war gut, aber nicht ganz so gut wie die Liveauftritte, die am im Netz sehen konnte.

Und manchmal verliert man einen Künstler ein bisschen aus dem Blick. So ging bei mir völlig unter, dass er im vergangenen Jahr das Album „Elven, Eleven“ heraus gebracht hat. Und weil das nicht sein darf, weil dieses Album so gut ist, stelle ich es kurzerhand hier vor.

„Eleven, Eleven“ startet mit coolem Gitarren-Bluesrock. Inhaltlich erzählt der erste Song auf der Platte von einer alten Liebe entlang der „Harlan County Line“. „Johnny Ace Is Dead“ ist ein typischer Alvin-Song. Fast im Reportagestil erzählt und mit treibendem Beat handelt er von den Geschehnissen rund um den tragischen Tod von Johnny Ace. Ein weiterer Anspieltipp ist „Black Rose Of Texas“. Ein trauriges, einfühlendes Lied über eine Frau, die kein Glück im Leben und mit den Männern hatte. Den starken Anfang komplettiert sein Bericht über „Gary, Indiana“ im Jahr 1959. Damals als es noch Stahlindustrie und starke Gewerkschaften gab. Americana vom Feinsten und Dave Alvins Songwriterkunst ist absolute Spitze. Weiter geht es mit groovenden Rootsrock, der aber auch einmal von einer langsamen Tex-Mex-Ballade wie „No Worries Mija“ unterbrochen wird. Weitere Höhepunkte der Platte sind die Duette mit Christy McWilson von den „Guilty Women“ bei „Manzanita“ und mit seinem Bruder Phil Alvin bei „What’s Up With Your Brother?“.

Eine wunderschöne, gleichsam relaxte wie engagierte Platte, bei der neben den Geschichten, die erzählt werden und der Musik vor allem natürlich auch die sonore Stimme Dave Alvins einfach nur gut ist.

Unten stehend ein kleiner Ausschnitt aus einem Konzert von „Dave Alvin & The Guilty Women“, der ihre Live-Qualitäten eindrucksvoll belegt. Wäre schön, wenn der alte Americana-Haudegen auch mal den Weg nach Deutschland finden würde.

Retro und Spaß dabei!

21. September 2011

Kitty, Daisy & Lewis begeistern in der Centralstation

Begeistertes Publikum, zufriedene Gesichter und überall gute Laune. Und das nur weil drei Geschwister Musik gemacht haben? Manchmal kann es eben so einfach sein, wenn es gut gemacht ist.

Kity, Daisy & Lewis schwimmen auf der Retro-Welle und dies gekonnt. Spielen Blues, Swing, Rockabilly und ein bisschen Country und nehmen dies mit altem, analogem Equipment auf. Wären sie Amerikaner, so hieße ihre Musik „Americana“ und wäre sicher hierzulande schwer zu vermarkten. Da sie aber Engländer sind und ihre Eltern feste Größen im britischen Musikbusiness sind, segelt das Ganze eben auf der „Retro-Welle“ und wird bei den jungen Leuten als „hip“ eingestuft.

Spielen Ryan Bingham oder Holly Williams dann sind die Sääle kleiner, das Publikum gemischt, mit dem Schwerpunkt von 35-50 Jahren. In der Centralstation war es deutlich jünger. Eindeutiges Indiz dafür, dass die Band bei den Kids angesagt ist.

Den Auftakt machte wieder mal ein Phänomen, dass eigentlich kaum noch auszuhalten ist. Eine Vorgruppe, die irgendwo im Bereich Soft-Gothic-Pop einzuordnen ist und die eigentlich keiner sehen will, nimmt uns in künstlerische Geiselhaft. Dann folgt eine (zu) lange Umbaupause. Und danach dauert es – kein Wunder – doch einige Titel bis Künstler und Publikum auf Betriebstemperatur sind. Ausgerechnet als wir uns über den Trompeter aus Jamaica und die scheinbar unerwartete Wendung des Konzertes wundern, kommen die Schwestern und der Bruder richtig in Fahrt. und bald haben sie den Saal im Griff.

Wenn Lewis unnachahmlich altertümlich die große E-Gitarre spielt, als wäre er gerade in den Sun Studios in Memphis/Tennessee, Kitty ein schier endloses, wahnwitziges Mundharmonika-Solo bläst und Daisy anmutig und beschwingt die Snare Drum spielt, beginnt das Publikum schier in Ekstase zu fallen. Dann wird ausgelassen getanzt und vor Entzückung gejuchzt. Immer wieder wechseln die Drei die Instrumente, Lewis geht an die Drums, Daisy an das E-Piano und Kitty wechselt zum Banjo. Alles geht hin und her. Sie spielen alle ihre bekannten Titel und gehen nach 5 Songs als Zugabe unter großem Jubel ab.

Der Americana-Freund ist zufrieden, diese Musik bekommt man hierzulande nicht oft geboten. Stellt sich nur die Frage: Warum hat keiner den Mut mal ein Konzert-Package zusammenzustellen, das musikalische Traditionslinien berücksichtigt. Wenn Kitty, Daisy & Lewis bei den Kids funktionieren, dann doch bestimmt auch das Western-Swing-Trio Shotgun Party oder die Bluegrass-Jazzer von The Toy Hearts. Doch schnell ist die Antwort parat. Dem Musikbusiness geht es nicht um das bewusste Musik hören. Daher weiß man auch nicht wie lange die Geschwister aus Kent dieser Musik treu bleiben können. Spielen und fühlen können sie sie auf alle Fälle. Prädikat: Outstanding!

Ruf des Südens

12. September 2010

Eine Musikrundreise am Mississippi

Lange haben wir den Traum schon gehegt. Dann dauerte es, bis wir wussten, dass wir uns trauen. Und dann noch einmal eine Weile, bis es umgesetzt werden konnte. Gut anderthalb Wochen noch, die beruflich noch randvoll sind, dann heben wir ab mit Delta Airlines.

Der Süden der USA ist eine gleichermaßen arme wie mythisch aufgeladene Region. Wiege von Blues, Jazz, Country und Rock’n’Roll. Aber auch Kern des „Bible Belt“, des tief religiösen Hinterlandes der USA. Armut und Rassenprobleme prägen auch heutzutage noch den Alltag. Dies ist genauso Fakt wie die gastfreundliche Art der Südstaatler. Dazu kommt die klassische Südstaatenküche mit Gumbo, Jambalaya und BBQ. Mit „Po’ Boy“, Catfish und Crawfish. Letztere Beiden wiederum geschädigt – sowie deren Fischer und Züchter – durch die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko. Der Süden – das ist Scarlett O’Hara und Bürgerkrieg, aber auch William Faulkner, Mark Twain und die weißen Schaufelraddampfer des Mississippi, aber auch Hurricane „Katrina“, der New Orleans zerstörte oder die Sintflut, die im Frühjahr Nashville überspülte.

Ein spannender, widersprüchlicher Landstrich also. Wir gehen diesen Widersprüchen auf den Grund, legen aber unseren Schwerpunkt auf der Musik. Wir starten in New Orleans, fahren dann rauf nach Nashville und Memphis, um dann den Highway 61 entlang über Clarksdale, Vicksburg und dem Cajun Country wieder nach New Orleans zurück zu kehren.

Bob Dylan war für mich eine musikalische und persönliche Initialzündung. Dieser Typ und seine Musik hat mich vor fast 35 Jahren in seinen Bann gezogen, war unermesslich wichtig für meine Sozialisation und ist bis heute eine Konstante in meinem Leben geblieben. Richtig gelernt, seine Wurzeln einordnen zu können, und seine Bedeutung für die amerikanische Populärmusik wirklich werten zu können, habe ich aber eigentlich erst vor gut zehn Jahren. Der fantastische Film der Cohen-Brüder, „Oh Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odysee“, ließ mich die „Roots“ entdecken. Seine und die des Rock. Die ländliche Musik des armen schwarzen und weißen Amerikas lieferte den Urstoff für die Rockmusik. Diese Wurzeln werden heute von den Musikrichtungen Classic Country, Bluegrass, Alternative Country, den verschiedenen Spielarten des Blues, von Roots-Rock und Americana gepflegt. Das ist die Musik, die ich höre und weswegen wir in den Süden fahren.

Auf ihren Spuren wandeln wir in Meridian, Nashville, Memphis oder Clarksdale. Überall da, wo es um die Musik und die Menschen geht. Graceland sparen wir uns da lieber. Auf diesem Blog werde ich so regelmäßig wie möglich kurze Reiseberichte einstellen. Viel Spaß beim Lesen!

Er muss nichts mehr beweisen

3. Mai 2009

Dylans neues Album Together Through Life – ausführlich von mir auf country.de besprochen – zeugt von großer Spielfreude, wirkt aber hier und da gleichsam wie ein noch unfertiger Entwurf und beweist dadurch aber auch die große Souveränität des alten Meisters.

Der Mann muss nichts mehr beweisen. Entgegen dem Boulevard-Gossip-Scheiß von spiegel-online „brauchte“ er keinen Co-Autor, sondern arbeitete aus freien Stücken mit Robert Hunter zusammen. Und warum „Jolene“ und „Shake, Mama, Shake“ bei Dylan „erschreckend schwache“ (Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeier) Bluesschema-Fingerübungen sein sollen, während sie jedem anderen Künstler mit „authentisch“ und „vom schwarzen Blues durchdrungen“ – Gefasel abgenommen würden, hängt natürlich mit der einmaligen Stellung Dylans in der Popmusik zusammen.

Dylans neue Platte ist sicher weder textlich so komplex, musikalisch so dicht und konzeptionell so ausgearbeitet wie die drei Vorgängerplatten. Aber dennoch ist sie alles andere als trivial und eindimensional und schon gar nicht ist sie zu vergleichen mit Dylans B-Werken wie Knocked Out Loaded oder Self Portrait.

Together Through Life gibt genügend Stoff für alle Dylan-Freunde: Musik hören, über Texte Nachdenken, musikalische Querverweisen nachgehen. Eine Platte, die uns alle vielleicht mal wieder ein bisschen erdet nach all den Heiligsprechungen, Mystifizierungen und Auszeichnungen der letzten Jahre.

Wer in den 90er Jahren sich zu Dylan bekannte, dem wurde mitleidsvoll, manchmal auch geringschätzig begegnet. Dass Dylan momentan Everybodies Darling zu sein scheint und voraussichtlich wieder eine Platte als Nummer 1 in die Charts bringt, macht einem eher misstrauisch. Schließlich kennt man die Gesetze der Medien. Wir hoffen und wünschen, dass Dylan seine Souveränität beibehält. Es wäre gut für uns alle.