Biber Herrmann

6. September 2015

Biber_Cover_1523Es gibt Künstler deren Namen hat man schon so lange und schon so oft gehört. Hat immer mal wieder mit Interesse über sie gelesen. Man hat schon gewusst, dass sie gut und wichtig sind, aber aus irgendeinem Grund hat man bislang nicht zu ihnen finden können.

Biber Herrmann war bis Samstag, 29. August 2015, so einer für mich. Natürlich hatte ich die Lesungen von Fritz Rau mitbekommen, bei denen Biber für die musikalische Begleitung sorgte. Aber obwohl oder gerade weil ich Fritz Rau kurz vor seinem 80. Geburtstag interviewen durfte, schaffte ich es nicht auf eine seiner Lesungen. Heute weiß ich, dass ich nicht nur seine großartigen Erzählungen versäumt habe, sondern auch die Auftritte eines der „wichtigsten und authentischsten deutschen Folk- und Blueskünstler“, so Rau über Biber.

Beim Germanicana-Folkfestival in Darmstadt war es aber dann soweit. Biber, weit über die Rhein-Main-Region hinaus bekannt, war unser Headliner. Und was für einer. Ein sympathischer Künstler und Mensch. Und ein fantastischer Musiker. Ein großartiger Instrumentalist und feiner Songwriter.

Ein gutes Beispiel dafür ist seine aktuelles Album „Grounded“. Da stehen eigene Songs lässig neben Coverversionen von Songs aus der Feder von Robert Johnson, Leadbelly oder Bob Dylan. Denn Biber unterzieht sie seiner fürsorglichen, respektvollen Anpassung an seinen eigenen Stil. Musikalisch virtuos interpretiert, mit einer eigenen Lässigkeit und Lakonie gesungen, behalten sie ihre Seele und ihre Aussage. Denn Biber ist keiner, der das alte Bluesschema überstrapaziert. Er lehnt sich an, geht aber eigenständige Wege.

Wie kein anderer versteht es Biber, als Solokünstler Melodieführung, Umspielen der Melodielinie und Rhythmusbegleitung auf nur einem Instrument miteinander so stimmig zu vereinbaren, dass es einen in den Bann zieht. Ich möchte nur einen Song von diesem wunderbaren Album hervorheben, weil er beispielhaft für Bibers Werk ist.

Biber Herrmanns Version von Bob Dylans „Maggies Farm“. Dem alten Mitsechziger Klassiker, der Dylans Rebellentum unterstreicht. Nein, er möchte kein Lohnsklave für irgendjemand sein. Dylan hat seinen Song wie es ihm eben eigen ist, im Laufe seiner Karriere immer wieder in neue Arrangements gesteckt. Tuckerte das Original noch recht solide herum, war die 1976er Rolling Thunder viel entschiedener und lauter in der Ansage, war die 1978er Budokan-Version eine Breitwand-Rockfassung mit japanischen Verzierungen, während die 1984er Version wieder eher konventionell straight nach vorne gespielt war.

Bibers Version ist Blues in seiner besten Form. Leid mischt sich mit Protest, die Musik treibend und wandernd. Denn wer nicht auf Maggies Farm arbeiten will, der muss das Weite suchen. So wie die Schwarzen, die nicht mehr irgendeinem Herren dienen wollten, sich auf den Highway nach Norden begaben.

Biber Herrmanns Version von Maggies Farm – eine der schönsten, die ich kenne – ist es alleine schon Wert, dieses Album in seiner Sammlung zu haben. Aber auch die dreizehn anderen Stücke wie „Angels In The Rain“, „Going Up The Country“ (ebenfalls großartig!), oder „Sweet Nun“ verführen zum bewussten Musik hören. Also: Platte besorgen, CD in den Player und auf Endlosschleife laufen lassen. Endlos schön!

Vor 50 Jahren erschienen: Bob Dylans Highway 61 Revisited

6. September 2015

Highway 61Ja, dieses Album ist ein Meilenstein der Musikgeschichte und Bob Dylan wurde spätestens mit dieser Platte zum Giganten. Es enthält großartige Songperlen, wunderbare Poesie und „Dylan hat den Geist befreit, so wie Elvis den Körper befreit hat“ (Bruce Springsteen).

So könnte man einen Artikel über diese Platte anfangen, und sicher tun es viele auch so. Doch wenn Dylans Musik diesen Stellenwert für folgende Generationen behalten soll- und sie ist es wert, dass das so bleibt – dann muss man anders rangehen. Hier ein Versuch.

Bob Dylan war 24 Jahre alt, als Highway 61 Revisited am 30. August 1965 erschienen ist. Hinter ihm lag ein für damalige Verhältnisse – ohne Globalisierung, Internet, Social Media, Smart Phone und I-Tunes – rasender Erfolg innerhalb von vier Jahren. 1961 kam er nach New York City. 1962 erschien seine erste Platte. 1963 schaffte er den Durchbruch und wurde zum Idol der linken Jugendbewegung, 1964 begann er sich vom tagepolitischen Protestsong abzuwenden, 1965 hatte er mit „Bringing It All Back Home“ sein erstes Rockalbum vorgelegt, die Folkies in Newport verstört, den Folk-Rock erfunden. Dann erschien „Highway 61 Revisited“.

„Highway 61 Revisited“ ist zu erst einmal das Album eines jungen Mannes, der ganz bei sich und dem ist, was er als seine für ihn notwendige – nicht für andere – künstlerische Ausdrucksform ansieht. Als Dylan von seiner England-Tour 1965 zurückkam, war er frustriert. Das Publikum und das Business hatte ihm eine Darbietungsform abverlangt, die nicht mehr seine war. Er war nicht mehr der einsame Gitarrenfolkie, der politische Botschaften vertont. Dylan war zu einer seiner Wurzeln, der Rockmusik, zurückgekehrt. Und seine neuen Texte waren nicht unpolitisch, sondern zeit- und gesellschaftskritisch auf einer grundsätzlicheren Ebene, ohne ständig den Zeigefinger zu heben. Waren bildreich, anarchisch, sarkastisch, ironisch und zynisch.

Dylan spielt in seinen Songs ständig mit Perspektiven und Zeitebenen. Nein, Dylans Songs dieser Jahre (und auch später) sind vorwiegend nicht mit den Begriffen „biographisch“ oder „authentisch“ beizukommen. Auch wenn sie teilweise auf realen Konflikten oder Begebenheiten in seinem Leben begründet sein sollten – Dylan schafft es immer wieder, Masken und Bilder in seinen Songs einzuweben, die ihm Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten bieten.

Bereits der erste Song des Albums, „Like A Rolling Stone“, ist ein Beispiel dafür. Er basiert auf einem Wutpamphlet, das sich gegen seine Situation und gewisse Personen richtet, denen er die Schuld dafür gibt. Am Ende destilliert er das Ganze zu einem sechs-Minuten-Stück, in dem ein völlig namen- und eigenschaftsloser Erzähler dem Mädchen aus gutem Hause mal so richtig die Meinung geigt und den Spiegel vorhält. Der das hohe Lied der Straße singt und das Leben mit Risiko und ohne Netz und doppelten Boden propagiert. Dylan hat mit diesem Song in einem der vielen Bereiche, in denen er die Popmusik erneuert hat, sein Meisterwerk geschaffen. Er hat den „Anti-Love-Song“, den „Hate-Song“ in die Popmusik eingeführt. „Don’t Think Twice, It’s Allright“, „It Ain’t Me Babe“ und „Positively Fourth Street“ waren die Vorgänger dieses wortgewaltigen Ausbruchs, der Rebellion verströmt, und daher auf einer Ebene mit „(I Can’t Get No) Saticfaction“ von den Stones gesehen werden muss.

Dylan war 24 Jahre alt, hatte Kerouac, Woody Guthrie, John Steinbeck, Allen Ginsberg und Rimbaud gelesen. Er war von Brecht und Shakespeare beeinflusst. Gleichzeitig waren die Country-Legende Hank Williams, der Country- und Folkstar Johnny Cash, Bluesmen wie Robert Johnson oder Muddy Waters sowie die Rock’n’Roller Little Richard, Buddy Holly und Chuck Berry seine musikalischen Säulenheiligen. Für einen amerikanischen Mittelschichtsjungen aus der weiten Leere Minnesotas war das ein so erfrischend breiter Bildungskanon, wie man ihn sich bei der heutigen amerikanischen Selbstbezogenheit gar nicht mehr vorstellen kann.

Und dieser Dylan hat Spaß daran, diesen Bildungskanon zu nutzen, um ihn in seinen Songs aufmarschieren zu lassen. So reicht das Personal von „Desolation Row“ ja bekanntermaßen von Einstein bis Robin Hood. Doch wie kein anderer versteht es Dylan, diese für einen Amerikaner erstaunlich polyglotte Weltsicht immer wieder mit den amerikanischsten Mythen zu verbinden. Der Highway 61 ist gleichsam in Süd-Nord-Richtung erst die Straße der Freiheit für die schwarzen Sklaven, dann die Straße der Wohlstandshoffnung für die schwarzen und weißen Arbeitsimmigranten, die in die industrialisierten Metropolen drängten. Und in Nord-Süd-Richtung ist sie für immer der Blues-Highway, der von Chicago, der Jazz und Rythm- und Blues-Kapitale im Norden hinunter zu den Wurzeln des Country-Blues, zum armen Mississippi-Delta im tiefen Süden führt. Dylan erhebt sie in seinem Song „Highway 61 Revisited“ gleichsam zum universellen menschlichen Schicksalsort. Ganz schön kess.

Und während er in „Desolation Row“ mit dem europäischen Bildungskanon spielt, leitet er doch den Song mit einer Szene ein, die an die ganz dunklen Seiten der amerikanischen Geschichte erinnert. „They selling postcards from the hanging“ erinnert an den Lynchmord an drei schwarzen Arbeitern eines Wanderzirkus im Minnesota der 20er Jahre und steht stellvertretend für den gewalttätigen Rassismus in den Staaten.

Highwy 61 PolizottiUnd so ist in all diesen Songs mit ihrer Musik auf dem Fundament von Rock, Folk, Blues und Country so vieles zu entdecken. Ein 24-jähriger legt die Finger in die Wunden des westlichen Kapitalismus, in dem er nicht agitatorisch deklamiert und propagiert, sondern indem er Normen, Machtverhältnisse und Kontinuitäten der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellt, ihnen den Spiegel vorhält und sie dem Spott aussetzt. Der Dylan jener Jahre mag für seine nähere Umgebung ziemlich zickig und nervig gewesen sein, doch sein Anliegen als Künstler ist humanistisch. Gerade, weil er sich von niemandem vereinnahmen lassen will.

Mit diesem Album – eigentlich aber schon mit „Subterranean Homesick Blues“ vom Vorgängeralbum „Bringing It All Back Home“ – beginnen die Sechziger. Dylan stellt sich an die Spitze der Gegenkultur, weil er genau das nicht will. Und wieder sollte es nicht lange dauern und dann wird sich Dylan auch dieser Gegenkultur entziehen. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

Wer mehr zum Album „Highway 61 Revisited“ erfahren möchte, dem sei Mark Polizottis Buch „Highway 61 Revisited“ empfohlen. Lesenswert!

Country, Folk und Blues aus Rhein-Main

18. August 2015

Das „Germanicana-Folkfestival“ hat am 29. August in Darmstadt PremiereGermanicana_Plakat A2_5

Der Geist von Musik-Ikonen wie Bob Dylan, Johnny Cash, Kris Kristofferson oder Townes van Zandt liegt in der Luft, wenn am Samstag, 29. August, in Darmstadt zum ersten Mal das „Germanicana Folkfestival“ stattfindet.

„Es war die Idee und Initative von Wolf Schubert-K und wir freuen uns, Geburtshelfer und Paten dieser großartigen Sache zu sein“, erklären Theater-Chef und Sommerblüten-Organisator Klaus Lavies und Thomas Waldherr, Initiator und künstlerischer Leiter der Reihe „Americana im Pädagog“, zur Premiere des „Germanicana Folkfestival“ im Rahmen der Reihe „Sommerblüten 2015“. „Country, Folk, Blues and more aus Rhein-Main“ verspricht das Line-Up dieser Veranstaltung. „Für mich war das ein lang gehegter Herzenswunsch und ich bin froh und dankbar, dass er in Darmstadt endlich in die Tat umgesetzt wird“, so Musiker und Americana-Urgestein Wolf Schubert-K.

Und es hat sich gelohnt, denn das Publikum erwartet ein Americana-Programm vom Feinsten. Mit dabei sind an diesem Tag (Beginn 17 Uhr) im Hof des Hoffart-Theaters (Lauteschlägerstraße 28) der weit über die Region hinaus bekannte Folk- und Blues-Künstler Biber Herrmann, Americana Singer-Songwriter Markus Rill, Wolf Schubert-K & The Sacred Blues Band, die Frankfurter Band „Die DoubleDylans“, sowie die Darmstädter Lokalmatadoren „Candyjane“ und Vanessa Novak. Zwischen den musikalischen Acts wird Roger Jones die Zuhörer mit Poetry unterhalten.

Die Künstler in der Kurzvorstellung

Über Biber Herrmann hat Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau einmal gesagt, er sei „einer der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler in unserem Lande und darüber hinaus. Den traditionellen Blues spielt er mit einer Lebendigkeit, die Herz und Seele berührt.“

Markus Rill ist ein großartiger Storyteller. Rill hat die Gabe, die ganze breite Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden. Mal voller Humor und Optimismus, mal nachdenklich, mal traurig. Er lernte sein Handwerk in Austin/Texas und wurde schon mit mehreren internationalen Songwriterpreisen ausgezeichnet.

Wolf Schubert-K. war bereits in den 90er Jahren als Pionier des Alternative Country unterwegs. Mit der Sacred Blues Band haben sich gestandene Musiker zusammengetan die was zu sagen haben: Folksongs, Country, Gospel und Roots-Rock Elemente bilden das Fundament für die Geschichten zwischen Zusammenbruch und Aufbruch.

Die DoubleDylans sind Deutschlands außergewöhnlichste Bob Dylan-Coverband. Seit 1999 haben sie auf stets originelle Art ohne falsche Scheu, aber dafür mit viel Sinn für grotesken Humor die Songs des Meisters in ihren Frankfurter Mikrokosmos zwischen Taunus und Ebbelwoi, Gallus und Marrakesch überführt.

Auf den Spuren amerikanischer Folk-, Blues- und Countrymusik kreieren Candyjane ihren ganz eigenen high lonesome Sound, teils mit traditionellen Songs, teils mit Eigenkompositionen, die dem Regen huldigen, sehnsüchtige Wasserschnecken besingen oder von alltäglichen Fußangeln und schwarzen Löchern handeln, von Ungeziefer und erloschener Liebe.

Angelehnt an die Americana-Folk Tradition spielt die Deutsch-Amerikanerin Vanessa Novak eine eigene Mischung aus Folk-Blues und Country. Geboren in Detroit und aufgewachsen mit der Musik von Johnny Cash und Dolly Parton ist Vanessa Novak aus Darmstadt eine der authentischsten Songwriterin der deutschen Folk und Americana-Szene.

Und zwischen den Music-Acts slammt sich Poet Roger Jones durch die Americanische Musikgeschichte: bildhaft, schnell und poetisch!

Ein Festival für die Americana-Singer-Songwriter-Szene der Region

„In Rhein-Main gibt es eine rege Americana-Singer-Songwriter-Szene. Mit dem „Germanicana-Folkfestival soll sie sich in regelmäßigen Abständen treffen. Der Charakter soll irgendwo zwischen Festival und Jam-Session angesiedelt sein, so wird ein Schwerpunkt auch darauf liegen, dass die unterschiedlichen Acts auch in verschiedenen Kombinationen auf der Bühne stehen werden. Die Musik, das Publikum und unsere gegenseitige Wertschätzung stehen für uns im Mittelpunkt“, erläutert Schubert-K. die Intentionen der Veranstaltung.

Klaus Lavies und Thomas Waldherr indes freuen sich auf einen guten Zuschauerzuspruch. „Wer hier lebt und Country, Folk und Blues mag, der darf das „Germanicana-Folkfestival“ nicht versäumen“, wünscht sich Waldherr viele Besucher aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tickets gibt es im Vorverkauf online unter http://www.ztix.de/ticketshop/kalender.html oder in Darmstadt im Darmstadt-Shop im Luisencenter, Luisenplatz 5, 64283 Darmstadt, Tel. 06151-134513.

Die Kriegsflagge der Konföderierten

28. Juli 2015

Als wir vor wenigen Wochen in den USA waren – noch vor den Ereignissen in Charleston – da nahmen wir zweimal die Flagge der Konföderierten als ganz besonders prominent hervorgehoben wahr. Ein obskurer Motorrad-Rocker hatte sie auf seinem Arm eintätowiert, verbunden mit dem Statement „Wenn Du diese Flagge nicht achtest, brauchst Du Geschichtsunterricht!“ und dann riesig am Rande des Highways in den Smokey Mountains wehend, gestiftet von den „Söhnen der Konföderation“.

Sicher, die Südstaatenflagge, die konföderierte Kriegsflagge, die hat man zuletzt halt hingenommen, auch wenn es einem schon irgendwie nicht richtig vorkommt, dass sie propagiert wird. Denn es war die Fahne einer Bundesstaatengemeinschaft, deren Zusammenhalt und wirtschaftlicher Macht auf der Sklaverei gegründet war. Und sie ist später immer wieder von denen genutzt worden, die die Niederlage der Konföderation und das Ende der Sklavenhaltergesellschaft nicht einsehen wollten. Und sie war eben immer auch Bestandteil der Repression, der Gewalt und der rassistisch motivierten Morde gegen Schwarze.

Für viele weiße Südstaatler ist sie zum Symbol der Südstaaten-Kultur geworden. „Lynyrd Skynyrd“ greinen beispielsweise nun auf diese Weise herum, man könne doch dieses Zeichen des Südstaaten -Erbes nicht verdammen. Im Bürgerkrieg wäre es um die Rechte von Staaten gegangen. „Oh Freunde, mehr Empathie bitte!“ Es ging vor allem auch um die Aufrechterhaltung der Sklaverei. Und zum Erbe des Südens gehörten auch die Jim Crow-Gesetze zur Rassentrennung. Ist das das Erbe der Südstaaten, das verteidigt werden soll? Die konföderierte Kriegsflagge ist zum Zeichen von Ku Klux Klan und Hate Groups geworden. Ist es so schwer nachzuempfinden, wie Schwarze fühlen, wenn sie sie sehen?

Bei einer Veranstaltung mit der schwarzen Bürgerrechtlerin Lecia Brooks in Mainz, erinnerte sie uns kürzlich daran, dass die Konföderierten-Flagge in South Carolina erst in den Sechzigern über Staatsgebäuden aufgezogen wurde. Eine klares Statement gegen die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung!

Ja, es gibt ein kulturelles Erbe der Südstaaten, das Weiße und Schwarze leben können und wollen. Das ist die Musik – Blues, Country, Bluegrass, Gospel, Jazz und Rock’n’Roll. Das sind die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung. Das sind Soulfood, Catfish, Gumbo und Jambalya, Cornread and Butterbeans and Black Eyed Peas, Limonade und Sweet Tea. Das sind Höflichkeit, Nachbarschaftshilfe und Gemeinsinn, Gastfreundschaft und wunderbare Landschaften. Die großartige Rhiannon Giddens singt in ihrem Song „Country Girl“ davon, dass sie als Schwarze, trotz der unseligen Geschichte und schweren Gegenwart, ganz bewusst im Süden bleibt, weil Sie hier zu Hause ist, den anderen das Feld nicht überlassen will und einfach den Lebensstil dieses Landstrichs mag.

Dieses Erbe, diese Kultur, dieser Lebensstil braucht die Kriegsflagge der Konföderierten nicht, sie schadet ihm, weil sie weiterhin schwarz und weiß spaltet. Zuletzt sind auch wichtige Stars der Countryszene auf Distanz gegangen. Also: Holt endlich die Fahnen runter und wickelt sie ein, sie haben schon lange ausgedient.

Endlich wieder Bewegung

21. Juni 2015

DylanConcert2015Nachdem Bob Dylan fast zwei Jahre jeden Abend das gleiche gespielt hat, mischt er nun in Mainz kräftig durch

Es beginnt wie es seit langem immer beginnt. Die Setlist ist wohlbekannt und so manchem weitgereisten Dylan-Fan entfährt ein Seufzen. Na gut, dann halt wieder das. Aber dann kommt es ab Song Nummer acht knüppeldick. „Full Moon And Empty Arms“ – Livepremiere! „To Ramona“ trägt als neues Kleid ein schönes Latino-Gewand. Dann ist Rätselstunde. Dylan singt einen wunderschönen Countrysong… ja „Sad Songs And Waltzes“ von Willie Nelson ist es! Und als er dann das skurrile „Tweedle Dum and Tweedle Dee“ auch noch in einem angemessen kinderliedhaften Arrangement zum Besten gibt, haben wir alle mal wieder die Gewissheit, dass dieser Mr. Dylan nie Moos ansetzen wird. Noch wissen wir nicht, wie sich die Setlist im Laufe dieser Europatour verändern wird. Aber die bleierne Setlist-Zeit der letzten beiden Jahre scheint vorüber.

Zweite gute Nachricht. Die Wiederkehr der Überraschungen geht einher mit einer gleichbleibend starken Performance. Allen Liedern, die er spielt, bringt er die gleiche Aufmerksamkeit entgegen. Vorbei die Zeiten des nuscheligen Krächzens. Der Bühnenkünstler Bob Dylan dieser Tage deklamiert seine Texte deutlich wie beim Diktat. Seine Stimme stark und belastbar wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Bob Dylan ist mit nun 74 Jahren auf einem erneuten Höhepunkt seines Schaffens!

Und, was angesichts der neuen Arrangements alter Songs auch wieder einmal betont werden muss: Bob Dylan ist als Arrangeur völlig unterschätzt. Spätestens seit 1978, als er seine teilweise spröden Songs in sattem Big Band-Sound kleidete, bringt er uns immer wieder zum Staunen. „To Ramona“ war eben noch ein schräger Country-Walzer. Da aber dieses Kleid nun von „Waiting For You“ getragen wird, hat er „Ramona“ eben mal in eine hübsche Latin-Rock-Hülle geschneidert. „Workingmans Blues #2“ mutiert musikalisch vom seligen Kinder- zum bösen Albtraum. Und „All Along The Watchtower“ – dieses Mal einzige und letzte Zugabe – kommt nun nicht mehr krachig, sondern eher verhalten und furchtsam daher, ist nun seinem Original wieder näher als der Fassung von Hendrix.

Ein Abend, der irgendwie eine Befreiung war, Dylans Einzigartigkeit deutlich unterstrichen hat, und einem nun die folgende Tour mit viel größerer Spannung beobachten lässt als befürchtet!

AustroBob

23. April 2015

AustrobobJa, auch ich hatte einmal Berührungspunkte mit dem Wiener Kreis der österreichischen Dylan-Freunde. Wobei Wiener Kreisel auch keine schlechte Bezeichnung wäre, ob der spielerischen Leichtigkeit, der Eleganz und dem Schmäh, mit dem sie ihre Dylan-Thesen zirkulieren ließen und ihre gekonnten intellektuellen Steilvorlagen stets treffsicher einnetzten.

1998 schrieb ich einen Artikel für die Zeitschrift „Parking Meter“ – auf den ich sehr stolz war und für dessen Veröffentlichung ich den „Parking Meter“-Leuten immer noch dankbar bin – und verbrachte ein Dylan-Wochenende auf der berühmten Burg Plankenstein. Mir war dort damals die permanente Beschäftigung mit Dylan, das permanente Reden über Dylan dann aber irgendwann zu viel. Ich wurde etwas mitleidig angeschaut, weil ich vorzeitig abreiste, und lieber den Meister bei Rock im Park in Nürnberg sehen und hören wollte. Aber damals fand ich einfach keine rechte Bindung zum Spiel des Wiener Dylan-Teams. Schade, aber die Zeit war wohl einfach nicht danach, man kann es nicht mehr ändern.

Nun – viele Jahre, viele Dylan-Konzerte, viele eigene Dylan-Artikel, die Erfahrung des Frankfurter Dylan-Symposiums, eine Reihe eigener Dylan-Abende, einen eigenen Blog und eine eigene Buchveröffentlichung weiter – ist nun AustroBob erschienen. Das ultimative Buch über die österreichische Dylan Rezeption. Und siehe da, die Lektüre war ein großes Vergnügen.

Auf kluge Art und Weise erzählt der Band die verspätete Entdeckung Dylans in Österreich. Stellt die vielen bekannte Dylan-Platte von Wolfgang Ambros in diesen Zusammenhang. Literaten, Musiker und Intellektuelle wie Michael Köhlmeier, Ilse Aichinger, Andreas Spechtl und eben Wolfgang Ambros schreiben teils in sehr persönlichen Geschichten und Beiträgen über ihre Beziehung zum Bob und dessen Bedeutung für sie. Es ist ein teilweise brillantes, teilweise anrührendes und teilweise einfach unterhaltsames Buch. Ein Muss für jeden Dylan-Freund, der sich ernsthaft mit der Wirkung und der Bedeutung des Künstlers auseinandersetzt.

Und am Ende entdeckte ich auch den Beitrag zu „Parking Meter“ und die Abbildung des Titelbilds, auf dem mein Name und mein Artikel aufgeführt war. Die Zeitung gibt es nicht mehr, aber die Protagonisten sind weiterhin aktiv. Die Wiener Traditionsmannschaft spielt also noch. Gut so, denn vielleicht kann ich ja doch nochmal irgendwann eingewechselt werden.

AustroBob, Falter Verlag Wien, 216 Seiten, EUR 29,90.

James Lee Burke

2. April 2015

Regengoetter von James Lee BurkeEr ist nicht nur einer der größten lebenden Kriminalschriftsteller. Nein, ich behaupte er ist einer der größten amerikanischen Schriftsteller überhaupt. Wie kaum ein anderer versteht es James Lee Burke, die Wunden, die Narben und die Widersprüche der USA so offen zu legen wie er. Mittels einer lakonischen Erzählweise, die stets packend, aber nie spekulativ ist, und ganz ohne die Bedienung irgendeines Gewaltvouyeurismus auskommt. Wo andere sich in der Komposition von gewalttätigen Szenarien oder besonders ausgefallenen Mordarten gefallen, bleibt er ganz stoisch. Er sucht die Gewalt nicht, er schreibt sie nicht herbei, er findet sie ganz beiläufig, denn zum Leben in Amerika gehört sie dazu.

Hackberry Holland, die Hauptfigur in Burkes Roman „Regengötter“, ist ein mehrfach traumatisierter trockener Alkoholiker. In Korea hat er in Gefangenschaft Kameraden verraten, als Politiker gekokst, gesoffen und auch sonst nichts anbrennen lassen. Dann dem allen abgeschworen und als Anwalt für eine Bürgerrechtsbewegung gearbeitet und eine Aktivistin geheiratet. Nachdem sie einer tückischen Krankheit erlegen ist, geht er ins texanisch-mexikanische Grenzland und wird Sheriff. Hier erlebt er die Schönheit des Landes und die Verzweiflung und Verrohung seiner Menschen in ihrer ungeschminktesten Form und versucht nichts anderes, als Gerechtigkeit walten zu lassen. Der amerikanische Traum zerschellt an der Wirklichkeit, aber Holland kämpft unentwegt dagegen an. Wie ein texanischer Sisyphos.

Burke hat mit Hackberry Holland im Herbst seines Schriftstellerlebens eine Figur geschaffen, die gleichsam eine Art Synthese seiner beiden früheren Figuren ist. Da ist der ebenfalls kriegstraumatisierte (von Vietnam) Alkoholiker Dave Robicheaux, der in den Swamps und Bayous von Louisiana das Recht – oder was er davon hält – durchzusetzen versucht, und da ist der Anwalt und frühere Texas Ranger Billy Bob Holland. Hackberry ist dessen Cousin. Die Lage ist hoffnungslos, aber das kümmert ihn nicht. Denn er kann nur versuchen, das war er sieht zu beeinflussen. Den großen Linien gegenüber ist auch als Sheriff genauso machtlos wie jeder andere.

Doch während die Handlung ganz beiläufig und manchmal schleppend aber nie zäh vorankommt, gelingt es Burke immer wieder mit nur wenigen Sätzen die Dilemmata und Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft auf den Punkt zu bringen. Die Herrschaft der Industriellen, die sie auch immer wieder mit rücksichtsloser Gewalt durchsetzen, der Rassismus und der Einfluss der christlichen Fundamentalisten auf der einen und die Schönheit der Landschaft und der Musik der Carter Family und von Woody Guthrie auf der anderen Seite.

Kürzlich las ich „Knockemstiff“ von Donald Ray Pollock. Und es war wie ein nie enden wollender monströser Albtraum ohne jede Hoffnung. Jede Geschichte steigerte Abgründe und Perversionen noch ein bisschen mehr. Und auch wenn ich Gefahr laufe unfair zu sein: Während Donald Ray Pollock Trash-Chic für Redakteure konservativer Blätter liefert, ist James Lee Burke wirklich der Chronist des gefährlichen Amerika. Sowohl des alten, als auch des jetzigen. Denn am gefährlichsten ist die Gefahr nicht in der Überzeichnung, sondern in der Andeutung. In der Vorahnung ist die Angst am Größten.

Und dennoch sind James Lee Burkes Romanfiguren Amerikaner. Sie leben einfach weiter, ihre Hoffnung scheint nie enden zu wollen. Möge kommen was wolle.

Und wohl auch nicht zu verstehen ist.

„Just A Picture From Life’s Other Side“

15. März 2015

Seminar untersucht die gesellschaftlichen Hintergründe von Country, Folk & AmericanaBroschüre 1

Ein besonderes Bildungsangebot für Country & Folk-Freunde veranstaltet das Fridtjof-Nansen-Haus in Ingelheim in Zusammenarbeit mit der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz e.V. und der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung am Freitag, 10. Juli, und Samstag, 11. Juli. Zwei Tage lang beleuchtet der Country.de-Redakteur und Bob Dylan & Americana-Experte Thomas Waldherr unter dem Titel „Just A Picture From Life’s Other Side“ die soziokulturellen und politischen Hintergründe von Folk, Country & Americana vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.

Wie sich die politische Entwicklung der Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, die Politik des New Deal, der Kalte Krieg und der Aufbruch der 1960er Jahre auf die Folk- und Countrymusik ausgewirkt hat, wird dabei ebenso anhand vieler Musikbeispiele nachgezeichnet, wie ein Blick nach vorne gewagt wird, in dem auf die aktuelle Americana-Szene im Zusammenhang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA eingegangen wird.

In Workshops können dann die Teilnehmer ausgewählte Songs besprechen oder selber unter der Anleitung von Country.de-Redakteur und Johnny Cash-Kenner Bernd Wolf und Elisabeth Erlemann („Sweet Chili) Folk- und Countrysongs schreiben und einüben. Am Samstagabend endet dann das Seminar mit einem Konzert von „Sweet Chili“ und Workshopteilnehmern.

Die Teilnahmegebühr beträgt für Erwachsene 55 Euro, ohne Übernachtung 35 Euro. Für Jugendliche, Referendare und Studierende 35 Euro mit Übernachtung und 20 Euro ohne Unterkunft. Die Unterbringung erfolgt in Doppelzimmern, für Einzelzimmer wird ein Zuschlag von 25 Euro berechnet. Anmeldung bei: Anmeldung bei: Stefanie Fetzer, Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim, Tel. (06132) 79003-16, Fax (06132) 79003-22, E-Mail fna@wbz-ingelheim.de, Internet http//www.fna-ingelheim.de/Anmeldung.

Und hier geht’s zum detaillierten Programm: http://www.atlantische-akademie.de/folk-seminar-2015

 

„Catfish“ – ein Bob Dylan-Roman

9. März 2015

CatfishWas soll man dazu sagen? Mal keine Biographie, keine Textexegese, kein Songbuch und keine dylanologischen Betrachtungen und Reflexionen über Dylans Werk aus musiksoziologischer, gesellschaftspolitischer oder religiöser Sichtweise. Nein, hier geht es um eine ganz subjektive Suche eines Fans nach der Person Bob Dylan. Der Rolling Stone-Autor Maik Brüggemeyer (Jahrgang 1976) hat darüber ein Buch geschrieben. Und das ist gut so. Ist es doch – bei aller Kritik, die wir daran haben und die wir noch äußern werden – ein lobenswertes Unterfangen, eine neue Herangehensweise für eine neue Generation von Dylan-Fans zu proben.

War Dylan in den 90ern noch ein „Has Been“, dessen Konzerte hauptsächlich von langjährigen Hardcore-Fans getragen wurden, ist seit seinem Comeback in den Jahren 1997 – 2006 eine neue jüngere Fangemeinde nachgewachsen. Vorbei die Zeiten, als Dylan im März 1995 die damalige Unterfrankenhalle in Aschaffenburg gerade einmal zur Hälfte füllen konnte. Brüggemeyer ist auf Konzertreise mit Dylan seit Sommer 1995, nachdem er ihm ein paar Jahre vorher in der Kolpingjugend nahegebracht wurde. Einer der älteren Jugendgruppenleiter erzählte von Bob als Catfish. Catfish als Synonym für den Gambler und Trickser, dem Dieb aus Liebe.

Und Brüggemeyer verehrt diesen Catfish/ Dylan so sehr, dass er in seinem Roman sogar wörtlich auf die Suche geht. Er sucht ihn in New York. Das ist naheliegend, doch allzu eindimensional. Man kann Dylan genauso gut suchen und nicht finden in den Highlands (das ist angeblich sein Herz), in Nashville, in Malibu, in Minnesota, in Memphis, Tennessee oder Mobile, Alabama. Gerade im Süden – Birthplace of American Music und Heimat des Catfish, dem Wels als Grundnahrungsmittel dieses Landstrichs – wäre vielleicht mindestens genauso lohnend gewesen.

Die Struktur des Roman ist einfach: Der Autor trifft die verschiedensten Personen, allesamt dylanesk bis er schließlich den wahren Bob findet und mit ihm auf Zirkus-Tour (oder ist es die Rolling Thunder-Review?) geht.

Mit Bob spricht er viel. Dabei ist Bob im wahren Leben gar nicht so gesprächig. Und der Autor ist als großer Dylan-Freund auch ein guter Kenner. Seitenlang gießt er Songtexte, Interviewpassagen und sonstige Dylan-Zitate in Dialogform. Was am Anfang noch interessant, vielversprechend und frisch wirkt, wird mit der Zeit überstrapaziert. Dylan-Fans kennen diese Zitate, andere nicht. Die wundern sich nur. Und die Dialoge sind nur selten lebendig, am Ende wirken sie durchaus auch mitunter gezwungen und ermüdend, hat der Autor den Bogen überspannt.

Sicher, dieser Roman gibt nicht vor, Dylan zu finden. Er stellt nur eine Möglichkeit der Suche dar. Damit bringt Brüggemeyer sicher den einen oder anderen neueren Dylan-Fan zum Nachdenken über das Objekt seiner Obsession und sich selbst. Die Flamme muss schließlich weitergetragen werden.

Viele Dylan-Fans werden den Roman kaufen, weil sie ohnehin alles über Dylan kaufen. Und letztendlich dann ebenso – wie der Verfasser dieser Zeilen trotz aller Kritik – zufrieden sein: Auch dieses Buch belegt – es geht weiter, immer weiter: „Keep on keeping on!“

Maik Brüggemeyer, „Catfish. Ein Bob Dylan-Roman“, Metrolit-Verlag, 22 Euro.

Der Zauberer

3. Februar 2015
Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Photo Credits: Sony Music, William Claxton

Ehrlich gesagt kann ich weder mit Zirkus, noch Varieté noch mit Magiern so richtig was anfangen. Da bin ich nie richtig mit warm geworden. Ich respektiere aber schon die Leistungen von Artisten und Bühnenmagiern, da ich weiß wie viel harte Arbeit dahintersteckt.

Was ich mir aber auch stets bewahrt habe, ist der Respekt vor der mythischen Figur des Zauberers. Der – ohne Netz und  doppelten Boden – Dinge macht, die nicht so recht erklärbar sind. Also wirklich zaubert und nicht – anhand von Drähten, Lichteffekten und verborgenen Kammern – reale Handlungen verbirgt und Illusionen erzeugt. Der wirkliche Zauberer ist eine in Sagen, Mythen und Märchen überlieferte Figur. An ihn werden wir – aller Aufklärung zum Trotz – wohl immer, und sei es augenzwinkernd, glauben.

Dylan ist ja stets als Trickser bezeichnet worden. Also als einer, der uns was vormacht. Trickser hat immer eine negative Konnotation. Da ist einer nicht ganz ehrlich, da täuscht uns einer. Aber bitteschön, was macht denn dann ein Magier, ein Illusionist? Er täuscht, verblüfft und begeistert gleichzeitig die Leute. Dylan ist sicher der große Musiker unserer Zeit, dessen Ansehen am umstrittensten ist. Warum? Sicher auch, weil er die Medien stets so bedient, wie er es mag und für richtig hält, weil er nicht kumpanig ist und weil nur er entscheidet, wer ihm wann, wo und überhaupt nahe kommen darf.

Dylan als Zauberer zu sehen, wie es dieser Tage die Frankfurter Rundschau tut, ja, das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Zum ersten Mal drängte sich mir dieses Bild beim Frankfurter Konzert 2007 auf. Bei „Nettie Moore“ führte er uns gedanklich ganz weit weg, sang zerbrechlich und prägnant zugleich, flüsterte sehnsuchtsvoll und füllte das Rund der Jahrhunderthalle mit einem Klangteppich, der so berührend, bezaubernd und fesselnd war, dass man atemlos der Darbietung folgte, und trotz aller Lautstärke das Gefühl hatte, eine Stecknadel fallen hören zu können. Reine Zauberei! Dazu kam, dass sein Bühnenoutfit durchaus an manchen Tagen auch einen großen Magier gut kleiden würde.

Und jetzt dieses Album. „Shadows In The Night“. Wie sehnsuchtsvoll, zart und berührend er singt. Wie wunderbar er die Songs arrangiert hat. Wie er das Album komponiert hat und welche Titel er ausgewählt hat. Und wie  er uns mitnimmt auf diese Reise voller Liebe, Verlangen, Niederlagen, Trauer und Einsamkeit, aber mit dem Schlussakkord der Hoffnung. Wieder: Ganz große Zauberei! Was für ein Künstler!