Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Der Schatten an der Wand

8. Mai 2020

Bildrechte: Columbia, Sony Music

So mögen wir ihn: Viele Fragen rund um Bob Dylans neuen Song „False Prophet“ und sein neues Album „Rough And Rowdy Ways“.

Er hat es wieder getan. Und noch viel mehr. Erst hat er ganz im Zeitplan erneut nach drei Wochen Pause einen Song im Internet veröffentlicht. Und wenige Zeit später wird verkündet: Neues Album am 19. Juni!

Der Song „False Prophet“
Typischer Dylan. Langsamer Blues-Rock, der ein bisschen an „Early Roman Kings“ oder My Wife’s Home Town“ erinnert. Auch von der Stimme her klingt das eher wie „Tempest“ oder „Together Through Life“ als nach dem sonoren Crooner-Gesang der letzten Jahre. Auch vom Text her ist es beste Dylan-Poesie. Mehrere Perspektiven und Deutungen sind möglich. Wer ist der Erzähler? Der Tod? Der Teufel? Dylan selbst? Der Weltgeist? Sicher ein bisschen von allem. Und wieder liegt ein Hauch von Apokalypse über dem Song. Aber: Keiner findet schönere Worte, um sie zu beschreiben oder sie zumindest anzudeuten.

Für mich persönlich sind auf den ersten Blick zwei Verse besonders interessant:

Well I’m the enemy of treason
Enemy of strife
Enemy of the unlived meaningless life
I ain’t no false prophet
I just know what i know
I go where only the lonely can go

Das ist zum einen sehr friedvolle Aussage gegenüber anderen auch in diesem Song vorhandenen Statements von Dylan. Zum anderen ist das auch der erneuerte Schwur „It Ain’t Me Babe“: „Ich bin kein Anführer, ich locke Euch nicht mit falschen Versprechungen, ich weiß nur, was ich weiß und ich gehe einen einsamen Weg.“ Die Ablehnung von Verrat und Streit führt direkt zu der anderen Strophe, die ich meine:

Hello stranger
A long goodbye
You ruled the land
But so do I
You lost your mule
You got a poison brain
I’ll marry you to a ball and chain

Wer steht derzeit weltweit für Streit und Spaltung sowie dem Verrat an amerikanischen Idealen? Richtig, Donald Trump! Ein Song, oder Teilaussagen des Songs gegen Donald Trump? Dylan hat sich öfters über die US-Präsidenten – wie 1974 mit „Sometimes even the president of the United States must have stand naked“ zu Nixon – geäußert. Kennedy hat er ja gerade in „Murder Most Foul“ schon in einer gewissen Form gehuldigt. Über Obama hat er sich zumindest vor dessen ersten Wahl in einem Interview lobend geäußert. Und hier kann man schon auf Trump kommen, denn – und jetzt sind wir beim Artwork – der Schatten hinter dem Tod sieht doch ziemlich nach dem amtierenden US-Präsidenten aus.

Wieder einmal hat Dylan – wie beim Album „Knocked Out Loaded“ von 1986 -das Cover eines „Schund-Roman-Heftes“ – benutzt. Das Skelett – also der Tod – ist der Original-Titelseite von „The Shadow“ vom 15. Juli 1942 entnommen. Hinzugefügt wurde der erhängte Schatten-Mann (Trump?) und die Spritze in der Hand des Skeletts. Und schon sind in der Diskussion über zwei zentrale Themen: Trump und die Corona-Krise. Spricht sich hier Bob Dylan gleichzeitig gegen Trump und gegen Impfungen aus? Der Trump-Aspekt kann sich im Song und auf dem Cover aufdrängen, von Spritzen und Impfungen ist dagegen nichts herauszulesen.

Verschiedene Dylan-Afficionados haben zudem darauf hingewiesen, dass der Song auch aus einer mephistophelischen Perspektive heraus einen Abgesang auf Gott oder Jesus Christus darstellen könnte.
Natürlich liegt in Bob Dylans Alterswerk eine religiöse Deutung immer im Bereich des Möglichen. Aber der Meister ist hier wieder einmal mehr die große Sphinx der Popkultur und eine eindeutige oder besser eindimensionale Erklärung ist bei ihm auch mit 79 Jahren nicht zu finden.

Veröffentlicht wurde dieser Song übrigens Dylans Social Media mit den Worten „What are you lookin’ at — there’s nothing to see.” Einer Zeile des Songs aus der vierten Strophe.

Bildrechte: Columbia, Sony Music

Das Album „Rough And Rowdy Ways“
Entgegen anderer Auffassungen, so die Meinung des Autors dieses Blogs, kommt das Album zum jetzigen Zeitpinkt überraschend, es hätte einen nicht gewundert, hätte Dylan sich nicht zu einem weiteren Longplayer aufraffen können. Dylans Handlungen sind (fast) immer überraschend, zu wankelmütig und tricky ist unser Lieblingsmusiker, wie wir in den inzwischen mehr als vierzig Jahren Anhängerschaft gelernt haben.

Das Album ist ein Doppel-Album, auch als CD, obwohl die 70:36 auch auf eine Scheibe gepasst hätten. Der Album-Titel lehnt sich an den Jimmie Rodgers-Titel „My Rough And Rowdy Ways“ an. Rodgers ist auch im Inneren des Doppel-Albums auf einem Bild mit der Carter Family zu sehen. Auf die Antwort zur Frage, ob der „Vater der Countrymusik“ oder die „First Family Of Country Music“ eine Inspiration für die Songs des Albums waren, wird man noch warten müssen. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind von der Tracklist nur die bereits veröffentlichten Songs bekannt.

Das Album-Cover zeigt eine Tanzszene, die den Blogger spontan an einen Blues-Juke Joint erinnert haben. Das wäre also das schwarze Popkultur-Gegenstück zur eher weißen Countrymusik mit ihren Protagonisten Jimmie Rodgers und der Carter Family. Diese Trennung ist aber ohnehin eine künstliche und Bob Dylan hat in seiner ganzen Karriere daran gearbeitet, die Trennung in seiner Person aufzuheben.

Soweit also das, was wir im Moment an Infos haben. Genug, um zu spekulieren, zu wenig, um es ganz genau zu wissen. Aber das ist dich eigentlich das beste Feeling für den Dylan-Fan. Dylan legt uns was hin und wir haben einen unerschöpflichen Quell an Rätseln, Fragen und Mysterien und wir erfreuen uns am Forschen, Suchen, Deuten und Erklären.

Danke, Bob, wir haben spannende Wochen vor uns.

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (22)

14. April 2020

Turn The Radio On!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

der Darmstädter Dylan-Tag goes Radio!

Wie so viele Veranstaltungen dieser Tage fiel ja auch der Darmstädter Dylan-Tag der Corona-Krise zum Opfer. Ursprünglich geplant für den kommenden Samstag, 18. April, soll er jetzt im nächsten Jahr direkt am 80. Geburtstag des Meisters am 24. Mai stattfinden. Noch breiter und vielfältiger soll er dann sein, haben Marco Demel und ich uns vorgenommen.

Doch auch jetzt am Samstag muss man nicht ganz auf Informationen, Denkanstöße und viel Musik rund um Musiklegende und Nobelpreisträger Bob Dylan verzichten: Vier Stunden lang geht dann nämlich ab 15 Uhr die Sonderausgabe der „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt auf Sendung. „Wir freuen uns sehr, dass uns diese Sonder-Sendezeit von Radio Darmstadt und den Kollegen von anderen Sendungen geschenkt worden ist“, sagt Marco.

2016 hatten wir zusammen die Sendung aus der Taufe gehoben, die sich mittlerweile zum Dauerbrenner entwickelt hat. Zwar musste ich, weil ich aufgrund vieler anderer Verpflichtungen meine regelmäßige Verfügbarkeit nicht mehr garantieren konnte, vor einiger Zeit schweren Herzens aussteigen, doch zu besonderen Anlässen findet wir uns als „Dream-Team“, wie Marco so schön sagt, immer wieder einmal vor dem Mikrofon zusammen.

So auch dieses Mal. Allerdings konnte wegen Corona natürlich auch keine gemeinsame Live-Sendung über den Äther gehen. Also bastelte Marco quasi im Heimstudio mit entsprechender Software und Aufnahmetechnik die Sendung, meine Texte und Ansagen wurden durch die Mitschnitte von gemeinsamen Telefonaten integriert. Das hat wieder einmal riesigen Spaß gemacht!

Marco Demel bastelte die Sendung im Heimstudio zusammen

In der Sendung kommen dann auch alle Inhalte und alle Musik – sofern sie auf Tonträgern dokumentiert ist – des Tages an die Reihe. So sind u.a. Dan Dietrich, die „DoubleDylans“ und der Meister selbst zu hören, Manfred Maurenbrecher hat eigens eine Grußbotschaft geschickt und Heinrich Detering hat eine Besprechung des sensationellen 17-minütigen neuen Dylans-Songs „Murder Most Foul“ beigesteuert.
Neben der Idee den Darmstädter Dylan-Tag auf diese Art und Weise hochzuhalten, dient die Sendung aber auch einem guten Zweck. Wir möchten auch die Möglichkeit nutzen, noch einmal verstärkt auf unsere Spendenaktion für das Theater im Pädagog hinzuweisen.

Durch die Corona-Krise ist auch das Kellertheater in schweres Wasser geraten. Auf der Internetseite http://www.startnext.com/unterstuetzt-das-paedagog kann für das Theater von Klaus Lavies gespendet werden. Spender können aus einer Reihe von Dankeschön-Paketen wählen.

Nachdem die Sendung nun im Kasten ist und am Samstag ausgestrahlt wird, freuen wir uns nun aber richtig auf das nächste Jahr. Denn bei Musik, Lesungen und Vorträgen ist die Live-Atmosphäre einfach nicht zu ersetzen.

Also schon mal notieren und sich nichts anderes vornehmen: Die Sendung ist am kommenden Samstag, 18. April, von 15 – 19 Uhr bei Radio Darmstadt auf 103,4 MHz oder http://www.radiodarmstadt.de zu hören!

In diesem Sinne „keep on keepin‘ on“!

Best
Thomas

DoubleDylans: Blowin‘ In The Wind

Dan Dietrich & Besidos: Just Like A Woman

Manfred Maurenbrechers Version von Desolation Row

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (19)

11. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute geht’s nach Texas!

Aber weder in das Texas der Rinder- und Ölbarone oder des der Texas-Country-Singer-Songwriter, sondern es geht nach Ost-Texas. Das an der Staatsgrenze zu Louisiana und Arkansas gelegene Landesteil unterscheidet sich vom restlichen Teil von Texas doch beträchtlich. Sowohl die Landschaft als auch die regionale Kultur ähneln dem Deep South. Es ist waldiges, hügeliges Land, es sind die Piney Woods, die die Landschaft prägen. Auch die Kultur ist dem tiefen Süden näher als dem westlichen Teil von Texas. Die weiße Bevölkerung ist vorwiegend angelsächsischer Herkunft, die Kultur der Latinos spielt hier keine so große Rolle wie im Westen und Süden des Staates. Die Schwarzen sind die größte Minderheit und Ost-Texas spielte auch eine wichtige Rolle bei er Entwicklung des Blues. So stammen u.a. Blind Lemon Jefferson und T-Bone Walker hier her und Leadbelly, den wir unten mit einem Cowboysong hören, ist hier aufgewachsen. In einem der nächsten Einträge werde ich natürlich auch auf Bob Dylans Song „Blind Willie McTell“ und seinem Bezug zu Ost-Texas eingehen.

In diesem armen Landstrich spielen sowohl die Romane von Joe R. Lansdale, als auch die Krimis von Attica Locke. Während bei Lansdale insbesondere die beiden verkrachten Privatschnüffler Hap (weißer Kriegsdienstverweigerer) und Leonard (schwarzer, schwuler Vietnamveteran) bereits in etlichen Romanen und im TV für reichlich Furore sorgten, ist von Attila Locke mit „Heaven, My Home“ nun erst das zweite Buch mit ihrer Hauptfigur, dem schwarzen Texas Ranger Darren Matthews erschienen.

Beide, sowohl der weiße ältere Lansdale, als auch die schwarze, jüngere Locke zeichnen ein realistisches Bild dieser durch Armut und Rassismus gekennzeichneten Gegend. Doch während Lansdale gerne dem Affen Zucker gibt und manche Fälle heftig und die Dialoge oftmals hanebüchen komisch sind, gehen die Bücher von Locke eher in Richtung psychologisches Kammerspiel. Während Hap und Leonard wie im Comic scheinbar unkaputtbar sind, ist Darren innerlich zerrissen zwischen seiner Ehe und einer möglichen Affäre, zwischen der Solidarität der Schwarzen und seinen Pflichten als Texas Ranger und er ist getrieben von der belasteten Beziehung zu seiner Mutter. Er trinkt zuviel und er ist der Arischen Bruderschaft auf der Spur. Der Roman, den ich gerade begonnen haben zu lesen, verspricht schon wie sein Vorgänger Bluebird, Bluebird viel Spannung mit dem Lokalkolorit von Ost-Texas.

Wenn bei Lansdale der schwarze Leonard Ernest Tubbs‘ „Walking The Floor Over You singt, dann gehört das auch zum Lokalkolorit von Ost-Texas. Den wie überall im Süden mögen die Schwarzen die Musik, die angeblich ja so weiß ist. Erstens ist sie das natürlich, weil ihre Wurzeln auch in der schwarzen Old Time-, Hillbilly- und Bluesmusik liegt. Und zweitens schätzen sie die Erzählweise der Songs von armen Südstaatlern, die entweder arm und from sind – die Black Community im Süden ist genauso stark an ihre konservativen Kirchen angelehnt wie die weiße – oder aber liebeskrank. Und dabei aber immer züchtiger sind als die Songs der derben Bluesmen.

Allerdings hat dies den Chancen von schwarzen Countrymusikern nicht genutzt. Country ist weiß und viele Jahre haben die Farben das nur gestört. Charley Pride und Darius Rucker sind die beiden einzigen schwarzen Countrystars, die in die Grand Ole Opry aufgenommen wurden. Beide werden wir unten hören. Ein Achtusgserfolg und vielleicht eine Trendwende schien Lil Nas X im letzten Jahr mit seinem Country-Hip Hop-Hybriden Old Toen Road, der einer größten Hits überhaupt im Jahr 2019 wurde. Wie sich das nach der Corona-Krise entwickeln wird, an der natürlich die Schwarzen überproportional leiden, steht aber nun in den Sternen.

Leadbelly – When I Was A Cowboy

Charley Pride – Is Anybody Goin‘ To San Antone? (Marty Stuart Show)

Darius Rucker – Wagon Wheel

Lil Nas X – Old Town Road

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (18)

10. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

my God, they killed him!

Nach religiöser Überlieferung ist in diesen Tagen im Jahre 30 Jesus Christus gekreuzigt worden und für unser aller Sünden gestorben. Patti Smith sagte einmal für ihre Sünden nicht, aber dennoch: Wir respektieren den Glauben, auch wenn wir nicht gläubig sind. Was wir nicht mögen, ist missioniert werden. Aber aus diesem Glauben ist immer schon auch ganz große Kunst entstanden und daher wollen wir uns heute mal mit Jesus im Americana beschäftigen.

Bob Dylan hat in seiner Gospel-Phase zum Teil hanebüchene Texte verfasst. Doch ein Teil der Songs war durchaus voller Spirit, voller Energie und kann als starke Kunst bewertet werden, so wie auch große Malerei aus religiösen Motiven entstanden ist. Ein Beispiel hierfür ist „When He Returns“, zur Wiederkehr Jesu Christi, das wir unten hören.

Jesus wurde ermordet. Mahatma Gandhi, Martin Luther King auch. Kris Kristofferson hat dies in einem zugegebenermaßen etwas schmalzigen Song verarbeitet, der aber trotzdem hierher gehört. Vielleicht gerade weil konservative Country-Radiostationen den Titel nicht spielen wollten, weil sie meinten, King gehöre nicht eine Reihe mit Jesus. MannMannMann… Wie auch immer: Bob hat den Titel auch mal aufgenommen, aber die Version ist noch schmalziger. Daher hier die von Kris vom ersten Farm Aid-Konzert 1985.

Johnny Cash war ein sehr religiöser Mensch, hat aber nie zur Bigotterie geneigt oder zur religiösen Spaltung der Menschen beigetragen. Deswegen hören wir unten auch seinen Jesus-Song.

Eine durchaus humorvolle Herangehensweise an Jesus‘ Wiederkehr hat vor ein paar Jahren mal Willie Nelson aufgenommen und den ganzen pathetischen Bombast wieder ein bisschen eingedampft. „Come on Back Jesus und bring John Wayne auch gleich mit“. Der Willie nimmt nichts mehr so richtig ernst. Gut so!

Soweit für heute, bis Morgen!

Best
Thomas

Bob Dylan – When He Returns

Kris Kristofferson – They Killed Him

Johnny Cash – It was Jesus

Willie Nelson – Come In Back Jesus

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (16)

8. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

John Prine ist tot. Wir trauern.

Da kann man nicht zur Tagesordnung übergehen, da muss man auch nicht lange überlegen, damit ist das heutige Thema gesetzt.

Ich gebe zu, ich war und bin nicht der lebenslange große John Prine-Fan. Ich kannte John Prine als bedeutenden Songwriter, doch so richtig habe ich ihn erst recht spät für mich entdeckt. Als verlässliche menschliche Stimme, die immer schon da war, als musician’s musician, als großen Kämpfer gegen allerlei Krankheiten, die ihm in den letzten Jahren zu schaffen gemacht haben.

Also rückte er erst in den letzten Jahren immer mehr in meinen Fokus. Ich hörte bewusster seine Songs, die einen immer stärkeren Eindruck bei mir hinterließen, kaufte mir seine Alben und schrieb über sein letztes Album „Tree Of Forgiveness“. Für unsere letztjährige USA-Reise steuerte er seine Version des alten Stephen Foster-Songs „My Old Kentucky Home“ bei (wir hören es unten). Doch ein Konzert von ihm haben wir leider nie gesehen. Er gehört nun also zu den großen Musikern, die ich nie live erleben durfte.

Seine Bedeutung als Singer-Songwriter war immens. Oftmals trat er als Person hinter die großen Songs zurück und oftmals machten andere seine Songs bekannt. „Angel From Montgomery“ zum Beispiel durch Bonnie Raitt. Und berühmte Kollegen sangen seine Songs. Daher hören wir unten sowohl Bonnies Version von „Angel From Montgomey“ als auch Bob Dylans Version von „People Putting People down“. Denn ebenso wie John Prine Bob Dylan verehrte, verehrte Bob Dylan John Prine.

Bob Dylan hat über ihn gesagt:
„Prines Zeug ist reiner proustianischer Existentialismus. Gedankenbewegungen des Mittleren Westens bis zum höchsten Grad. Und er schreibt wunderschöne Lieder. Ich erinnere mich, als Kris Kristofferson ihn zum ersten Mal auf die Bühne brachte. ‚Sam Stone‘ mit der wunderbar eindrucksvollen Zeile: ‚Da ist ein Loch in Papas Arm wo das ganze Geld hingeht und Jesus Christus ist für nichts gestorben, nehme ich an. All das Zeug über „Sam Stone“, den Soldaten-Junkie-Daddy, und „Donald and Lydia“, wo Menschen aus zehn Meilen Entfernung miteinander schlafen. Niemand außer Prine konnte so schreiben.“

Wie nur wenige schrieb Prine Songs, die so beiläufig weise waren. Prine war ein Menschenfreund, den Menschen und ihrem Schicksal zugewandt. Und er war auch einer, der soziale oder politische Probleme benannte. Wie etwa in „Paradise“ -wir hören es unten – dem Song über die Naturzerstörungen der Kohleindustrie in Kentucky. Ihn zeichnete ein feiner Witz aus und wie gesagt, er war ein Kämpfer. Zweimal musste er wegen Krankheit in letzter Zeit geplante Deutschland-Konzerte absagen.

Zwei seiner letzten Arbeiten waren die beiden Songs, die er mit Swamp Dogg für dessen soeben erschienenes Album „Sorry You Couldn’t Make It“ zusammen sang: „Memories“ – das hören wir unten – und „Please Le Me Go Round Again“ sind nun so eine Art Vermächtnis Prines geworden.

Ich glaube, das gefällt ihm. Rest In Peace, John Prine!

Best
Thomas

John Prine: My Old Kentucky Home

Bonnie Raitt – Angel From Montgomery

Bob Dylan – People Putting People Down

John Prine – Paradise:

Swamp Dogg – Memories (feat. John Prine)

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (2)

25. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everone,
ich schulde natürlich noch eine Erklärung. Die Country-Kenner wissen natürlich, dass „Bickenbach, Texas“ eine Anspielung auf Waylon Jennings Song „Luckenbach, Texas“ ist. Der Gag musste einfach sein. Auch wenn Waylon derjenige Outlaw oder Highwayman war, der mit am fernsten ist. Willie, Kris und natürlich Johnny fügen sich bei mir gleich hinter Bobby ein. Aber Waylon? Hank Williams, Marty Stuart, Billy Joe Shaver, Emmmylou oder Rosanne – gerne. Aber Waylon? Mal schauen, ob ich die jetzige Zeit nutzen kann, näher zu Waylon zu finden. Auf alle Fälle könnt ihr „Luckenbach, Texas“ unten hören.

Man kennt das. Man fährt jahrelang gemeinsam mit dem Zug in die große Stadt zur Arbeit. Wechselt aber kein Wort, kommt sich nicht näher. So erging es mir auch mit einem bestimmten Menschen. Der mich im Pädagog schon bei Veranstaltungen grüßte, doch außerhalb dieses Raums blieben wir irgendwie auf Abstand.

Ausgerechnet auf der gestrigen, für die nächste Zeit in der Coronakrise letzten Zugfahrt nach Hause, sprach er mich dann an. Ich wäre doch auch an Folk interessiert und wir hätten uns auch schon im Pädagog gesehen. Er suche vergeblich nach den Notenblättern von Hobo’s Lullaby. Die gäbe es in Deutschland nicht. Hobo’s Lullaby ist ein Song, den ursprünglich der aus Austin, Texas stammende Goebel Reeves aka The Texas Drifter geschrieben und 1936 veröffentlicht hat. Einem Song, den dann Woody Guthrie bekannt gemacht hat. Zu Goebel Reeves demnächst mehr. Ich gab mich jedenfalls verblüfft und empfahl mal beim Woody Guthrie Center in Tulsa nachzufragen. Nun habe ich gegoogelt und mehrere Seiten gefunden, auf denen man die Noten finden kann. Spricht das jetzt für oder gegen den Folkenthusiasten, der auf althergebrachte Weise nach Notenblättern forschte, anstatt mal ins Netz zu gehen? Jetzt wollte er den Woody Guthrie Center googeln. Und so hat die Suche nach einem fast 90 Jahre alten Song, beim Folk-Enthusiasten einen Digitalisierungsschub ausgelöst und ich hefte mich an die Spuren von Goebel Reeves. Sein Hobo’s Lullaby ist unten zu hören.

Keine guten Nachrichten kommen heute aus den USA. Gleich zwei bekannte Americana-Musiker sind Covid-19-positiv. Während Singer-Songwriter-Legende Jackson Brown selber von einem milden Verlauf spricht, scheint es um Larry Campbell, Multiinstrumentalist, Produzent und jahrelanger Sideman sowohl von Bob Dylan als auch von Levon Helm, nicht ganz so gut bestellt. Er befindet sich getrennt von seiner Frau Teresa Williams in Quarantäne.

Hoffen wir für Larry, dass auch sein Krankheitsverlauf milde ist. Und hoffen wir, dass in den USA trotz Trumps Unbelehrbarkeit die Coronakrise nicht in eine Katastrophe großen Ausmaßes mündet.

Ich hätte gerne heute fröhlicher meinen Eintrag abgeschlossen. Aber halt: Gerade habe ich mit zwei befreundeten Musikern telefoniert und es war wieder richtig schön, mich mit ihnen über Musik und das Musik machen und über Konzertveranstaltungen auszutauschen. Nach solchen Gesprächen weiß ich wieder, warum ich mich so tief der Musik verschrieben habe, und warum ich alles tun werde, damit wir alle gut durch die Krise kommen.

In diesem Sinne: Handelt Solidarisch, achtsam und fürsorglich und bleibt gesund!

Best,
Thomas

Live-Musik in den Zeiten von Corona

15. März 2020

Warum habe ich mir nur Leidenschaften ausgesucht, die davon leben, dass sie vor vielen Menschen ausgetragen werden? Wäre ich Briefmarkensammler oder Numismatiker, ich könnte mein Hobby weiter im Stillen betreiben. Ab zu in den Briefkasten schauen, ob da wieder einer ein paar Fundstücke aus Übersee geschickt hat. Und ob die lila Mauritius diesmal endlich dabei ist.

Aber Fußball und Musik? Die Fußballsaison 2019/2020 ist de facto beendet, auch wenn es mancher Fußball-Großverdiener es noch nicht wahrhaben will. Und da Fußball eine Mannschaftssportart ist kann, bringen auch Geisterspiele nix. Zu groß die Menschenansammlungen, um so einen Spielbetrieb laufen zu lassen. Also müssen wir uns damit abfinden.

Aufgrund der Veränderungen der Musikindustrie in den letzten Jahren – „dank“ Streamingportalen und Billig-Downloads – ist auf Tonträger konservierte Musik regelrecht entwertet worden. Die Musiker*Innen leben zum Großteil in der Regel von Konzerteinnahmen. Dort verkaufen sie dann auch Alben und Merch. So lief das bis Corona kam.

Nun kommt der ganze Kulturbetrieb zum Erliegen. Mancherorts sind bereits Veranstaltungen ab 50 Leuten untersagt. Die Menschen kaufen keine Karten mehr, die Clubs können die Bands nicht mehr bezahlen. Künstler, Veranstalter, Techniker, Journalisten, Fotografen oder Grafiker – sie alle geraten ja länger die Krise andauert in immer größere Schwierigkeiten. Das trifft die vielen weniger bekannten Künstler genauso wie beispielsweise einen David Crosby.

Was kann man dagegen tun? Nun, zuerst hilft die Solidarität der Music-Community. Sprich: Kein Kaufpreis wird zurückverlangt. Dass hilft den Spielstätten. Dann werden CDs oder Digitale Alben oder Songs der Künstler bei diesen gekauft. Damit Sie in den Zeiten der Corona-Pause Einnahmen generieren. Wer als Künstler die technischen Möglichkeiten hat oder sie beschaffen kann, der kann Online-Konzerte geben. Und was spricht dagegen, die Zuschauer auch zum Bezahlen aufzufordern? Künstlerische Darbietungen haben ihren Wert und Künstler leben davon. So what?

Ja und dann erwarte ich von den Kommunen, Ländern und dem Bund gerade auch für kleine Spielstätten, für Künstler und freischaffende ordentliche finanzielle Hilfe. Marburg hat es beispielsweise vorgemacht wie es gehen muss. Denn für die Bankenrettung war Geld da – für die Kultur muss erst recht Geld da sein!

In diesem Sinne freue mich in den Zeiten der „Vermeidung sozialer Kontakte“ darüber, dass ich Online Live-Konzerte sehen kann, dass es Online-Mediatheken gibt, und dass ich viele CDs und DVDs zu Hause habe. Die Freude an der Musik kann uns – wenn wir alle zusammenstehen – über diese schwierigen Zeiten hinweghelfen.

In diesem Sinne
Keep On Keeping On
Thomas Waldherr

„Whatever Colours You Have In Your Mind“

10. Januar 2020

Darmstädter Dylan-Tag 2020/ Marco Demel und Thomas Waldherr zur Premiere am 18. April

Copyright: Wikimedia Commons

Seit 2014 gibt es in Darmstadt die von Thomas Waldherr kuratierte, sich ausdrücklich auf Bob Dylan berufende, Konzertreihe „Americana im Pädagog“. Seit 2016 ist bei Radio Darmstadt die „Dylan Hour“ von Marco Demel auf Sendung. So entstand die Idee, sich einen ganzen Tag mit Werk und Wirken von Bob Dylan zu befassen. Beim Darmstädter Dylan-Tag 2020 am Samstag, 18. April, im Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5) sind mit dabei Manfred Maurenbrecher, Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), die Literatur-Professoren und Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne-Marie Mai, der New Yorker Künstler Bob Egan, der niederländische Dylan-Autor Jochen Markhorst, sowie die Musiker Martin Grieben, Dan Dietrich und die DoubleDylans. Beginn ist 15 Uhr, das Ende gegen 22.30 Uhr, der Eintritt beträgt 30 Euro.

„Bob Dylan und sein Werk in Erinnerung zu rufen und die Bedeutung seiner Songs gerade auch für die heutige Zeit darzustellen, und das musikalischen Erbe Dylans zu neuen Räumen auch in neuen Köpfen zu verhelfen, ist die Idee hinter den „Darmstädter Dylan-Tagen“, erläutert Marco Demel. Und Thomas Waldherr ergänzt: “ Dabei geht es uns nicht um Heldenverehrung und Mystifizierung der Person Dylan, sondern um eine von Sympathie und Respekt befeuerte historisch-kritische Beschäftigung mit seinem ebenso großen wie manchmal auch komplexen Oeuvre.“ Und dies aus den verschiedensten Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Denkansätzen. „Daher auch unser Motto „What Ever Colours You Have In Your Mind“, erklären die beiden.

Marco Demel

Und dies geschieht an diesem Tag in vielfältiger Art und Weise mittels Vorträgen, Lesungen, einer Dia-Show und natürlich viel Musik von Bob Dylan, denn darum geht es ja letztendlich. „Wir haben beide Bob Dylan in unserer Jugend entdeckt, und dann über die Jahre gemerkt, wieviel seine Musik und seine Texte, seine wichtigen Denkanstöße, und durchaus auch seine Irrungen, einem bedeuten, welch wichtige Konstante im Leben die Beschäftigung mit seinem Werk darstellt. Da war es klar, dass die Beschäftigung mit ihm auch irgendwann öffentlich stattfinden wird“, so Thomas Waldherr.

Während der Journalist Waldherr (www.country.de, Folker) schon seit vielen Jahren über Bob Dylan – u.a. auch als Buchautor und Blogger – schreibt, und ihn explizit als „Stifterfigur“ der von ihm seit 2014 kuratierten Konzertreihe „Americana im Pädagog“ nennt, hatte der Sozialpädagoge Demel schon länger die Idee eines Dylan-Tages. Nachdem er im Vorfeld des 75. Geburtstags von Dylan dann Thomas Waldherr über die gemeinsame Arbeit an der Sendung „Dylan Hour“ bei Radio Darmstadt kennenlernte, blieben die beiden in Kontakt und nun war die Zeit reif, das Projekt endlich anzugehen.

„Wir sind sehr gespannt auf diesen Tag. Wir haben ein dichtes Programm mit Vorträgen der Dylan-Autoren Heinrich Detering und Anne Marie Mai, und viel Musik u.a. von Dan Dietrich und den DoubleDylans. Ganz besonders stolz sind wir aber auf die Mitwirkung von Manfred Maurenbrecher und Bernie Conrads (Bernies Autobahn Band), der extra für uns einen seiner mittlerweile sehr seltenen öffentlichen Auftritte haben wird“, ist Marco Demel voller Vorfreude. Für Thomas Waldherr schließt sich mit Bernie Conrads sogar so etwas wie ein Kreis. „Als ich 1976/77 begann, mich für Bob Dylan zu interessieren, da spielte Bernies Autobahn Band immer wieder mal in der Darmstädter Fußgängerzone. Ihre Songs von Dylan auf Deutsch wie „Weit weg, lange her“ haben mich stark beeinflusst. Toll, Bernie dabei zu haben.“

Thomas Waldherr

Auch Waldherr selbst wird einen Vortrag zu „Bob Dylan & Black America“ halten, beide moderieren die Veranstaltung und Marco Demels Tochter Jadwiga, die in Dresden und Linz Komposition studiert, wird ebenfalls im Programm mitwirken, indem sie Dylan-Stücke für ihr Geigenspiel adaptiert.

Noch ist jetzt ein knappes Vierteljahr Zeit, an den Details zu arbeiten. „Wir wollen allen interessierten Dylan-Freunden ein abwechslungsreiches Programm in angenehmem Ambiente bieten. Dafür bedanken wir uns bei Klaus Lavies und seinem Team vom „Theater im Pädagog“ sehr herzlich, sie bringen viel Erfahrung in die Organisation mit ein“, lobt Marco Demel die Zusammenarbeit. „Es ist immer ein kleines Wunder, wenn eine Vision Wirklichkeit wird.“ Und Thomas Waldherr, dessen Reihe „Americana im Pädagog“ Kooperationspartner ist, nimmt auch überregionale Gäste in den Blick: „Bei unseren erfolgreichen Dylan-Abenden 2016 und 2019 kamen auch einige Gäste extra von weit her angereist. Wir wünschen und hoffen auf eine bundesweite Wahrnehmung des ersten Darmstädter Bob Dylan-Tages.“

Karten für die Veranstaltung können im Vorverkauf online unter http://www.paedagogtheater.de erworben werden. Vorbestellungen sind unter 06151 – 66 01 306 telefonisch und unter theaterimpaedagog@gmx.de per E-Mail möglich.

Darmstadt ist eine Reise wert
Das mit ÖPNV oder auch Auto gut erreichbare, zentral in der Republik gelegene Darmstadt (30 km südlich von Frankfurt am Main) ist als ehemalige Residenz und Jugendstil-Stadt immer eine Reise wert. Neben dem hochkulturellen Leuchttürmen Residenzschloss, dem Jugendstilzentrum Mathildenhöhe, dem Hessischen Landesmuseum, dem Hessischen Staatstheater und dem Hessischen Staatsarchiv, ist Darmstadt als Sitz des Jazz-Instituts und der Ferienkurse für neue Musik auch eine Musikstadt mit Tradition und besitzt eine vielfältige freie Musik- und Kunstszene. Und mit dem SV Darmstadt 98 auch einen traditionsreichen Fußball-Zweitlisten, der auch schon drei Spielzeiten erstklassig war.

Darmstadt bietet also vieles, was neben dem Dylan-Tag auch noch zu einem Wochenend-Aufenthalt einlädt. Weitere Infos hierzu: https://www.darmstadt-tourismus.de/

World of Bob Dylan Conference

14. Juni 2019

Bob Dylan-Ausstellung im Gilcrease Museum

Es war wirklich sensationell. 500 Dylanologen, Dylan-Fans, interessierte Musikfreunde sowie geistige Abenteurer tauschten sich Ende Mai bis Anfang Juni vier Tage lang in Tulsa, Oklahoma, über Werk, Wirken und Wirkung von Bob Dylan aus. Eingeladen hatte das Institute for Bob Dylan Studies der University of Tulsa in Zusammenarbeit mit dem Bob Dylan Center, dem Dylan-Archiv in Tulsa.

Nach Tulsa geholt wurde das Dylan-Archiv durch die George Kaiser Family Foundation, die schon den Woody Guthrie Center und das Phil Ochs-Archiv in Tulsa ermöglicht hat. In wenigen Jahren soll auch ein dann öffentlich zugänglicher Bob Dylan Center in Tulsa eingeweiht werden.

Die Konferenz in Tulsa bewies einmal mehr, dass Bob Dylan mehr ist als eine Musiklegende. Im Grunde hat er als amerikanischer Dichter und Künstler eine Bedeutung erlangt wie Walt Whitman, Mark Twain, John Steinbeck oder William Faulkner. Und über solch einen universellen Künstler lässt sich dementsprechend trefflich debattieren, und genau das wurde dann auch an vier Tagen in unzähligen Panels getan. Diese hatten Themen wie Dylan und die Justiz, Dylan und die Religion, Dylan und die Philosophie oder auch Dylan und der amerikanische Westen. Sie fanden statt im Tagungshotel, im Gilcrease Museum für indianische Kultur (hier gabes auch zwei Austellungen zu Dylan zu sehen) und in der Jazz Hall Of Fame in Tulsa.

Manche Vorträge beschäftigten sich mit einzelnen Alben, andere mit ganzen Werkabschnitten, man beschäftigte sich mit Dylans Wurzeln und mit seinem Einfluss auf die Entwicklung der Musik. Die Qualität der Vorträge war dabei wie üblich bei solchen Veranstaltungen ganz unterschiedlich. So übten sich manche in Scholastik oder fleißigem Faktensammeln, andere aber, und die sind für den Schreiber dieser Zeilen die wirklich interessanten, stellten steile Thesen auf oder wagten gar, Schlüsse zu ziehen und fröhlich zu spekulieren. Dem Chronisten werden insbesondere die Vorträge von Matthew Lipson zur Stimme von Bob Dylan, von Andrew Muir zu Dylan und Shakespeare, von Leighton Grist zu Bob Dylan und den Western, von Gayle Wald zu Bob Dylan und der Figur der Gospelsängerin sowie von Hilary Saunders zur Rezeption Dylans beim jüngeren Publikum in Erinnerung bleiben.

Dazu gab es Abendveranstaltungen wie den großartigen Auftritt von Greil Marcus, der die Dylan-zentrierte Sichtweise mit seinen Ausführungen rund um die Bedeutung des Blues für Amerika und Dylan wunderbar für die Roots öffnete oder den Abend mit bislang nicht gesehenem Filmmaterial aus dem Bob Dylan-Archiv. Insbesondere die Aufnahmen aus den Supper Club-Konzerten von 1993 waren hier eine echte Überraschung. Durch den Abend führte Michael Chaiken, der Kurator der Bob Dylan Archive Collection, der bereits nachmittags über die Arbeit im Archiv berichtet hatte.

Im Woody Guthrie Center in Tulsa

Schnell konnte man mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch kommen, insbesondere wenn überraschenderweise bekannte Dylan-Freunde aus Frankfurt anwesend waren. So wurde es ein abwechslungsreiches Symposium, das wir nach zwei Tagen aber schon verließen, da wir weiter nach Memphis wollten. Dafür waren wir aber schon einen Abend früher zur tollen Radioshow in den legendären Cains Ballroom gekommen. Auch hier lag der Fokus auf bob Dylan, u.a. war einer der Studiomusiker zu Gast, die in Minnesota einen Teil von „Blood On The Tracks“ einspielte.

Die Tage im ansonsten recht ruhigen Tulsa haben uns gut gefallen und wenn der Bob Dylan Center dann als Gebäude und Ausstellungshaus steht, dann werden wir sicher wiederkommen. Unser Dank geht an Institutsleiter Sean Latham und sein Team für die tolle Organisation!

Tulsa 2: Western Swing und Tulsa Sound

23. März 2019

Tulsa/Oklahoma war einmal was. In den 1920er Jahren wurde sie

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als „Ölhauptstadt der USA“ bezeichnet. Riesige Ölfelder sorgten für Reichtum. In der Stadt wuchsen die Art Deco-Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Die Arbeiter dagegen suchten nach Zerstreuung und bevölkerten die großen Dance Halls. In einer ebensolchen – Cain’s Ballroom in Tulsa – soll der Western Swing in den 1930er/1940er Jahren erfunden worden sein. Sicherlich spielt Cain’s eine Rolle aber zu dieser Zeit entwickelte sich das Phänomen Western Swing – Country meets Jazz & Blues – an mehreren Orten im Grenzgebiet zwischen Texas und Oklahoma. Dennoch bleibt aber vor allem Bob Wills‘ Western Swing-Hit „Take Me Back To Tulsa“ mit der zweitgrößten Stadt Oklahomas verbunden.

Heute hat Tulsa etwa 400.000 Einwohner. Und seine musikalische Bedeutung ist immer noch da. In den 1960er Jahren entwickelte sich hier der Tulsa Sound, eine besondere Mischung aus Rockabilly, Country, Rock’n’Roll und Blues. Protagonisten des Tulsa-Sounds waren u.a. J.J. Cale, Elvin Bishop und Leon Russell.

In jüngster Zeit wurde Tulsa musikalisch vor allem als Sitz wichtiger Künstler-Archive bekannt. Die George Kaiser Family Foundation des Geschäftmannes und Philantropen George Kaiser holte nach dem Woody Guthrie-Archiv, dem Phil Ochs-Archiv nun vor wenigen Jahren auch das Bob Dylan-Archiv in die Stadt. Nach dem Woody Guthrie Center wird es mittelfristig dort auch einen Bob Dylan-Center als Museum, Showroom und Veranstaltungsort geben.

Es gibt also viel zu entdecken in Tulsa, auch abseits der „World Of Bob Dylan Conference“.