Archive for the ‘USA Politik’ Category

Fahrenheit 11/9

3. Februar 2019

Die neue Dokumentation von Michael Moore ist eine Notwendigkeit und recht gut gelungen, auch wenn es hier und da etwas zu plump geraten ist.

Ja, keiner hatte im Ernst daran gedacht, dass Donald Trump Präsident werden könnte. Durchaus mit Genuss suhlt sich Filmemacher Michael Moore in seiner Dokumentation „Fahrenheit 11/9“ im Verfrühten Triumphgeheul des Clinton-Lagers. Sowohl dem politischen Establishment als auch den Medien ging jeglicher Kompass ab, der sie hätte warnen können. Moore ist ein kompromissloser Trump-Gegner, aber er belässt es nicht bei der Empörung über ihn. Ihm geht es darum aufzuzeigen, warum die Demokraten so versagt haben, und dessen Präsidentschaft nicht hatten verhindern können.

Flint als Beispiel für die politisch-wirtschaftlichen Mechanismen
Und so macht er sich auf eine Reise in das Innere des Landes. Denn Moore weiß zu gut, wenn man Amerika verstehen möchte, muss man sich von seinen geographischen Rändern an den Küsten in die Mitte hin bewegen. Aber Moore möchte auch kein Trump-Wähler-Versteher sein. Das haben seit Trumps Wahl schon andere ausreichend gemacht. Da hätte man schon früher hinhören müssen. Moore geht es um die typischen, auch von den Demokraten mitgetragenen Mechanismen aus wirtschaftlicher und politischer Macht, die das Leben der Vielen immer schlechter macht.

Flint in Michigan ist sein Seismograph, die Stadt sein Kronzeuge. Flint ist seine Heimatstadt und hier hat sich ungeheuerliches zugetragen. Von republikanischen Gouverneur unter ein Spardiktat gestellt, sollte die Wasserzufuhr der Stadt kostengünstiger werden. Aber wie kann es sein, dass eine funktionierende Wasserversorgung mit ordentlichem Wasser aus dem See abgedreht wird, weil sie angeblich zu teuer ist und holt stattdessen das Wasser aus dem stark verschmutzten Flint River? Es kommt zu schlimmen Erkrankungen und Snyder leugnet und wiegelt ab. Und kommt auch noch damit durch, als Präsident Obama als Hoffnungsträger der betroffenen Bevölkerung nach Flint kommt und anstatt klarer Worte und Taten angeblich vom Wasser trinkt und doch nur daran nippt. Eine merkwürdige Geste und für Betroffene und Aktivisten Enttäuschung und Schock zugleich. Aber hätte Obama wirklich die Mechanismen offen gelegt, die in Amerika zu solchen Zuständen führen, hätte er über seinen politischen Schatten springen müssen. Denn sieht man mal von „Obama-Care“ ab, wurde von seiner Regierung nicht wirklich an der Vorherrschaft des Neoliberalismus gerüttelt. Deutlichstes Zeichen war ja, dass er in der Bankenkrise allerlei Böcke zu Gärtnern machte, in dem er sich von den Verursachern der Krise zwecks ihrer Lösung beraten ließ. Auch die Autobiografie und ihre Jet-Set-Lesereise von Michelle Obama zeigen deutlich auf: Das ehemalige Traumpaar der Demokraten, das in den 1990ern in Chicago das soziale Gewissen war, ist vom System geschluckt. Wie weit können sich Menschen von ihren Ursprüngen entfernen?

Graswurzel-Bewegungen als Hoffnung
Moore hat sich jedenfalls nicht von sich entfernt, er ist noch ganz bei sich und seiner Art von politischer Brachial-Dokumentation. Er fährt mit einem Wasser-Tankwagen zu Snyders Anwesen und bespritzt es mit der üblen Flüssigkeit. Ha, ha, ha! Doch neben diesen Polit-Klamauk ist Moore immer wieder daran interessiert – und das ist seine Stärke – wirkliche „Helden des Alltags“ zu zeigen, die ihm uns die Hoffnung geben, dass man im Land noch etwas verändern kann. Und so entdeckt er den Kampf der Lehrer in West Virginia, die nicht nur für die eigenen Rechte, sondern auch für die der anderen Schulbediensteten – von der Putzfrau bis zum Hausmeister – auf die Straße gingen. Oder er schildert wie die jungen Überlebenden des Massakers an der Parkland High School in ihrem Kampf gegen die Waffenlobby agieren. Dass diese Graswurzelbewegungen vom demokratischen Parteiestablishment argwöhnisch betrachtet werden, zeigt die böse Posse um Bernie Sanders. Nach Moores Lesart hatte der besonders bei den Jungen beliebte linke Kandidat die Partei-internen Vorwahlen bei den Demokraten gewonnen. Die Delegierten auf dem Nominierungsparteitag wählten jedoch mehrheitlich Hillary Clinton.

Ein Amerika, das es noch gar nicht gab
Doch auch wenn Moores Dokumentation betont drastisch und hier und da zu vereinfachend oder zu Pointen-orientiert ist: Sie ist eine Notwendigkeit, um darauf aufmerksam zu machen, was im früheren Land der unbegrenzten Möglichkeiten schief läuft. Denn ein besseres Amerika kann es nur geben, wenn endlich die Interessen der Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht die der großen Konzerne und Banken. Und so spricht er jedem Anhänger des „anderen Amerika“ aus der Seele wenn er am Ende zu dem Schluss kommt: „Das Amerika, das ich retten will, hat es noch gar nicht gegeben.“

Zurück nach Amerika

18. Januar 2019

Rundreise von Chicago über St. Louis, Tulsa, Memphis, Nashville und Bardstown zurück nach Chicago geplant/ Bob Dylan-Konferenz, Underground Railroad und die „Windy City“

Es musste einfach wieder sein. Derzeit sind wir in den Detailplanungen für eine Amerika-Rundreise, die uns diesmal erstmals nach Chicago, St. Louis und Tulsa und wieder einmal nach Memphis und Nashville führen soll. Diese Reise wird auch eine Möglichkeit sein, die Stimmung im Land vor dem Hintergrund der dortigen politischen Auseinandersetzungen zu erkunden. Wir sind das erste Mal in den USA seit der Wahl Trumps. Es wird also wieder ein tiefes Eintauchen in Alltagsleben, Geschichte und Kultur der Staaten.

St. Louis
St. Louis war im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte für die Besiedlung des Westens und wegen ihrer Lage am Mississippi auch ein bedeutender Handelsplatz für den Warenaustausch mit den Südstaaten. Hiervon zeugt das große bogenförmige Monument, der Gateway Arch. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siedelten sich viele deutsche Einwanderer dort an und begründeten u.a. den Ruf St. Louis‘ als Bierbrauerstadt, wie noch heute die hier ansässige Großbrauerei Anheuser-Busch mit ihrer bekanntesten Marke „Bud“ beweist. Aber auch eine Reihe von kleinen Brauereien laden zur Besichtigung ein. Ebenso wie das National Blues Museum.

Tulsa
Tulsa, Oklahoma, ist mittlerweile fast so etwas wie die Americana-Hauptstadt der USA. Hier befindet sich das Woody Guthrie-Archiv, das Bob Dylan-Archiv und das Phil Ochs-Archiv. Es wird auch darüber nachgedacht, das Johnny Cash-Archiv dorthin zu holen. Zudem bildete Tulsa u.a. mit Cain’s Ballroom als Location und der wirtschaftlich-sozialstrukturellen Situation der Stadt in den 1930er-1950er Jahren einen wichtigen Nährboden für die Entwicklung des Western Swings und hat später mit dem Tulsa-Sound einen Musikstil hervorgebracht, der eine Mischung aus Rockabilly, Country, Rock ‘n’ Roll und Blues war. Bekannte Vertreter des Tulsa Sound waren die leider mittlerweile allesamt verstorbenen JJ Cale, Leon Russell und Steve Ripley. Tulsa hat also eine wichtige musikhistorische Bedeutung für die USA. Und wenn das alles nicht Grund genug für eine Reise dorthin wäre, so ist die große Bob Dylan-Konferenz, die während unseres Aufenthaltes dort stattfindet, gleichsam das Sahnehäubchen obendrauf.

Memphis
In Memphis werden wir Stätten besuchen, die es bei unserem letzten Aufenthalt noch nicht gab oder die wir damals nicht auf dem Schirm hatten: „Slave Haven“, das Museum für die „Underground Railroad“, der Geheimorganisation, die den Sklaven bei der Flucht in den Norden half. Und das Stax Museum, das sich dem berühmten Soul Label widmet, das gleichsam Antipode des braven Motown-Soul aus Detroit war.

Nashville
In Nashville werden wir die alternative Szene in East Nashville erkunden. Nashville bleibt für uns eine ungemein spannende Stadt. Bible Belt-Stadt, Kongresszentrum, Sitz des Mainstream-Country-Business und NRA-Land und hat dennoch eine große alternatives Viertel. Und in der Music Hall Of Fame und Museum gibt es wieder neue interessante Ausstellungen zu den Country-Outlaws und Emmylou Harris.

Bardstown
Dann geht es wieder nach Norden. Bardstown, Kentucky ist die „The Bourbon Capital Of The World“. Hier sitzt beispielsweise die bekannte Heaven Hill Distillery. Da die jedoch derzeit gegen Bob Dylans Heaven‘ Door Whisly klagt wegen angeblicher Gefahr der Markenverwechslung lassen wir die links liegen (lach!) und werden entweder die „Barton 1792“ oder die „Willett Distillery“ besuchen. Weitere wichtige Sehenswürdigkeit ist der „My Old Kentucky Home State Park“, der rund um eine alte Plantage in die alte Südstaaten-Zeit zurückführt.

Der Park ist benannt nach dem Anti-Sklaverei-Song „My Old Kentucky Home“ von Stephen Foster (1826-1864), der sich dazu sowohl von seinen Besuchen auf dieser Plantage, als auch von Harriett Beecher Stowes Buch „Onkel Tom’s Hütte hat beeinflussen lassen. Foster war so etwas wie der erste Songwriter der US-amerikanischen Populärmusik, dessen Songs gleichsam Traditionals wurden. Wir alle kennen „Oh Susanna“, Americana-Freunden dürfte auch „Hard Times (come again no more)“ bekannt sein, ein Song, den viele Musiker schon gespielt haben, u.a. Bob Dylan, Emmylou Harris, Johnny Cash oder Mavis Staples. Foster schrieb für die Minstrel Shows, war aber wohl auch aufgrund des Einflusses von von Beecher-Stowe gegen rassistische Klischees gefeit und wurde zu einem Gegner der Sklaverei. Obwohl aus den Nordstaaten stammend, setzten sich seine Songs oftmals mit dem Leben in den Südstaaten auseinander. Seine Songs waren zwar erfolgreich, aber finanziell konnte er sich stets nur gerade so über Wasser halten, weil die Einnahmen für die Komponisten unverschämt niedrig waren. Er starb schließlich völlig verarmt in New York. Er wurde posthum zur Legende und 1970 in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen.

Chicago
Die „Windy City“ ist mindestens so legendär wie New York. Jedem fällt Al Capone ein, Mafia und Prohibition, Jazz und Blues, „Sieben gegen Chicago“, der schönste „Rat Pack“-Film überhaupt, Elliott Ness und die „Unbestechlichen“, aber auch Brechts „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ und Upton Sinclairs „Dschungel“. Chicago ist die drittgrößte Stadt der USA, wie gesagt windig, aber auch eine Stadt am Wasser und voller im Wasser. Sie liegt am Michigansee und wird vom Chicago River durchflossen. Wir werden uns treiben lassen und die Stadt und ihre Kultur auf uns wirken lassen. Eine Stadt, die voller Musik ist.

Eine interessante Reise steht uns bevor, wir sind gespannt.

Und hier Bob Dylans Version von Stephen Fosters „Hard Times“:

Die 1960er mal zwei

23. November 2018

2019: Pete Seeger wird hundert – Woodstock wird fünfzig

Zum 100. Geburtstag von Pete Seeger veranstaltet „Americana im Pädagog“ ein großes Tribute-Konzert

Kommendes Jahr fallen zwei Jubiläen an. Beide haben zu tun mit dem „anderen Amerika“. Und doch könnte das, wofür sie stehen, unterschiedlicher nicht sein.

Pete Seeger soll das Stromkabel mit der Axt zu durchtrennen versucht haben, so die Legende. Doch wenn Bob Dylan nicht bei Newport 1965 eingestöpselt hätte, wären die E-Gitarrengewitter von Jimi Hendrix‘ Fassung von „Star Spangled Banner“ bei Woodstock 1969 möglich gewesen? Wäre Woodstock überhaupt möglich gewesen?

Legenden der Sixties
Beide – Seeger und Woodstock – sind Legenden der Sixties. Doch während Seeger aus der alten linken amerikanischen Arbeiterbewegung kam und das politische Folk Revival Anfang der 1960er entscheidend beeinflusste, steht Woodstock für ein recht luftiges Love & Peace der Rock-Generation. Dylan schrottete höchst selbst 1965 mit seiner E-Gitarre das Folk-Revival. Am Ende des Jahrzehnts war das große Rock-Hippie-Spektakel Woodstock und Dylan war nicht dabei. Während Seeger zwei Jahre zuvor plötzlich sich von einer elektrischen Band begleiten ließ.

Wie hängt das zusammen und wofür stehen diese Jubiläen? Ich will dies kurz hier anreißen, weil mich diese beiden Jubiläen das ganze nächste Jahr bei meinen Seminaren und Konzerten beschäftigen werden.

Zwei Seiten des „anderen Amerika“
In seinem klugen Buch „Dylan Goes Electric! Newport, Seeger, Dylan And The Night That Split The Sixties“ arbeitet Elijah Wald sehr schön heraus, wofür die beiden Personen Seeger und Dylan stehen. Während Pete die große Depression miterlebte, in der Solidarität eine Tugend war, wuchs Bob als Baby-Boomer inmitten der prosperierenden 1950er Jahre auf. Beide stehen, laut Wald beide für zwei Seiten des anderen Amerika: Seeger für den solidarisch-politischen, Dylan für den individualistischen Gegenentwurf. Beide können analytisch sein und die Ursachen der Probleme benennen, aber Dylan wird ab 1964 den Teufel tun, für irgendeine Organisation oder Bewegung öffentlich einzutreten. Wenn er ab da noch Protestsongs schreibt, so sind sie 1965 nicht mehr tagespolitisch, sondern befassen sich mit der Autonomie des Individuums in der verwalteten Welt („Maggies Farm“), oder haben später in den 1970ern das Unrecht im Blick, das konkreten Personen wie „George Jackson“ oder „Hurricane“ Carter widerfahren ist.

1965 machte Dylan ein Fenster auf und eine Generation folgte ihm. Die Rock-Generation, die zu den herrschenden Zuständen opponierte, und größere Massen erreichte als die Folk-Generation. Mit dem Preis, weniger Präzise in der Kritik zu sein. Die Rock-Generation war heterogener als die Folk-Generation. Es gab politischen Underground, Sit- ins und neue Lebensformen, aber auch reines Partyfeeling, Pop und psychedelischen Spuk.

Woodstock ohne Dylan
Da war Dylan aber schon nicht mehr dabei. Er wurde Familienvater, spielte Countrymusik, und war entsetzt über die Pilgertourten der Freaks zu seinem Haus nach Woodstock. Sein individualistischer Protest richtete sich nun gegen den Love & Peace-Zeitgeist. Denn wenn er sich mit den gesellschaftlichen Zuständen wirklich beschäftigte, dann war er oftmals immer noch klarer als mancher Teilzeit-Hippie. Daher floh er regelrecht vor dem Massenereignis. Zwar hatte Woodstock seine klaren politischen Botschaften – man denke an Hendrix‘ Luftangriffsgewitter-Version von „Star Spangled Banner“, Joan Baez „Truck Drivin‘ Man“ und ihre Widmung des Liedes für Ronald Reagan sowie Country Joe McDonalds „I Feel Like I’m Fixin‘ To Die Rag“ – aber insgesamt überwogen Friede, Freude, Eierkuchen (der wackere Richie Havens mit „Freedom“) oder die Pose wie sie beispielsweise Janis „Rebel‘ Without a Cause“ Joplin zelebrierte.

Da war die ebenso bittere, wie fast schon logische Pointe, dass dem fröhlichen Woodstock-Spektakel die Katastrophe von Altamont mit den tödlichen Messerstichen der Hells Angels folgen musste, die diese Generation wieder in die Wirklichkeit führte.

Seeger und Baez bleiben politische Aktivisten
Während all dem aber machte Pete Seeger unerschütterlich weiter. Er schrieb Songs, protegierte Talente, leitete Singalongs an. Und das stets mit einer politischen Intention. Auf ihre Weise führte Joan Baez die Arbeit als Aktivistin und Musikerin in der großen Öffentlichkeit fort. Wie bezeichnend, dass Dylan und sie sich wenige Woche vor Newport trennten. Aber Dylan hatte beide verändert. Seeger akzeptierte die musikalische Ausdrucksform, auch wenn sie nicht die seine wurde, Baez stimmte sogar immer wieder sanfte Folk-Rock-Tönen an. Und ging mit Dylan 1975 sogar auf die rockig-rumpelnde Rolling Thunder Review, die ein allerletzter Abgesang auf die Sixties wurde. Da war Dylan – der lebende Widerspruch – wieder ganz engagiert.

Musikgeschichte verstehen, um Möglichkeiten für linke Politik zu beurteilen
Woodstock und Seeger stehen also für die alte und die neuere Linke in den 1960er Jahren. Während Seeger zwar persönlich als Symbol für ein linkes Amerika berühmt wurde, war er politisch marginalisiert. Die Generation Woodstock marschierte dagegen durch die Institutionen und verlor sich in ihnen, ein Teil begünstigte gar die neoliberalen Veränderungen der Gesellschaft. Beide, Seeger und die Generation „Woodstock“, sind mittlerweile Geschichte, doch sich mit ihrem Werdegang und ihrer Wirkung zu beschäftigen ist nicht nur ein spannendes Stück Musikgeschichte, sondern auch eine lohnende Auseinandersetzung, will man die Möglichkeiten linker Politik in den USA heute auf der Basis der Analyse früherer politisch-historischer Entwicklungen ausloten. Das ist letztendlich die kulturelle und politische Dimension und der Erkenntniswert der Gegenüberstellung dieser zwei Phänomene.

Jetzt, in den Zeiten von Trump, gibt es eine neue, junge Linke in den USA. Eines ihrer Gesichter ist Alexandria Ocasio-Cortez. Wie diese junge Linke im Verhältnis zu alter und alter neuer Linken in der USA steht, und welche Möglichkeiten zu einer linken Politik sie eröffnet- auch dies wird daher Thema in meinen Veranstaltungen im nächsten Jahr sein.

Marc Ribot: Goodbye Beautiful/ Songs Of Resistance 1942-2018

9. November 2018

Der amerikanische Avantgarde-Gitarrist Marc Ribot hat ein starkes Album mit Liedern des Widerstandes veröffentlicht.

Die Renaissance der Protestsongs in den USA hält an. Ein weiterer Beweis dafür ist das jüngst erschienene Album „Goodbye Beautiful“/Songs Of Resistance 1942-2018“ des amerikanischen Avantgarde-Gitarristen und Komponisten Marc Ribot. Ribot ist eigentlich Jazz-Gitarrist, spielt aber seit drei Jahrzehnten immer wieder mal den Sideman in der Populärmusik. U.a. arbeitete er mit Tom Waits, Norah Jones, The Black Keys, Alison Krauss und John Mellencamp zusammen. Außerdem engagiert er sich in einer Initiative, die sich für die Rechte von Musikschaffenden im Zeitalter digitaler Medien wie Spotify und anderen Streamingdiensten einsetzt. Nun hat er ein dezidiert politisches Album veröffentlicht. „Goodbye Beautiful“/ Songs Of Resistance 1942-2018“ enthält elf Lieder des Widerstands aus den Zeiten des faschistischen Italiens bis in die Auseinandersetzung mit den „White Supremacists“ und der Trump-Administration heutzutage.

Entstanden ist die Idee zum Album Ende 2016, nicht nur wegen der Wahl Trumps, sondern wegen all den autoritären Entwicklungen überall auf der Welt. „Ich bin alarmiert von Trump und der Bewegung dessen Teil er ist. Ich haben einen guten Teil meines Lebens in der Welt unterwegs auf Tour zugebracht – ich bin eine Art zufälliger Internationalist – und ich sehe, dass er kein isoliertes Phänomen ist. Und wenn wir nicht dem beschäftigen was passiert, beschäftigt es sich mit uns.“ Er wollte etwas dagegen tun, er wollte Widerstand leisten. „Ich bin Musiker, also begann ich meine Praxis des Widerstands mit Musik.“

Und erinnerte er sich an eine Begebenheit bei den Occupy Wall Street Demos in New York. Eine morgens versammelte er sich mit anderen, um die polizeiliche Räumung des Zeltdorfes in der Wall Street zu verhindern. Und alle spürten, dass sie jetzt zusammen singen mussten. „Sie versuchten Tom Pettys ‚I Want Back Down‘, aber es funktionierte nicht. Es frustrierte mich, dass wir diese reiche Geschichte von Songs für solche Gelegenheiten hatten, aber keiner kannte sie.“ Also beschäftigte er sich in den Archiven mit politischen Liedern und fand Songs von den italienischen antifaschistischen Partisanen (“Bella Ciao,” “Fischia il Vento”) oder der U.S.-Bürgerrechtsbewegung (“We’ll Never Turn Back,” “We Are Soldiers in the Army”) und schrieb selbst einige Songs nach der Studie von Zeitungsartikeln, Fernsehberichten oder historischen Abhandlungen. So entstanden u.a. „Srinivas“ über die rassistisch motivierte Ermordung des Sikh-Einwanderers Srinivas Kuchibhotla, „Knock That Statue Down“ über die Aufmärsche der „White Supremacists“ und US-Nazis in Charlotteville im vergangenen Jahr oder „John Brown“ über den legendären amerikanischen Abolitionisten. Bis zum März 2017 hatte er das Material für das Album zusammen.

Als nächstes suchte er nach den Sängerinnen und Sängern für diese Lieder und nahm die Songs auf, wo und wann es möglich war. Es sind bekannte Künstler wie Tom Waits oder Steve Earle dabei. Aber: „Ich war nicht auf Stars fixiert, ich wollte Menschen beteiligen, die eine persönliche Verbindung fühlten, die das Projekt kulturell und politisch verstanden und wirklich am Prozess teilhaben wollten“, so Ribot. Und so sind dann neben den genannten auch Meshell Ndegeocello, Justin Vivian Bond, Fay Victor, Sam Amidon, oder Ohene Cornelius zu hören.

Es ist ein interessanter Liederreigen entstanden, der nicht nur von den Themen her, sondern auch musikalisch vielfältig ist. Der alte Bürgerrechtssong „We Are Soldiers In The Army“ wird mit Avantgarde-Jazz so verfremdet, so das er alles andere als zum Mitsingen einlädt. Ein durchaus akzeptabler Akt, denn es gelingt so, seine historische Rolle hervorzuheben. Langsam und traurig ist die Version von „Bella Ciao“, die durch Tom Waits‘ brüchige Stimme geadelt wird. „Srinivas“, gesungen von Steve Earle und Tift Merritt, klingt fast so wie ein Steve Earle-Song klingt. „John Brown“ ist dann ein Funk-Soul-Jazz-Stück, großartig interpretiert von Fay Victor, während „Knock The Statue Down“, das Marc Ribot, von Syd Straw unterstützt, selber singt und durch das Banjospiel sehr folkig rüberkommt.

Am Ende ist es eines der besten Konzeptalben dieses Jahres und ebenso wie sein Schöpfer, ein Grenzgänger zwischen populärer und Avantgarde-Musik. Ribot gelingt es hier, seinen Anspruch als Musiker treu zu bleiben und trotzdem etwas zu schaffen, was eigentlich für viele da sein sollte: Die Erinnerung daran, dass diese Lieder von vielen gemeinsam gesungen werden sollten. Denn wie sagt Marc Ribot selbst so treffend: Jede Bewegung, die jemals etwas gewonnen hat, hatte Songs.“

Trackliste:
1. We Are Soldiers in the Army (feat. Fay Victor)
2. Bella Ciao (Goodbye Beautiful) (feat. Tom Waits)
3. Srinivas (feat. Steve Earle & Tift Merritt)
4. How To Walk In Freedom (feat. Sam Amidon & Fay Victor)
5. Rata de dos Patas (feat. Ohene Cornelius)
6. The Militant Ecologist (based on Fischia Il Vento) (feat. Meshell Ndegeocello)
7. The Big Fool (feat. Marc Ribot)
8. Ain’t Gonna Let Them Turn Us Round (feat. Steve Earle & Tift Merritt)
9. John Brown (feat. Fay Victor)
10. Knock That Statue Down (feat. Marc Ribot & Syd Straw)
11. We’ll Never Turn Back (feat. Justin Vivian & Domenica Fossati)

Ry Cooder live in Oostende

28. Oktober 2018

Der Meister der Slide-Gitarre liefert ein starkes Konzert ab/ Viele Blues und Gospeltöne

Er ist eigentlich ein Musician’s Musician und als Solokünstler nicht in der ersten Reihe. Mit ihm werden Projekte wie „Buena Vista Social Club“ verbunden oder die Filmmusik zum Wim Wenders-Film „Paris, Texas“. Als Slide-Gitarrist ist er auch ein gefragter Sideman für die Stars der allersten Reihe. Und dennoch hat er auch als Solo-Künstler ein so beachtenswertes Oeuvre geschaffen, dass seine Tourneen auf große Resonanz stoßen.

So auch am Freitag, 12. Oktober, im Nordseebad Oostend in Belgien. Der Kursaal war ausverkauft und wir waren gegen 19.58 Uhr auf den Plätzen, nachdem Zugausfälle, Streckensperrungen und Umleitungen unsere Anreise erschwert hatten. Das was wir dann zu hören und sehen bekamen, war mehr als eine Entschädigung. Es war ein ganz starkes Konzerterlebnis. Was man jedoch vom Vorprogramm mit Ry Cooders Sohn Joachim nicht sagen konnte. Sphärische Weltmusikklänge, die einen nie wirklich gepackt haben. Haken wir das mal als väterliche Unterstützung ab.

Ry Cooder jedoch ist in großer Form an Slide- und E-Gitarre und hat eine Klasse Band und das fantastische Gospel-Soul-Sangestrio The Hamiltones dabei. Cooder spielt knüpft an sein letztes Album „The Prodigal Son“ an und spielt hauptsächlich alte Traditionals und mit „The Very Thing That Makes You Rich (Makes Me Poor)“ nur einen eigenen Song. Die Musik ist blues- und gospelgetränkt. Er steigt ein mit zwei Coverversionen von Songs des texanischen Blues- und Spiritualmusikers Blind Willie Johnson ein: „Nobody’s Fault But Mine“ und „Everybody Ought to Treat a Stranger Right“. Damit ist Abend programmatisch umrissen. Später folgt noch mit „Jesus In The Mainline“ von Mississippi Fred McDowell ein Klassiker eines Delta-Blues-Veterans. Cooder geht ganz auf in dieser alten Musik aus den 1940er Jahren. Und spielt auch Stücke von weißen Musikern. Das Stock der Stanley Brothers – Harbor Of Love“ wird von ihm zu einem schwarzen Gospel umarrangiert. Und er spielt einen Titel von Woody Guthrie, „Vigilante Man“ und natürlich „The Prodigal Son“, den Titeltrack seiner gleichnamigen neuen Albums. Ihm geht es um die Musik der armen und beladenen Amerikaner, der Schwarzen wie der Weißen. Und die Aussage dahinter, um die es ihm geht, ist die Erinnerung an das andere Amerika. Denn ohne dass Cooder explizit politische Reden führt, ist das Konzert eine einzige Liebeserklärung an das andere Amerika.

Cooder ist gut aufgelegt, sein Gitarrenspiel launig und inspiriert, dabei wie immer technisch perfekt. Wenn man sich die Setlist und seine neue Platte anhört, könnte man meinen, der Mann müsse Trübsal blasen. Doch im Konzert zeigt sich ein ganz entspannter, selbstironischer und humorvoller Ry Cooder. Er ist sogar zu Scherzen aufgelegt. So bewirbt er den Merchandising-Verkauf im Foyer und hebt hervor, dass Dylan ein großer Anhänger und Experte des „Merch“-Verkaufs sei. Die Baby Doll T-Shirts seien immer als erstes ausverkauft, habe ihm die Singer-Songwriter-Legende mit auf den Weg gegeben, erzählt Cooder schmunzelnd.

Das Konzert nimmt zum Schluss immer mehr Fahrt auf, wofür auch die „Hamiltones“ sorgen, die mit viel Gospel-Soul-Power die Betriebstemperatur im Kursaal mächtig steigen lassen. Nach Cooders klasse Version von Elvis‘ „Little Sister“ gehören die Lead-Vocals im letzten Song dann den „Hamiltones“. „I Can’t Win“ ist ein triumphaler Abschluss eines ganz starken Konzertes. Ein Abend, der im Gedächtnis bleiben wird.

Paul Robeson

20. Juli 2018

Zum 120. Geburtstag des Sängers/ Mehr als „Ol‘ Man River“

Sein Name bleibt wohl untrennbar mit „Ol‘ Man River“ verbunden. Dem bekanntesten Song aus dem Mississippi-Musical „Show Boat“. Er verkörperte am Broadway und in der Verfilmung von 1936 den Joe und sang dort eben diesen Song. Seine Interpretation des Liedes mit markanter Bassstimme wurde zum Welterfolg und Gassenhauer und machte Robeson unsterblich. Im Jahr seines 120. Geburtstages ( geboren am 9. April 1898) lohnt es sich jedoch, daran zu erinnern, dass der gefeierte Sänger auch ein politischer Aktivist war und im McCarthy-Amerika verfolgt wurde.

Von 1927 bis 1939 lebt Robeson in Großbritannien. Dort kam er mit dem Schriftsteller George Bernard Shaw sowie Politikern von Labour und den Kommunisten in Kontakt und wurde zum überzeugten Linken, ohne jemals in eine Partei einzutreten. Er hegte durchaus Sympathien für die Sowjetunion und bereiste sie, war jedoch vor allem ganz praktisch politisch tätig, indem er die Arbeitskämpfe der walisischen Bergarbeiter unterstützte und für die spanischen Internationalen Brigaden sang. 1939 kam er zurück in die USA, unterstützte die Anti-Hitler Allianz im 2. Weltkrieg und engagierte sich später für den Civil Rights Congress und gegen Rassismus und Rassentrennung. Zudem wurde er der Förderer des jungen Harry Belafonte.

Nach Ende des 2. Weltkriegs und der Veränderung des politischen Klima durch die antikommunistische Hexenjagd des Senators McCarthy geriet auch Robeson ins Visier. Seine Platten verschwanden aus den Läden, er stand auf der schwarzen Liste für Funk und Fernsehen und bekam sogar seine Pässe entzogen. erst 1958 führten ihn wieder Auslandsreisen in die Sowjetunion und nach England. Hier er einen weiteren Karrierehöhepunkt, als den Othello an der Royal Shakespeare Company spielte. Überhaupt wurde der Othello und nicht der Joe im „Show Boat“ die Rolle seines Lebens. Bereits 1930 hatte er den Othello am Broadway gespielt, dann wieder ab 1943 erst in sagenhaften 296 Vorstellungen in New York und dann auf einer Nordamerika-Tour.

Eigentlich hatte er in den frühen 1960ern nach der erneuten Rückkehr in die Staaten vor, sich stärker für das Civil Rights Movement zu engagieren, doch psychische und physische Gesundheitsprobleme schränkten seine Möglichkeiten sehr ein, dann starb seine Frau Essie 1965 und sein Alter forderte zunehmend Tribut. Nun zurückgezogen lebend, erhielt er im erneut veränderten Klima der USA Anfang der 1970er Jahre nun auch in Amerika die Ehren, die ihm vorher verweigert wurden.

1976 verstarb Paul Robeson. Er hinterließ ein beeindruckendes künstlerisches und politisches Werk. Sein Leben war nicht mehr und nicht weniger als die prototypische Odysee eines schwarzen linken Amerikaners in den USA des 20. Jahrhunderts.

Heaven’s Gate

18. Juli 2018

oder: Amerika war schon immer so. Aber auch anders.

Warum wundern wir uns eigentlich über ein Amerika mit einem vor Machtlust überschäumenden Präsidenten? Warum wundern wir uns eigentlich über ein Amerika, in dem Rassismus nach innen und Abschottung nach außen einen fröhlichen Urstand feiert? Warum wundern wir uns über ein Amerika, dem der gute Deal, der wirtschaftlich erfolgreiche Händel jedes Mittel heiligt.

Amerika war schon immer so. Die Geschichte des Schmelztiegels ist keine fröhliche Erfolgsstory, sondern eine oftmals widersprüchliche, brenzlige, brutale, verstörende und traurige Erzählung. Der amerikanische Traum des individuellen Glücksversprechens zerschellt an den Mächtigen, die sich im Wohlstandsevangelium eingerichtet haben. Nach dem ist Erfolg und Macht in der Wirtschaft ein Beweis für die Gunst Gottes. Sprich: wer nicht erfolgreich ist, der ist selbst schuld, weil er Gott entzürnt hat. Dieses Christentum, das in den USA weit verbreitet ist, kennt keine Soziallehre. Und wenn sich dann der Mythos der Amerikaner als Gottes ausgewähltes Volk mit diesem biblischen Kapitalismus paart, dann wird der arme Einwanderer als ungläubiger Eindringling gebrandmarkt und bekämpft. So ist das heute und so war es schon in den späten 19. Jahrhundert.

Davon erzählt gleichsam allegorisch Michael Ciminos Western Epos „Heaven’s Gate“, den ich kürzlich als DVD erstanden habe. Die reichen Rancher bekämpfen die armen osteuropäischen Einwanderer. Mit Billigung der Regierung. Es gehörte zum Westen des „Guilded Age“, des „vergoldeten Zeitalters“, dass Viehbarone, Ölprinzen und Eisenbahnmogule Amerika in dieser Zeit rücksichtslos nach Westen erweitert und brutal geformt haben, und die Regierungen nur willfährige Gehilfen waren.

Doch Ciminos Film zeigt auch das andere Amerika auf, das es schon immer gab. Das Amerika der Sozialreformen und der Arbeitnehmerrechte, für die Präsidenten wie die beiden Roosevelts Theodore und Franklin Delano oder Woodrow Wilson standen, oder die weitaus radikaleren „Wobblies“ (Spitzname für Industrial Workers of the World), die Arbeitskämpfe der Minenarbeiter im Harlan County, die gewerkschaftlichen Kampagnen des Sängers Woody Guthrie bis hin zur Bürgerechts- und Anti-Vietnam-Bewegung in den 1960ern und „Black Lives Matter“ und dem „March for our Lives“ heutzutage.

Das Bild, das der Präsident und seine Administration von Amerika derzeit vermitteln, ist Wasser auf die Mühlen des Antiamerikanismus. Dabei ist es nicht wirklich politisch reflektiert, ein ganzes Land für seine politisch-wirtschaftlichen Eliten in Gesinnungs-Geiselhaft zu nehmen. Die Klassenauseinandersetzungen in Amerika sind für die Ausgangsbedingungen für progressive Politik und Gesellschaftsveränderung von enormer Bedeutung. Daher gilt es, diese Auseinandersetzungen zu studieren und die herrschende Politik nach dem ebenso alten, wie einfachen wie wahren Grundsatz „Cui Bono“ zu hinterfragen. Zwar ist der jetzige autokratische Kapitalismus eine direkte Folge des Neoliberalismus – insbesondere seine „inneren Landnahme“ in punkto Wertesystem, Menschenbild und politische Sphäre – und in gewisser Weise auch eine Spielart desselben. Doch wer jetzt nicht den dramatischen Unterschied zwischen dem liberalen, rechtsstaatlichen Neoliberalismus und dem autoritären Neoliberalismus erkennt, der wird Schwierigkeiten haben, ihn wirklich grundlegend kritisieren zu können und geeignete Strategien zur Überwindung beider entwickeln.

In „Heaven’s Gate“ kommt der gleichermaßen intellektuelle wie bodenständige Kümmerer Kris Kristofferson und organisiert die Armen und Benachteiligten zur letzten Schlacht. Am Ende greifen die staatlichen Ordnungskräfte ein, doch gelöst wird das Problem nicht, da stets nie das System in Frage gestellt wird, sondern Grenzüberschreitungen nicht als Wesensbestandteil, sondern als einzelne Entgleisungen gesehen werden. Und so hat hier der intellektuelle Kümmerer eine Niederlage erlitten, am Ende sich in seine gutbetuchte Welt zurückgezogen und weiß doch, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt.

Und auch genau deswegen ist Ciminos Film ein Plädoyer für ein anderes Amerika und für den steten Kampf gegen die Willkürherrschaft der wirtschaftlich und daher auch politisch Mächtigen. Und daher sollten wir uns auch nicht von Amerika in Gänze abwenden. Der Wahlsieg von Alexandria Ocasio-Cortez hat zuletzt wieder ein Hoffnungspotential aufgezeigt. Und Amerika ist auch ein reiches Land, was solche Personen und Charaktere angeht. Denken wir nur an Michael Moore oder Bernie Sanders. Ihnen muss unsere Unterstützung gelten, Sie und an die Politik und Kultur des anderen Amerika muss immer und immer wieder erinnert werden.

Und nicht zuletzt deswegen spielen wir auch weiterhin „Americana“ und die Songs des anderen Amerika. Es ist das mindeste, was wir tun können.

„Super 8“: Sich auf das Fremde einlassen

6. Juli 2018

Wie ein sieben Jahre alter Science-Fiction-Film unverhofft ein anderes Amerika aufleben lässt/ Eine Kurzkritik

Kürzlich mal wieder aus Langeweile am Abend den Fernseher angeschaltet. Einziger Ankerpunkt in einem Meer aus seichtem und schrillem, abseitigem und alarmistischem: „Super 8“, ein kleiner Film, eine Art Nebenwerk der großen Blockbuster-Regisseure und Produzenten J.J. Abrahams und Steven Spielberg. Ein Film, der mich unverhofft nicht mehr losgelassen hat.

Was auf den ersten Blick als schönes Popcorn-Unterhaltungsmovie aus dem Amerika der Vor-Trump-Ära daherkommt, ist vielschichtiger. Gleich vier Bedeutungsebenen hat dieser Film. Da ist die Familiengeschichte um Sohn/Vater/verstorbene Mutter. Da ist die Geschichte mit dem geflohenen Alien und der Air Force, die ihn wieder festsetzen will. Da ist der „Film im Film“ von den jugendlichen Filmemachern. Und da sind noch die Zeitumstände. Lillian, Ohio, ein Ort mit Stahlwerk im Jahr 1979. Also bevor das große Industriesterben im Rust Belt einsetzte, bevor Reagans neoliberale Agenda die Gewerkschaftsrechte beschnitt, in dessen Folgen deren Niedergang begann.

Was aber meine ich mit dem „anderen Amerika“ in diesem Film? Nun, die örtliche Gemeinschaft scheint keine Spaltung zu kennen. Noch ist die Gesellschaft nicht atomisiert. Klar, hier sind fast alle weiß, aber hier ist ein Mittelstand zu Hause, der noch nicht niedergegangen ist. Denn hier gibt es eine funktionierende Industrie und starke Gewerkschaften.

Ganz wichtig: Die Rolle der Armee. Die Air Force ist hier eine Bedrohung für die zivile Gesellschaft. Kein Objekt patriotischen Stolzes. Würde der Film in der Gegenwart spielen, wäre das nicht möglich. Er musste vor dem 11. September 2001 spielen.
Und schließlich: Den ganzen Film über ist das Wesen bedrohlich. Dem Fremden hat es auf die Erde verschlagen und man hat ihm übel mitgespielt. Also agiert er zerstörerisch, um fliehen zu können. Doch als Joe ihm klar macht, dass man keine böse Absicht hat, da wird aus dem dunklen gesichtslosen Fremden, ein Lebewesen mit Gesicht, Mimik und Charakter. Da versteht man einander.

In den Kritiken wurde immer darauf abgehoben, dass der Junge dieses Auftreten dem Fremden gegenüber nur geschafft habe, wie er endlich mit sich und seinem Vater im Reinen war. Ich würde dies nicht nur individualpsychologisch, sondern auch sozialpsychologisch deuten: Die hier lebenden können den Fremden auch akzeptieren, weil ihre eigene Lebenssituation noch gefestigt und mit Perspektiven behaftet ist. Und noch nicht von Armut und Niedergang gekennzeichnet ist.

Heutzutage würde der Junge dieses Vergeben nicht aufbringen. Der Alien müsste für seine Zerstörung bestraft werden. Einfach aus Genugtuung und Verbitterung. „Uns geht es ohne Schuld nicht gut, da soll es anderen, die nicht schuldlos sind, auch nicht gut gehen. Die lassen wir nicht davon kommen“. Und die Jungs wären wahrscheinlich die eifrigsten darin, die Gewaltspirale anzuheizen. Statt Super 8-Filme drehen würden sie mit dem Smartphone die zerstörerische Gewalt als Videofilmchen über die sozialen Medien weltweit teilen. Verbunden mit wüsten fremdenfeindlichen Beschimpfungen.

So ist dieser Film, der guten Unterhaltung bietet, nur sieben Jahre alt, und wirkt dennoch mit seinen Kernbotschaften des Zusammenkommens, des Verständnis für den Fremden, und dem Misstrauen gegenüber dem Militär, so weit weg vom heutigen Amerika, weiter geht’s nicht.

Mein Amerika

31. Mai 2018

Mein Amerika ist Bob Dylan mit weißgeschminktem Gesicht
und breitkrempigem Hut in der Rolling Thunder Revue.
Mein Amerika sind die ratternden U-Bahnen, die Diners
und die Busse in New York.

Mein Amerika sind Ben, Adam Hoss & Little Joe Carwright,
die auf ihrer Ponderosa für ein vielfältiges und tolerantes Land kämpfen.
Mein Amerika sind die aufrechten Bergarbeiter vom Harlan County,
die sich von der Gewalt nicht schrecken ließen.
Mein Amerika sind „Easy Rider“ und „Blues Brothers“,
die Bigotterie und Rednecks trotzen.

Mein Amerika ist der weite Himmel über Texas
und der Washington Square in Greenwich Village.
Mein Amerika ist Woody mit seiner Gitarre,
auf der steht „This Machine kills Fascists.

Mein Amerika sind die Grand Ole Opry,
in der Del McCoury, die Old Crow Medicine Show
und die Carolina Chocolate Drops spielen.
Mein Amerika ist der Broadway in Nashville
und die Beale Street in Memphis.

Mein Amerika sind Mark Twain und Walt Whitman,
sind Hemingway, Faulkner und Ambrose Pierce.
Mein Amerika sind Alice Walker und Toni Morrison,
James Lee Burke und Joe E. Lansdale.
Mein Amerika sind Rhiannon Giddens und Alynda Lee Segarra,
Joan Baez und Ani Di Franco.

Mein Amerika sind die Blue Ridge Mountains,
the little Cabin in the hills, Woodstock, die Catskills und Big Pink.
Mein Amerika sind Martin Luther King, Angela Davis,
Rubin „Hurricane“ Carter und Rosa Parks.

Mein Amerika sind Levon Helm und Larry Campbell,
Johnny Cash, Hank Williams, Jimmie Rodgers und die Carter Family.
Mein Amerika sind die Brooklyn Bridge, die Sun Studios,
Bristol, Tennessee/Virginia und Clarksdale, Mississippi.
Mein Amerika war und ist, und war doch nie so da
wie geträumt.

Mein Amerika sind Black Lives Matter, Childish Gambino,
Denzel Washington, Susan Sarandon und Tim Robbins,
The Roots, Kendrick Lamar und
die couragierten Jugendlichen der Parkland High School.

Jetzt wollen sie ihm den Garaus machen da drüben, von innen.
Du, mein Amerika, das ein anderes Amerika ist,
sei stark und wehrhaft!

Johnny Cash: Forever Words – The Music

20. April 2018

Texte aus dem Nachlass von Johnny Cash wurden in wunderbarer Weise vertont und liefern einen neuen Blick auf die Legende des „Man in Black“

Wohl dem Künstler, der einen talentierten Nachlassverwalter hat. Bei Woody Guthrie sorgt seine Tochter Nora dafür, dass seine Musik und die Texte immer wieder neuen Generationen von Musikern nahegebracht werden. Die Aufnahmen von Wilco und Billy Bragg haben bereits Kultstatus und Del McCourys Vertonungen lieferten den Beweis, dass Woody tief im Innern ein Hillbilly-Musiker gewesen ist. In Hank Williams Familie war wenigstens jemand so schlau, dessen nachgelassene Texte dem großen Hank-Fan Bob Dylan zu überlassen, der sie dann mit vielen anderen Musikern unter dem Titel „Lost Notebooks“ vertonte. Nur nebenbei: Auch das Hank Williams-Museum in Montgomery, Alabama, das nichts anderes als eine runtergekommene Devotionalien-Rumpelkammer ist, würde einen guten Kurator dringend benötigen. Und Dylan selbst ist wiederum schon jetzt sein eigener Nachlassverwalter, er spielte eigene Texte aus der Basement-Tapes-Zeit T-Bone Burnett zu, der sie dann kongenial von einer Künstlerschar rund um Elvis Costello, Marcus Mumford und Rhiannon Giddens mit Musik unterlegen ließ.

Zu diesen gelungenen Projekten fügt sich nun auch „Johnny Cash: Forever Words – The Music“. In diesem Fall ist John Carter Cash der Nachlassverwalter. Als Singer-Songwriter weit im Schatten seiner Schwestern Rosanne und Carlene stehend, hat er mit der Pflege von Vater Johnnys Nachlass seine Berufung gefunden. Hatte man auch hier und da die Befürchtung, Carter Cash würde den Nachlass – Achtung Wortspiel! – zu sehr als reine „Cash-Cow“ betrachten, legt er mit diesem Album nun sein Meisterwerk vor. Unterstützt vom nordirischen Poeten Paul Muldoon und dem New Yorker Produzenten Steve Berkowitz wurden die Texte der 2016er Buchveröffentlichung „Forever Words“ gesichtet und mit sehr unterschiedlichen Musikern der Country- und Americana-Szene eingespielt. Das Spektrum reicht vom Mainstream Country-Star Brad Paisley über Altmeister wie John Mellencamp und T Bone Burnett bis hin zu den Töchtern Rosanne und Carlene. Am überraschendsten ist sicher die Mitwirkung des 2017 verstorbenen Grunge-Rockers Chris Dornell. Ganz am Anfang der Platte stehen natürlich die beiden Freunde und Weggefährten Kris Kristofferson und Willie Nelson, wunderschöne Beiträge haben auch Allison Krauss, Jewel und „I’m With Her“ beigesteuert.

Die Texte und Themen der Songs sagen einiges aus über Johnny Cashs Blick auf das Leben. Er war gläubig ohne missionarisch oder fanatisch zu sein. Er liebte die Menschen und hasste daher sinnlose Gewalt und Krieg. Rosannes Beitrag „The Walking Wounded“ über das Leiden eines Vietnam-Veteranen legt hiervon Zeugnis ab. Aber auch sehr persönlichen Themen hat sich Cash literarisch gestellt. Dornells Beitrag „You Never Knew My Mind entstand unmittelbar nach Cashs Scheidung von Vivian Liberto 1967.

Das Album zeigt noch einmal auf, wie Cash sich verstand. Auf der Seite der Beladenen auf der Seite der Liebe. Und daher ist Johnny Cash bei all seinen Widersprüchen keiner, den die heutige politische Rechte in den USA für sich reklamieren könnte. Und jeder Versuch wird von der Familie Cash auch in großer Einigkeit abgewehrt. Auch Johnny Cash steht für ein Amerika, das es so derzeit nicht mehr gibt. Umso wichtiger ist dieses Album, das eines der besten seiner Art ist. Respekt, John Carter Cash!