The Bickenbach, Texas Home Office Diary (15)

7. April 2020

Thomas hat den Blues

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute habe ich den Blues!

Nach so vielen Tagen im Home Office hat es mich erwischt. Da fällt einem doch schon mal die Decke auf den Kopf, da vermisst man Kollegen und Freunde. Da hat man den Blues.

Grund genug nach ein paar guten Songs zu suchen. Denn was ist heilsamer als schmerzvolle Lieder. Eine Rosskur und dann geht die Sonne wieder auf. Und was passt da besser als Blues-Songs. Songs über Situationen, aus denen man einfach nicht mehr rauskommt. Songs über Isolation, Songs über das zu Hause bleiben, traurige Songs.

Und hier sind ein paar, die ihr dann unten hören könnt.

Wir beginnen unsere Reise mit einem ganz traurigen Blues. Dem „Down Home Blues“. Geschrieben von Tom Delaney machte die Sängerin und Schauspielerin Ethel Waters 1924, also vor fast hundert Jahren, daraus einen Hit:

Lonesome and blue.
I’ve got the blues on my mind,
And I just feel like crying all the time.
Woke up this morning, the day was dawning,
And I was feeling all sad and blue,
I had nobody to tell my troubles to;
I felt so worried,
I didn’t know what to do.

Trauriger und hoffnungsloser geht’s nicht. Über das weitere Schicksal der Dame im Lied geben wir lieber keine Prognose ab.

Sondern gehen geschwind weiter zu Johnny Cash. Denn der versteht es, die im Country manchmal hemmungslose Weinerlichkeit ironisch zu brechen. Allein die Anfangssequenz des Videos ist unbezahlbar. Erst fiebert man mit, dass sich Bassist Marshall Grant bei seinem gakeligen Intro nicht die Finger bricht und dann das schiefe Grinsen von Johnny Cash und ab geht’s. Feiner Song und der „Man in Black“ ist hier modisch noch nicht so festgelegt und trägt ein helles Westernhemd.

Natürlich hat auch unser lieber Bob etwas beizusteuern. Ähnlich wie wir steckt er fest. In Mobile, Alabama. Nun, dort in den 1960er Jahren, als dieser Song entstanden ist, festzustecken und eine längere Zeit verbringen zu müssen – nun man kann sich schöneres vorstellen. Der von Schiffs-, Flugzeug- und Ölindustrie geprägte Ort war eine unromantische Südstaatenstadt mit Rassentrennung und Repression gegen Schwarze. 1981 erlangte er traurige Berühmtheit wegen der Ermordung von Michael Donalds durch den Ku-Klux-Klan. Dylan nutzt die Stadt in seinem Song aber zu einem allgemeinen Lamento gegen die amerikanische Provinzstadt. Wenn man dort im tiefen Süden feststeckt, dann wenigstens mit dem Memphis Blues auf den Lippen. Die Aufnahme davon stammt von 1976, von der 2. Rolling Thunder Revue.

Und zu guter Letzt ein aktuelles Werk zur Lage. Der sarkastisch-ironische Self Isolation Blues von Tom Portman & Karl Clews. Ungemein tröstend.

Uff, durchschnaufen, die Laune bessert sich schon.

Also viel Spaß mit der Musik & bis Morgen!

Best
Thomas

Ethel Waters – Down Home Blues

Johnny Cash – Home Of The Blues

Bob Dylan – Stuck Inside Of Mobile

Isolation Blues

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (14)

6. April 2020

Heute ist Hochzeitstag!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

heute ist Hochzeitstag!

Jedenfalls unserer. Ein guter Anlass, um sich hier mal mit Songs rund um Liebe, Heirat, Ehe und Partnerschaft zu beschäftigen. Natürlich mit Songs von unserem Bob.

Gerade mal zwei Jahre dauerte die Liaison von Bob mit Joan Baez, dann hatten sich die beiden auseinander entwickelt. Während Joan tagespolitisch aktiv blieb, hatte Dylan anderes vor. Seine Songs waren weniger politisch konkretes Programm als poetisch vorgetragene Klage gegen die verwaltete Welt in all ihrem Irrsinn. Und er lernte Sara Lowndes kennen, mit der er von 1965 bis 1977 verheiratet war. Für Sie hat er einige seiner schönsten Liebeslieder gesungen.

1. Love minus Zero/ No Limit
Der Song für die sich anbahnende Liebe. Dylan so lieb und zärtlich wie selten in dieser zornigen Zeit. „My Love she speaks like silence, without ideals of violence…my love she’s like some raven at my window with a broken wing.“
Um das lieb-zärtliche zu unterstreichen habe ich hier eine schöne Version vom Bangladesh Concert ausgewählt. Nur mit Gitarre und Mundharmonika…schmacht!

2. You Ain’t Goin Nowhere
Unser Hochzeitssong und das Zeugnis des Selbstverständnisses von Bob als Landlord und Familienvater: „Whoo-ee! Ride me high, tomorrow’s the day, my bride’s gonna come“. und erzählt ansonsten vom schönen Landleben. Hier in der Version von Shawn Colvin, Marx Chapin Carpenter und Rosanne Cash vom Bobfest 1992. Weil wir genau das bei unserer Hochzeit gespielt haben.

3. The Wedding Song
Ja, der Song ist schon speziell. Aufgenommen 1973 kurz vor der Comeback-Tour mit The Band und sicher war da schon zu spüren, dass die große Zeit dieser Liebe und Beziehung langsam vorüber war. So klingen seine starken Worte doch eher wie eine trotzige Beschwörung. Und im Unterbewusstsein ahnt man das Ende. „You gave me babies one, two, three, what is more, you saved my life, Eye for eye and tooth for tooth, your love cuts like a knife, My thoughts of you don’t ever rest, they’d kill me if I lie, I’d sacrifice the world for you and watch my senses die.“ Hier eine Version von eben dieser Comeback-Tour.

4. To Make Me Feel My Love
Ich gebe zu, dass für mich Anfangs der Song keine so große Offenbarung war. Hatte er hier sich nicht bei sich selbst bedient in Sachen Harmlosigkeit und trivialen Reimen? Hörte sich so bekannt an, so wie „I’ll Remember you“ von 1985, nun also „To Make Me Feel My Love“ 1997. Und dann sangen den Song auch noch wirklich alle. Billy Joel, Garth Brooks. Adele. Mannomann. Aber dann kamen die Konzerte von 2019 und ich wurde geläutert. Über die Version von Stuttgart schrieb ich damals:
„Sogar das ja eigentlich etwas zu routiniert runtergeschriebene „Make You Feel My Love“ wird durch seine konsequente und entschiedene Haltung – „glaub mir, ich lass‘ Dich wirklich meine Liebe spüren“- an diesem Abend zu einem wirklich großen Song. Denn so lautstark wie er das betont, schwingt stets auch scheinbar das Eingeständnis mit, so viele schon in seinem Leben enttäuscht zu haben. Das lässt einen nicht kalt.“

Soweit die ewige Liebeserklärung. Wir genießen jetzt den Abend.
Bis morgen!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (13)

5. April 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Auf dem Bienenlehrpfad

Howdee Everyone,

schützt die Bienen!

Heute war mal wieder Ausgehtag und wir haben das schöne Wetter genutzt um gleich im Nachbarort ein bisschen in die Weinberge zu gehen. Da haben wir dann was Neues entdeckt: Einen Bienenlehrpfad. Seit einigen Jahren wird ja verstärkt auf die Gefährdung der fürs Ökosystem so notwendigen Bienen hingewiesen. Gleichzeitig wird Imkern fast schon zum Volkssport, denn neuerdings gibt es bei Aldi Einsteigersets für Hobby-Imker.

Ja und da fiel mir wieder dieser wunderschöne romantisch-melancholische Song von SONiA disappear fear ein: „Princess and the honeybee“ und dass wir den gerne bei Ihren Facebook-Konzerten live hören möchten.

Und weil die Honigbiene (Honeybee), die Biene (Bee) und der Honig (Honey) so natürlich zum Landleben dazugehören kommen sie natürlich auch in vielen Folksongs vor. Und das nicht nur romantisch, sondern durchaus auch handfest. So beispielsweise im Folksong „The Honey War“. In Zeiten, als die Siedler in den neuen US-Territorien schwierige Phasen durchlebten und für jede natürliche Ressource dankbar waren, entspann sich an von Bienen bevölkerten Bäumen ein militärischer Konflikt zwischen Missouri und Iowa. Davon erzählt dieser Song, den wir unten hören.

Die Begrifflichkeiten rund um das süße Naturprodukt wurden aber immer auch schon auf die zwischenmenschlichen Beziehungen angewendet. „Honey“ ist nicht nur ein zärtliches, liebevolles Kosewort im englischen, in den US-Südstaaten ist es manchmal die normale Anrede. Gerade auch unter Frauen. Im Geschäft heißt es da schnell „What do you want, Honey“? Oder im Diner „Do you want more coffee, Sweetie?“.

In der Bluesmusik wurden die Begrifflichkeiten oftmals eindeutig zweideutig gewendet. Ganz groß darin war beispielsweise der legendäre Muddy Waters. In seinem Song „King Bee“ heißt es
„Well I’m a king bee
Buzzing around your hive
Well I’m a king bee, baby
Buzzing around your hive
Yeah I can make honey baby
Let me come inside“

Klar, oder?

Ein weiteres Beispiel ist „Honeybee“
„All right, little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
I hear a lotta buzzing
Sound like my little honey bee
She been all around the world making honey
But now she is coming back home to me“

Die alte Geschichte vom Bienchen, die von… Na, ja man kennt es. Am Ende kommt sie natürlich heim.

Während sowohl im Folk, als auch im Blues die Welt der Bienen immer metaphorisch benutzt wird für „Harte Arbeit“ oder „Liebe“ ist die moderne Mainstream-Countrymusik da ein Stück weit direkter. Und so schließt dieser Eintrag nach SONiA disappear fear, dem alten Folksong „Honey War“ und Muddy Waters mit Blake Sheltons „Honeybee“, eine Ode an den Honigkauf beim Direkterzeuger oder sing: „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin an einem Honigstand…“

Soweit für heute, und da gilt natürlich: Kauft den Honig beim Imker, nicht im Supermarkt!

Best
Thomas

SONiA disappear fear: Princess And The Honybee

The Honey War (American Folksong)

Muddy Waters: I’m a King Bee

Muddy Waters: Honeybee

Blake Shelton: Honeybee

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (12)

4. April 2020

Nashville 2019

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,

God bless America, sie können’s brauchen.

Denn in solch einer Krise mit dem orangefarbenen Horrorclown als Präsidenten geschlagen zu sein, ist wirklich so apokalyptisch wie die Zustände selbst zu sein scheinen. Corona-Krise, Wirtschaftskrise – was Amerika jetzt bräuchte wäre ein jemand mit Format eines Roosevelts, stattdessen irrlichtert ein ehemaliger Reality-Show-Star und schmieriger Immobilienmagnat durch diese Zeiten.

Just vor einem Jahr waren wir mitten in unseren Reisevorbereitungen für unseren Amerika-Trip, der uns von St. Louis über Tulsa, Memphis, Nashville und Bardstown nach Chicago führte. Wir sind froh, dass wir diese Reise noch machen konnten, denn wer weiß, wann dies wieder möglich ist. Wir hoffen ja, dass die Gastspiele unserer amerikanischen Freunde Sonia Rutstein und Tim Grimm im ersten Halbjahr 2021 möglich sind. Diesen und den anderen, die wir auf unserer musikalischen Reise im letzten Jahr gesehen und getroffen haben – den „Time Jumpers“, Trapper Schoepp, Dom Flemons oder dem sympathischen Tony aus der Kneipe in Bardstown – geht es soweit wir wissen gut.

Aber der Hot Spot ist ohnehin derzeit New York, auch hier führen uns die Gedanken derzeit hin. Jetzt rächt es sich, dass die USA das kapitalistischste Land der Erde sind. Während bei uns derzeit staatliches Gesundheitssystem und der Sozialstaatsgedanke ein kleines Comeback erleben – da müssen wir Druck machen, dass das nach der Krise auch so bleibt und die Chancen für entscheidende fortschrittliche Weichenstellungen genutzt werden – herrschen nun in den USA tatsächlich chaotische Zustände. Das wird noch viel bitterer werden.

Ich möchte daher heute auch nicht viel mehr schreiben, als dass ich hoffe, dass dieses ebenso faszinierende wie eben auch oftmals verstörende Land und seine Menschen etwas aus dieser Krise lernen.
Also meine Bitte an die Amerikaner:

1. Kommt so gut es geht durch die Krise.
2. Schafft Euch den Trump vom Hals.
3. Verändert Euer Land und wagt den Green New Deal!

Und hier die Musik: Die „Time Jumpers“, Trapper Schoepp, Dom Flemons und vom alten Bob „I’s Alright Ma, I’m Only Bleeding“. Denn: „Sometimes even the president oft he United States must to have stand naked!“

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (11)

3. April 2020

Für dieses Album sangen Bob Dylan und Mavis Staples zusammen „Gonna Change My Way Of Thinking“

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
überwindet Gräben und Grenzen!

Schon in meinem letzten Eintrag habe ich darüber geschrieben, dass ich das derzeit geflügelte Wort von der „sozialen Distanz“ nicht so recht glücklich empfinde. Denn soziale Distanz ist etwas anderes als räumliche oder körperliche Distanz. Ein enorme soziale Distanz bestand und besteht noch in weiten der USA zwischen Schwarz und Weiß. Diese Distanz zu überwinden, beispielsweise in einer gemischtrassigen Beziehung war im tiefen Süden durchaus bis vor gar nicht allzu langer Zeit lebensgefährlich und auch heute ist es noch die Ausnahme.

Anders war das natürlich in der Generation, die Anfang der 1960er Jahre in den USA den Aufbruch wagte, die für Bürgerrechte auf die Straße ging. So wie Bob Dylan und Mavis Staples. Dass Bob und die Soulsängerin Mavis von den „Staple Singers“ um ein Haar geheiratet hätten, wissen vielleicht einige. Aber warum haben sie es nicht getan? Bobby hatte wohl Mavis‘ Vater Pops von seinem Wunsch erzählt, der hatte ihn an Mavis verwiesen, doch Mavis fühlte sich zu zu jung für diesen Schritt. Doch war das der wirkliche Grund?

Dylan sagt, er hätte die Staples aus dem Radio schon seit 1953 gekannt. Da war Mavis gerade mal vierzehn. Aber ihre teilweise heisere, raue Stimme, die so schön kontrastierte zu Pops Staples „samtener Stimme“ (Dylan), die war Dylan so vertraut, dass er Anfang der 1960er bei einem Treffen sofort wusste, wer Mavis war, ohne dass man sie ihm vorstellen musste. Ihn faszinierte vor allem der Staples Song „Uncloudy Day“ (wir hören ihn unten), für ihn mit das „mysteriöseste“ was er je gehört hätte.

Die beiden sahen sich bei einer TV-Show, schrieben sich Briefe hin und her und trafen sich bei einem Festival. „Da haben wir rumgeknutscht“, erinnerte sich Mavis vor wenigen Jahren an ihre Zeit mit Bobby. Sie wies ihn ab, weil sie sich zu jung dafür fühlte? Wofür zu jung? Hatte Sie als junge schwarze Frau einfach Angst vor den Folgen einer gemischtrassigen Beziehung? Eine andere Version besagt, sie hätte sich aus Furcht vor der Reaktion Martin Luther Kings mit dem die Familie eng befreundet war, Dylans Werben nicht erhört. Man kann spekulieren, sollte es aber nicht.

Denn wie auch immer. Die beiden haben sich nie aus den Augen verloren, die Staple Singers und auch

Mavis Staples

Mavis hatten ihre ganze Karriere über immer Dylan-Titel im Repertoire. 1977 traten Bob und die Staple Singers beim Abschiedskonzert von The Band auf. Zudem telefinieren Bob und Mavis bis heute regelmäßig. 2003 nahmen die beiden zusammen eine neue Version von Dylans 1979er Gospel-Rocksong „Gonna Change My Way Of Thinking“ auf. Ebenfalls unten zu hören. Interessant hierbei: Dylan und Staples haben dem Song eine kleine Dialogsequenz vorangestellt, die sich an den legendären Radioauftritt „Jimmie Rodgers visits The Carter Family“ von 1931 anlehnt. Und auch das, ist am Fußende des Artikels zu hören.

Und 2016 und 2017 gingen Bob und Mavis dann zusammen auf Tour, Mavis spielte im Vorprogramm von Bob. Gemeinsame Auftritte sind nicht überliefert, doch rund um die Konzerte entstanden einige innige Schnappschüsse der beiden.

Irgendwie schade, dass es zu keiner Verbindung der beiden gekommen ist. Das wäre sicher eine musikalisch spannende Mischung geworden. Vom möglichen Nachwuchs ganz zu schweigen.

Was bleibt ist eine tiefe Freundschaft zwischen zwei Künstlern, die trotz aller Probleme, die viele in den USA mit Farben haben, sich nicht darum scheren.

Best
Thomas

Bob Dylan & Mavis Staples: Gonna Change My Way Of Thinking:

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (10)

2. April 2020

Please, look at SONiA!

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
tut was Gutes!

Gestern wurde uns erklärt, dass die Ausgangsbeschränkungen nun bis zum 20. April verlängert sind. Nun, da heißt es, was Gutes zu tun und was Gutes mit der Zeit anzufangen.
Viel Gutes tun die, die jetzt in Krankenhäusern oder in der Pflege arbeiten oder die als freiwillige Helfer älteren Leuten die Einkäufe erledigen. Gutes tun aber auch die, die jetzt überlegen, welche gesellschaftlichen Schlüsse, wir aus der Krise ziehen sollen. Also: Seid mündige Bürger, diskutiert und mischt Euch ein.

Gutes tun aber auch die vielen Künstler, die nun Online-Konzerte geben. Weil Sie ihre Passion und/oder Profession jetzt auch weiter ausüben wollen. Manche verlangen Geld, andere geben freie Konzerte. Aber auch hier sollte, wenn einem das Angebot gefällt, freiwillig spenden.

Wer das Glück hat in diesen Zeiten finanziell abgesichert zu sein, der wird gebeten etwas zurückzugeben. Wer sich in guten Zeiten an der Kultur erfreut, der sollte jetzt mithelfen, dass die Kulturangebote die Krise überleben.

Crowdfunding-Projekt: Unterstützt das „Theater im Pädagog!“
Marco Demel und ich haben daher ein Crowdfunding-Projekt für das „Theater im Pädagog“ gestartet. Wir möchten Klaus Lavies und seinem Theater etwas zurückgeben. Er hat immer vieles möglich gemacht, nun möchten wir es möglich machen, dass der Spielbetrieb weitergeht. Wir haben daher das Crowdfunding-Projekt „Unterstützt das Theater im Pädagog“ gestartet. Hier findet ihre es und könnt spenden. Es gibt eine ganze Reihe von Dankeschönpaketen: https://www.startnext.com/unterstuetzt-das-paedagog .

„Soziale Distanz“ ist das Zauberwort der Zeit. Den Begriff finde ich nicht passend. Hier es geht es räumlichen Abstand. Denn so wieder der Herr schon mal nah mit Chauffeur, Dienstmädchen oder Kofferträger in Kontakt kommt, so wahrt er doch stets die soziale Distanz. umgekehrt sind wir beispielsweise räumlich x-Kilometer und einen Atlantik von SONiA disappear fear entfernt und doch sind wir ihr so nah. Gerade wenn Sie heut Abend um 20 Uhr ein Live-Konzert auf ihrem Facebook-Kanal spielt. Denn zu diesem Zeitpunkt hätte sie bei „Americana im Pädagog auf der Bühne stehen sollen. Es wäre der Auftakt ihrer Deutschland-Tour gewesen. Doch Corona-Pustekuchen!

Wir freuen uns sehr, sie heute Abend live zu sehen. Unsere Grüße gehen übern Teich an eine tolle Sängerin und sympathischen Menschen, Sie gehört mittlerweile zu „Americana im Pädagog“ wie das Stadion am Böllenfalltor zu Darmstadt.

Wenn sie in das Pädagogtheater gekommen ist,so hat sie regelmäßig die Frühlingssonne mitgebracht. Ihre ebenso entschiedenen wie unterhaltsamen Songs singt sie für Menschlichkeit, Wärme und Solidarität und gegen Homophobie, Rassismus oder Krieg. Sie ist toll! Und dass sie eine Cousine von Bob Dylan ist, ist da zwar Nebensache, aber sehr wohl passend für diese Reihe und ihren Kurator.

In diesem Sinne viel Spaß mit den beiden Videos. Einmal SONiA disappear fear mit dem „Washington Work Song“ und dann im Duett mit dem Kurator. Natürlich ein Dylan-Song…

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (9)

1. April 2020

Theme Time Radio Hour With Your Host Bob Dylan

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
turn the radio on!

Eine der Binsenweisheiten der Corona-Krise ist die der gesellschaftlichen Veränderungen, die sich als mögliche Folgen abzeichnen. Sowohl die gesellschaftlichen Veränderungen, als auch die Veränderungen im Verhalten, im Konsum oder in der Rezeption der Quellen, denen man sich zu Information und Unterhaltung bedient.

Ich gebe es zu, wir sind die Generation der Fernsehjunkies. Als Shows noch Familienereignisse waren und Serien noch wichtig für die Selbstfindung. Doch irgendwann ist das Fernsehen degeneriert zum Abspulkanal von Krimis und Krawall-Talkshows. Immer mehr nutzten wir Mediatheken und DVDs. Doch jetzt in der Coronakrise war es endgültig zu viel. Zu viel Pseudoinformation, keine Hintergrundberichte. Nervige, aufgeregte Moderatorinnen und Moderatoren zappeln sich oftmals bar belastbarer Daten und Fakten durch den Alarmismus. HILFE!

Wie wohltuend ist da das gute alte Radio, wenn man die richtigen Sender einstellt. Die Informationen werden weitgehend nüchtern präsentiert und die Unterhaltung ist oftmals originell, lehrreich und spannend. Ganz anders als bei den Dampfplauderern des Formatradios.

Für uns war die Sendung von Klaus Walter auf byte fm „Was ist Musik“ eine Wohltat. Da konnte man den neuen Bob Dylan-Song „Murder Most Foul“ in voller Länge hören. Umrahmt von Walters weiterer starker Musikauswahl – Swamp Dogg, „Young, Gifted And Black“, DAF – und seiner durchaus etwas spröden aber stets kenntnisreichen Moderation. Hier der Link zu diesem interessanten Internet-Radioangebot:https://www.byte.fm/sendungen/was-ist-musik/

Ganz anders die hr1-Lounge. Hier war Dylans Song von belangloser Musik und Dampfplauderei eingerahmt.

Apropos Bob Dylan. Der hat ja schon von einigen Jahren uns mit seiner „Theme Time Radio Hour“ begeistert. Einfach eine Stunde lang beste Musik der verschiedensten Musikrichtungen unter einem Oberbegriff – dazu Dylans beschlagenen Musikkenntnisse und seine sonore Moderationsstimme -ein großartiges Radioerlebnis. Hier kann man in eine Sendung reinhören: https://www.themetimeradio.com/episode-68-presidents/

Bei Radio Darmstadt gibt es übrigens regelmäßig die hörenswerte Dylan Hour von und mit Marco Demel, die wir vor ein paar Jahren zusammen aus der Taufe gehoben haben. Ich freue mich immer sehr, wenn ich mal wieder zu Gast bin und Radio machen darf. http://www.radiodarmstadt.de .

In der Frühzeit der Countrymusik spielten für ihre Verbreitung die vielen Radiostationen eine wichtige Rolle. Viele Künstler heuerten bei den kommerziellen Radiosendern an. Teilweise unterbrach die Werbung die Countrymusik, teilweise die Countrymusik die Werbung. Manche Firmen wie große Mehl-Erzeuger oder Produzenten von landwirtschaftlichen Geräten kauften sich nicht nur Sendungen sondern auch Sender. Ein schönes Beispiel ist die Mothers Best Flour Show mit Hank Williams (siehe unten).

Die bekannteste und langlebigste Country-Radioshow ist natürlich die Grand Ole Opry aus Nashville, die nur ein paar Jahre lang in der Louisiana Hayride aus Shreveport Konkurrenz hatte. Auch hier sehen wir unten einen schönen antiquarischen Ausschnitt eines Grand Ole Opry-Specials mit „Flatt & Scruggs & The Foggy Mountain Boys“.

Also schaltet Euer Internetradio ein – dort finden sich tolle Sachen. Da braucht man weder Dampfplauder-Radio noch Alarmismus-TV.

So, das war’s wieder für heute. Also: Bleibt in diesen Zeiten auch geistig gesund!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (8)

31. März 2020

Railroad Songs sind eines der wichtigsten Genre der der traditionellen Country- und Folkmusik.

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
seit fast einer Woche im Home Office vermisse ich derzeit eine Sache nicht: das Zug fahren. Zwar bin ich leidenschaftflicher Nutzer und Anhängerr des ÖPNV, doch in den letzten Jahren ist die Bahn an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen und täglich in der Sardinenbüchse gen Frankfurt katapultiuert zu werden, ist mäßig spaßig.

Wobei mittlerweile die Spannung am Bahnsteig – kommt der Zug oder nicht oder wenn ja wann – fast so hoch ist wie die der Bahnhofsszenen aus „High Noon“, die immer bedrohlicher werden je mehr die Zeit bis zum Eintreffen der Schurken verrinnt und es immer einsamer um Gary Cooper wird.

Ja, Bickenbach, Texas hat eine Bahnstation, schon relativ früh schlug man den Schienenstrang des Dampfrosses in den Bickenbacher Sand. Und schwupp – schon sind wir bereits bei einem weiteren Kontinuum der amerikanischen Folk- und Countrymusik. Es gibt etliche wunderbare Train- und Railroadsongs.

Da gibt es die den Ruhm der Eisenbahn mehren sollte. U.a. dadurch, dass man den Zügen nicht Namen wie RB 67/68, RE50 oder IC72 gab, sondern sie so poetisch bezeichnete wie „Texas Eagle“, „City Of New Orleans“ oder „Wabash Cannonball“. Bekanntester Train-Song dieser Tradition ist sicher hierzulande der von Arlo Guthrie bekannt gemachte „City Of New Orleans“, dessen deutsche Version bei uns mindestens genauso bekannt sein dürfte: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ von Rudi Carell. Ein anderer, uns ebenfalls bestens bekannter Entertainer sowie Song & Dance Man, Mr. Bob Dylan, hat vor wenigen die alte Grundmelodie derer sich Guthrie bedient hat, nochmals für sein „Duquesne Whistle“ benutzt.

Für mich der schönste Train Song ist aber der „Wabash Cannonball“, der schon existierte, bevor die Wabash Railroad später ihren Schnellzug zwischen Detroit und St. Louis „Wabash Cannonball“ benannte. Unten hören wir eine besondere Version. Nicht die bekannte von der Carter Family, die schöne angelsächsische Mountainballade, sondern die Bluesversion von Blind Willie McTell, die schon förmlich nach Rock’n’Roll schreit.

Und dann gibt es die Railroad Songs, die von der harten Fron der Eisenbahnarbeiter erzählen. Der bekannteste ist sicher John Henry. Der Legende nach trieb der schwarze Bahnarbeiter Sprenglöcher für den Tunnelbau für eine neue Eisenbahnstrecke in West Virginia in den Fels. Als eines Tages diese Arbeit von neuen dampfgetriebenen Hämmern erledigt werden sollte, trat er zum Kampf gegen die Maschine an. Er gewann, starb aber vor Erschöpfung. Wir hören unten eine Version von Billy Bragg und Joe (!) Henry.

Und wenn die Eisenbahn zumindest bis Mitte des letzten Jahrhunderts das Mittel zur Beförderung von Waren und Menschen war, dann gibt es natürlich auch viele Lovesongs, in denen die „Trains“ eine Rolle spielen. Wir hören unten „Train Of Love“ von Johnny Cash.

Und nicht zuletzt soll hier Mr. Jimmie Rodgers erwähnt werden. Der „Singin‘ Brakeman“ himself, der wie sein Vater schon bei der Eisenbahn am Knotenpunkt Meridian, Mississippi, arbeitete, dort von schwarzen Kollegen den Blues lernte und zum ersten Superstar der Countrymusik aufstieg.. Wobei Jimmie nicht nur Songs über die Bahnarbeiter sang, sondern auch über die Hobos, die auf Güterzügen mitfuhren. Von ihm hören und sehen wir „Waitin‘ For A Train“ sowie zwei weitere Songs. Ein kleines Kabinettstückchen“ aus alter Zeit.

Soweit für heute. Und auch wenn wir jetzt alle zu Hause sind: Kein Trübsal blasen. Genießt das Leben! Hört gute Musik, seht interessante Filme, kocht was Schönes, meidet die aufgeregten Fernsehformate, hört lieber Radio und führt mit Euren Liebsten und Freunden wichtige Gespräche zur Welt nach Corona. Oder spielt mal einfach wieder mit der Modell-Eisenbahn!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (7)

30. März 2020

Bob & Abe

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
mit seinem neuen Song über die Ermordung John F. Kennedys hat Bob Dylan den Dylanologen wieder viel Stoff zum forschen, grübeln, deuten gegeben. Ich möchte den Song über die Ermordung eines US-Präsidenten an dieser Stelle noch einmal zum Anlass nehmen, auf Bob Dylans Verhältnis zu den Politikern und insbesondere zu den US-Präsidenten eingehen.

Dylan wuchs an der Iron Range in der bleiernen Eisenhower-Ära auf. Mehr Langeweile geht nicht. Kein Wunder, dass, wie für viele andere auch, John F. Kennedy für ihn ein Versprechen für eine positive Veränderung des Landes war. Wenn auch die Jugend – und so auch Dylan – kritisch auf die Außenpolitik, insbesondere in der Kubakrise schaute, so erwartete man sich von Kennedy doch eindeutig fortschrittliche gesellschaftliche Veränderungen.

Dylan schätzte Kennedy und war doch ungezwungen und frech im Umgang mit ihm. Unvergessen sein Witz in „I Shall Be Free“ von 1963 (unten zu hören):
„Well, my telephone rang it would not stop
It’s President Kennedy callin’ me up
He said, “My friend, Bob, what do we need to make the country grow?”
I said, “My friend, John, Brigitte Bardot
Anita Ekberg
Sophia Loren”

Umso mehr muss ihn der Tod und vor allem auch die Art des Todes und des Attentates berührt haben. Etwa drei Monate nach Kennedys Tod bereiste er Dallas und bekam gleich zwei wichtige Erkenntnisse geliefert. Erstens: Für manchen Südstaatler war Kennedy immer noch ein „Hurensohn“ und zweitens: Er hatte Zweifel am offiziellen Tathergang. Und auch ohne Verschwörungstheoretiker zu sein: Die Geschichte vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald, der dann noch im Gericht (!) vom zwielichtigen Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wird, ist schon schräg.

Der Tod Kennedys – so können wir seinen neuen Song durchaus lesen – erschütterte ihn immens und ließ ihn an der Politik zweifeln und Hoffnungen schwinden. Und als öffentliche Person merkte er plötzlich den Druck und seine Zweifel und die Ablehnung, ein politischer Führer zu sein, wuchs immer mehr.

Doch die herkömmlichen Mechanismen der Politik hatte Dylan schon früher kritisiert oder verspottet. Ein guter Kronzeuge hierfür war niemand anderes als Abraham Lincoln, einer der charismatischsten Präsidenten, die die Vereinigten Staaten je hatten. In „Talking World War III Blues“ vom „Freewheelin“-Album zitiert er ihn nach dessen Biograf Carl Sandburg so:
„You can fool some of the people all of the time,
and all of the people some of the time,
but you can’t fool ALL of the people ALL of the time.“

Lincoln ist bis heute für viele Amerikaner, so auch für Dylan, eine historische Identifikationsfigur. Er kämpfte gegen die Spaltung der Union, hob die Sklaverei auf und war ein volksnaher Mann. Neben dem oben erwähnten Zitat, gibt es noch weitere Fundstellen zu Lincoln in Dylans Werk.

Für Dylan ist genauso ein Märtyrer wie Martin Luther King oder eben John F. Kennedy. Daher hatte er auch eine Zeit lang den Titel „Abraham, Martin und John“ im Repertoire. Das wunderschöne Video mit ihm und Clydie King ist unten zu sehen.

In seinem 2003er Film „Masked & Anonymous“ tritt neben anderen geschichtsträchtigen Personen auch ein „Honest Abe“-Darsteller auf. Ein Film übrigens, der als amerikanische Dystopie aktueller denn je ist. Mal wieder anschauen!

Sicherlich weniger geschätzt hat Dylan wohl Richard Nixon. Als er auf seiner Comeback-Tour Angang 1974 den zu diesem Zeitpunkt gut 9 Jahre alten Song „It’s Alright Ma“ spielt, ist der Jubel einer Stelle besonders groß:
„But even the president of the United States
Sometimes must have to stand naked“

Klar, Nixon stand da schon in der Watergate-Affäre mit dem Rücken zur Wand, das passte einfach.

Genau während dieser Tour lernte Dylan dann auch Jimmy Carter, den damaligen Gouverneur von Georgia und späteren recht unglücklichen US-Präsidenten kennen, der ihn des Öfteren als „guten Freund“ bezeichnen sollte. Vor wenigen Jahren hielt Carter dann die Laudatio auf Dylan bei der MusiCares-Preisverleihung.
Ein einziges Mal spielte Bob Dylan auf der Inaugurationsfeier eines US-Präsidenten, und zwar der von Bill Clinton im Januar 1993. Sichtlich – so zeigen es die Fernsehbilder – machte das Ganze den Clintons mehr Spaß als Dylan.

Dylan will mittlerweile höchstmögliche Unabhängigkeit und Distanz zum Politikbetrieb. Die direkten Kontakte zur Politik lassen sich an einer Hand abzählen. Im Gegenteil, gern hat er in seinem Werk immer wieder mal derbe gegen Politiker ausgeteilt. Ob in „Political World“ von 1990 oder in „It’s All Good“ 2009.

In seiner legendären Theme Time Radio Hour jedoch widmete er den US-Präsidenten zum „Presidents Day“ eine ganze Sendung. Und eröffnete sie in seiner unnachahmlichen Art:
„Sie wissen, was an jedem Presidents Day passiert. Die Geschäfte haben große Umsätze. Sie müssen ihre Regale räumen und wir werden das Gleiche tun. Wir werden durch unser Theme Time Radio-Lage gehen und einige der alten Stücke und Songs herausholen, für die wir in unseren anderen Shows keine Zeit hatten, während wir all die Jahre die Präsidenten feierten.“ Mit auf der Playlist war u.a. auch der „White House Blues“ von Charlie Poole, in dem es auch um die Ermordung eines US-Präsidenten geht.

Obama mochte er dann öffentlich im Gegensatz zu anderen Musikern nicht lauthals unterstützen. Er sah wohl in ihm nicht denjenigen, der die US-Gesellschaft und die Welt. grundlegend verändern und verbessern konnte. Er war wohl auch mit der Clinton-Ära nicht so recht zufrieden. Hier zeigte sich Dylans Selbstverortung im alten New Deal und nicht in der auch für Obama konstitutionellen Clinton-Koalition aus „Unternehmern, Vorortbewohnern, neuen sozialen Bewegungen und jungen Leuten“ (Nancy Fraser). Dylan widerstand dem Obama-Hype. Der nun nach der Trump-Tragödie ohnehin nur eine finale Episode zu Ende des progressiven Neoliberalismus gewesen zu sein scheint.

Wie ich schon in der ersten Analyse von „Murder Most Foul“ geschrieben habe. Donald Trump kommt in Dylans Werk nicht vor. Das muss auch nicht sein. Denn dessen Verhalten, dessen Borniertheit und Rassismus, dessen fragwürdige Mentalität als Teil eines Amerika, das nie das von Bob Dylan war, durchzieht als Negativum ohnehin das gesamte Oeuvre des Mannes aus Minnesota.

Soweit für heute. Bleibt alle gesund!

Best
Thomas

The Bickenbach, Texas Home Office Diary (6)

29. März 2020

From Sand Rabbit Town into the whole wide world

Howdee Everyone,
heute geht es nach Nashville!

Da in diesen Zeiten die Bereiche Kultur und Geselligkeit vollends eingestellt sind, sind auch wir abends in den eigenen vier Wänden auf uns selbst geworfen. Da besteht die Gefahr, dass sich der Fernsehkonsum drastisch erhöht. Zum Glück ist das TV-Programm so schlecht. Wenn nicht Infosendungen zu Corona gezeigt werden, dann laufen Krawalltalkshows zum Thema Corona. Alles was nicht Corona zum Thema hat und im TV gezeigt wird, sind Krimis. Schwer zu ertragen.

Daher haben wir echt Gück, dass wir schon seit vielen Wochen und vor der Coronakrise begonnen haben, alle DVDs der Fernsehserie „Nashville“ nach und nach zu schauen. Alle Staffeln von 2 – 6, die erste hatten wir schon vor wenigen Jahren geschaut. Jetzt wurden die restlichen Staffeln endlich auch hierzulande erhältlich.

Und es lässt sich wirklich sagen: eine absolut gelungene Serie. Sie ist unterhaltsam, weil sie auf gelernten Motiven und Serienmustern wie „Dallas“ oder „Denver“ aufbaut und sie in die Jetztzeit (also vor Corona) und den Mikrokosmos des Countrybusiness überführt.

Da ist die sympathische Hauptfigur Rayna James (Connie Britton), ihre Gegenspielerin, die aufstrebende, weniger sympathische Juliet Barnes (Hayden Panetierre). die Manager der beiden, Raynas Familie (Ihr Mann ist der Bürgermeister von Nashville!) mit den beiden Töchtern als Nachwuchscountrysängerinnen sowie Raynas Vater, der sein Wirtschaftsimperium mit krummen Geschäften aufgebaut hat und wohl auch am Toid von Raynas Mutter nicht unschuldig ist. Und da ist Deacon Claybourne, früherer Lebenspartner von Rayna, der mit ihr immer noch zumindest musikalisch kooperiert.

Neben den arrivierten Stars Rayna und Juliet gibt es noch die jungen Musiker-Freunde Gunnar, Zoe, Avery, Scarlett und Will. Während Will schwul ist, sind die vier anderen in verschiedenen amourösen, aber auch musikalischen („The Exes“, „The Triple Exes“) Konstellationen unterwegs. Dies ist die Grundgeschichte, die in den 6 Staffeln auf die beste weiterentwickelt und kräftig durchgemischt wird. Die Beschreibung des Country-Business ist äußerst gelungen – bis hin zur Problematik schwuler Countrysänger und dem teilweise christlich-fundamentalistischen Countrypublikum. Mehr über die Kultserie demnächst bei country.de!

Ja, Nashville. Die Serie erinnert uns natürlich an unsere diversen Aufenthalte in der „Music City USA“, die für uns immer eine große Freude waren. Eine starke Beziehung zu Nashville hat auch Mr. Bob Dylan. Hier hat er in 1960ern eine Reihe von Alben aufgenommen, hier hat mit Johnny Cash Aufnahmen gemacht und seine Country-Platte hieß ja auch „Nashville Skyline“. Und nun hat er als Heimstätte seiner Whiskymarke „Heaven’s Door“ die Tennessee-Metropole ausgewählt. Hier entsteht in einer säkularisierten Kirche südöstlich des Broadways, in „SoBro“, eine Distillery mit Showroom, Ausstellungsräumen und Konzertsaal. Noch im September dieses Jahres soll das Haus eröffnen.

Für diesen Herbst ist dann in Nashville dann auch die Eröffnung des National Museum Of African American Music geplant. Am 3. September soll das Museum öffnen, das den Einfluss der afroamerikanischen Community auf alle US-Musik-Genres darstellen soll. Also nicht nur Blues, Jazz, Soul oder Hip Hop, sondern eben auch Klassik, Country oder Pop. Dieses Museum in Nashville zu verorten wurde von einigen recht kritisch gesehen. Sie meinten das wäre spalterisch, da ja in der Country Hall of Fame and Museum auch die schwarzen Wurzeln der Countrymusik aufgezeigt würden. Die ist zwar nicht falsch, aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Denn die weitere Geschichte, die nach den Anfangsjahren der Old Time Music, dort erzählt wird, ist eine weiße Geschichte. Dass aber die musikalischen Erfolge eines A.P. Carter, eines Bill Monroe oder eines Hank Williams ganz direkt ohne schwarze Helfer oder Lehrer gar nicht möglich gewesen waren, dass in den 1940er Jahren das schwarze Opry-Mitglied DeFord Bailey rausgemobbt worden ist (ein Stück Musik von ihm siehe unten), oder dass Countrymusik auch in der schwarzen Community der Südstaaten angesagt ist, dies erfährt man dort nicht. Das neue Museum ist wichtig, richtig und hebt auch die musikalische Segregation – hier das schwarze Blues-Memphis, dort das weiße Country-Nashville – endlich auf. Yes, Nashville wird bunt!

Ob diese beiden Eröffnungen so wie geplant stattfinden, ist allerdings nun angesichts der Corona-Krise nicht mehr so sicher. Die Tage telefonierten wir Thomm Jutz, einem deutschen Bluegrass, Folk- und Countrymusiker und Songwriter, der seit vielen Jahren in der Nähe der Music City lebt. Seinen Erzählungen zufolge ist die Stadt derzeit nicht wiederzuerkennen. Alle Honky-Tonks, Musikkneipen, Clubs und Konzerthallen sind geschlossen. Gerade erst hatte man einen schweren Sturm überstanden, nun ist die ganze Stadt durch den Virus lahmgelegt. Mehr zu Thomm Jutz, seinem neuen Album und seinem Selbstverständnis als Musiker und Songwriter gibt es in Kürze auf country.de zu lesen.

Wir jedenfalls hoffen, Nashville vielleicht nächstes Jahr schon wiederzusehen. Und bestenfalls ist dann nicht nur Corona, sondern auch Trump bereits Geschichte. Träumen muss man in diesen Zeiten auch können.

Soweit für heute. Bis Morgen & bleibt gesund!
Best
Thomas